11.08.2009

Der Jungbrunnen V

John vergrub sein Gesicht in den Händen, als Horacio Caine erneut das Vernehmungszimmer betrat. Der Tisch, an dem er saß, spiegelte wie schwarzes Wasser das durch Lamellen an den Fenstern gefilterte Sonnenlicht.
Er war jetzt seit einem Tag auf dem Revier, deutlich mehr Zeit, als er hier hatte verbringen wollen. Vierundzwanzig Stunden, in denen weiß Gott was mit Vashtu hatte geschehen können. Doch noch schlimmer als die Ungewißheit, was die Antikerin betraf, war die Ungewißheit, was aus Jordan geworden war. Alles, was er wußte war, daß das Kleine plötzlich spurlos verschwunden war und die Polizei daraufhin wirklich diesen ganzen Gebäudekomplex umdrehte - zumindest ein Trost! John hoffte, daß das Kind auf ihn gehört und die Nemesis kontaktiert hatte. Wahrscheinlich hatte Makepiece die Lage falsch eingeschätzt und Jordan auf das Schiff gebeamt. Er hoffte es, denn die andere Möglichkeit, daß Jordan nämlich von selbst gegangen war aus welchem Grund auch immer, war so ziemlich das schlimmste, was er sich vorstellen konnte.
Caine trat an das Fenster und sah zwischen den Lamellen hinaus. Viel würde er zwar nicht sehen können, da es sich um eine Art Milchglas handelte, aber offensichtlich war das für ihn eine natürliche Handlung.
„Du hast Julie erschossen. Warum? Ich dachte, du seist so besorgt um sie. Immerhin bist du doch hergekommen und wolltest sie als vermißt melden. Ist sie etwa dahinter gekommen, daß es da noch einige mehr gab? Blond, groß, schlank. So wie Julie ausgesehen hat ..." Caines Stimme verklang.
John lehnte sich seufzend zurück. „Ich kenne keine Julie und mein Name ist nicht Mike. Ich bin John Sheppard, Air Force Colonel, und bin hergekommen, um meine Lebensgefährtin Lt. Colonel Vashtu Uruhk als vermißt zu melden. Wenn Sie meine Fingerabdrücke endlich vergleichen, wird sich das sicher aufklären."
Das war etwas, was er gestern durch Zufall gehört hatte: AFIS war ausgefallen, die weltumspannende Datenbank für Fingerabdrücke. Da er zur Armee gehörte, waren seine Abdrücke dort ebenso gespeichert wie die des straffällig geworden Mike Sheridan, mit dem Caine ihn verwechselte. Die einzige andere Möglichkeit war, daß man seine DNS mit der des Gesuchten verglich, auch da würde sich sicherlich der Unterschied deutlich zeigen. Allerdings dauerte das Analyseverfahren länger, zumal man ihm hier eine frische Speichelprobe abgenommen hatte.
„Vashtu Uruhk ... ist das die, deren verunreinigtes Blut wir am Strand gefunden haben beim Fundort von Julie? Hast du dir sie jetzt gegriffen? Paßt aber nicht so ganz, oder? Schwarzhaarig, klein, eher knabenhaft. Du magst es doch, ein bißchen mehr in der Hand zu haben, Mike."
John wollte zu einer neuen Entgegnung ansetzen, als sich unvermittelt die Tür öffnete und ein Mann mit kurzem, grauen Haar den Raum betrat. Gekleidet in die Uniform der Air Force, mit einem gewissen Schalk im Blick, auch wenn der jetzt ziemlich zurückgewichen war zu Gunsten befehlsgewohnter Strenge, die Mütze vorschriftsmäßig unter dem Arm geklemmt. Zwei Sterne prankten auf den Schulterstücken.
John riß ungläubig die Augen auf. Er bewegte sich dermaßen reflexartig, als er aufsprang und Haltung annahm, daß der Stuhl umkippte. „Sir!" würgte er irgendwie heraus und grüßte, während sein Herz schneller schlug.
Die Kavallerie war da!
„Wer sind Sie und wie kommen Sie dazu, in meinen Vornehmungsraum einzudringen?" Caine war ebenfalls herumgefahren und musterte den Neuankömmling von Kopf bis Fuß.
„Rühren, Sheppard."
John wurde der Gruß abgenommen, worauf er sich seufzend über den Tisch beugte und einfach nur den Kopf hängenließ, auch um das breite Grinsen zu verbergen, das plötzlich sein Gesicht zierte. Er blinzelte sich selbst in der wie ein Spiegel wirkenden Oberfläche des Tisches zu.
„Major General Jack O'Neill, der direkte Vorgesetzte des Colonels", stellte sein Retter sich vor und trat näher. „Und ich möchte schwer hoffen, daß Sie eine Erklärung haben für diese Hexenjagd und der Tatsache, daß Sie das Kind des Colonels verloren haben, Lieutenant."
„Mikes Komplize. War ja klar, daß du das nicht allein ausgeheckt haben konntest." Caine trat einen Schritt vor. „Sie hätten das Weite suchen sollen, solange noch Zeit war ... General."
„O'Neill, soviel Zeit muß sein. Mit zwei L bitte." Der General zog einen Umschlag aus seiner Brusttasche und legte ihn auf den Tisch. „Und ich denke, wenn Sie mein Auftauchen nicht überzeugt, wird es sicherlich dieses Schreiben tun. Sie bekleckern sich gerade nicht mit Ruhm, Lieutenant Caine. Wir übernehmen ab jetzt. Sheppard ..." Er nickte John nur stumm zu und zwinkerte kurz.
Jordan hatte also wirklich die Nemesis kontaktiert und war von Makepiece in Sicherheit gebracht worden, ehe der dann endlich die richtigen Hebel zog.
Vashtu war wichtig für die Erde, das wußte auch John, während er jetzt so schnell wie möglich hinter O'Neill Deckung suchte. Ihre ganze kleine Familie war für die Erde wichtig, aber Vashtu im besonderen, weil sie die einzige Antikerin war, die nicht ihren Körper aufgegeben hatte. Jordan trug viel vom Erbe ihrer Mutter in sich, doch das Kind war keine Antikerin mehr, dadurch daß er, als stärkster Genträger der Erde, der Vater war. Tauchte irgendeine Bedrohung auf, waren sie drei die Geheimwaffe, auf die die Erde vertrauen mußte, der Grund, aus dem Vashtu damals hatte gehen müssen nach ihrem Auftauchen aus den Eingeweiden von Atlantis.
Ein weiterer Uniformierter stand im Türrahmen, nickte John grüßend zu. Er mußte einen Moment lang nachdenken, ehe ihm einfiel, wer da seinen Rücken deckte: Major Jeffrey Storm, seineszeichens schon seit Landrys Tagen für die Sicherheit des Stargate-Programms auf der Erde zuständig. Einer der härtesten und verbissensten Ermittler, die das SGC überhaupt besaß. Setzte man Storm an einen Fall, würde er solange ermitteln, bis er ein Ergebnis vorzuweisen hatte.
John erleichterte immer mehr. Endlich würde etwas geschehen. Endlich konnte die Suche nach Vashtu beginnen. Es blieb nur zu hoffen, daß es nicht schon zu spät war.
Caine hatte währenddessen nach dem Umschlag gegriffen, starrte das Siegel darauf mit leerem Gesicht an. John konnte sich denken, was darauf zu sehen war. O'Neill machte keine halben Sachen, wenn er hinzugezogen wurde. Als Leiter der Homeworld Security blieb ihm auch nichts anderes übrig. Er mußte seine Schäfchen zusammenhalten und dafür sorgen, daß die Erde nicht bedroht wurde. Mit zwei weit entfernten Außenbasen kein leichtes Unterfangen, nahm man dann auch noch solche Schwachpunkte wie die Transferstation oder möglicherweise sogar die Werft hinzu, nahezu unmöglich. Dennoch tat O'Neill, was er konnte.
„Sie wollen mir jetzt wirklich erzählen, daß das hier", Caine wedelte mit dem Umschlag, „tatsächlich vom Präsidenten kommt, ja?"
„Sie können glauben, was Sie wollen. Colonel Sheppard wird mich jetzt begleiten. Und Sie sollten uns besser nicht in die Quere kommen, weder Sie noch Ihre Leute, Caine. Wir schießen scharf." O'Neill nickte Storm zu und zu dritt verließen sie den Verhörraum, dann das Polizeirevier.
„Sie machen ja Sachen, Sheppard", bemerkte der General, nachdem sie draußen standen, und aktivierte einen kleinen Kommunikator. „Kann man Sie jetzt nicht einmal mehr zum Urlaub machen auf die Erde lassen?"
Im nächsten Moment wurden sie alle drei von weißem Licht eingehüllt und waren verschwunden.

***

Horacio starrte dem Trio mit ausdruckslosem Gesicht nach, doch in ihm gärte es. Den einzigen Ausfall, den er sich erlaubte, war das hilflose Ballen beider Hände.
Sheridan hatte also Komplizen ... hätte er sich ja eigentlich denken können. Allein war dieser Kerl doch zu blöd, um auch nur einen Blumentopf vom Fensterbrett zu stoßen. Nur allein seine ständigen Ausflüchte, daß das ganze nur eine Verwechslung sei.
Horacio war stolz darauf, daß er sich jedes Gesicht merkte, das ihm je begegnet war. Und jemand wie Mike Sheridan brannte sich geradezu in seine Hirnwindungen hinein, vor allem, nachdem der sich so strikt geweigert hatte, Miami Dade zu verlassen.
Erics Kopf tauchte im leeren Türrahmen auf, dann erschien der Tatortermittler ganz, einen Ordner unter dem Arm. „Die DNA-Analyse ist da."
Horacio zögerte einen Moment, dann zog er aus seiner Brusttasche die Sonnenbrille und setzte sie mit viel Bedacht auf. „Und was erzählt sie uns, was wir nicht schon wußten?" fragte er, scheinbar gelangweilt.
„Daß dieser Typ die Wahrheit gesagt hat. Seine DNA ist im Speicher. Im Speicher für militärische Geheimnisträger. Er ist dort sogar im höchsten Amt und Ehren. Und er heißt tatsächlich John Sheppard. Ziemlich beeindruckende Akte, soweit sie einsehbar ist. Ob er ein Frauenmörder ist, steht allerdings nicht drin."
„Dann werden wir das wohl herausfinden müssen." Horacio schob den Brief mit der Unterschrift des Präsidenten zur Seite und blätterte statt dessen durch den Ordner, den Eric ihm zugeschoben hatte. „Ein bißchen auffällig: Die Lebensgefährtin klein, schwarzhaarig und knabenhaft. Die Toten recht groß, drall und blond."
Eric kreuzte die Arme vor der Brust. „Horacio, ich glaube, dieses Mal verrennst du dich. Dein Blick ist nicht klar, weil du dich immer noch über Sheridan ärgerst. Laß diesen Sheppard in Ruhe. Sich mit dem anzulegen bedeutet richtig mächtigen Ärger."
„Wenn er tatsächlich der Mörder ist, dann wird auch der Präsident ihn nicht mehr retten können. Wir machen weiter. Wie weit ist Calleigh?"
Eric sah ihn skeptisch an, zuckte dann aber schließlich resignierend mit den Schultern. „Die Auswertung der verunreinigten Blutspur liegt anbei. Calleigh versucht herauszufinden, wie es zu dieser Kuriosität gekommen sein mag."
Caine blätterte weiter bis zur vorletzten Seite, auf der ein vereinfachtes Schema des Blutfleckes zu sehen war. Überrascht riß er die Augen auf und war augenblicklich froh, seine Sonnenbrille zu tragen.
Das Bild zeigte eine Tripel-Helix, einen Dreifachstrang ... nur gab es auf der Erde nichts, das eine solche Genstruktur aufwies ...

***

Als John endlich den Besprechungsraum der Nemesis betrat, war es Abend geworden in Miami. Eigentlich hatte er nicht schlafen wollen und sich gesträubt. Seiner Meinung nach hatten sie bereits genug Zeit verloren, während er von der Polizei als Tatverdächtiger festgehalten wurde. Aber O'Neill und auch der Schiffsarzt hatten ein Machtwort gesprochen. Immerhin hatte er seit zwei Nächten kein Auge mehr zugetan. Er mußte sich ausruhen, ehe er mit den anderen zusammen auf die Jagd gehen konnte.
Jordan hatte ihn erwartet, als er auf die Brücke der Nemesis gebeamt worden war. Das Kind hatte sich an ihn geklammert wie ein Ertrinkender, sich dann im Ruheraum auf der Pritsche so eng wie möglich an ihn gekuschelt. Diese ganze Sache mußte dem Kleinen einen so gehörigen Schrecken eingejagt haben, daß es für die nächste Zeit hoffentlich keinen Unsinn mehr anstellen würde.
Makepiece hatte schließlich mit seiner Frau gesprochen und so war Jordan zunächst einmal nach Wisconsin geschickt worden, wo die Familie des Schiffskommandanten sich um das Kleine kümmern würde. Für wie lange, das allerdings stand in den Sternen. John jedenfalls war es nicht entgangen, daß Jordans Verbindung zu Vashtu um einiges enger war als die seine. Möglich, daß sie doch noch auf das Kind zugreifen mußten, fiel ihnen nichts anderes ein. Aber er würde sich solange wie möglich dagegen stemmen. Er wußte, Vashtu würde es nicht gefallen, wenn man ihr Kind für solche Zwecke gebrauchte.
O'Neill und Makepiece saßen bereits zusammen am Tisch und unterhielten sich, als John nun also so ausgeruht es mit Schlafmitteln möglich war die Kabine betrat und sich ebenfalls niederließ. Kurz nach ihm kam auch Storm herein, der einen ziemlichen Aktenstapel mit sich schleppte. Schließlich aktivierte sich auch noch einer der Bildschirme an der Schmalseite der Kabine und er konnte auf das bekannte Gesicht von Colonel Ellis blicken.
John hatte schon einige Vermißtenfälle, natürlich vor allem in der Pegasus-Galaxie, bearbeitet, wenn auch leider nicht immer gelöst. Aber ein solches Aufgebot ...
„Wie weit sind wir?" eröffnete O'Neill endlich die Runde.
Storm schob jedem der Anwesenden eine der Akten zu. „Möglicherweise ein kleines bißchen weiter als die Polizei, wenn auch nicht sehr viel weiter", gestand der Militärpolizist zu wissen. „Wir haben Einblick in die Akten über den Beach Killer genommen. Ich schätze, wenn überhaupt, wird die Polizei nicht recht glücklich werden mit der Aussicht, daß Colonel Uruhk dem möglicherweise in die Hände gefallen ist. Sie entspricht nicht dem bisherigen Schema."
Beach Killer?
Johns Augen weiteten sich kurz, als er sich endlich erinnerte, warum sämtliche Warnsignale in seinem Inneren plötzlich aufgeleuchtet hatten. „Sie meinen, Vashtu ist einem Serienmörder zum Opfer gefallen?" fragte er atemlos.
Storm zog eine Grimasse, nickte aber. „Ich schätze schon, wenn auch nicht absichtlich." Er blickte hoch, während John das Blut aus dem Gesicht wich. „Am Fundort aller bisherigen Leichen wurden Blut- wie auch Schleifspuren gefunden. Und das Blut stammt ganz eindeutig von Colonel Uruhk. Wie ich das sehe, ist sie auf irgendetwas aufmerksam geworden. Vielleicht Licht, immerhin sagten Sie ja, daß es schon dunkel gewesen sei, als sie zum Joggen gegangen ist. Jedenfalls hat der Kerl sie überrumpelt. Ich schätze, er hat sie niedergeschlagen, denn im Moment kann ich mir die Blutspuren nicht anders erklären. Colonel Uruhk war noch nie jemand, der schnell aufgegeben hat und sich ohne weiteres gefangennehmen ließ. Das weiß ich noch aus der Zeit, als der Trust hinter ihr her war."
„Das ist schon richtig. Aber sie hat einen Teil ihrer Superkräfte verloren, das sollten wir nicht vergessen", warnte John. „Sie ist längst nicht mehr so stark wie früher. Das war der Preis, den sie für Jordan zahlen mußte."
„Ihre Heilkräfte sind aber noch auf dem gleichen Stand wie ehedem, zumindest, solange sie genug Nahrung erhält. Und sie hatte ja wohl gut gegessen in der letzten Zeit."
„Einigen wir uns darauf, daß der Killer den Colonel wahrscheinlich irgendwie außer Gefecht gesetzt und mitgenommen hat", mischte O'Neill sich in den beginnenden Streit. „Die Frage ist wohin? Da Vashtu ihren Chip noch nicht hat austauschen lassen können wir sie nicht orten. Wir brauchen also irgendeinen anderen Anhaltspunkt."
Storm lehnte sich zurück, den Mund unwillig zusammengekniffen. „Ich weiß es nicht", gab er schließlich zu. „Die Reifenspuren, die wir - und sehr wahrscheinlich auch die Polizei - gefunden haben, weisen auf ein geländegängiges Fahrzeug hin, aber einen Wagen dieser Sorte besitzt hier wenigstens jeder dritte. Das einzige, was vielleicht hilft, ist ein winziges Fragment, das wir an der Stelle gefunden haben, an der der Wagen auf die asphaltierte Straße zurückkehrte: winzige Pflanzenspuren, wie sie in Miami nicht vorkommen."
John blätterte durch die Akte, bis er die Stelle gefunden hatte, von der Storm sprach.
Hatte die Polizei das übersehen oder ihnen vielleicht sogar einen falschen Hinweis hinterlassen? Nach seinen Erfahrungen mit Spurensichereren waren die mehr als gründlich.
„Analyse?" fragte Makepiece einsilbig.
„Bisher arbeitet man noch daran im Labor. Nichts außergewöhnliches für die Gegend im allgemeinen. Nur kommt das Zeug eben nicht am Strand vor."
„Was hat Vashtu überhaupt dazu getrieben, mitten in der Nacht joggen zu gehen?" wandte O'Neill sich plötzlich an John.
Der zuckte zusammen, kniff dann die Lippen aufeinander. „Sie hatte sich aufgeregt und wollte sich ein bißchen abreagieren", antwortete er ausweichend.
„Jordan sagte, sie hätte geweint, als sie zurückgekommen sei zum Ferienhaus", wandte Makepiece ein.
John zögerte, nickte dann aber. Es hatte keinen Sinn, das ganze abzuleugnen. „Vashtu hatte einen Streit", antwortete er. „Streit mit meinem Bruder."
Storm richtete sich unvermittelt kerzengerade auf. „Ihrem Bruder?"
O'Neill grinste, wurde dann aber wieder ernst. „Trauen Sie ihm soetwas zu? Immerhin ist die Firma ihrer Familie dafür bekannt, daß sie nicht gerade Samthandschuhe anzieht ..."
„Das würde Dave nicht tun, nein", antwortete John sofort nachdrücklich. „Er ist ein knallharter Geschäftsmann und hat wohl auch Gefallen daran gefunden, Unfrieden zwischen Vashtu und mir zu säen. Aber er würde sie nicht entführen lassen. Warum denn überhaupt? Er will, daß sie für ihn arbeitet und eine der Firmen leitet, die er aufgekauft hat. Er würde sich ins eigene Fleisch schneiden, würde er soetwas wagen."
„Er könnte allerdings auch dahinter gekommen sein, daß Colonel Uruhk nicht unbedingt das ist, was unsereins als handelsüblichen Menschen betrachtet", warf Storm ein.
John schüttelte wieder den Kopf. „Er hat immer noch ein Gewissen. Außerdem habe ich mit ihm gesprochen, in der gleichen Nacht noch ..." Wieder zögerte er, als ihm aufging, WAS Vashtu getan hatte, nachdem Dave sie provozierte. Aber er konnte sich nicht vorstellen, daß sein Bruder soetwas tun würde. Dave sehnte sich ebenso wie er nach einer intakten Familie. Wenn er jetzt einen Keil zwischen ihn und Vashtu treiben wollte, war das seine Art, mit der Eifersucht auf den eigenständigen Bruder umzugehen.
„Sie waren noch nicht ganz fertig?" bemerkte O'Neill lauernd.
John malte mit einem Finger ein Muster auf die Seite der Akte, die er gerade aufgeschlagen hatte. „Dave hatte Vashtu solange provoziert, bis sie ... er meinte, ihre Augen hätten sich plötzlich verändert."
O'Neill seufzte. „Der altbekannte Augentrick ... irgendwann mußte er ja mal nach hinten losgehen", bemerkte er kopfschüttelnd.
„Und das ist für Sie kein Grund, Ihren Bruder in die engere Wahl zu nehmen?" staunte Storm.
„Dave ist kein Killer!" John blitzte den MP wütend an. „Man kann meinem Bruder eine Menge nachsagen, aber an irgendeinem Punkt setzt sein Gewissen ein. Und, wie gesagt, hat er Pläne mit Vashtu. Er ist nicht so starrköpfig, daß er sie entführt oder entführen läßt."
„Also schön, setzen wir Dave Sheppard erst einmal nach unten auf unsere Liste", seufzte O'Neill. „Aber streichen können wir ihn vorerst nicht, tut mir leid."
John verzog den Mund, nickte aber und konzentrierte sich auf die Akte, besser auf die Seite, die er aufgeschlagen hatte.
„Jordan meinte, Vashtu habe Schmerzen gehabt", murmelte er nach einer kleinen Weile, während seine Augen ziellos den Absätzen folgten, ohne daß sein Hirn auch nur eine der Informationen speichern konnte.
„Und Sie? Haben Sie das auch gespürt?" erkundigte O'Neill sich.
„Ich habe geschlafen." John blickte auf und fühlte wieder diesen tiefen Schmerz in sich, wie in der Nacht als Jordan ihm geweckt hatte. „Ich weiß, daß sie noch lebt. Aber das ist auch alles." Er zögerte und runzelte die Stirn. „Allerdings weiß ich, daß Vashtu mich auch blocken kann. Sie hat das schon öfter getan, vornehmlich, wenn sie in Schwierigkeiten steckte ..."
„Die Sache mit dem Devi?" O'Neills Stimme klang mitleidig.
John nickte.
Das würde er nicht vergessen, niemals! Er hatte zusammen mit seinem und Vashtus Team verzweifelt gesucht, sicher, daß ihr etwas zugestoßen war. Damals hatte er auch nicht mehr gefühlt als jetzt. Er hatte gewußt, daß sie am Leben war, aber das war auch alles. Selbst Jordan, ging ihm auf, hatte nicht mehr wahrnehmen können. Erst als sie die Antikerin gefunden hatten, noch in den Armen des Devi, der wer-wußte-schon-was mit ihr getan hatte, war ihm klar geworden, wie knapp das ganze wirklich gewesen war. „Hank", so hatte Vashtu den Devi später getauft, hatte sie gerettet mit einer besonderen Kraft, die der Hybridrasse eigen war. Seitdem waren auch die beiden auf irgendeine eigenartige Art und Weise verbunden miteinander und ihnen war sogar gelungen, was niemand für möglich gehalten hatte: Einen Waffenstillstand zwischen Menschen und Devi auf der Vineta-Seite des Medusenhauptes auszuhandeln.
„Nur haben wir definitiv kein Sicherheitsleck in der Milchstraße", warf Storm ein. „Kein Devi mehr hier."
John zwang sich, sich zu konzentrieren. Stirnrunzelnd blätterte er durch die Akte, bis er fand, was er suchte: Die vorläufige Analyse des organischen Materials, das Storms Leute gefunden hatten.
„Kieselalgen?" Er stutzte und blickte auf.
„John?" Makepiece beugte sich vor. „Stimmt etwas nicht?"
„Ihr habt Kieselalgen gefunden?" wiederholte John, ohne auf die Frage des Schiffskommandanten einzugehen.
Storm nickte. „Ich sagte doch, wir hätten Spuren gefunden, die nicht zum Strand passen."
„Stimmt etwas damit nicht?" fragte O'Neill.
John strengte sich an.
Da war etwas. Vashtu hatte es ihm einmal erzählt. Es hing mit den Kieselalgen zusammen, und mit ihrer Arbeit.
Nein, ging ihm auf, die Antikerin hatte nicht direkt von Kieselalgen gesprochen, aber von einem Ort, an dem sie vorkommen konnten.
„Die Everglades!" Mit großen Augen starrte er Storm an.
„Hä?" machte der verständnislos.
O'Neill beugte sich vor. „Was ist damit?" fragte er.
Endlich begann das ganze zumindest ansatzweise einen Sinn zu ergeben.
John klopfte mit einem Finger auf die Algenanalyse. „Dave hat eine Firma gekauft, deren Leitung er Vashtu zugedacht hat. Die bisherigen Eigentümer betreiben neben einem Labor in Miami eine Klinik ... und zwar draußen in den Everglades! Und in den Everglades gibt es Kieselalgen, zumindest im Süßwassergebiet der Sümpfe."
Storm starrte ihn immer noch verblüfft an, wußte offensichtlich kein Wort darauf zu wechseln.
„Das dürfte ja relativ einfach werden", bemerkte O'Neill. „Dennoch bleibt die Frage, warum sollten offenbar angesehene Genetiker plötzlich zu Serienkillern werden? Das ergibt doch keinen Sinn!"
„Über Jack the Ripper kursiert auch immer noch das Gerücht, es sei ein Mitglied der königlichen Familie gewesen", entgegnete John trocken, klopfte wieder mit dem Finger auf die Analyse. „Kieselalgen, das hat Vashtu mir einmal erklärt, haben ganz spezifische Eigenschaften, je nachdem, wo sie vorkommen. Daher kann man sie sehr gut identifizieren. Wir müssen also nur noch herausfinden, welches Gewässer innerhalb der Everglades diese speziellen Algen enthält, das ganze mit möglichen Kliniken abgleichen und wir haben die Verdächtigen."
Plötzlich fühlte er eine gewisse Hochstimmung in sich. Vielleicht hatte er ja wirklich den Fall gelöst. Er hoffte es zumindest.
Makepieces Funkgerät meldete sich, woraufhin der sich abwandte, um das Gespräch in Ruhe zu führen.
„Hört sich bis hierher stimmig an", bemerkte Ellis am Bildschirm.
O'Neill hatte die Lippen geschürzt und dachte offensichtlich nach.
„Wenn Colonel Uruhk tatsächlich in dieser Klinik ist, wo auch immer die sein mag, wie holen wir sie da heraus, ohne Aufsehen zu erregen?" bemerkte Storm. „Privatkliniken haben meist das eine oder andere Problem: Sie sind zu gut ausgestattet, sicherheitstechnisch gesehen."
„Wir sollten erst einmal nachprüfen, ob das wirklich eine Möglichkeit ist, der wir nachgehen sollten", mahnte O'Neill an. „Wie lange dauerte es bis jetzt immer mit dem Auffinden der Leichen?"
„Etwa eine Woche, zwischen fünf und sieben Tagen", antwortete Storm sofort. „Nur die letzte, eine gewisse Julie Bryant, war wohl erst seit drei Tagen verschwunden, zumindest wurde eine vorläufige Anzeige drei Tage vor dem Auffinden ihrer Leiche gestellt."
„Wir haben ein Problem mit den Asgard-Transportern", meldete Makepiece in diesem Moment und wandte sich an Ellis: „Colonel, Sie sollten Ihre auch kontrollieren. Wie es aussieht, sind das die ersten Ausläufer eines großen Sonnensturmes. Und das bedeutet, wollen Sie wieder auf die Erde zurück, müssen Sie das mit 302ern tun, Sir. Die Transporter sind bis auf weiteres außer Betrieb gesetzt."
John betete im Stillen, daß sie noch rechtzeitig kommen würden, um Vashtu zu retten. Er war sich sicher, sie würden sie dort finden, in dieser namenlosen Privatklinik, die von Genelab betrieben wurde ...

***

Mike schloß so leise wie möglich die Tür hinter sich und seufzte.
Endlich!
Die letzten Tage hatte er erst damit verbracht, sich mit dem Gebäudekomplex vertraut zu machen, ehe er dann dazu überging, gezielt Zimmer 113 in Angriff zu nehmen. Etwas, was sich allerdings als einiges schwieriger erwiesen hatte als er zunächst annahm. Erst einmal lag Zimmer 113 in einem abgelegenen Seitenflügel, in den sich kaum je jemand verirrte, dann war der Raum durch Kameras abgesichert, von denen Julie ihm nie etwas erzählt hatte. Und schließlich und endlich hatten die letzten zwei Tage zwei Typen quasi Vierundzwanzig-Stunden-Schichten geschoben und den Raum so gut wie nie verlassen. Tatsächlich hatte sich erst jetzt die Möglichkeit geboten, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Mike drückte einen Moment lang seine Stirn gegen die kühle Tür und betete, daß er Julie halbwegs unversehrt finden würde, sobald er sich umdrehte und die Augen öffnete. Was auch immer er ihr früher angetan hatte, sie war immer zu ihm zurückgekommen - und irgendwann einmal war ihm aufgegangen, daß sie ihn liebte, und daß er sie dafür liebte, daß sie all das auf sich nahm, trotz seiner Aggression.
Ein regelmäßiges Piepen durchbrach seine Gedanken, gefolgt von einem ebenso regelmäßigen pumpenden Geräusch.
Er hatte zu Anfang mit dem Personal gesprochen, um vielleicht etwas herauszufinden. Aber keine der Pflege- oder Reinigungskräfte wußte, was sich hinter der Tür von Zimmer 113 verbarg. Es gab wilde Gerüchte. Spekulationen über Forschungen an verbotenen Virenstämmen, mittels Gentechnik gezüchtete Mutanten oder einfach nur einem Spleen der beiden Gesellschafter. Letztendlich aber wußte niemand, WAS sich genau hinter der Tür verbarg.
Und nun war er endlich soweit vorgedrungen, in der Hoffnung, Julie wiederzufinden, sie zu retten und ihr einmal zeigen zu können, daß ihre Anstrengungen, trotz der Gewalt bei ihm zu bleiben, nicht ganz vergebens waren.
Mike zögerte noch einen Atemzug, doch er wußte, er hatte nicht viel Zeit. Bald würde einer der beiden Herren Doktoren zurückkehren, und bis dahin mußte er erledigt haben, was er erledigen wollte.
Er drehte sich um und öffnete die Augen ... und bitter enttäuscht zu werden.
Ein einsames Bett stand an der Wand. Und in diesem Bett lag eine Gestalt. Eine Frau, soviel wurde ihm klar angesichts des, durch das Laken nur angedeuteten Körperbaus. Aber diese Frau war kleiner und schmaler als Julie, und sie hatte die falsche Haarfarbe: schwarz.
Die Fremde wand sich, ein unterdrückter Laut drang aus ihrer Kehle, wie auch immer ihr das gelungen war, denn ihr steckte offensichtlich ein Tubus in der Luftröhre.
Mike ging auf, daß die Frau sich wehrte, sie wand sich auf dem Bett, hatte den Kopf gehoben, soweit ihr das möglich war und versuchte offenbar allein mit den Augen mit ihm zu kommunizieren. Dunkelbraune Augen.
Er zögerte. Er wollte sich hier nicht in irgendeine notwendige Behandlung einmischen, die dieser Fremden vielleicht das Leben kosten konnte. Andererseits aber wußte sie vielleicht etwas von Julie und konnte ihm weiterhelfen.
Mit einem lauten Ratschen gab der erste Gurt nach, eine Hand der Fremden tauchte unter dem Laken auf, tastete sofort nach dem Beatmungsschlauch.
„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das tun sollten ..." wandte Mike sich an sie. Als Antwort erntete er einen ungeduldigen Blick, während sie weiter versuchte, sich die Maske, die den Beatmungsschlauch fixierte, abzunehmen. Irgendwie schien sie ihm bekannt, wenn er auch nicht recht sagen konnte, woher.
Krank sah sie eigentlich nicht aus ...
Mike gab sich endlich einen Ruck und trat an das Bett. „Wir haben leider nicht viel Zeit", sagte er, schlug das Laken zur Seite und öffnete den zweiten Gurt. Das Handgelenk, das darunter zum Vorschein kam, war blutig gescheuert.
Mit beiden Händen gelang es der Fremden endlich, die Maske zu lösen, während sie es ihm überließ, auch ihre Knöchel aus den Fixierungsfesseln zu befreien. Sie rollte sich, so gut es ging, zur Seite und zog an dem Schlauch in ihrem Hals.
Mike wandte sich ab und öffnete die restlichen Gurte, während er dem röchelnden Husten lauschte, das sie ausstieß, als sie sich den Tubus selbst zog. Er biß sich auf die Lippen und blickte wieder hoch, während sie sich keuchend vornüberlehnte und einfach nur atmete.
„Kennen Sie vielleicht Julie? Wissen Sie, was mit ihr passiert ist?" platzte es plötzlich aus ihm heraus.
Die Fremde schluckte sichtbar, drehte dann langsam den Kopf und sah ihn an. „John ... ?" flüsterte sie heiser.

***

„Es ist die DNA dieser Lt. Colonel Uruhk." Mit diesen Worten betrat Calleigh den Raum, ließ eine Akte auf den polierten Tisch fallen und stieß diese an, bis sie hinüber zu Horacio rutschte. Der nahm sie und begann sofort begierig zu blättern.
„Wie dieser eigenartige dritte Genstrang in die Probe gelangen konnte, weiß ich zwar immer noch nicht, aber es ist ihr Blut. Ich habe es mit den Eintragungen in den zugänglichen Teil ihrer Akte verglichen", fuhr die blonde Tatortermittlerin fort und kreuzte angriffslustig die Arme vor der Brust.
„Und unser Freund Sheridan ist verschwunden." Horacios Stimme klang dumpf, aber auch ein wenig triumphierend.
Calleigh runzelte die Stirn. „Die Kugel, mit der Miss Bryant getötet wurde, stammt aus einer 25er Automatik. Eine typische Damenwaffe für die Handtasche und bisher nicht aktenkundig. Sie wurde bisher noch nicht verwendet."
Horacio blickte auf. „25er werden nicht mehr hergestellt. Sie gehen zu leicht los", bemerkte er.
Calleigh nickte. „Und diese hier stammt definitiv nicht aus den USA, sonst hätten wir sie in der Kartei."
„Wie hat es zu dieser Verunreinigung der DNS kommen können?" kehrte Caine zum ersten Thema zurück.
„Das weiß ich nicht. Und ich mag es auch nicht, wenn du dich in meine Fälle einmischt, Horacio." Calleigh hob stolz das Kinn. „Du hast dich in eine Sache verrannt, und das nicht zum ersten Mal. Der Beach Killer wurde mir von dir zugeteilt, wenn ich dich daran erinnern darf. Und ich lasse es nicht zu, daß du meine Nachforschungen torpedierst."
Horacio las weiter wie unbeteiligt die Akte. „Sonst noch irgendeine Spur?" fragte er nach einer unendlich erscheinenden Zeit des Schweigens.
„Hast du mir überhaupt zugehört?" Calleigh riß die Augen auf und beugte sich leicht vor.
Horacio sah endlich auf. Sein Gesicht blieb ausdruckslos wie das eines Pokerspielers. „Ich habe dir zugehört. Aber ich werde mich jetzt nicht aus den Ermittlungen zurückziehen. Wir haben im Moment ein bißchen Luft. Was ist mit diesen Pflanzenspuren, die ihr in den Reifenabdrücken gefunden habt?"
Calleigh japste einmal kurz nach Luft, dann starrte sie ihren Vorgesetzten herausfordernd an. „Kieselalgen", antwortete sie einsilbig.
„Kontrolliert ihr bereits, woher sie stammen könnten?"
„Everglades, im Reservat."
Horacio Caine hob den Kopf, ein kühles Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Interessant ..."
„Halt dich da heraus, ich warne dich zum letzten Mal." Calleigh richtete sich wieder auf, ließ die Arme jetzt aber locker an den Seiten ihres Körpers hängen.
„Sheridan ist als Täter draußen. Der macht sich fast in die Hose, wenn er in die Sümpfe soll." Wieder erschien dieses kalte Lächeln auf seinen Lippen. „Aber da war doch diese Konferenz, an der unser verschwundener Colonel teilgenommen hat ..."
„Das Genetiker-Treffen im Tagungszentrum, ich weiß."
„Vielleicht sollten wir uns da ein bißchen umhören. Ist nur so ein Gefühl, aber vielleicht ... Da draußen, in der Nähe des Casinos, stand doch das alte Tropenzentrum lange leer. Da ist doch letztes Jahr eine dieser Gen-Firmen eingezogen."
„Genelab. Ich habe Aktien von ihnen", antwortete Calleigh unwillig. „Was hast du vor?"
„Ich möchte mich nur erkundigen, ob Colonel Uruhk vielleicht irgendeine Verbindung zu Genelab hat und seit wann sie sich in Florida aufhält. Möglicherweise hat sie nur eine falsche Spur gelegt ..."
Calleigh fühlte sich wieder einmal überrumpelt, doch zumindest im Ansatz hatte Caine recht: Es gab da draußen, mitten im Sumpf, eine Klinik, und die wurde von Genelab betrieben, angeblich für weitere Forschungen, die man eben in Miami nicht durchführen konnte.
„Und noch eine interessante Tatsache", fuhr Horacio fort, „Julie Bryant war Krankenschwester."
„Ich werde das überprüfen." Calleigh zögerte, dann drehte sie sich aber doch um und verließ den Raum wieder, wenn auch mit deutlich gemischten Gefühlen.

***

Sie war wie willenlos hinter ihm hergestolpert, wenn sie auch nicht recht wußte warum. Ihr war eigentlich recht schnell klar gewesen, daß er nicht John war ... wobei sich die Frage stellte, WER John war. Spätestens als sein Handabdruck auf ihrer Wange prankte hatte sie gewußt, daß er nicht der war, für den sie ihn zunächst gehalten hatte.
Aber ... welche andere Wahl hatte sie? Wäre sie in dem Zimmer geblieben, wären diese beiden Schreckgespenster mit ihren Nadeln und Tupfern wieder gekommen und hätten, während sie sie damit drangsalierten, irgendwelches wirre Zeug geredet, mit dem sie nicht wirklich etwas anfangen konnte.
Sie hatte Schmerzen. In unregelmäßigen Abständen schien sich ihr Innerstes nach außen kehren zu wollen. Ihre Hände zitterten und kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn.
Diese Symptome sollten ihr bekannt sein, ging ihr auf, während sie ihm über eine Treppe nach unten folgte, sie sollte wissen, was mit ihr geschah und warum es so schnell ging. Andererseits ...
Sie strengte sich an, doch die Mauer in ihrem Kopf war immer noch da. Nichts ergab wirklich einen Sinn. Immer wieder blitzten plötzlich Gesichter, Orte, Handlungen auf, die sie aber nicht wirklich zusammenfügen konnte.
Die enge Treppe endete in einem düsteren, dreckigen Raum, der nach draußen in einen Kanal öffnete. Wasser schwappte träge und brackig gegen eine Betonkante. Und auf den wie ölig schimmernden Wellen schwamm ein eigenartiges Ding.
„Was ist das?" fragte sie leise, kreuzte wie haltsuchend die Arme vor der Brust.
„Ein Sumpfboot. Mann, was für eine Krücke bist du denn?" Die anfängliche Freundlichkeit des Mannes war momentan vollkommen verflogen.
Sie hielt es für besser, wenn sie ihn erst einmal nicht weiter behelligte, trat vorsichtig an die Kante heran und starrte in die Brühe hinunter.
Sie hatte Durst. Noch im Krankenzimmer hatte sie die ganze Karaffe Wasser leer getrunken, die auf einem der Labortische gestanden hatte. Aber viel brachte das nicht. Ihr Hals kratzte immer noch. Sie war sich auch ziemlich sicher, daß der Tubus nur einen gewissen Anteil an ihrem jetzigen Zustand hatte.
Langsam hockte sie sich hin, starrte auf ihr verschwommenes Spiegelbild hinunter. Was sie sah waren wenig mehr als immer wieder auseinanderbrechende Umrisse, doch plötzlich schien das Bild sich zu überlagern.

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Sie trat aus der Dusche hervor und griff sich ein Handtuch. Im Spiegel gegenüber waren wenig mehr als ihre Umrisse wahrnehmbar.
„Bist du soweit?" fragte eine Stimme von außerhalb des Raumes, ein leises Klopfen an der metallenen Tür. „O'Neill möchte anfangen, also beeil dich."
„Bin schon unterwegs", antwortete sie unternehmungslustig.
Heute war der Tag - heute war ihr Tag! Heute würde sie endlich den Lohn für all die Jahre Kampf, Schmerz und Angst erhalten. Heute war der Tag ihrer Beförderung ...
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Sie blinzelte.
Beförderung? Was für eine Beförderung? Wer war O'Neill?
Auf der Suche nach Antworten beugte sie sich weiter über die Kante, fühlte sich dann aber plötzlich unsanft zurückgerissen.
„Bist du lebensmüde?" herrschte er, der nicht John war, sie an. „In diesem Wasser da schwimmt alles mögliche giftige Zeug herum. Bakterien, fiese kleine Biester ... Möbiuse oder so."
„Amöben", kam die Antwort wie aufs Stichwort von ihr. Ungläubig riß sie daraufhin die Augen auf.
Woher wußte sie, was in diesem Wasser war? Wieso ... ?
Sein Blick fiel auf ihre Hände. Mit einer hilflosen Geste wandte er sich ab. „Oh Mann, ich hab mir einen Junkie aufgehalst!" stöhnte er.

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Marc Boyer beugte sich wie ein lauerndes Raubtier über sie. „Sie sind auf turkey, Major!" Seine Stimme klang vorwurfsvoll.
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Major, war sie das?
Sie fühlte hilflose Wut in sich und richtete sich wieder auf. „Ich bin kein Junkie!" herrschte sie ihn an.
Ein Dienstgrad kam ihr in den Sinn: Colonel.
Sie stolperte einen Schritt zurück und hielt sich mit beiden Händen die Schläfen, als könnten diese gleich von ihrem Schädel springen.
„Scheiße, wenn ich sage, daß du ein verdammter Junkie bist, dann bist du das", herrschte er sie an. „Sieh dich doch an! Du bist doch schon ganz grün! Und wegen sowas wie dir riskiere ich meinen Hals! Du weißt doch nicht einmal, wo Julie ist."

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„Sie haben sich ... verändert." Marc Boyer stand vor den Gittern und sah sie an.
Sie fühlte eine unbändige Wut in sich keimen und mußte einen wütenden Schrei unterdrücken. Hilflos ballte sie die Hände zu Fäusten, starrte auf ihre Arme hinunter. Deren Haut war fahl, leicht grünlich. Und in ihrer rechten Handfläche ...
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Ungläubig starrte sie auf ihre bloßen Arme hinunter, drehte dann langsam die rechte Hand, so daß sie deren Innenfläche betrachten konnte. Ein feiner Schmerz zuckte durch die Mitte, die Haut dort war leicht gerötet, während sie ansonsten ... einen leichten, grünlichen Schimmer hatte.
„Es beginnt ..." flüsterte sie, wußte selbst nicht genau, WAS begann. Aber sie fühlte, wie sie sich veränderte, wie da etwas an ihrem Bewußtsein kratzte, was sie nicht loslassen wollte.
Mit einem Ruck erhob sie sich wieder.
Irgendetwas mußte sie tun, irgendwie mußte sie aufhalten, was sich da in Gang gesetzt hatte.
„Und was jetzt?" Er klang hämisch.
Sie schluckte, drehte sich zur Treppe um und zögerte.
Nein, sie konnte nicht mehr zurück. Sie fühlte, was da oben geschehen war, war ohne ihre Einwilligung geschehen. Irgendetwas war vorher passiert. Irgendetwas, woran sie sich nicht mehr erinnerte. Verdammt! Sie wußte nicht einmal mehr ihren Namen.
Namen!
Sie drehte sich zu ihm herum. „Wie heißen Sie?"
Er sah aus wie John, nur wußte sie nicht wirklich, wer John war. Sie wußte nur, sie vertraute John. Er und sie ... und da war noch etwas.

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Große, braune Augen unter einem wirren, schwarzen Haarschopf sahen sie mitleidheischend an. Der kleine Mund zitterte, während sich die Arme ausstreckten.
„Mummy!"
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„Jordan ..."
„Was? Nein, ich heiße nicht Jordan. Damit du's weißt, ich bin Mike, Mike Sheridan. Merk dir das gut!"
Sie schüttelte den Kopf, preßte vor Anstrengung die Augen zusammen. „Jordan ist ... meine Tochter", sagte sie dann endlich. Unwillkürlich stieg ein Triumphgefühl in ihr auf.
Sie erinnerte sich! Sie erinnerte sich an ihr Kind!
Mike schien nach ihren letzten Worten wie erstarrt zu sein. Dann sog er scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. „Scheiße! Ich wußte doch, daß du mir bekannt vorkommst!"
Sie sah ihn an. Und wieder war da dieses Gefühl und der Name John wisperte in ihrem Geist.
Jordan und John, da war irgendetwas.
„Oh Mist!" Mike schlug mit der Faust auf die Luft ein und wandte sich ab. „Der Alptraum ist Realität!"
„Welcher Alptraum?" fragte sie.
Er drehte sich halb zu ihr um und musterte sie. „Wash, Ash, irgendwie so hat er dich genannt. Ist irgendetwas davon dein Name?"

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John beugte sich über sie, während seine Arme sie fest und sicher hielten. In seinen Augen stand Liebe zu lesen. Liebe für sie.
„Vash ..."
Ihre Lippen berührten sich zärtlich.
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„Ich ... ich weiß es nicht", gestand sie endlich und erntete einen ungläubigen Blick. Hilflos zog sie die Schultern hoch. „Ich kann mich nicht erinnern."
Mikes Kiefer mahlten, während er sie weiter musterte. Dann nickte er. „Okay, ich hab euch einmal beobachtet vor ein paar Tagen. Da war dieses Kind, du hast mit ihm gespielt. Dann war da noch ein junger Mann mit Brille und ... dieser ... Verdammt! Der Typ sah aus wie ich! Ich hab's für einen Alptraum gehalten ..."
Sie nickte. „Wo war das?"
Mike schüttelte ungläubig den Kopf. „Hälst du das für normal? Hallo! Dein Stecher sieht aus wie ich!"

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Sie sah Janus noch einen Moment lang mißtrauisch an, dann trat sie endlich an die Stasiskammer heran und senkte den Blick - um zu fühlen, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.
„John!"
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„Das ist schon einmal passiert." Sie schüttelte über sich selbst den Kopf.
Mike hatte recht, ging ihr auf. Sie sollte normalerweise viel aufgebrachter sein über das, was geschehen war. Aber ...
Ein schriller Ton dröhnte die Treppe hinunter.
„Was ist das?" fragte sie, den Kopf in den Nacken gelegt.
„Der Alarm. Mist, die haben gemerkt, daß du weg bist."
Sie trat näher an die Treppe heran und lauschte. Dann drehte sie sich herum. „Es kommt jemand."
Mike starrte sie an. „Red keinen Blödsinn, Schlampe! Ich hab mich hier die letzten zwei Tage versteckt. Hier kommt keiner runter!"
Doch dann erstarrte auch er, als er endlich die hastigen Schritte hörte und das Licht in der schmalen Treppenflucht aufleuchtete.
„Das Boot, schnell!" Sie griff nach ihm und zerrte ihn mit sich zu diesem eigentümlichen Wassergefährt hinüber.
Diese Männer durften sie nicht wieder einfangen, das war ihr schlagartig klar geworden. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht, aber nicht so, wie Mike es vielleicht glaubte.
Sie schwang sich auf den Hochsitz, der auf dem flachen Rumpf befestigt war, fand den Hebel für die Treibstoffzufuhr wie blind, drückte dann einen grünen Knopf.
Mit einem lauten Rattern und Stottern erwachte das eigenartige Wasserfahrzeug zum Leben, gerade als Mike das Seil, mit dem das Boot festgemacht gewesen war, gelöst hatte und seinerseits hineinkletterte.
„Hinsetzen!" befahl sie scharf, nachdem sie begriffen hatte, wie die Steuerung funktionierte. Irgendwie erinnerte das ganze sie an ein Leichtflugzeug, wie sie es einmal in einem Urlaub geflogen hatte.
Keine Erinnerungen jetzt, rief sie sich zur Ordnung und ließ das Boot auf das brackige Wasser hinausfahren.
Keine Sekunde zu früh, denn über den Krach des Motors und des Propellers hinweg hörte sie das dumpfe Bellen zweier Pistolen und duckte sich unwillkürlich.
„Ich komme zurück, Jordan, John ..." flüsterte sie, auch wenn ihre Stimme vom Lärm des Fahrzeugs komplett geschluckt wurde.

TBC ...

09.08.2009

Der Jungbrunnen IV

„Daddy, wo ist Mummy?"
John grummelte unwillig, wollte sich auf die andere Seite drehen und weiterschlafen. Doch irgendwie ging ihm dabei das Bett aus, und das Rütteln zweier kleiner Hände wurde nicht besser dadurch, daß er fast herunterfiel von dem, auf dem er lag.
„Daddy!"
Endlich erkannte er, daß er auf dem Sofa lag, öffnete blinzelnd ein Auge, dann das zweite. Ein kleines, rundes Kindergesicht mit einer vorlauten Stupsnase und großen, dunkelbraunen Augen unter einer wuseligen Mähne schwarzen Haares tauchte in seinem Gesichtsfeld auf.
„Jordan ..."
Er kam zu sich, stöhnte leise auf und verbarg sein Gesicht hinter den Händen.
„Daddy, wo ist Mummy?" fragte das Kleine wieder.
John streckte sich, so gut das möglich war und gähnte einmal. „Mummy wollte noch ein bißchen Laufen", antwortete er endlich und rappelte sich auf die Ellenbogen. „Sie wollte in einer Stunde ..." Sein Blick fiel auf seine Uhr und augenblicklich verstummte er.
Daß Vashtu hatte für eine Stunde joggen wollen, um einen klaren Kopf zu kriegen, war mittlerweile drei Stunden her. Er war auf dem Sofa eingeschlafen und hatte es sogar versäumt, Jordan ins Bett zu bringen.
„Daddy, bitte, wo ist Mummy?" behaarte das Kleine. Erste Tränen glänzten in den großen Augen, als er aufblickte.
Nicht das jetzt auch noch!
John umarmte das Kleine und drückte es liebevoll an sich, während in seinem Hirn sämtliche Gedanken durcheinander ratterten, um zu einem Ergebnis zu kommen.
Vashtu war wegen der Sache mit Dave sehr aufgeregt gewesen, außerdem war Babbis noch auf der Erde. Vielleicht hatte man die Antikerin schlicht kontaktiert, um kurz im SGC oder in der AREA 51 das richtige Werkzeug zur Lösung des Problems mit der Werft zu suchen und den Umgang damit zu erklären.
Dann hätte sie sich wie auch immer bei ihnen gemeldet, ging ihm auf. Wenn es um ihre Familie ging, machte Vashtu keine Fehler, vor allem nicht, wenn es um solche Dinge ging. Sie wußte, daß er sich Sorgen machte, blieb sie weg. Außerdem waren diese gemeinsamen Urlaube etwas so besonderes und seltenes, daß sie beide sämtliche Störfaktoren so schnell wie möglich ausmerzten, da ging es ihm nicht anders.
War Vashtu vielleicht zu Dave gegangen, um noch einmal mit ihm zu sprechen? Immerhin war sie sehr in Sorge gewesen, als sie zum Joggen ging. Andererseits aber war er sich nicht sicher, ob sie überhaupt wußte, wo Dave abgestiegen war für seinen Aufenthalt in Miami. Er jedenfalls hatte nichts darüber gesagt, da war er sicher.
„Daddy, Mummy ist etwas geschehen", schluchzte Jordan an seiner Brust.
Hoffentlich doch nicht! Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Wieso denn auch? Hier gab es keine wie auch immer geartete Bedrohung.
Irgendwo in seinem Hinterkopf schrillte eine Alarmglocke. Das war so nicht ganz richtig. In den letzten Tagen hatte er am Rande irgendetwas registriert, da war er sicher.
„Mummy ist Laufen gegangen und hat wahrscheinlich die Zeit vergessen", beruhigte er das Kind und wiegte es sacht hin und her.
Jordan schüttelte stumm und weinend den Kopf, daß die Haare Johns Kehle kitzelten.
Er versuchte in sich hineinzuspüren, doch da war nichts. Er fühlte das emotionale Band, aber keine Empfindung. Vashtu lebte also noch, aber mehr konnte er im Moment nicht sagen.
„Weißt du was? Wir fragen jetzt einfach beide bei der Nemesis nach, ob die wissen, wo Mummy ist, okay?" fragte er sanft.
Jordan hob den Kopf und schniefte, nickte aber nach einer kleinen Weile. „Okay, Daddy."
Er schob sich auf dem Sofa, das Kind noch immer im Arm, zur anderen Seite und öffnete das Schubfach des kleinen Unterschrankes, auf dem dekorativ eine Schirmlampe stand. Ein bißchen mußte er mit den Fingern tasten, ehe er gefunden hatte, wonach er suchte: einen der handlichen antikischen Kommunikatoren, die sich eingebürgert hatten, seit Vineta offiziell zur zweiten großen Außenbase der Erde geworden war. Diese Geräte waren einfach leistungsstärker als die klobigeren Funkgeräte, die sie früher benutzt hatten, und sie waren unauffälliger und zuverlässiger.
Jordan kletterte auf seinen Schoß und schlang die kurzen Arme um seinen Hals, während er das Gerät, das eigentlich nur im Notfall benutzt werden sollte, aktivierte. Aber ... war das jetzt kein Notfall? Vashtu war immerhin seit zwei Stunden überfällig.
„Hier ist die Nemesis, Colonel Makepiece", meldete sich eine kleine Stimme.
John seufzte erleichtert. „Ernest, ich bin froh, daß du es bist", antwortete er. „John Sheppard hier."
„John, hat Babbis sein Waschzeug vergessen?" scherzte der Kommandant des Erdenschiffes.
„Onkel Ernie, hast du meine Mummy gesehen?" platzte es in diesem Moment aus Jordan heraus.
„Vashtu ist verschwunden?" Sofort klang Makepieces Stimme alarmiert. „Was ist passiert?"
„Wenn wir das wüßten ..." John warf Jordan einen strengen Blick zu. „Sie ist vor drei Stunden für eine Stunde laufen gegangen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihr gehört."
Makepiece schwieg. Er schwieg lange, und in jeder Sekunde schien die Zeit länger zu werden.
„Ihr Transmitter ist inaktiv", meldete der Kommandant der Nemesis sich schließlich.
John sog scharf die Luft ein und wartete.
Er wußte, was es bedeuten konnte, gab der Chip unter der Haut eines jeden Stargate-Mitarbeiters seine Arbeit auf. Die Batterie des winzigen Senders wurde durch das natürliche Herz-Kreislaufsystem des Körpers wieder aufgeladen. War ein Chip inaktiv, dann ...
„Es ist ein alter und er ist noch nicht ausgewechselt worden. Darum sollte Vashtu sich kümmern, ehe euer Urlaub vorbei ist. Hat sie wahrscheinlich vergessen in der ganzen Aufregung um diese Konferenz", erklärte Makepiece endlich.
John atmete erleichtert aus und öffnete die Augen wieder.
„Soll ich Cheyenne-Mountain informieren?" fragte Makepiece nach einer Weile.
Vielleicht hatte er sich doch verquatscht und Vashtu war zu Dave, um dem noch einmal ins Gewissen zu reden. Erschreckt genug war sie für eine solche Handlung gewesen, ging ihm auf.
„Daddy?" Jordan sah ihn groß an.
War es nicht noch ein bißchen früh, um die Kavallerie zu rufen? Vielleicht ... nein, sicher tauchte Vashtu wieder auf. Und wenn nicht ... ?
„Sollte sie bis morgen früh nicht wieder da sein, frage ich bei der Polizei nach", entschied John endlich. „Sie war sehr aufgebracht, als sie ging. Es ist heute nicht alles ... so gelaufen, wie sie es sich vorgestellt hat. Du kennst sie ja."
„Allerdings", kommentierte Makepiece trocken. „Aber ich weiß auch, daß sie Jordan niemals im Stich lassen würde. Mit ihren eigenen Worten: Eher frieren sämtliche Höllen der Erethianer ein."
Da war was dran, mußte er zugeben. Vashtu würde niemals ihr Kind irgendwo zurücklassen, selbst bei ihm nicht, kam es auf die letzte Entscheidung an. Andererseits hatte Dave sie sehr erschreckt und ...
„Wer ist noch da oben?" fragte John endlich.
„Die Apollo zum Durchchecken. Die Odyssey kommt in drei Tagen, dann sollten wir eigentlich wieder auf dem Rückweg sein, ist ja ein bißchen bis zum Medusenhaupt, selbst mit ZPM", antwortete der Kommandant.
Er würde erst noch mit Dave reden, entschied John. Und er würde auf jeden Fall bei der Polizei nachfragen. Vielleicht war doch irgendetwas passiert, von dem er nichts wußte, in diesem Fall würde das Police Department sicherlich zumindest eine Notiz vermerkt haben.
„Warten wir bis morgen früh", sagte John, fühlte sich aber gleich schuldig. Und das lag nicht nur an Jordans anklagendem Blick.

***

Aufzeichnung des Telefongespräches zu Mr. Dave Sheppards Apartment in Miami:

Mr. Francis Lovejoy (privater Mitarbeiter): Ja bitte? Mit wem spreche ich?
Colonel John Sheppard (Bruder): Ich muß auf der Stelle mit Dave reden. Also geben Sie ihn mir (im Hintergrund ist ein weinendes Kind zu hören).
Lovejoy: Ich bedaure, aber ...
John Sheppard: Ich weiß, daß er da ist. Also gehen Sie jetzt los und holen Sie meinen Bruder sofort an den Apparat. Ich will jetzt keine Ausflüchte hören.
Lovejoy: Ihren ... Bruder, Sir?
John Sheppard: David Sheppard jr. Ich muß ihn auf der Stelle sprechen.
Lovejoy: Und Sie sind ... ?
John Sheppard: Immer noch sein Bruder John. Der, über den man in der Familie nicht spricht, weil er ja das schwarze Schaf ist.
Dave Sheppard: Ist schon gut, Francis. Ich übernehme das.
Lovejoy: Ja, Sir. (Ein Klicken in der Leitung, der Teilnehmer hat aufgehängt)
John: Ist sie bei dir?
Dave: Wer?
John: Vashtu. Ist Vashtu bei dir?
Dave: Na, ist das nicht süß! Deine kleine Freak-Hure kommt nicht nach Hause und ich werde verdächtigt!
John: Vashtu ist keine Hure. (Zögern) Freak?
Dave: Ich weiß nicht, ob es in deinem Ressort üblich ist, daß Menschen plötzlich ihre Augenfarbe verändern. In meinem Geschäft ist es nicht normal.
John: (atmet tief ein) Was hast du ihr noch an den Kopf geworfen?
Dave: Deine Freundin bedroht mich und ich werde bezichtigt? John, du solltest wirklich einmal über deine Motivation nachdenken. Es ist ja schön und gut, wenn du dir von einer Schlampe ein Kind anhängen läßt, aber wenn diese Schlampe nicht einmal wirklich menschlich ist, dann solltest du doch einmal mit dem Kopf denken.
John: Vashtu tut soetwas nur, wenn sie gereizt wird. Und als sie nach Hause kam WAR sie sehr gereizt. Sie sagte, du wolltest ihr Jordan und ihren Titel wegnehmen. Also rede dich jetzt nicht heraus!
Dave: Wieso sollte ich ihr etwas wegnehmen, das nicht einmal nachweisbar ist. Oder kennst du ihre Doktorarbeit? Offen einsehbar ist sie jedenfalls nicht.
John: Ich kenne ihre Arbeit, da hast du verdammt recht, ich kenne sie sogar sehr gut.
Dave: Dann darf ich davon ausgehen, daß du diesen kleinen Augentrick auch kennst?
John: Ich habe dir bereits gesagt, daß ich weiß, wann sie soetwas tut. Aber das ist keine Antwort auf meine Frage. Wo ist sie?
Dave: Wie gesagt, woher soll ich das wissen? Bin ich ihr Babysitter? Mir hat es gereicht, als sie mich plötzlich mit diesem irren Raubtierblick fixierte.
John: Vashtu ist weg, weil sie etwas klären wollte. Und mit wem sonst als mit dir hätte sie etwas zu klären? Wir kennen hier ja nicht einmal jemanden!
Dave: Ich finde deine Blauäugigkeit immer wieder erstaunlich, Bruderherz. Wieso gehst du davon aus, daß deine Angebetete niemanden in Florida kennt? Vielleicht ist sie ja zu ihrem Zuhälter, um ihm einen Teil von was auch immer zu geben?
John: Hüte deine Zunge!
Dave: Ach komm schon, John. Wann hättest du denn einmal etwas richtig zu Ende gebracht? Wann hättest du denn überhaupt schon einmal etwas geschafft? Selbst Nancy hast du fallenlassen wie eine heiße Kartoffel. Und Nancy wäre genau richtig für dich gewesen.
John: Geht es darum? Weil ich mich habe von Nan scheiden lassen? Wäre es besser gewesen, wenn wir beide uns irgendwann nicht mehr hätten gegenseitig ins Gesicht sehen können? Ich habe sie nie geliebt!
Dave: Liebe wird definitiv überbewertet.
John: (lacht bitter auf) Warum schließt du eigentlich immer von dir auf andere? Weil Dad es dir jahrelang eingetrichtert hat? Du weißt absolut nichts über Vashtu oder mich, du wußtest ja nicht einmal, daß wir beide zusammen sind. Aber kaum daß du es weißt schießt du dich auf sie ein. Hast du eine Ahnung, wie sehr du sie verletzt hast mit deinen wilden Unterstellungen?
Dave: Erzähl mir doch nicht so einen Blödsinn! Deine kleine Hure hat sich verzogen, dir das Balg dagelassen und kommt hoffentlich niemals wieder. Besser jedenfalls wäre es! Was ich ihr vorgeschlagen habe war schlicht und ergreifend eine Abfindung und daß sie das Kind denen überläßt, die etwas damit anfangen können.
John: Du wolltest ihr Jordan wegnehmen?
Dave: Ich kann nicht zulassen, daß irgendwelche Bastarde von dir die Firma gefährden. Dieses Kind ist schon schlimm genug - bei der Mutter! Da will ich es zumindest unter Kontrolle haben. Außerdem ... es ist doch das beste für das Balg, wenn es eine anständige Ausbildung erhält als wenn es irgendwo auf der Straße aufwächst. Ihr zwei seid doch beide nicht fähig, es zu erziehen, schon gar nicht zu einem Erben für die Firma.
John: Hast du den Verstand verloren?
Dave: Im Gegensatz zu dir denke ich mit dem Hirn, mein lieber Bruder. Ich schwängere nicht eine beliebige Schlampe und stehe dann auch noch zu dem Balg.
John: Sei froh, daß ich dich nur anrufe ...
Dave: Soll das eine Drohung sein?
John: Faß es auf wie es dir beliebt.
Dave: Es ging dir doch nur um ein bißchen Spaß. So bist du doch schon immer gewesen.
John: Hör auf damit!
Dave: Ist doch wieder typisch für dich. Deine Tussi verschwindet und der erste, den du anrufst, bin ich. Soll ich mich da geschmeichelt fühlen? Immerhin dachte ich, ich hätte ihr klar gemacht, daß ich nicht daran interessiert bin, auch noch irgendwelche Bälger mit ihr zusammen in die Welt zu setzen. Vor allem nicht, wenn da solche Freaks wie sie am Ende rauskommen.
John: Schließ nicht von dir auf andere, Dave! Ich dachte, daß Vashtu vielleicht zu dir kommen würde, um die Sache zu klären, die sie so belastet hat. Im Gegensatz zu deinen Gespielinnen ist sie nämlich treu.
Dave: Als Richtwert für wieviele nebenher?
John: Für niemanden! Und jetzt hör endlich mit diesen Beleidigungen auf! Du kennst sie nicht, du weißt absolut gar nichts über sie und maßt dir doch ein Urteil über sie an.
Dave: Ich kenne andere wie sie, und ich weiß, daß bei dir nie etwas gutes herauskommen kann. Wie Dad schon immer sagte ...
John: Dad ist tot und begraben, also halt ihn da heraus. Diese Angelegenheit geht uns beide etwas an, und nur uns beide!
Dave: Dad hat einen Fehler in seinem Leben begangen, einen Fehler, den er für immer bereut hat. Und du hast den gleichen Fehler begangen. Also kann ich ihn da nicht heraushalten, verehrter Bruder.
John: Du wirst mir auch nicht unsere Mutter vorwerfen, Dave. Nur weil du sie kaum kanntest und dir über andere ein Urteil gebildet hast ...
Dave: Was denn für ein Urteil? Was ist das für eine Mutter, die in ein Krisengebiet fliegt, wenn sie zu Hause zwei kleine Kinder hat?
John: Eine Frau, die verantwortungsbewußt ist ...
Dave: Lächerlich!
John: Wenn es dir darum geht, kann ich dich beruhigen: Auch Vashtu hat sich schon mehr als einmal für andere opfern wollen. Wenn du von ihr als Freak sprichst, solltest du vielleicht wissen, daß sie getan hat, was sie getan hat, um ihren Bruder zu retten. Doch leider war es zu spät und er starb. Sie hat mir das Leben gerettet, ebenso mehr als genug anderen, die hier und jetzt bezeugen würden, daß sie ein guter Mensch ist.
Dave: (gehässig) So wie du über sie redest, klingt es, als hättest du Mums Wiedergeburt gefunden.
John: Wer weiß, vielleicht habe ich das auch ...
Dave: Melde dich wieder, wenn du bei klarem Verstand bist!
(Gespräch beendet)

***

Trotz der Tatsache, daß die Sonne gerade erst am östlichen Horizont erschien und scheinbar mühsam den Himmel hinaufkroch, saß Horacio Caines Sonnenbrille schon auf seiner Nase.
Calleigh Duquesne, eigentlich seine Stellvertreterin beim CSI, seufzte schwer und beugte sich über das flache Grab, neben dem die Pathologin Alexx Woods hockte und die Tote einer ersten Untersuchung unterzog.
„Dieses Mal ist Gewalt angewendet worden", bemerkte die Afro-Amerikanerin und wies mit einem perfekt manikürten Fingernagel auf das kleine Loch in der Brust des Leichnames.
Calleigh nickte und fragte sich wieder, wie Alexx es schaffte, bei ihrer Knochenarbeit solche Nägel zu besitzen. Früher einmal war sie schlichtweg davon ausgegangen, daß die Pathologin vielleicht falsche Fingernägel benutzte, inzwischen aber wußte sie es besser.
Calleigh beugte sich über das deutliche Einschußloch. Wenn es eine Begabung gab, die sie besaß, dann war es ihre Kenntnis über Schußwaffen und alle möglichen und unmöglichen Wunden, die man damit zufügen konnte.
„Ein eher kleines Kaliber", merkte sie an. „Vielleicht eine 25er? Wenn die Kugel noch steckt, sollte sie eigentlich recht leicht zu identifizieren sein. Diese Kleinkaliber sind schon zum Großteil aus dem Verkehr gezogen."
„Ich laß dir die Kugel zukommen." Alexx lächelte. „Und es gibt keine Austrittswunde."
„Und keine Schmauchspuren, zumindest keine offensichtlichen ..." Calleigh nahm aus ihrer Tasche, die sie neben die Grube mit der Leiche abgestellt hatte, ein Papierpat und strich kurz über die Haut um die Wunde herum, ehe sie ein bestimmtes Spray benutzte, das unsichtbare Verbrennungsspuren einer Feuerwaffe sichtbar machte. „Nichts." Sie seufzte schwer.
„Ich kenne die Tote", merkte in diesem Moment Horacio an.
Calleigh ging auf, daß es eindeutig zu früh am Tag war für sie. Sie hatte schlechte Laune, und es wurde nicht besser dadurch, daß ihr Vorgesetzter sich jetzt auch noch in ihre Untersuchung einmischen wollte. Widerwillig blickte sie also auf und wartete.
Horacio nahm sich mit Bedacht die Sonnenbrille wieder ab und hockte sich Alexx gegenüber über das flache Grab. „Das ist Julie Bryant", erklärte er dann endlich, nachdem er den Aufschlag seines Sakkos bedeutungsschwer hinter seine Marke geschoben hatte. Sinnend richtete er sich auf und setzte sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase. „Ganz sicher. Und damit haben wir auch endlich einen Verdächtigen ... Mike Sheridan!" Seine Stimme klang triumphierend.
Calleigh schluckte die harte Antwort, die ihr auf der Zunge brannte, hinunter, flüsterte statt dessen tonlos einen Fluch auf spanisch, ehe auch sie sich wieder aufrichtete.
„Denkst du nicht, du bist jetzt ein bißchen schnell?" merkte sie an.
Alexx rammte dem Leichnam ein Thermometer in den Leib, um die Lebertemperatur zu messen. Als die Meßsonde auf das schlaffe, tote Fleisch traf, erzeugte es ein schmatzendes Geräusch, das Calleigh im Moment einen Schauer über den Rücken jagte.
„Ich vergesse nie ein Gesicht", behaarte Horacio.
Irgendwie ging ihm diese ganze Sache mit der Unterlassungsklage ziemlich an die Nieren, fiel Calleigh zum wiederholten Male auf. Allmählich wurde dieser Sheridan zur Nemesis ihrer ganzen Abteilung, wenn Horacio nicht doch noch irgendetwas fand, dessen er ihn überführen konnte.
„Jetzt also Serienmord?" seufzte sie schwer, stutzte dann und trat an ihrem Vorgesetzten vorbei zur anderen Seite der Senke.
„Ich sage nicht, daß er für alle Morde verantwortlich ist, aber für den an Julie Bryant sicherlich", antwortete Horacio. „Er war doch sogar auf dem Revier, um sie als vermißt zu melden."
„Einunddreißig Grad", rief Alexx Calleigh zu, die sofort rechnete.
„Also gestern gegen abend ist sie erschossen worden." Die Tatortermittlerin lächelte freundlich. „Und da Sheridan schon vor drei Tagen auf dem Revier war ..."
Für sie war er damit ausgeschieden aus der sehr kleinen Runde der Verdächtigen. Ganz ausschließen konnte sie ihn zwar nicht, aber er paßte nicht so recht ins Profil. Und so wie sie Horacio kannte, würde der Sheridan sicher vorladen lassen. Und damit war der dann aus dem Schneider.
Calleigh hockte sich an die neue Stelle und wies auf den Sand. „Das ist Blut", kommentierte sie, neigte den Kopf leicht, um das ganze besser überschauen zu können. „Sieht aus, als wäre hier jemand hingefallen und dann ..." Sie erhob sich wieder, den Kopf immer noch schief haltend drehte sie sich um und folgte der undeutlichen Spur mit den Augen. „Ich schätze, unser Killer hat sein nächstes Opfer gleich hier eingesackt und mitgenommen", beendete sie schließlich ihre Ausführung.
„Vielleicht stammt das Blut auch vom Täter. Möglicherweise hat Julie Sheridan vorher kratzen können", schlug Horacio vor.
Calleigh schnappte sich die Kamera und die Hütchen und begann mit der Sicherung des Beweismaterials. „Wir werden sehen, was am Ende dabei herauskommt." Mehr sagte sie nicht. Mehr war allerdings auch nicht nötig, denn Horacio, offensichtlich beflügelt von der Vorstellung, endlich den gemeingefährlichen Mike Sheridan doch noch aus dem Verkehr ziehen zu können, hatte bereits den Rückzug zu den Fahrzeugen angetreten. Und sicherlich würde er auf direktem Wege den nächsten Richter aufsuchen, da war Calleigh sich sicher.

***

Das war ganz sicher nicht sein Tag, beschloß John, nachdem Jordan sich losgewunden und in das Polizeirevier hineingestürmt war. Er selbst war im Moment einfach nur kraftlos.
Die ganze Nacht war er auf den Beinen gewesen, hatte zweimal die Strecke, die sie üblicherweise zum Joggen nahmen, abgelaufen auf der Suche nach Vashtu, mit diversen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Unfallkliniken telefoniert, schließlich denn doch noch Cheyenne-Mountain kontaktiert und Mitchell darüber in Kenntnis gesetzt, daß die Antikerin spurlos verschwunden war. Er sollte Hilfe bei der Suche erhalten, wie und von wem, darüber hatte der ehemalige Leader von SG-1 sich ausgeschwiegen. Die Nemesis würde in der Umlaufbahn bleiben und die Odyssey und die Apollo bei der Suche von oben unterstützen und eventuell Truppen bereitstellen. Am Boden oblag es John selbst, zu den zuständigen Stellen Kontakt aufzunehmen und die nötigen Informationen herauszupressen, wenn es nicht anders ging.
Damit war der langersehnte Urlaub erst einmal auf Eis gelegt. Im Moment wartete John eigentlich darauf, daß das SGC George Dorn ausfindig machte, damit sich der sich um Jordan kümmern konnte und er freie Hand hatte. Und ob sie ihren Urlaub fortsetzen konnten, wenn Vashtu wieder aufgetaucht war, daran glaubte John nicht so recht.
Erst die Konferenz, jetzt das Verschwinden. Die Schulsuche für Jordan war ebenso ad akta gelegt wie die Freizeit.
John bedauerte es nicht, im Gegenteil war er kurz davor, eigenhändig den verdammten Strand umzugraben, wenn das irgendeinen Hinweis bringen würde. Er wollte einfach seine kleine Familie wiederhaben, mehr nicht.
Jordan stand bereits am Tresen und löcherte die blonde, junge Polizistin, die dahinter an einem Computer saß, als John endlich den Vorraum betrat. Mit einem zerknirschten Lächeln trat er neben sein Kind und hockte sich hin.
„Hatten wir beide nicht was besprochen?" fragte er gespielt streng.
Jordan sah nicht sehr viel besser aus als er, höchstens noch verquollener. Die halbe Nacht hatte das Kind geweint und nach seiner Mutter gerufen. Makepiece hatte Hilfe in Form eines weiblichen Marine-Lieutenants heruntergeschickt, damit John irgendetwas tun konnte bei seinen zahlreichen Konferenzen, Anrufen und Suchereien. Gebracht hatte das nicht viel. Jordan mochte vielleicht ein bißchen geschlafen haben, aber nicht sehr viel mehr als er.
Jetzt schwammen die rotumränderten Augen schon wieder in Tränen und der kleine, weiche Mund zitterte.
„Ist ja schon gut, Jordan." John umarmte das Kind liebevoll und drückte es zärtlich an sich. Jordan umschlang beinahe reflexartig seinen Hals mit beiden Armen und vergrub das Gesicht in seiner Halsbeuge.
„Ich will Mummy wiederhaben!" schluchzte das Kind, wie es schon die ganze Nacht nach Vashtu verlangt hatte.
„Wir sind ja hier, damit wir herausfinden, wo Mummy ist, okay?" Ächzend hob John sein Kind hoch und trat an den Tresen. „Tut mir leid", wandte er sich mit einem zerknirschten Lächeln an die Polizistin.
Die lächelte geschäftsmäßig. „Was kann ich für Sie tun, Sir?"
Mit sanfter Gewalt befreite John sich von seinem kleinen Klammeraffen und beugte sich vor. „Ich weiß, es ist noch ein bißchen früh für eine Vermißtenanzeige. Aber ... meine Lebensgefährtin ist nicht vom Joggen zurückgekommen gestern abend. Ich habe die ganze Nacht telefoniert, bin die Strecke selbst mehrmals abgelaufen, die wir immer nehmen, und habe wahrscheinlich jeden Bekannten, der mir einfiel, aus dem Bett geklingelt."
Jordan rieb sich mit den geballten Händen die Tränen aus den Augen, drehte sich dann zu der Polizistin um und sah sie leidend an. „Du mußt meine Mummy finden!"
Die junge Frau mußte nun doch wider Willen kurz auflachen. „Na, du bist aber süß", sagte sie dann, an das Kind gewandt. „Und wir finden deine Mummy ganz sicher. Wir sind nämlich sehr gut darin, verschwundene Leute wiederzufinden." Sie sah zu John auf. „Ihr gemeinsames Kind?"
Er nickte und fühlte tatsächlich, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg unter den Augen der Polizistin. Eilig kramte er in seiner Jacke und fand, was er suchte. „Ich habe so aktuelle Fotos wie möglich zusammengesucht, hier." Wie um eine Abwehrmauer aufzubauen legte er das halbe Dutzend Fotos auf den Tresen.
Die Polizistin strich mit einer Hand über den Stapel, um ihn auszubreiten. Überrascht sah sie auf den Ausweis der Genetiker-Konferenz.
„Das ist das neueste." John zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, Sie werden jedes brauchen, daß Sie haben können, darum ..."
„Haben Sie schon bei anderen Teilnehmern dieser Konferenz nachgefragt?" erkundigte die Polizistin sich.
John zögerte, schüttelte dann den Kopf. „Wir sind eigentlich hergekommen, um Urlaub zu machen. Dann kam die Einladung zu dieser Konferenz und wir beschlossen, daß die fünf Tage in Ordnung sind. Tatsächlich aber kennt Vashtu ... meine Lebensgefährtin, niemanden auf dieser Konferenz. Und nach dem, wie sie sich über die anderen Teilnehmer geäußert hat, glaube ich auch nicht, daß sie sich mit einem der anderen treffen würde."
„Tut Mummy auch nicht. Mummy hat meinen Daddy nämlich ganz doll lieb", betonte Jordan augenblicklich toternst und schüttelte den Kopf.
Die Polizistin lächelte, schob die Fotos wieder zusammen. „Und Sie sagten, Ihre Lebensgefährtin sei wann verschwunden?"
„Gestern abend. Sie wollte noch laufen gehen und sagte mir, sie werde in etwa einer Stunde zurück sein, ich bräuchte nicht auf sie zu warten. Aber sie kam nicht zurück."
„Mummy hat geweint, als sie von der Arbeit kam", fügte Jordan toternst hinzu.
Sofort ruckte der Kopf der Polizistin herum. „Geweint?"
John seufzte schwer. „Es gab ... ein bißchen Ärger mit dem Ausrichter der Konferenz. Deshalb wollte sie ja noch laufen gehen", antwortete er.
„Möglicherweise ein Verdächtiger? Wer hat diese Konferenz denn ausgerichtet?"
John verzog unwillig das Gesicht. „Mein Bruder", seufzte er schließlich und zog die Schultern hoch. „Wir stehen uns nicht sehr nahe und er hat meine Lebensgefährtin gestern ziemlich aufgebracht. Ihn habe ich bereits gesprochen und ich glaube nicht, daß er etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat."
„Also kannte sie doch jemanden auf dieser Veranstaltung", merkte die Polizistin an.
Hinter ihr, durch die spiegelnden gläsernen Wände kaum auszumachen, war plötzlich Bewegung.
John schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Kontakt zu meiner Familie. Wir sind seit Jahren zerstritten. Es war nichts als ein dummer Zufall, daß meine Lebensgefährtin da hineingeraten ist. Sie wollte wohl Frieden stiften zwischen meinem Bruder und mir, schätze ich. Nur ging diese Bemühung nach hinten los."
„Und wer hat diese Konferenz jetzt ausgerichtet?"
„Onkel Dave", antwortete Jordan und zog etwas aus der Hosentasche, um damit zu spielen.
John bekam große Augen, als er erkannte, daß das Kind irgendwie den Kommunikator eingesteckt hatte. Dabei war er sicher gewesen, ihn wieder zurückgelegt zu haben.
„Dave Sheppard", antwortete er endlich, wollte nach Jordans Hand greifen, doch das Kind wandte sich demonstrativ ab.
Die Polizistin stockte. „Dave Shepp... DER Dave Sheppard?" fragte sie mit großen Augen.
John lächelte zerknirscht. „Sieht so aus, ja", murmelte er verlegen, rückte näher an Jordan heran, um dem Kind den Kommunikator wieder abzunehmen.
„Wenn das nicht mein alter Freund Mike Sheridan ist ..." bemerkte in diesem Moment eine Stimme hinter ihm.
Die Polizistin richtete sich auf und John stutzte.
Was ging hier gerade vor?
Jordan hob den Kopf und sah mit großen Augen auf das, was sich da hinter ihm abspielte.
Und wenn schon, er war hier, um mehr über Vashtus Verschwinden herauszufinden.
„Wir sind nicht verheiratet, aber ich habe hier eine beglaubigte Genehmigung", wandte er sich wieder an die Polizistin und zog das nächste Blatt aus seiner Tasche. Vashtu, fiel ihm ein, besaß das gleiche Schreiben, wenn es um ihn ging. Plötzlich begannen seine Finger zu zittern und ein Kloß steckte in seinem Hals.
„Mike, darf ich fragen, was Sie nun wieder herführt?" fragte die Stimme in seinem Rücken weiter.
Die Polizistin sah ihn wieder an, dann griff sie nach der Genehmigung. „Ich kann noch keine Vermißtenanzeige aufnehmen", erklärte sie, wenn auch deutlich unsicher.
John nickte seufzend. „Ich weiß, erst nach drei Tagen. Aber vielleicht können Sie mir sagen, ob es in der letzten Nacht irgendwelche Unfälle gegeben hat, oder ob eine Unbekannte, auf die die Beschreibung meiner Lebensgefährtin paßt, in eine Klinik eingeliefert wurde oder was weiß ich was. Und Sie könnten das bereits vermerken für den Fall, daß sie nicht wieder auftaucht. Ein solches Verhalten ist nicht normal für sie, wissen Sie?"
„Das ist eine interessante Auslegung des richtertlichen Urteils, Mike. Finden Sie nicht auch? Mich einfach ignorieren ..."
John preßte kurz die Kiefer aufeinander, drehte sich dann um und sah sich unvermittelt einem rothaarigen Mann gegenüber, der eine Sonnenbrille auf der Nase trug. Sein Sakko hatte der Fremde rechts nach hinten gestrichen, so daß er die Polizeimarke und die Waffe sehen konnte - eine unüberhörbare, jedoch stille Drohung ...
„Reden Sie mit mir?" fragte John höflich aber kühl.
Sein Gegenüber lächelte verächtlich. „Wir haben Julie gefunden, Mike. Und es dürfte Sie nicht überraschen zu hören, daß sie tot ist."
„Daddy?" Jordan rückte wieder näher. Eine kleine Hand legte sich auf seinen Schulter.
John schüttelte den Kopf. „Wer ist Julie?" fragte er verwirrt.
Die Aufmerksamkeit seines Gegenübers hatte sich augenblicklich auf Jordan gerichtet, nachdem das Kind eine so offensichtliche Geste zu seinen Gunsten getan hatte.
„Woher haben Sie das Kind, Mike? Haben Sie es etwa den leiblichen Eltern gestohlen?"
Johns Augen wurden groß.
Allmählich ging ihm auf, daß man ihn offensichtlich verwechselte. Es schien da noch jemanden zu geben, der ihm erstaunlich ähnlich sah.
„Hören Sie, das muß eine Verwechslung sein. Ich kenne Sie nicht und ich weiß nicht, wer Julie ist. Das Kind ist mein Kind und heißt Jordan. Ich bin hier, um meine Lebensgefährtin als vermißt zu melden", erklärte er mit erhobenen Händen.
„Da werden wir wohl auf unsere alten Tage pädophil, was, Mike?" Mit einem Schritt war der Fremde bei ihm und packte ihn grob.
„DADDY!" brüllte Jordan los, als er von dem Kind weggerissen wurde. Sofort setzte die nächste Tränenflut ein. Jordan sprang von dem Tresen herunter und wollte zu ihm rennen.
„Jordan, nein!" befahl er, während dieser Kerl mit der Marke ihm die Arme verdrehte. Er leistete keinen Widerstand, dafür war ihm gerade eine Idee gekommen.
Jordan blieb stocksteif mit bebenden Lippen stehen und sah ihn an wie ein getretener Hund.
„Sag Onkel Ernie Bescheid, hörst du? Sag ihm, Daddy sei verhaftet worden und braucht Hilfe", befahl John.
„Wo hast du das Kind her, Mike?" fragte der Rothaarige endlich und stieß ihn zu einer Glastür hinüber, durch die er wohl gekommen war und die sich in genau diesem Moment öffnete. Eine schlanke Blonde mit langem Haar kam heraus. „Horacio!" sagte sie vorwurfsvoll.
„Daddy, bitte, komm wieder her. Daddy!" Jordan stand noch immer da, wo es stehengeblieben war und jammerte jetzt auch noch nach ihm.
John schnürte es die Kehle zu, doch er wußte, es war jetzt besser, so wenig wie möglich zu sagen. Solange er nicht offiziell festgenommen worden war konnte er nicht anrufen. Und ebensolange würde der Kommunikator, den Jordan stibizt hatte, die einzige Möglichkeit sein, hier wieder heraus zu kommen.
„Kümmer dich um das Kind, Calleigh. Vielleicht rückt es ja damit heraus, wer seine Eltern sind. Ansonsten ruf die Jugendfürsorge an", befahl der Rothaarige und zerrte John durch die Tür.
Jordan blieb allein zurück ...

***

Funkspruch an die Nemesis:

Kinderstimme: (weinerlich) Onkel Ernie? Bist du da?
Col. Makepiece: Das ist doch ... Jordan, bist du das etwa?
Jordan Uruhk: Onkel Ernie, Daddy ist auch weg! (ein Schluchzen)
Makepiece: Dein Daddy ist weg? Wo ist dein Daddy denn?
Jordan: Dieser böse Mann mit der dicken Sonnenbrille hat ihn mitgenommen. Ich will meinen Daddy wiederhaben!
Makepiece: Schon gut, schon gut. Jordan, wir orten dich gerade. Dann beamen wir dich auf das Schiff. Ist das okay?
Jordan: Kannst du auch meinen Daddy hochbeamen?
Makepiece: Kannst du mir sagen, was das für ein Mann mit der Sonnenbrille war? Ihr zwei wolltet doch zur Polizei und eine Anzeige aufgeben. Seid ihr überfallen worden? Wurde dein Daddy entführt?
Jordan: (Stimme zittert) Wir sind im Polizeirevier. Daddy hat der Frau am Eingang Fotos von Mummy gegeben und gesagt, daß er schon mit Onkel Dave gesprochen hat und daß sie Mummy suchen sollen. Und dann ist da plötzlich dieser böse Mann mit der Sonnenbrille gekommen, hat Daddy so komisch angesprochen und ihm dann Handschellen angelegt. Und Daddy hat sich nicht gewehrt, dabei hat er doch gar nichts getan (wieder ein Schluchzen). Und dann hat Daddy mir gesagt, ich soll dir Bescheid sagen. Und der böse Mann mit der Sonnenbrille will, daß ich sage, wer meine Mummy und mein Daddy sind, und wenn ich es nicht sage, dann komme ich ins Heim. Aber als ich die Wahrheit gesagt habe, hat er gesagt, ich würde lügen. Onkel Ernie, ich will zu Mummy!
Makepiece: Dann ist dieser böse Mann mit der Sonnenbrille ein Polizist?
Jordan: Weiß nicht. Darf ich jetzt zu Daddy?
Makepiece: (seufzt) Wir holen dich erst einmal auf die Nemesis, Kleines. Hier kannst du dich ausruhen und dann geht es dir bestimmt auch bald wieder besser. Dann sehen wir, was wir für deinen Daddy tun können, einverstanden?
Jordan: Aber wenn Mummy und Daddy weg sind, dann bin ich allein!
Makepiece: Jordan, ich bin doch da und Onkel Peter. Und wenn du möchtest kann ich nachfragen, ob meine Frau und meine Kinder Zeit haben. Du wolltest doch schon immer Sean kennenlernen, oder? Das ist mein Sohn, der so alt ist wie du. Ihr zwei werdet bestimmt viel Spaß haben miteinander.
Jordan: Und Mummy und Daddy?
Makepiece: Die kommen nach so schnell sie können, ich schwöre es dir. Großes Indianerehrenwort!
Jordan: Was sind Indianer?
Makepiece: Das erkläre ich dir, wenn du auf dem Schiff bist. Du kennst die Nemesis doch, du warst doch schon einige Male hier, mh?
Jordan: Darf ich auch mal fliegen, so wie Mummy?
Makepiece: Darüber reden wir später. Wir beamen dich jetzt hoch, okay?
Jordan: Aber du darfst nicht vergessen, daß du Mummy und Daddy helfen willst und daß sie nachkommen, Onkel Ernie.
Makepiece: Das werde ich bestimmt nicht. Und ich freu mich schon auf deine erste Zahnlücke. Onkel Peter hat mir davon erzählt.

***

Als Miss Elroy, Mitarbeiterin der Jugendfürsorge, wenig später nach dem Kind, das sich Jordan-Ghoria Uruhk nannte, sehen wollte, um es abzuholen und zu einer Pflegefamilie zu bringen, war das Kind verschwunden. Selbst eine umfangreiche Suche im ganzen Polizeirevier inklusive der CSI-Labore brachte kein Ergebnis.

TBC ...

08.08.2009

Der Jungbrunnen III

Caine hockte vor dem letzten ausgehobenen Grab und starrte in die flache Grube hinunter.
Solange hatte er sein Leben jetzt schon in den Dienst der Gerechtigkeit gestellt, so lange kämpfte er einen einsamen und erbitterten Kampf gegen jeden Kriminellen, der in seiner Umgebung auftauchte. Doch die Niederlage, die ihm ein schmieriger kleiner Frauenprügler wie Mike Sheridan beigebracht hatte, schien all das geleistete in Frage zu stellen. Welchen Sinn hatte es denn, wenn er all seine Kraft und Zeit investierte, nur damit die Gesetzesbrecher am Ende frei kamen? Irgendwo in der Beweiskette mußte es eine Lücke geben ...
„Ich weiß nicht, Horacio", sagte sein Begleiter zögernd zu ihm. „Das hier ist Calleighs Fall. Wir sollten unsere Finger davon lassen."
„Eben nicht." Horacio richtete sich wieder auf und nahm mit einer bedeutungsschweren Geste seine Sonnenbrille ab. „Wir helfen Calleigh, die vielleicht aufgrund ihres Geschlechtes ein falsches Bild vom Täter hat. Und wir verteidigen unser Revier. Du weißt, wie schnell die Typen vom FBI sind, wenn es um spektakuläre Fälle mit Serienmördern geht, Eric."
Eric Delko seufzte schwer, kreuzte dann die Arme vor der Brust und zuckte mit den Schultern. „Dann tu, was du nicht lassen kannst."
Seit er mit Erics Schwester verheiratet gewesen war, fühlte Horacio sich gerade mit dem Jüngeren verbundener als mit den anderen Tatortermittlern. Immerhin teilten sie beide einen bestimmten Schmerz miteinander, und in ihren Herzen lebte sie weiter ... für immer.
Horacio trat soweit zurück, wie es dank der Verwehungen möglich war und betrachtete das gesamte Areal noch einmal sorgsam.
Nichts!
Es war einfach, als würde der Killer seine Opfer hier nur abladen, um sich ihrer zu entledigen. Und die Tatsache, daß sie, einmal abgesehen von verschiedenen Beruhigungsmitteln und Drogen, absolut nichts an den Leichen der Frauen gefunden hatten, machte es nicht leichter. Der Mörder ging mit soviel Bedacht vor, daß Horacio sich seiner größten Herausforderung gegenüber sah. Zumindest dürfte dieser Täter um einige Klassen zu groß für Calleigh Duquesne sein, wie er befunden hatte.
Horacio zog den Umschlag mit den Tatortfotos aus seinem Sakko, nachdem seine Sonnenbrille endlich wieder auf seiner Nase saß, und betrachtete diese noch einmal eingehend.
Es gab kein Muster. Wer auch immer diese zwölf Frauen getötet hatte, hatte sie weder sexuell noch körperlich gefoltert, sondern es ihnen, ganz im Gegenteil, so bequem wie möglich zu tun versucht. Abgesehen von gewissen Ligaturen durch Fesselungen und kleinen Einstichstellen war nichts zu finden gewesen.
Was wollte dieser Killer? Normalerweise ging es doch immer darum, Frauen zu beherrschen, sich sexuell an ihnen zu vergehen, sie zu verstümmeln und zu entmenschlichen. Aber hier ... ?
Eine helle Kinderstimme schrie, gefolgt von der deutlich dunkleren eines Mannes.
Einen Moment lang wollte Horacio schon weitermachen mit seinen Betrachtungen, dann aber ging ihm auf, daß ihm zumindest die Männerstimme vage bekannt erschien.
„Welcher Vater schleppt denn sein Kind mit zum Jogging?" fragte Eric verblüfft, der von seinem Standort aus eine bessere Sicht auf den Strand hatte.
Das Kind schrie wieder. Ob vor Vergnügen oder aus Angst war nicht wirklich differenzierbar.
Horacio trat neben Eric, der noch immer das Treiben am Strand beobachtete, und sah nun ebenfalls hinunter.
Und tatsächlich, da liefen ein dunkelhaariger Mann und ein kleines Kind, letzteres in einem grünen Joggingdress, nahe der Wasserlinie entlang. Soweit er das von hieraus sehen konnte, war der Mann hochgewachsen, auf jeden Fall um einiges größer als das Kind, das sich erstaunlich gut hielt.
„Verrückte Leute gibt's!" Eric schüttelte verständnislos den Kopf.
In diesem Moment spurtete das Kind plötzlich los und rannte dem Mann im wahrsten Sinne des Wortes schlichtweg davon. Der begann wieder zu rufen, beschleunigte seine Schritte.
War das nicht ... ?
Horacio nahm sich die Brille wieder ab und beobachtete den Mann, der jetzt den Strand hinauflief, dem Kind nach.
Er mochte sich irren, aber er war sich ziemlich sicher, daß er hier gerade Mike Sheridan beobachtete. Jedenfalls sah der Mann ihm erstaunlich ähnlich. Nur was wollte jemand wie Sheridan mit einem Kind? Wurde er auf seine alten Tage etwa noch zum Pädophilen?
Horacio setzte seine Sonnenbrille wieder auf und lächelte verächtlich auf den vermeintlichen Frauenprügler hinunter. Das Kind war währenddessen hinter der künstlichen Düne, die die Ferienhäuser verbarg, verschwunden. Der Mann tat es ihm endlich nach.
Vielleicht hatte er jetzt doch endlich das gegen Sheridan in der Hand, was er brauchte, um diesen feigen Mistkerl wieder hinter Gitter zu bringen.
„Eric, ich glaube, da wartet Arbeit auf uns. Komm mit."

***

Vashtu wollte gerade zur Straße hinauf, um auf den Bus zu warten, mit dem sie in die Innenstadt fahren wollte, um dort John und Jordan zu treffen, als es hinter ihr hupte. Sie zuckte unvermittelt zusammen und drehte sich um, um zur Seite springen zu können, wenn der Fahrer zu aufdringlich wurde. Dann aber riß sie überrascht die Augen auf.
Eine dunkelblaue, sehr teure Limosine mit getönten Scheiben fuhr im absoluten Schrittempo hinter ihr, holte jetzt auf und hielt, als sie auf Höhe des hinteren Fonts war. Die Tür öffnete sich ebenso leise wie der Motor lief.
„Dr. Uruhk, steigen Sie doch ein. Ich kann Sie schnell dorthin bringen lassen, wohin Sie möchten." Dave Sheppard beugte sich vor und winkte ihr mit einer Hand.
Vashtu betrachtete den Wagen, dann beugte sie sich vor und sah in das Innere hinein. Alles war mit hellem Leder bezogen. Der Wagen schien sogar noch neu zu sein, jedenfalls roch er so.
„Mr. Sheppard, dafür, daß Sie der Ausrichter dieser Veranstaltung sind, machen Sie sich ziemlich rar, denken Sie nicht?" fragte sie.
Der Unternehmer nickte mit einem leichten, ironischen Lächeln und sah damit das erste Mal John zumindest ansatzweise ähnlich. „Touché, Dr. Uruhk."
Vashtu sah auf zur Bushaltestelle und zögerte.
Wenn sie ehrlich war, sie hatte noch nie gern die öffentlichen Verkehrsmittel auf der Erde benutzt, es sei denn ganz zu Anfang, als sie noch mit ihrem Skateboard zum Cheyenne-Mountain gefahren war. Wie lange war das jetzt schon her? Fast ein ganzes Leben, wie es ihr erschien. Soviel war geschehen, seit Johns Anwesenheit auf Atlantis sie aus der Stasis geweckt hatte wie diese Prinzessin Dornröschen aus einem Märchen, das sie Jordan schon einige Male vorgelesen hatte. Das Kleine schien gerade diese Geschichte sehr zu mögen, vielleicht wegen der unübersehbaren Parallelen zur Realität ... ?
„Ich würde gern mit Ihnen sprechen, Dr. Uruhk", wandte Sheppard sich wieder an sie und riß sie aus ihren Gedanken.
Was sollte es? Immerhin war das hier Johns Bruder. Außerdem, wenn es sich um das Gespräch handeln sollte, vor dem John sie schon gewarnt hatte, brachte es nichts, schob sie es noch länger auf. Besser die Fronten jetzt klären als sie noch mehr verhärten lassen.
Vashtu stieg in den Wagen und war froh, daß sie heute einen Hosenanzug trug. Auch wenn sie nicht gerade groß war mußte sie hier den Kopf deutlich einziehen und sich bücken, um in den Wagen zu gelangen.
Das Innere der Limosine war durch einige kleine Autolampen erhellt und, wie sie ja schon gesehen hatte, mit hellem Leder bezogen. Außerdem verfügte der Wagen über eine Klimaanlage, die beinahe zu hoch eingestellt war, zumindest nach der feuchten Schwüle draußen.
Dave Sheppard saß ihr gegenüber auf dem Rücksitz, musterte sie jetzt noch einmal von Kopf bis Fuß, ehe er sich zurücklehnte. Der Wagen fuhr so leise an, daß Vashtu es kaum wahrnahm.
„Ich habe über Sie Erkundigungen eingezogen", begann er schließlich.
Ja, das hätte sie sich fast denken können nach dem, was John da angedeutet hatte.
Dave schlug die Beine übereinander und legte seine Hände auf den oberen Oberschenkel. „Interessant. Ihre Akte liest sich wie ein Flickenteppich, der mehr oder weniger hastig zusammengestückelt wurde. Mehr als die Hälfte selbst Ihrer privaten Angaben werden unter Verschluß gehalten, wußten Sie das?"
„Es ist erforderlich", antwortete Vashtu endlich.
Dave neigte leicht den Kopf. „Dennoch aber halten Sie es ebenso für erforderlich, Ihr Kind wegzugeben, Dr. Uruhk? Trotz der Tatsache, die sogar in Ihrer psychologischen Bewertung steht, daß Sie dieses Kind abgöttisch lieben? Welche liebende Mutter gibt freiwillig ihr Kind auf?"
„Ich gebe Jordan nicht auf, ich ermögliche dem Kind eine Zukunft dort, wo diese Zukunft stattfinden wird." Vashtu hörte selbst, wie ihre Stimme immer kühler wurde angesichts der Vorwürfe, die Dave Sheppard da gegen sie erheben wollte.
Und so sah sie es auch. Atlantis und auch Vineta mochten eines Tages wieder verlassen werden von den Menschen, die jeweiligen Sternensysteme sich selbst überlassen. Sie war damals zur Atlantis-Crew gekommen, sie hatte sich der Erde angeschlossen. So schwer es ihr auch fallen mochte, aber sie würde gehen und Vineta verlassen, wenn sie das geregelt hatte, was sie regeln mußte. Welche Chance hätte Jordan in einem solchen Fall? Sollte das Kind den gleichen Eingliederungsprozeß mitmachen, den sie durchlebt hatte? Vielleicht würde für Jordan das ganze sogar noch schwerer dadurch, daß es in Vineta Freunde und Gleichaltrige hatte, mit denen es aufwuchs. Je eher sich ihr Kind also an die Erde gewöhnte, desto leichter würde ein eventueller Abschied aus dem Medusenhaupt fallen, sollte Vineta irgendwann wirklich aufgegeben werden müssen.
„Sie machen nicht viele Umstände", setzte sie noch hinzu und lehnte sich zurück. „John sagte mir, daß es Ihnen bitter aufstößt, daß er und ich ein Kind miteinander haben."
Dave schüttelte leicht den Kopf. „Mich stört es nicht, daß Sie ein Kind haben, Dr. Uruhk. Im Gegenteil sehe ich dieses Kind für mich als Chance an. Mich stört die Tatsache, daß Sie John der Vaterschaft bezichtigen, obwohl sie beide sich nachweislich eineinhalb Jahre nicht gesehen haben zu besagtem Zeitpunkt."
Er hatte also nicht nur in ihre Akte Einblick genommen, sondern auch in die von John und auch von Jordan.
„Ich denke, der Vaterschaftstest hat das eindeutig geklärt", entgegnete sie kühl. „Selbst ich kann einen genetischen Fingerabdruck nicht verändern, Mr. Sheppard. Es gab einen Kontakt während dieser eineinhalb Jahre. Und dieser eine Kontakt reichte."
„Natürlich ..." Daves Stimme klang gönnerhaft. Er musterte sie wieder, zuckte dann mit den Schultern. „Lassen wir das ganze jetzt auf sich beruhen. Sie und auch John behaupten, dieses Kind stamme von ihnen beiden, eine Vaterschaftsuntersuchung hat zumindest bestätigt, daß mein lieber Bruder nicht an sich halten konnte. Jetzt geht es dann also um die Schadensbegrenzung."
Vashtu runzelte die Stirn. „Jordan ist für Sie ein 'Schaden'?" echote sie und fühlte, wie in ihrem Inneren etwas brach. Sie wußte auch was: Die Hoffnung, die beiden Brüder doch noch irgendwie wieder an einen Tisch setzen zu können und sich für ihre Geschwisterschaft auszusprechen. Im Moment mußte sie John mehr als nur recht geben. Dave war in ihren Augen ein Schwein.
„Oh, ich bin sicher, Sie lieben Ihr Kind. Sie vergessen, ich durfte sie drei als Vorzeigefamilie schon bewundern, wenn auch dankbarer Weise nur kurz."
Vashtu beugte sich vor. Ihr Blick wurde kalt. „John hatte mich vorgewarnt, Mr. Sheppard. Er sagte mir, daß Sie versuchen würden, alles in den Dreck zu ziehen was er und ich aufgebaut haben. Ich habe das nicht glauben wollen. Inzwischen aber ..."
„Dr. Uruhk, es ist mir vollkommen gleichgültig, ob Sie sich in den Kopf gesetzt hatten, sich auch noch von mir schwängern zu lassen oder auf sonstetwas spekulieren. Es geht jetzt darum, das Ansehen MEINER Familie zu wahren. Haben Sie das verstanden?"
„Lehnen Sie sich nicht zu weit aus dem Fenster, Mr. Sheppard." Vashtus Stimme klirrte wie Eis.
Dave nickte. „Ich bin natürlich bereit, Sie zu entschädigen. Jordan wird die besten Schulen besuchen, oder selbstverständlich auch mittels Privatlehrer unterrichtet werden, ganz wie Sie es wünschen. Ansonsten aber werden Sie auf dieses Kind verzichten für eine angemessene Aufwandsentschädigung. Sagen wir ... Fünfzehn Millionen? Oder besser zwanzig?"
„Wie bitte?" An ihrem Hals schwoll eine Ader und sie mußte sich beherrschen, nicht sofort auf ihren Gegenüber loszugehen.
Dave lächelte wieder. „Entschuldigen Sie, ich vergaß. John wird Ihnen sicherlich bereits gesagt haben, daß zu diesem Deal auch der Chefsessel bei Genelab gehört. Allerdings fällt es schon recht schwer, Ihnen den Doktor abzunehmen, wenn es nicht einmal eine publizierte Arbeit gibt. Womit haben Sie promoviert?"
„Lassen Sie sich eines gesagt sein, Mr. Sheppard", knurrte Vashtu mühsam beherrscht. Ihre Fingernägel hinterließen weiße Halbmonde in ihren Handflächen und sie zitterte vor Anspannung. „Wenn Sie sich noch einmal erdreisten, mein Kind, meine Arbeit oder auch mich zu beleidigen, werden Sie das bitter bereuen. Ich will kein Geld von Ihnen, ist das klar? Und ich werde sicher nicht nach Genelab gehen. Dort wo ich bin bin ich glücklich ... MIT meinem Kind und MIT John! Und das sind Gefilde, von denen Sie nicht einmal zu träumen wagen, Mr. Sheppard. Also lassen Sie es lieber, ehe etwas passiert, was Sie bereuen würden. Und jetzt lassen Sie mich auf der Stelle aus diesem Wagen!"
„Nicht genug?" Dave hob eine Braue. Im nächsten Moment aber wurde er leichenblaß, als er ihr ins Gesicht sah.
„Das ist die letzte Warnung, Mr. Sheppard. Kommen Sie mir nicht mehr zu nahe!" zischte die Antikerin und starrte ihren Gegenüber mit kalten, gelben Wraithaugen nieder.

***

Sie hatte es geschafft! Sie wußte nicht genau wie, aber sie hatte sich befreien können.
Julie taumelte im Patientenkittel zur Tür, rüttelte kurz an ihr, ehe ihr aufging, daß diese in den Raum hinein öffnete. Langsam zog sie sie einen Spaltweit auf und sah hinaus.
Vor ihren Augen tanzte die Welt und sie konnte nur unscharf sehen. Das Blut in ihren Adern schien sich in flüssiges Feuer verwandelt zu haben, das jeden Atemzug und jede Bewegung schmerzen ließ.
Julie wußte nicht genau, was man ihr gegeben hatte, ebensowenig wie sie wußte, wie lange sie sich schon hier befand. Sie hoffte nur noch, irgendwie heraus zu kommen aus dieser Hölle. Zurück zu Mike und ihn um Verständnis bitten, daß sie nicht wieder zurückkehren konnte in die Klinik und ihre Arbeit damit dann auch noch verlor.
Dazu mußte sie aber zunächst einmal ein Telefon finden. Mike mußte sie abholen, denn, das war Julie klar, sie selbst würde nicht weit kommen, so sehr, wie der Boden unter ihren Füßen wankte.
An der Wand entlang, sich am kühlen Putz abstützend und daran entlanghangelnd taumelte Julie weiter.
Mike würde sicher Verständnis haben, wenn er sie in ihrem jetzigen Zustand sehen würde. Er liebte sie ja ... irgendwie. Und vielleicht hatte die Klage, die sie beide eingereicht hatten, wirklich Erfolg gehabt und sie waren die Polizei und vor allem diesen Caine endlich los.
Der Gang war leer. Aber das war er immer, fiel ihr ein. Zimmer 113 lag in einem nicht genutzten Seitenflügel, wohin sich kaum jemand verirrte. Professor Hehnenburgh hatte für sich und Dr. Shriner ausbedungen, daß nur sie beide hierher kamen, sonst niemand, es sei denn auf direkte Anweisung.
War das die Falle gewesen? Weil Ruth sie angewiesen hatte, Zimmer 113 zu säubern?
Julies Gedanken glitten wieder ab.
Der Atem wurde ihr plötzlich knapp und sie blieb, sich an die Sicherheit versprechende Wand pressend, stehen und japste.
Mike mußte sie abholen. Aber Mike haßte die Everglades. Würde er kommen, wenn sie ihn bat? Sie hoffte es.
Julie tappte endlich weiter, halbblind, weil ihr Blickfeld immer mehr verschwamm.
Was hatte man mit ihr getan?
Wenn sie nur erst hier heraus wäre und in Mikes Armen. Er würde sie trösten können, er würde ihr sicher helfen. Er liebte sie doch ...
Julie taumelte um die Ecke in den belebteren Teil der Klinik hinein. Zumindest sollte dieser Teil belebter sein, aber er war es nicht. Noch immer war sie allein auf dem Gang.
Wo war noch einmal das Schwesternzimmer, damit sie endlich ein Telefon erreichte? Lange würde sie nicht mehr durchhalten ...
„Halt! Stehenbleiben!"
Der Gang war ein Fluß, und dieser Fluß riß Julie mit. Sie taumelte weiter, stöhnte vor Schmerz und Schwäche. Und irgendwo vor ihr ... war ein Schatten.
„Ich sagte stehenbleiben!"
Wie sollte sie anhalten, wenn sie selbst nicht wußte, wie sie sich aus der Strömung des Ganges befreien konnte? Außerdem war sie doch Schwester Julie. Wieso sollte sie anhalten? Es war Dienstende und sie wollte nach Hause, sie wollte zu Mike ...
Der Schuß dröhnte in ihren Ohren, als sie schon zurückgeschleudert wurde.
Julie kam auf den Knien auf und freute sich, daß die Schmerzen so plötzlich vergangen waren. Erst dann ging ihr auf, daß ihr Körper sich eigenartig taub anfühlte.
„... helfen ..."
Sie brach nach hinten weg. Ihre Augen starrten leer zu der leise flackernden Leuchtstoffröhre hinauf, während ihr Körper die Metastasen, die er in den letzten zweiundsiebzig Stunden gebildet hatte, zurückbildete. Sie fühlte den letzten Atem nicht mehr, der ihre Lungen in sich zusammenfallen ließ, während sie wieder zu der Schwester Julie wurde, die sie bis vor drei Tagen gewesen war ...

***

Vashtu stand in der Tür und hatte Tränen in den Augen. Sie wirkte so zart und verletzlich, daß es John schier das Herz brechen wollte.
So kannte er sie am wenigsten. Vashtu spielte immer die Starke, war diejenige, die nicht aufgeben konnte, die weiterkämpfte. Aber der Schlag, den sie im Moment zu verkraften hatte, war deutlich mehr, als sie ertragen konnte. Kein Wunder, ging es doch um ihr Lebenswerk.
John wußte, daß die Antikerin es nie zugeben würde, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, vielleicht nicht einmal ihm, Anne oder George gegenüber, den drei Menschen, denen sie am meisten vertraute. Aber die Arbeit, die man ihr endlich ermöglicht hatte in Vineta und ihr dann auch schließlich den so lange verweigerten Doktorgrad einbrachte, den sie sicherlich zu ihrer Zeit inne gehabt hatte, das bedeutete Vashtu viel, fast soviel wie Jordan. Es war mehr als nur das Erbe ihrer Familie, sie blühte auf, wenn sie in ihrem Fach arbeiten konnte.
John, der bis jetzt am Küchentresen gelehnt hatte, stieß sich ab und trat auf die Antikerin zu, um sie fest und sicher zu umarmen und ihr so vielleicht die Stärke wiederzugeben, die sie im Moment verloren hatte.
Warum hatte sie denn auch mit Dave sprechen müssen? Er hatte ihr doch gesagt, was sie erwartete, ließ sie sich mit seinem Bruder ein.
Vashtu lehnte sich schluchzend an ihn, vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.
John wiegte sie langsam und gab beruhigende Laute von sich. Er war im Moment mehr als froh, daß Jordan oben im Kinderzimmer war und spielte. Wenn es seine Mutter so aufgelöst sehen würde, davon war er überzeugt, würde das Kleine auch noch beginnen zu weinen. Und zwei waren im Moment ein am Boden Zerstörter zuviel für ihn.
„Ich habe Angst", wisperte Vashtu endlich und blickte mit tränennassen Augen auf.
John streichelte sacht über ihren Rücken. „Wovor?" fragte er leise.
„Davor, daß Dave uns Jordan wegnimmt." Vashtus Lippen zitterten wieder.
John schluckte, schüttelte dann den Kopf. „Das wird er nicht wagen. Dazu muß er erst an mir vorbei. Und das traut er sich nicht."
„Er hat mich doch schon als Rabenmutter abgestempelt. Er zweifelt ja sogar meinen Titel an." Vashtu drückte sich wieder gegen ihn, ihre Schultern bebten, während ihre Fingernägel sich schmerzhaft in seinen Rücken gruben.
„Niemand, der dich kennt, würde dich jemals als Rabenmutter bezeichnen. Vashtu!" John verbiß sich den Schmerz und drückte sie enger an sich. „Laß Dave reden, wenn er will. Er wird nicht weit kommen. Wir haben die besseren Karten, wir sind die Eltern. Jordan wird nichts geschehen, glaube mir."
„Und wenn er mich vor der Welt diskreditiert? Er hat das doch schon angedroht, weil diese verdammte Doktorarbeit nicht veröffentlicht wird."
John dirigierte Vashtu vorsichtig zum Sofa hinüber und drängte sie dann mit sanfter Gewalt, sich zu setzen. Er mußte ihr einfach in die Augen sehen bei diesem Gespräch, es ging nicht anders.
„Pete und ich haben so lange und so hart an dieser verdammten Impfung gearbeitet. Wir wollten Leben retten damit. Und jetzt ..."
„Vashtu, du arbeitest im weiteren Sinne für die Regierung. Das SGC ist direkt dem Präsidenten unterstellt, das weißt du doch. Wenn Dave dich also anschwärzen will, muß er sich erst mit besagtem Präsidenten anlegen, und der steht für genau die Lobby, mit der mein Bruder seine Geschäfte macht. Er wird sich nur selbst das Wasser abgraben, und das wagt er nicht, dazu ist ihm die Firma zu wichtig."
Vashtu schüttelte stumm den Kopf, während weitere, dicke Tränen über ihre Wangen kullerten.
Dave war dabei, ihrer beider Traum von einem zumindest angedeuteten Familienleben zu zerstören, ging John auf. Nicht nur, daß sein Bruder Vashtu in Mißkredit bringen wollte vor der versammelten Fachwelt, nein, er ging sogar noch weiter. Und was auch immer er da vorgebracht hatte, es hatte die Antikerin dermaßen verschreckt, daß sie ihre Welt schon in Scherben sah. Der Schmerz, den sie empfand, war kurz davor, auf ihn überzuspringen durch das emotionale Band. Noch konnte John das ganze blocken, aber wie lange würde ihm das gelingen?
„Keiner wird deine Arbeit schlecht machen, dir deinen Titel wegnehmen oder sogar Jordan. Ich werde das zu verhindern wissen, glaube mir. Wenn Dave mit harten Bandagen kämpfen will, er kennt mich nicht", sagte er mit fester Stimme.
Kannte Dave ihn wirklich nicht? Hatte er nicht vielleicht doch damals ein bißchen mehr von sich preis gegeben als er gewollt hatte, als er nach der Trauerfeier zu ihm gekommen war, um sich mit ihm auszusprechen?
„Ich werde nicht zulassen, daß mein Bruder meine Familie zerstört", fügte er noch hinzu.
Es war gleichgültig. Für ihn zählte, was er hatte, was ihm etwas bedeutete. Und das „Geschäft", wie sein Vater dieses ganze Imperium genannt hatte, über das Familie Sheppard gebot, interessierte ihn nicht einmal am Rande. Er hatte endlich das, was er sich sein ganzes Leben lang gewünscht hatte. Es mochte nicht immer einfach sein, da sie weit voneinander getrennt lebten und er sein Kind nicht so oft sah, wie es ihm lieb gewesen wäre, aber er hatte das, was er immer vermißt hatte: In Vashtu mehr als eine Seelenverwandte, die Frau, die er lieben konnte wie niemanden sonst und mit Jordan das Kind, auf das er nicht mehr gehofft hatte nach all den Turbulenzen in seinem Leben. Er würde jetzt nicht danebenstehen und zusehen, wie sein Bruder wie ein wütender Derwisch kam und ihm genau das wieder nahm, was er und Vashtu in den letzten Jahren so mühevoll aufgebaut hatten.
Vashtu schüttelte unvermittelt den Kopf. „Ich gehe morgen nicht mehr dahin", flüsterte sie heiser.
John seufzte, strich ihr mit einem Finger liebevoll eine Träne von der Wange. „Schlaf erst einmal drüber und beruhige dich", schlug er sanft vor. „Morgen kann das ganze schon vollkommen anders aussehen. Außerdem ... es ist doch nur noch morgen."
„Ich habe dich und Jordan schon viel zu sehr vernachlässigt." Vashtu blickte auf. Ihre dunkelbraunen Augen schwammen in Tränen.
„Du hast uns ganz und gar nicht vernachlässigt." John beugte sich vor und küßte sie sanft auf die Stirn. „Im Gegenteil, du hast mehr Zeit mit uns verbracht als ich zunächst angenommen habe nach der Eröffnung, daß du zur Konferenz möchtest."
Sie sah ihn schweigend an, während er ihr auch noch die anderen Tränen, die feuchte Spuren in ihre Wangen gruben, sacht fortwischte.
„Ich möchte euch nicht verlieren", wisperte sie schließlich. „Ich habe immer darum gekämpft, bei dir und Jordan sein zu können."
John nahm ihr Gesicht in beide Hände und sah sie zärtlich an. „Und du hast bis jetzt alles überlebt, selbst als es wirklich schlimm aussah", flüsterte er. „Und genau darum laß dich jetzt nicht von meinem Bruder ins Bockshorn jagen. Wenn Dave sich die Zähnen an der Regierung ausbeißen will, meinen Segen hat er. Aber er wird weder dir noch Jordan jemals wieder wehtun, das schwöre ich dir." Er beugte sich noch weiter vor und küßte liebevoll ihre warmen Lippen.
„Mummy, Daddy! Guckt doch mal!" schallte in diesem Moment Jordans helle Kinderstimme durch das Ferienhaus.
John zog sich langsam wieder zurück, ein Grinsen auf den Lippen. „Am Timing müssen wir noch arbeiten", sagte er, ehe er sie wieder losließ.
Vashtu wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht und nickte. Noch immer brannten Tränen in ihren Augen, doch auch sie lächelte.
„Mummy? Daddy?" Jordan zog beide Worte fast bis zur Unkenntlichkeit in die Länge.
Vashtu wurde unruhig. „Ich möchte nicht, daß Jordan mich so sieht", sagte sie leise. „Ich gehe laufen."
John zögerte, warf einen Blick zum Fenster hinaus. Die Nacht klopfte an das Glas. „Bist du sicher?"
„Hey, ich lebe in einer auseinanderfallenden Galaxie mit künstlich erzeugten Hybridwesen, die meist doppelt so groß sind wie ich. Ich komm schon klar." Vashtu erhob sich, zupfte an ihrer Jogginghose herum, die sie schon den ganzen Abend trug. „In einer Stunde bin ich wieder da. Dann hab ich, denke ich, auch nachgedacht."
„Laß dir Zeit." Jetzt stand auch John auf.
Vashtu ging zur Terrassentür hinüber und schob sie langsam auf. „Warte nicht auf mich, okay?"
„Mummy! Daddy!" Dieses Mal war der Ruf eher ein Singsang.
John sah, wie Vashtu in der Dunkelheit verschwand, dann drehte er sich endlich um und ging zur Treppe.

***

Warum mußte diese verdammte Klinik mitten in der Everglades liegen?
Mike knabberte nervös an seinen Fingernägeln, streckte dann die Hand aus und nahm das Glas, um den Inhalt auf Ex runterzukippen.
Er haßte die Everglades! Er mochte diese gewaltige Natur nicht, die Alligatoren, die Mücken und Stechfliegen, die Aale, die Vögel, das ganze Viehzeugs. Er mochte den fauligen Geruch von brackigem Wasser nicht, nicht die feuchte Schwüle, die dort draußen herrschte. Er mochte auch die Sumpfgaswolken nicht, die unregelmäßig Irrlichter über dem Gebiet tanzen ließen.
Die Everglades, das war Mikes persönliche Hölle. Der Ort, den er am liebsten am anderen Ende der Welt gewußt hätte.
Beim letzten Mal, als er in dieses verdammte Sumpfgebiet hineingeraten war, hatte ihm das die Bekanntschaft mit Caine und eine mehrjährige Haftstrafe eingebracht, nicht zu vergessen eine langwierige Entzündung durch irgendwelche Amöben, die da draußen im Sumpfwasser schwammen und sich auf jeden stürzten, der es wagte, ihnen zu nahe zu kommen.
Als Julie den Job annahm in dieser merkwürdigen Klinik hatte er von seinem geringen Veto-Recht Gebrauch gemacht und sie darüber aufgeklärt, daß, sollte jemals ihr Wagen da draußen verrecken, er sich sicher nicht bereitfinden würde sie abzuholen. Aber das größere Gewicht der nicht gerade schlechten Bezahlung hatte schließlich den Ausschlag gegeben, daß Julie doch den Job als Schwester bei diesen beiden Ärzten annahm.
Julie war auf der Arbeit verschwunden. Er hatte mit Ruth Bloch, der Oberschwester, die ihr die Anweisung gegeben hatte, dieses Zimmer 113 zu säubern, telefoniert. Die hatte sich schon Sorgen gemacht und sich ihrerseits melden wollen, wußte aber offensichtlich auch nichts. Niemand wußte irgendetwas und die Polizei legte die Hände in den Schoß und grinste sich einen.
Mike goß sich noch ein Glas ein.
Die Everglades, dieser gewaltige Sumpf, diese unwirtliche Wildnis, in der er sich immer so klein und unbedeutend wie eine Ameise fühlte. Darum mochte er das Marschland nicht, weil die Sümpfe ihn darauf aufmerksam machten, daß er vergänglich war und nichts zurückbleiben würde von ihm, wenn er in einem der Sumpflöcher verschwand oder gar einem Alligator zum Opfer fiel.
Mike schluckte den billigen Fusel hinunter, ohne ihn zu schmecken, knallte dann das leere Glas hart auf den Tisch.
Julie war noch immer nicht wieder aufgetaucht. Sie hatte sich nicht gemeldet, ihr Auto war angeblich nicht mehr an der Klinik, selbst ihre Sachen waren noch hier. Soviel also zum Thema „sie hat Sie verlassen, Mike!". Nein, nicht Julie. Die kam immer zurück, immer!
Nur dieses Mal nicht, wisperte ihm eine kleine boshafte Stimme zu. Dieses Mal ist sie wirklich weg.
Ja, das war sie wohl ...
Mike wurde die Kehle eng, japsend holte er Atem, griff nach der Flasche.
Zum Teufel mit den Everglades! Zum Teufel mit dieser verdammten Klinik! Zum Teufel mit diesen beiden Medizin-Gurus, die den Indianern einen Teil ihres Landes abgeschwatzt hatten.
Oh ja, die Patienten hatten es einfach. Kaum zwanzig Minuten lag die Klinik vom Casino entfernt. Ein Umstand, der Mike früher einmal amüsiert hatte. Es gab zwar keinen direkten Zugang, weil zwischen den beiden Anlagen Brackland lag, aber ...
Vielleicht war Julie ja in diesem verdammten Casino versumpft.
Nein, rief Mike sich zur Ordnung. Das war eine seiner ersten Anlaufstellen gewesen. Dort war sie nicht.
Er starrte die halbleere Flasche an, nagte wieder an seinen Fingern.
Und dann, von einem Moment auf den anderen, ging ein Ruck durch seinen Körper und er richtete sich auf.
Wenn ihm keiner helfen wollte, dann würde er eben selbst suchen. Auch wenn diese verdammte Klinik in den verfluchten Everglades lag, er würde rausfahren und nach Julie suchen. Genau das, was er die letzten drei Tage nicht getan hatte.
Mike kam, trotz aller innerer Ernüchterung, taumelnd auf die Beine und griff sich seine Wagenschlüssel.
Er würde Julie finden, und sie würde ihn als ihren Helden feiern, davon war er überzeugt.

***

Vashtu joggte den Strand entlang, der nur unzureichend erhellt wurde durch die Sterne und die fernen Lichter der Innenstadt von Miami. Ihre Augen hatten sich mittlerweile recht gut an die ungewohnte Dunkelheit gewöhnt, dennoch verfluchte sie sich selbst dafür, daß sie keine Lampe mitgenommen hatte.
Mittlerweile war es für sie einfach nur ungewohnt, wenn es abends nicht hell genug war, um selbst Zeitung lesen zu können.
Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Wieso hatte sie getan, was sie getan hatte? Es hatte ihr doch klar sein müssen, daß Dave ihr daraus einen Strick drehen konnte. Sie hätte es John sagen müssen, aber ... Wenn sie ehrlich war, schämte sie sich dafür, daß sie sich nicht richtig unter Kontrolle gehabt hatte in der Limosine.
Es war einfach ihre schlimmste Angst, mußte sie zugeben. Alles konnte man ihr nehmen, wenn es sein mußte sogar ihre Arbeit. Aber niemand durfte ihr John oder Jordan wegnehmen, niemand! Was man im Medusenhaupt nicht geschafft hatte, keiner ihrer Feinde, weder ihrer persönlichen, noch die Vinetas, das würde sie auch auf der Erde nicht zulassen.
Und doch hatte Dave mehr oder minder direkt gedroht, ihr Jordan wegzunehmen. Er hatte sie bezichtigt, eine billige Hure zu sein, die sich aus purem Kalkül hatte schwängern lassen.
Ihre Augen brannten wieder. Sie mußte blinzeln und redete sich ein, daß es nur die salzige Luft so nahe am Wasser war, auch wenn sie es besser wußte.
Wenn sie sich nur an ihre Schwangerschaft zurückerinnerte, daran, wie sie erfahren hatte, daß sie Johns Kind unter dem Herzen trug. Wenn sie daran dachte, zu was Jordan sie damals gezwungen hatte ... Es wurde ihr immer noch übel.
Anne hatte seit der Geburt mehrmals in Gesprächen betont, daß sie Jordan hätte abtreiben lassen für das, was es damals angerichtet hatte. Doch Vashtu wußte es besser. Sie kannte ihre beste Freundin so gut wie kaum jemand anderen, einmal abgesehen vielleicht von John. Anne hätte sich ebenso wie sie an dieses ungeborene Leben geklammert, wenn sie in der gleichen Situation gewesen wäre.
„Wäre es anders und du ein Mann ..."
Vashtu war es, als stünde sie plötzlich wieder in diesem Park, den Annes Bewußtsein geschaffen hatte, und würde erneut die Hand der anderen halten.
Jordan hatte zwei Mütter, ging ihr auf. Anne war mindestens ebenso an der Erziehung des Kindes beteiligt wie sie als die leibliche Mutter. Und Jordan akzeptierte diese Situation auf eine ganz eigene kindliche Art.
Vashtu wußte, wie sehr das Kind geweint hatte, als diese Sache mit Anne geschah, man hatte ihr berichtet, das Jordan sich damals beinahe die Seele aus dem Leib gebrüllt hatte, als man sie, Vashtu, mit den Irion-Spinnen folterte und das Kleine durch purem Zufall im Kontrollraum gewesen war, als eine neue Forderung einging.
Was hatte sie für ihr Kind riskiert? Seit es Jordan gab, und das wurde Vashtu jetzt erst richtig klar, tat sie, was sie tat, für das Kleine. Anne hatte gemeint, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr, sie würde nach der Geburt ruhiger und umsichtiger werden. Das war nicht der Fall, und der Antikerin ging endlich auf, warum: Weil es da noch drei andere gab, die auf Jordan achten konnten, wenn ihr etwas zustieß.
Nein, seit das Kind geboren war, tat sie, was sie tun mußte, mit dem Herzen einer Mutter, die ihr Leben geben würde, wenn sie dadurch das ihres Kindes retten konnte. Es mochte stimmen, daß sie längst nicht mehr so waghalsig war wie früher, aber gab es eine Bedrohung, war sie zur Stelle, um zu tun, was sie als ihre Pflicht empfand. Jordan mußte leben, mußte groß werden, erwachsen, würde vielleicht irgendwann selbst Kinder haben, das war alles, was letztendlich zählte. Vashtu war klar, sie würde selbst Vineta riskieren, wenn sie dadurch ihrem Kind helfen konnte.
Wenn sie ehrlich war, im Moment wünschte sie sich wirklich Anne hierher. Nicht, weil John nicht helfen konnte, wahrscheinlich war genau das Gegenteil der Fall. Nein, sie brauchte jedes Quentchen Kraft, das sie bekommen konnte. Und Anne hatte ihr von Anfang an Kraft gegeben durch das Vertrauen, daß sie in sie investierte.
„Wäre es anders und du ein Mann ..."
Das hatte Anne zu ihr gesagt damals, in dieser Traumwelt, in der die zivile Leiterin der Stadt gefangen gewesen war. Vashtu hatte eine Ansteckung riskiert, hatte interveniert, wie und wo sie konnte, um Anne weiter in der Stadt halten zu können. Dabei aber war ihr auch klar geworden, daß es ihr ähnlich ging, wenn auch auf einer anderen Ebene. Anne war der ausgleichende Teil, der Brunnen, aus dem sie Kraft schöpfen konnte, das was sie brauchte, auch für Jordan. Wäre Anne nicht gewesen, trotz der Weigerung, sie an einem Heilmittel für die Erethianer mitarbeiten zu lassen, sie wäre nicht hier, würde nicht von der Fachwelt wahrgenommen und als neuer Stern am Genetikerhimmel gefeiert werden. Hätte Anne die Berichte und Forschungsergebnisse, die sie irgendwo in den Tiefen ihres Rechners vergraben hatte, nicht nach Atlantis und dann zur Erde geschickt, ihr wäre nie der Doktortitel zugesprochen worden, der sie jetzt so stolz machte.
Wäre Anne jetzt hier, ihr würde sicherlich irgendetwas einfallen, ging Vashtu auf. Irgendwie würde sie sie abzulenken wissen und vielleicht wirklich John das Ruder überlassen. Oder sie würde mit ihrem fraulichen Charme, um den Vashtu sie ehrlich beneidete, irgendeinen Verantwortlichen in die Pflicht nehmen als Ritter auf dem weißen Roß, der zur Ehrenrettung der Antikerin angaloppiert kommen würde. Anne würde eine Lösung finden, die ihr nicht die Tränen in die Augen trieb vor Angst.
Ein flackerndes Licht riß die Antikerin aus ihren Gedanken. Sie stoppte und blinzelte in die Nacht die Düne hinauf. War da nicht ein leises Wispern?
Vashtu zögerte, sah kurz auf ihre Uhr hinunter und stellte fest, daß die Stunde, um die sie John gebeten hatte, fast vorbei war. Sie sollte umkehren, nach Jordan sehen und versuchen, diese ganze Sache zu vergessen. Vielleicht hatte sie Dave ja genug eingeschüchtert, daß der nicht einmal in Erwägung zog, noch weiter zu gehen.
Wieder huschte ein greller Lichtfinger durch die Nacht.
Vashtu sah sich kurz am Strand um, doch abgesehen von den stetig auflaufenden Wellen war dieser Teil des Strandes leer.
Was ging da oben vor sich?
Ihre Neugier war geweckt. Tief und schwer stapfend, als würde sie durch frisch gefallenen Schnee laufen, nahm sie die Düne in Angriff und kam mühsam vorwärts. Ein kurzes Stück weiter flatterte etwas in der kühlen Brise vom Ozean her. Wäre es heller gewesen, wäre Vashtu sicherlich die gelbe Färbung des zerrissenen Plastikbandes aufgefallen, sowie der Warndruck: Crime Scene - Do not cross!
Die Stimmen wurden deutlicher, aber sie verstand immer noch kein Wort. Es ging ihr nur auf, daß es sich nur um eine Stimme handelte, die offensichtlich einen Monolog abhielt. Wozu und warum war ihr allerdings nicht klar ... oder besser solange nicht klar, wie sie brauchte, um am Gipfel der Düne anzukommen.
Ein Mann stand, einen Spaten in der Hand, über einer flachen Grube. Und in dieser Grube sah Vashtu etwas gelbliches leuchten, das definitiv kein Sand war.
„Sie?" Entgeistert trat die Antikerin näher, konnte nicht glauben, wen sie sah.
Aber es war wahr: Eine Leiche lag in der flachen Grube, und ein Mann war dabei, eben diese Grube wieder zuzuschaufeln.
Jetzt blickte der Mann auf und begann wie irr zu lächeln. „Dr. Uruhk, wie schön. Ich wollte ohnehin mit Ihnen über Ihren Genpol sprechen. Tom?"
Er war nicht allein!
Das ging Vashtu in dem Moment auf, in dem die Breitseite eines zweiten Spatens ihre Schläfe traf und sie zusammensackte wie eine Marionette, deren Fäden man durchschnitten hatte ...

TBC ...