07.04.2010

Becketts letzter Dienst VIII

„Vash?" Der fragende Ruf erklang über die angeblich beruhigende Dudelei in der Mall, die die Kunden zum Kauf animieren sollte. Vashtu hatte diese Musik bisher eigentlich eher als abschreckend empfunden. Ein Grund mehr, der Einkaufs-Mall so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Die Antikerin drehte den Kopf und begann zu lächeln. „Marnie!" Sie sah hoch zu John, der ebenfalls einen Blick über die Schulter warf, sie dann fragend ansah. „Marnie Evans, eine Ärztin aus dem SGC, und eine Freundin von mir", erklärte Vashtu, löste sich dann widerstrebend von ihm.

Die blonde Ärztin musterte sie von oben bis unten. „Wo hast du denn gesteckt die letzten Tage? Ich habe mehrmals versucht, dich zu erreichen." Fragend sah sie zu John, nickte anerkennend. „Ist er das?" zischte sie dann.

Vashtu lächelte glücklich. „John und ich waren unterwegs. Ein bißchen Snowboarden und ... mehr", antwortete sie, dann wurde sie ernst. „Ich habe unsere Meditationsstunde vergessen! Oh nein!"

Marnie nickte. „Stimmt", sagte sie, begann dann aber zu lächeln. „Aber bei einem solchen ... Naja, dir sei verziehen."

Vashtu lachte leise auf. „Johns Urlaub ist leider fast vorbei. Heute abend wollten wir es uns noch einmal in meinem Apartment gemütlich machen, morgen bringe ich ihn dann nach Cheyenne-Mountain."

„Gemütlich machen ... soso." Marnie nickte vieldeutig. „Ich hatte da irgendetas am Rande gehört, aber ... Du hast einen guten Geschmack, Vash, das muß man dir lassen." Wieder ein anerkennender Blick auf die hochgewachsene Gestalt.

Vashtu kicherte. „SG-1 und mein Team haben zusammengelegt und uns einen Präsentkorb geschenkt, damit wir ... naja, ich denke, du weißt, was ich meine." Unvermittelt wurde sie ernst. „Sag mal, was sind Verhütungsmittel?"

Die Ärztin starrte die Antikerin einen Moment lang mit großen Augen an, dann faßte sie sich. „Verhütungs... ?" Sie atmete tief ein. „Vash, du hast doch nicht etwa ohne ... Du bist doch noch immer fähig ..." Sie schloß den Mund, musterte die andere entschlossen von Kopf bis Fuß. „Okay, wenn du deinen Colonel morgen gut durch das Tor gebracht hast, meldest du dich bitte umgehend bei mir. Wir werden da einige Tests durchführen."

Vashtu blinzelte verständnislos. „Warum denn das?" fragte sie. „Es geht mir doch gut."

„Ihr zwei werdet doch nicht nur Händchen gehalten haben die letzten Tage, oder?" Marnie kreuzte die Arme vor der Brust.

Die Antikerin runzelte die Stirn. „Das ist zwar ... Nein, haben wir nicht. Und?" fragte sie herausfordernd.

Marnie nickte. „Komm einfach zu mir morgen, dann erkläre ich es dir", sagte sie, warf noch einen Blick auf John. „Aber das muß man dir lassen. Einen ausgesucht guten Geschmack hast du. Allerdings, ein bißchen mehr Verstand sollte man zumindest ihm zutrauen." Sie schüttelte den Kopf, wandte sich dann wieder ihrer Freundin zu. „Bis morgen dann. Und ich bitte um einen genauen Report."

Vashtu hatte ihren Argwohn schon wieder vergessen. Breit und zufrieden grinsend schüttelte sie den Kopf. „Privatsache, Doc."

„Und ich bin deine Ärztin und unterstehe der Schweigepflicht. Machs gut! Bis morgen!" Marnie drehte sich um und verschwand in einem anderen Gang.

Vashtu fühlte sich nun doch etwas verunsichert.

Was hatte das zu bedeuten? Warum bestand Marnie so vehement auf ihrem morgigen Besuch? Hatte sie am Ende irgendetwas nicht richtig begriffen?

„Kommst du?" Johns Stimme klang zärtlich.

Vashtu drehte sich um und kehrte zu ihm zurück, um sich liebevoll von ihm in seine Arme schließen zu lassen. „Ich will doch heute für dich kochen, damit du nicht eine ganz so schlechte Meinung von mir mitnimmst", sagte sie, reckte sich ihm dann für einen Kuß entgegen.

„Wie könnte ich?" Johns Lippen streiften die ihren. „Du bist das beste, was mir je passiert ist."

„Mal sehen, was du heute abend von mir hälst." Vashtu fühlte sich sehr zufrieden mit sich selbst. Marnie und ihre kryptischen Äußerungen waren vergessen.


***


Vashtu blickte ein wenig verzweifelt auf die Uhr, dann wieder auf den Backofen. Schließlich preßte sie die Lippen fest aufeinander, um einen Fluch zu unterdrücken.

Wieder hatte sie alles falsch gemacht. Dabei hatte sie es doch nur gut gemeint. Einmal war es ihr sogar gelungen, als sie den Frauen-Poker-Abend ausrichtete, hatte sie auch gekocht, das gleiche. Und da war es perfekt gewesen.

John lehnte sich über den Tresen und runzelte die Stirn. „Okay, es wird allmählich spät", sagte er und hielt plötzlich den Flyer eines Lieferservice in der Hand. „Vielleicht sollten wir ..."

Vashtu drehte ihm demonstrativ den Rücken zu und schraubte an der Temperaturanzeige.

Dieser dämliche Vogel würde doch wohl kleinzukriegen sein! So leicht jedenfalls würde sie sich nicht geschlagen geben.

John mußte ein Lachen unterdrücken, als er ihre angespannte Gestalt betrachtete. „Vorführeffekt", kommentierte er schließlich.

„Was?" Jetzt drehte sie sich doch wieder um und sah ihn stirnrunzelnd an.

Er wies auf den Backofen. „Man nennt es Vorführeffekt, wenn etwas nicht klappen will", erklärte er, wieder ernst werdend. „Hör zu, Vash, ich glaube dir auch so, daß du kochen kannst. Und ich glaube dir auch, daß du deinen Haushalt im Griff hast. Irgendwie standen wir beide ihm gegenüber nur von Anfang auf dem falschen Fuß. Aber ich habe deine Wohnung gesehen, als ich reinkam. Reicht dir das nicht?"

„Nein!" Entschieden öffnete sie jetzt doch die Ofenklappe und starrte den Truthahn an, als könnten allein ihre Blicke dafür sorgen, daß er endlich fertig war. Dabei fiel ihr endlich etwas auf. „Oh nein!" entfuhr es ihr. Sie hielt die Hand in den Backofen, zog sie dann wieder zurück und musterte genau und streng die Einstellungen.

„Was ist los?"

Sie hatte den Herd eingeschaltet. Die Platten funktionierten auch, daran gab es keinen Zweifel. Zumindest die Beilagen waren fertig. Aber der Backofen ...

Wieder hielt sie ihre Hand hinein, richtete sich dann seufzend wieder auf.

Dabei hatte sie sich diesen Abend als etwas vorgestellt, was John in positiver Erinnerung bleiben sollte, nicht als die Katastrophe schlechthin. Einmal zumindest hatte sie etwas richtig machen wollen. Und ausgerechnet an diesem Abend streikte ihr Backofen!

„Er heizt nicht." John war nun doch endlich um den Tresen herumgekommen und hatte ebenfalls eine Hand in das Rohr gesteckt. „Kein Wunder, daß der Vogel nicht gar wird. Aber ..." Er tippte den gefüllten Braten mit dem Finger an. „Naja, zumindest lauwarm, aber nicht durch."

„Das habe ich auch schon bemerkt." Vashtu seufzte, als müsse sie die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern tragen. „Dabei hatte ich diesen Abend doch als etwas ganz besonderes geplant. Du ißt doch gern Truthahn."

John richtete sich wieder auf und schnüffelte über den Töpfen, die die Beilagen zum Braten beinhalteten. „Zumindest der Rest riecht doch sehr verführerisch. Also, ich brauche nicht unbedingt Truthahn. Mir würden die Beilagen reichen."

„Aber ..."

John richtete sich wieder auf und sah sie streng an. „Wir essen die Beilagen, das reicht. Du hast hier sowieso für ein ganzes Regiment gekocht, Vash. Das würden wir beide nie im Leben heute abend allein vertilgen." Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich. „Wenn der Ofen kaputt ist, kannst du doch nichts daran ändern, mh? Mach dir jetzt keine Vorwürfe." Mit einem Finger hob er ihr Kinn und küßte sie sanft.

„Aber ..."

„Ich habe Hunger - und zwar auf mehr als die Beilagen, wenn wir genau sein wollen. Heute nacht hatte ich nicht vor, viel zu schlafen. Nicht in unserer letzten Nacht."

Ein leises Licht stieg in ihre Augen. „Du denkst nicht, ich bin eine Niete?" fragte sie.

„Wie könnte ich? Ich habe deine Wohnung gesehen, als wir hier ankamen", entgegnete er. Dann begann er spitzbübisch zu lächeln. „Andererseits ... wenn ich da an deinen Kühlschrank denke ..."

„Ich war die letzten Wochen sehr beschäftigt und habe im SGC gegessen!" warf sie entrüstet ein.

Wieder küßte er sie. „Ich mag es, wenn du wütend wirst, Vash", gurrte er ihr zärtlich ins Ohr.

„Und du bist immer noch ein Schuft." Ihr Ärger war gespielt, das sah er sofort.

„Stimmt. Dann laß uns jetzt endlich essen, ehe die ganze Nacht herum ist und wir zu gar nichts mehr kommen."

Vashtu sah zu ihm hoch. Wieder war da eine gewisse Leidenschaft in ihren Augen, etwas, was er die letzten Tage sehr zu schätzen gelernt hatte. „Ich liebe dich, John", flüsterte sie endlich, drängte sich dann an ihn.

Er atmete tief ein und drückte sie fest an sich. „Ich liebe dich auch, Vashtu. Ich liebe dich mehr als mein Leben", antwortete er mit geschlossenen Augen. Und wieder stieg in ihm eine Erinnerung auf. Eine Erinnerung an ihrer beider Liebesboten.

Als er die Augen öffnete, sah er den gleichen Schimmer in ihren Augen, und er wußte, diese Erinnerung an Carson Beckett teilten sie gemeinsam.

Der Arzt hatte sein Versprechen gehalten, wenn auch auf andere Art, als er vielleicht geglaubt hatte. Er hatte sie beide wieder zusammengeführt, sie ihren albernen Streit vergessen lassen. Er war wirklich zu ihrem Armor geworden, zu ihrem Liebesboten. Carson Becketts letzter Dienst war erfüllt ...


***


John saß an Vashtus Bett, hielt ihre Hand in seiner. Ihre Blicke waren ineinander verschlungen, und sie schwiegen. Sie brauchten keine Worte für das, was sie sich mitzuteilen hatten.

Carson Beckett stand schon eine Weile in der Nähe, lächelte über das Paar. Nun trat er an das Bett heran und räusperte sich vernehmlich.

Beide zuckten zeitgleich zusammen und blinzelten, richteten dann ihre Aufmerksamkeit auf ihn. John drehte sich zu dem Mediziner um, Vashtu holte tief Atem.

„Colonel, schön, daß Sie wieder Zeit gefunden haben. Vashtu ..." Beckett nickte.

Wenn das Zusammenspiel zwischen der Antikerin und dem Colonel nicht so innig wäre, wenn sie nicht so gut zueinander passen würden - zumindest in seinen Augen -, er hätte vielleicht ein bißchen eifersüchtig werden können auf ihr Verhältnis.

Andererseits aber ... Er war einer der ersten gewesen, die sie beide damals zusammen erlebt hatten, nachdem die Antikerin aus den Tiefen der Zeit aufgetaucht war. Und er hatte sofort gesehen, was zwischen ihnen vorging. Keiner von ihnen konnte sich wirklich gegen das wehren, was da zwischen ihnen gewachsen war. Selbst nach mehr als einem Jahr der Trennung war ihr Verhältnis nur noch inniger geworden statt abzukühlen.

„Was gibt es?" fragten beide zeitgleich.

Beckett schüttelte lächelnd den Kopf, richtete seine Aufmerksamkeit dann auf das Klemmbrett, das er mitgebracht hatte und begann in Vashtus Krankenakte zu blättern. Dann aber wurde er wieder ernst und seufzte. „Leider muß ich euch beiden mitteilen, daß das SGC allmählich seine vermißten Teammitglieder zurückhaben möchte. Ich habe mich für eine Rekonvaleszenzzeit ausgesprochen, aber Landry meint, die könntest du auch auf der Erde absolvieren."

Beide starrten sich groß an, doch gleichzeitig sah der Arzt auch, daß sie von Anfang an gewußt hatten, daß sie irgendwann wieder getrennt werden würden.

„Wann?" Wieder fragten sie zeitgleich, ließen sich nicht aus den Augen.

„Ich habe noch drei Tage herausschlagen können", erklärte Beckett. „Nutzt die Zeit, alle beide. Wer weiß, wann ihr euch wiedersehen werdet." Er klappte die Akte zu und betrachtete beide wieder.

Ein tiefer Schmerz war jetzt auf ihren Gesichtern zu lesen, der auch ihm ins Herz stach.

Wie mußte es sein, seinen eigenen Gegenpart zu lieben? Er wußte es nicht, er wußte nicht einmal, ob das eine Erfahrung war, die er gern mit ihnen teilen würde. Doch ihm war von Anfang an klar gewesen, daß sie beide zusammengehörten. Und jetzt ...

Er betrachtete das eigenartige Paar. Und plötzlich war es ihm, als könne er die stummen Worte hören, die ihre Gedanken waren. Es war, als gäbe es da etwas, was ihn mit ihnen beiden verband, etwas, was er noch nie empfunden hatte. Doch es erschien ihm gerade zwischen ihnen als richtig - und auch als wichtig. Und ihm wurde klar, daß sie in Wirklichkeit nicht mehr getrennt werden konnten. Vashtu Uruhk und Colonel John Sheppard waren etwas eingegangen, mit ihm als Zeugen, was sie drei miteinander verband und sie aneinanderschweißte.

Carson Beckett fühlte eine tiefe Zufriedenheit in sich wachsen. Einen Moment lang betrachtete er das Paar noch, an dessen Erfüllung er so lange und behaarlich mitgearbeitet hatte, dann wandte er sich ab und ging.


***


„Ja, Sir, ich verstehe." John nickte ein wenig steif. Er wußte noch immer nicht so recht, was er von General Landry zu halten hatte. Auf der einen Seite war er ihm dankbar für das eine oder andere, auf der anderen Seite aber ...

„Gut, dann können Sie allmählich los. Atlantis wird Sie schon vermissen, Colonel." Der General lächelte.

„Eingehendes Wurmloch", meldete der bereitsitzende Techniker.

John sah unwillkürlich in den Gateroom hinaus, der so ganz anders war als der, den er gewohnt war. Tief unter der Erde, keine Fenster, durch die buntes Licht hereinströmen konnte, und statt eines Energieschirmes die metallene Iris.

Seine Augen wurden groß, als er die Gestalt sah, die auf der Rampe stand, spitzbübisch zu ihm hochlächelte.

„Vash ..." flüsterte er, drehte sich um und verließ die Kommandozentrale.

„SG-1 Code, Sir", hörte er den Techniker noch hinter sich sagen, dann eilte er den Gang hinunter zum Torraum.

Landry blickte in gerade diesem Moment zum Fenster hinaus. Etwas ratlos starrte er auf die Antikerin hinunter, die unverrichteter Dinge vor der noch geschlossenen Iris stand. „Was ... ?" In diesem Moment bemerkte er die zweite Gestalt, hochgewachsen und schlank, die vor der Rampe stehenblieb.

„Was haben die beiden denn vor?" fragte Walter, der Techniker.

„Gute Frage ..." Landry runzelte die Stirn. „Iris öffnen. Abhauen können sie ja schließlich nicht."


John blieb wie angewurzelt vor der Rampe stehen. Die Marines, die sich als Wache im Torraum befanden, wechselten ratlose Blicke, zuckten dann aber mit den Schultern.

Vashtu stand oben vor dem Tor und sah zu ihm hinunter, ein zärtliches Lächeln auf den Lippen und Worte in den Augen, die nur er lesen konnte.

Langsam stieg er die Rampe hinauf, die so ungewohnt für ihn war. Dabei ließ er sie nicht eine Sekunde aus den Augen, ebensowenig wie sie ihn.

Bilder der letzten Nacht stiegen in beiden auf. Diese süße Liebe, gepaart mit dem Abschiedsschmerz, stand in ihren Gesichtern geschrieben. Um sie herum versank die Welt.

Vashtu sah ihn auf sich zukommen. Erwartungsvoll hob sie den Kopf. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Noch einmal, ein letztes Mal, bevor sie beide wieder voneinander getrennt waren, wollte sie ihm nahe sein. Ein allerletztes Mal seinen Körper spüren.

John blieb dicht vor ihr stehen, sah sie noch immer an. Und in seinem Blick las sie etwas, das sie erst jetzt zu verstehen begann.

Die Iris hinter ihr wurde eingefahren.

Noch immer standen sie einander gegenüber, so dicht, daß sie nur ihre Hände auszustrecken brauchten, um sich zu berühren. Noch immer waren ihre Blicke ineinander verschlungen und die Welt um sie her einfach nicht mehr da. Nur sie beide zählten - und das, was ein Dritter für sie getan hatten.

„Ich liebe dich", flüsterte sie schließlich, ließ ihren Mund nach diesen Worten leicht geöffnet.

John sah sie immer noch an, öffnete seine Lippen jetzt ebenfalls. Und dann ... Der magere Rest ihrer Umgebung schien zu explodieren in der gewaltigen Leidenschaft, mit der sie sich in die Arme fielen und ihre Lippen sich berührten.

Hinter Vashtu trat als erster der Jaffa Teal'C aus dem Tor. Mit einer fragend gehobenen Braue sah er das Paar an, während er mit sicheren Schritten die Rampe hinunterschritt. Dr. Daniel Jackson folgte ihm dicht auf, stutzte kurz, schüttelte dann den Kopf und blieb wartend stehen, während Vala Mal Doran nun aus dem Wurmloch trat, die beiden Liebenden mit großen Augen anstarrte. Jackson wechselte einen Blick mit der Außerirdischen. Sie lächelte verführerisch. Er schüttelte nur den Kopf und marschierte endlich weiter, Vala hinter sich wissend. Dann trat Colonel Samantha Carter aus dem hellen Gleißen hervor. Ein leises Lächeln bildete sich auf ihren Lippen und sie drehte sich im Gehen etwas um, während nun auch Colonel Cameron Mitchell das Wurmloch verließ. Einen Moment lang riß er die Augen auf, dann war es, als senke sich ein düsterer Schleier über sein Gesicht. Angespannt und konzentriert nach vorn starrend marschierte er an dem Paar vorbei.

Und, sich noch immer fest und sicher haltend, standen Colonel John Sheppard und Major Vashtu Uruhk vor dem geöffneten Wurmloch. Sie blickten sich einen Moment lang an, ein leises, wissendes Lächeln nach dem ersten, ehe sie nun den letzten sehnsüchtigen Kuß tauschten.


04.04.2010

Becketts letzter Dienst VII

Vashtu seufzte, lehnte sich gegen die Tür und wartete ein wenig mißmutig. Dabei blickte sie den Gang hinauf und hinab, bis ihre Augen an einem gerahmten Plakat kleben blieben. Interessiert trat sie näher und las es sich aufmerksam durch, um schließlich breit zu grinsen.

Da war ihr doch glatt gerade noch ein Einfall gekommen ...


***


„Was hälst du von Wellness?"

John blinzelte. Er war schon fast eingeschlafen. Der Tag war lang und, zugegebenermaßen, auch ein wenig anstrengend gewesen. Wenn auch nicht wie in der Pegasus-Galaxie oder die letzten Tage in ihrer Wohnung. Er schätzte, allein die Herfahrt und dann der späte Nachmittag auf der Piste an der frischen Luft ließen ihn ein wenig schläfrig werden.

„Von was?" Er bewegte leicht den Kopf. Ihr strubbeliges Haar kitzelte an seiner Kehle.

„Wellness. Was hälst du von Wellness?" wiederholte Vashtu sanft, hob jetzt den Kopf und drehte sich leicht, um ihm in die Augen zu sehen.

John blinzelte. „Mit dir?" fragte er schließlich.

Vashtu grinste. „Denkst du, ich lasse dich auch nur fünf Minuten allein, John Sheppard? Damit die nächste Frau dir den Kopf verdrehen kann?"

Er schürzte die Lippen, begann dann aber zu lächeln. „Warum eigentlich nicht?" sagte er dann. „Wann?"

Sie löste sich aus seinen Armen, beugte sich über ihn und griff nach dem Telefon, das auf einem der beiden kleinen Nachttische stand. „Morgen? Das Wetter soll sowieso nicht besonders werden."

John streckte sich. „Warum nicht." Seine Hand kam auf ihrem Becken zu liegen, strich sacht über die weiche Haut.

Vashtu drückte eine Taste und wartete dann, bis sich offensichtlich jemand am anderen Ende der Leitung meldete. Dann bestellte sie, für den morgigen Tag, was sie wollte, legte schließlich wieder auf.

Johns Hand streichelte sie leise weiter und er beobachtete sie in dem wenigen Licht, das durch die Fenster hereindrang. Schneelicht, so hatte er das auf MacMurdo immer genannt. Die Nacht schien nicht ganz so dunkel in seinen Augen, wenn Schnee und Eis zu leuchten schienen. Und auch ihre Silhouette leuchtete, ging ihm auf. Zumindest erschien es ihm so.

Die Formen ihres Gesichtes, ihres strubbeligen Haares, alles schien scharf umrissen von etwas, was ihm erst jetzt auffiel. Und als er seine Hand kurz hob, war es hier das gleiche.

„Schneelicht ..." murmelte er.

Vashtu richtete sich wieder auf, beugte sich über ihn. „Was?" fragte sie. Das Weiß ihrer Augen schimmerte leicht.

John lächelte. „So habe ich das auf MacMurdo genannt, wenn die Nacht nicht wirklich finster werden wollte. Schneelicht."

Sie nickte verstehend, kroch zu ihm hoch und küßte ihn sanft. „Manchmal hast du wirklich sehr interessante Einfälle, John", wisperte sie ihm zu.

„Manchmal?" Ein verschmitztes jungenhaftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Sie schien dieses Lächeln zu erwidern. Dadurch, daß sie ihn jetzt ansah, lagen ihre Züge vollkommen im Dunkeln. „Für mich immer", wisperte sie sanft, küßte ihn wieder.


***


John lehnte sich entspannt gegen die Wand zurück und schloß die Augen.

Dieser Urlaub war einfach ... unvorstellbar! Nie hätte er es sich träumen lassen, daß sie beide zusammen so viel Spaß haben konnten. Und jetzt bedauerte er fast, wie schnell es vorbei ging.

So gern würde er sie mit sich nehmen. Für ihn gehörte Vashtu zu Atlantis, mochten die Bestimmenden noch so sehr dagegen wettern. Dort lag ihre Heimat, dort war sie zu Hause. Was sie sich auf der Erde aufgebaut hatte, spielte zwar eine Rolle, doch er glaubte nicht so wirklich daran, daß man sie würde halten können, wenn sie die Wahl hätte.

Die Antikerin lehnte sich an seinen Arm und atmete tief ein. „Sauna ist was feines", murmelte sie.

„Stimmt." John hob den Arm und legte ihn ihr um die Schultern.

Die Zeit im Sporthotel in den Rocky Mountains verflog unglaublich schnell.

Wie konnte nur irgendjemand denken, ihre Beziehung könne irgendetwas zerstören? Bis jetzt kam sie ihm mehr als nur fruchtbar vor, mußte er sich eingestehen. Wenn vielleicht auch nicht alles, wie immer, regelgerecht vor sich ging - wie mit den Hundemarken, die sie nun ja beide zu tragen hatten.

Irgendwie hatte Vashtu am Morgen einen Weg gefunden, die groben Ketten zu öffnen. Auch wenn es nicht erlaubt war, hatten sie je eines der beiden Metallschildchen getauscht, daß jetzt ihrer beider Namen an jeder Kette hing.

John war sich nicht so ganz sicher, was er von diesem Spaß halten sollte, auf der anderen Seite war er nur zu gern darauf eingestiegen.

Die Tür öffnete sich, ein anderes Paar kam in die Sauna, setzte sich zu ihnen.

John drückte Vashtu zärtlich an sich. „Es war ein selten guter Gedanke, vor deinem nervenden Nachbarn hierher zu fliehen", wisperte er ihr zu. „Hätte von mir stammen können."

Sie lächelte zufrieden und glücklich. Ihre Hand lag entspannt auf seinem flachen Bauch.

So sollte es sein, fand er, so sollte es immer sein. Doch er war sich auch allzu bewußt, daß es nicht so bleiben konnte.

Konnte eine Beziehung so auf Dauer halten?

Bei jedem anderen Paar hätte er das weit von sich gewiesen. Bei ihnen beiden allerdings ...

Ihm war wirklich nicht entgangen, wie ähnlich sie sich tatsächlich waren. Es war mehr als nur dieser perfekte Gleichklang während ihrer Liebesspiele. Früher hatte er nie darauf geachtet, inzwischen aber tat er es ab und an. Gut, Vashtu dachte nicht in allem gleich wie er, aber zumindest die Richtung stimmte meist auf beinahe unheimliche Weise überein. Wenn zwei aber zueinander fanden, sie sich so ähnlich waren wie sie, konnte eine Wochenbeziehung vielleicht die Lösung für die sonst unvermeidlichen Reibereien sein.

Wer konnte das sagen?

Beckett hatte es ihm gesagt. Carson hatte mehr als einmal auf ihn eingeredet, vor allem, nachdem er sich wirklich hatte von Vashtu trennen wollen, wenn sie nicht von ihrem Vorhaben mit der Air Force abrückte. Beckett hatte ihm gründlich den Kopf gewaschen - und inzwischen mußte er dem Mediziner auch recht geben.

Das andere Paar sah etwas mißtrauisch zu ihnen hinüber.

Ein breites Grinsen stahl sich auf Johns Gesicht. Er tippte Vashtu mit einem Finger an und wartete, bis sie zu ihm hochsah, ehe er ihr zuzischte: „Wollen wir den beiden mal ... ?"

Die Antikerin grinste und beugte sich, ihm ihre Arme um den Hals legend, zu ihm vor, um ihn in einen leidenschaftlichen Kuß zu ziehen.

Das Paar starrte sie an, zwei Augenpaare wurden noch größer, als John begann, Vashtus Hinterteil zu befühlen und ihre Hand zu seinen Lenden glitt. Aufgeregt zischend und flüsternd erhoben die anderen sich und verließen so schnell wie möglich die Sauna wieder.

Vashtu drehte den Kopf und sah ihnen sinnend nach.

„Machen wir so weiter, landen wir tatsächlich noch hinter Gittern", bemerkte John grinsend.

„Und wenn schon. Dann ziehe ich die Gitter auseinander und wir können fliehen."


***


Nach Massagen und einem, beinahe unangenehm kalten Bad saßen sie beide jetzt, wieder eng umschlungen, wie es Vashtu nach immer sein sollte, in einem großen Whirlpool. Johns Hand streichelte sanft ihren Arm, während sie ihren Kopf wieder auf seine Brust gesenkt hatte und das blubbernde Wasser sanft betrachtete.

Ein wunderschöner Tag, so wunderschön, das sie es kaum glauben konnte, das sie das bisher nicht ausprobiert hatte. Allerdings, und da kamen ihr ehrliche Zweifel, war sie sich nicht sicher, ob sie allein ebenso empfunden hätte. Mit John zusammen ließ sie sich eine Menge gefallen, an seiner Seite wurde sie ruhiger - wie auch er ruhiger zu sein schien. Zumindest ruhiger, als sie ihn während ihres Auftauchens in Atlantis erlebt hatte.

„Gefällt es dir?" Sie hob leicht den Kopf und sah ihn von unten herauf an.

John hatte eine nachdenkliche Miene aufgesetzt. Jetzt blinzelte er und blickte sie an. „Was?"

Vashtu richtete sich auf, hielt seine Augen gefangen und runzelte die Stirn. „Was ist los mit dir?" fragte sie.

John atmete tief ein, schüttelte dann den Kopf. „Das war eine ausgezeichnete Idee, Vash", sagte er als wolle er ihr auf ihre eigentliche Frage antworten. Allerdings wagte sie zu behaupten, daß das nur ein Schuß ins Blaue von ihm war.

„Was ist los?" fragte sie, rückte langsam wieder näher.

Johns Stirn runzelte sich jetzt ebenfalls. Der Blick aus seinen Augen glitt wieder ab, die Lippen kniff er nachdenklich zusammen. „Nichts", wagte er schließlich zu antworten.

Vashtu legte ihm einen Arm um die Schultern und suchte wieder seinen Blick. „Das kannst du mir doch nicht erzählen, John. Allmählich kenne ich dich gut genug. Du ..." Sie schloß den Mund. Sie wollte jetzt nicht aussprechen, was sie eigentlich hatte sagen wollen.

„Laß gut sein, ja?" Ein sehr zerknirschtes Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Du denkst an Carson", behauptete sie schließlich, nachdem sie noch etwas gezögert hatte.

Er atmete einige Male tief ein, dann nickte er schließlich. „An seinen Todestag", antwortete er leise. „Wir hatten zusammen gefrühstückt."

Vashtu schluckte, drängte sich wieder an ihn. Doch sie spürte, diese Erinnerung mußte er allein durchleben.


***


„Guten Morgen, Colonel. Darf ich mich dazu setzen?"

John blickte von seinem Frühstück auf und nickte überrascht.

Carson Beckett ließ sich ihm gegenüber am Tisch nieder, ein Tablett vor sich abstellend, auf dem sich allerlei Nahrungsmittel befanden.

John runzelte die Stirn und griff nach seiner Kaffeetasse.

„Wie ich hörte, wollen Sie Ihren Urlaub nun doch auf der Erde verbringen?" wandte Beckett sich vollkommen unvermutet an ihn.

John verschluckte sich fast, stellte die Tasse wieder ab. „Äh, ja, hatte ich vor. Warum auch nicht? Das Command besteht ja darauf, daß wir einen Teil unseres Jahresurlaubes auf der Erde verbringen."

Beckett nickte, wandte sich seinem Joghurt zu. „Und was haben Sie vor?"

„Woher soll ich das wissen? Keine Ahnung, dies und das erledigen. Vielleicht ein bißchen Bergsteigen. Wäre mal was interessantes." John musterte den Arzt mit einem scharfen Blick. „Oder sollte ich etwas tun, von dem ich nichts weiß?"

Beckett nickte. „Vashtu", sagte er nur, mümmelte weiter von seinem Joghurt.

Johns Brauen schoben sich unwillig zusammen. „Über dieses Thema haben wir schon einmal geredet. Meine Meinung dazu hat sich nicht geändert."

Der Schotte sah auf, zuckte dann mit den Schultern. „Ich kann mich da noch an ein Gespräch zwischen uns beiden erinnern, John", erklärte er, scheinbar unvermittelt das Thema wechselnd. „Damals sagte ich, glaube ich, etwas davon, daß Sie ihr besser niemals wehtun sollten, sonst würden Sie mich als Freund verlieren. Nun, wenn es so weitergeht mit Ihrer beider Dickschädel, verlieren Sie auch beide - und nicht nur mich."

John versuchte, seinen Gegenüber niederzustarren.

Warum begriff der Arzt das denn nur nicht? Warum konnte niemand verstehen, daß er es einfach nicht erleben wollte, wie Vashtu sich in irgendeiner hirnrissigen Mission selbst richtete? Er würde es nicht ertragen können, die Nachricht von ihrem Tod zu erhalten. Umso schlimmer wäre es, wenn auch noch das Militär sich dazwischenschalten würde.

„Ich denke, Vashtu hat sich das ganze gut überlegt, John. Sie wollte Sie an ihrer Entscheidung teilhaben lassen, sie hätte Sie auch vor vollendete Tatsachen stellen können", fuhr Beckett mit ruhiger Stimme fort. „Wir haben bereits darüber geredet, und wir werden es wohl, denke ich, noch des öfteren tun, bis Sie endlich verstehen, daß sie beide füreinander geschaffen worden sind. Ich glaube nicht, daß es ein Zufall war, daß Vashtu sich ausgerechnet Ihnen offenbarte damals. Und ich glaube auch nicht, daß Kolya so falsch mit ihrer Geiselnahme gelegen hat. Was da zwischen ihnen beiden vor sich geht ist stärker als alles, was ich bisher in meinem Leben erlebt oder gesehen habe."

„Dann sollte sie allmählich zur Vernunft kommen!" John beugte sich wieder vor. „Wissen Sie, warum Sie in die Air Force eintreten will? Aus Schuldgefühlen ihrem toten Volk gegenüber! Aus keinem anderen Grund als diesem. Als sie in Antarktica gewesen ist, hat sie etwas entdeckt, darüber aber Stillschweigen bewahrt. Und genau das ist der Grund, aus dem sie jetzt zur Army will. Und aus genau diesem Grund fürchtet sie auch den Kontrollstuhl."

„Dann sollten Sie Verständnis zeigen", entgegnete Beckett.

„Das habe ich ja versucht!" John sah sich um, doch noch waren sie beide die einzigen Gäste der Cafeteria, sie konnten also keine Aufmerksamkeit erregen.

„Und was ist mit Ihnen und dem Erwachen der Wraith? Haben Sie da nicht auch Schuldgefühle?" bohrte Beckett unbarmherzig weiter.

John wich zurück. „Das ist etwas anderes."

„Ist es nicht. Und wenn sie ehrlich sind, begreifen Sie das auch." Nun war es der Mediziner, der sich vorbeugte. „Ich sage Ihnen jetzt etwas als Freund, John, und als Bote zwischen Ihnen und Vashtu über eine sehr lange Zeit: Denken Sie einmal richtig nach und handeln Sie dann! Ich biete Ihnen gern meine Hilfe an, aber dieses Angebot ist nur noch einmalig. Und wenn ich sie beide zusammen in einen fensterlosen Raum sperren und den Schlüssel in den Ozean werfen muß, sie beide werden sich wieder vertragen! Wenn es je ein Paar gegeben hat, das so zusammenpaßte wie Sie und Vashtu, dann wird dieses diese Chance sicher nicht so einfach fortgeworfen haben wie Sie es jetzt wollen! Sie beide haben von Anfang an zusammengehört, und daran werden Sie auch nie etwas ändern können, ob Sie nun wollen oder nicht."

Still vor sich hinbrütend lehnte John sich wieder zurück, die Arme vor der Brust gekreuzt.

„Wissen Sie denn überhaupt, was Sie sich da entgehen lassen wollen?" fuhr Beckett fort. „Haben Sie auch nur die blaßeste Ahnung von einer Beziehung, wie Sie sie jetzt haben könnten? Warum wollen Sie das so einfach wegwerfen aus falsch verstandenem Stolz?"

„Ich kann es nicht ertragen." Dieser Satz war ihm einfach entschlüpft, er hatte ihn nicht aussprechen wollen.

„Was? Sie in einer Uniform zu sehen? Vashtu selbst wird schon dafür sorgen, daß sie sie nicht allzu oft zu tragen braucht, glauben Sie mir. Wie oft tragen Sie denn Ihre?"

John atmete tief ein. „Sie wird sich für die Erde verheizen lassen."

„Wird sie nicht. Sie hat selbst den Hoffaner-Stamm überlebt - dank Ihnen. Sie wird das auch überleben."

John starrte ins Leere.

Wenn er ehrlich zu sich selbst war, konnte er sich nicht mehr vorstellen, wie ein Leben ohne die Antikerin aussehen sollte. Selbst wenn sie nicht allzu oft aufeinandertrafen, sie war da, irgendwo im hintersten Winkel seiner Gedanken. Seit er Vashtu getroffen hatte, damals in den unteren Ebenen von Atlantis, war sein Leben auf den Kopf gestellt worden, selbst wenn sie nicht bei ihm war. Irgendwo lauerte immer der Gedanke an sie, selbst bei den harmlosesten Dingen. Und seit der Sache mit Kolya ...

John biß sich auf die Lippen.

Er wollte nicht mehr daran denken. Der Genii hatte bezahlt für das, was er ihnen beiden angetan hatte. Es spielte keine Rolle mehr.

Aber das tat es doch, wenn er daran dachte, was Vashtu ihm erzählt hatte. Sie mochte es herunterspielt haben, aber er kannte sie gut genug, um die Wahrheit in ihren Augen lesen zu können - noch so eine merkwürdige Sache zwischen ihnen beiden. Er hatte sie genau beobachtet, als er ihr vom Tod des Genii erzählt hatte, und er hatte den Haß und die blanke Wut in ihren Augen deutlich lesen können. Erst einmal vorher hatte er etwas ähnliches in ihrem Gesicht gesehen, und da waren sie beide auf der Flucht vor einer Wraith-Königin durch ein Basis-Schiff gehetzt und die Antikerin hatte Sprengladungen in den Wänden installiert.

Er wußte, was sie hatten mitansehen müssen war nur die Spitze eines Eisbergs, an dem auch er lange zu knabbern gehabt hatte, oft genug immer noch in ihm arbeitete. Aber wie mochte es einer Frau gehen, die vor zehntausend Jahren von ihrem eigenen Volk verraten, weggesperrt und vergessen wurde, die niemals eine echte Chance erhalten hatte und jetzt, in dieser Zeit, auf ein Leben hoffte? Was mochte in einer nahezu Unsterblichen vor sich gehen, die plötzlich hilflos miterleben mußte, wie sie langsam und qualvoll starb?

Vashtu hatte es ihm gegenüber heruntergespielt, aber das hatte auch er getan, eine viel zu lange Zeit sogar. Aber man merkte trotzdem noch immer, daß es in ihr arbeitete.

„Werfen Sie diese Chance nicht weg, John. Lassen Sie sie tun, was sie will."

John riß sich aus seinen Gedanken, blickte wieder auf. „Wie könnte es denn überhaupt klappen zwischen uns - Vashtu auf der Erde, ich hier in Atlantis. Eine Woche im Monat, vielleicht meine Heimaturlaube. Das kann auf Dauer nicht funktionieren."

„Vielleicht aber ist gerade das der Punkt, auf dem Sie eine Beziehung aufbauen könnten, John. Sie beide sind sich zu ähnlich, um eine längere Zeit zusammenleben zu können. Aber wenn Sie Abstand zueinander halten, gelingt es vielleicht und wird Sie beide ausfüllen." Beckett lächelte wieder versonnen. „Denken Sie zumindest darüber nach."

Johns Blick glitt wieder ab. Stirnrunzelnd dachte er nach.

Als eine gewisse Betriebssamkeit auf der anderen Seite des Tisches ausbrach, sah er stirnrunzelnd auf. „Wollen Sie schon gehen?" fragte er irritiert.

Beckett hatte sein Tablett genommen und wollte sich offensichtlich gerade umdrehen. Jetzt sah er auf ihn hinunter. „Die Pflicht ruft", antwortete er. „Da ist etwas merkwürdiges aufgetaucht. Wir kommen mit den Proben nicht so recht weiter."

„Ich habe davon gehört. Tut mir leid für ..." John brach ab, als Beckett den Kopf schüttelte.

„Lassen Sie es mal gut sein. Heute ist Sonntag. Ich will nur kurz nach den Patienten sehen. Dann hatte ich mich zum Angeln mit Rodney verabredet." Damit ging er.


***


„Sag mal, woher kennst du eigentlich Faustus?" John starrte in die Flammen des Kaminfeuers, fühlte sich wieder eigenartig müde, aber auch vollkommen entspannt. Wellness schien zum Teil wohl auch ... nun ja, sie hatten beide keine große Lust mehr gehabt, sich irgendwie zu betätigen, nachdem sie aus dem Wellnessbereich des Hotels gekommen waren. Statt dessen hatten sie sich auf ihr Zimmer zurückgezogen und den Kamin angezündet.

„Sagte ich doch: Als ich mit Dr. Jackson in Antarktica war, flog Faustus uns von MacMurdo rüber zu der Forschungsanlage."

John nickte versonnen.

„Und er sagte, wenn du mir wehtust, brauchst du ihm gar nicht mehr unter die Augen zu treten." Jetzt hob die Antikerin doch den Kopf und blinzelte ihn spitzbübisch an. „Und auch, daß deine verlorene Wette noch nicht vergessen ist."

John stöhnte unwillig auf. „Dieser Kerl vergißt aber auch nie etwas!" Er schüttelte den Kopf, seufzte dann. „Du warst also, während deines Besuchs in Antarktica, auch in MacMurdo. Wie geht's den faulen Hunden?"

„Wir saßen einige Tage in einem Schneesturm fest. Da bin ich in Kontakt mit ihnen gekommen", erklärte Vashtu. „Für dich ist übrigens ein Captain Higgins nach MacMurdo gekommen. Aber die anderen ... waren klasse! Ich hätte es mir nicht so vorgestellt. Nach allem, was ich wußte, ist MacMurdo doch der letzte Posten vor dem Rauswurf."

John gluckste und erwiderte ihren fragenden Blick. „Was soviel bedeutet wie: Die Piloten auf MacMurdo sind alle nicht sonderlich regelkonform für die Air Force", sagte er.

Vashtu blinzelte. „Oh!" Sie sah nachdenklich aus. „Also könnte ich irgendwann auch auf MacMurdo landen - und davor fürchtest du dich."

John seufzte. „Ich fürchte eher, daß du ... dich in eine F-302 setzt und ein Himmelfahrtskommando durchziehen willst", entgegnete er. „Wenn die Zeiten für die Erde anders wären, würdest du wahrscheinlich in Rekordzeit auf MacMurdo landen. Aber so? Man wird dir ein bißchen mehr ... äh, zugestehen als normal, denke ich, und auf die alles entscheidende Schlacht warten. Denk an Mitchell."

Ihre Brauen zogen sich zusammen.

„Ich weiß, daß du ihn nicht magst." Wieder seufzte er, sah sie eindringlich an. „Aber in der Schlacht gegen Anubis hat er mitgekämpft und hätte beinahe sein Leben verloren. Und genau davor habe ich bei dir Angst. Du würdest es eiskalt durchziehen, Vash, und du weißt das auch selbst. Ich habe dich schon in Aktion erlebt, vergiß das nicht."

„Ich werde vorsichtig sein", versprach sie ihm.

John hatte da seine ehrlichen Zweifel, doch er sagte dazu nichts mehr, sondern blickte wieder ins Feuer. „Und was habt ihr während des Schneesturms so getrieben, du und die Jungs?"

„Jede Menge im Simulator gesessen und Gefechte geflogen. Die wußten nicht, was man in einer F-16 so anstellen kann - ich habe es ihnen gezeigt."

Jetzt lachte John leise. „Kann ich mir vorstellen", gluckste er, zog sie wieder an sich. „Den Trick mit dem Jumper mußt du mir unbedingt noch verraten. Den habe ich immer noch nicht heraus."

„Beschleunigen, beschleunigen, beschleunigen. Jumper sind schneller als ihr alle denkt", erkärte sie. „Und dann ziemlich schnell abschalten und die Richtung ändern. Ist zwar nicht sonderlich angenehm für die Beteiligten, aber ..."

„Effektiv. Der Stunt ist unvergessen, Vash! Einige Techniker erzählen immer noch, wie die Nummer 13 rückwärts durch das Tor kam."

Er fühlte, wie sie jetzt ihrerseits ein Kichern unterdrückte, während ihr Kopf wieder auf seiner Brust lag.

„Kannst du eigentlich auch Hive-Schiffe fliegen?"

Vashtu atmete tief ein, nickte dann. „Ja, aber besonders mag ich die nicht. Das merkten diese Kisten auch schnell."

John schüttelte verständnislos den Kopf und seufzte.

Was hatte dieses Mädchen eigentlich noch nicht geflogen? Irgendwie fühlte er sich ... naja, er fragte sich ehrlich, wer von ihnen beiden die größere Begabung hatte.

„Am Wochenende waren wir skifahren", sagte Vashtu unvermittelt.

„Was?"

„Die Jungs von MacMurdo und ich, als ich auf Antarktica war. Der General hatte uns einen Apache gegeben und wir sind losgezogen. Hat Spaß gemacht. Ich hoffe nur, die Bewaffnung wurde nicht komplett durchgezählt. Ich bin ... äh, einmal kurz an den Schalter gekommen."

John atmete tief ein. „Du bist was?" Er schmunzelte. Daß sie aus Versehen an einen Schalter gekommen war, glaubte er ihr nicht eine Sekunde. Aber gut, vielleicht war es wirklich nicht weiter aufgefallen.

„Was macht ein Apache in MacMurdo?" Er stutzte. „Das Klima ist doch viel zu kalt."

„Der kam mit einem Geheimauftrag für Mitchell und stand dann nur in den Hangars herum. Wir hatten dem General in den Ohren gelegen, bis er ihn uns für den Trip gegeben hat."

„Ist Quint inzwischen der Leiter?"

Sie nickte. „Der kennt dich auch noch sehr gut. Er vermißt eure Schachspiele." Vashtu kicherte.

John fiel ein. „Laß mich raten. Aus lauter Mitleid hast du mit ihm gespielt und ihn ziemlich ratlos zurückgelassen."

„So ungefähr. Faustus und er waren sich einig, daß es ... etwas gruselig wäre, mir gegenüberstehen."

John drückte sie liebevoll an sich.

Naja, zumindest jemand, der seine Fahne in der alten Heimat hochhielt und ihn unvergessen machte. Vashtu war einfach unmöglich! Er konnte sich wirklich das Gesicht seines alten Vorgesetzten vorstellen, nachdem er eine Partie mit ihr gewagt hatte. Wahrscheinlich hatte sie seine Figuren ebenso über das Schachbrett gejagt wie er zu seiner Zeit.

„Also, nach MacMurdo würde ich schon mal gern wieder", bemerkte Vashtu plötzlich. „Da könnte ich mir, wenigstens eine zeitweilige Versetzung, zumindest sogar vorstellen. Die Jungs da sind alle cool!"

John gluckste wieder. „Sind sie auch. Aber du würdest dich wahrscheinlich sehr schnell dort langweilen. Rate mal, warum Quint so ... ruhig ist? Der hat genug mit den üblen Scherzen zu tun, die man ihm ständig spielt." Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht, als er an seine kurze Zeit in der eisigen Kälte der Antarktis dachte. „So wie den Wissenschaftlern, wenn neue kommen."

„Das habe ich bemerkt. Aber so leicht lasse ich mich nicht hochnehmen."

„Nein, du hast es ihnen, wie ich, wahrscheinlich mit gleicher Münze heimgezahlt, was?" Er senkte den Kopf und suchte ihren Blick.

„Ach daher!" Sie kicherte und reckte den Hals.

„Was daher?" Er küßte sie kurz.

„Darum brauchte ich gar nichts zu sagen oder anderes zu tun. Als wir ankamen, hatte jemand mein Quartier in eine Eishöhle verwandelt und die Heizung heruntergedreht. Ich verzog mich und baute ein Iglu."

„Okay, der wäre selbst mir nicht eingefallen!" Kopfschüttelnd sah er ihr in die Augen.

Vashtu runzelte die Stirn. „Wieso? Die anderen meinten, du hättest etwas ähnliches getan, wenn du da gewesen wärst."

„Etwas ähnliches, aber nicht das gleiche!" Er stibizte sich einen Kuß von ihren Lippen. „Du bist unglaublich!"

„Dann habe ich die Türen mit Sekundenkleber verstopft", fuhr sie andächtig fort.

„DEN habe ich auch durchgezogen."

„Weiß ich seitdem." Sie grinste breit.

John wurde wieder nachdenklich. „Was hast du ihnen von mir erzählt?" fragte er.

Vashtu blinzelte. „Daß du jetzt einen verantwortungsvollen Posten hast, mehr nicht."

Er kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. „Und das hast du Faustus gesagt? Der hat dir doch kein Wort geglaubt."

„Er meinte, wenn man dir genug Freiheiten lassen würde, würde es vielleicht gut gehen."

Er öffnete die Augen wieder und sah sie nachdenklich an. „Grüß sie von mir, wenn du noch einmal nach Antarktica ..."

Unwillkürlich spannte sich ihr Gesicht an.

John seufzte ergeben. „Falls du noch einmal einen irgendwie gearteten Kontakt zu ihnen kriegen solltest", sagte er.

Sie nickte, ließ ihren Kopf wieder an seine Brust sinken. Ihre Hand strich über seinen Körper, doch ohne jedes Verlangen, einfach eine liebevolle Geste.

John biß sich auf die Lippen.

Da hatte er wirklich noch Schwerstarbeit vor sich, wenn sie es nicht endlich selbst einsah.


***


„Hey, guck dir das mal an!" Vashtu war vor einem kleinen Souvenierladen stehen geblieben und blinzelte in das Schaufenster. „Was sind das denn für Dinger?"

John, der schon einige Schritte weitergegangen war, kehrte jetzt um und drückte sich ebenfalls die Nase am Schaufenster platt. „Kuckucksuhren", kommentierte er und erntete einen scheelen Blick. „Alle Stunde springt da ein kleines Vögelchen heraus und gibt mechanisch Laut. Wenn du deinem nervenden Nachbarn ..." Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht und er blickte zu ihr hinunter.

Vashtu sah ihn einen Moment lang an, dann erwiderte sie sein Grinsen und nickte. „Laß uns reingehen", schlug sie vor.

„Ich wollte sowieso noch ein paar Souveniers mitbringen, wenn ich wieder zurück muß", sagte John. „Sieht aus, als hätte ich zumindest das erste Mitbringsel gefunden."

Vashtu drückte sich an ihm vorbei und öffnete die Tür.

Im Laden war es dämmrig und eng. Die Regale waren mit allem möglichen vollgestellt, zum größten Teil mit unsinnigen Dingen wie kleinen Mickey-Mouse-Figuren auf Skiern oder merkwürdigen zotteligen Plüschtieren, die einen Bigfoot darstellen sollten.

Vashtu hielt direkt auf den kleinen Abschnitt Wand zu, an dem die Kuckucksuhren hingen. „Welche meinst du?" fragte sie, sich halb umdrehend.

John betrachtete die Auswahl sinnend. „Nach Möglichkeit eine, die nur anschlägt, wenn Rodney schlafen will." Er grinste breit.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?" Eine junge Frau war hinter den Tresen an der, dem Schaufenster am entferntesten gelegenen Wand.

„Wir suchen einige Mitbringsel für ... äh, Bekannte?" Vashtu blickte wieder zu John hoch. Der nickte, wies dann auf die Kuckucksuhren.

„Eine von denen wäre nicht schlecht. Eine besonders große mit einem besonders lauten Kuckuck."

In diesem Moment öffneten drei der Uhren eine kleine Klappe und winzige Vögel auf Schienen kamen heraus.

Vashtus Augen wurden groß. Sie konzentrierte sich auf eine der Uhren, die irgendwie ... besonders kitschig auf sie wirkte.

Das Uhrwerk schlug leise an. Der Vogel schien sich vorzubeugen und öffnete dabei seinen Schnabel.

„Kuckuck!"

Sie begann zu lachen. „Süß!"

Die junge Angestellte kam dienstbefließen um den Tresen herum und stellte sich bei ihnen auf. „Wir haben hier original Schwarzwälder-Kuckucksuhren. Die sind allerdings um einiges teurer als die taiwanesischen."

Vashtu und John tauschten einen Blick. „Eine Schwarzwälder!" entschieden sie dann einhellig nickend.

Die Angestellte lächelte und wies auf das Modell, das die Antikerin gerade genau betrachtet hatte. „Diese?"

„Klar!" Wieder ein einhelliges Nicken.

Dann richtete John sich auf. „Was haben Sie denn noch so?" Er sah sich aufmerksam um, ob nicht doch noch das eine oder andere interessante zu finden war. Dabei blieb sein Blick an einem Ständer mit Mützen hängen.

Die Angestellte verschwand wieder hinter dem Tresen und ließ ihre beiden Kunden im Verkaufsraum allein zurück, um eine verpackte Uhr zu holen.

Vashtu wandte ihre Aufmerksamkeit jetzt auch den anderen Dingen hier zu. „Suchst du für noch jemandem etwas?" erkundigte sie sich, beugte sich über einen, in eine durchsichtige Masse eingebetteten Stein.

„Für Elizabeth, Teyla und vielleicht Ronon. Eventuell noch Radek. Gefällt dir hier etwas?" John war nachdenklich näher an den Mützenständer herangetreten.

„Ziemlich kitschig, die Auswahl hier." Vashtu sah sich wieder um.

„Andenkenläden." John zuckte mit den Schultern und hob eine Baseballkappe von dem Ständer, betrachtete sie aufmerksam von allen Seiten. „Wäre vielleicht was für Radek. Was meinst du?"

Vashtu trat näher, nahm ihm die Mütze ab und sah sie sich jetzt ebenfalls an. „Irgendwie kann ich ihn mir nicht mit einer Mütze vorstellen", wandte sie schließlich ein.

Im nächsten Moment wurde etwas auf ihren Kopf gedrückt. Entgeistert sah sie auf und fand John, der sie breit grinsend betrachtete. Vashtu hob die Brauen, schielte zu dem breiten Schirm hoch und schürzte die Lippen.

„Sieht interessant aus an dir." John beugte sich vor und sah ihr ins Gesicht.

Vashtu grinste sehr zufrieden und stülpte ihm jetzt ihrerseits die Baseballmütze über.

„Hey!" beschwerte er sich, nahm sich die Mütze gleich wieder ab und fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar.

Vashtu nahm sich jetzt auch wieder die Kappe ab und hielt sie ihm hin. „Nimm sie mit. Wenn nicht für Radek, dann für deinen Stellvertreter ... Lorne?"

„Wäre auch eine Möglichkeit." John betrachtete wieder die Auswahl an Mützen, sah dann sie wieder an. „Jetzt siehst du erst recht zum Schießen aus!"

Vashtu griff sich eine andere Mütze, eine mit einem eigenartigen ... Bommel? ... und stülpte sie sich über ihr Haar.

John wandte sich glucksend ab. „Nimm das Ding wieder ab, Vash!"

„Wieso?" Sie hatte einen Spiegel mit einer Werbung für irgendein Getränk gefunden und stellte sich davor. Mit großen Augen starrte sie sich an, dann riß sie sich die Mütze wieder vom Kopf. „Sowas trägt hier doch keiner, oder?"

„Eigentlich doch." John hatte eine ander Variante vom Ständer geholt und warf sie ihr hin. „Probier die mal."

Vashtu legte die Bommelmütze zur Seite und drehte die neue Kopfbedeckung in ihren Händen. Auch wieder aus Wolle, wenn sie sich nicht irrte. Extrem bunt, mit merkwürdigen Mustern versehen, und zwei lange Bänder hingen zu den Seiten herab.

Vorsichtig stülpte sie sich auch diese über, betrachtete sich dann im Spiegel. Sofort riß sie sich die Mütze wieder vom Kopf. „Ich sehe aus wie eine Idiotin!" entfuhr es ihr.

John lachte laut und schallend.

Als sie jetzt ihr Haar betrachtete, seufzte sie nur ergeben. Auch die zweite Mütze wurde zur Seite gelegt. Statt dessen bearbeitete sie ihren Schädel mit beiden Händen, bis sie mit dem Ergebnis halbwegs zufrieden war. Ihr Haar würde sich ohnehin nicht lange in einer Form halten lassen, das wußte sie.

„Haben Sie noch etwas gefunden?"

Die Angestellte war wieder nach vorn gekommen, einen Karton auf den Tresen abstellend musterte sie ihre beiden Kunden mit leicht irritiertem Gesichtsausdruck.

„Diese Mütze dann noch." John legte die Baseballmütze auf den Tresen, während Vashtu die beiden Mützen wieder an den Ständer hängte.

Wer machte sich denn auf diesem Planeten freiwillig zum Narren?


***


„Jetzt sollten wir die Sachen noch kurz zum Hotel zurückbringen, was meinst du? Wir können sie schließlich nicht mit auf die Piste nehmen", schlug John vor, als sie den Laden verließen und er mit zwei doch recht gefüllten Tüten bepackt war. Er trat auf die Straße und schlug die Richtung zum Hotel zurück ein. Da traf ihn etwas zwischen die Schulterblättern.

„Was ... ?" Er wollte sich umdrehen, doch dazu kam es gar nicht mehr.

Der nächste Schuß war ein Treffer. Ein Schneeball knallte hart gegen seinen bloßen Nacken. Schnee rieselte in seinen Kragen.

„Argh!" Unwillkürlich zog er den Kopf ein, wirbelte herum, gerade als ein dritter Schneeball auf ihn abgefeuert wurde.

Vashtu hatte ihn geworfen. Sie stand mit funkelnden Augen an einem Auto, das an der Straße geparkt war und ballte bereits den nächsten Ball zusammen.

„Nie wieder wirst du mir irgendetwas auf den Kopf setzen, John Sheppard!" drohte sie ihm.

Er richtete sich auf, sah sie groß an. „Was?"

Wie ein Baseballspieler holte sie aus, wirbelte dann nach vorn. Der weiße, halbwegs runde Schneeball traf seine Brust, ließ ihn unwillkürlich ächzen und einen Schritt zurückweichen.

Donnerwetter, hatte diese Frau einen harten Wurf!

„Na warte!" John schüttelte sich. Kälte und Nässe tropften innen seinen Kragen entlang seinen Rücken hinunter und ließen ihn erschaudern. Trotzdem setzte er mit weiten Schritten zu ihr zurück, während sie sich bereits eine neue Waffe zulegte.

„Nie wieder wirst du mir irgendetwas auf den Kopf setzen!" wiederholte sie und warf erneut. Doch diesmal ging der Schneeball daneben.

„Ich kriege dich!"

Vashtu packte noch eine Handvoll Schnee, dann raste sie los, auf die Straße und hetzte in einem weiten Bogen um ihn herum. John schlitterte, als er die Richtung ändern wollte, verlor fast das Gleichgewicht und warf sich im letzten Moment herum. Die Taschen noch immer in den Händen hetzte er ihr nach.

War diese Frau schnell!

Doch dann rutschte Vashtu ebenfalls weg, konnte sich nicht richtig auffangen und schlug lang hin.

John blieb fast das Herz stehen. Er konnte sich noch so oft sagen, daß Vashtu nahezu unsterblich war, dennoch schien sie sich etwas getan zu haben.

„Vash!" Hart bremste er ab, schlitterte noch ein paar Meter weiter, um sofort herumzuwirbeln und bei ihr niederzuknien, die Tüten jetzt vollkommen vergessend.

Sie hob den Kopf. Ein bißchen Schnee klebte an ihrer Nasenspitze.

„Geht's dir gut?" fragte er.

Vashtu rappelte sich wieder auf. „Klar." Sie grinste sehr zufrieden und bewarf ihm mit lockeren Schnee.

John wich unwillkürlich zurück, als das kalte Naß seine Haut berührte. Dann bekam er ebenfalls etwas Schnee in die Hand. Er warf sich nach vorn und drückte es ihr ins Gesicht.

Vashtu schrie spitz auf, während er sie sehr genüßlich mit noch mehr Schnee einrieb. Dann warf sie sich plötzlich auf ihn und drückte ihm ihrerseits wieder Schnee ins Gesicht.

„Hör sofort auf!" rief er, mehr erschrocken. Seine Wangen glühten.

„Wirst du noch einmal versuchen, mir irgendetwas auf den Kopf zu setzen?" Mit langem Hals und roten Wangen beugte sie sich über ihn.

John ging erst jetzt auf, daß sie wohl von der Straße abgekommen und in einen Park gelaufen waren.

Er prustete, wischte sich mit einer Hand über das Gesicht. „Ich hab dir die letzte Mütze nur gegeben", beschwerte er sich. „Aufgesetzt hast du sie allein."

„Du hast sie ausgesucht. Und die Baseballkappe hast du mir aufgesetzt!" beschwerte sie sich.

John zwinkerte. „Aber nur, weil du die andere ausprobiert hast und zum Schießen ausgesehen hast!"

Diese Worte wurden ihm mit einer weiteren Handvoll Schnee gedankt, das sie ihm ins Gesicht klatschte.

John holte Schwung, als es ihm reichte, packte sie unversehens und wirbelte herum, so daß er jetzt auf ihr saß. Sehr konzentriert begann er, ihr etwas Schnee in den Kragen rieseln zu lassen.

Vashtu kreischte und lachte gleichzeitig, strampelte mit den Beinen und schlug mit den Händen um sich.

„Hörst du jetzt endlich auf?" fragte er schließlich, sich dicht über sie beugend.

Ihr Gesicht glühte in der Kälte und war vollkommen naß.

Ihm ging auf, daß sie sich besser ins Warme verziehen sollten, ehe sich einer von ihnen beiden noch eine Erkälung holte.

„Hörst du auf?" wiederholte er seine Frage.

„Gibst du mir einen Kuß?" Sie sah ihn unschuldig an.

Johns Augen wurden schmal.

Irgendetwas plante sie, das war klar. Aber was?

„Wenn du aufhörst", sagte er schließlich.

Sie grinste zufrieden. „Gut, dann höre ich auf", antwortete sie, reckte ihm die gespitzten Lippen entgegen.

John beugte sich tiefer zu ihr hinab und drückte seinen Mund auf den ihren. Nur um unterdrückt loszubrüllen, als sie ihm mit beiden Händen fleißig Schnee in den Kragen stopfte.

Wie eine Schlange wand sie sich von ihm los, kam wieder auf die Beine, während er immer noch damit beschäftigt war, die Eiseskälte aus seinem Nacken zu wühlen.

„Bis später!" Er hörte ihre leichten Schritte im Schnee. Als er aufblickte, waren seine Tüten verschwunden - und mit ihnen Vashtu.

„Na warte!" drohte er, öffnete den Reißverschluß, um auch die letzten Reste Schnee loszuwerden.

Das würde sie ihm büßen, schwor er sich.


***


„Eigentlich hat das doch keinen Sinn, oder?" Vashtu blickte zu ihm auf, schob sich die Sonnenbrille wieder auf die Nasenwurzel zurück.

„Was?" John sah die Abfahrt hinunter. Es war wenig los, kein Wunder, es war ein Wochentag. Und ihr vorletzter hier. Für morgen mußten sie sich noch irgendetwas ganz besonderes einfallen lassen, fand er.

„Na, wir heizen die ganze Zeit den Hang runter, um ihn dann wieder hochzuklettern und das ganze immer und immer zu wiederholen", sagte Vashtu.

„Es macht Spaß", kommentierte er, setzte die Stöcke auf den festen Schnee.

„Trotzdem ist es eigentlich sinnlos."

„Wieso? Man kommt schnell von A nach B." Er grinste sie an, dann holte er Schwung und stieß sich ab.

Leider hatte der Snowboard-Verleih heute geschlossen. Irgendwie hatte er sich in den letzten Tagen daran gewöhnt, mit nur einem „Ski" unter den Füßen die Abfahrt hinunterzusausen. Vashtus Vorschlag war einfach grandios gewesen, mußte er zugeben. Irgendwie kamen ihm zwei Skier plötzlich sehr langsam vor.

Eine kleine Gestalt, tief über den Skiern gebeugt, die Stöck an den Seiten nach hinten geneigt, raste im atemberaubenden Tempo an ihm vorbei den steilen Abhang hinunter.

War diese Frau denn wahnsinnig?

Die Abfahrt war heute extrem glatt und rutschig, darum war auch der Snowboard-Verleih geschlossen. Und sie beide hatten sich natürlich nicht den Anfängerhügel ausgesucht.

John stieß die Stöcke in den vereisten Schnee, um mehr Tempo zu gewinnen, krümmte sich dann über den Skiern zusammen und raste ihr nach.

Eines mußte er ihr lassen, sie hatte offensichtlich auf MacMurdo mehr getan, als nur mit einem Apache irgendwelchen Unsinn zu bauen. Die Jungs schienen sie ja richtig in ihr Herz geschlossen zu haben. Und so wirklich wunderte ihn das nicht. Für Vashtu gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man liebte sie oder man haßte sie. Etwas anderes kam einfach bei dieser Frau nicht in Frage.

Die kleinere Gestalt richtete sich etwas auf, um Schwung zu verlieren. Die Abfahrt wurde etwas flacher.

John kam ein böser Gedanke. Wieder holte er mit den Stöcken Schwung, krümmte sich noch mehr über seinen Skiern zusammen. Dann versuchte er, so dicht wie möglich an ihre Läupe zu gelangen.

Vashtu war inzwischen zum Stillstand gekommen, drehte sich gerade um, als er den Schwung wegnahm und sich aufrichtete. Absichtlich stellte er einen Skier quer. Schnee spritzte unter den Kufen und traf die Antikerin voll.

Mit offenem Mund prustete und pustete sie.

John kam zum Stehen, drehte sich etwas schwerfällig zu ihr um.

Mit beiden Händen wischte sie sich den Schnee vom Gesicht, richtete sich schließlich wieder auf. Er meinte, durch die dunklen Gläser ihrer Sonnenbrille hindurch das wütende Funkeln ihrer Augen zu hören.

„Was war das denn?" begehrte sie zu wissen.

„Da hatte ich wohl ein bißchen viel Schwung", bemerkte er unschuldig.

Vashtu schnaubte, wischte sich die letzten Eiskristalle aus ihrer Sturmwindfrisur.

John grinste zufrieden.

Er hatte seine Rache gehabt.

„Hey!" Vashtu hatte sich abgewandt, schien jetzt etwas sehr genau zu mustern.

John drehte sich in die Richtung, in die auch sie starrte, blinzelte dann. „Schneemobile?" fragte er irritiert.

Und tatsächlich, hinter dem Auslauf standen, in Reih und Glied ein halbes Dutzend Schneemobile und warteten unschuldig auf ihre nächsten Piloten.

Vashtu hob den Kopf, drehte sich wieder zu ihm um. Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.

John erwiderte es. „Du hast recht. Eine klasse Idee!"

Sie nickte stumm.


TBC ...

02.04.2010

Becketts letzter Dienst VI

Vashtu erwachte, als sie plötzlich Schreie und ein dumpfes Poltern hörte. Unwillig öffnete sie die Augen und runzelte die Stirn.

Was ging denn da wieder vor sich?

John gab einen unwilligen Laut von sich, drückte sie kurz an sich, ehe sein Griff wieder erschlaffte.

Wieder Stimmen.

Vashtu reichte es allmählich. Sie hatte Cavanough erkannt, und er schien wieder vor ihrer Tür zu sein. Jetzt hatte sie endgültig die Nase voll von ihrem Nachbarn.

So leise wie möglich entschlüpfte sie Johns Armen und richtete sich auf. Mit blossen Füßen tappte sie in den Flur und warf sich ihre Pilotenjacke über. Die war lang genug, und sie hatte nicht ewig Zeit, bis sie sich vollständig angezogen hatte. Sie schloß den Reißverschluß während sie zu ihrer Wohnungstür ging, drehte bereits den Schlüssel um, ehe sie überhaupt richtig fertig war und riß mit einem wütenden Funkeln in den Augen die Tür auf.

Dann aber blieb sie wie erstarrt stehen und glotzte einfach nur.

Die beiden MPs, die zu ihrer Bewachung abgestellt waren, standen vor ihr, ihre gesenkten Waffen zielten auf jemanden. Und dieser jemand war niemand anderes als ... Cavanough!

„Was ... ?" Vashtu blinzelte und fühlte sich wie in einem schlechten Traum. Das konnte doch alles nicht wahr sein!

Ihr Nachbar blickte hoch, ihr ging im letzten Moment auf, daß er aus seiner Position wahrscheinlich mehr sehen würde, als ihr lieb war und wich unwillkürlich zurück. Doch Cavanough schien im Moment andere Probleme zu haben als ihr wieder irgendwelche Beleidigungen an den Kopf zu werfen.

„Miss Uruhk, sagen Sie diesen Wahnsinnigen, daß sie mich sofort losmachen sollen!" Seiner Stimme war deutlich die Panik anzuhören.

„Mam?" Der erste ihrer Leibwächter salutierte. „Wir fanden dieses Objekt, wie es mit einem verdächtig aussehenden Gegenstand vor Ihrer Wohnung herumschlich."

Vashtu nickte, blinzelte wieder. Dann begann sie endlich zumindest ansatzweise zu verstehen. „Was für einen Gegenstand?" fragte sie.

Sollte Cavanough am Ende die undichte Stelle sein, die sie wieder an den Trust verraten hatte? Dann hätte sie Tom zu unrecht beschuldigt und er war wahrscheinlich vollkommen unschuldig zwischen die Fronten geraten, weil er sie des öfteren besuchte.

Der MP wies mit verlegener Miene auf etwas auf dem Boden vor ihrem Schlafzimmerfenster. Vashtu reckte den Hals und atmete tief ein.

Eine Videokamera lag zerschellt unter dem Fenster. Und es fiel wirklich nicht schwer sich vorzustellen, was Cavanough damit hatte tun wollen.

In ihr brodelte wieder die Wut auf. „Ich kenne diesen Kerl nicht. Nehmen Sie ihn mit!" befahl sie.

„Das ist ihr Nachbar, Cavanough", sagte eine Stimme hinter ihr, zwei Hände legten sich auf ihre Schultern. „Aber ein kleines Verhör hätte er inzwischen schon verdient. Sergeant, warum konnte er uns gestern den ganzen Tag belästigen, ohne daß Sie eingeschritten sind?" John drückte kurz ihre Schultern, als wolle er sie beruhigen.

Die beiden MP wechselten einen Blick. „Da waren wir nicht im Dienst", erklärte der erste dann.

Vashtu atmete tief und kontrolliert ein, um nicht loszubrüllen vor Wut. „Es reicht mir! Mr. Cavanough, Sie können meinerseits mit einer Anzeige rechnen." Damit drehte sie sich um und marschierte an John vorbei in ihre Wohnung zurück.

Dumpf vor sich hinbrütend warf sie sich in ihren Sessel und zog die Beine an. Aus dem Flur hörte sie John noch einige Worte mit den beiden Militärpolizisten wechseln, dann schloß sich die Tür, der Schlüssel wurde wieder herumgedreht. Kurz darauf erschien er, noch vom Schlaf zerzaust und unzureichend bekleidet, in der Türöffnung und sah sie stirnrunzelnd an.

„Das war nicht nett", kommentierte er.

„Dieser ... dieser ..." Vashtu stieß einen Fluch in ihrer Muttersprache aus. „Gerade, wenn ich denke, alles läuft gut, taucht Cavanough auf. Der wollte uns filmen!"

John hob die Brauen, kreuzte die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Türrahmen. „Aber ihn zu verleugnen und Storm ausliefern zu wollen ist auch keine Lösung, Vash." Er schmunzelte. „Obwohl die Vorstellung schon irgendwie reizvoll ist."

Vashtu schnaubte.

John trat langsam näher. „Jetzt komm wieder runter, Vash. Sicher, das war kein sonderlich schöner Weckdienst, aber zumindest für heute dürften wir den Kerl los sein."

Ihn anblitzend warf sie ihm einen wütenden Blick zu. „Und was bringt das? Morgen ist er wieder da."

„Müssen wir dann da sein?" John sah sie auffordernd an.

Vashtu blinzelte überrascht, dann richtete sie sich auf. „Du hast recht!" Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Wir wollten doch ohnehin ein bißchen skifahren."

John musterte sie amüsiert. „Habe ich nicht gesagt, du wirst noch Ideen haben? Was meinst du, was man im Schnee alles anstellen kann?"

„Es ist naß und kalt", kommentierte sie.

Er beugte sich zu ihr hinunter. „Ein schönes Picknick, sich dicht aneinanderkuscheln und gegenseitig wärmen", schlug er vor.

„Und dann, im Hotel ..." Ein Strahlen breitete sich über ihr Gesicht aus. Dann trat ein spitzbübisches Glitzern in ihre Augen. „Bist du eigentlich wirklich so gut, wie Faustus meint?"

Überrascht riß er die Augen auf. „Fau... Woher kennst du Faustus?"

„Aus MacMurdo?" Sie schlang die Arme um seinen Nacken und zog ihn dichter an sich heran, ehe er sich wieder aufrichten konnte. „Sollen wir gleich packen, oder möchtest du vielleicht erst ... ?" Sie wartete nicht auf Antwort, sondern zog ihn in einen langen, sehnsüchtigen Kuß.


***


Gut eine Stunde später kamen sie aus dem Apartment, ihre Sachen zusammen in Vashtus Reisetasche gepackt, weil Johns noch immer nach After Shave stank. In aller Eile hatten sie gepackt, Vashtu dann in dem Hotel angerufen, mit dem sie sich schon vorher in Verbindung gesetzt hatte. Jetzt trabten sie die Treppen hinunter, John die Tasche über der Schulter, Vashtu ihre Schlüssel unternehmungslustig schwingend.

„Und du willst wirklich ... ?" Er blieb im Durchgang stehen, während sie den Schlüssel zu ihrem Keller heraussuchte, in dem sie immer ihr Motorrad unterstellte.

„Warum nicht?" Vashtu sah kurz auf, runzelte dann die Stirn. „Du bist doch schon mit mir gefahren. So schlecht bin ich nun auch wieder nicht."

„Aber schnell", entgegnete er und erntete einen vernichtenden Blick. „Bist du eigentlich schon einmal auf einer vereisten Straße mit einem Motorrad gefahren?"

„Nein."

„Dann sollten wir uns vielleicht einen Mietwagen nehmen." John sah kurz zur Straße hinaus. Ein dunkler Sportwagen hatte gerade am Straßenrand gehalten.

„Wozu? Ich kann fahren."

John seufzte ergeben und fügte sich.

Noch immer war die Antikerin in einer etwas ... gereizten Stimmung, und er wollte keinen Streit mit ihr anfangen. Also würde er wohl hoffen müssen, daß sie beide nicht im nächsten Graben landeten, sobald sie ins Gebirge kamen.

„Geh schon mal vor." Vashtu griff nach der Tasche.

Er ließ sie von seiner Schulter gleiten, dann ging er wortlos die Einfahrt hinunter. Dabei ließ er den Sportwagen nicht aus den Augen, der immer noch am Straßenrand verhielt. Er sah eine Bewegung im Inneren, eine Silhouette.

War das nicht ... ?

John beschleunigte seine Schritte, da gab der Wagen plötzlich Gas und brauste davon. Stirnrunzelnd blieb der Lt. Colonel stehen und sah dem Gefährt nach.

Er war sicher, er hatte gerade diesen eigenartigen Tom gesehen. Aber was wollte der schon wieder hier?


***


„Du hast was?" John staunte Vashtu nur noch groß an.

Die Antikerin zuckte mit den Schultern. „Was sollte ich denn machen? Zu Mackenzie habe ich kein Vertrauen, tut mir leid. Er ist ... so komisch mir gegenüber."

„Er will dich aus der Reserve locken. Das macht er mit jedem. Aber du kannst doch keinem Wildfremden Staatsgeheimnisse anvertrauen. Vash!" John schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich habe Tom keine Staatsgeheimnisse anvertraut. Ich habe nicht einmal den Namen erwähnt!" Vashtu knallte ihre Tasse hart auf den Tisch des Diners, in dem sie saßen, um zu Frühstücken. „so dämlich bin ich nun auch wieder nicht. Ich habe Tom erzählt, ich sei ... auf einen ... Vergewaltiger gestoßen." Sie senkte den Kopf.

John holte tief Atem und schluckte hart. „Kolya ist ... war kein ... Vergewaltiger, und das weißt du auch sehr genau."

„Und was sollte ich ihm sonst sagen? Daß ich beinahe das Opfer eines machtgierigen Irren geworden wäre, der eine sagenhafte Stadt mit meiner Hilfe in seinen Besitz nehmen wollte? Und, das noch ganz nebenbei, dich zu töten beabsichtigte? Und anschließend wollte er dann auch noch die Macht über einen ganzen Planeten an sich reißen? Wer sollte mir das denn glauben?" Vashtu schüttelte den Kopf.

John sah sich unauffällig um, doch es war niemand auf sie aufmerksam geworden, zumindest schien es so. Der Geräuschpegel hier war eindeutig zu hoch.

Er drehte sich wieder zu ihr um und funkelte sie an. „Du hättest dich gar nicht an diesen Tom wenden dürfen, Vash, und das weißt du auch sehr genau", zischte er ihr zu. „Ob du Mackenzie nun magst oder nicht, er ist ein hervorragender Therapeut. Was weißt du denn eigentlich über diesen Tom? Der könnte dir weiß Gott was für eine Geschichte aufgetischt haben, die du nicht überprüfen lassen kannst." Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Und dann ... ein Vergewaltiger! Vashtu, ich bitte dich!"

Ihre Brauen zogen sich zusammen. „Denkst du, ich weiß nicht, was eine Vergewaltigung ist, John?" In ihren Augen funkelte etwas, bei dem er erst nach dem zweiten Hinsehen bemerkte, daß es Tränen waren.

Urplötzlich fiel ihm die andere Geschichte wieder ein, die sie ihm erzählt hatte.

Natürlich wußte sie, was eine Vergewaltigung war. Vielleicht keine körperliche, aber in eine Geistesverschmelzung gezwungen zu werden war wenigstens ebenso schlimm.

Betreten senkte er den Kopf. „Ich habe nicht daran gedacht", gestand er, griff nach ihrer Hand. Einen Moment lang glaubte er, sie wolle sie ihm entziehen, dann aber ließ sie es doch zu. Als er ihr wieder ins Gesicht sah, las er sehr deutlich den Schmerz, den der andere Antiker hinterlassen hatte.

„Es tut mir leid", wisperte er, streichelte sanft ihren Handspann.

Vashtu holte tief Atem, dann nickte sie und senkte den Kopf.

„Aber dennoch ..." fuhr John fort. „Du hast da einen riesengroßen Fehler gemacht. Ich kann nur hoffen, daß er nicht irgendwann auf dich zurückfällt. Du hättest gar nicht mit diesem Tom anbändeln dürfen, Vash. Und, wenn du ehrlich zu dir selbst bist, weißt du das auch sehr genau."

Sie preßte die Lippen fest aufeinander, dann aber nickte sie zögernd.

„Versprich mir, daß du Landry von dieser Sache erzählst. Bitte, Vash! Vielleicht ist das die Antwort darauf, warum der Trust dich plötzlich wieder jagt."

„Ich glaube nicht, daß Tom etwas mit dem Trust zu tun hat." Sie schüttelte den Kopf. „Zumindest nicht freiwillig. Ich habe gesehen, wie er reagierte während des fingierten Überfalls. Er gehört nicht dazu."

John seufzte und verzog das Gesicht.

Mit vernünftigen Argumenten kam er hier wohl nicht sehr weit. Dennoch aber blieb die Gefahr, daß dieser Tom die undichte Stelle war. Und, wenn er ehrlich war, war das sogar ziemlich wahrscheinlich. Kaum war Tom in ihr Leben getreten, meldete sich auch derTrust zurück. Das konnte schlicht kein Zufall sein!

„Dr. Heightmeyer hat mir den Rat gegeben, ich solle mir neue Freunde suchen." Vashtus Stimme klang dumpf. „Und ich hatte auch das Gefühl, daß es mir besser gehen würde. Bis du mir gesagt hast, daß ..." Sie schloß den Mund und starrte auf ihr Rührei.

„Bis ich dir gesagt habe, daß Kolya tot ist", vollendete John den Satz und nickte. „Ich habe sehr genau bemerkt, wie es dir gegangen ist in diesem Moment. Und genau darum solltest du noch einmal mit Mackenzie sprechen. Er ist auf Traumata spezialisiert."

Vashtu schüttelte vehement den Kopf. „Er ist aggressiv!" entgegnete sie heftig.

„Aber genau das ist es, was du brauchst, glaube mir." John beugte sich vor. „Du mußt mit dieser Sache fertigwerden, Vash, ehe sie dich auffrißt. Du magst dein Aggressionspotenzial wieder in den Griff gekriegt haben, aber die Sache ist noch längst nicht ausgestanden für dich. Ich kann das verstehen, wenn vielleicht auch nicht alles. Ich habe keine unsterblichen Zellen in mir wie du, ich weiß, daß ich eines Tages sterben werde, im Gegensatz zu dir."

„Ich werde auch irgendwann sterben, John. Ich weiß nur nicht wann." Noch immer starrte sie auf ihren Teller, die Stirn in tiefe Falten gelegt.

„Das weiß so gut wie niemand." John ließ seine Stimme sehr sanft klingen bei diesen Worten.

Vashtu schüttelte unwillig den Kopf. „Aber ihr wißt, ihr habt eine bestimmte Zeitspanne." Sie blickte wieder auf. In ihren Augen blitzte es. „Ich weiß das nicht. Wraith können unendlich lang leben, wenn sie genug Nahrung haben."

„Ich weiß. Ich mußte schon gegen einen zehntausend Jahre alten Wraith antreten." John zog eine Grimasse und rieb sich unbewußt die Rippen.

Vashtus Augen folgten seiner Bewegung. Sie verzog unwillig das Gesicht, senkte dann den Blick wieder.

John seufzte. „Je länger diese Sache an dir nagt, desto schlimmer wird es werden, glaube mir. Ich weiß, wovon ich rede. Oder denkst du, mir hat es Spaß gemacht, als der ... der Wraith sich an mir nährte?"

Sie schüttelte stumm den Kopf und blickte auf ihre Hand. „Ich ..." Sie schloß den Mund und kniff die Lippen wieder aufeinander.

John beugte sich vor. „Du hast es mir erzählt, schon vergessen?"

Sie sah auf. „Aber du weißt nicht ..." In ihre Augen trat Verzweiflung. „Ich hatte einen unendlichen Hunger damals. Ich hätte mich an dir nähren können. Ich hätte nie geglaubt, daß ... daß die Verwandlung so weit reichen könnte." Sie erschauderte. „Als ... ich noch Rettungsmissionen durchführte, wurde ich einmal beschuldigt, genau das getan zu haben an einem anderen. Aber zumindest das hat der Rat mir geglaubt. Damals konnte ich es nicht."

„Du konntest auch nur, weil du gegen diese Königin angetreten bist, Vash. Sie hat das letzte von dir verlangt. Ich war dabei, schon vergessen?" Er streckte die andere Hand aus und berührte sanft ihre Wange.

Vashtu sah nun doch wieder auf. Ein dünnes Lächeln bildete sich auf ihren Lippen. „Ich hätte das nicht gekonnt, nicht bei dir. Aber ich hatte Angst, daß du es bemerken und mich beschuldigen könntest, ich hätte ..."

„Hast du mir damals so wenig vertraut?" Überrascht hob er die Brauen.

„Ich habe dir immer vertraut, John. Von Anfang an. Aber ..." Ihre Schultern sanken herab.

Er nickte verständnisvoll. „Und genau darum solltest du dir Hilfe suchen. Ich kann dir dabei nicht wirklich helfen, wenn ich auch nachvollziehen kann, wie es dir gegangen ist. Aber ich war nie in einer Situation wie du damals, zur Zeit der Belagerung. Ich war nie so vollständig isoliert von anderen, schon gar nicht über eine so lange Zeit."

Sie kniff die Lippen wieder zusammen, sagte nichts mehr, sondern starrte auf ihren Teller.

„Ich kann verstehen, wenn du Mackenzie nicht trauen willst. Aber, glaube mir, er ist der beste, wenn es um solche Dinge geht, wie du sie erlebt hast. Versuch es zumindest, versprich mir das." Er ließ seine Worte besonders einfühlsam klingen bei diesen Worten.

Vashtu atmete tief ein, sah dann wieder hoch. Langsam nickte sie. „Ich werde es versuchen."

John lächelte. „Gut."


***


Kaum hatte sie die Tür aufgeschlossen, da entfuhr Vashtu schon der erste kleine, entzückte Aufschrei.

John, der ihre Tasche wieder über die Schulter geschlungen getragen hatte, schüttelte amüsiert den Kopf, als sie in das Zimmer stürmte und, wie ein kleines Mädchen, zu staunen begann. „Wir haben einen Balkon!" rief sie ihm zu, während er den Schlüssel wieder abzog und die Tür hinter sich sorgsam schloß. „Und guck dir nur dieses Bett an! Und ... was für eine Einrichtung!" Vergnügt tanzte sie auf der Stelle.

John grinste.

Wieder hatte er das kleine Mädchen vor sich, wenn auch ein sehr glückliches und entspanntes kleines Mädchen. Diese Verwandlungen an ihr irritierten ihn zwar ein bißchen, aber inzwischen, so bemerkte er selbst, gewöhnte er sich daran und harrte sogar auf einen neuen Rollenwechsel. Ob er auch so war? Nein, zumindest er hatte das noch nicht realisiert.

Vashtu warf sich auf das breite Bett. Die Matratze federte leicht nach. „Klasse!"

John stellte ihre Tasche auf einem der zwei Sessel ab und drehte sich um, um das Hotelzimmer zu betrachten.

Der Raum war recht groß, und, Vashtu hatte recht, mit einem Balkon verbunden, wahrscheinlich dem gleichen, den sie schon auf den letzten Metern ihrer Herfahrt gesehen hatten. Das breite Bett wirkte wirklich sehr einladend, vor allem mit seinem jetzigen Inhalt, ein wuchtiger Kleiderschrank und eine Kommode, auf der ein Fernseher stand, vervollständigten die Einrichtung. Eine schmalere Tür führte sehr wahrscheinlich in ein Bad. Dazu dam dann noch eine kleine, gemütliche Sitzgruppe vor einem Kamin.

John schürzte die Lippen und schälte sich aus seiner Jacke, ehe er den Raum durchschritt und die besagte Tür öffnete.

Ein Bad mit hellen Kacheln lag erwartungsgemäß dahinter. Eine breite Badewanne mit eingebauter Dusche, ein Waschbecken, die Toilette und ein BD, alles da. Die Amaturen glänzten wie poliert.

„Und?"

Er drehte sich um und sah, daß Vashtu sich auf die Ellenbogen gerappelt hatte und ihn erwartungsvoll ansah. Er nickte grinsend. „Perfekt. Und hier gibt es sicher keinen Cavanough, der uns beide ärgern kann."

Ihre Stirn umwölkte sich, schmollend schob sie die Unterlippe vor. „Mistkerl!" entfuhr es ihr.

John trat an das Bett und beugte sich über sie. „Er ist nicht hier", sagte er mit bestimmter Stimme, nachdem er ihren Blick eingefangen hatte.

Sie sah ihn an. In ihren Augen leuchtete etwas, was er inzwischen mehr als gut kannte. Er beugte sich noch tiefer über sie und küßte sie. „Und fahren kannst du wirklich hervorragend."

Ein sehr zufriedenes Lächeln erschien auf ihren Lippen. Und im nächsten Moment hatte sie ihre Arme um seinen Nacken geschlungen und zog ihn zu sich hinunter.

„Vash!"

John verlor das Gleichgewicht und purzelte auf sie drauf.

Vashtu lachte, dann wurde sie wieder ernst, als sie in sein Gesicht blickte.

War diese Frau nicht einfach unglaublich? Sie war es, rief John sich immer wieder ins Gedächtnis. Sie mußte es einfach sein.

Carson hatte so recht gehabt. Die faszinierenste Frau des ganzen Universums, das war sie. Und sie hatte sich ausgerechnet für ihn entschieden. Er konnte dieses Glück kaum fassen.

Zögernd senkte er seinen Kopf und küßte sie erneut, lang und zärtlich, und ließ sanft seine Hände über ihren Körper wandern.

„Zieh die Jacke aus", murmelte er zwischen zwei weiteren Küssen.

Vashtu lächelte wieder, reckte sich ihm entgegen und drückte ihre Lippen kurz auf seine. „Ich glaube, jetzt hatte ich einen Einfall", wisperte sie ihm zu.

John richtete sich überrascht wieder auf. „Was?"

Sie mußte ihre Fremdzellen eingesetzt haben, denn ohne große Anstrengung zog sie ihn wieder zu sich hinunter.

John ließ es mit sich geschehen, was auch immer sie da tun wollte. Das ganze machte ihn allmählich neugierig.

Entschlossen rollte Vashtu sich unter ihm hervor und schlüpfte vom Bett herunter. Er wälzte sich träge herum und beobachtete, wie sie sich ihrer dicken Jacke entledigte.

„Was hälst du von Snowboards?" fragte sie schließlich, als sie wieder zum Bett zurückkehrte.

„Hä?"

Sie öffnete die Schnürsenkel und kickte ihre Schuhe von den Füßen, ehe sie wieder auf das breite Bett krabbelte, sich über ihn beugte. „Snowboard fahren", wiederholte sie sanft und zärtlich und drückte erneut ihre Lippen auf seine, während ihre Linke über das Hemd strich, das er trug.

„Snowboard klingt gut." Er sah etwas ratlos zu ihr auf, sog dann aber scharf die Luft ein.

„Gut", gurrte sie.

In diesem Moment klopfte es an der Tür.

Vashtu richtete sich sehr zufrieden grinsend wieder auf.

„Hey!" John rappelte sich entrüstet auf die Ellenbogen, während sie zur Tür ging und diese öffnete, nachdem sich der Zimmerservice gemeldet hatte. Dabei ging ihm auf, daß sie ihre Beretta im Hosenbund mit sich herumtrug. Seine Augen weiteten sich. War sie die ganze Zeit über bewaffnet?

Ein Hotelangestellter betrat den Raum, einen Servierwagen vor sich herschiebend. „Wie Sie bestellt haben, Miss. Wenn Sie bitte hier unterschreiben würden." Er hielt ihr einen Block und einen Stift hin.

John runzelte die Stirn und warf dem Wagen einen kritischen Blick zu.

Was sollte das? Was hatte sie vor?

Vashtu zeichnete die Rechnung gegen und gab sie dem Mann vom Zimmerservice wieder zurück. Dann drehte sie sich zu John um, während der andere das Zimmer wieder verließ und lächelte verschmitzt über seine Miene. „Laß dich überraschen, John Sheppard." Sie drehte den Schlüssel.

Seine Augen wurden schmal, als er sich aufsetzte. Mit scheelem Blick betrachtete er die abgedeckten Schüsseln auf dem Servierwagen. Und eines war ihm garantiert nicht entgangen: Der Sektkühler und die beiden Gläser.

„Wann hast du denn das bestellt?" fragte er.

Vashtu grinste, hob die Abdeckung von der Schüssel und nickte befriedigt. „Bevor wir losgefahren sind. Die Flasche Sekt ist vom Hotel, die habe ich nicht bestellt. Alles andere schon."

John erhob sich nun doch und trat hinter sie. Sie mit seinen Armen einfangend und sanft und liebevoll an sich drückend legte er das Kinn auf ihre Schulter und blickte in die Schüssel.

„Sogar extra geliefert. Sehr schön." Vashtus Stimme klang wie ein zufriedenes Schnurren.

„Obstsalat?" John blinzelte etwas irritiert.

„Mach die zweite Schüssel auf", gurrte sie und lehnte sich gegen ihn.

John drückte ihr einen liebevollen Kuß auf den Hals, löste seine Hand dann von ihrem Körper und beugte sich, sie leicht mitziehend, vor, um die zweite Schüssel ihres Deckels zu entledigen. Dann aber wurden seine Augen groß. Ein verschmitzte Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Gute Idee, Vash", flüsterte er, als er sich wieder aufrichtete.

Sie drehte sich in seinem Arm zu ihm um und reckte das Kinn. „Nicht wahr?" gurrte sie, legte ihm die Hände um den Nacken.

„Sehr gut, sogar." Er suchte ihre Lippen und küßte sie erneut, während seine Finger begannen, ihre Wirbelsäule entlangzustreichen.

Vashtu gab einen wohligen Laut von sich, drängte sich dichter an ihn und ließ seine Zunge nicht mehr aus ihrem Mund verschwinden.

Johns Hände glitten an der Waffe vorbei. Einen Moment lang wollte sich seine Erregung wieder zurückziehen, dann aber gewann doch diese unglaubliche Frau in seinen Armen. Seine Hände glitten unter ihren Pullover, streichelten ihre Hüften, glitten zu ihrer Mitte hinauf.

Vashtu schloß die Augen halb und wölbte sich unter seinen Streicheleinheiten nach hinten. Und ihre Hände glitten über seine Seiten, fanden den Hosenbund und zerrten ungeduldig an seinem Hemd, bis sie endlich ihr Ziel fanden, seine Haut.

John schluckte, seine Knie wurden weich.

Was war das nur für eine Frau, die er da in seinen Armen hielt? Wie konnte all das hier überhaupt geschehen? Er fühlte sich wie in einem Traum.

Vashtu löste sich mit entschlossenen Bewegungen von ihm, zog dann, mindestens ebenso entschlossen, ihren Pullover über den Kopf. Eine leichte Gänsehaut bildete sich sofort auf ihrem Oberkörper, obwohl der Raum eigentlich warm war, wenn man ihm auch anmerkte, daß das Hotel die Heizung erst geöffnet hatte, als dieses Zimmer vermietet war.

John knöpfte sich ungeduldig das Hemd auf, lächelte sie unter seinen Ponyfransen her an.

Vashtus Finger versanken in der zweiten Schüssel. Als sie sie wieder hob, war eine weiche, weiße Masse an ihnen.

Mit einem langen Schritt war er bei ihr, packte sanft ihren Arm. Dabei sah er sie an.

„Sahne ist sehr lecker, findest du nicht?" fragte er leise.

Sie lächelte.

John beugte sich über ihre erhobene Hand. Seine Lippen schlossen sich um die beiden Finger und er saugte die Sahne von ihnen, um sich dann wieder seinen Mund über ihren zu senken.

Vashtu gab einen wohligen Laut von sich, während er seine Zunge, mit den Resten der süßen Sahne an ihr, in ihren Mundraum schob.

Sie lernte also doch. Alles was sie gebraucht hatte, waren ein paar Tage, um sich auf dieses neue in ihrem Leben einzustellen, wurde ihm klar. Jetzt aber hatte er sie endlich da, wo er sie schon die ganze Zeit über hatte haben wollen.

Er löste seine Hand von ihrem Körper, zupfte eines der Fruchtstücke aus der ersten Schüssel und versenkte es in der Sahne, um es ihr anschließend hinzuhalten.

Gemeinsam sanken sie endlich auf das Bett, bedeckten sich mit heißen Küssen und fieberten ihrem Höhepunkt entgegen.


***


Vashtu trat entschlossenen Schrittes auf das Snowboard, sah sich dann noch einmal die Abfahrt an, die in der untergehenden Sonne dieses Tages rötlich leuchtete.

„Das war eine klasse Idee von dir", bemerkte John an ihrer Seite.

Die Antikerin nickte. Ihr Atem dampfte in der kalten Luft. Sie warf ihm einen langen, liebevollen Blick zu. „Wer zuerst unten ist ..." rief sie dann aus und holte Schwung. Gekonnt warf sie sich auf die Piste und raste den Abhang hinunter. Die Geschwindigkeit versetzte sie in einen gewissen Rausch, dem Fliegen nicht unähnlich. Und John nahe bei sich zu wissen ...

Vashtu lächelte.

Es war einfach ein herrliches Gefühl, ihn bei sich zu haben, alles gemeinsam tun zu können und ihre Gefühle zueinander wachsen zu lassen.

Sicher, sie wußte auch, es würde nicht immer ohne Reibereien unter ihnen funktionieren. Dafür waren sie sich dann doch zu ähnlich, wenn sie auch versuchte, andere Wege und Lösungen zu finden als er. Dennoch tat sie wohl oft genug genau das, was er auch tun würde, sagte vielleicht sogar das gleiche.

Carson hatte mit allem Recht, kam ihr in den Sinn, als sie schließlich abbremste. Noch ehe sie sich umdrehen konnte, fühlte sie auch schon einen anderen Körper, der gegen ihren prallte. Der Halt auf dem Board war alles andere als sicher, so daß sie beide lachend in den Schnee plumpsten. John rappelte sich wieder auf, blickte spitzbübisch zu ihr hinunter. Dann beugte er sich plötzlich vor und stibizte ihr einen Kuß von den Lippen.

„Die faszinierendste Frau des ganzen Universums! Ich bin ein riesiger Glückspilz, Vash", flüsterte er ihr zu.

Und sie lächelte nur.


***


„Was muß man eigentlich tun, damit ihr zwei euch nicht in den Haaren liegt, mh?" Carson Beckett umarmte sie kameradschaftlich, hielt sie dann von sich und sah sie fest an. „Mach dir nicht so viele Sorgen, Vashtu, hörst du? Das wird sich schon wieder einrenken."

Sie sah ihn mit traurigem Augen an, dann nickte sie. „Danke, Carson. Du hast schon so viel geholfen. Ich wüßte nicht, wie ich dir das je danken soll."

Der Schotte lächelte versonnen. „Sagen wir, mein Dienst als Liebesbote für euch beide bringt auch mir eine gewisse Befriedigung. Das reicht mir."

Sie nickte bitter. „Und du bist weiter einsam. Es tut mir leid für dich."

„Mach dir darum keine Sorgen, Vashtu." Beckett machte kurz Babbis Platz, der den Jumper besteigen wollte mit düsterer Miene.

„Es tut mir leid, daß ich in dir nur einen Freund sehen kann. Aber wahrscheinlich den besten Freund, den ich je hatte, falls dich das tröstet."

„Na, das ist doch schon einmal etwas." Beckett drückte sie wieder kurz an sich, dann trat er zurück. „Und jetzt solltest du sehen, daß du über die GateBrigde kommst, ehe Landry noch ein Rettungskommando ausschickt, um dich wieder zurückzuholen. Die Pegasus-Galaxie scheint ihm für dich zu gefährlich."

Vashtu senkte den Kopf. „Ja, ich weiß. Auch wenn ..." Sie stockte und seufzte schwer.

„Laß dich nicht unterkriegen und vertrau mir. Einen letzten Dienst werde ich euch beiden noch erweisen, Vash, und wenn es das letzte ist, was ich je tun werde", sagte der Schotte mit entschlossener Miene. „Euch beide zusammenzubringen war bisher schon eine harte Arbeit für einen Aushilfsarmor wie mich. Euch die Köpfe ein wenig zurechtzurücken erscheint mir da noch die wesentlich leichtere Übung."

„Du bist auch gegen die Air Force, Carson", warf Vashtu mit einem traurigen Lächeln ein.

Beckett zuckte mit den Schultern. „Einen letzten Dienst für zwei dickköpfige Liebende." Er hob einen Finger. „Was deinen Militäreintritt angeht, so halte ich mich da heraus. Du kennst meine Meinung, aber ich bin gern bereit, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Also streng dich an, Major Vashtu Uruhk."

„Das werde ich tun, Carson." Wieder sandte sie ihm ein trauriges Lächeln.

„Was deine Beziehung zu John Sheppard angeht ... nun, ich denke, ihr beide seid erwachsen genug, um das letztendlich unter euch zu klären. Und genau darum sage ich, ich werde euch beiden noch einen letzten Dienst erweisen. Wenn der scheitert ... kann auch ich nichts mehr tun und nur hoffen, daß ihr doch wieder zusammenfindet." Er trat noch einen Schritt zurück. „Und jetzt ab mit dir, baldiger Major. Du hast dein Team gerettet, das ist doch etwas."

Vashtu nickte, bestieg jetzt wirklich die Rampe. Dann drehte sie sich noch ein letztes Mal um und sah sich in der Jumperbase von Atlantis um, während die Heckklappe sich schloß.


TBC ...