05.05.2010

Erdgebunden VI

"Was sollte das?" Mackenzie knallte lautstark die Tür hinter sich zu und baute sich vor der Antikerin auf. „Was fällt Ihnen eigentlich ein, soetwas auch nur zu versuchen, Major? Ich dachte, wir beide seien endlich auf dem richtigen Weg, aber inzwischen zweifle ich wirklich, ob Sie mir nicht ebenfalls Märchen erzählt haben, wie bereits Dr. Finnigan vor mir!" Er schmiß ihr einen Stapel Fotos zu.
Vashtu erstarrte, als sie einige Gesichter darauf ausmachen konnte. Gesichter von Menschen, an denen sich Wraith genährt hatten. Erschaudernd wandte sie sich ab.
Der Wind war ihr gründlich aus den Segeln genommen worden.
Mackenzie beobachtete ihre Reaktion genau - und fand sich plötzlich bestätigt. Er trat ans Fußende ihres Bettes und lehnte sich schwer auf den Metallrahmen.
"Wissen Sie was, Major? Wissen Sie, zu was ich wirklich Lust hätte? Sie in die geschlossene Abteilung zu verlegen und den Schlüssel zu ihrer Gummizelle wegzuwerfen! Genau dazu wäre ich jetzt in der Stimmung!" wütete er weiter.
Wieder ein deutlicher Schauder, das Blut wich ihr aus dem Gesicht. Voller Trotz hob sie jetzt aber den Kopf.
"Sie halten mich hier gegen meinen Willen fest!" Ihre Stimme bebte leise bei diesen Worten. Die Wut schien im Moment mehr als nur verraucht zu sein.
Mackenzie starrte sie an, so wie sie es mit ihm versucht hatte in der Lobby. Doch er hatte wesentlich mehr Erfolg. Sie verstummte und senkte den Kopf wieder. Doch er sah noch ihre verzweifelte Miene.
Er nickte, wies auf die Fotos. „Sehen Sie sich die nur sehr gut an, Major! Sehen Sie sie sich genau an, dann wird Ihnen vielleicht das eine oder andere Gesicht bekannt vorkommen."
Verwirrt warf sie wieder einen Blick auf die Fotos, nur kurz, dann drehte sie den Kopf zurück und schluckte hart.
"Ja, genau. Sie wurden gesehen, Major! Sie wurden gesehen, als Sie in Atlantis waren. Nur schenkte den Berichten niemand so recht Glauben damals. Sie kamen aus Ihrem Labor heraus und sind einigen Leuten zur Hilfe gekommen." Er zog einen zweiten Satz Fotos hervor und warf sie ihr aufs Bett.
Sie zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen, und wußte nun endgültig nicht mehr, in welche Richtung sie sehen sollte, eingekeilt zwischen den Fotos, auf der einen Seite tote Wraith, auf der anderen ihre noch lebenden Opfer. Er sah, wie sie nervös wurde.
"Sie lügen, wenn Sie den Mund aufmachen, Major. Kein Wunder, daß Ihr eigenes Volk sich gegen Sie wandte. Wahrscheinlich haben Sie sich wirklich an einigen Ihrer Art genährt, um genug Kraft zu haben, nicht wahr?" warf Mackenzie ihr vor.
Mit einem Ruck hob sie den Kopf. „NEIN! Das habe ich nie getan! NIEMALS!" Ihre Stimme brach ab, ihre Lippen bebten.
Endlich!
Mackenzie starrte sie immer noch an, und jetzt erwiderte sie seinen Blick.
"Ja, ich kam aus dem Labor heraus, aber erst während der Belagerung. Einige Wraith dachten wohl, sie würden etwas wichtiges finden und brachen die Verbindungstür zu meinem Bereich auf", begann sie endlich zu erzählen. „Ich wußte, was los war. Ich wußte es von Anfang an! Aber ich ... ich hatte Angst, mich zu zeigen. Ich hatte die Gene nicht richtig unter Kontrolle. Erst nach der Belagerung ging es wieder." Sie holte tief und schluchzend Atem. „Ich tötete die Wraith, die in meinen Bereich eingedrungen waren und suchte sie gezielt. Ja, ich habe einige der Expedition damals gerettet, ich habe sogar an einer der Flags gestanden für kurze Zeit, als diese nicht besetzt war. Aber ich konnte nicht ... ich konnte mich nicht zeigen, nicht so! Sie hätten mich ..." Sie schlug die Hände vor das Gesicht.
"Und warum sind Sie nicht kurz darauf, als Sie sich wieder im Griff hatten, aufgetaucht? Warum dieses ganze Versteckspiel über einige Monate, nachdem Sie doch freien Zugang zu allem hatten? Was wollten Sie denn noch?"
Sie ließ die Hände wieder sinken, sie zitterten. „Ich wollte ... ich wollte leben", flüsterte sie tonlos. „Ich schlich nachts durch die Gänge, ich beobachtete die Expedition und ..." Sie brach ab und holte wieder tief Atem. „Die Stasiskammer weckte mich, als Colonel Sheppard den Hauptrechner ... Ich wollte ... ich dachte ..."
"Sie hatten sich von Anfang an in ihn verliebt." Mackenzies Stimme wurde etwas weicher, doch noch immer ließ er einen Vorwurf mit hineinschwingen in seine Worte.
Sie nickte stumm und preßte die zitternden Lippen aufeinander.
"Und was war vor zehntausend Jahren? Was war mit dem Rat?"
Sie schluckte wieder, zog die Schultern hilflos hoch. „Ich weiß es nicht."
Das tat sie wirklich nicht, wurde ihm klar. Sie war zu unerfahren gewesen, um wirklich begreifen zu können, was ihr geschah, nachdem der Rat sie als sein Werkzeug zu mißbrauchen begann. Wahrscheinlich hatte sie wirklich lange Zeit angenommen, irgendwann aus ihrem Gefängnis entlassen zu werden, wenn sie nur genug Schaden bei den Wraith anrichtete.
"Dann werde ich es Ihnen sagen - und ich werde Ihnen auch Ihr vordringlichstes Problem nennen: Sie wurden ausgenutzt! Der Rat benutzte Sie für seine Zwecke. Eine billige Waffe, die man einfach wieder verstecken konnte, das waren Sie für den Rat. Und wissen Sie auch, warum der Rat das tat? Weil man Angst vor Ihnen hatte, darum! All das, über mehr als sieben Jahre, zerstörte Ihr Vertrauen in andere. Sie können schlicht nicht mehr, Vashtu, Sie können niemandem mehr bedingungslos trauen. Und das ist Ihr Problem, Ihr wichtigstes Problem! Darum preschen Sie immer vor, darum wollen Sie immer alles selbst machen. Sie vertrauen nur auf sich selbst, und selbst dieses Vertrauen wurde inzwischen gründlich unterminiert, nicht wahr? Anderen geben Sie nur soviel von sich selbst preis, wie Sie glauben, entbehren zu können. Selbst dem Colonel haben Sie nicht mehr als nötig gesagt, habe ich recht?"
Verwirrt sah sie auf. „Warum sollte der Rat Angst vor mir gehabt haben?" fragte sie.
Mackenzie nickte. „Weil Sie anders waren, Major, darum", antwortete er, hob die Hand, als sie zu einer Entgegnung ansetzen wollte. „Sie sind intelligent, und Sie setzen diese Intelligenz auch ein. Sie wollten sich wehren, und Sie haben gelernt, sich zur Wehr zu setzen. Und, auch wenn Sie selbst nicht davon überzeugt sind, Ihre Forschungen waren gut und solide. Mag sein, daß Sie unter einem Konzentrationsproblem gelitten haben, aber das entstand eher, weil Sie nicht ausgefüllt waren mit Ihrer Arbeit. Anders als heute, nicht wahr? Sie waren eine Gefahr für den Rat, eine Gefahr für die Werte, die dort repräsentiert wurden. Aber man konnte Sie auch nicht einfach aus dem Weg schaffen, dazu waren Sie zu wichtig. Also impfte man Ihnen ein Schuldgefühl ein, so tief, daß Sie selbst heute noch darunter leiden, und degradierte Sie zu einer Waffe."
Sie schüttelte den Kopf. „Aber ... aber Janus? Er war doch auch ..." Sie schloß den Mund und runzelte verzweifelt die Stirn.
"Janus, das nächste Thema." Mackenzie beugte sich vor. „Sie wissen es bereits, nicht wahr? Sie wissen, daß auch er Sie benutzt hat. Ihr Freund hatte seine eigenen Pläne, weil er über andere Informationen als Sie verfügte. Und es gelang ihm, Sie so gründlich zu isolieren, daß Sie zehntausend Jahre brauchten, um auch nur ansatzweise seinen Plan zu durchschauen."
Sie schluckte. „Er hat mir geholfen!" stieß sie hervor.
"Letztendlich ja", gab der Psychologe zu. „Aber er hat Ihnen damals nicht weniger übel mitgespielt als die anderen Mitglieder des Rates, wenn auch aus anderen Gründen. Sie verstanden sich so gut mit ihm, weil auch er ... anders war. Aber er war für den Rat noch harmlos, präsentierte nur eine kleine, unbedeutende Stimme. Wenn Sie aber wirklich aufgetaucht wären damals, wer weiß, was dann geschehen wäre. Janus wußte das, und er wußte, er und Sie hatten keine Chance, etwas an dieser Situation zu ändern. Also schmiedete er einen anderen Plan, gab Ihnen die Stasiskammer und beschränkte Benutzerrechte über den Hauptrechner, weil er Sie nicht befreien konnte. Er setzte das Leben einer Dritten aufs Spiel, um Ihres zu retten. Er wußte, wenn Sie je eine Chance haben würden, dann in der heutigen Zeit und bei den Menschen. Das war es, was er Ihnen auch mitgeteilt hat, nicht wahr?"
Wieder glänzten Tränen in ihren Augen, doch noch flossen sie nicht.
"Sie waren in die falsche Zeit geboren worden, Vashtu, in die vollkommen falscheste Zeit, die Sie sich nur hätten aussuchen können. Man setzte Sie gefangen und Sie hatten nie auch nur die leiseste Chance, aus diesem Teufelskreis auszubrechen." Er zog die Kopie eines ärztlichen Berichtes aus seiner Jackettasche und reichte ihn ihr. „Noch ein Hinweis, den ich erst falsch gedeutet habe, aber inzwischen verstehe."
Vashtu las das Papier kurz durch, erstarrte dann. „Das ist eine private Angelegenheit!" entfuhr es ihr. Ein letzter Rest Zorn blitzte wieder in ihr auf.
"Nicht, wenn ich es brauchen kann. Dr. Evans fragte sich ernsthaft, ob Ihr Volk vielleicht das Klonen betrieben hatte, so unschuldig, wie Sie in Ihre Beziehung mit Colonel Sheppard gestartet sind. Aber tatsächlich ist er Ihre erste Beziehung auf dieser Ebene, nicht wahr? Sie wußten nicht, daß Sie schwanger werden können, aber das lag nicht an Ihrem doch recht fortgeschrittenen Alter, sondern an der Tatsache, daß Sie niemand vor Dr. Evans aufgeklärt hat. Sie haben das recht geschickt überspielt, Vashtu, das muß ich Ihnen lassen. Aber ein solcher Fauxpas wird Ihnen so schnell wohl nicht wieder passieren. Bis zu dem nächsten Problem, über das Sie nichts wissen."
Hilflos zerknüllte sie das Stück Papier zwischen ihren Fingern.
Mackenzie nickte. Wieder hatte er recht gehabt. Wieder war ein Damm in ihr gebrochen, und dieses Mal war es sogar ein wichtiger, wie er wußte. Das Versteckspiel war aus, er hatte sie so in die Ecke gedrängt, daß sie nicht anders konnte. Er hatte ihr die nötigen Beweise vorgelegt, die sie nicht entkräften konnte. Da half ihr selbst ihre Intelligenz nicht mehr weiter.
"Sie waren Zeuge, wie Ihre Mutter starb", begann er jetzt, „Sie wären, wie Sie selbst sagten, die nächste gewesen. Ein Leckerbissen für einen Wraith, noch so viele Lebensjahre vor sich! Er wäre sicher mehr als nur gesättigt gewesen. Sie wußten zu verhindern, daß je wieder ein Wraith Ihnen so nahe kommen konnte, nicht wahr? Aber es gab trotzdem Versuche."
Sie nickte mit starrem Gesicht.
"Viele?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Ungefähr ... zwanzig Mal vielleicht." Sie schluckte hart. „Ich ... Es gelang mir meist, mich wieder loszuwinden und die Wraith zu töten. Aber ich wußte auch nicht, ob sie ... es konnten."
"Wissen Sie es jetzt?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Es gibt Hinweise auf Kannibalismus. Aber ob ich ..." Sie schloß den Mund und atmete einige Male tief ein.
"Sie haben sich damals hilflos gefühlt, nicht wahr? So hilflos, wie Sie nie wieder sein wollten in Ihrem Leben."
Sie nickte stumm.
"Aber dann kam erst der andere Ihres Volkes und dann Kolya."
Sie zuckte sichtlich zusammen.
Mackenzie achtete sehr genau auf ihre Reaktion und wieder fühlte er sich bestätigt. Das war von Anfang an das Problem gewesen. Deshalb steigerte sich plötzlich ihre Aggression. Als er die Berichte über den nächsten Einsatz nach ihrem Beinahe-Tod gelesen hatte, war sie auch deutlich gewaltbereiter gewesen als sonst, wenn auch lange nicht so schlimm wie nach ihrer Begegnung mit dem Genii.
"Sie waren wieder hilflos, so hilflos wie Sie auch in den Händen von Nisroch gewesen sind, nicht wahr?" Allmählich ließ er seine Stimme wieder mitfühlender klingen. Er wußte, sie war inzwischen viel zu tief in ihren eigenen Erinnerungen versunken, um die Chance zu ergreifen, ihn wieder verbal anzugreifen. Und er hatte recht.
"Kolya wollte mich töten." Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Er hatte das alles sehr genau geplant. Irgendwie hatte er jemandem mit dem ATA-Gen aufgetrieben, der ... der das Gerät benutzen konnte. So störte er das Wurmloch und brachte SG-27 in die Pegasus-Galaxie. Er hat das zwar nicht zugegeben, aber ... Die Kugeln, die mich außer Gefecht setzten, mußten bereits mit dem Hoffaner-Stamm versetzt gewesen sein. Ich war ... schwach." Sie schloß die Augen. „Die Kugeln reichten aber nicht. Die Fremdzellen nahmen ihren Dienst wieder auf. Ich wußte, er wollte an John heran, also ... Es war so erniedrigend, nichts tun zu können! Ich mußte die Fremdzellen ausschalten, um ein bißchen Zeit zu gewinnen. Ich war abgelenkt und verlor so erst recht Zeit. Und dann ... Peter! Ich konnte ihn doch nicht ... Kolya stand am Ende vor ihm und wollte ihn erschießen. Er ist doch fast noch ein Kind!" Wieder schluchzte sie.
"Kolya benutzte ein Gerät, um Sie auf diesen Planeten zu locken?" Mackenzie runzelte die Stirn.
Diese Tatsache war nie geklärt worden bisher. Man war von einer merkwürdigen Anomalie ausgegangen, die das Wurmloch plötzlich befähigte, in zwei Richtungen zu wirken. Vielleicht die Tatsache, das jemand von außen in ein existierendes Wurmloch eingegriffen hatte.
Vashtu nickte, wischte sich die Tränen vom Gesicht und holte tief Atem. „Es gab Geräte, die sich in bestehende Wurmlöcher einwählen konnten, wenn sie mit einem Tor verbunden wurden. Ich weiß nicht, wie Kolya an die Information gelangte, daß ausgerechnet ich in diesem Wurmloch steckte, aber er muß eines dieser Notfallsets gefunden und herausbekommen haben, wie sie funktionierten. Damit brachte er SG-27 nach Pegasus. Ich schickte Dorn und Wallace zurück, aber Peter ... er war direkt neben mir, und er blieb auch bei mir, selbst als es noch möglich gewesen wäre, zurück zur Erde zu kommen."
"Er wollte Ihnen helfen. Er hatte gesehen, daß Sie angeschossen wurden", erklärte Mackenzie.
"Das weiß ich nicht, aber es ist möglich. Wir waren Seite an Seite." Noch immer umklammerten ihre Finger die Fotokopie des medizinischen Berichtes.
"Und als die Gene versagten?"
Sie erschauderte. „Es war ... Ich kann es nicht beschreiben! Erst fühlte ich gar nichts, nur die Schmerzen, wie sie zunahmen. Dann aber ... Peter und ich wußten nicht, ob es tatsächlich eine Kamera gab, und ich war die einzige, die die Zelle verlassen konnte. Also ... ich habe die Gene eingesetzt und die Tür aufgebrochen. Und dann ... es ging plötzlich so schnell! Ich verlor immer mehr Körperkraft. Und ich wollte nicht, daß ... Ich wollte nicht, daß jemand ... daß John ... daß Kolya gewinnt."
"Sie wollten nicht, daß irgendjemand Sie so sah, richtig? Und vor allem nicht Colonel Sheppard."
Sie nickte. „Aber ... ich fühlte, er war da, bei mir." Sie blickte auf. Ein bitteres Lächeln auf den Lippen. „Wir beide sind verbunden. Vom ersten Moment an waren wir das. Als er mich weckte, konnte ich das Band fühlen. Aber er war sich dessen nicht bewußt."
Mackenzie beugte sich über das Fußende des Bettes und runzelte die Stirn. „Verbunden?"
Sie nickte. „Er gab mir die Kraft durchzuhalten. Und er sagte mir ..." Sie schloß den Mund und schluckte wieder.
"Er sah Sie nicht wie andere Sie gesehen haben, richtig?"
Sie nickte.
"Er nahm zwar wahr, daß Sie immer älter wurden, aber für ihn war es in diesem Moment wichtiger, daß Sie überlebten. Darum sah er Sie nicht, wie andere das vielleicht taten, Vashtu."
Sie schüttelte den Kopf. „Das ist noch etwas anderes." Sie schloß den Mund wieder. Ihre Hand spielte mit den Hundemarken um ihrem Hals.
"Und bei der Sache mit Nisroch war es ähnlich, nicht wahr? Sie waren nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu tun, ohne sich selbst zu verletzen. Und das wagten Sie nicht, weil Sie sonst nicht mehr aus der Hütte gekommen wären."
Sie biß sich auf die Lippen und senkte den Kopf wieder. „Er brachte mich dazu, Atlantis zu verraten", flüsterte sie. „Er zwang mich in ... in meine Erinnerungen hinein."
Mackenzie nickte verstehend. „Es war das erste Mal, daß Sie auf dieses Gerät trafen, nicht wahr? Das ist eine traumatische Erfahrung."
"Ich konnte die Erinnerungen manipulieren, aber das wußte ich zu Anfang nicht."
Mackenzie hob den Kopf. „Sie konnten die Erinnerungen manipulieren?" Er hob die Brauen.
Wieder ein Nicken. „Aber da war es schon zu spät und ich hatte getan, was ich niemals ..." Sie stockte und holte wieder schluchzend Atem. „Es war ... Ich fühlte mich so hilflos! Ich konnte nichts tun. Bei Kolya hoffte ich, wenn ich mich halbwegs kooperativ verhielt, würde er ... Aber er wollte, daß ich sterbe. Er haßte mich so sehr - und ich haßte ihn! Ich ... John hat Kolya getötet, und ich ..." Wieder stockte sie, die Brauen verzweifelt zusammengeschoben.
Mackenzie begriff.
Eine Erinnerung war mit der anderen verbunden. Nisroch hatte ihr gefährliches Abenteuer mit Kolya wieder hervorgeholt aus der Tiefe ihres Geistes. Und da sie es noch immer nicht verarbeitet hatte, war geschehen, was geschehen mußte. Sie verwechselte die Szenarien, nicht bewußt, aber gerade das konnte eklatante Auswirkungen haben.
"Sie haßten den Colonel, daß er Ihnen zuvor gekommen war", beendete er ihren Satz.
Sie nickte stumm, die Lippen wieder zusammengekniffen.
"Was war das schwerste für Sie, Vashtu? Was hat Ihnen den größten Schrecken eingejagt?"
"Nichts tun zu können", wisperte sie kaum hörbar.
"Sich auf andere verlassen zu müssen, nicht wahr?"
Sie zögerte, doch dann nickte sie. „Ich kann mich auf John verlassen, das weiß ich, aber ..."
"Aber es fällt Ihnen schwer, sich fallen zu lassen, noch dazu in einer solchen Situation. Der Tod ist schon lange Ihr Begleiter, er hat einen großen Teil seines Schreckens für Sie verloren. Aber die Tatsache, auf andere vertrauen zu müssen, nicht die Kontrolle über das eigene Handeln zu besitzen, das ist Ihr Problem. Und Ihre Antwort darauf lautet, beim nächsten Mal noch aggressiver vorzugehen, die Schwelle zu überschreiten und alles niederzumähen, was sich Ihnen vielleicht in den Weg stellt. Habe ich recht? Es erschreckt Sie selbst, aber Sie können es nicht steuern."
Verwirrt sah sie auf und starrte ihn an. Erst nach einer Weile begann sie leise zu nicken.
"Und daran ist zum großen Teil der Rat schuld mit seiner ... Politik Ihnen gegenüber. Statt Sie wirklich anzuhören und Ihrem Plan eine Chance zu geben, hat man Sie weggesperrt und überhört. Man hat Sie mit Ihren Problemen allein gelassen, Vashtu. Diese Aggressionsschübe sind Hilferufe Ihres Geistes, der nicht mehr mit dem fertig wird, was er verarbeiten muß. Und der Rat hat auch noch dafür gesorgt, daß Sie sich sicher keine Hilfe suchen, indem er Sie und Ihren Bruder aufeinander gehetzt hat und dem Überlebenden damit ein so tiefes Schuldgefühl einimpfte, daß er, oder in diesem Falle Sie, sich ganz sicher an keinen Außenstehenden wenden würde. Sie wurden zu einem nützlichen Werkzeug, das man bei Bedarf hervorholt, ansonsten aber sich selbst überläßt und absolut sicher sein kann, daß es keinen Laut von sich gibt. Auf der Erde gab es in früheren Zeiten einmal einen Bund, der sich ähnlicher Mittel bediente: die Assassinen. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen Literatur zu diesem Thema zur Verfügung stellen. Die Betroffenen wurden ebenfalls komplett isoliert, schon als Kinder. Doch bei ihnen ging man noch einen Schritt weiter und verhinderte, daß sie ein Gewissen entwickeln konnten. Sie waren dafür zu alt, Sie waren bereits geprägt durch Ihre Umwelt, darum gelang dem Rat dieses Experiment nur teilweise." Er nickte wieder, richtete sich zufrieden auf. „Jetzt können wir daran arbeiten, Major. Das war es, was ich von Ihnen wollte."

***

"Ich hasse das!" Hernan schlug seinen Hinterkopf leicht gegen den Türrahmen und stöhnte auf.
Storm blickte von seinem Comic auf und runzelte die Stirn. „Was?" fragte er.
"Das Warten. Ich hasse das Warten." Der Ex-Polizist verzog unwillig das Gesicht.
Storm blickte auf das Heft mit den bunten Bildern hinunter. „Soll ich dich ablösen?" fragte er mit einem leisen Bedauern in der Stimme. Eigentlich wollte er jetzt unbedingt die Auflösung wissen, aber wenn es eben nicht anders ging ...
"Nein!" Hernan knurrte dieses Wort wie ein tollwütiger Hund. „Ich halte das schon aus. Nur muß ich bei einer Überwachung immer daran denken, wieviele Verbrechen gerade andernorts geschehen, an denen ich nichts ändern kann."
Storm blätterte die Seite um. „Würde ich mir nicht vorstellen", antwortete er wie auf eine Frage. „Würde müßig werden. Nene, ich konzentriere mich lieber auf das, was vor mir liegt."
Hernan warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Klar. Wie weit ist Superman? Schon im Kryptonit gebadet?"
Sollte einer aus diesen Leuten vom SGC schlau werden, er hatte es aufgegeben. So gut er auch mit Storm zusammenarbeitete, aber mit seiner Gelassenheit konnte dieser MP ihn in den Wahnsinn treiben.
"Spiderman", korrigierte Storm ruhig. „Ist gerade dem Superschurken auf der Spur." Er vergrub seine Nase tiefer in das Comic, um überhaupt noch etwas entziffern zu können in dem wenigen Licht, daß vom Gang zu ihnen hereinschien.
Hernan seufzte, richtete seine Konzentration wieder nach draußen auf den Gang. Dann erstarrte er, als er die Gestalt sah, die sich schnurstracks dem Krankenzimmer auf der anderen Seite des Ganges näherte. „Jeff, es geht los", zischte er.
Nur einen Atemzug später war der MP an seiner Seite, die Waffe bereits in der Hand. Vorsichtig lugte er durch den schmalen Türspalt und runzelte die Stirn. „Der Typ ist mir doch schon über den Weg gelaufen ..."
Hernan zückte ebenfalls seine Waffe und entsicherte sie. „Tatsächlich? Wo denn?"
"Hier", kam die einsilbige Antwort. „Unten im Besuchershop."
Die Gestalt öffnete die Tür zum Zimmer von Mrs. Babbis.
Die beiden Ermittler beobachteten, wie der Eindringling den Raum betrat und warteten noch zwei Sekunden, ehe sie, so schnell und lautlos wie möglich, über den Flur huschten.
Hernan riß die Tür auf, Storm sprang vor. „Keine Bewegung!" bellte der MP mit donnernder Stimme.
Der hagere, hochgewachsene Mann hatte sich über das Bett gebeugt und wohl gerade festgestellt, daß sein Opfer nicht mehr hier war. Jetzt starrte er die beiden Männer an. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung, dann stieß er einen Fluch aus.
"Stephen Coin, Sie sind verhaftet!" Hernan hatte nun auch seine Waffe auf den Fremden gerichtet und zielte sorgfältig.
Der Fremde hob die Arme. Die Blicke, die er den beiden zuwarf, waren mörderisch.

***

Eine Woche später

Peter Babbis betrat unsicher den Gateroom, zupfte immer wieder an seiner Uniformjacke herum und wagte kaum, den Blick zu heben.
"Schön, dich wiederzusehen, Peter", begrüßte ihn Wallaces Stimme.
Der junge Wissenschaftler nickte, blieb dann vor einem Paar schlanken Beinen in Militärhosen stehen, deren Füße in wesentlich kleineren Schnürstiefeln als den seinen steckten.
"Die Brille steht Ihnen, Peter."
Jetzt blickte er doch auf, in ein Paar sprechende, dunkle Augen, die ihn amüsiert anblinzelten. „Doch, schick."
"Danke", murmelte er.
Major Vashtu Uruhk nickte, reckte den Hals und lächelte. „Gern geschehen", wisperte sie zurück. „Aber machen Sie soetwas nie wieder, Peter. Soviel Kraft habe ich nicht."
Er nickte und fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg.
"Ihre Mutter wird noch ein langes und glückliches Leben führen. Leider konnte ich nichts gegen die Blindheit tun, aber zumindest ist sie wieder gesund."
Wieder ein Nicken.
Vashtu wurde ernst. „Und dieser Coin?" fragte sie mitfühlend.
"Er wollte sich vor allem an meinem Vater rächen - aber auch an mir. Darum hat er sich dieses Szenario ausgedacht. Mein Vater hatte ihn durch eine wichtige Prüfung fallen lassen, so daß er sein Studium aufgeben mußte. Von mir fühlte er sich ausgebootet, weil ich zur Army gegangen bin, er aber abgelehnt wurde." Peter zuckte hilflos mit den Schultern. „Meine Mutter ist nur zwischen die Fronten geraten und wurde zu seinem Spielball."
Sie nickte. „Passiert öfters." Es lag kein Schmerz mehr in ihren Augen, nur Nachdenklichkeit.
"SG-27, sind Sie bereit?" fragte Landrys Stimme über den Lautsprecher.
Die Antikerin drehte sich um, blickte die Rampe hinauf. Einen Moment lang umklammerten ihre Hände die P-90, doch nur, um die Waffe in ihre Weste zu harken. Dann schritt sie beherzt das Metallgestänge hinauf, dicht hinter sich Peter, der von Dorn begleitet wurde. Das Schlußlicht bildete Wallace, der seine Nase tief in sein Notizbuch vergraben hatte.
Peter beobachtete, wie die Chefrons einrasteten - und plötzlich fühlte er sich, als würde er gerade nach Hause kommen. Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er neben Vashtu Aufstellung nahm.
Die warf ihm einen fragenden Blick zu, wartete auf sein Nicken, ehe sie die Com-Taste ihres Funkgerätes aktivierte. „SG-27 bereit zum Ausrücken, Sir."
Mit einem dumpfen Laut etablierte sich das Wurmloch, noch geschützt durch die metallene Iris.
Peter fühlte, wie seine Aufregung wuchs. Eine gute Aufregung. Gleich würde er ein Abenteuer erleben, auf irgendeinem anderen Planeten. Und an seiner Seite hätte er die einzige Frau, der er vollständig vertraute und für die er sein Leben geben würde.
"Viel Glück, SG-27. Und kommen Sie gesund zurück."
Die Iris fuhr zurück und gab den Blick frei auf das Wurmloch.
Seite an Seite traten Vashtu und Peter in den Ereignishorizont.

03.05.2010

Erdgebunden V

"Mrs. Babbis ist sehr schwach und verliert immer wieder das Bewußtsein", erläuterte der zuständige Arzt mit leiser Stimme. „Es wird nicht mehr allzu dauern. Sie steht deshalb unter starken Schmerzmitteln, meine Herren. Dadurch dämmert sie immer wieder weg."
Storm nickte und atmete tief ein. „Möglicherweise aber besitzt sie doch Wissen über diese Angelegenheit", wandte er ein. „Wir müssen mit ihr sprechen, Doc."
Der Arzt nickte mitfühlend. „Schlimm, ich weiß. Sie hat noch keine Ahnung, was geschehen ist. Sie hat es bisher nicht einmal realisiert, daß sie noch keinen Besuch hatte. Dr. Babbis hat die letzten Tage so gut wie hier verbracht. Er hängt offensichtlich an ihr. Aber daß er zu soetwas fähig ist ..."
"Das wissen wir noch nicht", warf Hernan ein. „Im Moment gehen wir von einigen anderen Szenarien aus." Er wechselte mit Storm einen Blick. „Sagt Ihnen der Name Stephen Coin vielleicht etwas?"
Der Arzt runzelte die Stirn. „Stephen? Natürlich. Er war früher Aushilfspfleger, bis man ihn erwischt hat ... Er hat die Krankenhausapotheke geplündert. Schlimme Sache, wirklich." Er nickte sinnend. „Dabei war er bei den Patienten sehr beliebt."
"Haben Sie ihn in den letzten Jahren noch einmal getroffen?" bohrte Hernan weiter.
"Nein, ich glaube nicht." Der Arzt schüttelte den Kopf, wandte sich dann wieder an Storm: „Die Unterlagen sind übrigens eingetroffen. Mrs. Babbis wird noch heute verlegt. Ich hoffe wirklich, daß man ihr die letzten Tage im Eveins Army etwas angenehmer gestalten kann."
Storm lächelte gequält. „Das hoffen wir auch, Doc. Können wir dann zu ihr?"
"Natürlich. Aber strengen Sie sie bitte nicht an." Der Arzt trat einen Schritt zur Seite und gab die Tür frei. „Und ... wir wissen nicht, wie sie auf diese Nachricht reagieren wird. Vielleicht ..."
"Wir werden uns so allgemein wie möglich halten, Doc, keine Sorge", sagte Storm. „Wir verraten ihr nichts." Damit griff er nach der Klinke und drückte sie nach unten.
"Daniel!" entfuhr es dem Arzt, gerade als Storm den Raum betreten wollte.
"Was?" Hernan und der MP wechselten wieder einen Blick.
Der Arzt nickte. „Daniel Coin, der Zwillingsbruder von Stephen, der arbeitet hier seit etwa einem Jahr. Vielleicht hat er Kontakt. Ich werde sehen, ob er gerade im Haus ist."
Die beiden Ermittler wechselten einen langen Blick, sahen dann dem Arzt nach, der zum Schwesternzimmer unterwegs war.
"Daniel?" echote Storm endlich.
"Wir haben ihn! Stephen Coin ist ein Einzelkind." Hernan lächelte siegessicher, folgte dem MP dann in den Raum hinein.

***

"Ich soll was?" Peter starrte den Polizisten auf der anderen Seite des Tisches groß an. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich bestehe auf meinem Rechtsbeistand! Ehe mein Anwalt nicht hier ist, werde ich nichts mehr sagen." Demonstrativ kreuzte er die Arme vor der Brust.
"Machen Sie es sich selbst doch nicht so schwer, Doc." Detective Vinge lehnte sich zurück. „Die Beweise sprechen eine ganz eindeutige Sprache. Sie waren es, also können Sie auch gleich gestehen."
"Ich gestehe gar nichts, weil ich es nicht war!" Peter klopfte ungeduldig mit einem Finger auf die Tischkante. „Ich habe geschlafen, verdammt!"
"Während genau im Stockwerk unter Ihnen Ihr Vater bestialisch abgeschlachtet wurde? Hat er geschrien?" Ein ironisches Lächeln erschien auf Vinges Gesicht.
Peter war dieser Polizist noch weniger sympatisch als Hernan. Der war damals recht schnell mundtot gemacht worden durch Storms Auftauchen. Doch hier und jetzt durfte der MP nicht so offen eingreifen wie seinerzeit bei dem fingierten Banküberfall. Zwar hatte er, so hatte er dem jungen Wissenschaftler versichert, alles in seiner Macht stehende getan, aber einen Mordfall, der nicht im direkten Zusammenhang mit dem SGC stand, durfte er nicht an sich reißen, noch dazu in einem anderen Staat.
Vinge zog jetzt einen Umschlag aus seiner Jackettasche und warf ihn auf den Tisch. „Haben ein hübsches Schlachtfest veranstaltet, Doc, das muß ich Ihnen lassen. Aber als Mediziner ..."
"Ich bin kein Mediziner! Das ist mein Bruder, verdammt!" Peter erschauderte, kreuzte wieder die Arme vor der Brust, um nicht doch den Umschlag zu nehmen. Er wußte, was ihn darin erwarten würde, und sowohl Storm als auch Hernan hatten ihn gewarnt, sich Tatortfotos anzusehen.
"Aber Sie sind doch auch Doktor." Vinge grinste überlegen.
"Doktor der Mathematik und der Astrophysik. Hat beides nicht sehr viel mit Medizin zu tun, Detective", entgegnete Peter.
Vinge beugte sich vor. „Ein Genie wie Sie und hat nicht mal in die Anatomie-Bücher des Bruders reingesehen? Kommen Sie, das ist doch spannend, oder? Da faßten Sie den Plan, diesen Klotz von Vater umzubringen. Waren Sie es allein? Oder kam Ihr Bruder auch noch kurz vorbei, mh?"
"Meines Wissens ist David irgendwo in Afrika. Der kommt nicht mal kurz vorbei, Detective."
Die Tür öffnete sich, beide sahen erstaunt auf, Peter erleichterte.
Elliott nahm am Tisch Platz, wischte den Umschlag mit den Fotos zur Seite. „Detective Vinge, ich muß schon sagen ..." Der Anwalt sah den Polizisten tadelnd an. „Sie hätten auf mich warten sollen, ehe Sie mit dem Verhör beginnen."
Vinge grinste. „Wir haben uns auch so ganz gut unterhalten, nicht wahr, Doc?" Er nahm den Umschlag, öffnete ihn und schüttelte die Fotos auf den Tisch.
Peter bekam große Augen und schluckte hart. Auch wenn er nicht mehr allzu deutlich sah in den letzten Wochen, die Farbe Rot erkannte er noch immer.
"Sehen Sie sich das nicht an, Doktor", wandte Elliott sich an ihn.
Doch es war zu spät - er hatte bereits zuviel gesehen.
Würgend wandte Peter sich ab.
"Fangen wir doch noch einmal von vorn an, Doc." Vinge beugte sich vor und tippte mit einem Finger auf die Fotos. „Was ist in dieser Nacht geschehen?"
Peter schüttelte hilflos den Kopf. „Ich habe geschlafen!"
Elliott legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, schwieg aber.
"Natürlich! Während im Stockwerk unter Ihnen Ihr Vater geschlachtet wurde. Kommen Sie, Doc, das glauben Sie doch selbst nicht!"
Wieder schüttelte er den Kopf. „Ich war in diesem Coffee-Shop, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen bin", begann er zu berichten. „Dort traf ich einen alten Klassenkameraden. Stephen! Ich mußte kurz austreten, als ich zurückkam, war er gegangen, hatte mir aber noch einen neuen Kaffee bestellt. Der schmeckt eigenartig und ich wurde fast sofort müde. Danach ... Ich habe mir ein Taxi gerufen und bin nach Hause gefahren. Mehr weiß ich nicht, verdammt!"
Elliott hatte aufgehorcht. „Stephen? Stephen Coin?" fragte er plötzlich in die Stille hinein.
Peter blinzelte, nickte dann aber. „Ich habe mich auch gewundert. Unser letztes Zusammentreffen war alles andere als glücklich. Ich dachte eher, er würde mir aus dem Weg gehen. Aber er kam in diesen Laden und setzte sich direkt zu mir."
"Coin?" Vinge runzelte nachdenklich die Stirn.
Elliott warf ihm einen langen Blick zu.

***

"Peter mag ein schwieriger Charakter sein, aber er wäre nicht fähig, irgendjemandem auch nur ein Haar zu krümmen." Mrs. Babbis lächelte versonnen, schüttelte dann den Kopf. „Nein, ist er nicht. Er ist so stolz auf seine Arbeit für das Militär. Natürlich hätte er auch hier studieren können. Aber ... Mein Mann ist da etwas stolz. Er wollte, daß zumindest einer seiner Söhne das gleiche wie er studiert."
"Verstehe." Storm nickte und sah die blinde Frau in dem Bett vor sich mitfühlend an.
Der Tod stand ihr wirklich schon ins Gesicht geschrieben. Ihre Züge wirkten ausgezerrt, ihre Bewegungen fahrig und auch irgendwie leer.
"Werden Sie hier gut versorgt, Mrs. Babbis?" erkundigte Hernan sich. Der Ex-Polizist stand auf der anderen Seite des Bettes, etwa in der gleichen Haltung wie Storm.
"Ich bin zufrieden. Mein Mann hat da einen gewissen Ruf, wissen Sie? Es traut sich so recht niemand an mich heran ... bis auf Daniel." Mrs. Babbis wurde ernst.
Storm und Hernan wechselten einen Blick.
"Daniel?" echote der MP schließlich.
"Einer der Pfleger. Er kommt immer sehr spät abends. Die letzten Male war er auch schon immer bei mir."
Die beiden Ermittler sahen sich alarmiert an.
"Und was will er?" fragte Hernan schließlich.
"Er gibt mir immer eine Spritze. Wissen Sie, er kennt Peter von irgendwoher. Aber, wie die meisten, mag er ihn nicht sonderlich. Ich denke, Peter hat ein bißchen zuviel von seinem Vater geerbt."
"Kann man so sagen ..." murmelte Storm stirnrunzelnd. „Mrs. Babbis, ging es Ihnen nach diesen Injektionen besser oder schlechter?"
"Ich habe geschlafen danach. Unruhig zwar, aber ... Stimmt etwas nicht?" Stirnrunzelnd wandte sie den Kopf in seine Richtung.
"Ihr Sohn hat veranlaßt, daß Sie verlegt werden, Mam", wechselte Hernan das Thema. „Eine Maschine ist bereits auf dem Weg hierher. Bald wird es Ihnen bestimmt besser gehen."
"Ich liege im Sterben, Mr. Hernan", entgegnete sie. „Ich weiß sehr wohl, was mit mir nicht stimmt, meine Herren. Dumm bin ich nicht."
"Das hat auch niemand behauptet." Storm schüttelte den Kopf und sah Hernan warnend an.
Der nickte nur stumm.
"Ich frage mich nur, warum alle so ... mitfühlend sind zu mir seit ... ist es seit gestern? Ich komme manchmal mit den Tagen durcheinander, wissen Sie?" Sie lächelte entschuldigend.
"Das ist vollkommen in Ordnung, Mrs. Babbis. Man macht sich Sorgen Ihretwegen."
Sie seufzte. „Dabei braucht man das doch nicht. Ich glaube an Gott und die Engel, wissen Sie? Auch wenn ich sicher nicht fehlerlos bin, so habe ich doch die Hoffnung, daß mir die Tür zum Paradies offenstehen wird."
"Sicher wird sie das, Mam." Storm nickte überzeugt.
Ihre Augen fielen ihr zu.
"Wir müssen jetzt gehen, Mam. Es tut uns leid, sollten wir Sie angestrengt haben." Storm verbiß sich den Rest und gab seinem Kollegen ein stummes Zeichen. Der nickte.
Gemeinsam verließen sie das Krankenzimmer wieder.
"Was jetzt?" begann Hernan. „Wenn Coin auch noch irgendeine Schweinerei mit ihr vorhat ..."
"Die hat er bereits durchgezogen, glaub mir." Storm stützte die Hände auf die Hüften und sah sich sehr genau im Gang um. „Allerdings ... wenn er wirklich jeden Abend kommt, sollten wir sehen, daß sie heute nicht mehr verlegt wird. Wir legen uns auf die Lauer und schnappen uns den Kerl und zeigen diesem Vinge, daß er vollkommen auf dem Holzweg ist."
Hernan neigte den Kopf leicht. „Hälst du das für eine gute Idee? Wir sind hier nicht die Staatsgewalt."
"Du schon, ich nicht." Storm grinste. „Aber Sie werden mir doch sicher die Autorisation geben, oder, Agent Hernan?"
Einen Moment blinzelte der nur verständnislos, dann breitete sich auch auf sein Gesicht ein Grinsen aus. „Schnappen wir ihn uns, Jeff!"

TBC ...

01.05.2010

Erdgebunden IV

Mackenzie saß an seinem Schreibtisch und starrte auf seine Notizen.
Es war kaum zu glauben, was diese Antikerin ihm da gestern zu schlucken gegeben hatte. Auf der anderen Seite aber ergab es einen Sinn, wenn er ihre Psyche bedachte. Die Frage war nur ...
Er blätterte zurück und las an einer anderen Stelle etwas. Dann runzelte er die Stirn und lehnte sich zurück.
Wie hatte sie sich so heftig verbiegen können? Und warum diese schweren seelischen Ausfälle? Das alles deutete darauf hin, daß Vashtu Uruhk ... Aber konnte das sein? War das wirklich möglich?
Er nahm sich wieder die Akte vor, blätterte ganz zum Anfang zurück, zu dem ersten Bericht von Lt. Colonel Sheppard über sie und ihre Aussage ihm gegenüber. Aufmerksam las er sich diesen durch, blätterte dann weiter, überflog die medizinischen Daten von Dr. Beckett, kam zu den Berichten von Dr. Heightmeyer. Doch auch hier wurde er nicht fündig.
War das möglich? Konnte es sein?
Alles deutete darauf hin. Nur ein junger Geist konnte mit solchen Dingen umgehen, wie sie sie erlebt hatte. Nur ein junger Geist war fähig, sich dermaßen zu verbiegen, wie der ihre es getan hatte. Aber das würde bedeuten ...
Die Tür öffnete sich und eine sehr nachdenkliche und stille Vashtu Uruhk betrat sein Büro.
"Guten Morgen, Major", begrüßte McKenzie seine Patientin.
Sie sah ihn mit ausdrucksloser Miene an. Doch ein Teil der Anspannung fehlte, der gestern noch da gewesen war. Sie schien etwas ruhiger zu sein. Wortlos nickte sie ihm zu, ließ sich dann wieder auf dem Stuhl nieder. Dieses Mal setzte sie sich sogar richtig hin, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick konzentriert auf das Namensschild auf seinem Schreibtisch gerichtet.
"Wie geht es Ihnen heute?" erkundigte Mackenzie sich.
Sie zuckte mit den Schultern, blickte dann auf. „Haben Sie Nachricht von Babbis?" Eine leise Hoffnung lag in ihren Augen.
Der Psychologe lehnte sich zurück, schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid, aber so schnell wird das nicht gehen, fürchte ich."
Sie nickte, ihre Brauen schoben sich zusammen und sie biß sich auf die Lippen. „Lassen Sie mich jetzt gehen?" fragte sie nach einer kleinen Weile.
Mackenzie seufzte. „Das kann ich nicht. Wir haben gerade an der Oberfläche gekratzt, Major. Das eigentliche Problem ist nicht einmal angesprochen worden. Wir werden wohl noch etwas ... tiefer graben müssen."
Sie verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse, schwieg jetzt aber.
"Wie haben Sie geschlafen?"
"Gar nicht, wenn ich ehrlich sein soll", antwortete sie, hob eine Hand und rieb sich damit durch ihr kurzes Haar.
Mackenzie nickte mit zusammengepreßten Lippen. „Kann ich verstehen. War ein ziemlicher Brocken, den Sie da gestern losgeworden sind, Major", sagte er nach einigem Zögern.
Sie schüttelte nur stumm den Kopf.
Der Psychologe seufzte wieder. „Ich kann verstehen, daß Sie sich schuldig fühlen, Major. Jeder täte das, glauben Sie mir. Aber es war nicht Ihre Schuld, daß Ihr Bruder gestorben ist. Sie hatten Angst, und das ist auch durchaus nachvollziehbar. Jeder hätte in einer solchen Situation Angst gehabt. Wenn Sie jemandem die Schuld zuweisen wollen, sollten Sie die Verantwortlichen suchen: den Rat!"
Sie zuckte zusammen bei diesem Wort, schluckte dann. „Ich glaube, Sie verstehen nicht, Mackenzie", sagte sie dann leise. „Ich hätte die Wahl gehabt. Es ging nur darum, wer von uns beiden ... der erste war."
Mackenzie sog scharf Luft ein.
Sie starrte wieder auf sein Namensschild. „Enkil war immer ... genehmer als ich", begann sie schließlich. „Ich war ... aus der Art geschlagen. Ich wollte kämpfen, ich wollte die Wraith tot oder vertrieben sehen. Enkil ... Er wollte nur einen Weg aufzeigen, wie wir uns zur Wehr hätten setzen können." Jetzt bearbeitete sie ihr Haar mit beiden Händen. „Ich war von klein auf die Aktivere von uns beiden. Ich wollte fliegen, ich wollte den Stockkampf lernen, ich wollte ... vieles. Als unsere Mutter ... als sie starb, änderte mein Vater seine Ansicht, er wechselte auf meine Seite. Aber er ließ vieles ungesagt. Ich wußte lange Zeit nicht, woran wir wirklich arbeiteten, bis es ... bis es zu spät war." Ihre Stimme erstarb.
"Waren Sie dabei, als der Wraith sich an Ihrer Mutter nährte?"
Vashtu zögerte, dann nickte sie, schloß die Augen. „Ich wäre die nächste gewesen, wenn uns die Schiffsbesatzung nicht zu Hilfe gekommen wäre. Ein Leckerbissen für die Wraith, gerade einmal ... Es war mein erster Flug allein."
Mackenzie richtete sich gerade auf, sein Blick fiel wieder auf die Akte vor sich.
Elf! Sie war elf Jahre alt gewesen, als sie hatte mitansehen müssen, wie ihre Mutter starb! Sie selbst hatte mehrmals angegeben, daß sie in diesem Alter die ersten Flüge allein unternommen hatte. Sie war nicht einmal erwachsen gewesen!
Vashtu ließ die Hände wieder sinken, nachdem ihr Haar vollkommen durcheinander war, knetete sie ihre Finger jetzt in ihrem Schoß. Den Blick hielt sie noch immer starr auf sein Namensschild gerichtet, als könne dieses ihr irgendeinen Halt geben.
"Ich hatte das noch nie vorher gesehen. Ich wußte, daß die Wraith unsere Feinde waren, daß sie überall um uns herum waren, daß sie sich nahmen, was sie wollten und unsere Außenposten zerstörten. Als der Wraith sich ... Er sah mich an dabei, und es bereitete ihm sichtlich Vergnügen, den Schrecken in meinem Gesicht zu sehen."
"Wer war noch dabei?" fragte Mackenzie leise.
"Mein Vater, meine Mutter und zwei Gehilfen. Die beiden kehrten auch nicht zurück." Sie schloß die Augen und schüttelte den Kopf, als müsse sie diese Erinnerung mit aller Macht loswerden. „Ich hatte ... als wir gerettet wurden ... ich hätte dem Kapitän um den Hals fallen können. Und gleichzeitig ... Ich wollte Rache! Ich wollte, daß die Wraith ... daß sie das durchmachten, was meine Mutter hatte durchmachen müssen. Damals begann ich mit dem Training, nach unserer Rückkehr nach Atlantis. An Waffen ließ man mich nicht, aber es gab Stöcke, überall. Also bin ich mit Enkil durch die Gänge der Stadt gehetzt und habe gegen ihn gekämpft."
"Sie waren eine Kriegerin in Ihren Augen?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich war eine Rächerin." Ihre Stimme klang hohl bei diesen Worten.
"Und Ihr Vater?"
Vashtu atmete tief ein. „Er wollte, daß ich zur Armee ging. Er meinte, dort sei ich besser aufgehoben. Aber ..." Sie stockte, blickte nun das erste Mal seit über zehn Minuten auf. „Ich kam aus einer Wissenschaftler-Familie. Für uns war es einfacher, daß ich in die Fußstapfen meiner Ahnen trat als einen neuen Weg einzuschlagen. Außerdem ... mein Vater hatte schnell erkannt, wo meine Stärken lagen. Also bildete er mich aus."
"Zur Biotechnikerin." Mackenzie nickte.
"So würden Sie es heute nennen. Aber ich konnte mehr. Wo immer ich konnte, schnappte ich Wissen auf. Eigentlich wäre ich lieber mit irgendwelchen Maschinen umgegangen. Ich wollte fliegen, ich wollte durch das Gate. Ich wollte verstehen, wie die Dinge funktionierten, die wir tagtäglich benutzten ..."
Mackenzie nickte verstehend. „Ihre Talente liegen mehr im technischen Bereich, das weiß ich", sagte er, sich wieder an einige der Berichte über sie erinnernd. Offensichtlich hatte sie es inzwischen zu ihrem vorrangigen Hobby gemacht, vor allem irdische Geräte und Maschinen zu studieren. Laut seinen Unterlagen tat sie dies oft genug zusammen mit Babbis, wenn sie ihn auch nie allein in ihr Büro, ihre bevorzugte Werkstatt, ließ.
"Ich freundete mich mit anderen an, bekam so Zugang zu anderen Techniken und Möglichkeiten", fuhr sie leise fort. „So erfuhr ich auch die Adresse für das eine Ladegerät. Ich war unterwegs, um einige Pflanzen für meine Forschungen für den Rat zu sammeln, als Themmar an mich herantrat. Fliegen durften damals nicht alle, und die meisten Piloten gehörten dem Militär an. Nur durch den Stand meines Vaters war es mir möglich gewesen, die Erlaubnis zu erhalten."
Mackenzie nickte wieder. „Die Militärpiloten hatten nicht immer Zeit, ich verstehe."
Ein bitteres Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab. „Vor allem machten sie sich gern über die Wissenschaftler lustig, so wie es manchmal auch bei Ihrem Volk ist."
"Sie arbeiteten also nicht die ganze Zeit mit Ihrer Familie zusammen."
Vashtu nickte. „Sobald meine Ausbildung abgeschlossen war, erhielt ich eigene Forschungsbereiche vom Rat. Ich sollte die pflanzlichen Bestandteile des Meerwasssers anreichern und zu Nahrung umwandeln. Während ... der langen ... der zehntausend Jahre wandte ich dieses Wissen an, um nicht zu verhungern."
"Wann kehrten Sie in das Forschungsteam Ihres Vaters zurück?"
"Nie." Ihr Blick wurde hart. „Ich war nicht daran beteiligt, Doc. Nachdem meine Ausbildung abgeschlossen war, wurde ich versetzt und bekam meinen eigenen Forschungsauftrag. Die Daten meines Vaters holte ich mir selbst und kontrollierte seine Ergebnisse. Dabei fand ich den Fehler, dem Enkil ... zum Opfer gefallen war."
"Die Sache mit den weiblichen Zellen?"
Sie nickte und biß sich auf die Lippen. „Ich war gut darin, andere auf ihre Fehler aufmerksam zu machen und diese zu korrigieren. Das war ich schon immer gewesen, auch etwas, was nicht sehr häufig in meinem Volk passierte."
Mackenzie beugte sich interessiert vor. „Vashtu, verzeihen Sie mir diese vielleicht indiskrete Frage, aber wie alt waren Sie, als Sie sich der Therapie unterzogen?"
Sie blickte wieder auf und sah ihn an. In ihrem Gesicht zuckte ein Muskel. „Achtzehn", antwortete sie dann einfach.
Der Psychologe atmete wieder tief ein. „Und ... und als man Sie zurückließ?"
"Fünfundzwanzig."
Er schluckte. „Das bedeutet ..."
"Für Ihr Volk wäre ich hochbegabt gewesen, ja." Sie nickte, senkte den Blick wieder. „Und nicht nur für Ihr Volk ... Auch der Rat war sehr schnell auf mich aufmerksam geworden, nicht nur durch meine Eskapaden. Darum bekam ich sofort einen Forschungsauftrag, als meine Lehrzeit abgeschlossen war."
Also hatte er recht gehabt mit seiner Vermutung. Und sehr wahrscheinlich hatte sie sich auch gerade deshalb so auf Babbis versteift. Er war ebenfalls hochbegabt, intelligenter als viele andere. Aber im Gegensatz zu ihr bereitete ihm die Zusammenarbeit mit anderen Probleme.
"Nehmen Sie sich zurück, wenn Sie in Ihrem Team arbeiten?" erkundigte er sich.
"Manchmal, kommt auf die Situation an." Sie zuckte mit den Schultern.
"Und bei Dr. Babbis?"
Sie nickte. „Ja", antwortete sie. „Er kann einiges, doch manchmal traut er es sich selbst nicht zu. Er braucht dann einen Stoß in die richtige Richtung."
"Seine Umgangsformen stören Sie nicht? Bisher habe ich über ihn immer nur gehört, es sei schwer, mit ihm auszukommen."
Sie zuckte mit den Schultern. „Manchmal nervt er. Aber allmählich stellt er seine Hektik ein. Alles andere werde ich ihm wohl nicht mehr abgewöhnen können." Sie kniff kurz die Lippen aufeinander. „Er hat mich von Anfang an Dr. McKay erinnert, von anderen habe ich ähnliches gehört. Aber inzwischen ... zumindest mir gegenüber hält er sich meist zurück." Ein bitteres Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Wenn es ihm auch ziemlich zu schaffen macht, daß ich intelligenter bin als er."
"Darum nehmen Sie sich zurück?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Er kann einiges, das sagte ich schon. Wenn ich ihn sanft leite, wird er eines Tages noch sehr viel mehr können. Wenn nötig, übernehme ich die Führung, auch autoritär. Aber wenigstens einmal hat er mir das Leben gerettet mit einem Einfall. Das werde ich ihm nicht vergessen."
"Sie meinen Kolya?"
Ein kühler Glanz erschien in ihren Augen, als sie wieder aufblickte. „Ich denke, es reicht jetzt, Doc", wechselte sie das Thema. „Lassen Sie mich gehen?"
Wieder blockte sie ab, wenn sie sich auch ein Stück weit geöffnet hatte.
Was steckte noch in dieser Frau? Was verbarg sie?
Eine Menge, kam ihm in den Sinn. Sie hatten gerade an der Oberfläche gekratzt, mehr aber auch nicht. Sie waren einigen ihrer Geheimnisse auf der Spur. Schon allein die Tatsache, daß der Rat sie sofort mit eigenen Forschungen betraute, kaum daß sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte, sprach bereits Bände. Sie selbst hatte es einmal ausgesprochen. Sie hatte gesagt, daß Vertrauen sehr schnell verspielt war.
Aber, hatte der Rat ihr wirklich vertraut? Oder hatte er vielmehr Angst vor ihr gehabt von Anfang an? Eine ihres eigenen Volkes, die so begabt war, die lernte, sich selbst zu verteidigen, die intelligenter war als die meisten anderen, und diese Intelligenz auch einzusetzen wußte. Der Rat mußte Angst vor ihr gehabt haben! Angst vor dem, was sie noch leisten konnte. Und sie hatte es gezeigt.
Sie hatte recht, sie war aus der Art geschlagen. Für eine Antikerin vollkommen aus der Art geschlagen nach allem, was er über dieses Volk wußte. Statt passiv zu bleiben, war sie aktiv geworden. Ihren eigenen Worten zu folge war sie schon immer so gewesen und allein deshalb alles andere als eine gern gesehene Bewohnerin von Atlantis.
"Ich kann Sie nicht gehen lassen, Major, tut mir leid." Mackenzie schüttelte den Kopf. „Wir machen große Fortschritte, aber ich fürchte, es reicht noch nicht. Da ist noch mehr, was endlich ausgesprochen werden sollte."
Sie starrte ihn an, und wieder war da Wut in ihrem Blick, eine hilflose Wut.
Sie hütete ihre Geheimnisse jetzt schon so lange, viel zu lange, ging ihm auf. Es mußte für sie eine sehr große Anstrengung sein, ihm zu vertrauen.
Vertrauen - das war das Stichwort, ging ihm auf. Immer wieder lief es bei ihr darauf hinaus. Immer wieder scheiterte sie an ihrem mangelnden Vertrauen in andere. Immer wieder zeigte sich, daß sie nicht vertrauen konnte.
Sie erhob sich mit einem Ruck, starrte ihn immer noch an. In ihrem Gesicht arbeitete es. „Ich habe Ihnen bereits mehr gesagt als den meisten vor Ihnen, einschließlich Colonel Sheppard", sagte sie kalt. „Was wollen Sie denn noch?"
"Ich möchte, daß Sie mir vertrauen, Vashtu. Ich will Ihnen sicher nichts böses, glauben Sie mir."
Eine Sekunde lang starrte sie ihn noch an, dann drehte sie sich wortlos um und verließ sein Büro.
Mackenzie seufzte.

***

"Schon irgendetwas herausgefunden?" Storm reichte dem Ex-Polizisten einen Becher Kaffee, den der auch dankbar annahm.
"Was darf's sein?" erkundigte der sich, nahm einen Schluck.
Storm zuckte mit den Schultern. „Vielleicht irgendwas mit Feinden? Wer hatte einen Grund, den Prof zu töten?"
Hernan zog eine Grimasse, nahm noch einen Schluck. „Unser Name ist Legion, denn wir sind viele", zitierte er.
"Hä?" Storm, der gerade einen Schluck hatte trinken wollen, zog ein dummes Gesicht.
"Die Bibel, Jeff! Klassiker und Weltbestseller Nummer eins." Hernan grinste.
"Mag diese Bücher mit dem Zauberjungen lieber", brummte der MP leicht mißgestimmt. „Was willst du damit sagen?"
"Das es schwerer ist, jemanden zu finden, der Babbis wohl gesonnen war, als einen seiner Feinde aufzuspüren. Der Mann hat es sich so gründlich bei den meisten verscherzt, daß es wundert, daß er erst jetzt ins Gras gebissen hat."
Storm nickte und nippte noch einmal an seinem Kaffee. „Autsch! Verdammt!" Er wedelte sich Luft zu.
Hernan grinste noch breiter, wurde dann aber ernst. „Da ist aber etwas ... jemand, um genau zu sein. Der sticht etwas daraus hervor. Ist schon auffällig geworden."
Storm hielt in seiner Notfallbehandlung inne und blickte verdutzt auf. „Wer?" nuschelte er.
"Du wirst lachen, ein ehemaliger Klassenkamerad von unserem netten Doktor. Stephen Coin sein Name." Hernan scrollte den Bildschirm weiter runter. „Nette Sammlung, alles in allem. Hatte offensichtlich einiges vor in seinem Leben, schrieb sich nach der Schule in Harvard ein, Hauptfach Englische Literatur. Blieb aber nicht lange dabei. Schon während dieser Zeit ist er auffällig geworden durch den Verkauf von Amphitaminen. Dann verschwand er erst von der Bildfläche für etwa ein Jahr."
Storm beugte sich vor und stellte seinen Kaffeebecher auf das niedrige Tischchen neben dem Bett. „Und?"
"Wollte zu den Marines, als er wieder auftauchte. Die nahmen ihn aber nicht. Also wieder zurück nach Boston. Taschen- und Ladendiebstahl, dann wieder den Verschwindibus. Wieder ein Auftauchen, diesmal im Windschatten einer recht großen Drogenbande. Körperverletzung, Führen einer Waffe ohne Genehmigung. Ehe er festgenommen werden konnte, tauchte er erneut unter."
"Wohin?" Storm zog ein dummes Gesicht.
"Gute Frage. Weiß offensichtlich keiner. Gilt immer noch als unauffindbar."
Das Titelthema von StarWars ertönte.
Storm griff in seine Tasche und zog sein Handy hervor. Stirnrunzelnd las er die Anzeige, dann tippte er auf eine Taste und hielt sich das kleine Gerät ans Ohr.
Hernan beugte sich vor und wartete, die mageren Zwischenfragen igonierend.
Storm drückte eine andere Taste und legte das Handy zu seinem Kaffeebecher. „Es sind keine Drogen aufgetaucht beim Sceening", erläuterte er. „Aber die SpuSi hat Fasern gefunden, die sie nicht zuordnen konnte. Und Dreck auf der Fußmatte."
Hernan nickte.
"Wie sicher ist es, daß dieser Coin der Täter ist?"
"Nicht sicher, aber eine Möglichkeit."
Storm beugte sich vor und stützte sein Kinn auf eine geballte Faust. „Ich frage lieber nicht, wer noch auf der Liste steht."
"Wird besser sein." Hernan nickte wieder, betrachtete die Anzeige auf dem Laptop. „Könnte sich ziemlich hinziehen, wenn wir jedem einzelnen auf den Zahn fühlen wollen."
"Und das SGC hätte seinen Wissenschaftler gern so schnell wie möglich zurück. Major Uruhk liegt zwar noch im Krankenhaus, aber auch sie scharrt mit den Hufen. Besser, wir finden den richtigen Täter, ehe es ihr noch gelingt, von dort abzuhauen und selbst auf die Suche zu gehen. Könnte dann ziemlich ... blutig werden in ihrem jetzigen Zustand. Meint zumindest ihr Arzt."
Hernan runzelte die Stirn. „Mir kam sie eigentlich nicht gewalttätig vor."
"Du hast sie auch noch nicht in Aktion erlebt." Storm seufzte ergeben. „Also machen wir uns auf die Suche nach diesem Coin. Irgendeinen Ansatz?"
"Er hat, bevor er das erste Mal untergetaucht ist, in diesem Krankenhaus nebenbei gearbeitet, in dem auch Mrs. Babbis liegt. Das Brigham & Women's."
"Wollte sie mir ohnehin ansehen, bevor sie verlegt wird." Storm erhob sich ächzend, packte sein Handy wieder ein.

***

Vashtu betrat die Lobby des Krankenhauses, sah sich kurz um, dann schulterte sie entschlossen ihre Reisetasche wieder und marschierte auf die gläsernen Eingangstüren zu. So natürlich wie möglich versuchte sie sich zu geben, aber eben auch, als hätte sie noch einen wichtigen Termin, den sie nicht verpassen durfte.
Die zwei Marines, die zu beiden Seiten der Tür standen, ignorierte sie, obwohl sie sehr genau deren Blicke auf sich fühlte.
Sie hatte genug preis gegeben! Sie fühlte sich tatsächlich ein Stück weit erleichtert, mußte sie zugeben, wenn auch die Schuldfrage, die sie jetzt schon seit Jahrtausenden belastete, in ihren Augen noch immer ungeklärt war. Sie hatte Enkil auf dem Gewissen, auch wenn der Rat interveniert hatte. Es war ihre Entscheidung gewesen, ihn anzugreifen und halbtot zu schlagen.
Mackenzie mochte noch so viel wissen wollen, von ihr erfuhr er nichts mehr. Sie hatte ihm genug gegeben, womit er arbeiten konnte. Mehr brauchte er nicht, und wenn er sich das noch so gern anhören wollte.
Was wollte er mit diesem Wissen denn überhaupt? Und was sollte dieses Bekennen, er suche ihr Vertrauen? In ihren Augen nichts als eine hohle Phrase, der sie nicht weiter nachgeben mußte. Sie vertraute genügend Menschen, ihn brauchte sie da auch nicht noch. Er war ihr ohnehin unsympatisch, von Anfang an sogar schon.
"Mam?" Einer der beiden MP stellte sich ihr in den Weg, wenige Schritte vor der Tür zur Freiheit.
Vashtu wollte sich einen Moment lang wirklich an ihm vorbeidrängen, blieb dann aber stehen und funkelte ihn an. „Machen sie Platz, Lieutanent", sagte sie im befehlenden Ton. „Ich habe eine dringende Verabredung einzuhalten."
Der MP schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Major, aber Sie dürfen das Krankenhaus nicht verlassen. Begeben Sie sich bitte wieder zurück auf Ihr Zimmer."
Vashtu starrte ihren Gegenüber an. „Ich habe Ihnen einen Befehl gegeben, Lieutanent. Also machen Sie gefälligst Platz!" herrschte sie ihn an.
"Sie sind außer Dienst gestellt, Major", entgegnete der junge Mann und schüttelte wieder bedauernd den Kopf. „Gehen Sie wieder zurück, Mam."
Was sollte das? War sie eine Gefangene?
Vashtu kniff die Lippen fest aufeinander, wollte sich wieder an dem MP vorbeidrängen. Der schien ihre Bewegungen vorauszuahnen und verstellte ihr den Weg.
"Ich muß hier heraus, Lieutanent", sagte sie, nachdem sie einige Male tief eingeatmet hatte. „Also machen Sie endlich Platz!"
Wieder ein Kopfschütteln. „Ich bedaure, Major. Aber meine Order lautet, Sie nicht aus dieser Einrichtung herauszulassen. Und daran werde ich mich halten."
"Ich gebe Ihnen als eine vorgesetzte Offizierin den strikten Befehl, zur Seite zu treten, Lieutanent. Also machen Sie endlich Platz!" Ihre Stimme gewann wieder an Schärfe.
"Das kann ich nicht, Mam. Sie dürfen diese Einrichtung auf Befehl von General Landry nicht verlassen. Das ist meine Order, und an die halte ich mich. Tut mir leid, Major", entgegnete der MP ruhig.
Vashtu fühlte einige Blicke auf sich gerichtet, versteifte sich unwillkürlich. „Was soll das? Warum sollte der General einen so unsinnigen Befehl geben? Ich bin gesund, Lieutanent."
"Dann weisen Sie mir das bitte vor. Ansonsten kann ich Sie nicht aus dieser Anlage lassen, Mam", erklärte ihr Gegenüber.
Vashtu atmete tief ein.
Sie fühlte, wie die Wut in ihr wieder anstieg. Wenn er nicht bald Platz machte, würde sie sich nicht mehr beherrschen können. Und damit hätte Mackenzie dann wieder einmal die bessere Prognose abgegeben und einen Grund mehr, sie hier weiter zu quälen.
Das wollte sie nicht. Sie mußte hier heraus und Babbis helfen, ehe der noch tiefer in dem Schlamasel versinken konnte, der sich um ihn aufgetürmt hatte.
"Machen sie Platz, ich warne Sie zum letzten Mal. Wenn Sie meinen Befehlen nicht gehorchen, wird das Konsequenzen haben", zischte sie dem MP zu.
"Major Uruhk, könnten Sie bitte kurz zu mir kommen?"
Vashtu versteifte sich unwillkürlich noch mehr, als sie diese Stimme in ihrem Rücken hörte. Dann erst ging ihr auf, daß der zweite Militärpolizist ebenfalls nicht mehr auf seinem Posten war.
In ihrer Muttersprache fluchend drehte sie sich schließlich um, als sie begriff, funkelte Mackenzie wütend an.
Der Psychologe stand am Tresen, die Arme überkreuzt und eine ernste Miene aufgesetzt, und sah sie durchdringend an. „Major, kommen Sie bitte zu mir", wiederholte er.
Vashtus Kiefer mahlten. Sie warf dem MP noch einen giftigen Blick zu, dann trat sie den Rückweg an.
Mackenzie gab der jungen Frau hinter dem Tresen eine kurze Anweisung, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder ihr zu und sah sie an.
"Was wollen Sie denn noch? Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich zu sagen bereit bin. Jetzt lassen Sie mich endlich hier heraus, verdammt!" herrschte sie den Psychologen an.
Der sah sie immer noch an, dann streckte er die Hand aus und ließ sich von der Angestellten einen Telefonhörer reichen.
Vashtu ballte die Hände zu Fäusten. Liebendgern hätte sie ihn mit diesen Händen zerquetscht und mit diesen Fäusten bearbeitet. Aber sie beherrschte sich, auch wenn es ihr schwer fiel.
Mackenzie wechselte einige kurze Sätze, mit den denen sie nichts anzufangen wußte, mit seinem Gesprächspartner, dann streckte er ihr den Hörer hin. „Für Sie", kommentierte er nur, noch immer dieses ausdruckslose Gesicht zur Schau stellend.
Vashtu versuchte noch einmal, ihn niederzustarren, dann griff sie endlich nach dem Hörer. „Ja?" fragte sie knapp.
"Major Uruhk?" Landrys Stimme.
Vashtu richtete sich unbewußt auf. „Sir?"
Ein Seufzen am anderen Ende. „Dr. Mackenzie bat mich zur Verfügung zu stehen, er erwartete eine solche Szene. Ich dagegen dachte, es sei überflüssig" begann er, dann wurde seine Stimme wieder hart. „Wenn Sie noch einmal versuchen, aus dem Krankenhaus abzuhauen, Major, werden Sie mit Disziplinarmaßnahmen rechnen müssen, haben Sie das verstanden? Es hat seinen Grund, warum Sie im Eveins Army sind. Und Sie werden dort bleiben und Ihre Füße still halten, bis Mackenzie Sie als geheilt entlassen hat. Ansonsten werden Sie die Konsequenzen zu tragen haben. Und ich glaube nicht, daß Sie diese kennenlernen wollen."
Vashtu atmete scharf ein. „Sir, mir geht es gut!"
"Soweit ich informiert bin, sind Sie immer noch verwundet, weil ihre Fremdzellen Sie nicht heilen wollen", entgegnete Landry bestimmt.
Unwillkürlich tastete die Antikerin nach dem Verband um ihren Hals, kniff die Lippen wieder aufeinander.
"Außerdem wissen wir beide, was das letzte Mal geschehen ist, als Sie in einer ähnlichen Situation waren. Sie werden also so lange im Eveins bleiben, bis Mackenzie Sie entläßt. Er hat die absolute Entscheidungsgewalt über Sie, haben Sie das endlich verstanden?"
"Aber, Sir, Babbis braucht mich!" entfuhr es ihr.
"Dr. Babbis hat einen guten Anwalt und zwei ausgezeichnete Spürnasen auf seiner Seite. Und er weiß von Ihren Schwierigkeiten. Der Kristall wird Ihnen heute abend von Sergeant Dorn wieder zurückgegeben."
"Sir, ich bin soweit gesund. Die Wunde ist nicht schlimm", versuchte sie ihn umzustimmen.
"Nein, Major, darüber reden wir nicht. Dr. Mackenzie sieht das anders, ich sehe es anders. Sie haben schon viel zu viel in sich hineingefressen. Jetzt sollten Sie endlich einmal einen Hausputz in Ihrem Oberstübchen vornehmen. Und, vergessen Sie das ja nicht, sollten Sie soetwas noch einmal versuchen, werden Sie die Konsequenzen zu tragen haben. Sie werden solange in der Klinik bleiben, wie es erforderlich ist."
Vashtu starrte Mackenzie wieder an. „Aber nicht mit diesem ... diesem Kerl als Arzt, Sir. Bei allem Respekt, aber ..."
"Doch, genau mit diesem Kerl als Arzt, Major. Mackenzie ist der beste Psychologe, den Sie finden können. Und jetzt gehen Sie wieder auf Ihr Zimmer und verhalten sich kooperativ. Und wehe, wenn Sie auch nur an einen erneuten Versuch denken, Major Uruhk." Landry klang jetzt wirklich verärgert, doch gleichzeitig auch besorgt.
Vashtu warf Mackenzie den Hörer zu, dann drehte sie sich zum Treppenhaus um und marschierte zurück in ihr Zimmer.
Aber, das schwor sie sich, über diese Sache war noch nicht das letzte Wort gesprochen.

TBC ...

29.04.2010

Erdgebunden III

"Was ist denn da los?" Captain Jeffrey Storm bremste unwillkürlich den Wagen ab, gab dann aber wieder Gas, als er den Leichenwagen in der Auffahrt der Babbis-Familie sah. „Scheiße!"
Joe Hernan, Ex-Polizist und seit neuestem für das Stargate-Programm tätig, pfiff durch die Zähne. „Das nenne ich einen großen Auftritt!"
Storm warf ihm einen undefinierbaren Blick zu. „Keinen guten, wenn Sie mich fragen." An der Absperrung parkte er den Wagen und stieg sofort aus, sein Beifahrer folgte ihm auf dem Fuße.
Ein junger Polizist, der die Absperrung offensichtlich bewachte, trat ihnen entgegen. „Entschuldigen Sie, aber Sie müssen weiterfahren. Hier gibt es nichts zu sehen."
Storm zückte mit aller Seelenruhe seinen Ausweis. „Militärpolizei. Wenn das hier das Anwesen der Familie Babbis ist, habe ich sehr wohl etwas hier zu tun, nämlich einen Militärangehörigen zu suchen und zu finden."
Der junge Polizist starrte beeindruckt auf den Ausweis.
"Nationale Sicherheit", wandte nun Hernan ein, zückte ebenfalls eine Brieftasche. Allerdings hatte er noch keinen Ausweis vorzuweisen, statt dessen eine Legitimation, vom Präsidenten unterzeichnet und vom Kongreß abgesegnet.
Der junge Mann stand augenblicklich stocksteif.
"Was ist hier passiert?" verlangte Storm zu wissen.
Ein ungutes Gefühl beschlich ihn, als er wieder zu dem Leichenwagen hochsah. Zwei Bullis mit der Kennung der Spurensicherung standen ebenfalls, neben gut einem Dutzend Streifenwagen und Zivilfahrzeugen der Polizei, in der Auffahrt.
"Ein Mord, Sir", antwortete der junge Polizist.
Storm und Hernan wechselten einen Blick, dann schlüpften sie Seite an Seite unter der Absperrung durch und marschierten den Kiesweg zum Haus hinauf.
"Mord! Wenn unser ausgeflogenes Vögelchen ..." Hernan biß sich auf die Lippen.
"Babbis nicht. Der hat schon ganz anderen Typen gegenüber gestanden", entgegnete Storn ruhig und schüttelte den Kopf. Doch innerlich blieb er angespannt. „Aber man könnte ihm das Verbrechen vorwerfen."
"Und was machen wir dann?"
"Ermitteln und sehen, daß er einen gescheiten Anwalt kriegt."
"Sie wollen der Polizei ins Handwerk pfuschen? Das wird die nicht gern sehen!"
"Sind die schon von mir gewohnt. Mache ich öfter." Storm zuckte mit den Schultern. „Und manchmal sind sie froh, wenn sie einen Fall abgeben können." Allerdings, sagte er sich selbst, war ihm das noch nie bei einem Mordfall passiert. Entführung, Geiselnahme, Verschleierung, einiges andere mehr, das ja. Aber einen Mord?
"Wer ist der ermittelnde Detective?" wandte Hernan sich an den nächstbesten Polizisten, der draußen vor dem Haus stand und eine Zigarette rauchte.
Der blinzelte irritiert, nickte dann aber hinein. „Detective Vinge", nuschelte er, die Kippe cowboyhaft in einem Mundwinkel balancierend. „Ist drin."
Wieder wechselten die beiden Männer einen Blick, dann nickten sie sich zu, als müßten sie sich selbst bestätigen und betraten das Haus.
In der Halle blieben sie wieder stehen und sahen sich beeindruckt um. Dann aber wurden sie aufmerksam, als das Objekt ihrer Suche von zwei Polizisten die Treppe hinuntergeführt wurde.
"Storm! Gott sei Dank! Könnten Sie diesen Idioten sagen, daß ich nichts getan habe?" rief der junge Wissenschaftler ihnen zu.
Storm blickte auf und kniff die Lippen aufeinander. „Wird sich schon aufklären, Doc. Lassen Sie mich mal machen. Rufen Sie im SGC an und melden sich bei Landry", antwortete er. „Der wird sich um alles weitere kümmern."
Babbis, mit blassem Gesicht und vom Schlaf noch verstrubbelten Haaren, nickte, ließ sich von den Polizisten aus dem Haus führen.
"Scheiße, was ist hier los?" entfuhr es Hernan.
"Nichts gutes, fürchte ich." Storm klopfte dem anderen auf die Schulter. „Lassen Sie uns sehen, wo wir diesen Vinge finden. Vielleicht bekommen wir dann zumindest ein paar Antworten."
Hernan nickte stumm, folgte ihm dann.

***

Als Mackenzie einige Stunden später das Krankenzimmer seiner Patientin betrat, war er sich ziemlich sicher, daß er einen Fehler machte. Aber im Command bestand man darauf, daß die Antikerin Bescheid wußte, vielleicht, weil sie sich bisher immer stark für gerade dieses Teammitglied gemacht hatte.
Vashtu saß auf dem Bett, das Kissen in den Rücken gestopft, den Laptop auf den Knien und war offensichtlich wieder in ihre Beschäftigung während der ersten Sitzung vertieft. Diesmal bemerkte sie wirklich nicht, daß er den Raum betrat, wie er feststellte. Sie war viel zu sehr in dieses Spiel, oder was auch immer sie da tat, versunken.
"Major Uruhk?" Hörbar schloß der Psychologe die Tür.
Beim Klang seiner Stimme versteifte sie sich plötzlich, doch das hatte nichts mit Erschrecken zu tun, es war eher Erkennen, wie er mit einem Blick in ihr Gesicht feststellte. Vorher entspannt, war sie jetzt sofort wieder auf der Hut.
Was hatte man ihr nur angetan, daß sie dermaßen auf Hilfe, auch wenn diese unangenehm war, reagierte?
"General Landry schickt mich. Ich soll Ihnen etwas mitteilen - etwas ernstes", fuhr er fort.
Erstaunt beobachtete er, wie sie plötzlich begann, in sich hineinzuhorchen, als erwarte sie dort etwas wahrzunehmen. Erst nach einem erleichterten Seufzen sah sie auf, ihm direkt in die Augen. Ihr Blick war wieder kalt.
"Was gibt es?" fragte sie emotionslos. „Meines Wissens ist es noch nicht morgen, eher Nachmittag - und zwar desselben Tages."
Mackenzie nickte. „Das ist richtig. Es geht auch nicht um Ihre Therapie, Major. Wie Sie sehen, habe ich keine Unterlagen bei mir." Er hob die leeren Hände.
Mißtrauisch sah sie ihn an. „Was wollen Sie dann?" fragte sie.
Mackenzie trat an das Bett heran und ließ sich auf einem Stuhl nieder. „Wie gesagt, General Landry schickt mich mit der Bitte, Ihnen etwas mitzuteilen. Es geht um Ihr vermißtes Teammitglied."
Augenblicklich saß sie stocksteif da, in ihren Augen sah er Sorge. „Geht es Babbis gut? Wo ist er?"
Mackenzie lehnte sich zurück.
War er hier gerade mitten in einer Sitzung? Ihm kam es fast so vor. Ihre Sorge war so offensichtlich schwesterlich, als habe sie sie im Lehrbuch gelesen.
"Dr. Babbis befindet sich in Boston", antwortete er ausweichend.
"Boston?" Ihre Augen wurden groß. „Was macht er denn in Boston?"
Mackenzie lehnte sich vor. „Major, Dr. Babbis wird des Mordes verdächtigt und sitzt in Untersuchungshaft."
Das Blut wich ihr aus dem Gesicht. „Was?" Sie blinzelte verständnislos, ihr Blick irrte hin und her. „Wen soll er denn ermordet haben?"
"Seinen Vater", antwortete Mackenzie sehr einfühlsam.
Wenn das möglich war, wurden ihre Augen noch größer. „Seinen Vater? Warum sollte Babbis seinen Vater töten? Das ist doch purer Unsinn!"
"Wie es aussieht, gibt es jede Menge Zeugen, die aussagen, daß er sich mit ihm gestritten hat am Tag des Mordes. Die beiden, so die bisherigen Ermittlungen, waren allein im Haus der Familie, sonst niemand bei ihnen."
Entschlossen packte sie den Laptop zur Seite und schwang die Beine aus dem Bett.
Mackenzie richtete sich auf, packte sie an der Schulter. „Major, Sie sind noch nicht bereit für die Welt da draußen!" warnte er.
Sie stieß ihn einfach weg, es schien ihr nicht einmal sonderliche Mühe zu bereiten. Auf blossen Füßen marschierte sie an ihm vorbei zu ihrem Schrank und öffnete diesen, um sich Schuhe und Jacke herauszuholen.
"Zwingen Sie mich nicht, den Sicherheitsdienst zu rufen, Major!" Mackenzie stellte sich vor die Tür, während er beobachtete, mit welcher Entschlossenheit sie ihre wenigen Habseligkeiten zusammenpackte und in einer Reisetasche verstaute. Dorn hatte ihr die zusätzliche Wäsche gebracht, erinnerte er sich.
"Major, Sie bleiben schön hier, bis Sie geheilt sind." Er ließ seine Stimme jetzt eindringlich klingen, baute sich vor der Tür auf. Doch er war sich auch im klaren darüber, daß er gegen sie keine Chance haben würde. Das hatte sie ihm ja auch gerade erst bewiesen. Sie war wesentlich kräftiger als er, ob nun mit oder ohne ihre Fremdzellen wagte er sich gar nicht auszumalen.
"Ich werde nicht danebenstehen und zusehen, wie ein Mitglied meines Teams für etwas angeklagt wird, was es nie im Leben getan hat!" fauchte sie ihn an. „Peter würde nie jemanden töten, schon gar nicht seinen Vater, verdammt! Lassen Sie mich auf der Stelle hier heraus, Mackenzie! Wenn Sie mir nicht die Erlaubnis geben, werde ich sie mir holen. Ich bin gesund! Mir geht es gut!" Sie baute sich vor ihm auf. Unter normalen Umständen hätte sie vielleicht lächerlich gewirkt, sie war gut einen halben Kopf kleiner und wesentlich schlanker als er. Unter normalen Umständen, aber nur allein diese Frau war nicht normal.
"Ich kann Sie nicht gehen lassen, Major, tut mir leid. Die MP und die nationale Sicherheit haben sich der Sache angenommen. Dr. Babbis wird der beste Anwalt gestellt, den das Militär sich leisten kann. Sie können doch gar nichts tun in dieser Sache!"
Das war ein Fehler, und er wußte es in dem Moment, als er die Worte aussprach.
Plötzlich wurde sie wieder eiskalt, starrte ihn an. Ihre Kiefer spannten sich an und er sah kalte Wut in ihren Augen blitzen. Sie trat noch einen Schritt näher.
"Sie sind nicht mehr eingesperrt in diesem Labor, Major Uruhk, Sie brauchen nicht mehr auf Selbstmordmissionen zu gehen gegen die Wraith. Sie sind hier sicher, und für Dr. Babbis wird getan, was in unseren Kräften steht. Wenn er unschuldig ist, dann wird er auch wieder freikommen."
In ihren Augen blitzte etwas auf. „Ich war auch unschuldig!" zischte sie plötzlich. Ihr ganzer Körper bebte vor Anspannung, und Mackenzie begriff, wie sehr sie sich zurückhalten mußte um nicht das zu tun, was ein Teil ihres Denkens ihr vorgab. Und er begriff noch etwas.
"Ja, Sie waren unschuldig, Vashtu. Sie hatten nichts getan, gar nichts." Er ließ seine Stimme so sanft wie möglich klingen, um sie zu beruhigen. „Und doch sperrte man Sie ein, das ist richtig. Aber jetzt und hier ist das anders. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, nicht jetzt, verstehen Sie? Es wird nichts passieren."
Plötzlich schimmerten wieder Tränen in ihren Augen und ihre Lippen begannen leise zu beben. Dann bahnte sich der erste Schluchzer seinen Weg tief aus ihrem Inneren heraus. „Er hat damals auch nichts getan, aber er hätte es können." Die Aggression war weg, so plötzlich verraucht wie ein Blitz. Statt dessen sah der Psychologe sich unversehens einem hilflosem kleinen Mädchen gegenüber. Einem Mädchen, das mit dem Schmerz nicht umgehen konnte, der in ihm wütete.
Sie schlug die Hände vor das Gesicht und schluchzte einfach nur, sank auf den Boden, vollkommen kraft- und haltlos.
Die erste Sperre war gefallen, die erste Blockade gelöst.
Mackenzie atmete tief ein, rutschte dann an der Tür entlang ebenfalls zu Boden, sah sie an und wußte nun wirklich nicht mehr, was er sagen sollte. Er wußte nur, es mußte von ihr kommen. Babbis' Inhaftierung hatte offensichtlich etwas in ihr gelöst, vielleicht einen der Faktoren, den sie heute selbst gestreift hatte. Sie hatte die Blockade durch seine Frage gelockert, und die Schwierigkeiten des jungen Wissenschaftlers die Tür restlos aufgestoßen.
Sie zog die Beine an, schlang die Arme um die Schenkel und barg das Gesicht zwischen den Knien, während sie einfach nur weinte.
Mackenzie atmete einige Male tief ein.
Was er sich heute morgen zusammengereimt hatte, bestand aus mehreren Gründen. Es gab vieles, was offensichtlich in ihr arbeitete und sie immer mehr zu etwas getrieben hatte, was sie selbst nicht wollte. Vielleicht würde sich aber jetzt nach und nach alles seine Bahn brechen, ohne daß er härtere Methoden auffahren mußte dafür.
"Enkil ..." wisperte sie endlich, zog die Nase hoch. Inzwischen hatte sie die Stirn auf die Knie gestützt und starrte auf ihren Schoß hinunter. „Er war ... ein Monster! Er mutierte immer weiter, wurde zu etwas ... wir ... ich konnte ... Er hatte keine echte humanoide Form mehr. Aber er hatte noch einen letzten Rest Verstand." Sie stockte und schluckte einige Male. „Ich ... Die Gentherapie ... ich nahm sie wieder auf, weil ich ihm helfen wollte. Ich verfeinerte sie und fand schließlich den Fehler. Enkil ... er sollte sie bekommen. Vielleicht ..."
"Der Rat lehnte Ihr Gesuch ab", warf Mackenzie nüchtern ein.
Sie nickte, krümmte sich noch weiter zusammen. „Da kam ich auf den Gedanken, mir das Mittel selbst zu spritzen. Ich ... Sie sollten sehen, daß es ungefährlich war." Ihre Schultern bebten, wieder ein tiefer Schluchzer. „Aber ... Der Rat entschied ... Es ... ich wurde zusammen mit ihm in Enkils Zelle gesperrt. Heute nennt ihr es die Brick ..." Wieder bebte ihr ganzer Körper, doch diesmal nicht vor Wut.
Der Psychologe fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
Vashtu sah auf. Noch nie in seinem Leben hatte Mackenzie in den Augen eines anderen einen so tiefen Schmerz gesehen, und er hoffte, er würde das auch nie wieder sehen müssen.
"Enkil ... er hielt sich zurück. Er ... er griff mich nicht an. Ich war ... ich hoffte, ich ... Ich wollte da heraus!" Ihr ganzer Körper verkrampfte sich. „Ich habe ihn angegriffen, kontrolliert angegriffen. Ich wollte aus dieser Zelle ... ich hatte solche Angst! Und Enkil ... er wehrte sich nicht einmal! Er ließ es zu, daß ich ... daß ich ... ihn verletzte ... ihn fast tötete. Er konnte nicht mehr sprechen oder sich sonstwie verständlich machen. Er war ... nicht mehr der, den ich gekannt habe. Ich ... ich sah ihn als ... als einen Feind. Ich sollte ihn ... töten."
Mackenzie schluckte und nickte.
"Als er ... er lag einfach da, vor mir." Vashtus Brauen zogen sich hilflos zusammen. „Ich dachte, ich hätte es hinter mir. Aber ich hatte nur eine kleine mit einer großen Zelle getauscht. Der Rat holte mich aus der Brick und ließ mich in unser altes Labor sperren. Sie waren sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Sie ... Enkil starb einige Tage später. Er starb ... weil ich ..."
"Er starb, weil man Ihnen befohlen hatte, ihn zu töten, Sie ihn aber nur verletzen konnten", vervollständigte Mackenzie den Bericht. „Und Sie brachte man in das Labor, damit Sie dort Ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten."
Sie nickte mit einem bitteren Gesichtsausdruck und starrte ins Leere. Tränen gab es jetzt keine mehr.
"Sie waren ... normal geblieben. Sie mutierten nicht. Und Sie konnten die Zellen kontrollieren."
Wieder ein stummes Nicken, und gleichzeitig spürte er, wie die Tür sich wieder schloß. Und er wußte selbst, es war mehr als genug für dieses Mal gewesen.

***

Peter atmete auf, als er Storm in Begleitung von zwei anderen Männern den Raum betreten sah. „Oh, Gott, bin ich froh Sie zu sehen, Captain!" seufzte er und ließ den Kopf auf seine Unterarme sinken, die er auf den Tisch vor sich gestützt hatte.
"Doc, das ist Dan Elliott, Anwalt. Er wird Sie in sämtlichen Bereichen vertreten", stellte der MP einen der beiden Männer vor.
Peter nickte und seufzte wieder. Dann richtete er sich auf und sah die drei müde an. „Was soll dieser ganze Quatsch, ich hätte meinen Vater getötet? Der wird sich doch bloß wieder ..." Er verstummte, als er in das Gesicht des dritten Mannes blickte. Ungläubig zwinkerte er. „Sie sind doch ... ich meine, Sie waren doch ..."
"Hernan", stellte der sich vor und nickte. „Und ganz recht, ich war bei dem Banküberfall dabei. Inzwischen arbeite ich für die nationale Sicherheit - zumindest in diesem Fall."
Peter warf einen ratlosen Blick in die Runde. „Ich verstehe nicht ..."
"Doc, Ihr Vater ist wirklich tot, ermordet", erklärte Storm. „Sah nicht sehr schön aus. Die Polizei glaubt, Sie müßten es gewesen sein, weil wohl nur Sie beide im Haus waren. Können Sie sich an irgendetwas erinnern?"
Peter blinzelte, riß sich dann zusammen und richtete sich stocksteif auf. „Das ist doch Unsinn! Warum sollte ich meinen Vater denn töten? Wie denn überhaupt?"
"Professor Babbis wurde mit einem Küchenmesser ermordet", erklärte nun wieder Hernan. „Mehr wollen Sie gar nicht wissen, glauben Sie mir."
Peter schluckte, sah sich wieder in dem Raum um, in den er gebracht worden war nach dem Erkennungsdienst. Seine Schultern sanken herab.
Nie hätte er geglaubt, einmal selbst in so einem Raum sitzen zu müssen. Im Fernsehen mochte das ja recht spannend sein, aber selbst in eine solche Situation zu geraten ... Er kniff die Lippen fest aufeinander und begann, mit den Fingern einen Takt auf die Tischkante zu trommeln, hielt dann aber plötzlich wieder inne und sah auf.
"Was jetzt?" fragte er.
Das schien das Stichwort des Anwalts gewesen zu sein. Er ließ sich neben seinem Klienten nieder und nickte. „Zunächst einmal müssen da einige grundsätzliche Fragen geklärt werden. Doktor Babbis, was wollten Sie in Boston? Sie leben doch nicht hier, sondern in Colorado Springs."
Peter blinzelte, begann, an einem Ohrläppchen zu zupfen. „Ich ... Mein Vater holte mich her. Er sagte, er hätte dafür gesorgt, daß ich ..." Er stockte, bekam große Augen. „Oh mein Gott! Er hat veranlaßt, daß ich das SGC verlassen soll!"
Storm nickte. „Wir haben auch eine Kündigung erhalten, aber die war nicht unterschrieben", erklärte er. „Und da Sie mit Ihrem Eintritt in das SGC zu einem Geheimnisträger der höchsten Stufe geworden sind, Doc, ist es nicht ganz so einfach für Sie, da wieder herauszukommen."
Elliott und Hernan tauschten einen langen, besorgten Blick, der auch dem jungen Wissenschaftler nicht entging.
"Ich bin mitgekommen, weil meine Mutter einen Unfall hatte. Sie liegt im Brigham & Women's Hospital." Er verstummte kurz wieder und schluckte hart. „Sie ... bei der Untersuchung ist herausgefunden worden, daß sie unter Eierstockkrebs im letzten Stadium leidet."
Storm sah ihn mitfühlend an. „Doc, wenn Sie wollen, dann ... das Eveins Army ist sehr gut eingerichtet, mit allem, was nötig ist ... und noch ein bißchen mehr, wenn Sie verstehen?"
Peter schluckte, zupfte wieder an seinem Ohrläppchen und kniff die Lippen aufeinander. Dann nickte er. „Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar, Captain. Sie ... ist blind und hat starke Schmerzen."
Storm nickte nun auch. „Ich werde das veranlassen."
"Würde ich nicht tun. Mrs. Babbis könnte die einzige Zeugin sein, die das Alibi des Doktors bestätigen kann", entgegnete Elliott.
"Kann sie nicht. Ich bin gestern am frühen Abend gegangen. Danach war ich noch in einem Coffee-Shop", antwortete Peter wie auf eine Frage. „Und wenn ihr im Eveins wirklich geholfen werden kann ..." Hoffnungsvoll sah er wieder Storm an.
"Ich werde Landry informieren. Glaube nicht, daß er etwas dagegen hat, wenn ihr die beste Pflege zuteil wird. Sie arbeiten schließlich für das Militär, Doc", beruhigte Storm ihn. „Ich rufe gleich nachher an."
"Wir haben allerdings ein weiteres Problem", warf Elliott in den Raum. „Dadurch, daß Doktor Babbis nicht hier gemeldet ist, besteht für das Gericht die Gefahr der Flucht. Ich glaube nicht, daß ich Sie auf Kaution herausholen kann."
Peter nickte niedergeschlagen.
"Woran erinnern Sie sich noch?" fragte Hernan nun.
Der junge Wissenschaftler sah wieder auf. „Ich war im Krankenhaus bei ihr, dann bin ich in diesen Coffee-Shop gegangen und habe drei oder vier Tassen getrunken. Der letzte Kaffee schmeckte etwas bitter. Dann habe ich mir ein Taxi genommen und bin zum Haus meiner Eltern rausgefahren. Auf dem Weg dorthin war ich ziemlich müde. Also bin ich gleich zu Bett gegangen."
"Sie haben Kaffee in einem Coffee-Shop getrunken und wurden müde?" Storm hob die Brauen. „War das entkoffinierter?"
"Nein, normaler Kaffee."
Storm und Hernan wechselten einen langen Blick, sahen dann gemeinsam den Anwalt an. Der schien zu verstehen. „Ich werde eine Blutprobe veranlassen lassen. Aber wenn es ein Mittel auf pflanzlicher Basis war ... diese K.O.-Tropfen sind verteufelt schwer nachzuweisen."
"Warum sollte mir jemand K.O.-Tropfen in den Kaffee mischen?" Peter war verwirrt.
"Fragen wir einmal anders: Wer hatte Grund, Ihren Vater zu töten?" erkundigte Hernan sich.
Der junge Wissenschaftler verzog voller Ironie das Gesicht. „Fragen Sie lieber, wer nicht. Mein Vater hat sich überall seine Feinde geschaffen. In der Literaturwelt ist er schon seit Ewigkeiten ein rotes Tuch für alle. Er hat mehr als eine Karriere zerstört. Und an der Uni ... Er ist ... war ziemlich hart mit seinen Studenten, da sind auch mehr als genug abgesprungen und hinterher komplett abgerutscht."
"Netter Mensch, Ihr Vater, Doc", wandte Storm ein. In seinem Gesicht spiegelte sich der Rest des Satzes wieder.
Peter blinzelte. „So schlimm bin ich nicht!" brauste er dann auf, erntete einen amüsierten Blick von dem MP und dem Ex-Polizisten.
Elliott sah ihn von der Seite an mit nachdenklicher Miene.
"Da wäre noch eine andere Sache, Doc", wandte Storm ein. „Sie haben nicht zufällig irgendwo einen Zweitschlüssel für Ihre Wohnung versteckt?"
"Hä?" Peter starrte den MP groß an.
"Major Uruhk hat Ihnen ... etwas geschickt, was sie gern wieder hätte. Und dem SGC wäre es ebenfalls lieber, wenn sie es bei sich tragen würde, statt daß es offen irgendwo herumliegt."
Peter blinzelte, dann weiteten sich seine Augen entsetzt. „Ist V... Major Uruhk in Schwierigkeiten? Wo ist sie? Sie würde mir den Kristall doch nicht ..."
Elliott drückte ihn mit sanfter Gewalt wieder auf den Stuhl zurück. „Beruhigen Sie sich. Wird schon nicht so schlimm sein, Doktor Babbis."
"Der Major hatte Schwierigkeiten, Doc. Aber das ist jetzt ein für allemal geklärt. Glauben Sie mir. Sie hat Ihnen den Kristall nur zur Vorsicht geschickt. War wohl so abgemacht zwischen ihnen, oder?" Storm neigte leicht den Kopf.
Peter nickte stumm, noch immer mit geweiteten Augen.
"Wie war das jetzt mit dem Zweitschlüssel?" erkundigte Hernan sich.
"Hinter dem dritten Stein in der Mauer, rechts von der Tür."
Storm und Hernan tauschten wieder einen Blick. Dann wandte der MP sich wieder an Peter: „Wir verlassen Sie jetzt, Doc, und geben Ihre Wünsche und Antworten an das SGC weiter. Machen Sie sich keine Sorgen, Sie kommen hier schon raus."

TBC ...

27.04.2010

Erdgebunden II

Vashtu hockte auf ihrem Bett, zwei Knöpfe in den Ohren und ein kleines Gerät in ihren Händen. Leise nickte sie im Takt der Musik mit dem Kopf, als Sergeant George Dorn ihr Krankenzimmer betrat. Sofort leuchteten ihre Augen auf und sie schaltete den kleinen MP3-Player aus. „George!" sagte sie, während sie sich die kleinen Knöpfe aus den Ohren zog.
Der Marine nickte ihr zu, runzelte die Stirn. „Immer noch nicht geheilt?" fragte er mit einem Nicken auf ihren verbundenen Hals.
Vashtu verzog das Gesicht. Unwillkürlich tastete sie nach dem Verband, zog dann eine Grimasse. „Es tut zumindest nicht mehr weh." Sie zuckte mit den Schultern.
Dorn nickte, ließ sich auf dem Stuhl an ihrem Bett nieder und griff nach ihrer Hand, um sie zu drücken. „Wie geht es dir?" fragte er dann sanft.
Wieder zog sie eine Grimasse. „Wie schon? Ich will hier raus", antwortete sie, rutschte näher und ließ die Beine baumeln. „Ich habe die Nase gründlich von Krankenhäusern voll. Und dieser ... dieser ... Mackenzie ist einfach nur ein Idiot!" In ihren Augen blitzte es kalt auf. „Er will mich nicht gehen lassen, solange ich ihm nicht mein Herz ausgeschüttet habe. Aber da gibt es nichts auszuschütten."
Dorn runzelte die Stirn und öffnete den Mund.
Vashtu schüttelte ungeduldig den Kopf. „Schon etwas von Babbis gehört?" fragte sie dann.
Der Marine ließ sich nicht aus dem Konzept bringen, sondern schüttelte ebenfalls den Kopf.
Vashtu kniff dann nachdenklich die Lippen aufeinander. „George, ich habe ihm den Steuerkristall per Post geschickt", sagte sie dann endlich. „Existiert seine Wohnung denn noch?"
Dorn nickte, und die Antikerin seufzte erleichtert.
"Warum nicht mir?" erkundigte er sich dann plötzlich.
Vashtu blinzelte. „Was?" Sie sah ihn einen Moment lang mit großen Augen an, dann zuckte sie mit den Schultern. „Weil ich denke, Peter hat ab und an auch einmal einen Vertrauensbeweis verdient. Außerdem ist er, abgesehen von mir, der einzige, der vielleicht etwas mit dem Kristall anfangen kann, und wenn er ihn nur John nach Atlantis schickt. Vielleicht ist die Post auch einfach etwas langsam." Sie mußte zugeben, ihr fehlte die zweite Kette mit dem Steuerkristall. Sie war es inzwischen so gewohnt, ihn zu tragen, daß es schwerfiel, ihn irgendwann einmal nicht dabei zu haben.
Dorn nickte wieder, drückte ihre Hand, ehe er sie losließ und sich nach vorn beugte, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können. „Dein AB?"
Vashtu sah ihn kurz an, dann nickte sie. „Du hast recht!" Von einem plötzlichen Energieausbruch erfaßt, schwang sie sich vom Bett und lief auf nackten Füßen zu dem spintartigen Schrank hinüber, in dem sich ihre Sachen befanden. Sie wühlte kurz, dann kehrte sie zu dem Marine zurück, einen Schlüssel in der Hand. „Mein Wohnungsschlüssel. Verlier ihn nicht, sonst muß ich wirklich nach Atlantis, um den zweiten zu holen." Sie zwinkerte.
Dorn nahm den Schlüssel an sich und steckte ihn ein. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst. „Mackenzie", sagte er nur.
Schlagartig verdüsterte sich Vashtus Miene wieder.
"Dieser heimtückische Mistkerl! Sie hatte ganz genau gewußt, daß er sie nicht so einfach davonkommen lassen würde, schon beim ersten Mal nicht. Er war erpicht auf ihre Geheimnisse, auf Dinge, die niemanden etwas angingen. Und sie mochte ihn nicht, sein Auftreten, seine ganze Art. Für sie war er einfach nur arrogant. Noch arroganter, seit er offensichtlich das Sagen über sie hatte und sie nicht aus dem Krankenhaus entlassen wollte.
Vashtu kreuzte abwehrend die Arme vor der Brust. „Der Kerl kann mir gestohlen bleiben! Irgendwie komme ich schon hier heraus, darauf kannst du dich verlassen! Ich habe keine Probleme, es geht mir gut."
Dorn warf ihrem bandagierten Hals einen langen Blick zu, sagte aber nichts.
Die Antikerin warf sich wieder auf das Bett, knallte ihren Hinterkopf hart in das Kissen und starrte zur Decke. „Er hatte heute wirklich die Unverfrorenheit mir zu sagen, daß mein Dienst auf Atlantis ausgesetzt wird auf sein Geheiß. Ich würde John so lange nicht wiedersehen, bis ich mir endlich das von der Seele geredet hätte, was mich bedrückt. Woher will ausgerechnet er denn wissen, was mich bedrückt?" Ein bitteres Lachen, das sofort wieder abbrach. „Ich will hier heraus!"
"Vielleicht solltest du mit ihm reden, Kleines", begann Dorn nun. „Die Wunde will nicht heilen, vergiß das nicht. Und denke an das letzte Mal."
"Ich habe mich im Griff!" Sie runzelte die Stirn.
Nein, sie hatte sich nicht wirklich im Griff, und das wußte sie. Wenn sie einschlafen wollte, war sie wieder in dieser Waldhütte, mußte wieder ihr Leben vor dem Goa'uld ausbreiten. Oder sie fühlte, wie dieses Schlangenwesen sich in ihren Körper fraß. Sie hatte Atlantis verraten, sie hatte die Sache mit dem Steuerkristall verraten - beinahe hätte sie noch mehr preisgegeben, ehe sie begriff, daß sie die Erinnerungen steuern konnte.
"Kleines!" Dorn seufzte schwer und erhob sich, um sich auf die Bettkante zu setzen. Wieder griff er nach ihrer Hand. Einen Moment lang war sie versucht, sie ihm vorzuenthalten, dann aber ließ sie die Berührung zu.
"Du bist nicht so hart, wie du gern sein würdest." Dorns Stimme war sanft. „Wer dich gut genug kennt, der weiß das. Da ist inzwischen so viel, was dich bedrückt. Laß dich davon nicht auffressen, das ist der falsche Weg. Du solltest wirklich mit Mackenzie reden. Er mag zwar nicht sonderlich nett sein, aber er ist kompetent."
Vashtu warf ihrem väterlichen Freund einen langen Blick zu. „Kompetent?" wiederholte sie, erstaunt, ein solches Wort aus seinem Mund zu hören.
Dorn nickte. „War auch schon bei ihm. Das halbe SGC war bei ihm, und viele aus Atlantis. Er hat sich um die gekümmert, an denen die Wraith sich nährten während der Belagerung."
Vashtu kniff die Augen zusammen und verzog unwillig das Gesicht. Dann wandte sie stumm den Kopf ab.
"Rede es dir von der Seele, dann wird es gut sein und du kannst hier raus. Du mußt nicht alles erzählen, nur soviel, wie er zum Arbeiten braucht."
Vashtu blinzelte die Tränen fort und schluckte einige Male, dann holte sie tief Atem. „Ich kann soetwas nicht, George", sagte sie schließlich.
"Du kannst es."
Als sie wieder in seine Augen sah, sah sie den Stolz in ihnen. Stolz auf sie. Und irgendwie wünschte sie sich plötzlich wirklich, seine Tochter zu sein, oder Laurell wenigstens gekannt zu haben. Dann würde sie sich vielleicht besser fühlen.
"Du hast das mit deinem Colonel wieder hingekriegt, also wirst du es auch schaffen, Mackenzie zu überleben und dir ein paar von deinen Sorgen nehmen zu lassen. Ist nicht so schwer, wenn du einmal einen Anfang gefunden hast."
Sie lächelte gezwungen, wurde aber gleich wieder ernst.
Dorn nickte, dann erhob er sich wieder, drückte noch einmal kurz ihre Hand. „Muß jetzt los."
Sie nickte nur, sah ihm nach, wie er ihr Zimmer verließ.

***

Peter bezahlte das Taxi, richtete sich dann, sich die Schläfen reibend, auf und blinzelte zum Haus hin.
Was war nur los mit ihm? Er fühlte eine unendliche Müdigkeit in sich, die er kaum bezähmen konnte. Dabei hatte er sich den ganzen Tag mit Kaffee zugeschüttet.
Er schüttelte leicht den Kopf und seufzte, dann wandte er sich dem Haus zu und stapfte mißmutig die Einfahrt hinauf.
Wieder ein Tag vorbei, wieder ein Tag, den er nicht im SGC gewesen war.
Ob man ihn dort vermißte? Ob man sich fragte, wo er geblieben war?
Er war sich da nicht so sicher. Immerhin war er inzwischen schon seit vier Tagen wieder in Boston, und bisher war noch nicht einmal ein Anruf eingegangen. Dabei war er sich eigentlich sicher gewesen, daß ...
Er zog mühsam den Schlüssel aus seiner Jackentasche und steckte ihn nach einigen Anläufen ins Schloß.
Das Haus war dunkel, als er die Tür aufstieß. Die Bediensteten seines Vaters übernachteten nicht hier, sondern in einem kleineren Anbau, der sich wie verschämt in einem extra angelegten Wäldchen verbarg. Und der Professor war entweder noch nicht von einer seiner zahlreichen Verpflichtungen zurück oder bereits zu Bett gegangen.
Peter seufzte schwer.
Zumindest hatte er damit gerechnet, daß Vashtu Uruhk sich nach seinem Verbleib erkundigen würde. Aber selbst sie schwieg.
Die Frage war, ob man im SGC tatsächlich eine Kündigung mit seinem Namen erhalten hatte oder nicht. Und ob man diese Kündigung wirklich ernst nehmen würde. Immerhin war er, seit er das erste Mal durch das Stargate geschritten war, ein Geheimnisträger. Normalerweise hätte man ihn nicht so einfach laufen lassen dürfen, zumindest hatte er das nie angenommen.
Ohne weiter darüber nachzugrübeln schlich er in die große Halle hinein, dann eine der breiten Flügeltreppen in den ersten Stock hinauf. Dabei gähnte er immer wieder herzhaft.
Vielleicht sollte er sich mit dem SGC in Verbindung setzen. Wäre vielleicht nicht die schlechteste Lösung um herauszufinden, was im Cheyenne-Mountain eigentlich geschah.
Aber morgen, beschloß er, heute war er nicht mehr fähig dazu. Morgen war auch noch ein Tag ...

***

Eine dunkle Gestalt löste sich aus dem Schatten eines wilden Rosenstrauches und glitt zur Eingangstür der Villa hinauf. Vorsichtig drückte sich eine behandschuhte Hand gegen das Holz. Die Tür schwang auf.
Ein böses Lächeln schlich sich auf schattige Züge.
"Guten Abend", zischte eine haßerfüllte Stimme.
Die Gestalt betrat das Haus.

***

"Bin da."
Mackenzie blinzelte und blickte dann auf. Überrascht nickte er, als er die Antikerin in der Tür zu seinem Büro stehen sah.
"Guten Morgen, Major", begrüßte er sie, klappte die Krankenakte zu, in der er sich einige Notizen gemacht hatte zu einem anderen Fall. „Schön, daß Sie jetzt zumindest ein erstes Einsehen zeigen. Wir kommen offensichtlich voran."
"Ich will hier heraus, und Sie scheinen der einzige Weg zu sein, das zu schaffen." Mit weiten Schritten marschierte sie zu dem Stuhl vor seinem Schreibtisch und warf sich hinein. „Also?" Auffordernd sah sie ihn an.
Mackenzie wurde mißtrauisch. Irgendetwas stimmte da nicht, da war er sich sicher. Erst gar nichts und jetzt plötzlich alles? Nein, das konnte nicht sein.
"Was soll ich erzählen? Über die Wraith? Da hätte ich einige nette Geschichten auf Lager." Ihr Gesicht wirkte angespannt bei diesen Worten.
Mackenzie beugte sich vor, sah sie sehr genau an, blickte in ihre Augen. Er las Entschlossenheit in ihnen, aber auch immer noch Widerstand. Und er war sicher, was auch immer sie gleich erzählen würde, es würde nicht das sein, was er hören wollte.
Er lehnte sich wieder zurück und nahm ihre Akte, um in ihr zu blättern. „Nun, wenn wir so früh beginnen wollen, dann sollten wir vielleicht gleich zum Anfang zurückkehren. Sie haben mehrmals angegeben, daß Sie Zeuge geworden sind, wie Ihre Mutter starb. Stand sie Ihnen nahe?"
Vashtus Gesicht versteinerte sichtlich. „Sie war meine Mutter", sagte sie nur.
Noch immer blockte sie ihn ab.
Mackenzie seufzte tonlos in sich hinein. Aber vielleicht ...
"Und wie war es, als Sie gefangen genommen wurden und der Wraith sich an ihr nährte? Wie war es für Sie?" bohrte er weiter.
"Schrecklich, wie sonst?" Sie zuckte mit den Schultern, als ginge das ganze sie nicht das mindeste an. Doch in ihren Augen konnte der Psychologe etwas anderes lesen. Einen tiefen Schmerz und einen nagenden Haß. Mehr Haß, als er bisher bei irgendjemandem gesehen hatte.
War das das Schlüsselerlebnis für sie gewesen? War das der Auslöser für ihre plötzlich und spontan ansteigenden Aggressionsschübe?
Sicher war er sich da nicht, aber möglicherweise handelte es sich um einen der Auslöser. Ein solches Erlebnis zeichnete jeden, und er hatte das mehr als einmal erleben dürfen.
"Als Sie dann auf Ihre Missionen gesandt wurden ... hat da jemals ein Wraith versucht, sich an Ihnen zu nähren?" fragte er.
Vashtu erstarrte, den Blick plötzlich vollkommen nach innen gerichtet. Dann erschauderte sie, schien sich mit aller Macht wieder aus den Erinnerungen herauszureißen. „Nein", sagte sie, doch wieder konnte er in ihren Augen die Wahrheit lesen. Mindestens einmal, doch es war nicht gelungen. Sie hatte keine Lebensjahre verloren.
Mackenzie nickte nachdenklich. „Diese Gentherapie, die Sie gemeinsam mit Ihrem Vater und Ihrem Bruder entwickelt haben ... Ihr Bruder hat sich ihr zuerst unterzogen, nicht wahr? Wie war es? Gelang es?"
"Zunächst ja. Dann begann er sich zu verändern - zu mutieren." Abrupt schloß sie den Mund, ihre Augen wurden starr.
Mackenzie hatte diese Reaktion zwar nicht erwartet, doch er war wenig überrascht. Aus den Akten wußte er, daß Vashtu offensichtlich auch auf der Suche nach einer Ersatzfamilie war, diese teilweise auch innerhalb ihres Teams gefunden zu haben glaubte. Die Art, wie sie mit Dorn umging, verriet viel über sie, ebenso ihre Anhänglichkeit, ja ihre Hartnäckigkeit gegenüber Dr. Babbis. Der einzige, der bei ihr wohl mehr oder weniger hinten überfiel war Wallace. Doch selbst das Verhältnis zu ihm hatte sich geändert seit der Geburt von SG-27.
"Inwiefern ist er mutiert?" Mackenzie beugte sich vor, nun absolut sicher, einen der Auslöser für ihr Verhalten gefunden zu haben.
Vashtu atmete einige Male tief ein, und eine Sekunde lang glaubte er wirklich, zu ihr durchgedrungen zu sein. Dann aber wechselte sie abrupt das Thema: „Wollen Sie nicht lieber ein paar nette Geschichten über die Wraith hören, Doc? Ist wesentlich unterhaltsamer als das."
Er war an einem wunden Punkt angelangt, dessen war er sich jetzt sicher. Er hatte etwas gefunden, sie selbst hatte ihn darauf gestoßen, vielleicht unabsichtlich, aber sie hatte es getan. Ihr Bruder, Enkil, war einer der Auslöser für ihr Verhalten. Irgendetwas war damals geschehen, was sie bisher entweder nicht ausgesprochen oder herunterspielt hatte. Irgendetwas, was für sie eine Welt hatte in Scherben gehen lassen.
"Wenn wir bei den Wraith sind ... Nun, ich hätte da selbst das eine oder andere anzubieten." Mackenzie faltete die Hände vor sich auf dem Schreibtisch. „Wußten Sie, was während der Belagerung von Atlantis geschehen ist?"
Ein tiefes Einatmen, ihr Blick irrte ab. „Nein, ich hatte keinen Zugriff auf den Rechner."
Eine glatte Lüge!
Mackenzie beugte sich vor. „Wenn Sie es gewußt hätten, was hätten Sie getan?"
Ihre Kiefer mahlten. „Ich hätte versucht zu helfen, das hätte ich getan!" Sie spie ihm diese Worte geradezu entgegen, doch noch immer war ihr Blick abgewandt.
"Und was hätten ausgerechnet Sie tun können? Sie waren eingesperrt in dieser Etage. Sie kamen nicht heraus und niemand kam herein."
Kurz, sehr kurz, vielleicht eine halbe Sekunde lang, sah sie ihn starr an, dann wandte sie mit einem Ruck den Kopf zum Fenster und sah hinaus. „Ich hätte gekämpft, wie ich es früher schon getan habe", antwortete sie.
Mackenzie ließ sich wieder in seinen Sessel zurücksinken, sah sie an.
Noch eine Lüge. Sie hätte nicht gekämpft, sie hatte gekämpft. Wie auch immer das untergegangen war, sie hatte Wraith getötet während der Belagerung. Die Frage war, was sie mit den Leichen angestellt hatte. Andererseits ... ihr Labor hatte an der Flutmarke gelegen. Sie kannte sehr wahrscheinlich Wege nach draußen, die sonst niemand kannte. Es mußte ein leichtes gewesen sein, die Leichen verschwinden zu lassen, damit es niemandem auffiel, daß da noch jemand in der Stadt war.
Warum hatte sie so lange gezögert? Warum hatte sie sich nicht schon viel früher gezeigt?
Mackenzie begriff, daß dieses Problem mit einigen anderen zusammenhing, auf deren Spur er sehr wahrscheinlich war. Aber solange sie sich noch immer nicht wirklich öffnete, hatte er keine Chance, diese auch nur anzukratzen.
"Es soll sehr schwer sein, einen Wraith zu töten, habe ich mir sagen lassen", tastete er sich vorsichtig voran. „Haben Sie eine effektive Methode?"
"Sie mit ihren Stunnern aufspießen oder das Genick brechen. Das sind die wirksamsten Methoden, die ich kenne." Ein bitteres Lächeln umspielte bei diesen Worten ihre Lippen. „Stangen, gleich aus welchem Material auch immer, solange es fest genug ist, sind ebenfalls sehr nützlich. Die Königin, die ich gemeinsam mit Colonel Sheppard mitsamt ihrem Schiff erledigte, habe ich mit einer Stange an die Wand ihres Schiffes genagelt."
"Ziemlich grausam, finden Sie nicht?"
"Warum? Was die Wraith mit meinem und Ihrem Volk tun, ist ebenfalls grausam. Wenn ich ihnen das Genick breche, geht es schnell." Ein Muskel in ihrer Wange zuckte. Noch immer starrte sie aus dem Fenster.
"Aber Sie müssen sehr nahe an sie heran, Sie müssen ihnen in die Augen sehen, sofern sie Augen haben", fuhr Mackenzie fort. „Das war zu Anfang sicher nicht ganz einfach."
"Einfach ist das Töten nie. Aber man gewöhnt sich daran." Wieder ein Zucken. Ihre Augen wirkten etwas verschleiert.
Der Psychologe beobachtete diese Reaktion sehr genau.
Wieder ein Punkt. Sie tötete wirklich nicht gern. Sie war keine einsame Killerin, die ihre Gefühle ausschalten konnte bei Bedarf. Sie hatte lernen müssen zu töten, um selbst zu überleben. Sie fühlte zwar kein Bedauern mit ihren Opfern, aber sie tat nicht gern, was man ihr zur Aufgabe gestellt hatte.
Mackenzie runzelte die Stirn.
Er war definitiv weiter gekommen als in den letzten Sitzungen. Dafür aber stellten sich ihm immer neue Fragen, die er nicht beantworten konnte. Und solange sie dermaßen dicht machte und ihn nur ansatzweise sehen ließ, was da an ihr nagte, würde er diese Probleme auch nicht wirklich ausmerzen können.
"Sie haben damals für den Rat gearbeitet, richtig?"
Nun senkte sie den Kopf und zog ein Bein an. Die Arme um den Schenkel geschlungen saß sie da und lehnte ihre Wange auf das Knie. Ihr Blick war wieder irgendwohin gerichtet, und wieder nahm er auch das Blocken wahr. Sie ließ nicht die ganzen Erinnerungen zu, nur soviel, wie sie selbst ertragen konnte. Aber die Probleme, die sie hatte, würden dadurch nicht verschwinden. Sie gährten weiter in ihr und schwollen zu etwas an, was irgendwann wirklich gefährlich für sie werden konnte.
"Nachdem ich mich selbst der Therapie unterzogen und beim Rat vorgesprochen hatte ja", antwortete sie endlich. „Man sandte mich auf die Wraith-Schiffe, um wichtige Personen meines Volkes dort herauszuholen oder um irgendeinem Hinweis nachzugehen. Manchmal versuchte man auch, die Blockade zu sprengen und wagte einen Ausfall, während ich auf irgendeinem Schiff war und dort für Unruhe sorgte."
"Und immer waren Sie allein?"
Ein tiefer Atemzug, dann schloß sie die Augen. „Ja, ich war allein auf diesen Schiffen", antwortete sie. Dann richtete sie sich plötzlich wieder auf und sah ihn an. „Hey, wie wäre es mit der Story, wie ich die junge Königin ins All gepustet habe? Das war witzig!" Doch in ihren Augen lag ein tiefer Schmerz.
Nein, es war nicht witzig gewesen, das sah Mackenzie sofort. Im Gegenteil, was auch immer damals geschehen war, Vashtu war von ihrem Volk bewußt isoliert worden. Wie hatte sie es selbst einmal gesagt? Sie war eine persona non grata gewesen für den Rat, ein nützliches Werkzeug, aber mehr auch nicht.
Der Psychologe begriff das eigentlich tragische an ihrer ganzen, unendlich langen Geschichte: Man hatte sie allein gelassen. Ihr eigenes Volk hatte sie allein gelassen mit einem Schmerz, den sie allein nicht bewältigen konnte. Mit der Zeit hatte sie sich daran gewöhnt, wahrscheinlich war sie selbst immer waghalsiger geworden während ihrer Aufträge. Ein Hilferuf von jemandem, dessen Stimme nicht gehört werden sollte. Sie hatte unbewußt ein Ende setzen wollen, und deshalb stieg ihre Gewaltbereitschaft immer mehr an, in der Hoffnung, daß irgendein Wraith irgendwann stark genug war, um sie zu töten.
Was hatten die Antiker einer der ihren angetan? Und warum?
Weil sie Angst vor ihr hatten wegen ihrer veränderten Gene? Weil sie etwas getan hatte, was man ihr vorher verbot? Oder spielte da noch mehr hinein?
Mackenzie zögerte, dann nickte er.
Er war weiter gekommen, sogar ein ziemliches Stück. Sehr wahrscheinlich würde er noch einiges mehr erfahren, aber für eine Sitzung reichte es erst einmal. Jede zusätzliche Information würde ihm noch mehr zu denken geben und sie noch tiefer in den Schlamasel hineinziehen, in den andere sie gestoßen hatten. Er wußte jetzt zumindest ansatzweise, warum sie manchmal so viel riskierte und so aggressiv wurde. Er kannte zwar noch immer nicht alle Antworten, aber es würde zunächst einmal reichen. Es mußte reichen. Er fühlte, daß sie selbst sich gerade in einem Netz aus ihren eigenen Erinnerungen und Erfahrungen fing. Und sie würde keinen anderen Ausweg finden, als wieder irgendetwas sehr gründlich zu zerlegen und Leichen zurückzulassen. Er konnte nicht weitermachen, ehe sie sich nicht wieder gefangen hatte. Sie beherrschte sich zwar, doch seine Fragen setzten ihr bereits zu, selbst wenn sie ihn nicht weit vordringen ließ.
Er atmete tief ein und klappte ihre Akte zu. „Ich denke, das reicht für heute, Major. Es wäre sehr nett von Ihnen, wenn Sie morgen wieder um die gleiche Uhrzeit erscheinen würden."
Die Anspannung löste sich aus ihren Gliedern. Erleichtert nickte sie und erhob sich.
"Und, Major, kommen Sie bitte pünktlich."
Wieder ein Nicken, dann verließ sie sein Büro, ließ ihn sehr nachdenklich zurück.

***

Peter wachte von dem Lärm von Schritten und vieler verschiedener Stimmen auf. Verschlafen rieb er sich das Gesicht und gähnte herzhaft, dann setzte er sich auf.
Was war denn da unten los? Seit wann bevorzugte sein Vater denn ... ?
Die Tür zu seinem Zimmer öffnete sich.
Peter sah auf, der Meinung, einer der Bediensteten wolle ihn wecken und sich entschuldigen für den Lärm. Doch statt in ein dienstbefließenes, nichts sagendes Gesicht sah er den bemützten Kopf eines Polizisten zur Tür hereinlugen.
Irritiert blinzelte er, setzte sich unwillkürlich aufrecht hin. „Ja?"
Der Polizist starrte ihn an, dann zog er kurz den Kopf zurück, um dann, mit einer Waffe in den Händen, die Tür ganz aufzustoßen und auf ihn zu zielen.
Peter starrte blinzelnd in den Lauf der Waffe. „Was soll das denn?" fragte er irritiert.
"Keine Bewegung! Hände hoch!" Der Polizist drehte den Kopf und bellte über die Schulter zurück: „Ich habe ihn! Hier ist er!"
Peter war verwirrt, hob aber die Hände, nur zur Sicherheit.
Was ging denn hier vor?
Da erschien schon ein Mann in einem grauen, schon bessere Zeiten erlebten, Anzug in der Tür, sah ihn an. „Sind Sie Dr. Peter Horacio Babbis?" fragte er.
Der junge Wissenschaftler nickte verblüfft.
"Sie sind verhaftet." Der Mann wandte sich ab.
Peter fiel das Kinn herunter.

TBC ...