06.07.2010

Das Angesicht des Feindes 4/4 II

Sie spürte Frederics fragenden Blick auf sich, als sie, dem anderen Jumper mit Markham am Steuer folgend, durch die Schleuse den Jägerhangar der Prometheus anflog. Sie kniff die Lippen fest aufeinander und starrte stur vor sich hin.
Laut Cornyr fehlten von seinen Leuten sechs, wie er selbst fand eine erträgliche Zahl. Was sie aber eingebüßt hatte ... Fünfzehn Männer, darunter Wallace und Babbis, waren von den Devi fortgerissen worden. Von der ursprünglichen Crew, die Pendergast ihr zugestanden hatte, waren nur sie, Frederics, Leigh und Markham geblieben.
"Mam?" fragte der junge Marine jetzt.
Sie reagierte nicht darauf, starrte weiter stur geradeaus und ließ den Jumper sanft landen. Dann atmete sie tief ein, als sie sah, wer da, umgeben von Marines, mitten im Hangar stand.
Pendergast!
Sie stöhnte leise auf, ließ dann die Heckluke herunterfahren und erhob sich.
"Mam, der Colonel ... Die Erethianer ... ?" Frederics warf ihr einen hilflosen Blick zu, während die Menschen, die sie hatte einsammeln lassen, mit großen, staunenden Augen den Jumper verließen. Sie beobachtete sie dabei und fühlte sich bestätigt, wenn auch nicht einen Deut besser.
"Wir konnten sie nicht da unten lassen. Die Devi wären wieder gekommen, sobald wir verschwunden wären", sagte sie schließlich. Doch selbst in ihren Ohren klang es eigentlich eher wie eine lahme Entschuldigung.
Frederics warf ihr einen zweifelnden Blick zu.
"Ich weiß, was ich tue", knurrte sie, versuchte zumindest etwas von ihrer Entschlossenheit wieder zusammenzukratzen.
Cornyr drehte sich zu ihr um und nickte ihr zu. „Wir sind dir sehr dankbar, Major Uruhk", sagte er dann, ehe er ebenfalls den Jumper verließ.
Vashtu warf ihm einen skeptischen Blick zu, den der Alte aber schon nicht mehr wahrnahm. Dann straffte sie die Schultern. „Besser wird es nicht mehr, was, Lieutenant?" Sie brachte irgendwie eine zerknirschtes Lächeln zu stande.
"Soll ich ... ?" Frederics wies auf die Rampe.
Vashtu nickte nur stumm und ließ ihm damit den Vortritt.
Wenn sie genau sein wollte, sie hätte auf die nun kommende Konfrontation mehr als nur verzichten können. Sie fragte sich ohnehin, warum Pendergast es nicht dabei hatte bewenden lassen, sondern ihr auch noch Männer nachgeschickt hatte, die den Devi erst recht in die Falle gelaufen waren.
Aber das würde sie wohl nicht erfahren, solange sie sich dem Colonel nicht stellte, sagte sie sich seufzend und trat auf die Rampe.
"Major Uruhk!" begrüßte Pendergast sie mit schneidender Stimme.
Vashtu atmete einige Male tief ein, sah sich kurz um.
Die Erethianer hatten sich alle zwischen den beiden Jumpern versammelt, die mageren Reste ihres und des Rettungsteams standen bei Markham zusammen und sahen sie groß an. Jetzt lag es an ihr, ob sie es überlebte oder ...
Entschlossener als sie sich fühlte, marschierte sie an den wartenden Menschen vorbei auf Pendergast zu. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie dabei eine dritte Gruppe, die offenbar gerade den Hangar betreten hatte. Ein Teil der Crew aus Atlantis. Dr. Anne Stross stand in der vordersten Reihe und lächelte ihr zu.
Vashtu nickte unmerklich, trat dann Pendergast endlich entgegen und grüßte. „Sir?"
Pendergast starrte sie mit seinen kalten Augen an. Dabei wirkte er ansonsten recht sympatisch, solange er niemanden ansah oder den Mund aufmachte. Und bei dem, was er jetzt sicherlich vorbringen würde, hatte er zum guten Teil sogar recht, wie sie sich leider selbst sagen mußte.
"Wer sind diese Menschen?" Der Colonel wies mit der Hand auf die Erethianer.
Vashtu sah ihn an. Noch hatte er ihr wieder den Gruß nicht abgenommen. Er liebte es, sie auf diese Weise ein wenig zu quälen, und das wußte auch sie. Doch sie würde sich nicht von ihm kleinkriegen lassen, auch wenn ihr wundervoller Plan vor kurzer Zeit in Trümmer gelegt worden war.
"Sie nennen sich Erethianer, Sir", antwortete sie. „Sie sind ... waren ein Teil der Bewohner des Planeten. Es erschien mir nach den jüngsten Ereignissen sinnvoller, sie mitzunehmen."
"Ist die Prometheus Ihrer Meinung nach noch nicht voll genug?" Pendergasts Stimme wurde leise bei diesen Worten.
"Es ist nur vorübergehend, Sir, bis die Devi eliminiert sind, Sir", antwortete sie.
Der Colonel trat näher, starrte sie an. „Die Devi?" fragte er mit einem drohenden Unterton in der Stimme.
"Ja, Sir, die Devi. Die Angreifer, Sir." Sie erwiderte seinen Blick angespannt.
Wie lange wollte er sein Spielchen mit ihr noch durchziehen?
Pendergast nickte. „Die Angreifer also", wiederholte er, begann sie zu umrunden. „Und wer sagt Ihnen, daß diese Devi die Aggressoren sind? Immerhin könnten es auch diese Leute da hinten sein, die ... nun, die für das Chaos verantwortlich sind, das da gerade geschehen ist. Sie waren ja nicht an Ort und Stelle, Major, oder irre ich mich? Hatten Sie die Lage überhaupt im Griff? Meines Wissens war es Lieutenant Frederics, der um Hilfe verlangt hat, während Sie sich mit einem dieser Erethianer in den Wald geschlagen haben und nicht erreichbar waren."
"Ich habe Lieutenant Frederics die Anweisung gegeben, sich an Sie zu wenden, Sir", antwortete sie. Und, zumindest im Nachhinein, stimmte diese Aussage sogar. Frederics hatte sie zwar nicht sofort erreichen können, sich ihre Versicherung aber so bald wie möglich nachgeholt.
"Und warum haben Sie das nicht selbst getan, Major?" Pendergast blieb wieder vor ihr stehen, versuchte erneut, sie niederzustarren.
"Weil ich nicht vor Ort war, Sir", antwortete sie. „Man wollte mir etwas zeigen, was vielleicht wichtig wäre für uns, Sir. Allerdings nur mir allein. Ich gab meinen Männern die Anweisung, die Jumper ins Dorf zu fliegen und die Menschen dort in Sicherheit zu bringen. Offenbar ... kamen sie zu spät."
Der Colonel beugte sich über sie, starrte sie immer noch mit zornblitzenden Augen an. „Sie hatten Ihre Expedition also nicht im Griff, richtig?"
Vashtu schluckte, senkte kurz den Blick, um dann zu nicken. „So sieht es aus, Sir. Ja."
Von der Seite, wo die zurückkehrten Männer des Trupps sich aufhielten, kam leises Getuschel. Doch auch sie würden nichts an der Tatsache ändern können.
Sie hatte die Devi vielleicht sogar auf sie aufmerksam gemacht. Laut Danea konnten diese Hybridwesen sie spüren, ähnlich wie auch die Wraith sie spüren konnten. Sie selbst hatte die Devi ja wahrgenommen, ehe sie auftauchten. Und statt im Dorf geblieben zu sein, war sie allein losgezogen und hatte ihre Männer sich selbst überlassen. Wie auch immer sie die Probleme auch hätte anders lösen können, sie war die Schuldige an dem Debakel auf dem Planeten. Einundzwanzig Leben waren dank ihr in Gefahr oder vielleicht sogar schon ausgelöscht.
"Stehen Sie bequem, Major." Pendergast richtete sich befriedigt wieder auf und lächelte. „Und falls Sie noch irgendetwas geplant haben sollten, Major, lassen Sie es. Sie haben mehr als deutlich bewiesen, daß Sie offensichtlich nicht fähig sind, ein Team zu führen, das aus mehr als ein paar Wissenschaftlern besteht, die Sie hin- und herscheuchen können, wie es Ihnen paßt. Sie sind bis auf weiteres außer Dienst gestellt, Major. Und Sie sollten sich sehr genau überlegen, wem Sie von jetzt an folgen sollten." Damit wandte er sich ab.
Vashtu starrte ihm nach, blinzelte verständnislos, dann holte sie tief Atem und rief ihm nach: „Und die Erethianer?"
"Das ist Ihr Problem, Major. Sie haben diese Menschen hier angeschleppt. Aber Sie werden sie von allen wichtigen Gerätschaften und Technologien fernhalten, haben Sie verstanden?"
"Aber ..."
Pendergast drehte sich wieder zu ihr um und funkelte sie an. „Dank Ihnen habe ich mehr als ein Dutzend Männer verloren, Major! Sie haben auf eklatante Weise versagt bei Ihrer ach so einfachen Mission. Die Prometheus hängt immer noch ohne Antrieb im All, und jetzt haben wir offensichtlich auch noch einen Feind, dessen Technologie vielleicht sogar der unseren ebenbürtig ist. Ich an Ihrer Stelle würde für die nächste Zeit sehr schweigsam sein, Major, mehr als schweigsam! Und ich würde jedem einzelnen Befehl folgen, den man Ihnen gibt."
Aus den Augenwinkeln sah sie, daß die Atlanter inzwischen den Hangar wieder verlassen hatten, fühlte sich plötzlich noch einsamer als bisher.
"Wir könnten sie vielleicht zurückholen, Sir!" versuchte sie einen letzten, verzweifelten Versuch. Sie ließ nie jemanden zurück, nie! Nicht, solange die Aussicht bestand, daß vielleicht noch jemand am Leben war.
Pendergast trat einige Schritte auf sie zu, funkelte sie wütend an. „Sie werden überhaupt gar nichts unternehmen, Major, haben Sie das verstanden? Und auch sonst niemand! Wir können es uns nicht leisten, uns noch mehr Feinde zu machen, schon gar nicht hier. Und sollte mir auch nur den Hauch eines Gerüchtes über eine von wem auch immer geplante Rettungsmission zu Ohren kommen, werfe ich Sie eigenhändig in die Brick! Sie haben genug Chaos angerichtet, Major, mehr als genug! Und jetzt können Sie wegtreten."

***

"Na, Kleines, besuchst du einen alten Mann?" Sergeant George Dorn rappelte sich auf die Ellenbogen und lächelte sie an.
Vashtu schob sich brütend einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Dabei fiel ihr Blick unwillkürlich auf die Stelle unter der dünnen Decke, an der eigentlich das linke Bein des alternden Marine hätte sein sollen. Der Stumpf hatte sich etwas gehoben, eine unwillkürliche Reaktion der verbliebenen Muskeln bei seiner Bewegung. Jetzt sank er wie in Zeitlupe wieder herab.
Vashtu stieg bittere Galle in den Mund. Sie senkte den Kopf und stützte die Stirn auf die Hände.
Dorn beugte sich vor. Seine Hand berührte sanft ihre Schulter. „Hey, Kleine, du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Wirklich nicht", sagte er sanft.
Pendergast hatte sie nach allen Regeln der Kunst zusammengefaltet. Und sie mußte ihm recht geben. Sie hatte Fehler begangen bei ihrer Mission. Viel zu viele Fehler, damit angefangen, daß sie ihr Team aufgeteilt, bis zu der Tatsache, daß sie insgesamt mehr als ein Dutzend Männer verloren hatte an die Devi. Aber das schlimmste von allem war die Tatsache, daß auch ihre letzten beiden Teammitglieder dem unverhofften Feind in die Hände gefallen waren.
Vashtu stöhnte in einer tiefen Qual auf, vergrub das Gesicht in den Händen.
Sie hatte sich einfach keinen anderen Rat gewußt. Sie hatte nicht wirklich herkommen wollen, denn schließlich machte sie sich auch noch Vorwürfe darüber, daß Dorn sein Bein verloren hatte. Aber sonst war niemand mehr auf der Prometheus, dem sie wirklich vertraute.
All ihre Hoffnung war zerstoben. Das Stargate von Vineta war damals zerstört worden, das wußte sie aus den Berichten, die sie in Antarktica gelesen hatte. Was auch immer die Detektoren aufgefangen hatten, es konnte ebensogut aus der Devi-Stadt gekommen sein. Und sie wollte gar nicht wissen, was diese noch aushecken mochten.
"Hey, was ist denn, mh?" Dorn hatte sich aufgerichtet und strich mit einer Hand über ihre Schulter.
"Ich habe alles falsch gemacht!" seufzte sie endlich, in der Hoffnung, ihr würde es dann ein bißchen besser gehen. Doch es war eher das Gegenteil der Fall.
Die Hand des Marines knetete rhythmisch ihre Schulter. „Was willst du denn falsch gemacht haben, Vash?" fragte er sanft. „Soweit ich weiß, hast du bis jetzt alles richtig gemacht."
Kopfschüttelnd sah sie auf, ließ die Hände sinken. Ein bitteres Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Gar nichts habe ich richtig gemacht, George!" entfuhr es ihr wie ein heftiger Schluchzer. Verzweifelt runzelte sie die Stirn. „Ich war auf dem Planeten unten. Aber statt einen Weg nach Hause habe ich alte Feinde gefunden. Und die haben jetzt auch noch Peter und Wallace!" Jetzt schluchzte sie wirklich, wenn auch trocken. Tränen wollten einfach nicht kommen, auch wenn ihre Augen brannten.
Dorn sah sie nachdenklich an, sog die Wangen ein. „Was für Feinde?" fragte er nach einer kleinen Weile.
Sie biß die Lippen fest aufeinander und senkte den Kopf, um das nervöse Kneten ihrer Finger zu beobachten, die ihre Hände gegenseitig bearbeiteten. „Die Devi", flüsterte sie schließlich. „Wir sind in der Galaxie von Vineta." Sie spürte immer noch seinen auffordernden Blick auf sich, und sie wußte, was er damit fragen wollte.
Ihrem Team gegenüber hatte sie nur rudimentär ein paar winzige Details des ganzen Chaos weitergegeben, einschließlich Dorn. Selbst der Psychologe Mackenzie, der sie unter so harten Druck gesetzt hatte, bis fast alle ihre Barrieren gesprengt waren, hatte dieses letzte Geheimnis nicht aus ihr herausbekommen. Und das aus gutem Grund!
Aber jetzt und hier brauchte sie Hilfe. Sie brauchte jemandem, dem sie sich anvertrauen konnte ohne befürchten zu müssen, daß ihr Geständnis an Pendergast weitergegeben wurde.
Sie atmete tief ein, hielt den Blick gesenkt. „Vineta war eine geheime Forschungseinrichtung meines Volkes, so streng geheim, daß nur die, die hier lebten und arbeiteten und der Rat von Atlantis etwas davon wußten. Hier sollte an einer Waffe gegen die Wraith geforscht werden." Sie schloß die Augen. Aus ihrem Geist stiegen die Erinnerungen auf, die sie inzwischen seit knapp einem halben Jahr mit sich herumschleppte. „Nach ... meinem Selbstversuch beschlagnahmte der Rat meine Forschungsergebnisse, soweit ich sie nicht in einem geheimen Kristall gespeichert hatte. Man leitete meine Berichte an Vineta weiter. Und ..." Sie stockte, blickte jetzt doch auf. „George, das habe ich noch niemandem außer John erzählt. Und selbst er ... konnte es nicht wirklich verstehen!"
Dorn sah sie ernst an. „Die Forscher von Vineta benutzten deine Ergebnisse, um? Sie haben irgendetwas ausgelöst, richtig?" fragte er schließlich.
Sie starrte ihn einen Moment lang an, dann nickte sie. „Mit Hilfe meiner Forschungen gelang es ihnen, eine Hybridrasse zu züchten: die Devi. Doch die wandten sich sehr schnell gegen mein Volk und merzten es so gut wie aus in dieser Galaxie. Vineta ging unter, an seiner eigenen Überheblichkeit und meiner Arbeit."
Dorn schüttelte den Kopf. „Nicht wegen deiner Arbeit, Kleines", entgegnete er mit sehr sanfter Stimme. „Sie hatten es nicht unter Kontrolle und die Folgen nicht wirklich bedacht. Du hast ihnen nur einen Hinweis gegeben."
Wenn es doch so einfach wäre! Vashtu wünschte sich nichts mehr als das. Aber die Tatsachen sahen nun einmal anders aus. Wäre sie nicht gewesen und hätte die Fehler in den Forschungen ihres Vaters berichtigt, hätte Vineta vielleicht noch Jahrhunderte Bestand gehabt. Sie hatte dafür gesorgt, daß die Stadt und ihr Volk in dieser Galaxie vernichtet wurden.
"Du hast dieses Vineta gefunden", fuhr Dorn fort. „Und jetzt fühlst du dich erst recht schuldig. Aber das ist falsch. Du hast nichts daran ändern können, daß Merlin und sein Pack deine Arbeit an sich rissen. Mackenzie hat doch darüber mit dir gesprochen, das hast du mir erzählt."
"Aber das ist etwas anderes!" entfuhr es ihr lauter als sie wollte.
Dorn lächelte, klopfte ihr auf den Arm. „So mag ich mein Mädchen!" lobte er sie, als sei sie wirklich seine Tochter. Und, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, sie wünschte sich nichts mehr als das.
"Du hast also diese Hybridrasse getroffen. Sie leben, seit zehntausend Jahren?, hier", faßte der Marine mit ruhiger, tiefer Stimme zusammen.
Vashtu nickte stumm.
"Sie haben dich angegriffen", fuhr er fort.
"Mit Peter und Wallace sind allein von der Mannschaft der Prometheus fünfzehn Leute verschwunden", sagte sie leise, runzelte wieder die Stirn und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Nicht mitgerechnet die, die die Erethianer verloren haben."
"Erethianer?" Dorn musterte sie fragend.
"Die Bewohner des Planeten."
Dorn nickte. „Und der Rest?"<
"Die sind hier. Ich habe mich nicht getraut, sie unten auf dem Planeten zu lassen. Die Devi hätten bestimmt einen zweiten Angriff gestartet, sobald wir wieder in der Prometheus waren."
"Gut." Er lächelte, wieder in seine Einsilbigkeit zurückfallend.
Das war allerdings nur ein schwacher Trost. Sie hatte vielleicht vierzig Leuten das Leben gerettet, aber sie wußte nicht, wieviele die Devi hatten vorher einfangen können. Laut Danea rotteten diese fremdartigen Wesen eine Rasse nach der anderen aus.
"Weißt du, wo die Gefangenen sind?" fragte Dorn.
Vashtu zuckte mit den Schultern. Dann fiel ihr diese eigenartige Stadt am Hang wieder ein, die sie kurz gesehen hatte, ehe Danea ihr Vineta zeigte. „Ich schätze, sie werden sie in ihre Stadt gebracht haben", antwortete sie zögernd.
"Und du weißt, wo die ist?" bohrte Dorn weiter, sah ihr jetzt tief in die Augen.
Vashtu starrte den Marine groß an, als sie begriff, was er ihr eigentlich sagen wollte. Dann schüttelte sie vehement den Kopf. „Oh nein, George! Pendergast hat eine Rettungsmission untersagt, erst recht wenn ich daran beteiligt bin. Ihm wird es egal sein, ob ein paar von seinen Männern draufgehen, Peter und Wallace sind ihm sowieso gleichgültig."
"Wie ist das Motto?" fragte er und begann zu grinsen.
Vashtu wandte sich ab. „Was du da von mir verlangst, kann mich in die Brick bringen, George. Das ist klare Befehlsverweigerung. Und diesmal hätte ich nicht gegen ein Weichei wie Caldwell anzutreten. Pendergast ist eine ganz andere Liga!"
"Wie lautet das Motto, Kleines?"
Vashtu biß sich auf die Lippen, senkte dann den Kopf wieder und seufzte. „Wir lassen nie jemandem zurück."
"Dann tu es auch nicht!" Ein leises Knarren verriet ihr, daß er sich zurücklehnte.
"Das kann ich nicht, George! Ich bin noch neu auf diesem Schiff, ich habe keinen Fürsprecher und bin nicht im Team - dafür sorgt Pendergast schon allein", begehrte sie auf.
Dorn sah sie mit hochgezogenen Brauen an. „Du hast mehr Fürsprecher als du denkst, Vashtu", entgegnete er gelassen. „Und wenn du eine Rettungsmission durchziehen willst, wirst du ganz sicher auch andere finden, die dir helfen werden. Nur allein die Atlanter werden es tun wollen."
"Dafür brauche ich erfahrene Spezialisten!"
"Dann hol sie dir. Du kannst es!"
Vashtu schüttelte den Kopf, wurde dann auf sich nähernde Schritte aufmerksam und schielte unter ihren Ponyfransen hoch.
Die schlanke Gestalt mit dem freundlichen Gesicht von Dr. Grodin blieb vor Dorns Bett stehen, sah zu ihr hinunter. Seinen Blick wußte sie nicht recht zu deuten, doch es war klar, weswegen er gekommen war.
"Ich muß los." Sie seufzte und erhob sich. Mit einem bitteren Lächeln sah sie zu dem Marine hinunter.
"Major Uruhk, ich würde gern kurz mit Ihnen sprechen - allein", wandte Grodin sich unvermittelt an sie. Seine Aussprache verriet seine Herkunft sehr deutlich. Ein so glattes Englisch hörte sie selten.
Irritiert sah sie auf und blinzelte.
"Bitte?" Er hob den Arm in einer einladenden Geste.
"Mach es, Kleines. Du kannst es, glaube mir", verabschiedete Dorn sich mit einem Lächeln von ihr, drückte noch einmal ihre Hand.
Vashtu war verwirrt. Was wollte der Mediziner von ihr? Ihr wieder einmal predigen, daß sie seine Patienten nicht stören sollte? Dabei hatte sie doch versucht, so leise wie möglich zu sein.
Sie folgte Grodin in eine kleine Kabine, die er offenbar als ein Büro eingerichtet hatte. Ihr fiel sofort der kleine Springbrunnen in der Ecke auf, der ziemlich laut das Wasser plätschern ließ. Bisher hatte er das jedes Mal getan, wenn sie hergekommen war, fiel ihr ein.
Grodin setzte sich hinter den einfachen Tisch, den er benutzte, bot ihr den Besucherstuhl auf der anderen Seite an.
Stirnrunzelnd ließ Vashtu sich nieder und wartete.
Bisher hatte sie recht wenige Worte mit dem Mediziner gewechselt, einmal abgesehen von seinem doch recht vehementem Bestehen auf der Einhaltung der Besuchszeiten, die sie regelmäßig wegen ihres Dienstes verpaßte. Irgendwie hatte sie schon zu Anfang der Verdacht beschlichen, daß Pendergast sie bewußt von ihrem Team isolierte, ebenso wie er sie von der Atlantis-Crew und Teilen seines eigenen Personals fernhielt. Die Frage war nur, warum tat er das?
Grodin lehnte sich zurück, faltete die Hände und musterte sie aufmerksam. „Ich will keine langen Vorreden führen", begann er dann schließlich. „Ich habe vor zwei Tagen eine Anfrage des Colonel bekommen bezüglich Ihrer Untersuchungsergebnisse."
Vashtu zuckte mit den Schultern. „Und?" fragte sie.<
Als sie sich auf der Prometheus gemeldet hatte, hatte Pendergast darauf bestanden, daß sie sich von Grodin gründlich durchchecken ließ. Ein ganz normaler Vorgang, den sie auch aus Cheyenne-Mountain kannte.
Grodin hob leicht den Kopf und atmete tief ein. „Major, ich frage Sie ganz offen: Was soll ich dem Colonel in Bezug auf Ihre Blutwerte mitteilen? Die Wahrheit, oder ... ?" Er hob die Schultern, ließ sie dann wieder sinken.
Vashtus Augen weiteten sich, als sie begriff, was er damit sagen wollte.
Natürlich! Daran hatte sie nicht gedacht, nie! Es war so normal für sie geworden, daß ihr im SGC Blut abgenommen wurde nach jedem Fremdwelteinsatz, daß sie es schlicht vergessen hatte. Aber hier und jetzt konnte es überlebenswichtig für sie sein, daß Pendergast nichts von ihrem veränderten Genom erfuhr.
Grodin nickte verstehend, beugte sich vor und öffnete eine Akte, die auf seinem Schreibtisch lag. „Ich gehe davon aus, daß Sie eher letzteres wünschen, Major", sagte er, sah wieder auf und musterte sie aufmerksam. „Allerdings hätte ich, ehe ich irgendjemanden anlüge, gern selbst eine Erklärung. Was sind das für fremde Zellen? Und woher stammen sie?"
Ihr Geheimnis war verraten, und sie selbst hatte dafür gesorgt. Seit mehr als vierzehn Tagen hütete sie sich, irgendjemandem an Bord der Prometheus die ganze Wahrheit über sich zu erzählen. Und ausgerechnet schon am ersten hatte sie es selbst verraten.
"Ich ... Es war eine Gentherapie", antwortete sie stockend. „Aus diesem Grund bin ich, trotz der langen Zeit, die ich in Atlantis schlief, so jung geblieben. Ich habe diese Therapie selbst verfeinert in meiner Zeit, Doc, und ... sie mir schließlich auch selbst verabreicht."
Grodin nickte nachdenklich. „Und was sollte Ihnen das bringen?" erkundigte er sich.
Vashtu biß sich auf die Lippen. „Mein Vater hatte diese Therapie entwickelt. Ich verfeinerte sie nur und merzte die Fehler aus. Wir forschten an ... wir wollten einen Krieger gegen die Wraith, der sie mit ihren eigenen Waffen schlagen kann."
"Also tragen Sie Wraith-Zellen in sich." Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Vashtu nickte, wagte einen Blick unter ihren Ponyfransen hervor.
Grodin saß nachdenklich da und las offensichtlich noch einmal den Bericht. Dann nahm er das oberste Blatt aus der Akte und schob es ihr über den Schreibtisch zu. „Ich werde den Bericht austauschen, Major. Was mich angeht, haben Sie vollkommen normales Blut, wie jeder hier", entschied er endlich, hielt ihren Blick gefangen. „Und Sie werden ebenfalls darüber schweigen - es sei denn gegenüber Anne Stross. Sie sollte es wissen, Major. Immerhin hat sie sich, seit Ihrem unverhofften Eintreffen hier, für Sie eingesetzt. Ich kenne Sie noch nicht gut genug, um Sie wirklich beurteilen zu können. Aber ich traue Anne und ihrer Menschenkenntnis."
Vashtu verstand. „Sie gehören zur Atlantis-Crew!" entfuhr es ihr.
Grodin nickte. „Ich war der Chefarzt dort", berichtete er knapp. „Dr. Heisen, der Arzt der Prometheus, kam ums Leben, also wurde erst einmal ich hier eingesetzt." In seinem Gesicht zuckte es kurz, er neigte leicht den Kopf. „Anne meinte, daß Sie vielleicht die Antwort auf unsere Fragen und Gebete wären. Vielleicht hat sie recht, ich hoffe es zumindest. Keiner von uns will auf irgendeinem Felsbrocken ausgesetzt oder hier wie ein Gefangener gehalten werden - auch Sie nicht, wenn ich Ihr Handeln richtig beurteile." Er schloß die Akte wieder und lehnte sich zurück.
Vashtu wußte nicht, was sie sagen sollte. Zögernd streckte sie die Hand aus und nahm sich das Papier. Kurz überflog sie es, dann atmete sie tief ein und zerknüllte es in ihrer Hand, während sie die Augen schloß. „Danke, Doc", wisperte sie nach einer kleinen Weile.

TBC ...

04.07.2010

2.02 Das Angesicht des Feindes 4/4

TV-Serie: Stargate general
Reihe: SG-V (Stargate: Vineta)
Genre: action, adventure, humor
Rating: PG



"Du gehörst zu ihnen!" In der Stimme des Erethianers lag plötzlich grenzenloser Zorn.
Vashtu Uruhk starrte noch immer auf das hinunter, was die gewaltige Höhle ausfüllte. Eine Stadt ihres Volkes, eine Antikerstadt. Die Stadt, die sie niemals in ihrem ganzen Leben hatte betreten wollen. Die Stadt, die wegen ihrer Forschungen untergegangen war.
Ächzend beugte sie sich vor. Ihr war, als trüge sie plötzlich das Gewicht der Felsen auf ihren Schultern statt den drei gewaltigen Felssäulen, die zur durchlöcherten Decke hinaufragten.
Deutlich konnte sie den Zentralturm erkennen, die drei Bereiche Vinetas, die voneinander getrennt waren. Ein gewaltiger Krater hatte sich tief in die wissenschaftlichen Bereiche der Stadt gefressen, sogar die Decke der Höhle gesprengt. Lichtspeere beleuchteten die stummen Gebäude, die wie mahnende Finger in die Luft ragten.
Das konnte doch nicht sein! Sie war nie im Leben in dieser fernen Galaxis, sie hätte es doch ... bemerken müssen.
Vashtu richtete sich stöhnend wieder auf, konnte den Blick noch immer nicht von ihrer ganz privaten Nemesis reißen.
Die geheime Stadt ihres Volkes. Die Forschungszentrale, in der an einer Waffe gegen die Wraith gearbeitet worden war. Doch statt dessen hatte man etwas sehr viel tödlicheres erschaffen. Etwas, was damals einen Holokaust an ihrem Volk angerichtet hatte: die Devi!
"Diese Dämonen", wisperte sie mit erstickter Stimme, „könnte es sein, daß sie sich anders nennen? Heißen sie vielleicht Devi?"
Sie konnte es nicht glauben. Das ganze war rund zehntausend Jahre her! Das konnte doch alles nicht sein. Vineta hatte die Zerstörung, soweit sie in den Berichten hatte nachlesen können, doch gar nicht überstanden!
Und doch sah sie die Stadt deutlich vor sich. Sie brauchte nur einige hundert Schritte weiterzugehen und würde zwischen den gebogenen Säulen des gewaltigen Tores stehen, es berühren können.
Vashtu riß sich von diesem erschreckenden Anblick los und drehte sich um, als sie bemerkte, daß Danea ihr noch immer nicht geantwortet hatte. Er stand nicht mehr dort, wo er vorher gestanden hatte.
Vashtu tat ein paar Schritte, sah seine Silhouette, die auf den Lichtschein vor der Höhle zuhielt.
Entschlossen joggte sie ihm hinterher.
"Danea! Warte!" rief sie.
Er beschleunigte seine Schritte nur noch.
Allmählich wurde sie wütend. Sie war bereit, seinem Volk zu helfen, das hatte sie ihm auch sehr deutlich erklärt. Warum also wollte er sie plötzlich allein hier zurücklassen?
Vashtu aktivierte die Fremdzellen, als er in ihrer Reichweite war, und riß ihn mit wütend blitzenden Augen herum.
"Was soll das?" herrschte sie ihn an.
Sie standen jetzt kurz vor dem Ausgang der Höhle, konnten in den, langsam verblaßenden Nachmittagshimmel sehen.
"Du gehörst zu ihnen!" knurrte er, versuchte sich loszureißen. „Wegen solchen wie dir leben wir seit unserer frühesten Geschichte in der Furcht vor den Dämonen - den Devi! Du kennst sie also doch! Und jetzt bist du gekommen, um die Erethianer endgültig in den Tod zu treiben, richtig?" Wütend funkelte er sie an.
"Ich bin hier auf der Suche nach Ersatzteilen für das Schiff, mit dem ich gekommen bin. Das habe ich dir auch gesagt, verdammt!" herrschte sie ihn an. Ein merkwürdiges Summen breitete sich in ihrem Kopf aus. Unwillig schüttelte sie den Kopf. „Ich wußte nichts von den Devi!"
"Und doch wirst du uns vernichten." Danea beugte sich vor, funkelte sie immer noch wütend an. „Du und deine Art, ihr seid Schuld an der Knechtschaft, unter der wir seit Jahrtausenden leiden. Die Devi haben schon viele Völker ausgemerzt, und jetzt sind wir dran - dank euch!"
"Ich bin die einzige Antikerin, die noch lebt!"
Das Summen wurde stärker. Vasht blinzelte.
Auch Danea schien jetzt etwas wahrzunehmen. Seine Augen weiteten sich. Dann fuhr er plötzlich herum und starrte aus dem Höhleneingang heraus. „Sie kommen!" flüsterte er.
Und Vashtu begriff endlich, was das für ein Summen war. Ihre Augen weiteten sich entsetzt.

***

Dr. Peter Babbis atmete einige Male tief ein, ließ sich dann auf dem Pilotensitz nieder. Sofort sprang eine holografische Anzeige an, die er immer noch ebenso wenig lesen konnte wie zu Beginn.
"Frederics, Peter, Markham? Irgendjemand online?"
Peter saß einen Moment lang stocksteif, dann wechselte er mit dem jungen Marine einen Blick, ehe er sein Funkgerät berührte. „Vashtu? Wo sind Sie? Pendergast will ..."
"Peter, Sie und Markham werden sich die beiden Jumper nehmen und umgehend zum Dorf fliegen!" Die Stimme der Antikerin klang entschlossen. Kurz war es dem jungen Wissenschaftler, als könne er etwas im Hintergrund rattern hören.
Er atmete tief ein. „Schießen Sie da gerade?" fragte er dann betont ruhig.
"Peter, machen Sie lieber den Jumper startklar und packen Sie Wallace ein!" Diesmal war das Rattern sehr deutlich zu hören. „Da kommt was auf das Dorf zu! Frederics, Sie, King und Leigh sammeln die Dorfbewohner ein und verstauen alle Mann in den Jumpern. So schnell es geht! Und bleibt auf Tarnung!" Ein deutliches Klicken in der Leitung, kurz vorher noch einige Schüsse.
Peter und Lieutenant Frederics wechselten einen Blick, dann fuhr der junge Wissenschaftler herum und konzentrierte sich darauf, den Jumper zu starten.

***

Vashtu senkte endlich die P-90, fuhr herum und jagte weiter, hinter dem fliehende Danea her. Der aber wartete ein kurzes Stück weiter auf sie, packte sie und zog sie in ein dichtes Gebüsch.
"Was sollten diese Anweisungen?" fragte er verwirrt.
Vashtu funkelte ihn an. „Denkst du wirklich, ich lasse irgendjemanden zurück?" fauchte sie.
Er starrte sie groß an. „Du willst uns helfen?"
Sie nickte heftig, wandte den Kopf, als sie ein Geräusch hörte. Doch noch waren die plötzlich auftauchenden Angreifer zu weit entfernt.
"Dann kannst du keine der Schöpfer sein. Sie haben uns zurückgelassen." Danea klang nachdenklich.
"Ich gehöre zum gleichen Volk", gestand Vashtu ihm zu wissen. „Aber, meines Wissens, bin ich die letzte Antikerin im All. Und, vor allem, bin ich ein Feind für jeden Feind, den unsere Nachfahren haben, darauf kannst du dich verlassen."
Neuer Respekt lag in Daneas Augen, als er sie hob und sie wieder musterte. „Sie werden kommen. Die Devi kommen immer."
Vashtu hob die P-90. „Dann haben sie dieses Mal mit ein bißchen Widerstand zu rechnen!" In ihren Augen glomm ein entschlossenes Feuer.
Der Blick des Erethianers glitt an ihr vorbei. Er holte tief Atem.
Vashtu wirbelte herum. Die Waffe heben und entsichern war eines. Die P-90 an die Wange haltend verließ sie die Deckung und stellte sich dem vielgliedrigen Wesen, das auf sie zukam.
Dieser Devi war anders als die, die sie in Mrinoshs Labyrinth getötet hatte, das war ihr sofort klar. Er trug Kleidung, einen Brustpanzer und Hosen in einem Stoff, der wie Seide schimmerte. In seinen sechs Armen hielt er unterschiedliche Werkzeuge, die entfernt an Waffen erinnerten. Das lange Haar war von einem rötlichen Braun, ähnlich wie das dieses jungen Marines - Frederics, nur lang und zu einem einzelnen Zopf geflochten. Die Facettenaugen drückten deutlich Überraschung aus, der kleine Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei, ehe er zusammensank.
Vashtu wirbelte auf der Stelle herum, nachdem sie mit einem Gegner fertig geworden war.
Da, zwischen den Büschen!
Sie bewegte sich einige Schritte auf die Gestalt zu, die Waffe immer noch an der Wange. Da packte jemand sie und riß sie herum.
"Es sind jetzt schon zu viele! Und sie kommen auch mit Jägern!" rief Danea ihr zu, während sie noch um ihre Selbstkontrolle kämpfen mußte.
Dann hörte sie es. Ein Zischen, wie eine Schlange, direkt über den Bäumen.
Mit einem Ruck hob sie den Kopf in den Nacken.
Was da in der Abendsonne aufleuchtete, war ein Raumjäger, doch er war anders, schleppte etwas hinter sich her, was sie noch nie gesehen hatte. Er schoß tief über den Bäumen davon, hielt direkt in Richtung Dorf.

***

"Rein da, los!" Peter schob einen der Dorfältesten unsanft in den Jumper hinein, wechselte einen kurzen Blick mit Wallace. „Sind das jetzt alle?" fragte er dann.
"Ich habe keinen mehr gefunden."
Ein Zischen, wie das einer Schlange, war zu hören. Peter fühlte etwas in seinem Kopf, ein eigentümliches Summen, wie ein Störlaut.
Unwillkürlich kniff er die Augen zusammen und rieb sich die Schläfen, doch es war nur ein wenig unangenehm, nicht wirklich schmerzhaft.
Was war das?
"Wie weit seid ihr?" meldete sich in diesem Moment Vashtus Stimme wieder. „Jäger sind fast bei euch. Seht zu, daß ihr die Jumper in die Luft kriegt. Verd...!" Ihre P-90 ratterte wieder. „Zur Seite!" rief sie irgendjemandem zu.
Peter und Wallace starrten sich an, gerade als Frederics mit einem Säugling auf dem Arm und einer jungen Frau an seiner Seite, aus dem Langhaus spurtete.
Das Zischen kam immer näher.
"Vashtu? Was ist mit Ihnen?" Peter klopfte auf das Empfangsteil seines Funkgerätes.
King stürzte um die Ecke, hatte sein Sturmgewehr im Anschlag und feuerte wild in die Luft.
"Seht zu, daß ihr da wegkommt!" brüllte die Antikerin in seinem Ohr. Wieder Schüsse im Hintergrund. „Sie sind überall! Macht schnell!"Peter und Wallace tauschten einen Blick, während Frederics die junge Mutter und ihr Kind in den Jumper brachte. Dann wirbelte Peter plötzlich herum, gerade als ein durchdringender Schrei von King ertönte.
Ungläubig mußte der junge Wissenschaftler mitansehen, wie der gestandene Marine plötzlich durch die Luft wirbelte und hochgezogen wurde, immer höher und höher. Und dann sah er den Devi-Jäger, der über sie hinwegschoß.
Irgendwo in der Nähe erklang ein weiterer Schrei, als ein zweiter Jäger auftauchte.
Frederics steckte den Kopf aus dem Jumper. „Jetzt machen Sie schon! Sie haben den Major doch gehört."
"DANEA!" brüllte es in diesem Moment verzweifelt in seinem Ohr.
Peter dachte nicht mehr nach, er raste los, in die Richtung, in der seine Leaderin vor gut einer Stunde verschwunden war. Wallace folgte ihm dichtauf.
Frederics starrte den beiden keuchend nach, dann blickte er zum Himmel hinauf, an dem wieder ein Jäger auftauchte. Er warf sich in den Jumper, drückte die Handsteuerung und erleichterte etwas, als sich die Heckluke schloß.

***

Vashtu raste an Daneas Seite durch den Wald. Immer wieder tauchten irgendwo, wie aus dem Nichts, Devi auf, verstellten ihnen den Weg oder schossen auf sie. Zweimal hatte sie den jungen Erethianer bereits zur Seite reißen müssen, sonst wäre der mitten in die Energiestrahlen gerannt.
Sie hatte fast keine Munition mehr. Einen Devi zu töten kostete sie fast ein ganzes Magazin, und sie selbst mußte verdammt dicht an sie heran, näher auf jeden Fall, als ihr persönlich lieb war.
"Wir sind bald im Dorf", rief Danea ihr über Schulter hinweg zu.
Vashtu nickte, drehte sich im Lauf um und gab blind eine Salve nach hinten, als das Summen in ihrem Kopf wieder zunahm. Ein Jäger zischte über sie hinweg, im Schlepptau immer noch diese merkwürdigen Dinger, die sie nicht so recht zuordnen konnte.
Die Devi schienen plötzlich überall zu sein. Sie krochen aus den Bäumen, rannten hinter ihnen her, tauchten vor ihnen auf.
Die Antikerin verzweifelte.
Wie sollten sie weiterkommen, wenn sie die Jumper wieder in die Luft befohlen hatte? Sie liefen definitiv in eine Falle, und sie wußte es. Aber vielleicht, so ging ihr auf, konnten sie noch ein bißchen Zeit herausschinden, wenn sie sich in einem der Langhäuser verbarrikadierten.
Ein Energieblitz zuckte dicht an ihr vorbei.
Vashtu warf sich lang hin, rollte sich augenblicklich wieder herum und schoß blind. Und da hörte sie die einzelnen Schüsse.
Sich nicht weiter um den angeschossenen Devi kümmernd, der sie attackiert hatte, raste sie zwischen den Bäumen hindurch. Ihr Atem kam inzwischen stoßweise, und sie wunderte sich wirklich, wie Danea die ganze Zeit mit ihr Schritt halten konnte.
Zwischen den Bäumen tauchten zwei Gestalten auf.
Vashtus Augen weiteten sich. „Peter! Wallace!" schrie sie. „In Deckung!"
Das heisere Zischen eines Jägers über ihr.
Die drei Devi, die die beiden Wissenschaftler angegriffen hatten, wirbelten herum und verteilten sich.
"Major!" Danea kam von hinten und riß sie zu Boden.
Vor ihren ungläubig geweiteten Augen sah sie, wie ihre beiden Teammitglieder plötzlich in die Luft gewirbelt wurden. „NEIN!"
Der Jäger verschwand über den Bäumen, seine lebende Fracht hinter sich herschleifend.

***

"Wir sind auf Widerstand gestoßen, Sir", meldete Frederics über Funk. „Schweren Widerstand, Sir."
"Wo ist Major Uruhk?" bellte Colonel Pendergast in sein Ohr.
"Unterwegs, Sir. Sie ... sie warnte uns, kurz bevor der Angriff startete." Ein Geräusch hinter ihm.
Frederics fuhr herum und sah, wie sich die Heckluke wieder öffnete. Zwei der Erethianer sprangen aus dem kleinen Gleiter heraus, keine Waffen und nichts bei sich.
"Nein! Wartet!" Frederics wollte so schnell wie möglich hinterher, stolperte aber über eines der Kinder. Gerade noch rechtzeitig konnte er sich abfangen, ehe er wirklich gestürzt wäre.
"Lieutenant? Was geht da vor?"
Wieder dieses Zischen, diesmal von beiden Seiten.
Frederics rappelte sich so schnell wie möglich wieder auf und warf sich auf den Schließmechanismus. Dabei sah er draußen zwei Dinge auf einmal: Erst, wie die beiden Flüchtenden in die Luft gerissen wurden und in unterschiedlichen Richtungen verschwanden. Und dann gut ein Dutzend vielgliedriger Wesen, die aus dem nahen Wald traten, eigenartige Waffen in den Händen.
"Scheiße!" entfuhr es dem jungen Lieutenant.
"Frederics, Meldung! Sofort!"
"Wir ... wir brauchen Verstärkung, Sir, und zwar ganz schnell!" keuchte er.

***

An Daneas Seite raste Vashtu weiter. Die Bäume lichteten sich allmählich, und sie meinte, die ersten Schatten der drei Langhäuser sehen zu können.
Die P-90 lag irgendwo hinter ihr in den Büschen. Nachdem ihr die Munition ausgegangen war, hatte sie keine Verwendung mehr für die Waffe gehabt. So schwer es ihr auch gefallen war, sie hatte sie zurücklassen müssen. Die Waffenkammer der Prometheus war immerhin reichlich gefüllt.
"Werden deine Freunde warten?" rief Danea ihr zu.
"Denen bleibt nichts anderes übrig im Moment", knurrte sie unwillig.
Wieder tauchten über ihnen Jäger auf. Sie konnte das Schlangenzischen hören, wenn sie auch noch keinen Blick auf sie erhaschen konnte.
Diese merkwürdig flachen, langgestreckten Fluggeräte irritierten sie, wenn sie sie mit den Devi verglich, die sich ihnen immer wieder in den Weg stellten. Ihr erschienen diese Jäger als zu niedrig, als gäbe es noch eine zweite Devi-Rasse.
Aber, vielleicht, war das auch so. Immerhin hatten sie zehntausend Jahre Zeit gehabt, sich anzupassen.
Hoffentlich gab es Devi nur auf diesem Planeten, betete sie im stillen, auch wenn sie sehr genau wußte, daß das nur ein frommer Wunsch war. Offensichtlich waren die Devi hier weiter entwickelt als die paar, auf die sie in der Milchstraße getroffen war, oder aber die in der Milchstraße waren degeneriert - etwas, was Daniel Jackson ihr nach ihrem Abenteuer in Mrinoshs Labyrinth zu erklären versucht hatte. Die Devi hier dagegen ...
"Vorsicht!" Danea wirbelte herum.
Vashtu fluchte, gab einen einzelnen blinden Schuß nach hinten ab.
Drei Jäger!
Vor sich hörte sie plötzlich das Rattern eines Sturmgewehres.
Was?
"Wir sind fast da!" In der Stimme des jungen Erethianers lag etwas wie Triumph.
Vashtu konzentrierte sich auf den letzten Spurt, da sah sie plötzlich die beiden Devi aus dem Feld auftauchen. Sie packte Danea am Arm und riß ihn mit sich, die Fremdzellen zu einer neuen Meisterleistung hochpowernd.
Im atemberaubenden Tempo raste sie zwischen den letzten Bäumen hervor und auf das Dorf zu. Energiesalven zuckten an ihr vorbei.
Ein Jäger nahm Kurs auf sie.
Vashtu keuchte, biß sich die Lippen blutig und rannte weiter, so schnell sie nur konnte.
Dann hörte sie den Schrei. Daneas Arm löste sich aus ihrem Griff.
Im Lauf wirbelte sie kurz herum und sah ihn stürzen.
Mit einem lauten Zischen zog ein zweiter Jäger direkt vor ihr hoch. Kurz war ihr, als könne sie etwas sehr feines funkeln sehen, dann folgte ein weiterer Schrei und eine um sich schlagende Gestalt wurde in die Luft gerissen.
Vashtu schlug einen verzweifelten Haken, ließ ihre Beretta Kugeln speien.
Da war der Jumper! Welcher Idiot hatte die Tarnung fallenlassen?
Das war ihr im Moment vollkommen gleichgültig, sie war nur froh, endlich ein Ziel zu haben.
Die Heckluke öffnete sich.
Eine letzte Salve aus einem anderen Gewehr, dann wieder ein entsetzter Schrei.
Vashtu zog den Kopf ein, als ein Devi aus einem der Langhäuser auftauchte und mit seiner merkwürdigen Waffe auf sie schoß. Dann setzte sie zu einem Hechtsprung an, wirbelte in der Luft herum, hob die Beretta in Anschlag und entließ die letzten Kugeln des Magazins durch den Lauf.
Hart schlug sie auf dem Boden auf, die Waffe noch immer im Anschlag, und die Heckluke glitt mit einem leisen Summen wieder zu.
Gesichter starrten sie groß an, allen voran das des jungen Marines - Frederics! -, dem sie in den letzten Minuten wiederholt Anweisungen gegeben hatte.
Keuchend holte sie tief Atem, ließ endlich die leere Waffe sinken. Ihr Hinterkopf schlug hart auf dem Metallboden des Jumpers auf.
"Major?"

TBC ...

29.06.2010

Das Angesicht des Feindes 3/4 VIII

Danea sah aus dem kleinen Fenster und beobachtete die fremde Frau, die mit einigen Kindern sprach. Sie lächelte wieder. Das tat sie offensichtlich oft. Dennoch aber blieb kein Zweifel daran, daß sie offensichtlich die Anführerin diseres merkwürdigen Trupps war, der so plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war.
"Halt dich von fremden Töpfen fern", sagte die Stimme seines Vaters.
Danea beobachtete noch, wie einer der Männer an die Fremde herantrat. Sie richtete sich wieder auf. Ihr Gesicht wurde starr und sie sprach mit jemandem, der offensichtlich nicht anwesend war. Dazu benutzte sie wohl dieses Ding, das in ihrem Ohr steckte.
"Ich habe nicht vor, mit dieser Major Uruhk ..." Danea schloß den Mund und drehte sich zu seinem Vater um. „Aber vielleicht haben wir die Lösung für unser Problem. Die Erethianer werden immer weniger, die letzten Abtriebe haben uns zuviel gekostet. Du siehst doch selbst, daß es kaum noch Kinder gibt."
Cornyr sah seinen Sohn einen Moment lang nachdenklich an. „Sie fragte nach der verbotenen Stadt der Schöpfer." Er schüttelte den Kopf. „Das ist zu gefährlich. Wenn die Dämonen ..."
"Die Devi werden so oder so kommen, Vater! Sie kommen immer!"
"Was willst du also tun? Sie in die Stadt führen und provozieren, daß sie schneller hier sind? Es wird ihnen nicht verborgen geblieben sein, daß Fremde uns besuchen." Cornyr hielt den Blick seines Sohnes einen Moment lang gefangen, dann senkte er seine Augen und seufzte. „Du hast zuviel des Blutes deiner Mutter in dir."
"Ich habe ihr Urteilsvermögen, das genügt mir." Danea kreuzte die Arme vor der Brust und nickte nach draußen. „Diese Menschen sind mit einem Schiff gekommen. Wenn wir ihnen helfen, nehmen sie uns vielleicht mit in ihre Heimat. Du hast es doch gehört, dort gibt es keine Dämonen." Ein träumerischer Ausdruck erschien auf dem Gesicht des jungen Mannes.
"Aber sie sagten auch, daß ihr Schiff beschädigt ist", wandte Cornyr ein.
"Dann ..." Danea biß sich auf die Zunge und sah seinen Vater wieder ein. „Es ist vielleicht unsere einzige Chance, überhaupt noch etwas zu retten von unserem Volk."
Der Älteste blickte ihn nachdenklich an, kniff die Lippen aufeinander. „Diese Major Uruhk ist eine sehr beeindruckende Persönlichkeit", wandte er schließlich ein. „Aber die anderen ... Elessa sagte, die Männer, die sie an den Rand des Dorfes geschickt hätte, wären längst nicht so nett und aufgeschlossen. Was, wenn uns auf ihrem Schiff ebenfalls mit Argwohn begegnet wird? Was, wenn die verbotene Stadt nichts bieten wird, womit sie etwas anfangen können?"
"Das müssen wir riskieren. Noch ein, höchstens zwei Abtriebe und die Erethianer wird es nicht mehr geben!"
Cornyr seufzte wieder und senkte den Kopf. Langsam wandte er sich ab und sah sich um. „Soweit sind sie noch nie gegangen. Sie müssen so viele sein wie nie zuvor", murmelte er schließlich.
"Dann laß mich in die Stadt, Vater. Ich nehme Major Uruhk mit. Dann können wir auch sicher sein, ob uns Gefahr von ihr droht." Danea atmete tief ein. „Wir können sie prüfen. Wenn sie zu den Schöpfern gehört, wie Nabuck meint, können wir uns ihrer immer noch entledigen."
Cornyr sah sich immer noch in der rauchigen Dunkelheit des Langhauses um. Dann nickte er. „Aber bleibt nicht zu lange. Die Devi haben sehr aufmerksame Wächter", entschied er.

***

Peter stand mit Frederics zusammen und atmete tief die frische Luft ein. Es tat gut, nach der rauchigen Dämmerung des Langhauses, wieder frei atmen zu können.
"Was hat es wohl mit diesen Dämonen auf sich?" fragte der junge Marine und reckte sich.
"Woher soll ich das wissen?" Peter schnaubte. „Wenn Sie mich fragen, vertun wir hier gerade unsere Zeit. Major Uruhk muß sich geirrt haben." Er drehte sich um, als er kreischendes Gelächter hörte, ging sofort noch mehr auf Abwehr, als fünf Kinder auf den kleinen Platz zwischen den großen Langhäusern preschten.
Vashtu drehte sich zu ihnen um und lächelte. Dann beugte sie sich zu ihnen hinunter und begann mit ihnen zu sprechen.
Mal wieder typisch! Sie steckten bis zum Hals in Schwierigkeiten und diese Frau scherzte mit irgendwelchen Kindern!
Peter seufzte und kreuzte die Arme vor der Brust. Als hätten sie nicht schon genug Probleme!
"Ich meinte ja nur." Frederics sah sich interessiert um. „Müssen vor nicht allzu langer Zeit wesentlich mehr Leute hier gewohnt haben. Was da wohl passiert ist?"
"Hä?" Peter richtete seine Aufmerksamkeit jetzt doch wieder dem Marine zu. Der sah zu dem Dach des nächsten Langhauses hoch und nickte. „Ist nicht mehr ausgebessert worden. Diese Leute sind offensichtlich seßhaft an diesem Ort", erklärte er.
"Sind Sie Antropologe oder Marine?" Peter blinzelte in den wolkenlosen Himmel hinauf. Die Sonne stand hoch, so hatte er einige Mühe, überhaupt etwas zu erkennen. Doch dann ging ihm auf, was Frederics gemeint hatte: Das Dach des Hauses war schon lange nicht mehr ausgebessert worden. Das rietähnliche Material war dunkel und feucht, an einigen Stellen offensichtlich in den Dachstuhl abgerutscht.
"Ich interessiere mich für Geschichte und Kultur, Doc", antwortete Frederics, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Antikerin. „Hätte mir Spaß gemacht, wenn ich hätte studieren können."
Peter schüttelte den Kopf.
Was ihm jetzt noch zu seinem absoluten Unglück fehlte, war die Lebens- und Leidensgeschichte dieses Kerls neben ihm. Er mochte ja vielleicht nicht ganz so stumpfsinnig wie die meisten anderen Besatzungsmitglieder der Prometheus sein, aber es interessierte ihn nicht im mindesten. Er wollte nur irgendwie sehen, daß SG-27 aus den Klauen dieses größenwahnsinnnigen Irren auf dem Kommandosessel entkamen.
Vashtu hatte sich wieder aufgerichtet, sprach jetzt in ihr Funkgerät, nachdem einer der anderen Marines sie auf den stündlichen Bericht aufmerksam gemacht hatte.
Peter sah, wie sich ihr Gesicht unwillig verzog.
Wieder Ärger mit Pendergast. Wahrscheinlich würde die nächste Order sogar lauten, wieder zur Prometheus zurückzukehren und den nächsten Planeten anzufliegen.
Aber wenn es hier tatsächlich einen Antiker-Außenposten gab?
Peter zupfte nervös an seinem Ohrläppchen und wünschte sich ein Stück Schokolade. Dann beobachtete er, wie dieser Danea aus dem Langhaus trat und direkt auf Vashtu zuhielt.
Peter richtete sich auf. Immerhin war von einer versunkenen Stadt gesprochen worden während des vorhergehenden Gespräches. Allerdings hatte der Anführer dieses Völkchens es vehement abgelehnt, ihnen diese Stadt zugänglich zu machen. Sollte sich daran jetzt etwas geändert haben?
Vashtu beendete ihren Bericht mit erhobener Hand, tippte dann einmal kurz auf ihr Funkgerät, um es zu deaktivieren. Erst dann wandte sie sich Danea zu. Der Erethianer begann sofort auf sie einzureden. Peter sah, wie ihre Augen immer größer wurden. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
Sein Herz schlug schneller.
Hatten die Erethianer sich jetzt doch entschlossen, sie in die Stadt zu lassen?
Die Antikerin nickte, dann kam sie plötzlich zu ihnen herübergejoggt.
"Danea will mir die Stadt nun doch zeigen", erklärte sie aufgeregt, hob die Hände. „Allerdings nur mir", fuhr sie fort. „Lieutenant, sollte ich in einer Stunde nicht wieder zurück sein, übernehmen Sie bitte meinen Bericht. Sie können Colonel Pendergast ruhig sagen, daß ich unterwegs und vielleicht nicht erreichbar bin. So wie es Danea angedeutet hat, scheint diese Stadt ... nun etwas verborgen zu sein."
"Aber ..."
"Peter, Sie gehen zu den Jumpern zurück und warten dort", wandte sie sich unvermittelt an ihn und zwinkerte ihm zu. „Wenn etwas sein sollte, wissen Sie, wie und wo Sie mich erreichen können."
Es ging los!
Er nickte aufgeregt.
Vashtu schlug ihm kameradschaftlich auf den Oberarm, dann joggte sie dem Erethianer nach, der bereits den Weg aus dem Dorf suchte.

***

Vashtu kletterte hinter Danea die Felsen hinauf. Sie mußte sich zwingen, nicht alle paar Minuten zu fragen, wie lange sie noch brauchen würden.
Mehr als zwei Wochen hatten sie auf diesem verdammten Mond festgesessen. Zwei Wochen! Sie konnte nur hoffen, daß sie, wenn sie ins SGC zurückkehrte, nicht erst lange und breite Erklärungen abgeben mußte, sondern sofort nach Atlantis weitergeschickt wurde, wie es eigentlich auch geplant gewesen war.
Vashtu mußte zugeben, sie freute sich unendlich auf eine Rückkehr zur Erde, noch mehr darauf, endlich Atlantis wiederzusehen. John hatte sie längst seinen Fauxpas vergeben, und McKay gegenüber würde sie dieses Thema nicht einmal mehr anschneiden. Sie wollte nur zurück in die vertraute Umgebung und diesen Idioten Pendergast weit hinter sich lassen.
Natürlich würde sie Landry mitteilen, was hier vor sich ging. Und sie war sicher, man würde eine Rettungsmission schicken, um zumindest die Atlanter einzusammeln und vielleicht auch die Prometheus zu bergen. Was mit Pendergast und seiner Crew passieren würde, war ihr dagegen herzlich gleichgültig - naja, bis auf einige Ausnahmen.
"Wir sind gleich da", rief Danea über die Schulter zurück.
Vashtu blickte zu ihm auf und nickte.
Der Weg war ziemlich steil. Aber dennoch war es ihr, als könne sie den Rest einer relativ breiten Straße ausmachen, zumindest deren Begrenzungen.
Wer konnte schon sagen, was sie hier vorfinden würden? Vielleicht konnte dieser Außenposten weiterhelfen bei dem Kampf gegen die Ori. Immerhin mußte ihr Volk doch damit gerechnet haben, daß diese fernen Brüder und Schwestern irgendwann einen Kreuzzug eröffnen würden. Oder eher nicht?
Vashtu wußte es nicht. Sie hatte nicht einmal geahnt, daß sie, um wieviel Ecken auch immer, mit den Ori verwandt war bis Landry und Daniel Jackson sie darauf aufmerksam machten. Andererseits war die Geschichte ihres Volkes, noch dazu dessen Frühgeschichte, nicht gerade ihre starke Seite gewesen. Dazu war ihr Geist schon immer zu sehr in der Gegenwart und der Zukunft verhaftet gewesen.
Danea richtete sich auf, klopfte sich den Steinstaub aus den Kleidern und drehte sich zu ihr um. Respektvoll beobachtete er, wie nun auch sie das schmale Plateau erkletterte, auf dem er stand.
"Du hälst dich gut, Major Uruhk", bemerkte er anerkennend.
Vashtu drehte sich kurz um und sah in das Tal hinunter. In einiger Entfernung konnte sie die einsame Rauchfahne aus dem Langhaus ausmachen, von den Jumpern dagegen war nichts zu sehen, was sie beruhigte.
Dieser Planet schien an für sich sehr friedlich zu sein. Stand zu hoffen, daß ...
Sie hatte sich bei diesem Gedanken langsam herumgedreht, erstarrte jetzt. Ihre Augen weiteten sich.
Ein gutes Stück weiter den Hang entlang, den sie hochgeklettert waren, war etwas. Vashtu trat näher an die Kante des Felsens heran und reckte den Hals. Dann tastete sie über die Tasten ihrer Weste und zog ihr Fernglas hervor.
"Was ist das?" Danea war neugierig hinter sie getreten.
Eine Stadt! Sie war direkt in den Hang gebaut. Aber sie wirkte nicht wie irgendetwas, was sie je zuvor gesehen hatte.
Vashtu nahm das Fernglas wieder von den Augen und runzelte die Stirn. „Was ist das da?" Sie nickte zu den eigentümlichen Gebäuden hinüber.
"Die Stadt der Dämonen", antwortete Danea mit kühler Stimme.
Vashtu drehte sich irritiert zu ihm herum. „Die Stadt der Dämonen? Ist es das, was du mir zeigen wolltest?"
Danea schüttelte den Kopf, drehte sich um. „Ich wollte dir das da zeigen", antwortete er und hob den Arm.
Vashtu folgte der Weisung.
Ein Höhleneingang. Aber ... ?
Sie warf der Dämonenstadt noch einen Blick zu. Diese merkwürdigen Gebilde schienen ungefähr drei oder vier Meilen entfernt. Außerdem hätte Danea sie wohl kaum auf diesen Felsen gescheucht, wenn er ihr das zeigen wollte.
Aber, auf jeden Fall ...
Sie steckte das Fernglas wieder ein, holte statt dessen den Detektor hervor und aktivierte ihn.
Die Energiequelle, die sie bereits vom Weltraum aus wahrgenommen hatte, wurde wieder angezeigt. Aber die Anzeige war deutlich und wies sie ebenfalls zu dem Höhleneingang.
Nach einem letzten Blick auf die merkwürdigen Gebilde folgte sie dem jungen Erethianer in die Höhle hinein, fand sich auf einer breiten Straße wieder.
"Es heißt, die Schöpfer der Dämonen hätten hier gelebt", erklärte Danea ihr.
Vashtu steckte den Detektor nun auch wieder ein und nickte. „Schöpfer der Dämonen? Dann kamen die also nicht von irgendwoher?"
"Die Schöpfer wohl." Danea nickte. „Sie hatten ein Rund, das sie mit Wasser füllten. Warte." Er holte etwas unter seinem Wams hervor.
Vashtu bekam große Augen. Das war eine Lampe, wie sie sie ähnliche früher benutzt hatte, vor zehntausend Jahren. Sie holte tief Atem, zwang sich den Mund zu halten.
Das wurde allmählich immer interessanter.
Dann ging ihr auf, wovon der Erethianer gerade gesprochen hatte. Ein Rund, das wie mit Wasser gefüllt aussah - ein Sternentor!
Sie seufzte erleichtert.
"Wenn sie dieses Rund gefüllt hatten, konnten andere hindurchkommen", fuhr Danea mit seinem Bericht fort. „Was sie hier genau taten, wissen wir nicht. Aber irgendwann erschienen die Dämonen. Sie zerstörten Teile der Stadt der Schöpfer und verheerten den Planeten."
Der Weg wand sich langsam vor ihnen um diverse Felsensäulen herum.
Vashtu schaltete die Lampe ihrer P-90 ein und leuchtete interessiert nach oben. Das Gestein wirkte an vielen Stellen brüchig. „Es kommt wohl nicht oft jemand her, oder?" erkundigte sie sich dann.
"Es heißt, wenn wir die Stadt betreten, werden die Wächter dies bemerken und einen endgültigen Abtrieb befehlen", antwortete Danea.
Vashtu stutzte. „Abtrieb?" Sie schloß wieder zu ihrem Führer auf. Dann bemerkte sie etwas am Rande des Weges, das kurz aufleuchtete.
Wieder blieb sie stehen, beugte sich dann vor und wischte mit einer Hand über eine sehr regelmäßige Form. Verwirrt richtete sie sich wieder auf.
Eine, im Boden versenkte Lampe.
Sie sah den Weg hoch und wieder hinunter. Dabei fiel ihr auf, daß es noch mehr dieser Formen gab. Der Weg, dem sie folgten, schien in früheren Zeiten einmal beleuchtet gewesen zu sein. Und diese Lampen stammten von ihrem Volk.
Aber warum ... ?
Vashtu wandte sich wieder Danea zu, sah ihn fragend an.
Der zuckte mit den Schultern, drehte sich wieder um und wanderte weiter. „Komm, Major, es ist nicht mehr weit."
Sie warf der Lampe noch einen Blick zu, dann folgte sie ihm wieder. „Was geschah mit diesen Schöpfern?" erkundigte sie sich.
"Sie wurden getötet." Daneas Gesicht war hart geworden bei diesen Worten.
"Und was war jetzt noch einmal ein Abtrieb?" Vashtu hob die Brauen.
Der Gang beschrieb eine Kurve. Dahinter schien ein undeutlicher Lichtschimmer zu liegen.
"Die Dämonen kommen und treiben uns zusammen. Die besten werden mitgenommen. Wir sehen sie niemals wieder." In seinem Gesicht arbeitete es. „Aber wir finden die Leichen, wenn es denn welche gibt. Sie sind ausgesaugt."
Vashtu stutzte wieder.
Hatte sie sich am Ende doch geirrt und war wieder in Pegasus gelandet? Das hörte sich zumindest so an. Aber die Wraith als Dämonen zu bezeichnen, auch wenn es zweifellos stimmte, davon hatte sie noch nie gehört.
"Wir sind da." Danea blieb stehen und nickte ihr zu. „Die Stadt der Schöpfer."
Vashtu zögerte, wandte sich dann von ihm ab und blickte auf eine weite Höhle hinunter. Eine Höhle, die ihr sehr bekannt vorkam.
Unwillkürlich trat sie voller Unglauben näher und starrte auf das hinunter, was sich da vor ihren Augen ausbreitete.
Und kurz, nur ganz kurz sprangen die Lichter an. Alle Lichter auf einmal. Für einen Atemzug lang konnte Vashtu sehen, was sie bisher nur einmal gesehen hatte. Als Hologramm unter der Decke einer Eishöhle auf Antarktica.
Vineta!

Fortsetzung in Teil 4

27.06.2010

Das Angesicht des Feindes 3/4 VII

"Sie wollen also da runter auf den Planeten, Major. Warum wundert mich das nur nicht?" Pendergast beugte sich sinnend vor und nickte.
Vashtu stand stramm, atmete einige Male tief ein. „Sir, das war doch der Sinn dieses Manövers. Wir suchten nach Leben und Hilfe. Nun, hier haben wir zumindest Leben. Nach Hilfe werden wir wohl selbst fragen müssen, wie ich das sehe", entgegnete sie.
"Und warum sollte ich ausgerechnet Sie damit betrauen, nach dieser Hilfe zu fragen, wie Sie es ausdrücken? Sie haben doch bisher jede Möglichkeit genutzt, um meine Order zu umgehen. Jetzt soll ich Sie auch noch dafür belohnen, Major Uruhk?" In Pendergasts Augen blitzte wieder dieses kalte Licht auf.
Was versprach er sich nur davon, sie an dieses Schiff zu fesseln? Sie wußte es nicht, und sie wollte es nach Möglichkeit auch nicht herausfinden. Sie wollte nur hier weg, aber das mußte sie ihm erst einmal verkaufen, so daß er es auch schlucken würde.
"Bei allem Respekt, Sir, aber ich bin Leaderin eines SG-Teams", hielt sie dagegen. „Ich habe Erfahrung im Umgang mit fremden Rassen und Kulturen. Geben Sie mir mein Team mit, soweit einsatzbereit, dann werde ich sehen, was sich machen läßt, Sir."
"Sie denken also wirklich, Sie könnten da unten mehr erreichen als irgendeiner meiner Männer? Oder gar als die Crew von Atlantis?" Pendergast hob die Brauen und nickte zu der Frontscheibe hinüber, hinter der sich ein oberes Stück des Planeten gegen die ewige Finsternis des Alls abzeichnete.
Vashtu schluckte hart, dann aber nickte sie. In diesem Fall half nichts anderes als ihr eigenes Ego. „Ja, Sir, das glaube ich", antwortete sie deshalb.
Der Colonel starrte sie einen Moment lang überrascht an, dann erhob er sich, trat bis auf wenige Schritte auf sie zu und funkelte zu ihr nieder. „Unter mangelndem Selbstbewußtsein leiden Sie jedenfalls nicht, Major, das muß ich Ihnen lassen."
Sie erwiderte seinen Blick so kühl wie möglich, regte sich nicht und wartete.
Pendergast hielt ihr noch einen Moment lang stand, dann drehte er sich unvermittelt um und winkte ab. „Na schön, Sie kriegen Ihr Team, diesen Wallace und diesen Babbis. Aber Sie bekommen eine Eskorte. Sie fliegen mit zwei Puddlejumpern hinunter, den zweiten wird Lieutanent Markham bedienen. Und ich erwarte jede Stunde einen Lagebericht, Major, pünktlich! Haben Sie das verstanden?"
Vashtu atmete tief ein, zwang sich, sich nichts anmerken zu lassen von ihrem Glück. Dann nickte sie. „Ja, Sir, ich habe verstanden. Jede Stunde einen Bericht. Ich werde daran denken."

***

Mit einem leisen Summen glitt etwas unsichtbares durch den frühen Morgen.
Danea Il'Eskanar blickte unwillkürlich hoch in den wolkenlosen Himmel, als er meinte, einen Luftzug zu spüren, der nicht von der sanften Brise stammen konnte, die die Blätter der Bäume rauschen ließ.
Da kam etwas auf ihn zu, er war sich sicher. Aber er konnte es nicht weiter ausmachen.
Der Jäger in ihm hieß ihn zur Vorsicht, während er weiter durch den Wald schlich, dem Summen nach. Nahe einer kleinen Lichtung drückte er sich in die Büsche. Das Summen war verklungen, dafür war kurz das alte Laub vom letzten Jahr hochgewirbelt worden - an zwei Stellen. Zu sehen war allerdings noch immer nichts.
Ob es die Dämonen der Höllen waren? Aber warum konnte er sie dann nicht sehen?
Wieder ein Geräusch, und dann ... Danea riß vor Überraschung die Augen auf, als plötzlich, wie aus der Luft entstanden, Menschen erschienen. Er zählte insgesamt acht, und alle waren es Männer. Und dann tauchte die Frau auf.
Danea stockte der Atem.
Sie war anders! Deutlich kleiner als die Männer, schlank und zierlich. Ein tintenschwarzer Haarschopf stand wirr nach allen Seiten ab. Und auch wenn sie gut einen halben Kopf kleiner war als der kleinste der Männer, schien sie zu befehlen.
Wer war das? Wo kamen diese Menschen her? Und was für eigenartige Kleidung trugen sie?
Soetwas hatte Danea noch nie gesehen.
Die Frau harkte etwas in ihr obenliegendes Kleidungsstück. Eine Waffe? Es war zu klein für eine Keule, aber auch zu groß für die Waffen, über die sein Volk verfügte. Dennoch blieb ein gewisser Respekt bei ihm zurück, als er dieses Ding musterte.
"Markham, Wallace, Williams, Sie bleiben bei den Jumpern", befahl die Frau mit dem schwarzen Haar jetzt. „Frederics, nehmen Sie den Rucksack, Peter, Sie wissen, was zu tun ist. Leigh und King, wir machen uns auf die Suche nach diesem Dorf." Sie zog etwas aus einer der Taschen ihrer Kleidung und betrachtete es etwas stirnrunzelnd.
Danea schluckte. Irgendwie glaubte er sich plötzlich ertappt, dabei war er einer der besten Jäger seines Volkes.
Sein Verdacht bestätigte sich, als die Frau sich in seine Richtung drehte und hochsah, den Kopf fragend zur Seite geneigt.
Danea zögerte nicht mehr. Irgendetwas an dieser Frau faszinierte ihn, er wußte nur noch nicht zu sagen was. Er gab seine Deckung auf und trat auf die Lichtung.
Vier der Männer hoben diese merkwürdigen Metallgegenstände.
"Runter mit den Waffen!" bellte die Frau plötzlich, trat ihm dann entgegen. Das Gerät steckte sie dabei blind wieder ein. Aufmerksam musterte sie ihn, dann begann sie zu lächeln. „Hallo."
Danea warf den Männern einen unsicheren Blick zu, richtete seine Aufmerksamkeit dann wieder auf die Fremde. „Sei gegrüßt."
Ihr Lächeln wurde breiter. Sie kreuzte die Arme vor der Brust. „Schön, daß wir gar nicht lange suchen müssen. Wir brauchen Hilfe. Unser Schiff ..." Sie nickte zum Himmel „... ist nicht mehr wirklich flugtauglich."
Danea blinzelte. „Euer Schiff?" fragte er.
Schiffe hatten doch nur die Dämonen. Aber sie sah nicht aus wie eine Dämonin, eher wie eine sehr interessante Frau, die es sich lohnte, näher kennenzulernen.
"Raumschiff, die Prometheus", antwortete sie achselzuckend.
Er nickte, richtete seine Aufmerksamkeit jetzt auf die Männer, die hinter der Frau Aufstellung genommen hatten. So recht bedrohlich wirkten sie irgendwie nicht, mußte er zugeben. Zumindest solange sie die Waffen unten behielten. Bei diesen merkwürdigen Dingern in ihren Händen mußte es sich wohl um soetwas handeln, auch wenn er das noch nie gesehen hatte.
Endlich sah er wieder zu ihr hinunter. „Danea Il'Eskanar, Sohn des Cornyr", stellte er sich endlich vor, verbeugte sich leicht.
Das Lächeln der Fremden wurde zu einem breiten Grinsen. „Major Vashtu Uruhk. Erfreut dich kennenzulernen, Danea." Sie hielt ihm die Rechte hin, eine Vertrauensgeste bei seinem Volk.
Er atmete tief, schlug dann ein.
Er mochte sie, sie war interessant und anders als alles, was er kannte. Nicht daß er viel kennen würde. Aber ...
Er gab sich einen Ruck. „Wenn ihr Hilfe sucht, dann solltet ihr mit mir ins Dorf kommen. Mein Vater, Cornyr, wird sich euer Gesuch gern anhören", schlug er vor.
Major Vashtu Uruhk nickte. „Ein sehr freundlicher Vorschlag. Den nehmen wir gern an." Wieder lächelte sie.

***

Peter fühlte sich nicht recht wohl, erst einmal umgeben von Marines, und dann auch noch dieser eigenartige junge Mann in der einfachen Kleidung, der jetzt, gemeinsam mit Vashtu, die Führung übernommen hatte und sie durch einen dichten Wald führte. Und er konnte absolut gar nichts tun. Lieber wäre es ihm gewesen, wenn er ... wenn er an der Seite der Antikerin wäre, so wie es sonst während ihrer Einsätze gewesen war.
Aber davon mußte er sich jetzt wohl vollständig verabschieden. Er wußte zwar, daß Vashtu nichts unversucht lassen würde, um aus Pendergasts Zugriffsbereich zu entwischen und auch ihr Team mitzunehmen. Aber er glaubte nicht daran, daß es noch einmal so werden würde wie früher. Schon allein die Sache mit Dorn würde einiges innerhalb des Teams verändern, der Marine war schlichtweg nicht mehr fähig, bei Fremdwelteinsätzen mitzumachen.
Wie wollte Vashtu ihn denn überhaupt von der Prometheus herunterholen?
Die Antikerin warf ihm einen kurzen Blick zu und lächelte.
Mit diesem Danea schien sie sich ganz gut zu verstehen, was Peter einen zusätzlichen Stich versetzte. Er wußte zwar auch, daß seine Gefühle ihr gegenüber nicht erwidert wurden, aber zumindest hätte sie es allmählich merken müssen, daß da bei ihm ...
Sie traten vollkommen abrupt aus dem Wald heraus auf eine weitere, breite Lichtung. Kleine Felder lagen in der Morgensonne, und Peter war sich sicher, James Wallace hätte seine helle Freude an dem, was sie hier sahen.
Drei Langhäuser erstreckten sich zwischen den Feldern, halb aus Stein, halb aus Holz gebaut und mit etwas Rietähnlichem abgedeckt. Eine Rauchsäule stieg von dem Mittleren auf.
Peter blinzelte ungläubig.
Das gab's doch nicht! In was für einer Welt waren sie denn hier gelandet?
"Sieht nicht so aus, als könne man uns hier groß helfen", kommentierte der neben ihm gehende Marine, ein junger Mann mit rötlich-braunem Bürstenhaarschnitt. Lieutenant Frederics, wenn Peter sich nicht irrte.
"Warten wir es ab", murmelte er, zog seinen Energiedetektor aus seiner Brusttasche und aktivierte ihn.
Frederics warf ihm einen Blick zu, dann beugte er sich über das kleine Gerät. „Cool! Doc, was ist das?" fragte er.
Die Energieanzeige, die sie von den Jumpern aus gemessen hatten, war nicht hier, soviel stand fest. Peter bekam nur Lebenszeichen herein.
"Reißen Sie sich zusammen, Mann!" bellte einer der anderen Marines.
Frederics zwinkerte Peter kurz verschwörerisch zu und grinste, ehe er sich wieder aufrichtete.
Peter warf dem anderen einen scheelen Blick zu. Was war denn das gewesen?
Rufe und Schreie lenkten ihn ab. In sich hineinstöhnend beobachtete er einige Kinder, die zwischen den Halmen des Getreides lautstark spielten.
Kinder!
Dieser Danea blieb auf einem schmalen Weg, sprach auf die Antikerin ein.
Peter gefiel das nicht. Dieser Alien war viel zu angetan von seiner Leaderin, soviel stand fest. Vashtu flirtete zwar nicht, wie sie es sonst gern einmal tat, aber sie war offensichtlich an dem jungen Mann interessiert. Sie hörte aufmerksam zu, stellte ab und an Zwischenfragen und nickte bei den Antworten.
Dieser Danea war groß und breitschultrig, mit einem offenen Gesicht, in dem man jede seiner Emotionen sehr genau ablesen konnte. Er schien noch sehr jung zu sein. Seine Haut war dunkel, allerdings nicht zu dunkel. Im ersten Moment, als er zwischen den Büschen und Bäumen hervorgetreten war, hatte Peter an eine eingebrannte Sonnenbräune gedacht. Jetzt allerdings ging ihm auf, daß dieser Farbton naturgegeben war.
Sie erreichten das Dorf. Danea sagte etwas zu Vashtu, hob kurz die Hände zu einer Geste des Wartens und joggte eifrig davon.
"Sind wir hier im Mittelalter?" ließ sich der hinter ihm stehende Marine vernehmen, erntete einen bösen Blick der Antikerin.
Auf einen Wink von Vashtu trat Peter etwas aufatmend näher.
"Haben Sie die Umgebung gescannt?" erkundigte sie sich leise.
Er nickte. „Die Energiequelle stammt nicht von hier. Und sie ist sehr schwach. Sieht nicht gut aus."
Vashtu nickte, nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe. „Wir werden gleich mit diesem Cornyr sprechen. Er scheint soetwas wie der Interims-Älteste zu sein für dieses Dorf", sagte sie dann. „Ich möchte, daß Sie sich zurückhalten, Peter. Wir sollten uns anhören, was dieser Cornyr zu sagen hat. Einiges, was Danea andeutete, klang recht interessant."
"Andeutete?" Peter hob eine Braue. „Vashtu, ich muß Sie doch wohl nicht daran erinnern, daß es unser Auftrag ist, Materialien für eine Reparatur des Hyperantriebs aufzutreiben." Er warf seiner Umgebung einen langen Blick zu. „Hier finden wir nichts."
"Danea sprach von einer versunkenen Stadt." Vashtus Blick wurde intensiv, ihre Stimme bei diesen Worten noch leiser.
Peter starrte sie entgeistert an. Mit einem dumpfen Laut klappten seine Kiefer zusammen.
Vashtu nickte, drehte sich dann zu ihren Begleitern um und musterte einen nach dem anderen. „Frederics, Sie bleiben bei uns. Die anderen übernehmen die Sicherung der Umgebung", befahl sie dann.
Der junge Marine grinste breit und nickte, die anderen verteilten sich zwischen den Langhäusern.
"Sind Sie sicher, daß wir auf dem richtigen Weg sind?" wisperte Peter.
Die Antikerin nickte. „Diese Stadt scheint tabu zu sein", erklärte sie ebenso leise. „Aber möglicherweise finden wir sie auch ohne die Hilfe der Dorfbewohner. Wir brauchen nur eine Legitimation von ihnen. Ich will von Pendergast weg, ehe es noch zu einem Unglück zwischen uns kommt, Peter. Und ich werde von ihm wegkommen!"
Danea kehrte zu ihnen zurück. Kurz stutzte er, als er nicht mehr die ganze Gruppe beieinander fand, dann wandte er sich lächelnd an Vashtu: „Kommt. Mein Vater möchte euch sehen."
Die Antikerin warf Peter noch einen langen Blick zu, dann folgte sie dem jungen Außerirdischen. Der Wissenschaftler steckte endlich den Detektor wieder ein, sah dann zu, daß er nicht den Anschluß verlor. Frederics war ihm dicht auf den Fersen.
Das Innere des Langhauses war so, wie er es erwartet hatte: Dunkel und rauchig. Es roch nach verbranntem Fleisch und menschlichen Ausdünstungen, und was es an Gerüchen in einem schlecht belüfteten Raum noch geben mochte.
Peters ohnehin nicht sonderlich gute Augen brauchten etwas, bis sie sich auf die dämmrigen Lichtverhältnisse eingestellt hatten. Dann aber sah er sich aufmerksam um.
Die einzelnen Familien schienen Abteile für sich zu haben, die mit Stoffbahnen verhängt waren. Hier und da war einer dieser Vorhänge zur Seite geschlagen, so daß man in das Innere sehen konnte. Leise Stimmen, ab und an ein Husten war zu hören. Die dicken Streben, die das Dach stützten, waren schmuckvoll mit merkwürdigen Gesichtern verziert. In der Mitte des Raumes brannte ein großes Feuer, Kondenswasser tropfte von dem Loch in der Decke herab und verglühte zischend.
Um dieses Feuer war ein Tisch aufgestellt, an dem einige Männer saßen. Alle von der gleichen dunklen Hautfarbe wie dieser Danea. Sie unterhielten sich leise, doch das Gespräch verstummte schnell, als die Besucher nähertraten aus dem Schatten.
Danea ging schneller, beugte sich dann über einen grauhaarigen Mann, der aussah wie sein älteres Ebenbild. Das mußte dieser Cornyr sein. Dieser hob die Hand, richtete sich auf und musterte seine unverhofften Besucher aufmerksam einen nach dem anderen.
"Mein Sohn sagte mir, ihr wäret aus dem Nichts gekommen", wandte er sich schließlich an sie. „Und ihr sucht Hilfe."
Vashtu trat beherzt vor.
Peter seufzte und kreuzte die Arme vor der Brust.
"Major Vashtu Uruhk, United States Air Force", stellte sie sich lächelnd vor. „Meine Begleiter sind Dr. Peter Babbis, der bei uns trotz seiner jungen Jahre schon als weiser Forscher gilt -" Peter gingen die Augen über bei diesen Worten „- und Lieutenant Frederics aus dem Marine-Corps. Wir sind mit einem Schiff gekommen, von einer anderen Welt, die weit, weit entfernt liegt. Und wir suchen Hilfe, denn unser Antrieb wurde beschädigt."
Der Mann nickte nachdenklich, sah aufmerksam von einem zum anderen. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Antikerin. „Dann seid willkommen. Wir haben üblicherweise keine Gäste von anderen Welten, auch wenn wir wissen, daß es sie gibt. Die Dämonen der acht Mal acht Mal acht Höllen untersagen in ihren Refugien den Kontakt."
Peter wechselte mit Frederics einen Blick. Acht mal acht mal acht?
Wenn Vashtu irritiert war, so ließ sie es sich nicht anmerken. Noch immer lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Davon wissen wir nichts. Wir kennen keine Dämonen dort, woher wir kommen", sagte sie.
Cornyr sah sie einen Moment lang überrascht an, dann atmete er tief ein und bot ihnen Platz an dem langen Tisch. „Setzt euch und berichtet von eurer wunderbaren Welt, die nicht heimgesucht ist von den Dämonen des Schreckens."
Wieder ein Tausch der Blicke zwischen Peter und Frederics.
Was sollte das bedeuten?

TBC ...

26.06.2010

Das Angesicht des Feindes 3/4 VI

Zwei Tage später:

Vashtu seufzte. „Sobald wir mehr Zeit haben, Peter, kriegen Sie eine richtige Unterrichtsstunde von mir. Jetzt muß es reichen. Geben Sie Ihr bestes." Sie klopfte ihm kurz aufmunternd auf die Schulter, dann erhob sie sich und schritt durch den Laderaum nach draußen.
Blinzelnd streckte sie die Nase in die Luft, aktivierte dann das kleine Funkgerät an ihrem Ohr. „Sir, in einigen Minuten kann es beginnen", meldete sie, dann wechselte sie den Kanal und grinste.
Pendergast würde sie so schnell nicht wieder abhören, das hatte sie sich geschworen. Und, zumindest wie es jetzt aussah, würde es wohl auch klappen, ohne daß er etwas bemerkte. Den letzten Abend hatte sie sich die Funkgeräte von Markham und Babbis besorgt und ein wenig daran herumgeschraubt - eine relativ leichte Übung nach dem, was sie bereits früher geleistet hatte.
Der junge Lieutenant erwartete sie, sah ihr stirnrunzelnd entgegen. „Ist nicht besonders gut, der Doc, oder?" fragte er.
Die Antikerin drehte sich im Laufen wieder zu Peters Jumper um, zuckte dann mit den Schultern. „Hat noch nicht allzu viel Erfahrung. Wird aber. Er muß schließlich nur ziehen, den Rest machen wir beide", antwortete sie.
Markham sandte ihr einen respektvollen Blick. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, von einem vorgesetzten Offizier auch einmal eine Antwort auf seine Fragen zu erhalten. Dann lächelte er etwas zerknirscht. „Was ... Ihr Auftauchen angeht, Mam ..." Er stockte, als sie die Arme kreuzte und den Kopf schüttelte.
"Hat sich erledigt. Nachdem ich selbst in die Situation gekommen bin, kann ich Ihre Reaktion durchaus nachempfinden, Lieutenant. Lassen wir es darauf beruhen."
Markham nickte lächelnd. „Danke, Major."
"Keine Ursache. Bauen Sie nur keinen Mist. Ich verlasse mich auf Sie. Und achten Sie auf die Frequenz."
Er nickte, betrat seinen Jumper. Die Ladeluke glitt mit einem leisen Summen hinter ihm hoch.
Vashtu atmete noch einmal tief ein, dann drehte sie sich um und betrachtete, was Peter und das Team, in dem er jetzt mitarbeitete, geleistet hatte.
Drei Puddlejumper standen unweit der Prometheus bereit, mit dicken Stahlseilen mit dem Schiff verbunden. Es blieb wirklich nur zu hoffen, daß ihr Einfall Erfolg haben würde. Sie hatte nicht die geringste Lust, länger als nötig unter Pendergasts Knute zu stehen. Wenn er das als Fahnenflucht auslegen wollte - seine Sache. Sie würde, sobald sie ein Sternentor gefunden hatte, ihre Leute einpacken und aus seiner Reichweite verschwinden. Wenn er wollte, konnte er ihr gern nachjagen. Sie vermutete, viel Erfolg würde ihm dabei nicht beschieden sein.
"Major?"
Vashtu blickte wieder auf und runzelte die Stirn. Dr. Stross kam auf sie zu, die Wangen leicht gerötet und lächelnd.
"Doc, was gibt's?" fragte sie.
Stross blieb vor ihr stehen, grinste sie triumphierend an. „Pendergast hat mir die Erlaubnis erteilt, mit Ihnen zu fliegen, wenn Sie es erlauben."
Vashtu hob die Brauen.
Pendergast nahm Rücksicht auf sie? Das wäre ja etwas ganz neues. Andererseits ...
"Funkgerät deaktivieren und einstecken. Möglichst irgendwohin, wo niemand auch nur einen Laut hören kann, sollte es plötzlich wieder anspringen", befahl sie, joggte zu ihrem Jumper hinüber, Stross hinter sich wissend.
"Warum denn das?" Die Wissenschaftlerin tat, wie ihr geheißen, packte das kleine Funkgerät in ihre Hosentasche.
"Weil nicht jeder mithören soll, was Piloten sich untereinander so zu erzählen haben." Vashtu blieb auf der Rampe stehen und wartete, bis ihre unverhoffte Passagierin den Gleiter betreten hatte, ehe sie die Luke schloß und sich auf dem Pilotensitz niederließ. Stross machte es sich an ihrer Seite gemütlich und beobachtete sie aufmerksam.
Vashtu änderte wieder die Frequenz. „Sir, sind bereit, wenn Sie es sind", gab sie durch und wartete, dann startete sie den Antrieb. „Markham, Peter, auf mein Kommando", wieder eine kleine Korrektur der Frequenz, damit man auf der Prometheus nicht mithören konnte. „Abheben!"
Ihr Blick richtete sich nach vorn, wo die Hologrammanzeigen augenblicklich auf ihre Frage eingingen und ihr die nötigen Antworten lieferten. Vashtu lächelte mit einem Mundwinkel.
Sah gut aus.
"Sie machen das alles mit Ihren Gedanken, richtig?" fragte Stross neben ihr.
Vashtu warf ihr einen halben Blick zu, nickte dann. „So waren die Jumper gedacht", antwortete sie, ließ den Gleiter sanft abheben. Das Hologramm bestätigte ihr, daß auch die anderen beiden Fluggeräte es ihr nachtaten. Sie drückte das Funkgerät an ihrem Ohr, damit sie wieder mit der Prometheus sprechen konnte. „Triebwerke hochfahren - jetzt!"
Das war der kritische Punkt an dem ganzen Plan. Und erst nach einigen Debatten hatte Pendergast sich dazu breitschlagen lassen, ihr das Kommando über die Wissenschaftler zu überlassen, die ansonsten blind hätten zünden müssen.
"Ich habe mit einigen anderen über Sie gesprochen, Major", sagte Stross jetzt unvermittelt.
Vashtu runzelte die Stirn. „Peter, nicht vorpreschen. Warten Sie, bis ich das Okay gebe", sagte sie dann mit bestimmter Stimme. Dann erst drehte sie sich zu ihrer Begleiterin um. „Was meinen Sie?"
"Die letzten zwei Tage müssen für Sie sehr entspannend gewesen sein, Major. Jedenfalls schien es denen so, mit denen Sie gesprochen haben. Alle meinten einhellig, daß Sie eine sehr sympatische Zeitgenossin wären."
Vashtu verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Dann kennen Ihre Wissenschaftler mich noch nicht. Ich kann wenigstens ebenso nerven wie Peter. Und das dumme daran ist meistens, daß ich recht habe." Sie meinte, die Vibration des Stahlseils unter sich zu fühlen, atmete tief durch.
"Prometheus hat Antrieb gestartet. Läuft wohl auf höchster Stufe", meldete Markham in ihrem Ohr. Er war der einzige ihrer kleinen Flotte, der relativen Blick nach hinten hatte.
Vashtu nickte. „Dann jetzt los! Hochziehen!" Sie drehte die Schubregulierung, betätigte gleichzeitig den kleinen Stick, der die Triebwerke steuerte. Der Jumper unter ihr stöhnte kurz auf, dann ging ein Ruck durch ihn, ehe er, mit einem deutlichen Widerstand, leicht an Höhe zu gewinnen begann.
Dieses Mal lächelte Vashtu wirklich. Sie war zufrieden mit sich.
"Prometheus hebt ab!" In der Stimme des jungen Lieutenants war ein gewisser Triumph zu hören.
"Sagte ich doch." Das Lächeln wurde zu einem sehr zufriedenen Grinsen
"Dann stammte die Idee tatsächlich ursprünglich von Ihnen?" Stross lachte leise auf.
"Von Peter und mir. Gemeinschaftsarbeit", antwortete sie, lehnte sich etwas entspannter zurück und blickte in den Himmel hinauf.
Eine eigenartige Tatkraft erfüllte sie plötzlich. Endlich konnte sie wieder etwas tun. Endlich kam sie von diesem Niemandsland weg! Und hoffentlich würde sie auch bald aus Pendergasts Dunstkreis verschwinden können. Sobald sie den Planeten erreicht hatte, hieß das.
Stross lachte wieder. „Sie sind unglaublich, Major."
Vashtu blinzelte der Blonden zu. „War ich schon immer", wagte sie einen Scherz und seufzte erleichtert. „Allerdings fiel es mir verteufelt schwer, die Berechnungen im Kopf durchzuführen. Deshalb habe ich Peter das ganze noch einmal bestätigen lassen."
"Sie haben das hier im Kopf durchgerechnet?"
Vashtu nickte und kniff die Lippen aufeinander. „Wollen wir hoffen, daß wir auf dem Planeten endlich weiterkommen", seufzte sie dann, behielt weiter die Anzeige im Auge.
"Was erwarten Sie dort denn eigentlich zu finden, Major?" Stross beugte sich wieder vor. „Bisher arbeiten Sie die ganze Zeit sehr behaarlich daran, auf diesen Planeten zu kommen. Also muß dort wohl etwas sein, oder?"
"Ich hoffe auf ein Sternentor", antwortete Vashtu. „Zumindest weiß ich, daß es dort einen Außenposten gibt - oder gab. Der dürfte inzwischen verlassen sein. Aber vielleicht treffe ich dort zumindest auf Hilfe und finde die Antwort, wo wir uns hier eigentlich befinden. Die Sterne sagen mir nämlich absolut gar nichts."
Stross nickte sinnend. „Mir auch nicht. Nicht daß ich groß aus Atlantis herausgekommen wäre, aber ..." Sie zuckte mit den Schultern.
"Peter warnte mich übrigens, daß unser netter Colonel es nicht gern sieht, wenn wir beide zusammen sind." Vashtu warf ihrer Begleiterin wieder einen Blick zu. „Er meinte, Pendergast würde Sie mindestens so gern haben wie mich."
"Also gar nicht?" Die Blonde lächelte wieder, lehnte sich entspannt zurück. „Mir paßt seine Art nicht, Major. Mit Ihnen dagegen ... Nun, es ist selten, daß ich mit jemandem so gut wie mit Ihnen auskomme."
"Sie haben mich noch nicht erlebt, Dr. Stross. Nicht wenn ich ... eigene Dinge durchziehe." Vashtu warf wieder einen Blick auf die Anzeigen. Inzwischen hatten sie endlich den Weltraum erreicht. Doch da Pendergast dem Antrieb noch immer nicht so ganz traute, würden die drei Jumper die Prometheus weiter ziehen, bis zum nächsten Planeten, so der Plan.
"Dieser Außenposten ... wissen Sie näheres?" bohrte Stross nun weiter.
Vashtu zuckte mit den Schultern. „Leider nein. Ich weiß nicht einmal, um was genau es sich dabei handelt. Aber wie sagt man auf der Erde: Die Hoffnung stirbt zuletzt."
"Wenn es tatsächlich ein Sternentor geben würde, würden Sie dieses wohl benutzen, richtig?"
Die Antikerin nickte. „Stimmt genau. Ich werde Pendergast nicht einen Moment länger zu Diensten sein als unbedingt nötig. Wenn er meint, mich vor ein Militärgericht schleifen zu müssen, ist das seine Sache. Wie gesagt, wir wissen nicht einmal, wo wir sind."
"Würden Sie es vielleicht in Erwägung ziehen, uns diesen Außenposten zugänglich zu machen?" Stross beugte sich wieder vor.
Vashtu drehte irritiert den Kopf. „Was?" Sie blinzelte.
Die Wissenschaftlerin seufzte. „Ich weiß nicht, inwieweit unser guter Colonel Sie in seine Pläne eingeweiht hat. Aber er hegt tatsächlich den Gedanken, die Atlantis-Crew irgendwo zurückzulassen, vor allem uns Wissenschaftler. Mir persönlich wäre es da lieber, wenn ich irgendwo wäre, wo ich auch sicher bin. Wer weiß, was uns hier erwartet."
Vashtu nickte versonnen, sah wieder aus dem großen Frontfenster, behielt am Rande die Anzeigen im Auge. „Das wußte ich nicht", gab sie nach einer kleinen Weile zu.
"Dachte ich mir. Pendergast ist es unangenehm, daß Sie so gut mit uns können, Major. Es ist ihm ein Dorn im Auge. Deshalb hält er Sie an der möglichst kurzen Leine."
Noch ein Minuspunkt für den Colonel. Vashtu glaubte ihrer Begleiterin jedes einzelne Wort. Dafür hatte sie in den letzten Wochen einfach zuviel erlebt und wußte, wie dieser Militär gestrickt war. Unwillkürlich kam ihr ein Name in den Sinn, und sie fragte sich wirklich, wie weit Pendergast gehen würde, sollte sie nicht so spuren, wie er es gern wollte. Und wie würde er erst reagieren, wenn er erfuhr, was es mit ihr wirklich auf sich hatte?
"Sie wollen also diesen Außenposten in Eigenregie übernehmen? Und die Erde?" fragte sie nach einer kleinen Weile.
"Nun, erst einmal sollten wir herausfinden, ob die Erde ... mh, in welcher Dimension wir uns eigentlich befinden. Danach können wir immer noch entscheiden. Nach allem, was wir in Atlantis erlebt haben, kann es durchaus passieren, daß wir auf einen nicht nur leeren, sondern auch sehr energiearmen Außenposten stoßen. Im Ausschalten der Lichter war Ihr Volk nie besonders gut, oder?"
"Wir hatten genug Energie, wir brauchten das Licht nicht löschen." Vashtu schmunzelte über diesen Vergleich, nickte dann aber. „Warum nicht? Wenn der Außenposten hält, was ich mir verspreche, können Sie ihn meinetwegen haben. Sobald ich wieder im SGC bin, werde ich Meldung machen, daß hier draußen noch einige Leute warten."
"Vielleicht ist man auf der Erde auch an einem weiteren Außenposten interessiert. Wer weiß?"
"Dazu kann ich nichts sagen", antwortete Vashtu.
"Und wenn Sie sich uns anschließen? Zumindest für die erste Zeit?"
Vashtu hob die Brauen. „Anschließen?" Sie schielte zu ihrer Begleiterin hinüber. „Wir reden hier über Dinge, die wir noch gar nicht wissen, Dr. Stross. Ich hoffe immer noch, daß ich nicht endlos warten muß, bis ich wieder auf der Erde bin. Ich will nur aus Pendergasts Dunstkreis verschwinden, mehr erst einmal nicht."
"Sie haben auch einige aus seinen militärischen Reihen beeindruckt", gab die Wissenschaftlerin ihr zu bedenken. „Sie könnten vielleicht die Führung übernehmen."
Vashtu schüttelte den Kopf. „Nicht mit mir! Mir reicht es, wenn ich mein Team zusammenhalten kann. Das ist schon Arbeit genug mit Wallace und seinen ständigen Fehltritten." Sie ließ die Anzeige wechseln.
Der Planet kam immer näher. Er müßte allmählich in Reichweite der Scanner sein.
Stross lachte wieder. „Das ist tatsächlich schon einige Male aufgefallen. Ihr Dr. Wallace hat ein Händchen für Katastrophen, wie?"
Vashtu schmunzelte, nickte dann aber. „Bisher hat Dorn immer auf ihn aufgepaßt. Aber jetzt ..." Sie runzelte die Stirn und schloß den Mund.
Stross seufzte. „Das mit dem Sergeanten tut mir wirklich leid. Aber Dr. Grodin meint, vielleicht ließe sich da noch etwas machen."
Vashtu konzentrierte sich auf die Scanner, hielt unwillkürlich die Luft an, als die ersten Daten im Hologramm erschienen.
"Leben ..." murmelte sie.
Lebewesen, nicht viele, aber zumindest einige, wurden angezeigt. Und etwas ... Mit viel Glück könnte es noch reichen, falls es tatsächlich das Stargate war. Beides war nicht allzu weit voneinander entfernt.
Vashtu runzelte die Stirn. Nachfahren ihres Volkes? Darauf konnte der Scanner ihr keine Antwort geben. Aber zumindest schien dieses Leben humanoid zu sein. Und, soweit sie feststellen konnte, keine Bedrohung durch irgendwelche fremden Rassen.
Die Antikerin nickte nachdenklich. Jetzt mußte sie Pendergast nur noch davon überzeugen, sie auf den Planeten hinunter zu lassen. Und das würde wieder einmal ein hartes Stück Arbeit werden, wenn ihr keine passende Ausrede einfiel.
Stross beugte sich interessiert vor, studierte die Anzeigen ebenso intensiv wie sie. „Sieht doch ganz gut aus. Ein kleines Völkchen, wie es aussieht. Aber immerhin. Sie könnten vielleicht als Führer fungieren, wenn wir es klever anstellen."
Vashtu nickte, änderte dann wieder die Frequenz. „Prometheus? Auf dem Planeten gibt es Leben", meldete sie.

TBC ...

23.06.2010

Das Angesicht des Feindes 3/4 V

Zwei Wochen später

"Dieser Kerl ist einfach ... ein purer Ignorant!" schimpfte Peter Babbis, fuhr nach einigem Zögern mit seiner Tirade fort.
"Sprechen Sie sich nur aus, Peter." Vashtu ließ das Wasser über ihr Gesicht rinnen, streckte sich dann in dem Wasserstrahl aus dem Duschkopf. „Hier drin gibt es keine Wanzen."
"Haben Sie eine Ahnung, was der ... der ... Pendergast! ... gestern gemeint hat? Ich solle mir doch erst einmal die Windel wechseln lassen!"
Vashtu grinste, schluckte Wasser und prustete. Dann griff sie nach der Seife und begann sich gründlich zu waschen. Peter auf der anderen Seite des undurchsichtigen Duschvorhangs lamentierte weiter.
Irgendwie fehlte ihr das gemeinsame Basteln, mußte sie zugeben. Die Prometheus lag noch immer auf dem Mond, und, nachdem sie sich den Antrieb einmal angesehen hatte, war sie sich ziemlich sicher, daß dieses Schiff aus eigener Kraft auch nicht wieder aufsteigen würde ins All.
"Die ganze Zeit peitscht er uns an. Jetzt hat er sogar unsere Rationen gekürzt, damit wir endlich ans Arbeiten kommen", wütete Peter zornig weiter. „Als würde es ums Essen gehen! Diese Pampe hier kann er sich in die Haare schmieren!"
Vashtu kicherte, wusch sich ihre Haare und hörte weiter zu.
Ein Treffen zwischen den, inzwischen mußte sie wohl zugeben, ehemaligen Mitgliedern von SG-27 war viel zu selten. Pendergast hielt sie alle auf Trab, einmal abgesehen von Dorn, der noch immer auf der Krankenstation lag.
Vashtus Brauen schoben sich zusammen.
Was würde mit dem alternden Marine geschehen, jetzt? Wenn sie hier nicht wegkamen, wenn sie hier für immer festsitzen würden? Sie wußte es nicht. Aber an aktiven Dienst war bei Dorn nicht mehr zu denken, nicht nach ...
Sie zwang sich, dem Gedankengang nicht weiter zu folgen. Sie wollte gleich noch den Marine besuchen, da konnte sie diese Stimmung nicht gebrauchen. Im Gegenteil mußte sie Dorn Mut geben, weiterzuleben und sich irgendwie wieder aufzurappeln.
"Der Antrieb ist hinüber, Punktum!" Ein Schmerzenslaut nach einem heftigen Klatschen. Offensichtlich hatte Peter sich mal wieder selbst geschlagen.
Vashtu schüttelte den Kopf, drehte die Brause ab und steckte den Kopf hinter dem Vorhang hervor. „Können Sie mir vielleicht das Handtuch reichen, Peter? Oder geht das im Moment über Ihre Kräfte?" fragte sie und erntete einen giftigen Blick, der sie wieder grinsen ließ.
"Vielleicht, mit viel Mühe und noch mehr Bastelei, kriegen wir die Prometheus auf Manövergeschwindigkeit hochgeputscht", erklärte er dann, während er ihr eines der großen, kratzigen Handtücher reichte, sich dann wieder auf dem Schemel niederließ.
Vashtu verschwand erneut hinter dem Vorhang und begann sich abzutrocknen.
"Vom Hyperantrieb jetzt mal gar nicht zu sprechen! Der ist endgültig reif für den Schrottplatz. Da könnten selbst Sie nichts mehr tun", fuhr der junge Wissenschaftler fort.
Vashtu nickte nachdenklich, rubbelte sich mit dem Handtuch die Haare trocken. „Da ist wirklich nichts mehr zu machen?" fragte sie dabei.
"Ich habe keine Ahnung, was Pendergast mit diesem Antrieb angestellt hat, aber der ist dermaßen in seine Einzelteile zerlegt, selbst Heimdahl kann da nichts mehr machen", antwortete Peter.
Vashtu hob mit einem Ruck den Kopf. „Heimdahl?" fragte sie.
"Der Asgard auf diesem Schiff."
Wieder steckte sie den Kopf hinter dem Vorhang hervor und starrte ihr ehemaliges Teammitglied an. „Wir haben einen Asgard auf der Prometheus?" Ihre Augen wurden groß.
"Wußten Sie das nicht?" Peter lehnte sich grinsend zurück. „Den stumpfsinnigen Piloten wird da zwar ein feines Leben bereitet mit Einzelkabinen, aber von den anderen Besatzungsmitgliedern haben sie keine Ahnung, was? Müssen sich voll aufs Fliegen konzentrieren, wie? Alles andere würde den Intellekt übersteigen."
Vashtu musterte ihn einen Moment mit geschürzten Lippen, dann verschwand sie wieder in der Duschkabine. „Wie ist er so?" erkundigte sie sich dann, band sich das Handtuch um den Körper, nachdem sie sich so schnell wie möglich fertig trockengerubbelt hatte.
"Wer?"
"Dieser Asgard, Peter. Worüber sprachen wir denn gerade?" Sie schob mit einer entschlossenen Geste den Duschvorhang zur Seite und trat aus der niedrigen Wanne.
Peter starrte sie einen Moment lang groß an, dann senkte er den Kopf mit hochrotem Gesicht.
"Sie haben mich schon in ähnlichen Situationen gesehen, Peter. Ein bißchen spät für Scham, finden Sie nicht?" Vashtu trat an ihm vorbei und begann sich, ihm den Rücken zukehrend, anzuziehen.
"Heimdahl ist schon ... naja, soweit ich sagen kann, ist er ganz in Ordnung. Aber manchmal habe ich schon ein merkwürdiges Gefühl bei ihm. Kann aber auch daran liegen, daß ich nicht so viel Erfahrung mit Asgard habe." Peter zuckte mit den Schultern, fixierte starr die gegenüberliegende Wand.
"Mh", machte die Antikerin in seinem Rücken.
"Er sagte selbst, er sei ... äh, noch jung. Er sollte hier auf der Prometheus einen Transporter installieren, als Pendergast den Befehl erhielt, sofort nach Atlantis zu fliegen und die Leute dort herauszuholen."
"Jung?" Vashtu schlüpfte in den unförmigen Overall und kämpfte kurz mit dem Reißverschluß, dann drehte sie sich wieder um. „Sie können sich wieder umdrehen, Peter", sagte sie. „Und was heißt jung? Die Asgard sind ein sterbendes Volk. Bei ihnen gibt es schon seit Jahrhunderten keinen Nachwuchs mehr."
"Er ist wohl der erste, keine Ahnung."
Mit weiten Schritten trat sie zu ihm, beugte sich vor und starrte ihn entgeistert an. „Der erste?" wiederholte sie aufgeregt. „Oh Mann!"
"Tja, wie auch immer." Peter wich ein wenig vor ihr zurück. „Der Antrieb ist definitiv hinüber. Nur will Pendergast das nicht einsehen."
Vashtu richtete sich wieder auf. „Kann ich ihn mal treffen?" fragte sie, strich sich mit einer Hand den fransigen Pony aus der Stirn.
"Pendergast? Dem laufen Sie doch schon oft genug über den Weg, wie ich gehört habe." Peter mußte ein Lachen unterdrücken. Die verbalen Schlagabtausche zwischen seiner Leaderin und dem Kommandanten der Prometheus waren inzwischen schon fast legendär. Irgendwann, davon war er überzeugt, würde sie es fertigbringen und tatsächlich in der Brick landen.
"Heimdahl! Mit dem würde ich gern sprechen." Vashtu wischte seine Worte mit einer entschlossenen Geste aus dem Raum.
Peter neigte den Kopf und begann, an seinem Ohrläppchen zu zupfen. „Wenn Sie das hinter dem Rücken unseres fleißigen Colonels schaffen? Er sieht es wohl nicht gern, wenn sich einer seiner Offiziere mit den Wissenschaftlern herumtreibt, oder?"
Vashtu schnaubte, drehte sich wieder um, griff sich einen Kamm und begann, ihr wirres kurzes Haar zu bearbeiten. Das allerdings war schon jetzt vollkommen überflüssig. Das Ergebnis war nur ein noch größeres Durcheinander auf ihrem Schädel.
"Es ist ihm ein Dorn im Auge, daß Sie so gut mit Dr. Stross können, Vashtu", fuhr Peter fort. „Ich an Ihrer Stelle wäre da ein wenig vorsichtiger. Pendergast mag diese Stross nicht gern, naja, ungefähr ebenso gern wie Sie."
"Dann paßt es doch wieder." Die Antikerin betrachtete sich kritisch in dem kleinen Spiegel, drehte sich dann wieder um. „Können Sie für ein Treffen mit diesem Heimdahl sorgen?"
"Ich werde sehen, was sich machen läßt." Peter erhob sich.
Vashtu nickte befriedigt, runzelte dann die Stirn. „Manövergeschwindigkeit, sagten Sie?" fragte sie dann, den Kopf leicht neigend.
Peter atmete tief ein, um wieder auf das ursprüngliche Thema zurückzufinden und Zeit zu gewinnen. Dann nickte er. „Ja, genau. Und mit Manövergeschwindigkeit meine ich, nach Anlauf."
Vashtu kreuzte die Arme vor der Brust. „Damit kommen wir nicht von diesem Mond herunter." Ihre Stimme klang nachdenklich. Dann drehte sie sich abrupt um. In ihren Augen leuchtete ein Licht. „Aber ..." Sie fuhr herum, sah zu ihm auf.
Peter starrte sie einen Moment lang begriffsstutzig an, dann verstand auch er. „Das Lager!"
"Die Jumper!"
"Anschieben!"
Sie nickte.
Peter zupfte wieder an seinem Ohrläppchen, schürzte die Lippen. „Aber ... haben wir genug Stahlseile?"
"Dürfte sich herausfinden lassen." Vashtu grinste. „Die Frage ist eher, wieviele Menschen mit dem ATA-Gen befinden sich auf der Prometheus."
Peter blies die Wangen auf. „Nicht gut. Mit Ihnen und mir drei. Da ist nur noch Markham, fürchte ich."
"Sicher?"
"Sicher."
Vashtu wandte sich ab, die Stirn erneut gerunzelt und die Arme noch immer vor der Brust gekreuzt. „Könnte eng werden", sagte sie schließlich. „Aber theoretisch ist es möglich."
"Sie meinen ... ?"
"Wenn die Jumper parallel zueinander die Prometheus hochziehen und diese die Triebwerke zumindest versucht einzusetzen, dürfte es knapp klappen."
"Aber ... zwei Jumper?"
"Drei, Peter." Sie drehte sich wieder zu ihm um und reckte das Kinn. „Sie fliegen mit!"
"Ich?" Er bekam große Augen.
Vashtu nickte. „Wenn ich Ihnen schon die Idee gebe, können Sie auch dafür arbeiten. Wir müssen nur bis zum nächsten Planeten. Danach kann Pendergast uns gestohlen bleiben."
"Wenn er Sie gehen läßt, meinen Sie", warf Peter ein.
"Der wird mich nicht wiedersehen, davon können Sie ausgehen. Bin ich einmal auf diesem Planeten, komme ich so schnell nicht wieder hierher zurück. Kann er doch die nächsten Jahrmillionen damit verbringen, die Prometheus durch das All zu schieben und zur Erde zurückzukommen. Ich nehme den kürzeren Weg." Sie grinste.
"Hä?"
"Es gibt einen Außenposten meines Volkes auf dem nächsten Planeten. Und ich gehe jede Wette darauf ein, daß wir dort auch ein Stargate finden werden, Peter. Damit dürften wir dann um einiges schneller wieder auf der Erde sein als unser guter Freund hier."
Peter starrte sie nur groß an.

***

Vashtu lugte mit langem Hals um die Ecke, schlich dann weiter. Vorsichtig öffnete sie die Tür, sondierte sehr sorgfältig die Lage, ehe sie in den Raum glitt und an das herantrat, was früher einmal der Hyperantrieb der Prometheus gewesen war. Unwillig verzog sie das Gesicht.
Von diesem Hyperantrieb war wirklich nicht mehr viel ganz geblieben. Und ...
Sie hob den Kopf, drehte sich dann um und lauschte aufmerksam in sich hinein.
Da war doch ...
Unwillkürlich tastete sie nach ihrer Brusttasche, doch der Detektor steckte immer noch in der Überlebensweste, und die lag in ihrer schmalen kleinen und schlecht belüfteten Kabine. Aber dennoch.
Ihre Hand glitt zu ihrer Beretta hinunter. Zumindest die durfte sie noch offen tragen als Militärangehörige, war doch schon einmal was.
Vorsichtig, nur ja kein Geräusch verursachend, schlich sie zwischen den anderen Maschinen hindurch, sah sich aufmerksam um.
Irrte sie sich, oder ... ?
Der Hyperantrieb war definitiv durch eine Wraith-Granate zerstört worden. Also mußte wenigstens einer dieser Grünhäute auf die Prometheus gelangt sein.
Was war hier denn nur passiert? Wie war ein Schiff, das schon seit über einem Jahr nicht mehr existierte, mit einer Besatzung, die teilweise ebenfalls als tot oder zumindest vermißt galt, ausgerechnet hierher gekommen?
Sie wußte es nicht. Aber ihr war klar, daß man möglicherweise etwas vergessen hatte in der ganzen Aufregung. Das da hinten hatte wenigstens ein Wraith angerichtet, und sie hatte bisher noch nichts davon gehört, daß man an Bord irgendwelche Grünhäute gesehen hätte. Die Mannschaft würde das nicht unter den Tisch kehren, soviel war sicher. Niemand würde mit einer solchen Tat, einen Wraith zu töten, hinter dem Berg halten bei den heutigen Menschen.
Leise entsicherte sie die Waffe, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Dieser Overall störte, und das nicht wenig! Das Ding laberte um ihren Körper, war ihr mindestens zwei Größen zu groß, dabei war das schon der kleinste gewesen, den dieser Bates ihr hatte anbieten können.
Vashtu biß sich auf die Lippen. Zumindest würde wohl kaum eine Naht reißen, sagte sie sich, konzentrierte sich wieder auf ihre Suche.
Wenn es hier irgendwo einen Wraith gab, dann mußte er logischerweise auch zu finden sein. Die Frage war nur, wo?
"Major Uruhk?"
Vashtu verzog das Gesicht, klopfte dann mit einem Finger auf das Empfangsteil. Irgendwann würde sie Pendergast noch seine Stimmbänder als Schnürsenkel verkaufen, schwor sie sich. Immer im ungünstigsten Moment.
"Sir?" knurrte sie, hielt die Beretta konzentriert auf den Boden gerichtet und sah sich weiter um.
"Ihr Dr. Babbis kam gerade mit einer interessanten Idee zu mir. Ich würde gern mit Ihnen darüber sprechen, Major. Jetzt!"
Vashtu kniff die Lippen aufeinander, um nicht ins Mikro zu brüllen.
Natürlich jetzt, am besten gestern um diese Uhrzeit oder mit anderen Worten sofort. Das fehlte ihr gerade noch.
Unwillkürlich richtete sie sich steif auf, als sie den Schmerz, oder das, was Schmerz sein sollte, fühlte. Der Wraith!
Sie wirbelte herum und bekam einen Schlag, der sie gegen ein Rohr taumeln ließ. Ächzend fing sie sich ab und hob die Waffe.
Der Grünhäutige starrte sie an, wie ihr schien, mit einem überlegenen Grinsen auf den Lippen.
"Major, haben Sie verstanden?"
"Ja", knurrte sie ins Mikro.
Der Wraith kam näher, langsam und immer noch seiner Beute sicher, da sie sich nicht regte.
Vashtu drückte ab, einmal, zweimal, dreimal. Die Beretta bellte die Kugeln aus.
Ihr Gegner taumelte zurück.
"Schießen Sie?" Pendergasts Stimme klang überrascht.
Vashtu verkniff sich die Antwort, raste statt dessen auf den Wraith zu. Der schien gut genährt zu sein. Dann also anders. Sie hatte nämlich leider kein Ersatzmagazin mitgenommen. Wer hätte denn auch ahnen können, daß ...
Sie rammte ihre Faust in sein Gesicht, packte seinen rechten Arm und trat zu, während sie sich selbst fallen ließ.
"Du kriegst mich nicht, verdammter Mistkerl!" knurrte sie dabei.
Schwer fiel der Wraith, und sie mit ihm.
"Major?"
"Gleich, Sir. Dauert nur einen Moment." Sie richtete sich wieder auf, kam auf seiner Brust zu hocken und bearbeitete ihn ein bißchen mit den Fäusten, bis er nur noch benommen zu ihr hochblinzelte. Dann lächelte sie zuckersüß, während sie die Waffe wieder zog.
"Viel Spaß im Jenseits!" Sie drückte den Lauf gegen seine Stirn. Die Augen des Wraith wurden groß, kurz bevor sie abdrückte, ihm mehrere Kugeln in den Schädel jagte.
Das Problem wäre gelöst.
"Major?"
Seufzend steckte sie die Beretta wieder ein, klopfte auf ihr Funkgerät. „Ich bin ja schon unterwegs", sagte sie, während sie sich erhob. In diesem Moment wurde die vordere Tür mit einer solchen Wucht aufgestoßen, daß es nur so knallte.
Mist!
Etwas hilflos sah sie auf den toten Wraith hinunter, blickte dann wieder auf.
Pendergast hatte ihr mehr als deutlich zu verstehen gegeben, daß sie in den Maschinenräumen nichts, aber auch absolut gar nichts, zu suchen hatte. Und jetzt hatte sie auch noch einen toten Wraith am Hals.
Zwei Marines kamen um die Ecke gerannt, blieben dann wie angewurzelt stehen und starrten sie groß an.
Vashtu zwang sich zu einem Lächeln. „Er ... floh hierher", versuchte sie irgendwie zu erklären.
Die beiden starrten sie nur weiter an.
Hinter ihnen erschien Pendergast. Entgeistert blieb er stehen und starrte auf den Leichnam, dann auf sie. „Major, ich hoffe, Sie haben eine Erklärung."
Vashtu verzog wieder das Gesicht. Im Lügen war sie nicht besonders gut, das wußte sie auch selbst. Also zuckte sie erst einmal nur mit den Schultern.
"Ich wollte ... zum Hangar und nach meiner Maschine sehen, Sir. Da lief der mir über den Weg." Sie wies auf den toten Wraith.
Pendergast starrte sie weiter durchdringend an. „Und warum haben Sie keine Verstärkung gerufen, Major?"
Vashtu schluckte. „Äh, weil Sie mich gerade anfunkten, Sir?" Diese Ausrede war mehr als lahm, und sie wußte es.
Der Colonel trat näher, musterte noch einmal den Wraith vor seinen Füßen. Als er die Augen wieder hob, sah sie die Skepsis, kniff die Lippen aufeinander.
Sie wußte schon sehr genau, warum sie bisher noch niemandem gegenüber ihre veränderten Gene erwähnt hatte. Was sie aber mit dem Wraith angestellt hatte ... nun, man brauchte nur ein Paar Augen, notfalls reichte auch eines, und die Wahrheit kam ans Licht.
Pendergast nickte nachdenklich. „Na schön", sagte er. „Ich hoffe, Sie wissen jetzt zumindest meine Leitung zu schätzen, Major. Immerhin bin ich sofort mit einem Stoßtrupp zu Ihnen gekommen, um Ihnen bei Ihren Schwierigkeiten zu helfen."
Wieder ein zerknirschtes Lächeln. Dieser Stoßtrupp war tatsächlich das letzte, was sie sich hier gewünscht hatte. Allerdings zeigte es nur allzu deutlich Pendergasts Entschlossenheit, was ihre Person betraf.
"Ja, Sir. Vielen Dank für die Hilfe, Sir", beeilte sie sich zu versichern.
Der Colonel nickte wieder, hob dann die Hand. „Dann kommen Sie einmal mit." Seine Stimme klang jetzt beinahe kameradschaftlich - wenn sie ihn nicht besser kennen würde. „Wie gesagt, Ihr Dr. Babbis ist da mit einer Idee an mich herangetreten. Wäre vielleicht auch etwas für Sie."
Vashtu warf dem Leichnam noch einen letzten Blick zu, dann nickte sie und folgte Pendergast wieder aus dem Maschinenraum hinaus.

TBC ...