08.10.2009

Vashtu IX

Etwa zwei Stunden später

Vashtu hatte gerade das Gestränge mit der Schale abgestellt, als sie das schrille Jaulen hörte. Sofort rannte sie in das Cockpit des Jumpers, blickte durch die Frontscheibe hinaus und erbleichte.
Wraith-Darts!
Und noch etwas sehr viel gewaltigeres und finsteres erhob sich plötzlich nicht weit entfernt von ihnen. Dort, wo sich vormals dichte Wälder befunden hatten.
Vashtu wirbelte herum, raste zur Hecklucke.
„Johnson, schnell!" rief sie.
Ein gleißender Lichtstrahl blitzte kurz auf, und wieder erklang das Jaulen der schnellen Jäger.
Die Antikerin blieb auf der Rampe stehen, starrte auf den leeren Fleck, an dem sich vorher der Marine befunden haben mußte.
„Nein!"
Sie schluckte.
Johnson trug den Generator. Und das Gerät war mit ihm verschwunden.
Vashtus Augen zuckten hilflos hin und her. Das Jaulen der Jäger klang jetzt weiter entfernt, dennoch nicht zu weit.
Was konnte sie tun?
Wieder eilte sie zurück ins Cockpit, sah hinaus und konnte gerade noch beobachten, wie ein winziger, finsterer Punkt in dem gewaltigen Etwas verschwand.
Sheppard und McKay waren damit beschäftigt, die schwere Hülle des Ladegerätes durch die Höhlen zu schleppen. Der Colonel selbst hatte sie und Johnson vorgeschickt, um ihre Last abzulegen. Dann sollten sie beim Jumper auf die Rückkehr der letzten beiden warten.
Vashtu senkte den Kopf, ihre Finger krallten sich in die Polsterung der beiden Pilotensitze und ihre Kiefer spannten sich immer wieder an.
Wenn die Menschen von Atlantis von den Wraith bisher mit irgendeiner Antiker-Technologie erwischt worden waren, hatten sie nicht sehr lange Freude an diesen Entdeckungen gehabt. Die Wraith hatten zerstört, was sie bekommen konnten. Kein Wunder, den Krieg hatten sie letztendlich auch eher wegen ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit gewonnen und nicht wegen ihres technischen Know hows.
Wenn der Pilot des Jägers gewußt hatte - ein schwacher Punkt verschwand in der großen Finsternis.
Vashtu starrte wieder nach draußen.
Warum sollte ein Basis-Schiff hier landen? Soweit sie wußte, waren die Wraith erwacht und auf den Wegen zu ihren Weidegründen. Sie landeten ihre Basis-Schiffe dann nie, es sei denn, in den letzten zehntausend Jahren hatten sich ihre Angewohnheiten geändert.
Sie kniff die Lippen fest aufeinander und richtete sich auf. Sie war ohnehin nicht sicher auf diesem Planeten, solange die Wraith hier waren. Irgendwie, das wußte sie noch aus ihrer Zeit, konnten sie sie aufspüren, als hätten sie einen sechsten Sinn für Antiker.
Vashtu drehte sich um, griff nach ihrer P-90 und verließ den Jumper.

Sheppard richtete sich auf, streckte den Rücken. Dieses Gehäuse war verdammt schwer! Und irgendwie konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, daß er auch noch das schwerere Ende des Gerätes erwischt hatte.
„John?"
Er aktivierte sein Funkgerät. „Was ist?"
McKay blickte fragend auf. „Was will sie denn jetzt schon wieder?"
„Die Wraith sind hier", sagte Vashtu gerade. „Sie haben Johnson und den Generator."
Sheppards Augen wurden groß. Er drehte sich zu McKay um, der seinen Blick entsetzt erwiderte.
„Sie sind mit einem ihrer Basis-Schiffe nicht weit von unserem Jumper gelandet und ich glaube, der Jäger ist zurückgeflogen", fuhr die Antikerin fort. „Ich bin auf dem Weg, um Johnson wieder da heraus zu holen."
Sheppard drehte sich etwas hilflos herum. „Negativ", sagte er mit gespielt fester Stimme. „Du bleibst beim Jumper. Wir sind in einigen Minuten bei dir."
„Sie wissen, daß ich hier bin, John. Ich kann es fühlen."
Sheppard spannte die Kiefer an und preßte die Lippen aufeinander.
„Bleiben Sie beim Jumper, Vashtu", mischte McKay sich nun ein. „Das ist sicherer."
„Ich bin fast bei ihrem Basis-Schiff", kam die Antwort.
„Dann dreh um und warte, bis wir kommen. Allein hast du keine Chance", sagte Sheppard.
Kurze Zeit passierte gar nichts, es kam keine Antwort.Sheppard wurde immer nervöser, je länger das Schweigen dauerte.
„Wenn die Wraith den Generator in ihre Hände bekommen, werden sie ihn zerstören. Tut mir leid, John." Ein Klicken in der Leitung.
„Vashtu!" Sheppard tat einige entschlossene Schritte nach vorn. Seine Augen glühten zornig. „Vashtu, komm zurück! Vashtu!"

Die Antikerin zog ihren Detektor aus der Brusttasche und aktivierte ihn. Wie sie nicht anders erwartet hatte, konnte sie eine größere Energiequelle im Inneren des Schiffes wahrnehmen. Eine Energiequelle, die nichts mit den Antrieben der Wraith zu tun hatte.
Sie hob die P-90 an die Wange, stützte die Waffe mit ihrem Unterarm, daß sie weiter die Anzeigen auf dem Detektor lesen konnte, und huschte den Gang entlang. An der Ecke preßte sie sich eng an die Wand, beobachtete aufmerksam den Detektor, ehe sie in den nächsten einbog und lautlos weiterschlich.
Wenn sie sich nicht irrte, sah sie auch das Signal von Johnson. Zumindest erhielt sie zwei Punkte, die sich nicht bewegten.
„Halte durch", wisperte sie, huschte weiter, ein Auge auf den Gang gerichtet, mit dem anderen aufmerksam weiter den kleinen Bildschirm beobachtend.

„Nun machen Sie schon, Rodney!"
Sheppard griff nach dem Gehäuse, versuchte es hochzustemmen, rutschte aber ab. Das Gerät knallte auf den felsigen Boden.
„Es ist zu schwer. Wir sollten es zurücklassen." McKays Blick war gequält.
Sheppard warf ihm einen wütenden Blick zu. „Wir nehmen es mit. Es ist nicht mehr sicher, wenn die Wraith hier sind."

Vashtu drückte sich eng an die Wand und sah den drei Wraith nach, die den anderen Gang entlangkamen. Doch sie bemerkten sie nicht.
Kaum waren sie vorbei, schlüpfte sie hinter ihnen in den Gang und eilte so geräuschlos wie möglich weiter, den Blick wieder an den Detektor geklebt.
Ein dritter Punkt war aufgetaucht.

Sheppard krallte sich an das Gehäuse. Er würde dieses Gerät nicht zurücklassen, eher würde er ...
Was?
„Machen Sie schon, Rodney!" befahl er mit gepreßter Stimme.
Vashtu in einem Basis-Schiff der Wraith. Und er wußte nur zu gut, daß die Wraith weder zu unterschätzen noch dumm waren. Und sie konnten Antiker-Gene wahrnehmen.

Vashtu eilte weiter. Die Gänge weiteten sich etwas.
Sie wußte, wo sie sich befand. Sie hielt genau auf die Mitte des Schiffes zu, auf die Kammer der Königin. Und dort schienen auch Johnson und der Generator zu sein.
Hilflos beobachtete sie weiter die Anzeige auf dem Detektor. Zumindest der Generator, zumindest der. Es durfte einfach nicht alles umsonst gewesen sein!

Sheppard kroch den Abhang hinauf und blickte hinunter.
Warum hatte er ausgerechnet heute sein Nachtsichtgerät im Jumper gelassen? Warum war er so dämlich gewesen und hatte die Antikerin allein mit Johnson gehen lassen?
„Etwas zu sehen?" rief McKay von unten.
Sheppard rutschte den Abhang wieder hinunter. „Ja, Nacht. Es ist dunkel, Rodney", knurrte er, stellte sich vor dem Gehäuse auf und musterte es.
„Weiter", entschied er endlich, auch wenn inzwischen alles in ihm danach schrie, Vashtu nachzueilen und sie aus dem Basis-Schiff zu holen - und ihr eine gehörige Abreibung zu erteilen. Es war das zweite Mal, daß sie seinen Befehl mißachtete, und das würde er nicht so schnell vergessen.

Vashtu blieb stehen, atmete tief ein.
Die große Energieanzeige ... etwas stimmte nicht mit ihr. Das Lebenszeichen, von dem sie glaubte, es sei Johnson, war vollkommen erloschen. Und sie ...
Sie musterte die Wand vor sich. Sie war so dicht dran, so verdammt dicht dran!
Sie durfte jetzt nicht daran denken. Vielleicht konnte sie den Generator noch retten. Aber dazu mußte sie einsatzfähig sein.
Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren, dennoch hob sie die Waffe wieder und marschierte weiter.
Die meisten Wraith schienen auf Beutezug zu sein, das gewaltige Schiff wirkte leer. Oder zumindest der Teil, in dem sie sich befand.
Vorsichtig bog sie um die nächste Kurve und sah vor sich einen etwas helleren Lichtschein. Ein Durchgang!
Sie hielt darauf zu und blieb direkt davor stehen. Als sie in den Raum hineinblickte, sah sie eine Gestalt in Militäruniform am Boden liegen.
„Johnson!"
Sie vergaß ihre Vorsicht und eilte in den Raum, eher ein Saal. Den Detektor stopfte sie wieder in ihre Brusttasche, ließ sich auf ein Knie sinken und beugte sich über die Gestalt. Sie brauchte nicht nach einem Puls zu suchen. Beschämt wandte sie sich von dem ausgesaugten Leichnam ab und schloß eine Sekunde die Augen.
Johnson war tot.
Der Generator. Sie war gekommen, um den Generator zu suchen.
Immer wieder hämmerte sie sich diesen Satz ins Hirn, blickte schließlich suchend auf. In der Nähe stand ein Tisch. Und auf diesem Tisch ...
Vashtu kam mit einem Ruck wieder auf die Beine und tat die paar Schritte.
Verzweiflung zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. Mühsam stützte sie sich auf der Tischkante ab und schüttelte den gesenkten Kopf.
Der Generator tat einen letzten, rasselnden Ausstoß, dann verloschen die Anzeigen - endgültig. Irgendjemand hatte ein Loch in dessen Hülle geschossen, vielleicht Johnson als letzte Verteidigung gegen den Angreifer, der ihm das Leben nehmen wollte, vielleicht die Wraith selbst.
Das konnte einfach nicht sein! Das durfte nicht sein! Sie hatten alle so viel riskiert, um dieses Ladegerät zu bekommen. Und jetzt ...
Sie war in der Königinnenkammer! Sie war im Herzen des Basis-Schiffes.
Keuchend holte Vashtu Atem, dann richtete sie sich langsam auf, brachte ihre Waffe in Anschlag und hob den Kopf. Die Wabenkuppel wölbte sich über ihr, und einen Moment lang glaubte sie, ein Geräusch zu hören.
Langsam wich sie von dem Tisch zurück, den Blick immer noch nach oben gerichtet. Und dann hörte sie das Zischen, direkt hinter sich.Sie fuhr herum. Ihre Augen schienen aus den Höhlen quellen zu wollen. Dann traf ein erster mentaler Schmerz sie und ließ sie einige Schritte zurücktaumeln. Die P-90 entglitt ihrer Hand.
„Lantianer!" zischte die Wraith-Königin.

Sheppard kam im Eilschritt voran, lief durch den Wald. McKay hatte er beim Jumper zurückgelassen, zum einen, weil er nicht glaubte, daß der Wissenschaftler eine sonderlich große Hilfe sein würde, zum anderen, weil er schneller voran kommen wollte.
Das Basis-Schiff erhob sich wie ein zweites, gewaltiges Gebirge vor ihm.

Vashtu taumelte zurück. Mit Mühe gelang es ihr, die Wraith-Zellen in ihrem Körper zu aktivieren. Verzweifelt stemmte sie sich gegen den mentalen Druck, den ihre Gegnerin auf sie ausüben wollte.
„Knie nieder!" kam es von allen Seiten auf sie hinunter, drückte sich auf ihre Schultern, ließ ihre Beine weich werden.
Die Wraith-Königin fauchte wieder.
Vashtu schloß die Augen und ballte die Fäuste, um sich gegen diesen mentalen Angriff zu wehren. Was war ihr nur in den Sinn gekommen, die fremden Gene nicht schon eher zu aktivieren?
Keine müßigen Gedanken!
„Knie nieder, Lantianer!" befahl die Wraith-Königin erneut. „Und sage mir, woher du kommst."
Vashtu bot all ihre Kraft auf, um sich gegen diese Befehle zu wehren. Sie riß, den Mund zu einem stummen Schrei verzerrt, den Kopf in den Nacken. Ihr Atem kam keuchend und sie zitterte am ganzen Leib.
Was für eine Qual! Wie sollte sie nur gegen diese Wraith bestehen? Sie schien alt zu sein, alt und mächtig.
Dann fühlte sie plötzlich, wie ein Ruck durch ihr Innerstes ging. Der mentale Druck ließ ein wenig nach.
Vashtu riß die Augen auf. Ihre Pupillen waren schwarz und vertikal geschlitzt.

Sheppard aktivierte seinen Detektor, als er in das Schiff eindrang, hastete jetzt durch die Gänge, die Waffe nach vorn gerichtet.
„Natürlich ist sie in der Mitte, wo denn auch sonst!"
Diese Worte waren ihm zischend entschlüpft, ehe er richtig nachgedacht hatte.
Sie mußte am Leben bleiben, sie mußte! Er würde es nicht ertragen, wenn die Wraith ihr das nahmen, nachdem sie sich so lange gesehnt hatte. Und er könnte nicht ...
Der zweite Punkt kam dem ersten näher.
Er wußte nicht, wer wer war, doch er vermutete etwas.
„Bleib weg von ihr!"

Vashtu kämpfte immer noch gegen den mentalen Druck an. Ihr ganzer Körper war steif, und Schmerzen zuckten wie Flammen durch ihr Hirn.
Sie stand der Königin bis auf wenige Schritte gegenüber, starrte sie an.
Die Wraith zischte und schien auf der Stelle zu tänzeln. Wie fragend neigte sie immer wieder den Kopf. „Was ist das? Was hast du getan?" fragte sie
„Was soll ich denn getan haben?" entgegnete die Antikerin mutiger, als sie sich im Moment fühlte.
Die Königin wich zurück, nur einen Schritt. „Du ... bist anders. Anders als die von deiner Art, an denen ich mich nährte."
Vashtu lächelte. „Vielleicht bin ich das wirklich", antwortete sie gepreßt.
Eine neue Welle mentaler Befehle drosch auf sie ein, zwang sie, sich noch weiter auf die fremden Zellen in ihrem Inneren zu konzentrieren.
Und dann traf Vashtu ein weiterer Schmerz in ihre rechte Hand. Ein Stechen.
Mit beinahe übermenschlicher Kraft hob Vashtu ihren Arm, öffnete die geballte Faust ... und blickte fassungslos auf einen rudimentären Saugmund.

Die P-90 bellte eine kurze Salve in den Gang hinaus.
Sheppard war unvorsichtig gewesen und einem Wraith fast in die Arme gelaufen. Jetzt jagte er dem Grünhäutigen noch eine Salve in den Leib, ehe er sich umdrehte und weiterrannte, den Blick wieder fest auf den Detektor gerichtet.
'Geh von ihr weg', betete er sich in Gedanken immer wieder vor, als könne er die Antikerin auf diese Weise erreichen. 'Bleib weg von ihr, komm ihr nicht zu nahe.'

Der Schrecken währte nur kurz. Vashtu fühlte, wie ihre zusätzlichen Gene den Dienst wieder versagen wollten, als sie auf den Saugmund starrte. Er verschwamm kurz in ihrer Handfläche, dann tauchte er deutlicher als zuvor wieder auf.
Der Druck, den die Königin auf sie ausübte, schien nachzulassen.
Vashtu blickte auf und griff ihrerseits an. Augenblicklich, als ihre Kräfte aufeinandertrafen, wurden beide zurückgeschleudert.
Die Antikerin krachte gegen den Tisch, konnte sich gerade noch halten, sonst wäre sie gestürzt.
„Ich werde dein Leben langsam und qualvoll nehmen, Lantianerin", zischte die Königin hinter ihr. „Und du wirst mir besser munden als je jemand deiner Art zuvor."
Da lag eine Stange!
Ohne groß nachzudenken, griff sie danach, packte sie fest und wirbelte herum.

Der Alarm ging los.
Sheppard blickte einmal kurz irritiert auf, dann steckte er den Detektor in seine Tasche.
Er war fast am Ziel. Er mußte nur noch durch diese verdammte Wand.
Gerade, als er wieder schießen wollte, ging ihm auf, daß es einen Zugang geben mußte. So war es auch damals mit Sumner gewesen.
Er hetzte um die Kurve.

Vashtu kämpfte und drängte die Wraith immer weiter mit dem Stock zurück. Aber sie glaubte nicht, daß sie damit irgendetwas anderes als ein bißchen mehr Zeit erkaufen konnte.
Dieses Mal hatte sie sich zu weit vorgewagt und verloren. Gegen eine alte Königin wie diese würde sie auf Dauer nicht bestehen können.
Aber vielleicht würde sie ihr gar nicht schmecken, wer konnte schon sagen, was die veränderten Gene auslösen würden.

Sheppard hetzte durch die Tür und blieb wie angewurzelt stehen, während er eine Sekunde lang zögerte.
Vashtu kämpfte gegen eine Wraith-Königin. Mit einem wirbelnden Stab in den Händen und sonst nichts
.Er hob die Waffe und drückte ab, als er hoffte, relativ freies Schußfeld zu haben.
Die Königin wurde durch die Wucht der Kugeln zurückgeschleudert und knallte hart gegen eine Wand. Vashtu fuhr herum.
Ihre Augen ...
Sheppard war das egal. Darüber konnte er sich später immer noch Gedanken machen. Er griff nach ihrer freien, rechten Hand, doch sie wich vor ihm zurück. Er runzelte ungeduldig die Stirn und packte ihren Arm.
„Wir müssen hier heraus!" brüllte er sie an, zerrte sie hinter sich her.
Am Rande bemerkte er den Leichnam von Johnson, doch er hatte keine Zeit zur Trauer. Das mußte warten.

Vashtu gelang es gerade noch, ihre P-90 wieder vom Boden aufzuheben, ehe Sheppard sie aus dem Raum und in die Gänge zerrte. Sie fühlte, wie der innere Druck der fremden Zellen in ihr nachließ, pendelte sie auf ein für sie erträgliches Maß ein.
„Rodney, schmeißen Sie die Kiste an. Wir kommen!" rief Sheppard in sein Funkgerät.
Das C4!
Warum hatte sie nicht eher daran gedacht?
Mit einem Ruck machte sie sich von ihm los, rannte zur nächsten Wand und rammte ihre Faust in das halblebendige Gewebe. Eine schmierige Flüssigkeit rann aus dem entstandenen Loch über ihren Arm, doch sie kümmerte das im Moment nicht.
So schnell wie möglich aktivierte sie den Zünder und brachte den Plastiksprengstoff innerhalb des Loches an.
„Wir haben keine Zeit", bellte Sheppard sie an, doch sie schüttelte nur unwillig den Kopf, hob ihre Waffe wieder und eilte ihm nach.
Der Alarm schrillte in ihren Ohren.

„Die Kiste anwerfen ... ?" McKay, der im Jumper zurückgeblieben war, sah etwas hilflos nach draußen.
Vor dem Frontfenster hatten sich mehrere gesichtslose Wraith versammelt und drehten immer wieder aufmerksam die Köpfe. Wie sollte er denn so den Jumper unbemerkt näher an das Schiff heranfliegen?

„Vashtu, wir müssen hier heraus!"
Eine weitere Ladung Sprengstoff wurde in die Wand gedrückt, dann flohen sie beide weiter.
Sheppard warf ihr immer wieder irritierte Blicke zu, doch sie kümmerte sich nicht weiter darum, hielt ihre P-90 im Anschlag und hoffte einfach nur, daß es ihnen tatsächlich gelingen würde, lebend aus diesem Schiff herauszukommen.

Sheppard bog um die nächste Ecke, wurde beinahe von einem Stunnerstrahl getroffen. Sofort wirbelte er herum und schoß. Sein Magazin mußte inzwischen fast leer sein.
Die Antikerin an seiner Seite sprang zurück und lief weiter.Irgendetwas mit ihr stimmte nicht, irgendetwas war anders als sonst. Er konnte es fühlen, aber er konnte es nicht benennen.
Hoffentlich hatte zumindest McKay den Jumper näher heranfliegen können, damit sie hier so schnell wie möglich verschwinden konnten.
Doch das würde nicht so einfach werden, wenn die Wraith wirklich zur Ernte hergekommen waren. Sheppard wußte, daß ihnen dann eine lange Nacht bevorstehen würde. Sicherlich würde diese noch länger werden, sollten sie die ganze Zeit von Wraith gejagt werden. Selbst mit der Tarnung waren sie nicht hundertprozentig sicher.
Vashtu warf ihre P-90 zu Boden, zückte die Beretta.
„Ladehemmung", war alles, was sie sagte, als sie seinen irritierten Blick bemerkte. Dann drückte sie sich plötzlich an die Wand und wurde stocksteif.
„Was ist?" zischte er.
Ihre Augen ruckten zu ihm, ihr Gesicht blieb erstarrt. „Sie folgt uns", flüsterte sie dann.
Sheppard sog scharf Luft in seine Lungen.

McKay beobachtete weiter die gesichtslosen Wraith, die unverrichteter Dinge vor dem Jumper standen.
Warum konnten sie nicht endlich von hier verschwinden?
Als hätten sie sein stummes Flehen bemerkt, drehten zwei sich um und marschierten in den Wald zurück. Aber die anderen ...

„Eine letzte Ladung", sagte Vashtu, während sie ihren Arm wieder bis zum Ellenbogen in der Wand versenkte.
Sheppard blickte unruhig den Gang hinauf, den sie gekommen waren. Sie mußten so schnell wie möglich aus diesem Schiff heraus! Wenn die Wraith sie nicht kriegen würden, die Explosionen würden sie erwischen. Er hatte keine Ahnung, was die Antikerin da gerade anrichtete. Er wußte nur, er wollte so weit fort wie möglich, solange es eben noch möglich war.
Sie lief leichtfüßig an ihm vorbei, blieb an der nächsten Kehre stehen und lugte vorsichtig herum.
Sheppard folgte ihr, beobachtete, wie sie die Hände hob, die Beretta mit einer losließ und ihm Zeichen machte.
Drei.
Er nickte und hoffte, daß das Reservemagazin, das sie ihm zugeworfen hatte, noch nicht leer war.
Gemeinsam sprangen sie in den Gang hinein und eröffneten das Feuer, doch die Antikerin zog sich rasch zurück, um nachzuladen.
Sheppard folgte ihr, noch immer nach hinten schießend, und wäre beinahe in sie hineingelaufen, als sie plötzlich stehenblieb.
„Was ist?" Er warf einen Blick über die Schulter und erstarrte.
Vor ihnen, den Gang blockierend, stand die Wraith-Königin und fauchte sie an. Und hinter ihr ... konnte er die Bäume des Waldes sehen. Sie waren am Ausgang.

Da kam doch tatsächlich noch ein fünfter Wraith!
McKay glaubte, im Boden versinken zu müssen. Er konnte den Jumper so lange nicht starten, wie ihre Feinde sich direkt vor ihm befanden. Natürlich hätte er sie einfach umfliegen können, doch er war sich nicht sicher, ob ihm eine solche Einlage gelingen würde.
Leider, mußte er sich eingestehen, er war weder Sheppard noch die Antikerin.

Sheppard ließ sich auf ein Knie nieder und schoß, nachdem er gesehen hatte, wie Vashtu irgendeine Stange aus der Wand gerissen und auf die Königin zugestürzt war. Er mußte ihr jetzt einfach vertrauen, ansonsten saßen sie in der Zange.
Immer mehr Wraith tauchten in ihrem Rücken auf, und er konnte nichts anderes tun als zu hoffen, daß seine Munition reichen würde. Hinter sich hörte er die Kampfgeräusche Vashtus und betete, daß sie sich nicht auf etwas eingelassen hatte, was sie nicht gewinnen konnte. Ein Verlust reichte ihm, und den ihren ... An dem würde er mehr zu knabbern haben als an Johnson, so leid dieser ihm auch tat.

Endlich!
Die Wraith gingen.
McKay schob sich in den Pilotensitz und startete die Triebwerke.
Der Jumper schoß in den Nachthimmel hinauf, noch immer unsichtbar für alle Blicke.

Vashtu schlug hart zu, wich zurück und wirbelte den Stock hinter ihrem Rücken.Kratzer und blutende Wunden waren an ihrem Hals und ihren Armen, und sie fühlte, daß selbst die vereinten Kräfte von Wraith und Iratus in ihr allmählich erlahmten. Und ihnen ging die Zeit aus!
Bald würden die Sprengladungen explodieren, und wenn sie auch nur ansatzweise die richtigen Stellen getroffen hatte, das Schiff bewegungsunfähig machen.
Sie sprang wieder vor und landete in der zuschlagenden Faust der Königin. Hilflos segelte sie durch die Luft und krachte gegen die nächste Wand. Aus den Augenwinkeln sah sie den erschrockenen Blick, den Sheppard ihr zuwarf.
Sie knirschte mit den Zähnen. Das Atmen fiel ihr schwer. Der Aufprall mußte ihr ein paar Rippen gebrochen haben. Aus ihrer Nase rann Blut.
Vashtu kam wieder auf die Beine, spannte die Kiefer an und kniff die Lippen fest aufeinander. Mit kaltem Blick starrte sie die Königin an, während neben ihr noch immer die P-90 ratterte.
Dann kam ihr ein Gedanke.
„Ich habe fast keine Munition mehr. Was auch immer du vorhast, mach es schnell", rief Sheppard ihr in diesem Moment zu.
Ein eisiges Lächeln legte sich auf Vashtus Gesicht. Sie packte den Stab, als wolle sie einen Hochsprung wagen, aktivierte ein letztes Mal die fremden Zellen in ihrem Inneren und raste gegen die Königin, die Stange gerade vor sich haltend.
Die Wraith schrie vor Wut und Schmerz auf, als die Stange mit voller Wucht in ihren Körper krachte. Vashtu ließ nicht nach, stemmte sich gegen den Widerstand des fremden Leibes. Die Königin taumelte zurück.
„Lauf, John!" schrie sie über die Schulter zurück. Mit einem letzten Ruck spießte sie die Wraith endgültig auf. Sie hatte noch eine solche Wucht in sich, daß die Stange am Rücken der Königin wieder austrat und auch noch in das halblebendige Material der Wand eindrang.
„Stirb, Vampir!" zischte Vashtu, ruckte noch ein kleines bißchen nach. Ihre Gesichter waren sich jetzt bis auf wenige Zentimeter nahe gekommen und sie konnte sehen, wie das Leben in den Augen ihrer Gegnerin allmählich zu verlöschen begann. Noch einmal ruckte sie nach, dann ließ sie den mageren Rest der Stange los und raste aus dem Schiff heraus, Sheppard nach.
Der erwartete sie neben dem Ausgang, packte sie wieder am Arm und hetzte mit ihr zusammen weiter.
„Hierher, hierher!" rief plötzlich eine Stimme.
Sofort änderten sie ihre Richtung und rasten auf den unsichtbaren Jumper zu. McKay kam wild gestikulierend aus dem Nichts gesprungen.
Sheppard fuhr den anderen Arm aus, um auch den Wissenschaftler mit sich zu ziehen.
In diesem Moment detonierte die erste Bombe im Schiff.
Alle drei stürzten auf die Rampe, Sheppard und Vashtu rappelten sich so schnell wie möglich wieder auf und hasteten ins Cockpit, während McKay erst noch seine Gliedmaßen sortieren mußte.
Die Hecklucke schloß sich, der Jumper gewann an Höhe und jagte davon.
Hinter ihnen folgte eine Explosion der anderen. Vashtus C4-Ladungen lösten eine Kettenreaktion aus und jagten schließlich das ganze Basis-Schiff in die Luft. Das blockierte Stargate verlor sein Wurmloch, so daß die drei Überlebenden nach Atlantis zurückkehren konnten.
„Wenn du mich immer noch in deinem Team haben willst, John Sheppard, dann sage ich ja."

Einen Tag später

Vashtu starrte frustriert auf die einzelnen Teile des Ladegerätes. Ohne den Generator, der auch gleichzeitig der Umwandler war, würde ihnen das alles nicht viel nutzen. So wie das Gerät jetzt war, war es nicht mehr als ein dekoratives Schaustück.
Die Tür hinter ihr öffnete sich.
Vashtu drehte sich um und sah Dr. Weir auf sich zukommen.
Die Expeditionsleiterin musterte die Antikerin forschend, stellte sich dann neben ihr auf.
„Ich habe Ihren Bericht gelesen", begann sie schließlich.
Vashtu verzog das Gesicht.
Weir betrachtete forschend das defekte Ladegerät. „Und Sie sind sich sicher, daß der Generator zerstört worden ist?"
Die Antikerin nickte. „Ich fürchte, Johnson selbst hat ihn zerstört, aber letztendlich klären werden wir das nie. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich ihn hätte reparieren können, wenn es Colonel Sheppard und mir gelungen wäre, ihn zu bergen."
Weir runzelte die Stirn, kreuzte die Arme vor der Brust und ging ein paar Schritte.
„Ich habe mit der Erde gesprochen", sagte sie schließlich. „Die meisten ZPMs haben wir bisher in der Milchstraße gefunden. Halten Sie es für möglich, daß es dort ein solches Ladegerät gibt und es noch aktiv ist?"
Vashtu starrte einen Moment vor sich hin, dann biß sie sich auf die Lippen und nickte mit gesenktem Kopf. „Das könnte sein, ja. Es ist sogar recht wahrscheinlich."
Weir drehte sich wieder zu ihr um und sah sie an. Vashtu spürte den Blick der anderen auf sich, wagte einen Moment lang nicht aufzusehen, um nicht diese Frage in Weirs Augen lesen zu müssen.
Atlantis war ihre Heimat, und hier wollte sie bleiben. Sie wollte nicht fortgehen, weder um etwas zu suchen, noch um irgendwo anders zu leben. Und doch ...
Sie erinnerte sich an ihre Pflicht. Sie hatte sich selbst die Aufgabe gestellt. Sie wollte für die Menschen nützlich sein und sich so ihren Platz hier verdienen. Sie war gescheitert, und doch bot sich ihr vielleicht eine Möglichkeit.
Schließlich blickte sie auf, wenn auch widerstrebend, und nickte.
Weir lächelte sie aufmunternd an und schloß die Augen. „Bleiben Sie noch ein Weilchen und erholen Sie sich. Außerdem denke ich, da ist noch eine Sache offen, nicht wahr?"
Vashtu nickte wieder.

Zwei Tage später
Sheppard schlich sich vorsichtig in den Jumper-Hangar. Irgendwie hatte ihn plötzlich das Gefühl überkommen, er müßte fliegen. Er konnte selbst nicht genau sagen, warum. Manchmal überkam ihn eben dieser Drang.
Doch seit seinem Ausflug mit Vashtu hatte Weir die strikte Order erteilt, die Jumper nur noch im Bedarfsfall einzusetzen. Also mußte er sich wohl kurzzeitig einen ausleihen.
Er pirschte um die Ecke und sah bereits Jumper 1 auf sich zukommen, als er eine Bewegung wahrnahm und abrupt stehenblieb. Als er sich umdrehte, stand er unvermittelt Vashtu gegenüber, die ihn schuldbewußt ansah.
„Was machst du denn hier?" zischte er, packte sie am Arm und zog sie in den Schatten der Fluggeräte.
„Und was willst du hier?" fragte sie leise zurück.
Sheppard richtete sich wieder auf und sah vorsichtig um die Ecke. „Ich wollte ein wenig nachdenken", antwortete er schließlich.
„Und ein bißchen fliegen", setzte sie hinzu.
Warum konnte er vor dieser Frau nur nichts verbergen?
Schuldbewußt nickte er und drehte sich zu ihr herum. Sie grinste. „Dann hatten wir ja den gleichen Gedanken."
Er runzelte die Stirn, dann erhellte sich sein Gesicht wieder. „Stimmt."
„Colonel, was tun Sie denn hier?"
Sheppard erstarrte und drehte sich langsam um, noch immer das breite und zufriedene Grinsen Vashtus vor Augen, während sie um die Ecke glitt. Der Mechaniker hatte sie nicht gesehen, ihn dagegen schon.
Sheppard trat zwischen den Jumpern hervor, bemerkte am Rande, daß sie zwischen den beiden Nummern 1 und 13 gestanden hatten. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung wahr.
Warum eigentlich nicht?
Er beschleunigte seine Schritte, als wolle er zurück zur Treppe. Auf diese Weise zwang er den Mechaniker, dem Jumper den Rücken zuzuwenden.
„Ich wollte sehen, wie weit die Reparatur von Jumper 13 ist", erklärte er schließlich, drehte sich wieder um.
Die Innenbeleuchtung des kleinen Gleiters war angesprungen, und Vashtu saß auf dem Pilotensitz und winkte ihm übermütig zu. Sheppard schmunzelte, sah den Mechaniker an.
„Wir sind fast fertig, Colonel. Ich wundere mich nur, weil ..."
Sheppard blickte wieder nach oben. Vashtu saß ein wenig stutzend und hilflos da, sah schließlich zu ihm hinunter, mit einer stummen Frage in den Augen.
So unauffällig wie möglich zuckte er mit den Schultern. „Ich weiß, Dr. Weir hat Vergnügungsflüge bis auf weiteres ausgesetzt. Aber Sie kennen mich ja."
Die Beleuchtung erlosch, die Antikerin kam zwischen den beiden Fluggeräten wieder zum Vorschein und erntete einen bitterbösen Blick, als sie sich kurzzeitig der Nummer 1 zuwenden wollte. Beschwichtigend hob sie die Hände und drehte ab, um zur anderen Seite zu schlüpfen, wo die Nummer 9 bereit stand.
„Sie sagte sogar, wir sollten dafür sorgen, das Sie ..."
In diesem Moment hob der Jumper vom Boden ab und die Dachschleuse öffnete sich.
Der Mechaniker blinzelte verständnislos in das helle Tageslicht, drehte sich schließlich verblüfft um und sah die Maschine, wie sie in der Luft schwebte.
Sheppard ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. So schnell wie möglich sprang er in seine geliebte Nummer 1 und fuhr die Triebwerke hoch. Dann folgte er Vashtu dicht auf in den blauen Himmel über der Stadt hinauf.

Im Kontrollraum saß Bowman ein wenig gelangweilt herum, bis er plötzlich die zwei Stimmen hörte, die über Funk hereinkamen. Dann sah er zu seinem Nachbarn hinüber, der etwas irritiert die Sensoren beobachtete.
„Da sind zwei Puddlejumper draußen. Aber warum?"
Bowman lauschte den undeutlichen Stimmen. Sie mußten die Frequenz falsch eingestellt haben, denn er konnte zwar ihre Stimmen hören, aber nicht verstehen, was sie sich zu sagen hatten. Dafür aber erkannte er sie und begann zu grinsen.
Dr. Weir betrat die Kommandozentrale und sah sich um. Dann blieb ihr Blick an den Sensorenanzeigen hängen. „Wer ist denn da unterwegs?" fragte sie interessiert und trat näher.
Bowman und sein Nachbar tauschten einen Blick. „Es scheint so, als seien es der Colonel und die Antikerin, Dr. Weir", antwortete Bowman nach einigem Zögern. Er wollte den beiden keine Unannehmlichkeiten bereiten.
Doch Weir nickte nur gedankenversunken. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.
„Soll ich sie anfunken, damit sie zurückkommen?" fragte Bowman.
„Nein, das ist nicht nötig. Lassen wir ihnen heute ihren Spaß." Damit ging die Expeditionsleiterin wieder, ließ den armen Bowman vollkommen verwirrt zurück.

Einige Stunden später

Sheppard nahm voller Energie die Treppen hoch zu Elizabeth Weirs Büro. Seine Augen funkelten und sein Körper schien von einer neuen Kraft beseelt.
Endlich hatten sie sich ausgesprochen! Endlich hatten sie einmal richtig miteinander reden können. Und ihr gemeinsamer Flug über den Planeten hinweg ... Er fühlte sich einfach nur gut. Und genau jetzt war der richtige Moment, um der Expeditionsleiterin die Änderung seines Teams mitzuteilen. Jetzt würde er sich holen, was ihm zustand, und könnte wesentlich mehr Zeit mit der Antikerin verbringen.
Er stürmte das Büro geradezu und lächelte Weir an. „Elizabeth, ich wollte mit Ihnen sprechen. Haben Sie kurz Zeit?"
Weir blickte von ihrem Bildschirm auf und nickte.
Sheppard ließ sich in den Sessel vor ihrem Schreibtisch fallen, beugte sich vor. „Ich wollte Ihnen nur kurz mitteilen, daß es eine Personaländerung in meinem Team geben wird. Übermorgen rücken wir aus, und da Ronon noch immer nicht zurückgekommen ist, möchte ich Vashtu mitnehmen."
Weir sah ihn nachdenklich an und nickte. „Gut."
„Vashtu wird im Team bleiben", tastete er sich, durch ihre zurückhaltende Reaktion ein wenig vorsichtiger geworden, weiter vor.
Weir blickte wieder auf ihren Bildschirm, legte ihn schließlich zu Seite. Die Hände vor sich auf der Arbeitsfläche des Tisches faltend, sah sie ihn wieder an. „Ich glaube, das wird nicht möglich sein, Colonel", sagte sie nach einer Weile.
Sheppard hatte in ihren Augen gelesen und wich nun zurück, den Kopf fragend zur Seite geneigt.
Weir betrachtete die Unterlagen vor sich, zog schließlich ein Blatt unter einem Stapel hervor und reichte es ihm. „Ich habe mit dem SG-Command gesprochen. Vashtu wird zur Erde gehen", sagte sie dabei.
Sheppards Hände zitterten, während er das Dossier las. Ungläubig hoben sich seine Brauen.
„Sie soll ein funktionsfähiges Ladegerät finden. Außerdem, so versicherte mir General Landry, benötigt die Erde im Kampf gegen die Ori jeden mit dem Antiker-Gen, den sie finden können. Die Frage war, sollen Sie gehen, John, oder Vashtu. Sie hat sich selbst entschieden."
Er preßte die Lippen zusammen, blickte hilflos auf.
Weir lehnte sich in ihrem Sessel wieder zurück. „Es ist die beste Lösung, John, glauben Sie mir. Zwei von Ihrem Kaliber kann Atlantis nicht gebrauchen. Mit der Zeit ..."
„Was soll das heißen?" Hilflos runzelte er die Stirn. „Vashtu hat alles ihr mögliche getan, mehr noch! Sie hätten sie auf dem Basis-Schiff sehen sollen! Jemanden wie sie brauchen wir hier auf Atlantis."
Weir schüttelte den Kopf. „Es ist ihre eigene Entscheidung gewesen, Colonel. Es tut mir leid. Es liegt nicht mehr bei uns."
Sheppard starrte sie nur an. Dann erhob er sich mit zusammengepressten Lippen und ging, betont langsam, zur Tür.
„In zwei Wochen reist sie ab", sagte Weir noch hinter ihm.
Voller unterdrückter Wut krachte seine Faust draußen vor ihrer Tür auf das Geländer.

Epilog

Zwei Wochen später

Sheppard betrat leise die Turnhalle. Das Morgenlicht tauchte den Raum in ein angenehmes, verspieltes Licht. Etwas, was er sonst sehr mochte. Doch dieses Mal war ihm das Herz schwer.
Teyla drehte sich zu ihm um, als sie seine Schritte hörte. Ein wissendes Lächeln schob sich auf ihre Lippen und sie verbeugte sich vor ihrer Trainingspartnerin.
Die jedoch hatte nur Augen für den Colonel, der etwas unschlüssig an der Wand stehengeblieben war und ihren Blick einfach nur erwiderte. Die Athosianerin konnte in beiden Gesichtern wieder einmal das gleiche lesen, einen tiefen Schmerz, den zu heilen ihr leider nicht möglich war.
Sie trat an Sheppard heran und hielt ihm ihre Kampfstöcke hin. Ohne einen Blick von Vashtu zu wenden, nahm er sie, ging an Teyla vorbei.
„Ich bin nicht gut in solchen Sachen", war tatsächlich das erste, was er sagte.
Vashtu sah ihn nur stumm an.
Teyla lehnte sich an die Wand und betrachtete das ungleiche Paar.
Ein Ruck schien durch die Gestalt des Colonels zu gehen. Er nahm die Stöcke in beide Hände und stellte sich der Antikerin gegenüber in Grundposition auf.
„Wie ein Tanz?" fragte er.
Ein Lächeln glitt über Vashtus im Schatten liegendes Gesicht. Auch sie nahm die Grundhaltung ein und antwortete: „Wie ein Tanz."
Langsam und konzentriert begannen sie sich zu umkreisen, ließen nur die Stöcke sich berühren. Zu Anfang stockten sie ab und an, doch dann gewannen beide die Sicherheit und schienen tatsächlich einen eigenartigen, langsamen Tanz aufzuführen.
Teyla kreuzte die Arme vor der Brust. Sie fühlte sich ein wenig unwohl, als Zeugin dieses eigenartigen Abschiedsrituals. Auf der anderen Seite schienen beide sie vollkommen vergessen zu haben. Was sie da taten, hatte mehr etwas von einem Ritualkampf als von ernstlichem Training. Einen Abschiedstanz.
Und dann, plötzlich, glitten Sheppard die Stöcke aus den Händen. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und starrte der Antikerin in die Augen. Vashtu hielt der Intensität dieses Blickes nur einen Atemzug stand, dann ließ auch sie die Stöcke fallen, die dumpf auf dem Boden aufprallten, und erwiderte sein Starren. Und wieder konnte Teyla so viel in ihren Gesichtern lesen, senkte den Kopf.
So starke Empfindungen und sie durften doch nicht zusammenbleiben. So viel hatten sie gemeinsam durchgemacht, und doch verließ sie ihn.
Teyla blickte wieder hoch und wurde Zeuge von etwas, das sie bisher noch nie mit dem Colonel erlebt hatte.
Plötzlich hob Sheppard die Arme, trat einen Schritt vor und fing Vashtu richtig ein, preßte sie fest an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. Und die Antikerin erwiderte diese Umarmung nicht weniger heftig. Es war, als wollten die beiden Körper, die sich fast einen Geist zu teilen schienen, sich jetzt und hier vereinen in ihren Urzustand.
„Geh nicht", wisperte Sheppard in ihr Haar.
Und Vashtu preßte sich nur noch enger an ihn, hielt die Augen fest geschlossen und versuchte sich alles einzuprägen, jede einzelne Empfindung. Seinen Duft, seine Haut, die Muskeln in seinen Armen, die sie fest und sicher hielten. Sein Herz schlug an dem ihren, seine Lungen hoben und senkten sich. Sein Gesicht in ihrem Haar. Die Art, wie er sich an sie klammerte, die Art, wie sie diese Umklammerung erwiderte.
Und in diesem Moment öffnete sich die Tür und Dr. Weir trat ein.
Vashtu fühlte auch das, spürte, wie seine Muskeln sich verkrampfen wollten bei dieser Störung. Und sie wußte, wenn sie wirklich gehen wollte, war dies der einzige Augenblick.
Widerstrebend löste sie sich von ihm, ließ es zu, daß er noch nach ihrer Hand griff, sie kurz drückte, ehe sie sich von ihm befreite.
„Ich komme wieder", wisperte sie ihm zu, ehe sie Dr. Weir hinaus folgte.
Zurück blieb, wie erstarrt in seiner Haltung, Lt. Colonel John Sheppard. Und in seinen Augen lag ein abgrundtiefer Schmerz.

ENDE

03.10.2009

Vashtu VIII

Eine Woche später

Als sie die Tür öffnete, wich sie unwillkürlich einen Schritt zurück. Sheppard stand draußen auf dem Gang, grinste sie freundlich an und hob eine braune Tüte. „Darf ich reinkommen? Ich habe auch etwas mitgebracht."
Vashtu zögerte einen Moment, dann trat sie zur Seite und ließ ihn passieren. Stirnrunzelnd beobachtete sie dann, wie er die Gegenstände auf einem der Tische zusammenschob und seine Papiertüte darauf abstellte.
„Zwar kein Candlelight-Dinner, aber immerhin. Truthahnsandwiches, frisch aus der Kantine." Er legte je eine verpackte und belegte Brotscheibe auf jede Seite des Tisches, stellte noch zwei Halbliter-Wasserflaschen dazu. Kritisch beäugte er sein Werk, ehe er wieder aufsah. „Das Mahl ist gerichtet."
Vashtu neigte den Kopf leicht zur Seite, kreuzte die Arme vor der Brust und nickte. „Und womit habe ich das verdient?"
Sheppard zuckte mit den Schultern, zog sich einen der Bürostühle heran und flätzte sich hinein, die langen Beine weit vor sich ausgestreckt, die Knöchel übereinander geschlagen. „Ich hatte Hunger und dachte, du könntest auch etwas vertragen."
Vashtu nickte wieder, zögerte aber noch, ehe sie an den Tisch trat und sich ihr Sandwich nahm.
„Du hast dich ja fast eine Woche nicht mehr blicken lassen", bemerkte Sheppard völlig unvermittelt.
Vashtu legte das Sandwich zurück. „Ich bin beschäftigt."
Er verschränkte die Hände hinter seinem Kopf und streckte sich zu voller Größe. „Das bin ich auch. Aber irgendwann ist Dienstschluß. Ist dir entgangen, daß manche von uns sich danach in der Kantine treffen? Ich hätte mich gefreut, wenn du auch gekommen wärst."
Vashtu zuckte mit den Schultern, wandte sich wieder ihrem Laptop zu und beobachtete, wie die Datenreihen über den Bildschirm rasten.
Er brauchte nicht zu wissen, daß sie sich schämte für das, was sie getan hatte. Sie konnte nur hoffen, daß sie keinen dauerhaften Schaden angerichtet hatte, obwohl sie das ... Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu, preßte die Lippen fest aufeinander.
Warum wurde sie nur das Gefühl nicht los, daß ihre Pheromone nicht mehr wirklich etwas mit seinem Verhalten zu tun hatten? Daß da noch etwas anderes mit hineinspielte?
Er beobachtete sie, schwieg jetzt aber.
Was sollte sie nur tun? Ja, sie war ihm aus dem Weg gegangen, seit er durch das Tor zurückgekommen war. Und eigentlich hatte sie auch das Gefühl gehabt, er suche auch nicht unbedingt ihre Nähe. Zwar hatte er ihr ein paar Nachrichten hinterlassen, aber ...
„Iß wenigstens. Du siehst hungrig aus", sagte er plötzlich, setzte sich auf.
Vashtu zögerte wieder, tat, als habe sie gerade etwas sehr interessantes auf dem Bildschirm entdeckt, bis sie bemerkte, daß er sich von dem Stuhl erheben wollte. Sofort hob sie den Kopf und sah ihn an. „War doch nicht das richtige."
Sheppard hob überrascht die Brauen, ließ sich aber wieder zurück auf den Stuhl sinken.
Irgendwie brachte sie ein zerknirschtes Lächeln zu stande. „Na gut. Dann essen wir zusammen", entschied sie.
Ein Leuchten schien in seine Augen zu treten, und er setzte sich tatsächlich gerade und ordentlich hin. „Der Tisch ist gedeckt."
Noch immer etwas zögernd rollte sie sich einen Stuhl auf die andere Seite des Schreibtisches und setzte sich. Vorsichtig griff sie nach dem, in Folie eingeschweißten Sandwich, packte es aus.
Sheppard auf der anderen Seite tat es ihr nach, biß herzhaft hinein und kaute. Etwas rotes glitzerte in seinem Mundwinkel, und er leckte es mit der Zungenspitze ab, ehe er einen neuen Bissen nahm.
Vashtu beschloß, sich offen und freundlich zu zeigen und dankbar für diese unverhoffte Mahlzeit zu sein, wenn auch nicht mehr.
„Was ist das, Truthahn?" erkundigte sie sich, nachdem sie den ersten Bissen genommen hatte.
Sheppard kaute und schluckte dann, ehe er freudig strahlend antwortete: „Ein großer Vogel. Zu Thanksgiving und zu Weihnachten ist es sozusagen Pflicht, einen Truthahn zu braten. Er wird gefüllt mit ... das kommt auf den Koch an. Und es gibt Süßkartoffeln dazu. Wenn er gut zubereitet wird, ein Gedicht."
Vashtu nickte verständnislos, biß wieder ab.
„Aber du mußt mal Popcorn probieren, am besten im Stadion, wenn es ganz frisch ist", fuhr Sheppard unverblümt fort, griff nach seiner Flasche Wasser. „Das Zeug ist gut." Er trank einen Schluck.
Vashtu nagte mehr an ihrem Sandwich, als daß sie herzhaft zubiß.
Irgendetwas führte er im Schilde. Sie konnte das spüren. Er war zu locker.
Nachdem sie die Hälfte von ihrem Sandwich gegessen hatte, sah sie wieder auf. „Du bist doch nicht hergekommen, um mir von Truthähnen und Popcorn zu erzählen, oder?"
Sheppard wischte sich an einer Serviette die Hände ab und verstaute seinen Abfall wieder in der Papiertüte. „Ronon ist weg", sagte er dann.
Vashtu starrte ihn an. „Weg? Warum?"
Er schien noch Reste seiner Mahlzeit mit der Zunge zwischen den Zähnen zu suchen, so wie sich sein Mund verzog. Dann griff er wieder nach der Wasserflasche und nahm einen Schluck. „Sinngemäß hat er mir gesagt, er würde hier solange nicht bleiben, wie wir meinten, durchgeknallten Ahninnen Unterschlupf bieten zu müssen. Hatte ich schon erwähnt, daß er ... etwas mißgestimmt war über dich?"
Vashtu zuckte mit den Schultern. Ihr fiel nichts dazu ein, aber es war ihr auch gleich - Nein, das war es nicht. Aber sie würde das nicht zugeben!
„Und du bist ihm nicht nach und hast versucht, ihn zu überreden? Immerhin ist er Mitglied deines Teams."
Sheppard verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse. „Ehrlich gesagt haben mir seine ganzen Drohungen nicht behagt, was passieren würde, wenn ich ihm folgen würde. Irgendwie habe ich doch eine gewisse Abneigung gegen gebrochene Knochen." Er wurde ernst. „Außerdem kann Ronon Dex auf sich selbst aufpassen - hat er in der Vergangenheit wenigstens getan." Er sah wieder auf, mit einem undeutbaren Blick.
Vashtu zuckte mit den Schultern, schob ihm den Rest von ihrem Sandwich zu und erhob sich.
„Ich bin nicht gut in sowas", sagte Sheppard unvermittelt.
Vashtu erstarrte. „In was?"
Er schien ein wenig herumzudrucksen, ehe er antwortete: „Danken fürs Lebenretten und so."
Vashtu nickte. „Kein Problem. Ich habe dich hineingeritten, dann konnte ich auch helfen, dich wieder herauszuholen."
Er schwieg.
Sie wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu und hoffte, er würde bald gehen.
„Ich habe mich selbst da hineingeritten", sagte er schließlich. „Ich hätte auf dich hören sollen."
Vashtu seufzte und nickte.
Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Drückende Stille, die Vashtu wie eine Wand empfand, hinter der sie sich gut verbergen konnte.
Sie spürte seinen Blick wie brennende Kohlen auf ihrer Haut, doch sie weigerte sich behaarlich, ihn noch einmal anzusehen. Er sollte gehen, ehe sie beide noch mehr Schaden anrichten konnten. Es durfte nicht sein. Sie hatte von Anfang an falsch gehandelt, und sie konnte sich einfach nicht vorstellen, daß sie irgendetwas von dem würde retten können, was sie tief in sich empfand.
„Elizabeth meinte übrigens, sie hätte eine Stellvertreterin für mich, wenn ich mal verschwinden wolle. Du hättest dich so aufgeführt wie ich", sagte er schließlich.
Vashtu nickte, als habe sie nicht zugehört. Tatsächlich aber lauerte sie darauf, seiner Stimme zu lauschen.
„Du hast etwas gut bei ihr, und bei mir auch."
So ging es nicht weiter. Irgendwie mußte sie ihn aus ihrem Labor hinauswerfen. Sie konnte sich auf nichts anderes als seine Anwesenheit konzentrieren, und sie spürte jeden seiner Blicke auf ihrer Haut.
Wenn er also nicht ging, wenn sie freiwillig in die Defensive glitt, dann eben anders.
Sie sah auf und starrte ihn durchdringend an. „Was willst du wirklich, John? Du bist doch weder hergekommen, um mich über Ronons ... Gehen zu informieren, noch um dich zu bedanken. Irgendetwas führst du im Schilde."
Einen Moment lang schien er irritiert, dann hatte er sich wieder im Griff und erhob sich. „Du hast recht. Ich bin aus einem anderen Grund gekommen. Ich wollte dich etwas fragen."
Sie richtete sich auf und kreuzte die Arme vor der Brust.
Er neigte leicht den Kopf, sein Gesicht war ernst geworden. „Willst du in mein SG-Team?"
Jetzt starrte sie ihn verdattert an. „Was?"
Er nickte. „Du bist eine gute Kämpferin, du kannst ... ganz gut fliegen, und du hast Rodney im Griff. Du kennst dich mit den Antiker-Dingern aus und weißt so einiges. Also, mir würde das reichen."
Vashtu schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich bin eine Antikerin, John", war das erste, was ihr einfiel.
Er zuckte mit den Schultern. „Naja, ein Grund mehr, dich hier nicht tatenlos sitzen zu lassen. Teyla wird demnächst wieder einsatzbereit sein, dann können wir ausrücken." Seine Worte wurden immer leiser, schließlich verstummte er. „Oder willst du weg von Atlantis?" fragte er dann. In seiner Stimme schwang purer Unglauben.
Vashtus Augen irrten hin und her, ihre Brauen spielten. „Was heißt hier, ich könne ganz gut fliegen? Ich denke, ich bin wenigstens genauso gut wie du." sagte sie schließlich etwas hilflos.
Sheppard hob eine Braue. „Also ... na gut, du bist Han Solo. Aber, hey, Finger weg von den Kontrollen, wenn ich mit dabei bin, es sei denn, ich sage, du sollst fliegen. Ich bin der Teamchef, nicht vergessen." Er hob einen Finger und zwinkerte ihr zu.
Vashtu sah ihn immer noch skeptisch an. Sie wurde das Gefühl nicht los, daß er sie doch wieder ablenkte und etwas vollkommen anderes von ihr gewollt hatte, als er herkam. Aber was das war, konnte sie beim besten Willen nicht sagen.
„Wer ist Han Solo?" Sie schüttelte hilflos den Kopf.
Sheppard richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf. „Ein Filmheld von der Erde. Was sagst du?"
In diesem Moment piepte der Laptop. Er hatte seine Suche beendet.
Vashtus Blick irrte etwas hilflos hin und her. Was sollte sie sagen? Wie sollte sie sich verhalten? Sie hatte keine Ahnung.
Endlich sah sie auf den Bildschirm und erstarrte. Ein freudiges Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Ich habe es geschafft!" Sie blickte auf und strahlte ihn an.
Jetzt war er es, der irritiert aussah. „Was?"
„Ich habe die möglichen Sternentore für die letzte Adresse ausfindig gemacht. Wenn sie noch existieren, könnte irgendwo ein Ladegerät auf uns warten."

Kurz darauf

Elizabeth Weir staunte nicht schlecht, als sie die drei unterschiedlichen Gestalten in ihr Büro treten sah wie Gladiatoren in einem römischen Circus. Colonel Sheppard wirkte zu allem bereit, Vashtu Uruhk strahlte und Rodney McKay studierte aufmerksam einen Computerausdruck.
„Was gibt es?" Weir klickte rasch das Kartenspiel von ihrem Bildschirm und erhob sich.
„Elizabeth, wir haben es." Jetzt strahlte auch Sheppard.
Die Expeditionsleiterin sah ihn verwirrt an.
„Nun ja, um genau zu sein haben wir rund zweihundert Gate-Adressen", setzte McKay hinzu. „Aber eine von ihnen birgt dieses Ladegerät für ZPMs."
Vashtu nickte eifrig. „Ganz genau. Ich habe die Suche deutlich eingrenzen können."
Weir sah einen nach dem anderen nachdenklich an. „Sind Sie sich alle drei darüber im klaren, daß es wieder zu einem ähnlichen Vorfall wie bei der letzten Adresse kommen könnte?"
„Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß es noch mehr von diesen merkwürdigen Energiewesen gibt? Wir sind auf zwei gestoßen und mit beiden fertiggeworden. Das Risiko lohnt sich", entgegnete Sheppard.
„Naja, um genau zu sein, wir könnten noch auf hunderte, vielleicht tausende dieser Wesen treffen", berichtigte McKay. „Wir haben noch nicht annähernd eine Ahnung, was uns noch da draußen erwartet." Er erntete einen warnenden Blick des Colonel für diese Worte.
„Die richtige Adresse ist darunter. Und Vashtu hat sie die Quote bereits um über 95 Prozent gesenkt. Also, ich halte das für eine Leistung, die wir honorieren sollten", sagte Sheppard dann.
Weir kreuzte die Arme vor der Brust und neigte den Kopf zweifelnd zur Seite. „Aber sind Sie sich auch sicher, daß Atlantis dieses Risiko tragen sollte? Colonel, Sie sollten noch einmal darüber nachdenken."
McKay runzelte die Stirn. „Elizabeth, denken Sie doch einmal daran, was wir gewinnen würden. Keine Energiesorgen mehr. Ein Ladegerät, mit dem wir auch das ZPM, das während unserer Reise hierher erschöpft wurde, wieder aufladen können. Die Daedalus ..."
Weir hob die Hände, musterte jeden der Drei aufmerksam. Dann blieb ihr Blick an Vashtu hängen. „Sie haben es also doch nicht aufgegeben. Was sagen Sie denn dazu?"
Die Antikerin preßte kurz die Lippen aufeinander, zuckte mit den Schultern. „Ich denke, das Risiko ist es wert. Natürlich ist es immer noch eine Menge Arbeit, aber immerhin ... Sie wären Ihre Energiesorgen los und ich könnte ... ich hätte ..." Sie verstummte.
Weir nickte nachdenklich, sah wieder zu ihren beiden Stabsmitgliedern hoch. „Also gut, versuchen Sie es."

Drei Tage später

Aus dem Hyperraum tauchte ein gewaltiges Schiff auf, dessen Triebwerke immer wieder aussetzten. In der Finsternis des Alls kaum auszumachen nahm es Kurs auf einen nahen Planeten, während die Triebwerke weiter stotterten.
Auf dem Planeten öffnete sich gerade das Stargate und ein Puddlejumper kam hindurch geflogen, ging sofort in den Tarnmodus und verschwand am Himmel. Niemand hatte etwas bemerkt, und das Wraith-Basisschiff war noch zu weit entfernt für die Sensoren des kleinen Gleiters. Selbst wenn die Insassen diese eingesetzt hätten, wäre es ihnen entgangen, was da auf sie zukam.
„Laut den Aussagen von Lornes Team wissen die Bewohner nichts von einem leuchtenden Gerät irgendwo auf ihrem Planeten", faßte McKay gerade den Bericht zusammen, den sie durch Zufall beim Kontrollieren der Gate-Adressen gefunden hatten. „Allerdings sprechen die Vensianer, wie sie sich selbst nennen, von den singenden Bergen."
Sheppard, der am Steuer saß und die Anzeigen im Auge behielt, nickte. „Hört sich doch vielversprechend an."
„Noch vielversprechender wird es, wenn man sich die Energiewerte ansieht", fügte Vashtu hinzu, lehnte sich entspannt zurück. „Ich wette, wir finden eine Höhle in diesen Bergen und wenn wir dort hineingehen, das Ladegerät."
„Hoffen wir es." McKay schloß den Bericht des anderen Teams und stellte seinen Laptop auf den Boden. „Es könnte auch einen anderen Grund haben, warum die Menschen hier meinen, ihre Berge singen. Zum Beispiel einen instabilen Boden."
Vashtu blickte auf die Anzeigen. „Von dem nichts zu sehen ist."
„Ich meine ja nur. Wir sollten nicht in jede Höhle klettern, die wir finden. Wer weiß, ob wir nicht verschüttet werden."
„Immer positiv bleiben, Rodney." Sheppard schmunzelte, warf kurz einen Blick auf sein viertes Teammitglied. Johnson saß stumm und sichtlich eingeschüchtert auf dem vierten Sitz in der Kanzel und schien sich an einen anderen Ort zu wünschen. „Es wird Spaß machen."
Vashtu drehte sich jetzt ebenfalls zu ihrem ehemaligen Bewacher um und runzelte die Stirn. „Keine Sorge, es wird nichts passieren."
McKay kreuzte die Arme vor der Brust und hob das Kinn ein wenig. „Sieht man davon ab, daß dieses Gerät seit zehntausend Jahren Energie aus diesem Planeten zieht, meinen Sie."
„Es läuft doch in so einer Art Sparmodus. Ich denke nicht, daß es dem Planeten viel Energie entzieht, Rodney", entgegnete Sheppard.
Ein kleiner Punkt auf der Anzeige blinkte, wurde rasch größer.„Ich denke, wir sollten allmählich Ausschau nach einem guten Landeplatz halten." Sheppard reckte ein wenig den Hals und blickte auf den dichten Wald hinunter. Am Horizont wuchs mit jeder Sekunde die Gebirgskette, die singenden Berge.
Vashtu erhob sich, um ihre Ausrüstung noch einmal zu überprüfen.Sie war nervös, wenn sie sich vorstellte, was sie hier möglicherweise finden würden. Endlich könnte sie dann einen Platz in Atlantis für sich beanspruchen. Einen Platz, der ihr ein neues Leben ermöglichen würde. Und vielleicht ... Ihr Blick fiel auf Sheppard, und sie wandte sich schnell ab.
„Nimm am besten noch ein paar Reservemagazine für die P-90 mit", hörte sie den Colonel sagen und nickte. Dann schloß sie ihre Überlebensweste sorgsam zu, tastete noch einmal über alle Taschen, ob sie auch gefüllt waren. Sanft, beinahe zärtlich streifte sie dabei die linke Brusttasche, in der der Detektor für alle Fälle auf seinen Einsatz wartete.
Sorgsam kontrollierte sie noch einmal, ob ihre Waffen, die erwähnte P-90 und in einem Holster eine Beretta, auch über volle Magazine verfügten, ob sie auch geladene Reserve-Patronen mitnahm. Dann drehte sie sich von den anderen weg und tastete nach noch etwas anderem.
In den letzten Tagen hatte sie sich des öfteren mit dem neuen Waffenexperten auf Atlantis getroffen, der ihr das eine oder andere verraten hatte. Letzte Nacht war sie dann unbemerkt in die Waffenkammer eingebrochen und sich eine gewisse Menge an C4 und den dazugehörigen Zündern besorgt - für alle Fälle. Sie hoffte zwar, daß sie keine unangenehmen Bekanntschaften haben würden, aber besser, man war für viele Eventualitäten gewappnet.
Der Jumper senkte sich langsam in einem felsigen Gebiet ab, so nahe an der Energieanzeige wie möglich. Einen kurzen Fußmarsch würden sie noch tun müssen, doch für Sheppard war er noch erträglich.
Er landete den Jumper sauber und punktgenau, ließ die Maschinen auslaufen und erhob sich. „Dann los."
Vashtu hatte bereits die Heckklappe geöffnet und stand draußen, die P-90 locker im Arm.
Sheppard kam nicht umhin, ihre Haltung zu bewundern. Wenn es möglich war, und er hatte eigentlich noch nie auf Army-Babes gestanden, gab die Waffe ihr ein noch besseres Aussehen.
Er griff sich seine Waffe und kam die Rampe herunter. Aufmerksam sah er sich um. „Nette Gegend", murmelte er dann.
Im Sonnenuntergang wirkten die dichten Wälder, die sich bis weit zum Horizont erstreckten, wie ein gigantisches Meer voll sacht im Wind wippender Wipfel. Irgendwelche Nadelbäume, Fichten nicht unähnlich.
Er drehte sich zu Vashtu um. „Und?"
Sie hatte den Detektor in einer Hand, stützte mit dem Unterarm die Waffe, und drehte sich langsam zu den schroffen Felshängen vor ihnen. „Dort hinüber", sagte sie nach einer Weile.
Sheppard blickte auf, betrachtete den Schotterweg, wahrscheinlich ein ausgetrocknetes Schmelzwasserbett, genauer. Dann nickte er.
Zumindest von hier konnte er nicht feststellen, daß sie einen schlechten Weg gewählt hatte. Im Gegenteil schien er sogar recht bequem zu sein, nicht zu steil, mit einem relativ festen Untergrund.
„Johnson, Sie bilden die Nachhut, Vashtu, du bleibst mit mir vorn. Rodney", er warf dem Wissenschaftler nur einen langen Blick zu. Der winkte ab und der Colonel nickte. „Dann machen wir uns auf den Weg. Abmarsch."
Er schaltete noch kurz den Tarnmodus des Jumpers ein, dann ging er los, Vashtu neben sich wissend. Doch die Antikerin hielt deutlichen Abstand zu ihm, so daß McKay, wäre er schneller gewesen, durchaus auch noch zwischen ihnen hätte gehen können.
Lässig die P-90 als Armstütze nutzend, wanderte er weiter, betrachtete aufmerksam die Umgebung. Ab und an warf er der Antikerin einen Blick zu. Sie war offensichtlich noch immer auf den kleinen Monitor in ihrer Hand konzentriert und führte sie geradewegs zu dem Ladegerät - zumindest hoffte er das.
Nach gut zehn Minuten Fußmarsch erreichten sie einen hohen und schmalen Höhleneingang.
„Hier müßte es irgendwo sein." Vashtu blickte endlich wieder auf und musterte das schroffe Gestein.
Sheppard tat es ihr nach, hockte sich dann hin und untersuchte auch den Boden vor der Höhle. „Zumindest keine offenkundigen Besucher", meinte er dann, ließ dabei offen, was er meinte, im inzwischen eingetretenen Dämmerlicht gesehen zu haben.
„In solchen Höhlen gibt es immer Getier", ließ McKay sich vernehmen.
Sheppard sah zweifelnd die Felsen hinauf. Auch sie wirkten in dem wenigen Licht recht massiv. Er glaubte nicht, daß ihnen hier irgendetwas bevorstand, zumindest nichts schlimmeres als vielleicht ein paar Fledermäuse.
„Dann gehen wir rein", entschied er, schaltete die Lampe an seiner Waffe ein und legte sie locker an. Vashtu und Johnson taten es ihm nach, während McKay eine Taschenlampe zückte.
„Sind Sie sicher?"
Sheppard nickte, betrat als erster den schmalen Eingang. Der Boden dahinter war leicht abschüssig und mit verrottetem Laub und Nadeln bedeckt. Doch keine Spur irgendwelcher unliebsamer Bewohner.
„Alles in Ordnung, kommt rein", rief er zurück und wartete, bis Vashtu wieder zu ihm aufgeschlossen hatte. Seite an Seite gingen sie weiter, McKay und Johnson hinter sich.
Die Lampen waren allesamt zu schwach, um die gewaltigen Dome der Höhle auszuleuchten. Er bekam nur einen schwachen Eindruck von der Größe der verschiedenen Hallen, wenn er auf die Echos hörte, die sie verursachten.
Es wurde merklich kühler.
„Wir müssen, denke ich, den Höhlen folgen." Vashtu hatte wieder den Detektor gezückt, steckte ihn nun aber wieder ein. „Im Moment bewegen wir uns etwas vom Ladegerät weg. Aber ich glaube, weiter vorn werden wir auf eine andere Höhle stoßen und wieder in die richtige Richtung gehen."
Sheppard schürzte nachdenklich die Lippen, nickte nach einer kleinen Weile. „Hast du es dir inzwischen überlegt?" fragte er schließlich.
Vashtus nächster Schritt knirschte und verursachte einen hallenden, unheimlichen Laut. „Was?"
„Was war das?" McKays Stimme klang aufgeregt.
„Keine Bange, Rodney, nur ein Stein", sagte Sheppard über die Schulter zurück und betrachtete seine Nachbarin forschend. „Ob du in mein Team kommen willst, meine ich. Hast du es dir überlegt?"
Er sah, wie ihre Kiefer sich anspannten. „Ich denke nicht, daß das eine gute Idee wäre", antwortete sie ausweichend.
„Womit sie mehr Verstand beweist als Sie, John", ließ McKay sich wieder vernehmen.
Sheppard hob eine Braue. „Du kannst auch dein eigenes Team haben, wenn du möchtest. Ließe sich einrichten", schlug er vor.
McKay hustete. „Zumindest bis Caldwell wieder auf Atlantis eintrifft, meinen Sie."
Sheppard sah immer noch Vashtu an. „Ich hätte dich wirklich gern dabei. Entweder in meinem Team oder einem eigenen. Und Teyla freut sich schon."
Vashtu blieb unvermittelt stehen, drehte sich zu ihm um und starrte ihn an. „Was? Warum beschließt du so etwas über meinem Kopf hinweg?"
„Du gehörst weder hinter einen Rechner noch in ein Labor. Sicher wirst du dort viel Zeit verbringen. Frag mich, ich weiß, wovon ich rede." Sheppard grinste schief. „Wie ich dir schon gesagt habe, du hättest etwas zu tun."
„Ich halte das nicht für eine so gute Idee. Sie gehört noch nicht einmal ..."
„Mund halten, Rodney - McKay!" Dieser Ruf kam aus zwei Kehlen.
Der Wissenschaftler kreuzte die Arme vor der Brust. „Wenn das kein Beweis ist ... Hören Sie sich doch nur beide an! Sie reden ja sogar zeitgleich."
Statt eines erneuten Ausrufes erntete er für diese Bemerkung zwei wütende Blicke. Dann drehten sie sich wieder um und nahmen ihren Weg erneut auf.
„Was willst du denn sonst tun?" erkundigte Sheppard sich nach einer Weile.
Die Antikerin marschierte weiter, starrte nach vorn, das Gewehr im Anschlag. „Ich weiß es noch nicht. Vielleicht helfe ich Dr. Beckett bei seinen Forschungen."
„Das ist nichts für dich."
„Woher willst du das wissen?"
McKay seufzte und trabte hinter dem Paar her.
„Du hast Abenteurerblut in den Adern. Und was willst du mit deinen Flugkünsten tun? Einmal im Monat zum Festland fliegen? Sehr aufregend!" Sheppard schüttelte den Kopf. „Ich kann jeden guten Kämpfer gebrauchen, den ich finden kann. Warum also sperrst du dich dagegen? Wir ... du könntest ein richtig schönes und abenteuerlustiges Leben führen."
Vashtu warf ihm einen kurzen, fragenden Blick zu. „Bist du das, der da redet, John?"
Sheppard nickte. „Ja, das bin ich", antwortete er, neigte leicht den Kopf, als habe er etwas sehr interessantes gesehen.
„Wir könnten?" Er hörte Skepsis in ihrer Stimme.
„Können Sie das nicht vielleicht besprechen, wenn wir wieder zurück in Atlantis sind?" fragte McKay.
„Nein!" kam unisono wieder eine Antwort zurück.
„Ich habe dir gesagt, daß es mir schwerfällt, darüber zu reden", versuchte Sheppard zu erklären, zog eine Grimasse. „Warum können wir es nicht dabei belassen?"
„Worüber fällt es dir schwer zu sprechen? Über deine Gefühle?"
Das saß!
Er fühlte einen stechenden Schmerz im Herzen und spannte die Kiefer an. Dafür spürte er Vashtus bohrende Blicke auf der ihr zugewandten Seite seines Gesichtes. Doch er antwortete nicht, konzentrierte sich wieder auf ihren Weg.
„Bist du dir überhaupt sicher, ob es wirklich deine Gefühle sind oder nicht vielleicht irgendetwas anderes?" fuhr die Antikerin fort.
Sheppard kniff die Lippen zusammen, um den Schrei, der in seiner Kehle steckte, zu unterdrücken. Warum mußte das alles so verdammt kompliziert sein? Konnte sie das nicht einfach akzeptieren, wie sie sonst fast alles an ihm akzeptiert hatte? Es hatte lange genug gedauert, bis er sich selbst eingestanden hatte, daß da ...
„Hey, da vorn ist was!" mischte McKay sich wieder ein. Seine Stimme klang undeutlich, als würde er kauen.
Sheppard verhielt im Schritt, hob die P-90 an die Wange. Spiegelverkehrt, auf seiner ungeschützten Seite, tat Vashtu es ihm augenblicklich nach.
Vor ihnen schimmerten Lichter, sich bewegende Lichter.
Langsam ging er weiter, die Antikerin an seiner Seite wissend.
„Was ist das?" hörte er Johnson hinter sich wispern.
Dann blieb er verblüfft stehen und ließ die Waffe sinken. „Die kenne ich doch!"
Vor ihnen schwebten in dicken Schwärmen Leuchtkäfer durch die Dunkelheit, umschwirrten sie neugierig.
„Da haben Sie Ihre Energieanzeige. Und jetzt ... " McKay schlug um sich, wich immer weiter zurück und schützte den Energieriegel in seiner Hand.
„Wie wäre es mit teilen?" schlug Sheppard vor, dann erst hörte er das leise, befreiende Lachen und drehte den Kopf.
Vashtu stand, ebenfalls die Waffe gesenkt, an seiner Seite und betrachtete die Leuchtkäfer mit ebenso leuchtenden Augen. Einen Moment lang sah sie aus wie ein kleines Mädchen, das gleich zu tanzen beginnen würde vor Freude.
Sheppard selbst hatte keine unangenehmen Erinnerungen an seine erste Begegnung mit diesen winzigen Energiewesen, wenn auch störende. Schmunzelnd blickte er sich um, bis seine Augen wieder auf die Antikerin trafen, die noch immer erleichtert kicherte.
„Was ist?"
„Wir sind auf dem richtigen Weg!" Sie warf den Kopf in den Nacken, erwiderte dann seinen Blick. „Diese netten kleinen Kameraden befinden sich immer in Gefolgschaft eines Ladegerätes. Das hat Themma mir damals erklärt."
Sheppard hob die Brauen und nickte. Insgeheim schwor er sich, sie einmal sehr ausgiebig zu verhören. Sie schien eine Menge Antiker gekannt zu haben. Und verdächtig viele davon schienen männlich gewesen zu sein.
„Das ist Blödsinn! Diese Dinger fressen Energie", ließ sich McKay vernehmen.
Sheppard drehte sich um, weil ihn etwas an der Stimme irritierte. Und tatsächlich war der Wissenschaftler noch weiter zurückgewichen. Der Colonel runzelte die Stirn.
Vashtu hatte den Detektor wieder aus ihrer Weste geholt und aktiviert. Lächelnd nickte sie. „Hinter ihnen befindet sich eine weitere Energiequelle. Was ich gesagt habe, wir sind auf dem richtigen Weg."
Johnson stand mit offenem Mund da und wußte gar nicht, wohin er zuerst sehen sollte.
Sheppard drehte sich wieder um und leuchtete die Höhle hinter den kleinen leuchtenden Punkten aus, wo sich tiefschwarze Finsternis verbarg. „Ist es noch weit?"
„Nein, nicht sehr. Den größten Teil des Weges haben wir hinter uns."
„Gut, dann weiter."
Weiter an der Seite der Antikerin ging er los. „Rodney, aufschließen", sagte er blind nach hinten.
Die Höhle machte einen Knick, wie Vashtu es gesagt hatte. Und endlich betraten sie einen Gang, in dem es längst nicht so hallte wie weiter vorn. Irgendwie ... er sah künstlich aus.
Vashtu und er leuchteten den Weg vor ihnen aus, und er bemerkte wieder, wie aufmerksam sie das tat. Sie wäre wirklich eine Bereicherung für sein Team ... und für ihn.
Er zwang den letzten Gedanken wieder zurück in die Tiefen seines Geistes. Sie hatte ihm mehr oder minder eine Abfuhr erteilt, warum auch immer. Trotzdem nagte es an ihm.Weit vorn tauchte jetzt wieder ein Lichtschimmer auf, wenn auch deutlich blasser als das, was die Glühkäfer ausgestrahlt hatten. „Noch mehr von ihnen?"
Vashtu schüttelte den Kopf. Plötzlich wirkte sie angespannt. „Das könnte es sein."
Sheppard nickte. Das Licht irritierte ihn, so tief wie sie in den Höhlen steckten. Doch Gott sei Dank gab es kaum Möglichkeiten, sich zu verlaufen. Es schien kein labyrinthisches Geflecht von Gängen zu geben. Die Höhlen hier waren hintereinander angelegt, wie Perlen an einer Schnur.
Der Lichtschimmer wuchs, je näher sie ihm kamen. Was auch immer dieses Licht absonderte, es verbarg sich offenbar hinter einer neuen Biegung und dem Übergang zu einer weiteren Höhle. Hoffentlich würden sie bekommen, was sie wollten.
Er bog um die Ecke und blieb stehen wie angenagelt. Ungläubig starrte er auf das, was sich da vor ihm befand.
Vashtu lachte jetzt wirklich vor Glück und Erleichterung laut und schallend. Dann drehten sie beide sich um und lächelten sich an.
„Wir haben es geschafft!"
Wieder sahen sie sich das an, was auf einem schmalen Felssockel vor ihnen stand. McKay linste an ihnen vorbei.
Auf einem niedrigen Felsvorsprung stand der Kasten. Er sonderte mehr Licht ab, als Sheppard erwartet hatte. Um das Ding tanzten noch mehr Leuchtkäfer. Deutlich konnte er Einzelheiten an der Außenschale des Ladegerätes sehen, etwas wie Schriftzeichen und schnittige Längs- und Querstreifen.
Aus dem geöffneten Deckel entströmte ein sanftes Licht, das beinahe pulsierte.
„Cool!" entfuhr es Sheppard.

Kurz darauf

Vashtu beugte sich über den Deckel. Sheppard beobachtete, während er noch immer das Ladegerät staunend betrachtete, wie sie eine Reihe von Zeichen sorgfältig studierte, schließlich die Hand ausstreckte und einen Punkt berührte. Beinahe sofort fiel dem Colonel auf, daß plötzlich etwas fehlte. Es dauerte allerdings ein wenig, bis ihm aufging, daß es sich um ein leises Summen gehandelt hatte, das urplötzlich ausgesetzt hatte.
„Was war das?" fragte McKay und blickte von seinem Palm-Top auf.
Vashtu richtete sich wieder auf und winkte Johnson zu. „Das Werkzeug." Dann traf sich ihr Blick mit dem von Sheppard, der sie jetzt fragend ansah. Seufzend verzog sie das Gesicht.
„Ich habe den Plasmabohrer abgeschaltet. Wir hatten doch beschlossen, das Gerät abzubauen und mitzunehmen."
Sheppard nickte, musterte die Kiste vor sich wieder aufmerksam. „Klar, wir können es nicht mit einem funktionierenden Bohrer hier herausholen, solange der aktiv ist."
Sie wandte sich wieder dem Gerät zu, berührte einen anderen Punkt.
„Ist es schwer?" erkundigte Sheppard sich, sich an den doch recht langen Weg hierher erinnernd.
„Das Gehäuse ja", antwortete Vashtu, trat zurück.Mit einem anderen, helleren Summen, fuhr etwas aus dem Kasten hoch.
Sheppard bekam große Augen.
Ein Metallgestänge, und mittendrin, wie eine Kinderwiege aufgehängt, eine Schale hoben sich aus dem Kasten.
Vashtu drehte sich um und öffnete den Rucksack. McKay stromerte immer wieder um das Ladegerät herum, tastete aufregt auf seinem tragbaren Bildschirm herum.
„Du weißt, was du tust?"
Die Antikerin hielt inne, hob dann etwas aus dem Rucksack, das aussah wie eine Kreuzung zwischen Rohrzange und Schraubenschlüssel. „Die Halterung mit den Verbindungen muß gekappt werden für den Transport, ebenso wie der Generator ausgebaut werden muß. Beides ist zu empfindlich und muß gesondert transportiert werden. Wird etwas davon zerstört oder beschädigt, haben wir ein Problem."
Sheppard nickte nachdenklich. „Na dann. Rodney, wenn Sie können, helfen Sie."

TBC ...

02.10.2009

Vashtu VII

Am Morgen, einige Stunden später

Weir betrat die Kommandozentrale, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Bowman war bereits anwesend und hantierte am DHD herum. Er blickte auf, als er sie kommen hörte.
„Guten Morgen, Dr. Weir. Wie ich sehe, sind Sie auch früh aufgestanden", begrüßte er sie.
Weir lächelte, doch in ihren Augen stand Sorge. „Wie weit sind wir?" fragte sie.
Bowman richtete sich auf und nickte nach draußen in den Gateraum. „Dank ihr, hoffe ich, schon ein gutes Stück weiter", antwortete er. „Die rudimänteren Programme laufen wieder, das Stargate könnte sich öffnen. Ein paar kleine Beschädigungen richtet sie gerade."
Weir trat ans Fenster und blickte hinaus.
Im Torraum hockte die Antikerin und hantierte mit irgendwelchen Geräten herum, die sie noch nie gesehen hatte. Weir stutzte.
„Seit wann ist sie hier?" Sie drehte sich zu Bowman um.
Der zuckte mit den Schultern. „Die Spätschicht sagte, sie sei irgendwann mitten in der Nacht aufgetaucht. Wenn Sie mich fragen, kann sie ebensowenig schlafen wie einer von uns."
Weir runzelte die Stirn. Sie selbst hatte Vashtu gestern auf der Krankenstation gesagt, sie solle sich hinlegen. Aber sie hatte auch gewußt, daß, wenn sie Sheppard wirklich so ähnlich war, sie keine Ruhe finden würde. Daß sie allerdings statt dessen damit begann, die von ihr angerichteten Schäden zu reparieren ...
„Ich rede mit ihr." Sie nickte Bowman kurz zu und verließ den Raum wieder.
Vashtu blickte auf, als sie die Treppe hinunterkam.
„Guten Morgen, Dr. Weir", begrüßte sie sie.
Weir blieb stehen, sah sich um.
Die Antikerin schien schon recht weit mit ihrer Reparatur gekommen zu sein. Eine der zerstörten Fliesen lag bereits wieder auf ihrem Platz, und auch die herausgerissenen Kabel boten keinen so scheußlichen Anblick wie gestern mehr.
„Wie ich sehe, haben Sie sich nützlich gemacht, Vashtu", sagte sie statt einer Begrüßung, musterte jetzt die fremdartigen Geräte, die die andere um sich gesammelt hatte.
Vashtu sah sich um.
Auf Weir machte sie keinen besonderes fitten Eindruck. Dunkle Schatten hatten sich unter ihren Augen gesammelt, ihre helle Haut wirkte noch blaßer, und in ihren Augen stand Sorge und eine gewisse Verzweiflung. Und noch etwas, was die Expeditionsleiterin zunächst nicht wirklich lesen konnte. Dann aber begriff sie. Es war eine Art von Wissen. Etwas, was sie auch manchmal in Sheppards Augen lesen konnte.
„Ich muß in den Lagerräumen nachsehen, ob ich dort noch etwas finden kann, was die fehlende Fliese ersetzt." Vashtus Blick irrte wieder ab. Hilflos ließ sie die Schultern sinken. „Die Verbindung steht jetzt fast wieder. Ich fürchte aber, ich habe etwas mehr Schaden angerichtet, als ich wollte. Wenn John ... Wir werden das Gate sehr genau testen müssen, wenn diese ... diese Sache ausgestanden ist."
Weir kreuzte die Arme vor der Brust und nickte. „Das werden wir auch tun. Aber vorher sollten Sie sich etwas ausruhen, denken Sie nicht?"
Vashtu warf ihr einen leidenden Blick zu, schüttelte dann den Kopf. „Wenn ich die Augen schließe ... Nein. Ich will helfen. Wenn ich die Kontrollen überbrücke, können wir das Gate vielleicht jetzt schon prüfen, ohne den Speicher ..." Mutlos seufzte sie.
Weir trat näher, sah zu Boden und betrachtete die fremdartigen Gegenstände, die die Antikerin um sich verteilt hatte. „Sind das Werkzeuge Ihres Volkes?"
Vashtu schien einen Moment lang zu taumeln, riß ihre Augen weit auf und nickte dann. „Ja, ich habe mir Ihre Werkzeuge angesehen, aber ich konnte nicht damit umgehen. Also ... Ich wußte, wo ein Geräteraum ist." Sie drehte sich um und deutete auf eine Wand unter der Kommandozentrale. „Sehen Sie?"
Weir sah nichts als eine Wand, doch sie nickte.
Warum schien Vashtu plötzlich so kraftlos zu sein? Bisher hatte sie eigentlich immer wach auf sie gewirkt, selbst wenn andere eigentlich längst ins Bett gehört hätten. Jetzt aber ... Irgendetwas war da vorgegangen.
„Wenn ich den Boden repariert habe ..." Vashtu stockte, sah plötzlich mit weit aufgerissenen Augen auf. „Haben Sie schon etwas von Dr. McKay gehört?"
Weir schüttelte den Kopf. „Nein, meines Wissens gibt es noch keine Veränderung an seinem Zustand", antwortete sie, beobachtete, wie die Antikerin zu einem Häufchen Elend zusammensank und fühlte Mitleid in sich wachsen. „Aber ich werde Sie sofort informieren, wenn ..."
Vashtu hob plötzlich ruckartig den Kopf, starrte mit glasigen Augen durch sie hindurch. Dann sank sie mit einem leisen Stöhnen bewußtlos zu Boden.
Weir atmete tief ein, beugte sich über sie und fühlte nach ihrem Puls. Dann aktivierte sie ihr Funkgerät. „Ein Notfallteam in den Gateraum, schnell!"

Kurz darauf

Weir war Beckett und seinem Team dicht auf gefolgt. Sie machte sich Sorgen um die Antikerin. Vor allem, warum sie plötzlich vor ihren Augen zusammengebrochen war, den Grund hätte sie gern herausgefunden.
Vashtus Herz schlug unregelmäßig, ihre Haut war inzwischen weiß wie ein Laken und Schweißperlen standen ihr auf der Stirn. Über einen Monitor konnte Weir die Lebensdaten der Antikerin lesen, wenn auch nicht unbedingt verstehen. Der EEG-Bildschirm, den Beckett gerade anschloß, da er keinen anderen Grund für ihre Bewußtlosigkeit finden konnte, schlug augenblicklich Alarm. Sämtliche meßbaren Gehirnwellen führten, so schien es, einen irren Tanz auf, stoppten kurzfristig, um dann, mit leichter Verzögerung, wieder in beinahe unmeßbare Höhen auszuschlagen.
Beckett trat vom Bett zurück mit einer Miene, als erwarte er, daß Vashtu jeden Moment explodierte.
„Was ist los mit ihr?" verlangte Weir zu wissen. „Carson, Sie haben mir doch gestern zugesichert, daß sie gesund ist."
Vashtus Körper zuckte kurz, lag dann wieder still.
Beckett schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung. Alle ihre Tests sahen gut aus. Sie müßte eigentlich kerngesund sein." Leichte Panik schwang in seiner Stimme mit.
Wenn Vashtu nun stürbe ...
Weir mußte zugeben, sie hatte sich in den letzten Wochen an die so untypische Antikerin gewöhnt. Sie würde ihr fehlen. Aber, vor allem, wäre ihr Wissen für immer verloren. Sie würden sie wieder mühsam voranarbeiten müssen statt, wie seit Vashtu ihnen sämtliche Daten des Hauptrechners zur Verfügung gestellt hatte, aus dem Vollen schöpfen zu können. In der letzten Woche hatten sie mehr Erkenntnisse gewonnen als in einem Jahr zuvor. Und sie kamen an Daten heran, deren Existenz sie nicht einmal geahnt hatten.
Aber vor allem wäre es schade um die Person. Vashtu brachte einen gewissen frischen Wind nach Atlantis. Zwar hatte Weir weiterhin Bedenken, was ihre Beziehung zu John Sheppard betraf, aber sie konnte nicht leugnen, daß ihr die Antikerin inzwischen sympatisch geworden war, trotz ihres doch sehr an den Colonel erinnernden Auftretens.
Weir hätte Vashtus Schicksal nicht teilen wollen. Nachdem sie die Berichte Sheppards, die Aussagen der Antikerin selbst und alles andere gelesen und sich ein eigenes Bild gemacht, war sie Willens, ihrem unverhofften Gast aus der Vergangenheit ein Heim zu bieten. Wahrscheinlich würde Atlantis das im jetzigen Zustand zwar nicht überleben, aber ...
„Wo bin ich? Carson, Dr. Beckett ... Mir ist schlecht!"
Weirs Augen wurden groß. Mit einem Ruck fuhr sie herum und starrte hinüber zu dem Bett, in dem McKay bis jetzt bewußtlos gelegen hatte. Nur war der Wissenschaftler jetzt wach, hatte eine leidende Miene aufgesetzt und hielt sich den Magen.
Beckett sah hilflos zwischen den beiden Patienten hin und her, dann rief er nach einer Schwester, die sich erst einmal um McKay kümmern sollte.
Weir war einfach nur überrascht. Hatte sie nicht heute morgen noch mit Beckett gesprochen und er ihr versichert, das Koma würde sehr wahrscheinlich noch ein paar Tage anhalten?
„Rodney! Wie geht es Ihnen?" Nach einem letzten hilflosen Blick auf die Antikerin trat sie an das Bett ihres Chefwissenschaftlers.
McKay sah leidend zu ihr auf. „Wie soll es mir schon gehen, nachdem ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin. Ich habe Schmerzen!" Theatralisch wälzte er sich kurz im Bett und stöhnte.
Weir konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Sie kommen gerade zur rechten Zeit wieder zu sich, Rodney. Wir brauchen Ihre Hilfe. Ich hoffe, Sie werden es überleben."
Wieder ein Alarm hinter ihr.
„Ach, Elizabeth, Sie kennen doch meine Devise: Ich werde arbeiten, bis ich meinen letzten, meinen allerletzten Atemzug tue. Ich bin zu wichtig für Atlantis." McKay rappelte sich auf die Ellenbogen und lugte hinüber zu dem Bett schräg gegenüber. „Ist das diese Vashtu?"
Weir vertrat ihm die Sicht. „Rodney, vielleicht haben wir wenig Zeit. Deshalb möchte ich Sie bitten, uns zu helfen. Colonel Sheppard ist im Speicher des Stargate gefangen und wir wissen nicht, wie wir ihn wieder herausholen können."
McKays Augen weiteten sich. „Der Colonel ist ... ? Ich bin ..." Er unterbrach sich. „Wie lange ist das her?"
Weir neigte den Kopf ein wenig. „Sie wissen doch von unserem Versuch gestern nachmittag. Sie haben es wahrscheinlich nicht gesehen, aber er wurde in das Tor gezogen, ehe Vashtu die Verbindung mit dem Wurmloch trennen konnte."
McKays Augen zuckten, als läse er innere Listen. „Ich bin unterwegs. Wir haben nicht viel Zeit." Stöhnend richtete er sich auf, sank dann wieder auf das Bett zurück. Erst im zweiten Anlauf gelang es ihm, sich zu erheben.
Weir sah ihm nach, wie er mühsam den Gang hinunter humpelte.
„Sie hat ihn geweckt", ließ Teyla sich plötzlich vernehmen. „Sie hat ihm von ihrer Kraft gegeben. Ich habe es gesehen."
Weir sah einen Moment lang wie betäubt zu der Athosianerin hinüber, dann drehte sie sich zu dem Bett um, in dem Vashtu lag.
Beckett fühlte gerade ihren Puls, richtete sich dann auf und lächelte ihr zu. „Wie es aussieht, geht es ihr besser. Sie schläft."
Weir betrachtete die Gestalt in dem Bett sorgenvoll.

Einige Stunden später

Das Erwachen war schwer. Die Bewußtlosigkeit klebte wie ein Spinnennetz an ihr und wollte sie wieder zurückreißen in ihren Abgrund. Doch noch schlimmer waren die Schmerzen. Ihr ganzer Körper brannte.
Mit einem leisen Stöhnen öffnete Vashtu ihre Augen einen Spaltweit, während sie immer noch darum kämpfte, bei Bewußtsein zu bleiben. Irgendetwas aber zerrte an ihr, befahl ihr geradezu aufzuwachen.
Mehrere Geräte um sie herum piepten leise und sie fühlte Elektroden, die auf ihrer Haut festgemacht waren.
Stöhnend und noch immer benommen versuchte sie sich aufzurichten, sank aber in das Kissen zurück und blieb tief einatmend liegen, um neue Kraft zu schöpfen.
„Da ist ja unser Sorgenkind", begrüßte sie plötzlich eine Stimme. Eine Hand umschloß ihr Handgelenk, gekonnt fühlten Finger nach ihrem Puls.
Vashtu öffnete die Augen wieder etwas und sah Beckett an ihrem Bett stehen. Sie mußte in der Krankenstation sein.Sie fühlte sich, als wäre sie unter einem Jumper eingequetscht worden. Ihr Inneres und ihr Äußeres schmerzten einfach nur.
Sie schluckte schwer. „Was ... was ist passiert?" flüsterte sie schließlich.
„Sie hatten einen Schwächeanfall", erklärte Dr. Beckett ihr. „Sie sollten sich noch ein wenig ausruhen, dann geht es Ihnen sicher bald wieder besser."
Sie schloß die Augen wieder. In ihrem Geist sah sie John Sheppard, der, von einem gewaltigen Sog gepackt, in Richtung Stargate gezogen wurde.
Sofort wurde sie unruhig, versuchte sich wieder aufzusetzen. „Ich muß helfen! Sie haben keine Ahnung ... Die Verbindungen. Ich glaube ..."
Beckett drückte sie mit sanfter Gewalt auf das Bett zurück. „Sie haben genug getan, Vashtu. Sie sollten liegenbleiben und sich ausruhen", sagte er bestimmt.
Sie runzelte vor Anstrengung die Stirn. Endlich gelang es ihr, sich wenigstens auf die Ellenbogen hochzurappeln. Vor Schmerz verzog sich ihr Gesicht. „Sie verstehen nicht. Dr. McKay ..."
„Arbeitet bereits mit den anderen an einer Lösung. Vielleicht hat er sie sogar schon", fiel Beckett ihr ins Wort.
Verblüfft gab sie seinen Versuchen nach und rutschte in das Kissen zurück.
Dann hatte es also geklappt? Sie hatte ihn wieder aufgeweckt?
Sie atmete tief ein, als sie verstand. Wieder zerrte der Schmerz an ihr, doch nun begriff sie ihn.
Offenbar reagierten die fremden Zellen in ihrem Inneren auf das Einsetzen ihrer Antiker-Fähigkeiten. Sie hatte sich selbst geschwächt, als sie McKay einen Teil ihrer Kraft gab. Und nun wüteten Wraith- und Iratus-Zellen in ihr, während ihr normales Genom dagegen ankämpfte.
Unwillig ballte sie die Fäuste und rammte ihren Hinterkopf in das Kissen.
Ausgerechnet jetzt mußte sie ausfallen. Vielleicht brauchte man trotz allem ihr Wissen. Vielleicht konnte sie noch weiterhelfen. Sie mußte zur Kommandozentrale!
Beckett beobachtete sie genau, die Hände immer noch auf ihren Schultern, um sie sofort wieder zurückdrücken zu können. Und im Moment war sie zu schwach, um sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Sie kam ja nicht einmal aus diesem Bett heraus.
Aber sie brauchte die Informationen!
„Haben Sie ein Funkgerät für mich?" fragte sie.
Beckett stutzte verblüfft.
Sie sah ihn bittend an. „Ich möchte wissen, was passiert ist, seit ich ... Vielleicht kann ich noch etwas tun." Hoffnung und Furcht schwangen in ihrer Stimme mit.
Beckett zögerte, dann aktivierte er sein eigenes Gerät. „Elizabeth? Sie ist wieder wach, aber noch sehr schwach." Er wandte sich ab und ging ein paar Schritte, während er leise redete.
Vashtu konzentrierte sich auf ihren Körper, horchte in ihn hinein. Vor Ungeduld hätte sie schreien können. Die Schmerzen hatten jetzt, da sie still lag, etwas nachgelassen, waren aber immer noch vorhanden. Dafür schlich sich ein neues Gefühl in ihr ein: Sie hatte Hunger.
Ein gutes Zeichen? Sie wußte es nicht, aber zumindest konnte sie es hoffen.
Mühsam hob sie die Hände und zupfte sich das Pflaster von der Innenfläche der Rechten. Der tiefe Schnitt war verheilt. Zumindest schien ihr Körper, auch wenn er im Moment einen Kampf mit sich selbst austrug, noch zu funktionieren.
Beckett kehrte kurz darauf zurück, drückte ihr eines der kleinen Funkgeräte in die Hand, wie sie es auch während ihrer Mission getragen hatte. „Dr. Weir dankt Ihnen für Ihre Mithilfe", sagte der Mediziner dabei, klopfte ihr auf den Arm.
Vashtu lächelte gequält, steckte sich das vorgesehene Teil ins Ohr und aktivierte es. „Dr. Weir?"
„Ich bin froh, Ihre Stimme zu hören, Vashtu", hörte sie die Antwort der Expeditionsleiterin. Irgendwie fühlte sie sich gleich besser und schloß erleichtert die Augen.
Beckett hielt wieder ihr Handgelenk und studierte aufmerksam ihre Werte auf den verschiedenen Bildschirmen, die an ihrem Kopfende aufgestellt waren.
„Hat Dr. McKay inzwischen eine Lösung gefunden?" fragte die Antikerin.
„Ja, das hat er. Im Moment arbeiten hier alle an der Umsetzung", antwortete Weir. „Sie haben sehr gute Arbeit geleistet, Vashtu, und dafür möchten wir Ihnen danken. Aber jetzt sollten Sie sich ausruhen und wieder zu Kräften kommen. Ich bin sicher, wenn Sie wieder auf den Beinen sind, wird sich alles bereits gefügt haben."
Unwillig schüttelte Vashtu den Kopf. „Ich will ... Ich möchte wissen, was Dr. McKay für die beste Lösung hält. Vielleicht kann ich helfen."
Ein Knacken ging durch die Leitung. „Hier McKay. Wir sind gerade sehr beschäftigt. Also, wenn Sie keine bessere Lösung finden ..."
„Was ist die Lösung, Dr. McKay?" unterbrach Vashtu ihn.
Sie hörte ein genervtes Seufzen, konnte ein Grinsen kaum unterdrücken, auch wenn sie glaubte, dadurch Stromstöße in ihren Gesichtsmuskeln auszulösen.
„Nun, die Sache ist die, daß der Colonel zwar im Tor ist, aber noch nicht abgestrahlt wurde. Soweit kannten Sie das Problem ja bereits. Auf der Erde hatten wir vor einigen Jahren einen ähnlichen Fall. Ich werde Sie jetzt nicht mit Einzelheiten langweilen, Vashtu, jedoch sollten Sie wissen, daß Zeit eine gewisse Rolle dabei zu spielen scheint. Und diese Zeit tickt gerade etwas gegen uns."
Vashtu runzelte die Stirn. „Und was war auf der Erde die Lösung?" fragte sie.
„Die eingegangenen Daten aus einem nicht mehr intakten Wurmloch zu ziehen ist etwas schwierig. Es besteht für uns die Möglichkeit, daß wir uns selbst in die Luft jagen, wenn wir versuchen, den Colonel wieder herauszuholen. Wir müssen den Steuerkristall aus dem DHD entfernen, und das kann zu einer eklatanten Überlastung des Stargates führen. Mit anderen Worten: Es kann explodieren."
Vashtu riß die Augen auf und sank ins Kissen zurück. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle.
„Sie sehen, wir haben im Moment einige Probleme hier. Irgendwie müssen wir sicherstellen, daß unser DHD intakt bleibt und auch das Sternentor funktioniert. Ihre Art, das Problem mit dem Wurmloch zu lösen, hat nicht gerade zur Sicherheit einer Rückkehr beigetragen", fuhr McKay fort.
Vashtu dachte nach, kniff die Lippen aufeinander. „Was wird auf alle Fälle in die Luft fliegen, das Tor oder das DHD?" fragte sie schließlich.
„Was?"
Unwillig runzelte sie die Stirn. Zumindest ihr Hirn arbeitete noch einwandfrei, hoffte sie wenigstens. „Was wird explodieren, Dr. McKay? Tor oder DHD?" wiederholte sie. Das war ein Problem, das sie möglicherweise mithelfen könnte zu lösen.
„Nun, die Energieschwankungen zwischen beiden sind enorm", begann McKay zu dozieren. „Die Kräfte, die bei einem solchen Vorgang freigesetzt werden, könnten den gesamten Zentralturm in die Luft jagen und uns alle atomisieren. Die Wurmlochphysik hat noch keinen endgültigen ..."
„Tor oder DHD, Dr. McKay?" donnerte Vashtu plötzlich los, bereute ihren Ausbruch aber gleich wieder und stöhnte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.
„Auf der Erde explodierte das DHD", antwortete McKay endlich.
Vashtu seufzte und schluckte einige Male. Dann öffnete sie sehr konzentriert die Augen wieder. „Können alle mich hören?" fragte sie schließlich.
Ein Zögern, dann kam ein kurzes „Ja" von Weir.
Beckett betrachtete sie sorgenvoll, hielt noch immer ihr Handgelenk. Sie warf ihm einen aufmunternden Blick zu, war sich allerdings ziemlich sicher, daß dieser mißlang.
„Wenn Sie das DHD in der Kommandozentrale nehmen, wird wahrscheinlich auch ein Schaden am Hauptcomputer entstehen. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kommt es auf alle Fälle zu einer Überladung."
„Das erwähnte ich bereits." McKays Stimme klang alles andere als begeistert.
„Dann würde ich vorschlagen, Sie nehmen ein DHD aus einem Jumper."
„Damit uns ein ganzes Fluggerät um die Ohren fliegt? Vashtu, ich bitte Sie!"
„Nein, Sie müssen es ausbauen und durch eine externe Energiequelle mit dem Tor verbinden. Damit wird der Schaden so gering wie möglich gehalten. Die Stadt läuft im Moment über meine Befehle, Dr. McKay. Wenn sie erkennt, was da in ihr geschieht, könnte sie Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Bauen Sie ein DHD aus einem Jumper aus, verbinden Sie es mit dem Stargate und aktivieren Sie es, wie auch immer Sie das schaffen wollen. Wenn eine solche Kraft auf die Stadt einwirkt, wird sie reagieren."
Sie hörte eine andere Stimme etwas in einer ihr fremden Sprache sagen. „Das könnte die Lösung sein. Ich werde sofort in die Base hinaufgehen." Das mußte Dr. Zelenka sein.
Vashtu lächelte müde.
„Geht es Ihnen gut?"
„Warum sollte die Stadt auf ein Jumper-DHD reagieren?"
Sie stöhnte auf. „Lassen Sie das meine Sorge sein, Dr. McKay. Ich sagte doch, die Stadt reagiert im Moment auf mich. Wenn ich ihr befehle ... Wieviel Energie ist noch im ZPM?"
„Sie sprechen gerade von einem Schutzschild? Dafür wird es sicher nicht reichen."
Vashtu spannte die Kiefer an. Sie mußte aus diesem Bett heraus!
„Ich habe noch nicht alle Leitungen wieder schalten können. Das könnten wir nutzen, um das DHD des Jumpers anzuschließen", schlug sie vor. „Ich werde kommen."
„Das werden Sie schön bleiben lassen", entgegnete Beckett mit fester Stimme. „Sie sind noch nicht soweit."
Vashtu funkelte den Mediziner gereizt an.
„Was soll das jetzt werden? Wieder so eine Sheppard-Sache?" fragte McKay.
„Eine was?" Sie nahm all ihre Kraft zusammen und versuchte wieder, aufzustehen. Dieses Mal gelang es ihr zumindest, sich aufzurichten. Doch ein starkes Schwindelgefühl nagte an ihr.
„Vashtu, bleiben Sie, wo Sie sind. Dr. Beckett sagt, Sie haben unglaublich viel Kraft verloren", mischte Weir sich ein. „Ruhen Sie sich aus. Dr. Zelenka wird es auch allein gelingen, ein DHD auszubauen."
Warum wollte denn niemand verstehen?
Frustriert mußte Vashtu einsehen, daß ihre Kraft tatsächlich noch nicht ausreichen würde, um irgendetwas zu tun. Aber ...
„Die Kontrollen zu überbrücken, dürfte vielleicht etwas schwierig sein", entgegnete sie. „Wenn ich helfe, wird es möglicherweise einfacher. Immerhin kenne ich die entsprechenden Schaltkreise."
Weir zögerte, sie konnte es spüren.
„Carson? Was sagen Sie?" fragte sie dann schließlich.
Beckett musterte seine Patientin sehr konzentriert, schüttelte schließlich den Kopf. „Ich sage nein. Sie müssen sich ausruhen. Sie können im Moment doch gar nicht aufstehen."
„Es wird gehen", entgegnete Vashtu entschlossen, auch wenn sie sich nicht so sicher war. „Ich muß zum Hauptrechner und gegebenenfalls an das ZPM."
„Das würde die Schleife zwischen Tor und DHD nur zusätzlich aufstocken", entgegnete McKay sofort. „Fummeln Sie am ZPM herum, könnten Sie es entladen, und wir haben nur das eine."
„Nicht wenn ich den Bereich eingrenze", widersprach sie sofort.
Ein kleines Lachen drang durch den winzigen Lautsprecher. „Kommen Sie, so gut sind Sie nun auch wieder nicht."
Vashtu knirschte mit den Zähnen. „Ich muß den Bereich sehen können, um ihn abzuschirmen, Dr. McKay, und genau das ist im Moment das Problem. Ich muß an den Hauptrechner!"
„Also gut." Weir schien sich entschieden zu haben. „Sie werden per Funkkonferenz mit Dr. Zelenka zusammenarbeiten, um das DHD aus einem Jumper auszubauen und an das Gate anzuschließen. Sollten Sie anschließend kräftig genug sein, kommen Sie hierher und übernehmen den Hauptcomputer."
„Aber ..."
„Vashtu, ich muß Rodney recht geben. Sie benehmen sich im Moment wie ein zweiter John Sheppard. Aber selbst er hätte wohl in dieser Situation genug Verstand, um einzusehen, daß er nicht weiterhelfen könnte. Also werden Sie tun, was ich Ihnen sage. Sie bleiben im Bett, unter der ständigen Überwachung von Dr. Beckett. Sollten Sie sich bis zum Ende der Vorbereitungen soweit erholt haben, daß er Sie gehen läßt, kommen Sie her. Ansonsten bleiben Sie, wo Sie sind. Weir Ende."
Damit brach der Funkkontakt ab.
Vashtu starrte brütend vor sich hin und verfluchte sich selbst für ihre Schwäche.
Ihr Magen knurrte laut und vernehmlich.
„Nun, das ist zumindest ein gutes Zeichen", sagte Beckett.

Stunden später

Vashtu saß mit blassem Gesicht am Panel, arbeitete konzentriert mit den Kristallen. Ab und an mußte sie innehalten, weil ihr immer noch schwindlig war. Doch sie hatte Beckett nach dieser Nacht zumindest soweit überzeugen können, daß er sie unter Vorbehalt laufen ließ. Hoch und heilig hatte sie ihm versprechen müssen, sich nach diesem Rettungsversuch sofort wieder ins Bett zu legen, denn sonderlich viel Schlaf hatte sie nicht bekommen.
Sie war überrascht, wie gut sie mit Zelenka zusammengearbeitet hatte. Beide waren sie, kurz nach ersten frustrierenden Fehlversuchen, auf den Gedanken gekommen, daß sie ihn per Videobild genau beobachten konnte, während sie ihm erklärte, was er tun sollte. Auf diese Weise war es ihnen schließlich gelungen, das DHD aus dem lädierten Jumper 13 aus- und im Torraum aufzubauen.
Anders war die Sache allerdings zwischen ihr und McKay gelagert. Er gab zwar zähneknirschend zu, daß sie vielleicht den richtigen Gedanken gehabt hatte, aber freien Zugriff auf das ZPM gewährte er ihr trotzdem nicht. Statt also in der Versorgung kurzzeitig die Energie zu manipulieren, mußte sie ihr Vorhaben nun vom Hauptrechner aus steuern.Der Haken an der Sache war, daß sie nur eine ungefähre Vorstellung von dem hatte, was sie tun wollte. Der Speicher des Rechners, der ihre persönliche ID als die eines unumschränkten Herrschers über die Stadt anerkannte und auf ihre gedanklichen Fragen und Bilder unmittelbar reagierte, war einfach nur übervoll. Allein die Daten für den Schutzschild mußten Dimensionen erreicht haben, die sie sich kaum vorstellen konnte. Und nach zehntausend Jahren konnte sie sich eine Menge vorstellen.
Zudem mußte sie die Lebenserhaltung und alle anderen benötigten Programme laufen lassen, was sie teilweise von ihrem Vorhaben ablenkte.
„Wir sind bereit, falls Sie es sind."
Vashtu konzentrierte sich noch einmal auf ihre Anfrage. Über die Anzeigen huschten tausende von Unterpfaden. Stur blieb sie bei ihrer Anfrage, statt sich wieder ablenken zu lassen. Und dann ...Sie atmete tief ein. „Bereit."
Sie blickte auf.
Sie hatte zwar nicht den besten Blick auf den Torraum, aber es war besser als gar nichts. McKay, der am DHD stand und auf ihr Einverständnis wartete, konnte sie allerdings hervorragend sehen, was sie auch mußte.
Der Wissenschaftler sah jetzt hoch, sein Blick schien sich in ihrem zu verfangen und sie anklagen zu wollen.
„Sobald Sie das Tor geöffnet haben, sehen Sie zu, daß Sie verschwinden. Ich werde das DHD abschirmen. Wenn Sie dann noch in seiner Nähe sind ..." Den Rest des Satzes ließ sie offen.
Weir warf ihr einen kurzen Blick zu, nickte dann stumm und kreuzte die Arme vor der Brust.
„Falls Sie es schaffen, das DHD abzuschirmen, meinen Sie", antwortete McKay.
„Ich werde es abschirmen und hoffen, daß nicht das Tor überlädt", entgegnete sie.
Wieder ein kurzes humorloses Lachen.
„Rodney, Sie sagten, wir hätten nur eine bestimmte Zeitspanne. Wir sollten unser Glück nicht zu sehr herausfordern", sagte Weir jetzt.
„Ja ja, schon gut. Also gut, versuchen Sie bitte, nicht die ganze Stadt in die Luft zu jagen. Und es ist möglich, daß es einige Sekunden dauert."
Vashtu nickte stumm, machte sich innerlich bereit und zog einen Kristall aus seinem Fach, um ihn gegen einen anderen auszutauschen.
„Ich gebe jetzt die Adresse ein", sagte McKay.
Vashtu sah wieder auf, den Kristall halb in die leere Bucht geschoben. Sie wollte den Schild manuell hochfahren und auf ihr Blickfeld ausrichten. Sie konnte nur hoffen, daß der Computer schnell genug reagierte und sie nicht zufällig die falschen Befehle gegeben hatte.
Das Gate reagierte, die Chevrons rasteten eines nach dem anderen ein.
Vashtu atmete tief ein. Sie mußte sich zwingen, nicht auf das Tor zu starren, sondern McKay und das DHD im Auge zu behalten. Der Wissenschaftler drückte fleißig Tasten.
Spannung lag in der Luft, man hätte sie beinahe greifen können. McKay gab das letzte Symbol ein und ...
Ein Keuchen ging durch den Raum. Ein geisterhaftes Licht begann innerhalb des Tores zu tanzen. Es wirkte vollkommen anders als ein Wurmloch, durchsichtig und ätherisch.
Vashtu riß sich mit Gewalt von diesem Anblick los. McKay hatte immer noch das DHD in den Händen und starrte auf das, was da vor ihm passierte.
„Oh mein Gott!" hörte sie Weir flüstern.
Kurz schielte sie zu den Energieanzeigen hinüber, die sie sich mittels eines irdischen Laptops neben die Steuerkonsole geholt hatte. Noch waren keine ... Eine Spitze!
Vashtus Kopf ruckte hoch. „McKay, weg da! Sofort!" rief sie in ihr Mikro.
Der Wissenschaftler reagierte einen Moment lang nicht, starrte weiter auf die geisterhafte Erscheinung im Tor.
Vashtu sah wieder auf die Energieanzeigen, zuckte dann zusammen, als sie das Krachen einer Entladung hörte. Die Werte stiegen immer weiter an, sprunghaft und unberechenbar. Doch es fand zwischen Tor und DHD statt, nirgends sonst.
„McKay!"
Endlich reagierte der Wissenschaftler, wenn auch langsam wie ein Schlafwandler. Er legte das DHD auf den Boden vor dem Tor und ging weg, nachdem er sich aufgerichtet hatte.
„Wow!"
Bowman, der am eigentlichen DHD saß, hob die Hände. Ein kleiner Blitz zuckte über die Tasten, verschwand dann innerhalb des Gerätes. Hatten sie irgendeine Verbindung übersehen?
Vashtu erhob sich halb, um das DHD weiter im Auge zu behalten. Mit einem Ruck schob sie den Kristall in seine Bucht und konzentrierte sich.
„Es funktioniert!" rief Weir in diesem Moment.
Vashtu gab die Position des Schutzschildes ein. Sie durfte ihm nicht zuviel Energie zuführen, sonst könnten die Überladungen des Tores und des DHDs Schaden am ZPM anrichten. Das hatte sie eigentlich verhindern wollen mithilfe eines zwischengeschalteten Naquadah-Generators, aber McKay hatte sich ja permanent dagegen gesperrt.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie eine Gestalt aus dem Ereignishorizont robbte und erleichterte. Und dann erkannte sie die Schwäche in ihrem Plan.
„Was, zum Teufel, ist hier los?" hörte sie eine bekannte Stimme in ihrem Ohr, hätte aufheulen können vor Freude und Erleichterung. Dann aber fiel ihr Blick wieder auf die Anzeigen.
„Überladung! John, mach, daß du da wegkommst!" rief sie.
Sie konnten das Tor nicht abschalten! Wenn es jetzt nicht von selbst reagierte, hatten sie ein großes Problem. Sie konnte den Schutzschild zwar auf den ganzen Torraum erweitern, aber nicht, solange McKay und Sheppard dort unten waren.
Die Symbole des Tores leuchteten auf, das DHD unter seiner energetischen Schutzkappe sprühte Funken.
„Es schaltet sich nicht ab", stellte Bowman fest.
Vashtus Kopf ruckte zwischen Bildschirm und Torraum hin und her, während sie fieberhaft überlegte, was sie tun konnte.
Die Energiespitzen nahmen immer mehr zu. Und das Tor ...
Vashtu begriff und begann fieberhaft zu überlegen.
„Was ist hier los?" rief Sheppards Stimme von der Tür her.
„Willkommen zurück, Colonel", sagte Weir.
Energie. Sie mußte dem DHD mehr Energie zuführen. Aber wie?
„Bowman." Sie sah auf, nahm am Rande wahr, daß Sheppard sich neben sie gestellt hatte und aufmerksam beobachtete. „Wir haben eine Verbindung, irgendein Kabel übersehen. Sie müssen das ... das, was auch immer es ist, jetzt unterbrechen."
Der Techniker drehte sich mit ratlosem Gesicht zu ihr um.
„Wir haben nicht nur Colonel Sheppard im Speicher gehabt. Was auch immer von der anderen Seite kam, ist auch drin und versucht jetzt, den Speicher zu verlassen." fügte sie hinzu.
In diesem Moment donnerte eine gewaltige Explosion gegen den Schild. Das DHD des Jumpers existierte nicht mehr.

TBC ...