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22.07.2009

Das Monster VI

20 Minuten später, CSI-Labor:

„Mac, du hattest recht." Stella betrat das Büro ihres Vorgesetzten und nickte lächelnd. „Deine Menschenkenntnis ist immer wieder bemerkenswert."
Mac Taylor blickte von den Unterlagen auf, an denen er gearbeitet hatte. Er wußte sofort, wovon seine Kollegin da sprach. Und er war mehr als erleichtert, daß jetzt, nach dem ersten Beweis des lückenlosen Alibis, noch ein zweiter folgte.
„Danny hat sich wohl dermaßen auf deinen Major als Täter eingeschossen, daß er etwas übersehen hat", plauderte Stella in aller Ruhe weiter und lehnte sich gegen den Schreibtisch. „Ich habe mir die Sachen noch einmal vorgenommen wie wir es besprochen haben. Da ist mir ein Fingerabdruck an der Hose des Majors aufgefallen. Ein blutiger Fingerabdruck. Offensichtlich ein Negativ und ich konnte seine Unterhose nirgends finden. Entweder das Krankenhaus hat sie uns nicht mitgegeben oder einer von uns ..." Mit einem leidenden Blick schloß sie den Mund.
Mac schüttelte den Kopf. Er hatte sich, während sie erzählte, zurückgelehnt und ihr gelauscht. „Das mußt du mir ankreiden", antwortete er, ein halbes Lächeln erschien auf seinen Lippen. In seinen Augen blitzte es auf. „Sagen wir, wir sind alle Menschen und ich hatte das sichere Gefühl, daß diese Unterhose Major Sheppard vielleicht genau zum richtigen Zeitpunkt helfen würde, würde ich sie ihm lassen."
„Das kann dir als Beweismittelunterschlagung ausgelegt werden." Stella drohte ihm mit einem Finger, rutschte von seinem Schreibtisch herunter. „Aber du hattest ja schließlich und endlich recht. Wir haben den Fingerabdruck, also haben wir auch einen Namen." Wieder begann sie zu lächeln. „Weißt du, unser neuer Verdächtiger hat da bereits einiges zu bieten, mit seinem Strafregister können wir eine neue Brücke über den East River bauen."
Mac schmunzelte.
Er wußte, die Sache mit der Unterhose konnte wirklich übel für ihn ausgehen, andererseits hatte er das untrügliche Gefühl gehabt, daß der Major genau dieses Beweisstück brauchte, um sich entlasten zu können. Darum hatte er sie ihm gelassen.
Stella legte ihm die Akte, die sie bis jetzt unter dem Arm getragen hatte, auf den Tisch. „Eines allerdings ist interessant", gab sie dabei zur Auskunft, „bisher ist er noch nie wegen eines Gewaltverbrechens aufgefallen. Immer Diebstähle und Einbrüche. Es ist, als habe er sich komplett verändert von einem Tag auf den anderen."
Mac nahm die Akte und las den Namen. „Bryan McGillup." Er runzelte die Stirn und begann zu blättern. „Vielleicht ist irgendein uns unbekannter Faktor hinzugekommen, weswegen er sich verändert hat", gab er zu bedenken. „Wir können das Phänomen der Serientäter noch immer nicht ausreichend erklären."
In diesem Moment öffnete sich seine Bürotür wieder und ein Mann im dunklen Anzug trat ein, den Mac noch nie gesehen hatte. Kurzes, dunkelbraunes Haar, nichtssagendes Gesicht, schwarzer Anzug und Krawatte, weißes Hemd. Irgendwie drängte sich Mac die Erinnerung an den Film „Man in Black" auf - und diese Assozination wurde sogar noch stärker, als der Eindringling in sein Sakko faßte, eine Brieftasche herauszog und gekonnt und wie selbstverständlich einen offiziellen Ausweis präsentierte.
„NID, Agent Finham", sagte er. Nein, er stellte sich nicht vor, er sagte es einfach, als sei es das normalste auf der Welt.
Mac bewarte die Ruhe. „Mac Taylor, NYPD und Leiter des CSI. Was kann ich für Sie tun?" fragte er.
„Sie bearbeiten den Fall des sogenannten Central Park Rippers, ist das richtig?" Finham musterte ihn kühl.
Himmel, da fehlte wirklich nur noch die dunkle Sonnenbrille und ein Will Smith, der durch seine Bürotür stolperte!
„Wir sind zuständig für die Tatorte, das ist richtig." Mac nickte.
Die Erinnerung an den Kinobesuch schmerzte noch etwas, wenn auch längst nicht mehr so sehr wie früher. Er war mit seiner Frau damals in diesem Film gewesen, und sie beide hatten sich köstlich amüsiert.
„Ich muß Ihnen mitteilen, daß dieser Fall nicht länger in die Zuständigkeit der Polizeibehörden fällt", erklärte Finham ohne jede Emotion. „Ein Team des CDC wird in Kürze hier eintreffen und das Labor säubern. Wir müssen davon ausgehen, daß es kontaminiert wurde."
Kontaminiert? Womit denn kontaminiert?
„Sagen Sie mal, für wen halten Sie sich eigentlich?" brauste Stella auf. „Wir arbeiten an diesem Fall!"
Finham warf ihr einen kühlen Blick zu.
Durch die Fenster seines Büros konnte Mac ein halbes Dutzend ähnlich gekleideter Männer sehen, die die einzelnen Labore sicherten. Offensichtlich war man entschlossen, wirklich auch das kleinste Beweisstück an sich zu bringen.
„Wir haben keinerlei Krankheitserreger gefunden", wetterte Stella weiter. „Wir machen hier nur unsere Arbeit. Also halten Sie uns nicht davon ab, einen Mörder zu überführen!"
„Stella!" Mac schüttelte den Kopf. Mit einer Geste, als sei es etwas vollkommen normales, legte er die Akte ihres Hauptverdächtigen zurück auf seinen Schreibtisch und dort auf den Stapel mit den gelösten Fällen. Die andere Akte, in der er gelesen hatte, als Stella sein Büro betrat, schob er darüber.
Finham beobachtete ihn mit halbem Auge, drehte sich dann um. „Bleiben Sie kooperativ, Detective Taylor, bleiben wir es auch."
Mac nickte, wechselte einen Blick mit Stella.
Ja, hier wurde eindeutig mehr gespielt, als er gedacht hatte.

***

Gegen Abend, nahe des Containerhafens:

John griff sich die Waffe und kontrollierte sie noch einmal, ebenso wie er es mit der Weste getan hatte.
Endlich fühlte er sich wieder zumindest ansatzweise wie in seinem Element, endlich konnte er mehr tun als herumzusitzen und nachzugrübeln.
Die Bewegung half, wie ihm schon das Joggen geholfen hatte. Solange er aktiv blieb, solange hatte er auch sein Gehirn im Griff.
Aber, und das war ihm in den letzten Stunden klar geworden, er arbeitete sich allmählich wieder aus dem dunklen Loch hervor, in das er durch das Verschwinden Fords und den Befragungen im SGC gestürzt war. Man hatte in den letzten Wochen vieles in ihm wieder aufgewühlt, was immer unbewußt an ihm nagte. Doch erst jetzt war ihm klar geworden, wie weit seine Schuldgefühle bereits vorgedrungen waren in sein Leben.
Nein, hier und jetzt konnte er zumindest etwas tun, damit die Erde sicherer wurde. Er mochte nicht mehr gegen Terroristen kämpfen oder in mehr oder weniger zweifelhaften Kriegen Einsätze fliegen, aber war es nicht sinnvoller, die Menschheit vor Naniten, Wraith und was es da noch alles geben mochte zu beschützen? War es nicht seine Aufgabe als militärischer Leiter des ersten großen Außenpostens in einer anderen Galaxie, dafür zu sorgen, daß jegliche Gefahr für die Erde minimiert oder am besten gleich ganz eleminiert wurde?
Lorne an seiner Seite atmete tief ein, Dorn auf der anderen zuckte noch immer nicht mit einem Muskel.
John fragte sich allmählich wirklich, was den Marine wohl aus der Ruhe bringen konnte. Er hatte es ganz offensichtlich bisher nicht geschafft. Ob das für oder gegen ihn sprach, diese Frage ließ er lieber selbst unbeantwortet.
Beckett stieg jetzt auch endlich aus dem Wagen des NID, mit dem sie gekommen waren.
John hatte nur noch staunen können, wie schnell der Apparat in Gang gesetzt wurde, nachdem er sich im SGC gemeldet hatte. Binnen Minuten waren die ersten Agenten im Hotel aufgetaucht und hatten Informationen gesucht bei ihnen. Plötzlich war keine Rede mehr von Insubordination oder aggressivem Verhalten seinerseits. Plötzlich suchte man seinen Rat, wollte an sein Wissen heran, billigte seine Pläne und seine Vorschläge wurden nicht nur wohlwohlend zur Kenntnis genommen, sondern soweit machbar auch umgesetzt. Landry hatte ihn am Telefon sogar gelobt für sein Handeln.
John wußte nicht so recht, was er von dieser offensichtlich veränderten Situation halten sollte. Erst war er nahe daran, aus dem SGC herauszufliegen und wahrscheinlich wirklich auch noch Eiszapfen zählen zu müssen auf irgendeiner vorgelagerten Nordatlantikinsel. Im nächsten Moment wurde er zum Einsatzleiter und alle und jeder wollten seinen Rat.
„Darf ich?"
Beckett war herangetreten und wies auf seinen bloßen Unterarm.
John nickte.
Eine Vorsichtsmaßnahme für jeden, der bekanntermaßen über das ATA-Gen verfügte und an diesem Einsatz teilnahm. Beckett war sich zwar nicht hundertprozentig sicher, aber allein sein Verdacht, daß Johns Kopfschmerzen etwas mit dem Ripper zu tun hatten, hatten sie dazu bewogen. Jeder ATA-Träger erhielt jetzt eine Ladung Depot-Schmerzmittel, das sich nach und nach im Organismus löste und hoffentlich die üblen Kopfschmerzen verhindern würde, die sie sonst aus dem Gefecht ziehen würden.
John ließ es über sich ergehen, daß Beckett ihm das Schmerzmittel spritzte. Dabei lauschte er mit einem Ohr auf die Funksprüche des NID.
Sein Plan sah vor, diesen McGillup aus seinem Versteck zu jagen, ehe er zur selbiger aufbrechen konnte. Danach sollten der NID und die Marines-Einsatztruppe, die er leitete, den Verdächtigen in die Zange nehmen und nach Möglichkeit aus dem Verkehr ziehen. Gelang es dem NID schon jetzt, McGillup zu überwältigen, umso besser. Allerdings zweifelte John offen daran, daß das möglich sein würde.
Beckett wandte sich Lorne zu und spritzte dem Major ebenfalls das Schmerzmittel.
Hoffentlich würde es wirken!
John entsicherte die P-90 und atmete tief ein.
„Zugriff!" befahl er dann.
Augenblicklich herrschte eine Sekunde lang komplettes Schweigen über Funk.
Johns Herz schlug ihm bis zum Halse.
In der Nähe wurden einige Container bewegt, er konnte den Motor eines Krans hören.
„Soetwas schon einmal gemacht?" erkundigte er sich bei Lorne.
Der verzog das Gesicht, schüttelte dann den Kopf. „Nein, Sir. Meine Erfahrungen spiegeln wohl eher meine Vorgesetzten wider."
John hob die Brauen und gab Beckett ein Zeichen, wieder in den Wagen zurückzukehren. Was er jetzt absolut nicht gebrauchen konnte waren Zivilisten, die ihnen vielleicht noch vor die Waffe laufen würden. Nicht daß er das von Beckett glaubte, dazu hatte der Schotte sich während der Belagerung zu gut gehalten, aber Vorsicht war besser als Nachsicht.
„Zielperson entkommen. Wiederhole! Zielperson entkommen!"
John gab Dorn ein stummes Zeichen.
Der Marine senkte augenblicklich seine Waffe, hob eine Hand und zählte seine Männer ab, ehe er zu Johns Rechter im hereinbrechenden Dunkel des Abends verschwand.
Verdammt! Der Mann war gut. Jemanden wie ihn könnten sie auf Atlantis mehr als nur gebrauchen.
John rief sich zur Ordnung, hob jetzt seinerseits die Faust, um seinen Trupp zusammenzurufen.
„Viel Glück, Major." Lorne lächelte angespannt, ehe er er mit den verbliebenen Männern allein auf der Straße zurückblieb.
John suchte sich Deckung. Er wollte unbedingt wissen, wie Lorne sich im Kampf schlug. Die Antwort gerade machte ihn eigentlich eher neugierig als ihn abzuschrecken.
Wer mochte sich hinter dieser Maske des Untergebenen verbergen? Warum übernahm Lorne nicht selbst die Verantwortung, wenn er doch schon zum Stellvertreter des neuen militärischen Leiters gemacht worden war?
John verstand diesen Mann noch weniger als Dorn, mußte er zugeben. Lorne machte ihn skeptisch, beruhigte ihn gleichzeitig aber auch. Er wußte so gut wie nichts über den Major.
Ob man ihm wohl noch Einblick in die Akten bot? Vielleicht würde er nach hoffentlich glücklichem Abschluß dieser Angelegenheit zumindest eine Zehenspitze in der Tür der Verantwortlichen haben und man ließ ihn einmal nachforschen, wer dieser Evan Lorne war, der da so offensichtlich nach Atlantis gelobt wurde.
Jetzt stand der Major mitten auf der Straße, bei ihm waren drei Marines, die sichtlich nervös wirkten.
Lorne hielt sich gut, ging John auf. Es mochte ihm vielleicht ein wenig an Biß fehlen, aber er hielt die Männer zusammen und vergrößerte die Nervosität nicht noch weiter.
Ein Entsetzensschrei hallte die Straße herunter.
Johns Kopf ruckte wie automatisch herum, doch da kam nichts. „Lieutenant, alles klar?" wisperte er in sein Funkegerade.
„Keine Probleme, Sir", kam prompt die Antwort.
Aber wer hatte dann gerade geschrien?
Einen Moment lang war John verwirrt, ehe sich das Gebrüll wiederholte.
„Verdammt, der holt sich einen nach dem anderen!" John atmete tief ein. „Lorne, wenn Sie freies Schußfeld haben, sofort schießen. Ansonsten sofortiger Rückzug nach Sichtkontakt."
„Ja, Sir." Lorne war nicht anzumerken, ob er sich gerade köstlich amüsierte oder ob ihm das gleichgültig war.
John konzentrierte sich wieder, sein Gesicht erstarrte, seine Augen wurden eiskalt. Die P-90 hielt er entsichert im Arm und wartete.
Und dann brach die Hölle los.
Was da plötzlich auf der Straße auftauchte und direkt auf Lornes Männer zuhielt, hatte nur noch entfernte Ähnlichkeit mit der amorphen Masse, an die John sich endlich erinnerte. Das einzige, was irritierte, war die Tatsache, daß die ganze Gestalt leicht grünlich schimmerte. Irgendwie beschlich John die Erinnerung an den „Hulk", dieses grüne Monster aus seiner Jugendzeit. Auch das Brüllen paßte dazu, befand er. Was aber gar nicht dazu paßte, war die Tatsache, daß dieses Etwas, was da auf sie zukam wie eine außer Kontrolle geratene Dampflok, sein Gesicht trug.
John war es, als habe man ihm einen Vorschlaghammer in den Magen gerammt.
Damit dürften McKay und Beckett wohl doch recht behalten haben, was die Naniten anging. Zwar paßten Körperbau und Größe nicht, aber das Gesicht, daß er da auf sie zukommen sah, war eindeutig das, welches er jeden Morgen beim Rasieren bewundern durfte.
„Lorne, weg da!" brüllte John in sein Funkgerät, als er bemerkte, daß seinem Doppelgänger die Kugeln, die mittlerweile die Luft durchsiebten, kaum etwas auszumachen schienen. Noch immer preschte der frühere Einbrecher McGillup die Straße hinunter, und sein Weg führte ihn direkt DURCH Lorne hindurch, würde nicht einer von ihnen ausweichen. Und irgendwie beschlich den Major das sichere Gefühl, es würde nicht der veränderte Körper sein, der den Klügeren spielte in dieser Situation.
John entließ eine Garbe den Lauf, sprang auf die Straße.
„Abbrechen! Wir müssen abbrechen!" brüllte er in sein Funkgerät, während er über den Asphalt hetzte und im letzten Moment Lorne in die Seite fiel. Er konnte den Luftzug spüren, den McKillup hinterließ, als er an ihnen beiden vorbeiraste.
Sofort rollte er sich herum und sah ... wie sein scheinbarer Doppelgänger mit einem Satz den Zaun zum Containerhafen überwand.

***

Straße zum Containerhafen, kurz darauf:

Es war ein Marine, der sie anhielt. Mac tat zwar, als ginge ihn das nichts an, andererseits aber packte ihn jetzt doch endgültig die Neugier.
Ein Luftwaffenoffizier, der für eine Zeit in der Patsche saß, jede Menge Wissenschaftler, die ihn unterstützten. Eine Akte, die alles andere als eine saubere Karriere versprach, dann plötzlich unter höchster Sicherheitsstufe stand. Geheimagenten und vorgebliche Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, die das CSI-Labor einer Grundreinigung unterzogen, wie sie das Gebäude wohl kaum je erlebt hatte seit seiner Erbauung zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Und jetzt Marines, mitten in New York, die eine Straße sperrten, sowie der Notruf aus dem Containerhafen, daß in direkter Nähe eine Schießerei stattfand.
Hier stimmte immer weniger, ging Mac auf, während Flack die Scheibe runterkurbelte und den Kopf aus dem Wagen steckte.
Die Ermittlungen über den Ripper waren ihnen komplett entzogen worden. Ihrerseits durften sie auch keinen Kontakt mehr zu Sheppard oder seinen Begleitern suchen. Mac aber hatte das sichere Gefühl, er würde den Major noch wenigstens einmal wiedersehen.
„Tut mir leid, hier dürfen Sie nicht durch." Der Marine war endlich zu ihrem Wagen gekommen, nachdem keiner von ihnen sich bemühte, auszusteigen. Seine Kameraden aber hielten weiter an der Absperrung Wache. Himmel, sie hatten einen Panzerwagen dabei!
Flack lachte bitter auf und wies auf seine Dienstmarke. „Wir haben einen Einsatz hier", begehrte er auf.
Der Marine schüttelte den Kopf. „Nationale Sicherheit, Sir. Bedaure."
Nationale ... ?
Mac tauschte mit dem Polizisten einen Blick.
„Das hat keinen Sinn", bemerkte der Leiter des CSI schließlich, wenn ihm auch ganz andere Dinge durch den Kopf gingen. „Laß uns die Straßensperre umfahren."
„Das wär's noch!" Flack schnaubte und gurtete sich los. „Das ist meine Stadt und mein Einsatz. Ich mach mich doch nicht lächerlich!"
In diesem Moment tauchte ein weiterer Marine bei der Absperrung auf und blieb einen Moment lang stehen. Mac fiel er auf, weil er offensichtlich der Älteste im weiten Umkreis war und zudem auch der Maulfaulste. Wahrscheinlich sollte er neue Befehle bringen und diese an den zuständigen Lieutenant weitergeben. Das aber war im Moment nicht möglich, da der Lieutenant an ihrem Wagen stand, jetzt zwei Schritte rückwärts ging, damit Flack aussteigen konnte.
Mac beobachtete den Neuankömmling, der plötzlich für einen Atemzug zu erstarren schien, als Flack neben ihrem Wagen die Beschwerden hageln ließ.
Was ging da vor?
Der Marine drehte sich um. Erst jetzt sah Mac, daß er eine der neuesten Überlebenswesten trug, die die Army zur Verfügung hatte. Das allein machte ihn weniger unruhig. Was ihm zu denken gab war die Tatsache, daß dieser Neuankömmling eine relativ großkalibrige Waffe trug, und das offen. Die anderen begnügten sich damit, ihre Waffen in Griffweite zu haben, kleine, handliche Maschinenpistolen. Der Ältere aber benutzte noch eines der schweren, die leicht zu Präzissionsgewehren umzubauen waren.
Jetzt trat der Neuankömmling hinter der Absperrung hervor und hielt auf ihren Wagen zu.
Mac hörte nur mit einem halben Ohr zu, wie Flack und der Lieutenant sich stritten. Dieser Marine interessierte ihn.
„Donald!" Die Stimme war dunkel und voll und beendete den Streit der beiden auf der Stelle. Er mochte zwar nicht den Rang haben, aber die Durchsetzungsfähigkeit besaß er, ging Mac auf.
Flack zuckte zusammen. Seine Augen wurden groß, als er den Marine musterte, der vor der Motorhaube seines Dienstwagens stand.
„Onkel George!"
Mac war nun wirklich erstaunt.
Er wußte natürlich, daß Flacks Familie seit Generationen hier ansässig war, und mindestens drei Viertel dieser Zeit ihr Leben als Polizisten aufs Spiel gesetzt hatten. Daß jemand wie Don Flack aber plötzlich dermaßen kuschte ...
„Setz dich in deinen Wagen und fahr nach Hause, Junge", sagte der Marine mit fester und befehlsgewohnter Stimme. „Und vergiß nicht, deine Ma von mir und Tante Cindy zu grüßen. Wir sorgen hier für alles, mach dir keine Sorgen."
Flacks Gesicht lief dunkelrot an. „Keine Sorgen? Uns wurde eine Schießerei gemeldet, Onkel George! Das ist mein Aufgabenbereich!"
„Onkel George" warf einen halben Blick auf sein Gewehr hinunter. Einen sehr aufschlußreichen Blick, ging Mac auf, denn er ahnte im gleichen Moment, wer da geschossen hatte.
„Geh nach Hause!" Der alte Marine schüttelte in stoischer Ruhe den Kopf.
Major Sergeant, endlich erkannte Mac die Schulterstücke. Für einen alten Haudegen also doch ein recht hoher Rang.
Flack ballte die Hände zu Fäusten, erwiderte den Blick aus den grauen Augen von „Onkel George". Dann drehte er sich endlich zum Wagen um und stieg steif wieder ein.
Wortlos fuhren sie beiden die Straße zurück, die sie gekommen waren.

***

John hätte fluchen können über diese New Yorker Arbeiter, die sich als zäher und sturer erwiesen als selbst die Hoffaner mit ihrer eigenwilligen Art, die Wraith aufhalten zu wollen.
Der Containerhafen war ein Warenumschlagplatz der Sonderklasse. Hier wurden täglich Millionen von Dollar in die Welt exportiert oder in die Staaten importiert. Soweit er wußte, war das hier zwar nicht der größte Hafen der Welt, lag aber doch noch auf einem der Spitzenplätze. Und allmählich ging ihm auch auf warum dem so war.
Die Arbeiter weigerten sich schlichtweg, ihre jeweiligen Arbeitsplätze zu verlassen, selbst Waffengewalt brachte da nicht viel, höchstens einen Vergleich der Waffen beider Seiten. Die Dockarbeiter schienen mit einer beinahe unnatürlichen Gleichgültigkeit gesegnet (oder verflucht) zu sein. Ihnen war es vollkommen gleich, wer da zwischen ihren kostbaren Frachtcontainern langjagte, solange er oder sie nicht den Betrieb aufhielten. Da brachte selbst präsidiale Sicherheitsstufe und NID wenig bis gar nichts. Von solchen Gestalten wie ihn, Lorne oder Dorn gar nicht zu sprechen. Militär halt, da wurde mit den Schultern gezuckt, sich umgedreht und weitergearbeitet.
Wo war er hier gelandet? In der Irrenanstalt?
John hetzte zwischen den Containern hindurch, immer noch auf der Suche nach seinem unfreiwilligen Doppelgänger.
Der Abend hatte sich innerhalb weniger Minuten zur Nacht entwickelt, als dunkle Wolken endlich den Himmel für sich eroberten. McKay hatte vor einer Schlecht-Wetter-Front gewarnt, andererseits war keiner von ihnen bereit, noch mehr Opfer hinzunehmen. Nein, sie waren verpflichtet, den Ripper so schnell als möglich aufzuhalten.
Ein erster, dicker Tropfen traf ausgerechnet Johns Nasenspitze und reizte seine Schleimhäute. Unwillig verzog er das Gesicht, bis der Nießreiz etwas nachgelassen hatte, dann betätigte er sein Funkgerät.
„Wie lange noch?"
Die Frage bezog sich auf die schmale Zeitspanne, die ihnen noch blieb, ehe der Hurrikan, der sich hier gerade mit einem beginnenden Platzregen ankündigte, über New York hereinbrechen würde wie ein Jüngster Tag.
„Genau kann ich das nicht sagen", antwortete McKay, der neben Beckett und Weir im Leitfahrzeug wartete. „Wenn ich schätzen müßte, vielleicht noch eine halbe Stunde - allerhöchstens!"
John kniff unwillig die Lippen aufeinander.
Eine halbe Stunde, ehe die Welt am East River untergehen würde in einem Sturm, wie er nur selten über Land kam. Eine halbe Stunde bis ihnen McKillup entkommen konnte, einfach durch die Tatsache, daß das Unwetter sie zwingen würde, Sicherheit zu suchen. Sicherheit, die McKillup nicht mehr besaß, nachdem sie in seine Wohnung eingedrungen waren.
„Lorne", John wandte sich an den zweiten Major, der zusammen mit einem guten Dutzend Marines ebenfalls damit beschäftigt war, den Containerhafen zu durchsuchen, „haben Sie verstanden?"
„Ja, Sir", kam prompt die Antwort.
John blieb plötzlich stehen und runzelte die Stirn. Langsam drehte er sich um.
Er war hier in einer ruhigen Ecke des Containerhafens, hatte sich deutlich von den anderen Suchenden abgesetzt. Es wäre unfair eben den anderen gegenüber, wenn er nicht zugeben würde, daß es durchaus Absicht von ihm gewesen war.
Jetzt allerdings war er nicht mehr allein.
John hob die P-90 und leuchtete seine nähere Umgebung aus. Und da hörte er es endlich.
Mit einem Ruck hob er die Waffe und konnte gerade noch einen Fuß erkennen, ehe der sich ebenfalls in der hereinbrechenden Nacht verlor.
„Verdammt!" John spannte die Kiefer an, dann aktivierte er wieder sein Funkgerät. „McKillup ist AUF den Containern!"

***

„Halt hier an." Mac schnallte sich los und hob die Hand zum Türöffner.
„Was hast du vor?" Flack hielt tatsächlich, sah ihn aber scheel von der Seite an.
Mac lächelte humorlos. „Ein Freund der Familie, dieser 'Onkel George'?" erkundigte er sich dann.
Flack zuckte mit den Schultern. „Die Dorns leben schon seit Urzeiten hier", antwortete er. „Waren lange Zeit selbst Cops. Jeremy, Georges Bruder, ist am 09/11 umgekommen bei einem Rettungseinsatz. Onkel George ist lieber zu den Marines gegangen. Arbeitet irgendwo in Colorado, soweit ich weiß. Hat ne süße Tochter ... Laurie! Die ist bei der Luftwaffe, wollte immer zur NASA, wenn ich mich nicht irre."
Colorado ... Zufall? Mac glaubte nicht an Zufälle. Nein, dieser Onkel George hatte etwas mit Sheppard zu tun. Hatte der nicht sogar von Hilfe gesprochen, als er entlassen wurde?
Mac öffnete die Tür. „Ich möchte, daß du hier wartest, Don", sagte er, nachdem er sich noch einmal in das Wageninnere gebeugt hatte. „Vergiß deinen Onkel George nicht. Der wollte dich warnen. Hier ist irgendetwas sehr gefährliches im Gange."
Müde lächelte er und schlug die Wagentür zu. Dann drehte Mac sich um und marschierte auf den Zaun zu, der den Containerhafen von der Zufahrtsstraße trennte. Flacks Rufe überhörte er.
Er hatte noch etwas zu erledigen ...

***

Der Regen fiel immer dichter und wie in langen Bindfäden vom nachtschwarzen Himmel.
John hatte Mühe, überhaupt noch die Hand vor Augen zu sehen. Zudem kam inzwischen auch noch böiger Wind auf, der ihn immer wieder zurück zu den Kanten drängen wollte.
John war auf einen Container geklettert, um seinen Doppelgänger besser verfolgen zu können. Tatsächlich hatte er von hier oben einen besseren Überblick - oder zumindest war es so gewesen, ehe der Himmel seine Schleusen öffnete. McKillup allerdings suchte er vergeblich. Er hörte auch die Schmerzensschreie nicht mehr. Vielleicht durch das harte Trommeln des Regens auf das Metall der Container und den immer noch vorhandenen Krach, der ihn umgab, vielleicht aber hatte, was immer der Auslöser für McKillups Schreie gewesen war, auch aufgehört an dem Mann zu nagen.
John huschte vornüber gebeugt weiter, prustete sich das Wasser aus Mund und Nase und blinzelte.
Dieser Wolkenbruch hatte definitiv Lantea-Qualität, befand er. Der heraufziehende Sturm mochte da vielleicht nicht mithalten können, aber zumindest die Ausläufer versprachen einiges.
John nahm Anlauf und sprang, so gut er auf dem glitschigen und nassen Metall konnte, so präzise wie möglich auf den nächsten Container.
Irgendwo piepte etwas regelmäßig. Blinzelnd sah er sich um, bis er den Auslöser für dieses, kaum den Regen übertönende aber dennoch nervtötende Geräusch gefunden hatte: Einer der Ladekräne fuhr rückwärts aus einer Lücke heraus. Offensichtlich hatte er einen Container dabei.
John wischte sich kurz mit der Linken über das Gesicht und zog die Nase hoch. Blinzelnd sah er sich noch einmal um, dann lief er schlitternd weiter.
Wo, verdammt noch einmal, steckte McKillup? Er mußte hier irgendwo in der Nähe sein, irgendwie spürte John das ... aber wo?
Hilflos blieb der Major wieder stehen, prustete das Wasser aus seinem Mund und wischte sich die Augen halbwegs trocken.
Er wünschte sich einen Detektor hierher, und das sehr schnell. Warum war er denn auch so leichtsinnig gewesen, Atlantis ohne eines dieser kleinen Geräte zu verlassen?
John versuchte, sein Funkgerät zu aktivieren, da erst fiel ihm auf, daß dieses offensichtlich gestört war. Er hörte niemanden mehr, und niemand würde ihn noch hören. Und das ihm als Einsatzleiter.
Wieder floh ein Fluch aus seiner Kehle, während er weiter schlitterte, bis zum nächsten Container.
Der Kran kam laut brummend näher.
John blieb wieder stehen und beobachtete das Fahrzeug, um ihm nicht in die Quere zu kommen. Aber das schien nicht der Fall zu sein.
Also weiter ...
Er bemerkte nicht, wie sich hinter ihm, nur wenig Meter entfernt, ein dunkler Schatten aus dem schmalen Zwischenraum zweier Container auf eines der Dächer heraufzog. Er sah auch nicht, wie das Wesen mit seinem Gesicht sich ihm zuwandte. Mit einem tiefen, zufriedenen Knurren setzte das Wesen sich in Bewegung - eine Sekunde, ehe der Schuß durch die Luft peitschte.
John wirbelte herum, gerade in dem Moment, in dem McKillup stürzte. Und er sah ... Mac Taylor, der nur zwei Container weiter stand, die Waffe noch im Anschlag. Der CSI-Mann hatte ihm das Leben gerettet!
John nickte in den Regen hinein, der schon wieder dichte Schleier zu werfen begann. Die P-90 sicherheitshalber entsichert und schußbereit trat er langsan und vorsichtig näher an McKillup heran. Dabei war er aber auch relativ sicher, daß der Ripper tot war.
Mac auf dem anderen Container zögerte, ging dann aber ebenso los, langsam und vorsichtig und die Waffe immer noch in der Hand.
Keiner von ihnen sollte eine Chance zur Befragung erhalten.
In dem Moment, in dem der Central Park-Ripper sich wieder zu bewegen begann, in dem Moment, als die Naniten ihn soweit wiederhergestellt hatten, daß sie ihn reanimieren konnten, in dem Moment, in dem seine Finger begannen zu zucken, in diesem Moment senkte sich unvermittelt ein Container auf den mutierenden Körper herab. Mit einem verzweifelten Kreischen rollte McKillup noch auf den Bauch, dann zerquetschte der tonnenschwere Container seinen Körper zu Brei.
John, der losgerannt war, als er den Kran sah, wie er immer näher kam, es aber auch schon zu spät war, um noch eingreifen zu können, blieb vor der Metallwand, die sich unvermittelt vor ihm erhob, fluchend stehen und knallte einmal seinen Kopf gegen den Widerstand, um selbst wieder zur Besinnung zu kommen. Dann erst kletterte er umständlich von den Containern herunter, auf der Suche nach einem funktionierenden Funkgerät oder einem Mobiltelefon.
Mac Taylor war verschwunden, als er sich ihm zuwenden wollte. Der Detective war offensichtlich schlauer, als irgendjemand von ihnen auch nur gedacht hatte. Und irgendwie - John mußte wider Willen grinsen, als er seinen Funkspruch absetzte - machte das den Polizisten sympatisch ...

***

Eine Woche später, CSI-Labor:

Mac Taylor war gerade damit beschäftigt, einige Kleinigkeiten in einen der Umzugskartons zu packen, als es an seiner Bürotür klopfte. Überrascht drehte er sich herum. Ein freundliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er sah, wer da sein Büro betreten hatte.
„Major Sheppard", begrüßte er seinen Gast. „Es freut mich, daß es Ihnen wohl besser geht."
Der Luftwaffenoffizier erwiderte sein Lächeln und nickte. Er bewegte sich etwas vorsichtig in seiner Uniform, was vielleicht daran lag, daß er sie selten trug. Zumindest wies sie nicht allzu viele Gebrauchsspuren auf. Allerdings ... hatte das Eichenlaub auf seinen Schulterstücken die falsche Farbe.
„Ich muß mich korrigieren, Lieutenant Colonel."
Sheppard schien jetzt tatsächlich die Brust zu schwellen. Er strahlte wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum. Das war nicht allein die Beförderung, soviel stand fest.
„Danke", brachte der Militär endlich hervor, räusperte sich dann. Sorge trat in seine haselnußfarbenen Augen, als er einen Blick auf die Kisten warf, die Mac bereits zum Abtransport bereitgestellt hatte.
„Ich hoffe, daß ist nicht wegen uns, oder?" fragte Sheppard dann.
Mac schmunzelte. „In gewisser Weise schon", antwortete er und konnte beobachten, wie der frischgebackene Lt. Colonel zu einem Häufchen Elend zusammenfiel. „Bei der Säuberung dieses Gebäudes stellten sich gravierende Baumängel heraus, die einen sofortigen Umzug unumgänglich machen", erklärte Mac daher ruhig. „Wir ziehen ins Polizei-Headquarters um. Hätten wir ohnehin getan, so allerdings ging es schneller."
Sheppard erleichterte sichtlich und nickte. „Dann hat es ja für uns beide etwas gutes gebracht", meinte er mit einem schiefen Grinsen. „Wider Erwarten bin ich von den Vorwürfen freigesprochen worden, die gegen mich erhoben wurden. Man bestätigte mich sogar in meiner Position, was mich überrascht. Ich kehre zu meinem Stationierungsort zurück." Ein unirdisches Licht schien in seine Augen zu treten. Ein Licht der puren Freude.
Wo auch immer Sheppard jetzt hingehen würde, er war dort so glücklich wie er es offensichtlich sonst kaum je in seinem Leben gewesen war. Mac erinnerte sich unwillkürlich daran, als er ähnlich empfunden hatte damals, als er mit seiner Frau nach New York gekommen war.
„Ich wollte mich noch bedanken, Detective Taylor", fuhr Sheppard fort und reichte ihm die Rechte. „Wenn Sie nicht da gewesen wären, hätte McKillup mich in der Luft zerfetzt."
Mac schlug ein, sah dem anderen tief in die Augen. „Ich freue mich für Sie, Colonel. Allerdings würde ich mich wohl mehr freuen, wenn ich mehr über die Lösung des Falles wissen dürfte."
Sheppard holte tief Atem, verzog dann das Gesicht zu einer Grimasse. „Wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie erschieße, sollten wir es dabei belassen. McKillup hatte sich mit einer Art Virus infiziert, einem tödlichen und sehr ansteckenden Virus."
Mac nickte, zog jetzt seinerseits eine Grimasse. Er wußte, wenn er gekonnt hätte, Sheppard hätte ihm die ganze Wahrheit erzählt. Aber vielleicht war es besser, wenn er die nie erfahren würde.
„Ich frage mich nur, warum er diese Frauen ermordet hat", sagte er leise wie zu sich selbst und wandte sich ab.
„Weil sein Sexualtrieb gestört war", antwortete Sheppard fest. „Zumindest ist das die Erklärung, die unsere Ärzte mir gegeben haben. McKillup wußte, er trug eine tödliche Krankheit in sich, die auch über Körperflüssigkeiten übertragen werden konnte. Andererseits stimulierte das Virus eben seine Libido. Er war gefangen in seinen eigenen Instinkten."
Mac warf einen Blick über die Schulter auf seinen unverhofften Gast. „Und Sie glauben das?" fragte er.
Sheppard zuckte mit den Schultern. „Es ist eine Erklärung für das, was in jener Nacht geschehen ist", antwortete er, sah dann auf seine Uhr. „Tja, und das wars wohl. Mein Flug geht in kürze."
Mac drehte sich nun doch noch einmal um, musterte seinen Gegenüber lange, ehe er etwas sagte, was er selbst nicht verstand:
„Ich glaube, Sie werden Ihr Glück finden, Colonel Sheppard. Und ich glaube, wir werden uns wiedersehen - als Freunde."
Noch einmal schüttelten sie sich die Hände, noch einmal sah er in die Augen seines Gegenübers. Dann ging dieser ungewöhnliche Mann, dessen Leben er unten im Containerhafen gerettet hatte. Aber, und da war Mac sich wirklich ganz sicher, er ging nicht für immer. Vielleicht noch nicht ...

ENDE
Nachtrag

Eine Woche vor den Ereignissen in „Das Monster":

Vorsichtig stieß er das Fenster auf, stemmte sich dann hoch und sah sich mit Hilfe des Nachtsichtgerätes, das er vor den Augen trug, so gut wie möglich um.
Es war wirklich keiner hier, gut.
Bryan McKillup holte Schwung und kletterte katzengleich durch das geöffnete Fenster in das Innere des Hauses. Endlich am Ziel seines nächtlichen Streifzuges angekommen, erlaubte er sich einen Moment des Durchatmens, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sah sich nochmals aufmerksam um.
Dieser Professor J. Preceptius war schlicht ein Idiot! Ließ seine wertvollen Artefakte einfach so offen in seinem Haus herumliegen. In Zukunft würde es ihm wohl eine Lehre sein. Wobei ... so schnell brauchte dieser stadtbekannte Philantrop sich nicht zum Einsiedler zu verwandeln.
Bryan grinste und nahm sich den Rucksack von den Schultern.
Heute würde er sich erst einmal um die wertvollsten Kleinteile kümmern. Vielleicht würde dem Professor ihr Fehlen gar nicht auffallen. Das Fenster jedenfalls könnte er am Ende seines Raubzuges so herrichten, als habe es einfach offengestanden. Und wer vergaß nicht einmal, ein Fenster zu schließen? Das passierte selbst ihm, als sozusagen Sicherheitsexperten.
Bryan sah sich nochmals in dem Raum um, in den er eingestiegen war.
Dort, diese herrliche kleine Figurine!
Mit drei Schritten war er bei ihr, hob sie hoch und betrachtete sie.
Verdammt, mit dem Nachtsichtgerät konnte er die Details nicht ganz ausmachen. Aber sie schien ihm doch wertvoll, und sie war schwer!
Eilig stopfte Bryan die kleine Statue einer alten, halbvergessenen persischen Göttin in seinen Rucksack, sah sich noch einmal um, ehe er den ersten Raum verließ. Auf dem langen Flur endlich konnte er das Nachtsichtgerät abschalten. Statt dessen zückte er die Taschenlampe, die er in seinem Werkzeuggürtel trug, und leuchtete sich damit seinen Weg in den nächsten Raum - einer Bibliothek.
Auch hier wurde er fündig, eine kleine Jadescheibe mit filigranen Mustern, noch aus dem präkaiserlichen China stammend, wanderte in den Rucksack, gefolgt von einem altägyptischen Geschmeide mit Türkisen und Elfenbein.
Dieses Haus schien ja eine wahre Fundgrube zu sein!
Bryan leuchtete über die Buchdeckel und kam aus dem Staunen kaum heraus, fand er hier doch Werke eines Aristotiles ebenso, wie eine sehr alte Ausgabe der Bibel (dem Aussehen nach konnte es sich wirklich um eine hervorragend erhaltene Gutenberg-Bibel handeln).
Im nächsten Raum fand er sich in einer Kunstgalerie wieder, in der neben Werken, die wie Reproduktionen von Tizian oder etwas, das wirklich wie ein echter Rembrandt wirkte, auch kleine Skulpturen auf den geneigten Betrachter warteten. Ein knabengroßer Michelangeloscher David stand in der Mitte dieses Raumes. Große Ordner waren aufgereiht an einer Wand, mit einer klaren Schrift ausgewiesen als „Michelangelo, Skizzen zur Sixtina". Auf einem Beistelltisch lag ein aufgeschlagener Ordner, der voller alter anatomischer Zeichnungen war, teils mit Vermerken versehen. Auf dem Deckel des Ordners stand der Name „Leonardo da Vinci".
Kopfschüttelnd und ohne etwas einzustecken verließ Bryan diese eigenartige Galerie wieder.
Er hatte zwar mittels seiner Recherchen herausgefunden, daß dieser Professor Preceptius Altertumsforscher und Kunstsammler war (so war er schließlich auf ihn und seine Sammlung aufmerksam geworden), aber daß dieser sich wohl auch noch ein bißchen Geld mit Fälschungen verdiente ... jedenfalls konnte es sich ja wohl kaum um die verschollenen Originale der Skizzen von Michelangelo handeln.
Bryans Weg endete in einem Treppenhaus, und einen Moment lang zögerte er, ob er nicht doch noch das eine oder andere aus den ersten Räumen einstecken und dann wieder verschwinden sollte.
Dann aber rief er sich zur Ordnung. Dieser Professor Preceptius war seit einigen Tagen nicht mehr in der Stadt, und er sollte wohl auch noch etwas länger fort sein nach allem, was Bryan gehört hatte. Es wäre geradezu sträflich, wenn er diese Chance verpaßte!
Der einsame Lichtfinger der Taschenlampe traf auf eine Reihe von Fotos. Lächelnde Menschen waren größtenteils darauf zu sehen, einige Schnappschüsse allerdings waren auch darunter. Ein Gesicht aber wiederholte sich - das Gesicht von Professor Preceptius: Schmal, edel, mit dunklen, aber wißbegierigen Augen. Stets ein eigenartiges, wissendes Lächeln auf den Lippen.
Preceptius schüttelte nacheinander John F. Kennedy und Martin Luther King die Hand, dann stand er an der Seite von Papst Johannes Paul I. und überreichte diesem offensichtlich gerade etwas. Ein Schnappschuß von Preceptius, wie er auf Michael Gorbartchow einredete, dann bei einem offensichtlichen Streit mit jemanden, der verdammte Ähnlichkeit mit Mao hatte.
Bryan wandte sich kopfschüttelnd ab und nahm nun doch die Treppe in Angriff.
Allmählich, mußte er zugeben, wurde ihm unwohl. Denn eines war ihm aufgefallen an diesen Bildern: Preceptius schien sich kaum zu verändern. Immer war es mehr oder weniger das gleiche Gesicht, keine Falte, keine grauen oder gar weißen Haare, kein Verfall. Als würde dieser Mann unbeschadet durch die Zeit reisen und an wichtigen Stationen Halt machen ...
Unsinn! Die Phantasie ging mit ihm durch.
Bryan schüttelte über sich selbst den Kopf, blieb am oberen Ende der Treppe stehen und orientierte sich.
Bis hierher reichten seine Informationen nicht. Er hatte einen relativen Plan des Erdgeschoßes dank der überaus freundlichen Mithilfe einer der Putzkräfte dieses Hauses. Aber hier herauf durfte wohl nur der engste und vertrauteste Teil der Angestellten. Bryan schloß daraus, daß es sich umso mehr lohnen würde, sich hier einmal umzusehen.
Er wechselte die Hand, in der er die Taschenlampe hielt und trat lautlos in den westlichen Flur des ersten Stockwerkes, arbeitete sich damit den Weg wieder zurück, den er unten gegangen war.
Die erste Tür war unverschlossen. Hinter ihr kam ein gemütliches Schlafzimmer zum Vorschein. Alte Meister hingen an den Wänden, ein beinahe überquellendes Bücherregal mit allerlei Werken über Astrophysik und der Chaostheorie.
Was war dieser Professor wohl für ein Mensch?
Bryan schüttelte den unwillkommenen Gedanken ab, suchte statt dessen oberflächlich nach Kostbarkeiten und wurde auch fündig: eine kleine, metallene Brosche, sehr schwer, sehr futuristisch im Design, wanderte in seinen Rucksack, sowie eine weitere kleine Figurine, eine hinduistische Gottheit, die er nicht weiter bestimmen konnte. Zuletzt gab er sich doch geschlagen und und nahm eines der Bücher, die direkt neben dem Bett auf einem Tisch gelegen hatten. „Über den Ursprung der Arten", offenbar eine weitere Erstausgabe, noch dazu mit einer Widmung von Darwin selbst versehen: „Für meinen guten Freund und Weggefährten Janus. Hab Dank für Deinen Rat und Deinen Mut, mein treuer Freund. Möge das Licht der Weisheit weiter über dir leuchten."
Bryan zögerte einen Moment, steckte das Buch aber schließlich doch ein. Erstausgaben brachten immer etwas, mit einer Originalwidmung versehen oft sogar noch ein bißchen mehr.
Noch einmal ließ er den Lichtfinger der Taschenlampe über das Inventar des Raumes gleiten, stutzte dann, als er auf etwas aufmerksam wurde, was wie ein leerer Bilderrahmen erschien - zunächst.
Als er diesen Rahmen allerdings in die Hand nahm, leuchtete das Innere auf und mit einem sanften Glühen bildete sich eine Art Foto, wie Bryan es noch nie gesehen hatte. Es wirkte unglaublich realistisch und dreidimensional, als würden die Gestalten auf diesem Bild gleich zum Leben erwachen.
Zu sehen war wieder Preceptius, allerdings dieses Mal deutlich jünger, und an seiner Seite stand ein Mädchen oder eine sehr junge Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren. Neben ihr war noch ein anderer Mann, ebenfalls jung, und der Ähnlichkeit nach zu schließen, waren zumindest er und das Mädchen verwandt. Alle drei trugen eigenartige Kleider, fließende Gewänder, so nüchtern geschnitten wie Laborkittel, doch durch die Art des Zuschnittes wieder bequem und auch modern wirkend.
Bryan runzelte die Stirn, drehte den Rahmen hin und her, doch er konnte keine Öffnung oder Vermerk finden, wie man dieses ... Ding benutzte.
Einen Moment lang zögerte er, wollte den Rahmen schon in seinen Rucksack stecken, dann aber stellte er ihn doch wieder zurück. Und im selben Moment, in dem er das Material losließ, verlosch das Bild wieder.
Bryan stutzte, tippte mit einem Finger gegen den Rahmen - und sofort leuchtete das Foto wieder auf.
Mußte defekt sein, schloß er und wandte sich, nach einem letzten, prüfenden Blick, ab, um den Raum zu verlassen.
Auf dem Gang draußen atmete er noch einmal tief durch, wandte sich dann der nächsten Tür zu, um in das mit Abstand merkwürdigste Zimmer zu gelangen, daß er in seiner langen kriminellen Karriere je zu Gesicht bekommen hatte:
Eigenartige, orgelähnliche Panele voller leuchtender Kristalltasten, mehrere Kisten voller merkwürdig rechteckiger und durchsichtiger Platten (ebenfalls Kristall? Möglich) in verschiedenen Größen. Und in der Mitte des Raumes stand ein rechteckiger Sockel - und auf diesem Sockel eine Art Tischfläche, mit einer Flüssigkeit bedeckt, die wie Quecksilber schimmerte. Ebenfalls auf dem Tisch lag ein merkwürdiges ovales Objekt, wie Bryan es noch nie zu sehen bekommen hatte.
Als er danach greifen wollte, konnte er mit seiner Hand nicht dieses helle, gelbliche Licht, das den Sockel und den Tisch umgab, durchdringen.
Als würde dieser Tisch von einer Art Kraftfeld geschützt ...
Bryan wollte den Raum schon wieder verlassen, als er auf eines der hinteren Panele aufmerksam wurde. Auch dieses arbeitete, und ein sanftes Summen ging davon aus. Doch das war es nicht, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Auf dem Panel stand einer der größten, geschliffenen Kristalle, den Bryan je gesehen hatte. Mehr als einen Fuß hoch, auf einer runden und geraden Basis stand es da und leuchtete in einem hellen Sonnengelb, mit grünen und roten Einschlüßen.
Fasziniert trat Bryan näher und staunte diesen gewalten Kristall einfach nur an.
Ein solches Material kannte er nicht, aber er war sich im klaren darüber, daß dieser Kristall wohl einen Haufen Geld einbringen konnte, ging er damit an die richtigen Stellen. Allein dieses Leuchten, das tief aus dem Inneren zu kommen schien, machte das Gebilde beinahe unwiderstehlich.
Er MUSSTE den Kristall einfach haben!
Bryan streckte die Hände aus, bereit, es mit dem schweren Kristall, den Rodney McKay als ZPM betitelt hatte, aufzunehmen. Doch hier traf er auf eine Sicherung des Systems:
Eine Energieentladung schlug ihm entgegen und schleuderte ihn ... quer durch den Raum! Bryan prallte erst gegen das Kraftfeld des Nanitentisches, und eine Energieschwankung, ausgelöst durch den Schutzmechanismus, ließ ihn rückwärts fallen - auf den Tisch mit und auf den persönlichen Schild, der in die Nanitenpfütze geglitten war.
Der Schild bohrte einen Dorn durch Bryans Kleidung, um dessen genetische Angleichung vorzunehmen - und die Naniten wurden im gleichen Moment aktiviert.
Bryan brüllte vor Schmerz heiser auf, sackte dann vornüber und damit wieder aus dem Kraftfeld heraus.
Die Naniten begannen im gleichen Moment ihre Arbeit - den Basisbefehl, der ihnen eingegeben worden war: Vermehren und kopieren. Durch den Dorn des aktivierten persönlichen Schildes gelangten Naniten in Bryans Körper, sein Blut, sein Rückenmark - sein Gehirn. Dort angekommen begannen sie, gemäß ihres Basisbefehles, das Wesen, das sie gerade übernommen hatten, umzuschreiben.
Vermehren und kopieren. Vermehren und kopieren. Vermehren und kopieren.
Bryans Körper zuckte einige Minuten lang krampfhaft, dann lag er still, während die Naniten sich in und auf ihm immer und immer mehr vermehrten.
Ein kleiner Teil seiner Psyche rettete sich, nicht mehr als ein bloßer Instinkt. Der Rest seiner Persönlichkeit aber ... verlor sich unter den Basisbefehlen der ihn immer schneller überschreibenden Naniten.
Vermehren, Vermehren. Vermehren.
Der Teil seines Gehirnes, der Bryans Sexualtrieb gesteuert hatte, sprach auf diesen Befehl an. Er wollte, er mußte sich vermehren! Er brauchte eine Partnerin!
Die Naniten arbeiteten weiter in ihrem neuen Wirt.
Langsam, noch ungelenk wie ein kleines Kind, kam das Wesen, das bis vor wenigen Minuten noch Bryan McKillup gewesen war, wieder auf die Beine.
Vermehren. Er mußte sich reproduzieren.
Bryans Haut quoll auf, wurde schwammiger und begann schließlich, Nanitentropfen abzusondern, die wie klebriger Schweiß an seinem Körper und seinen Gliedmaßen hafteten.
Mit schleppenden Schritten verließ das Wesen, das früher Bryan McKillup gewesen war, das Labor von Professor Janus Preceptius wieder. Es gab keine Eile mehr, ebensowenig wie Vorsicht. Es war unverwundbar ...

Fünf Tage vor den Ereignissen in „Das Monster":

Das Wesen, das einst Bryan McKillup geheißen hatte, verbarg sich in einem kleinen Wäldchen irgendwo im Central Park, der grünen Lunge der Millionenstadt New York.
Ein winziger Teil in diesem schwammigen, aufgequollenen Ding trug einen noch winzigeren Teil des früheren Einbrechers: ein besonderes Gen, dem Dr. Carson Beckett den Namen ATA gegeben hatte. Den Naniten, die darauf programmiert waren, sich selbst und ihren Wirt „umzuschreiben", gelang es nicht, diese letzte Gensequenz ihres Opfers zu überschreiben.
Dennoch aber hatte sich auch dieses Erbgut verändert, war es doch von den winzigen Replikatoren so weit wie möglich umprogrammiert worden. Statt weiterhin fremdartige Artefakte zu aktivieren und die Gehirnleistung des Trägers zu erhöhen, war das ATA-Gen mittlerweile an die Schmerzreize gekoppelt. Auf diese Weise wurden die Naniten von ihrem Wirt frühzeitig gewarnt, kam ihnen eine potenzielle Gefahr zu nahe.
Nun, die Gefahr war nahe, sie war sogar sehr nahe.
Das Wesen krümmte sich unter den stärker werdenden Schmerzen in seinem Inneren, nicht ahnend, daß es dem Träger des Gens, der da zum ersten Mal durch den Park joggte an diesem Abend, ähnlich erging: Major John Sheppard hatte Kopfschmerzen, und das besonders schlimm, seit er New York erreicht hatte.
Das Wesen, das bis vor kurzem noch Bryan McKillup gewesen war, trollte sich, flüchtete vor den Schmerzen. Dabei hinterließ der immer noch mutierende Körper eine feucht glänzende Spur auf den Gräsern. Eine Spur, die allzu leicht mit Tau verwechselt werden konnte.
Es flüchtete tiefer in den Park hinein, um den Schmerzen zu entkommen. Dabei nahm es Witterung auf, und der Rest eines genetischen Triebes, durch die Nanitenbefehle verstärkt, übernahm endlich die Oberhand:
Eine junge Frau, empfängnisbereit, ging schnellen Schrittes einen der beleuchteten Hauptwege hinunter. Ihr Name: Lisbeth Brown. Ihr Ziel: Ein kleines Restaurant im Central Park. Dort wollte sie sich mit ihrem Lebensgefährten Jonathon Miles treffen.
Doch sie sollte ihr Ziel nicht mehr erreichen ...

Während des Kampfes zwischen Major John Sheppard und Bryan McKillup:

Johns Finger krallten sich an den Rändern des persönlichen Schildes fest in der Hoffnung, irgendwo Halt zu finden. Doch er rutschte ab. Dabei berührte seine Fingerspitze, an der sein eigenes Blut klebte, eine winzige Steuerungsfläche am Rande des Kristallförmigen Objektes. Sofort leuchtete die ganze Aparatur auf, während ein winziger Sender in dessen Inneren die neuen Befehle an die Naniten weiterleitete:
Kopiere eingegebene DNA. Kopiere eingegebene DNA.
Die Naniten reagierten ohne Verzögerung auf den neuen Befehl, während der Sender im Inneren des Schildes die kabellose Schnittstelle aller mittlerweile aktivierten Naniten zu einem Update rief:
Kopiere eingegebene DNA.
John, der hab ohnmächtig unter dem Baum lag, hob noch ein letztes Mal mühsam den Kopf, gerade als die Naniten Bryan McKillups Körper soweit umgeschrieben hatten, daß sein eigenes Gesicht aus der formlosen Masse des verseuchten Leibes auftauchte ...

21.07.2009

Das Monster V

John richtete sich auf, als er hörte, wie der Riegel der Tür zurückschnappte. Innerlich wappnete er sich, wenn er auch nicht so recht wissen wollte und konnte wovor. Vielleicht vor einer neuen Vernehmung, vielleicht aber auch ...
Die Tür schwang auf und ein übernächtigt aussehender Mac Taylor betrat die Zelle, sah sich kurz um, ehe er, mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen nickte. „Guten Morgen, Major."
John zögerte, erwiderte dann den Gruß und richtete sich auf. Er würde wohl wieder verhört werden, wie es aussah.
„Sie können gehen", fuhr Mac unvermittelt fort. Und ganz offensichtlich war das seine eigene Art von Humor, nach der Art, wie er über Johns Gesichtsausdruck schmunzelte.
Damit allerdings hatte er nun gar nicht gerechnet, auf gar keinen Fall. Aber ... das bedeutete auch gleichzeitig ...
John blickte auf, Begreifen in seinen Augen. Macs Grinsen verblaßte. Langsam nickte er. „Es hat wieder einen Mord gegeben. Gleiches Muster, gleiche Spuren. Es war der selbe Täter. Und da Sie wahrscheinlich das beste Alibi vorzuweisen haben, was man sich nur vorstellen kann, Major ..." Mac zuckte mit den Schultern. „Lieber hätte ich es anders bewiesen, das müssen Sie mir glauben. Aber es ist gekommen, wie ich es vermutete. Sie sind frei."
John schluckte, hielt den Blick gesenkt, damit der Tatortermittler nicht den Schrecken in seinen Augen lesen konnte. In diesem Moment hatte er sich nicht wirklich im Griff, und er wußte es. Nein, besser, er ließ erst einmal ...
John atmete einige Male tief ein, sah dann doch hoch, als er glaubte, sich wieder halbwegs im Griff zu haben. „Aber es könnte auch ein Trittbrettfahrer gewesen sein", wandte er ein.
Mac schmunzelte humorlos, schüttelte dann den Kopf. „Ich möchte Sie bitten, sich sofort an uns zu wenden, sollte Ihre Erinnerung wieder zurückkehren, Major Sheppard. Ansonsten ... wünsche ich Ihnen alles Gute für die Zukunft und daß Sie nie wieder in eine solche Lage geraten."
Mit einem Ruck stand John aufrecht, seine Hände ballten sich wie von allein zu Fäusten. „Es könnte auch jemand gewesen sein, der mich entlasten wollte und deshalb die gleichen Spuren hinterlassen hat!"
Macs Augen wurden schmal. „Ihre Bekannten wurden überwacht, wenn Sie das beruhigt, Major. Sie waren es NICHT!" Er ließ seine Stimme an Schärfe gewinnen.
John schluckte hart und biß sich auf die Lippen.
„Sie quälen sich weiter selbst", bemerkte der Tatortermittler, trat einen Schritt auf den Militär zu. „Aber das sollten Sie nicht. Sie haben richtig gehandelt, Major, vollkommen richtig. Sie wollten einer Frau in Not helfen. Daß es nicht geklappt hat, ist nicht Ihre Schuld. Also ..."
„Ich hätte aber vielleicht etwas daran ändern können! Der Kerl ..." Die Unwissenheit würgte ihn.
John beugte sich vorn über und keuchte einige Male.
So viele, die er verloren hatte. So viel Schuld, die auf seinen Schultern lastete.
John stöhnte unterdrückt auf.
„Melden Sie sich, sollte Ihre Erinnerung zurückkehren. Wir brauchen Sie als Zeugen, Major", wandte Mac sich mit sanfter Stimme an ihn.
Und wenn er es doch gewesen war? Immerhin hatte er doch sein eigenes Gesicht gesehen in diesem Alptraum. Wenn es sich nun um eine Erinnerung handelte? Wenn er durchgedreht war und die Frau getötet hatte, diese Miss Lloyd?
„Ihre Sachen erhalten Sie an der Ausgabe zurück", fuhr Mac fort.
John richtete sich endlich wieder auf, atmete immer noch tief und preßte die Augen wie vor Schmerzen zusammen. Dann fiel ihm plötzlich etwas ein.
„Haben Sie meine Uhr gefunden?"
Mac, der sich hatte zurückziehen wollen, drehte sich nun doch wieder um. „Bitte?"
John öffnete die Augen und wandte den Kopf. „Meine Armbanduhr. Eine Armeeuhr." Er hob den linken Arm, so daß der helle Streifen auf seiner Haut gut zu sehen war.
Mac öffnete den Mund, schloß ihn dann wieder und nickte.
John kniff die Lippen aufeinander.
„Wir haben die Uhr unter einem Baum gefunden, in der Nähe des Tatorts", erklärte Mac endlich. „Es war Blut daran ... Ihr Blut, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. Das Armband muß bei dem Kampf gerissen sein. Es sieht aus wie aufgeschlitzt."

>>>>>
Er hob den Arm und fühlte den brennenden Schmerz, als die Klinge über seine Haut schrammte. Über das Jammern hinweg konnte er hören, wie die Schneide sich an ihm rieb und die Härchen auf seinem Arm zerschnitt. Und sie zerschlitzte das Band seiner Uhr, die beinahe unbeachtet zu Boden fiel.
Das Messer war scharf wie eine Rasierklinge!
<<<<<

John taumelte einen Schritt zurück, die Augen geweitet. „Oh Gott!" entfuhr es ihm. Keuchend stützte er sich mit einer Hand an der Wand ab.
Mac trat alarmiert wieder einen Schritt näher. „Geht es Ihnen gut?"
John schluckte, während ein weiterer Flashback an ihm zerrte:

>>>>>
Die Augen leuchteten in dem gleichen Grün wie das andere Licht.
Das Licht ... Licht ...
John wurde zurückgeschleudert, der Ast zerbrach, den er sich vorhin geschnappt hatte in Ermangelung einer anderen Waffe.
Taumelnd wurde er zur Seite geschleudert, während das Ding wieder diesen jammernden Schrei ausstieß, der seine Trommelfelle perforieren wollte.
<<<<<

Das war KEIN Mensch gewesen!
Johns Augen weiteten sich, als er endlich begriff.
Nein, er hatte wirklich nichts mit den Morden zu tun, jedenfalls nicht so, wie er es befürchtet hatte. Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und hatte sich mit etwas angelegt, was ...
„Mist!"
Er hob den Kopf und sah Mac forschend an. „Wenn ... ich mich erinnere ... ?" fragte er stockend.
Der Tatortermittler nickte mit ernster Miene. „Der Beamte am Tresen kann Ihnen die Durchwahl in mein Büro geben. Wenden Sie sich am besten direkt an mich, Major. Jeder andere ... Nun, sagen, wir, auch wenn wir Sie entlasten konnten, ist noch nicht wirklich jeder der Meinung, daß Sie auch unschuldig sind, wenn Sie verstehen, was ich meine."
John nickte. „Und ... die Uhr?" fragte er kläglich.
Sein Magen wollte sich ihm umdrehen.
Dieser schwarze Schatten war nie und nimmer menschlich gewesen, davon war er jetzt überzeugt. Wo auch immer dieses Ding herstammte ... er mußte das SGC informieren!
„Ist leider zunächst noch ein Beweismittel." Mac zuckte mit den Schultern. „Aber vielleicht könnten Sie mir beantworten, warum diese Uhr in der Lage ist, sechsundzwanzig Stunden anzuzeigen?"
Auch das noch!
John fühlte plötzlich eine gewisse Erleichterung und mußte wiederwillig schmunzeln.
Natürlich ließ sein Organismus noch nach Atlantis-Zeit, und mit ihm auch seine Uhr. Er hatte schlicht vergessen, sie wieder auf den 24-h-Rhythmus der Erde umzustellen.
„Das ist ... ein Fehler, den sie schon immer ab und an hatte, wenn die Batterie sich leerte", log er. Und er sah nur allzu deutlich, daß Mac ihm nicht ein Wort glaubte. Doch das war alles, was er aus ihm herausbekommen würde.
John zuckte mit den Schultern. „Ich hoffe, ich bekomme sie wieder."
Mac zögerte, nickte dann aber. „Wenn sie nicht mehr weiter relevant für den Fall ist, können Sie Ihre Uhr zurückfordern. Sie ist kein Beweismittel, das in irgendeiner Weise mit dem Täter in Verbindung gekommen ist."
Und ob sie das war!
John wünschte sich, sich an mehr erinnern zu können. Doch aus den Tiefen seines Geistes tauchten immer wieder nur kurze Fetzen auf, die er kaum richtig zusammensetzen konnte. Er wußte nicht, was er tun oder lassen sollte und konnte nur hoffen, daß ...
Er mußte unbedingt das SGC anrufen und Landry darüber informieren, daß hier nicht alles mit rechten Dingen zuging. Was auch immer diese Frauen ermordete, es mußte außerirdisch sein. Dieses Leuchten, das er immer noch nicht wirklich zuordnen konnte ... Irgendetwas hatte es mit McKay und Atlantis zu tun, da war er sich sicher.
„Ich habe mir übrigens erlaubt, in ihrem Hotel anzurufen. Man wird Sie abholen", wechselte Mac das Thema.
John nickte, strich sich mit einer Hand durchs Haar.
Gut, dann geriet er schneller als gedacht in die Lage, sich mit dem SGC in Verbindung zu setzen. Er wagte gar nicht sich vorzustellen, wie man ihm diese Eskapade nun wieder auslegen würde. Für den Generalstab war er doch ohnehin schon schuld daran, das die Erde überhaupt noch existierte.
„Und denken Sie daran ..."
John sah Mac an und dieser verstummte. „Sie meinten gestern, es könne helfen, wenn ich mich hypnotisieren ließe. Sind Sie sich da sicher?" fragte er.
Der Tatortermittler nickte. „Genau das wollte ich Ihnen vorschlagen, Major. Suchen Sie sich jemanden, dem Sie vertrauen und hoffen Sie, daß es gelingt. Es gibt einige Studien darüber, daß es die Erinnerung wieder heraufholen kann, wenn sie nicht von allein zurückkehren will."
John nickte, spannte die Kiefer an.
Gut, er hatte Beckett. Das war definitiv schon einmal jemand, dem er vertraute.
„Und ... Major, Sie sollten vielleicht auch Ihren Freunden sagen, daß es besser ist, wenn sie die Ermittlungen der Polizei überlassen. Ihre Bekannten haben sich da in ein Labor eingemietet und sind im Central Park gewesen, nahe des Tatortes des Mordes, zu dem Sie gestoßen sind. Das hätte nach hinten losgehen können, zumal ... Wir haben Ihre 'feuchte Wiese' gefunden. Was auch immer es ist, was da auf den Pflanzen liegt, es ist kein Tau."
John atmete wieder tief ein, nickte dann. „Ich werde daran denken. Und ich melde mich, sobald ich mich erinnern kann", antwortete er.
Dabei allerdings war er sich ziemlich sicher, daß er sich zwar melden würde, doch nur, um Mac und seinen Kollegen den Fall abzunehmen. Was auch immer dieser Schatten, dieses Monster gewesen war, es war kein Mensch!
Mac reichte ihm die Hand. „Viel Glück, Major."
John lächelte und nickte, als er einschlug.
Um wieviel Mac wohl älter war als er? Viel konnte es nicht sein, ging ihm auf, dazu hatten sie zu oft die gleichen Ansichten. Dieser Mann war ihm eindeutig sympatisch.

***

Dorn hatte vor der Tür Aufstellung genommen und ließ niemanden durch. Die Angestellten, alle schienen sie durchweg pünktlich zu sein, wenn der Marine sich nicht verzählt hatte, murrten mehr oder weniger enthusiastisch und versuchten, an ihm vorbei einen Blick auf die beiden Wissenschaftler zu erhaschen, die im Genlabor mit irgendetwas beschäftigt waren.
Dorn stand da, der leibhaftige Fels in der Brandung und wartete. Noch immer trug er seine Uniform vom Vortag, war bewaffnet mit seiner Standard-Automatik, auch wenn er nicht vorhatte, seine Hand auch nur in die Nähe der Waffe zu bringen. Er hatte wirklich genug Leben genommen in seiner langen, und recht fruchtbaren Militärkarriere.
Der mit dem schottischen Akzent klang aufgeregt, vielleicht sogar etwas ängstlich.
Dorn wagte nicht, den Kopf zu drehen, immerhin könnte ihm dann einer der Angestellten seines Neffen durchschlüpfen. Und soviel hatte er durchaus verstanden aus den wenigen Brocken: Dieser Beckett war auf irgendetwas gestoßen, was ganz und gar nicht harmlos war. Die Frage sollte hier und jetzt wohl eher sein, ob es nicht besser wäre, das ganze Labor zu räumen.
„Was ist denn hier los?"
Dorn erleichterte innerlich, als er die Stimme seines Neffen sich über das deutliche Gemurmel und Gemurre erheben hörte. Endlich war Al, wenn auch mit deutlicher Verspätung, eingetroffen. Sehr gut. Jetzt mußte man ihm nur noch begreiflich machen, daß ...
„Onkel George?"
Die Familienähnlichkeit zwischen Onkel und Neffe war beinahe frappierend. Albert sah aus wie ein jüngerer und deutlich fitterer George Dorn, wenn es auch bei ihm schon gewisse Anzeichen eines leichten Hanges zum Übergewicht gab.
Jetzt baute der Mann in den Dreißigern sich vor seinem Onkel auf, die Hände in die Hüften gestemmt, und funkelte den Marine an. „Ich habe doch gesagt, ihr habt bis neun Uhr Zeit. Danach ..."
„Sind noch nicht ganz fertig", fiel Dorn seinem Neffen ins Wort. „Kann nicht mehr lange dauern."
Dabei war er sich ziemlich sicher, es würde sogar deutlich länger dauern als Al sich jetzt vielleicht denken mochte. Was er da vorhin, als die ersten Angestellten gekommen waren, aufgeschnappt hatte, hörte sich alles andere als gut an. Der Begriff „Replikatoren" in Verbindung mit einem Mitglied der beiden großen Stargate-Stützpunkte - ob nun hier oder in der Pegasus-Galaxie - bedeutete nie etwas gutes, soviel wußte er.
„Ich habe dir gesagt, bis neun Uhr. Punkt!" Al funkelte ihn immer noch an. „Ich kriege mein Geld nur sehr selten vom Staat, Onkel, tut mir leid. Ich habe Termine!"
„Sind Sie der Inhaber dieses Labors?" Die akzentschwere Stimme des Schotten mischte sich nun in das Gespräch.
In Dorns Gesicht zuckte nicht ein Muskel. Er starrte weiter seinen Neffen an, durchdringend und durchaus beredt - wenn man ihn denn kannte.
Und Al kannte ihn. Der Inhaber von Scunlab.Inc wurde blaß. „Das ist nicht dein Ernst!" keuchte er.
Dorn sah ihm weiter in die Augen, starrte ihn richtiggehend nieder.
„Sind Sie ... ?"
„Ja doch!" Als Kopf ruckte zu Beckett herum. „Was soll das hier?"
Der Schotte wurde offensichtlich aus seinem Konzept gebracht durch den forschen Angriff und schwieg.
„Schick die Leute nach Hause", sagte Dorn ruhig.
Als Augen weiteten sich wieder. „Wie bitte?"
„Schick die Leute nach Hause!" Dorn ließ seine Stimme eindringlicher klingen.
„Das ... das wird sich leider nicht umgehen lassen ... fürchte ich", ließ Beckett sich jetzt wieder vernehmen. „Tut mir leid, mein Junge."
„Ich bin nicht Ihr Junge!" raunzte Al den Schotten an, der sichtlich zusammenzuckte.
„Al!" Dorns Augen schienen Funken zu sprühen.
„Uns ist ... äh, ein kleines Malheur passiert", begann Beckett zu erklären, auch wenn das selbstverständlich eine bodenlose Lüge war.
„Ein Malheur?" brauste Al auf.
„Al, die Leute", warnte Dorn wieder und brachte seinen Neffen damit aus dem Konzept. Doch dem Marine war nicht entgangen, wie einige der Wartenden durchaus interessiert die Ohren spitzten.
Al schwoll deutlich der Hals, wütend kniff er die Lippen zusammen, dann drehte er sich abrupt auf der Stelle um. „Ihr könnt nach Hause gehen", sagte er zu den gut zwanzig Menschen, die hier arbeiten wollten.
„Wenn es auf den unteren Etagen noch andere Labore gibt ..." Beckett verstummte unter dem nächsten bitterbösen Blick. Dann allerdings ging ein deutlicher Ruck durch den schottischen Mediziner.
„Hören Sie, junger Mann, ich will Ihnen nur helfen. Ich dürfte Ihnen eigentlich gar nichts sagen, sondern könnte Ihren Onkel einfach anweisen, Sie aus Ihrem eigenen Labor zu werfen. Ist Ihnen das denn immer noch nicht klar? Wir arbeiten für eine streng geheime internationale Behörde."
Al hatte plötzlich mit einem deutlichen Schluckreflex zu kämpfen.
Dorn konnte sich vorstellen, was im Kopf seines Neffen gerade vor sich ging. Ihm würde es sehr wahrscheinlich nicht sehr viel anders ergehen, wenn er außen vor gelassen würde, während ein großer Teil des eigenen Lebens gerade den Bach runterging.
„Das ist ..."
„Washington wird dir den Ausfall erstatten", fiel Dorn seinem Neffen ins Wort.
Und genau dafür würde er auch sorgen. Al hatte mehr als genug riskiert, damit man ihm ein wenig unter die Arme greifen konnte. Es würde irgendeine Möglichkeit geben, ihn für das zu entschädigen, was ihm da möglicherweise verloren gehen würde durch das, was hier gerade geschah.
„Wie bitte?" McKay war auf Dorns anderer Seite aufgetaucht, funkelte den Marine jetzt über die Schulter hinweg an. „Wie können Sie es eigentlich wagen, soetwas auch nur in Aussicht zu stellen?"
Der Marine hob nur eine Braue und warf dem Wissenschaftler einen scheelen Blick zu. Dann zuckte er wie entschuldigend mit den Schultern.
„Das ist eine Unverfrorenheit sondergleichen!" schimpfte McKay weiter. „Sie können nicht Gelder versprechen, die Ihnen überhaupt nicht zur Verfügung stehen!"
Al sah ihn fragend an.
Dorn zuckte wieder mit den Schultern. „McKay", sagte er nur, sog kurz die Wangen ein und dachte nach. „Kanadier", fügte er dann hinzu.
Der Wissenschaftler lief krebsrot an. „Wie können Sie es wagen?"
„Rodney!" ließ Beckett sich jetzt mit einem warnenden Unterton vernehmen, wandte sich dann wieder an den Betreiber des Labors: „Hören Sie, es tut mir leid, aber wie es aussieht, haben wir das Genlabor konterminiert. Selbstverständlich werden wir Ihnen den Ausfall ersetzen, so denn Gelder dafür freigemacht werden können. Auf jeden Fall sollten Sie aber wissen ..."
„Konterminiert?" unterbrach Al ihn, stemmte wieder die Hände in die Hüften. „Konterniniert? Wieso gehen Sie nicht in den Keller in unser BL4-Labor? Oder in die dritte Stufe, wenn es nicht ganz so schlimm gewesen ist? Statt dessen ..." Seine dunklen Augen, die hatte er definitiv von seiner Mutter, wurden groß. „Was zum Teufel tut dieser Kanadier da mit meinen Maschinen?"
Dorn drehte sich herum und beobachtete McKay, der gerade mit irgendetwas beschäftigt war, daß für ihn aussah wie in dieser alten Fernsehserie, die Laurell so gern gesehen hatte. War das nicht auch so ein Kerl mit einem „Mac" vor dem Namen gewesen ... ?
McKay blickte auf, als er die Blicke der anderen auf sich fühlte. „Ich versuche nur, die Na... den Befall einzugrenzen", erklärte er hastig, als Al sich wieder an seinem Onkel vorbeidrängen wollte.
„Schalten Sie den Magneten auch nur für eine Sekunde ein, bringe ich Sie persönlich um!" begehrte der Eigentümer des Labors wütend auf.
Dorn begriff. McKay wollte dem, was er und Beckett da gefunden hatten, mit einem EMP zu Leibe rücken. Soweit er wußte, würde das jeden Replikator außer Gefecht setzen - allerdings auch sämtliche elektronischen Anlagen. Und von denen wimmelte es im Labor.
„Wenn wir die Kisten abschalten?" schlug er vor und sah Beckett an.
Der Schotte stutzte, als sei er gerade aus einem tiefen Gedanke gerissen worden. Einen Moment lang sah er sehr desorientiert drein, dann aber ging ihm auf, was Dorn gemeint hatte. „Eine gute Idee", nickte er. „Aber leider wird das nicht für alle Gerätschaften hier gelten, fürchte ich. Einige Dinge können schlichtweg nicht ausgeschaltet werden."
„Ganz genau! Und zwar die teuersten. Und wenn Sie jetzt nicht sofort diese Bastelei aufgeben, werde ich die Polizei rufen!" wetterte Al wieder los und versuchte sich an seinen Onkel vorbeizudrängen.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Treppenhaus und die drei vermißten Mitglieder dieses zusammengewürfelten Haufens traten ein.
John erfaßte mit einem Blick den Ernst der Lage, wenn auch nicht den Grund für diesen Ernst. Sofort war er bei Dorn und legte Al beide Hände auf die Schultern. „Beruhigen Sie sich, Mann!" sagte er mit eindringlicher Stimme.
„Dann sagen Sie diesem kanadischen Idioten, er soll aufhören, meine Geräte zu Schrott verarbeiten zu wollen!"
„McKay!" John blickte auf. Seine Augen begegneten kurz den dunkelgrauen von Dorn, nur für den Bruchteil einer Sekunde sahen die beiden Männer sich an. Und trotzdem fühlten sich beide plötzlich um einiges wohler in ihrer jeweiligen Haut.
„Major, wir haben hier ein kleines Problem. Um nicht zu sagen, es ist winzig." McKay verzog das Gesicht und wies auf den Tisch, auf dem einiges lag, daß er nicht richtig zuordnen konnte auf diese Entfernung. Aber er wußte etwas anderes:
„Rodney, Sie werden sofort aufhören mit dem, was Sie da machen wollten! Haben Sie jetzt endlich verstanden?"
Der Wissenschaftler seufzte und hob die Arme. „Und jetzt?" fragte er genervt.
John nickte, ließ Al vorsichtig los. „Jetzt werden wir uns zusammensetzen und erst einmal beratschlagen, was wir tun können. Und irgendwie denke ich, ein Elektromagnet ist im Moment eine ganz falsche Wahl, Rodney."
Der Kanadier starrte ihn nieder, versuchte es zumindest. Doch er hatte kein Glück.
John nickte wieder, drehte sich dann zu Elizabeth und diesem Lorne um, der ihn mit interessierten Augen musterte.
Noch ein Spion, na toll!
John hatte keine Zeit, sich groß darum Sorgen zu machen. Er spürte deutlich, wie dieser Al wieder dabei war, sich in etwas hineinzusteigern, dessen Ende er lieber nicht erleben wollte. Also mußte er gegenrudern.
Wieder sah er diesen älteren Mann an, der ihm den Zugang zum Labor verweigerte. Entschlossen trat er ihm gegenüber. „Sergeant, geben Sie auf der Stelle diesen Durchgang frei!" befahl er.
Dorn sah ihn immer noch an. Dann richtete er sich nach Vorschrift gerade auf und salutierte. „Sir, tut mir leid, Sir. Meine Order lautet, alles tun, um das Leben so vieler wie möglich der Expedition zu retten, Sir. Wenn Ich Sie jetzt in diesen Raum lasse, Sir, wird es kein Zurück mehr für Sie geben."
John hob überrascht die Brauen.
„Das ist doch jetzt vollkommen unerheblich!" Al funkelte seinen Onkel an.
John fühlte sich plötzlich wie ein Kind, das mit einem unerlaubten Gegenstand hatte spielen wollen unter Dorns Blick. Zögernd trat er einen Schritt zurück und reckte den Hals.
Da fiel ihm Beckett ein, der immer noch hinter Dorn stand, seine Aufmerksamkeit allerdings Rodney zugewandt hatte.
„Major?" Elizabeth war zu John getreten, sah ihn etwas ratlos an.
„Moment, Dr. Weir." John lächelte kurz, trat wieder an Dorn heran. „Doc, kann ich Sie kurz sprechen?" fragte er.
Beckett kam wieder näher, beugte sich etwas über Dorns erhobenen Arm. „Ja?"
John zögerte nun doch, gab sich dann aber einen Ruck. „Gehe ich recht in der Annahme, daß Sie da etwas gefunden haben, dem wir schon mal begegnet sind und es eigentlich nicht wiedersehen wollten?"
Beckett blinzelte. „Naniten", wisperte er dann.
John nickte. Also hatte er McKay doch richtig verstanden.
Tief atmete er ein, ehe er weitersprach: „Ich erinnere mich inzwischen an einiges, aber nicht an alles. Dieser Detective Taylor meinte, ich könnte meiner Erinnerung mit Hypnose auf die Sprünge helfen. Könnten Sie das ähnlich wie bei Teyla machen?"
Beckett starrte ihn verblüfft an, nickte dann. „Sicher, aber ..."
John seufzte. „Dann lassen Sie uns jetzt mal machen und halten Sie Rodney davon ab, sich für den Rest seines Lebens unglücklich zu machen." Bei den letzten Worten hob er seine Stimme wieder. „Er wird sich nämlich einen neuen Job suchen müssen, wenn er wirklich mit einem selbstgebastelten Elektromagneten sämtliche Geräte grillt. Das wird man ihm dieses Mal nicht durchgehen lassen."
McKay wurde krebsrot und kniff die Lippen aufeinander. Der Blick, mit dem er John bedachte, war geradezu mörderisch.
„Ihnen fällt schon etwas anderes ein." John lächelte so liebenswürdig wie möglich, dann zwinkerte er Beckett noch einmal zu, ehe er sich umdrehte und seine Aufmerksamkeit diesem Al zuwandte. „Und jetzt sollten wir uns in Ruhe und bei einer guten Tasse Kaffee unterhalten. Die beiden da drin werden Ihren Geräten nichts mehr antun, vertrauen Sie mir. Und Ihr Laden wird bald wieder brummen."
„Das will ich auch hoffen", wetterte der Angesprochene los, drohte dann Dorn mit einem Finger. „Und denk ja nicht, daß ich dir zukünftig auch nur ein Taschentuch geben werde, wenn du mich darum bittest, Onkel George! Das war einer zuviel dieses Mal. Es war viel zu viel."
Dorn blieb weiter unbewegt, nicht einmal ein Nerv in seinem Gesicht zuckte. John konnte nicht anders, er mußte den Marine beneiden um diese stoische Ruhe. Beinahe wünschte er sich, er könnte das ebenso. Andererseits ...
„Kommen Sie, Al", wandte sich jetzt auch Elizabeth an den Eigentümer dieser Firma. „Wir reden jetzt in Ruhe darüber, was wir tun können, um Ihnen zu danken und Sie wieder friedlich zu stimmen."
John war sich ziemlich sicher, zumindest den Vorschlag für eines dieser Heilmittel zu kennen und tauschte mit Al einen Blick. Dann folgte er Elizabeth und dem Unternehmer aus dem Vorraum heraus, gab Lorne nur kurz den Befehl, Dorn zu unterstützen. Erst später, als sie schon eine Weile diskutierten, ging ihm auf, daß er eigentlich gar nicht Lornes Vorgesetzter war.

***

Einige Stunden später im Hotel wußte John zwar nicht genau, was McKay und Beckett getan hatten, aber zumindest waren die Wogen in der Firma von Dorns Neffen geglättet und alle Geräte noch einsatzbereit.
„Die Naniten breiteten sich nicht aus", erklärte Rodney gerade und löste damit das Problem. „Ich weiß nicht, was sie taten, aber sie breiteten sich nicht aus."
„Waren sie vielleicht deaktiviert worden durch irgendetwas?" fragte John hoffnungsvoll.
McKay verzog das Gesicht als habe er in eine Zitrone gebissen. „Irgendetwas?" echote er.
Elizabeth stellte ihre Tasse härter als nötig ab. „Haben Sie etwas herausfinden können, Sie beide? Etwas, was uns weiterbringt und wir vielleicht der Polizei geben können."
„Das ist ein schlechter Gedanke", kommentierte John und schüttelte den Kopf. „Ich kann mich nicht an viel erinnern, aber ich weiß, daß das, was ich gesehen habe, nicht ganz in das übliche Täterschema von Polizei oder FBI paßt, Elizabeth. Wenn etwas herausgefunden wurde, sollten wir das entweder selbst regeln oder dem SGC Bescheid geben. Wie wollen Sie denn nur allein die Naniten erklären, die Rodney und Beckett gefunden haben?"
Elizabeth sah ihn nachdenklich an.
Die Tür zur Suite wurde geschlossen, dann näherten sich Schritte.
John blickte auf und seufzte, als er die beiden ungleichen Helfer den Raum betreten sah. Dorn verzog sich sofort auf eines der Sofas. Offensichtlich war er der Meinung, für heute genug irgendwo herumgestanden und Wache gehalten zu haben. Lorne dagegen blieb abwartend stehen und erwiderte seinen Blick fragend.
John verzog das Gesicht.
Wenn er ehrlich zu sich selbst war, er war schon neugierig auf das, was Major Lorne eventuell leisten konnte auf und für Atlantis. Andererseits würde er wohl kaum eine Chance erhalten, mehr darüber herauszufinden. Verdammt, gerade hatte er sich noch wohl gefühlt, hatte seinen ganzen Ärger verdrängen können. Jetzt waren mit einem Schlag die ganzen Vorwürfe wieder da.
Aber, das ging ihm auf, es gab einen Unterschied: Er fühlte sich nicht mehr schuldig! Ja, er hatte Sumner erschossen, aber der hatte ihn darum gebeten, ihn legetemiert. Ja, er hatte Ford verloren, weil der durchgedreht war. Aber in diesem Moment war er mehr als sicher, daß sie beide sich wiedersehen würden. Würde nicht er Aiden finden, würde der ihn finden, davon war er überzeugt. Zwischen ihnen war noch nicht das letzte Wort gesprochen!
„Sind Sie sich da sicher, John?" Elizabeth klang zweifelnd.
Er zögerte, nickte dann aber, als er in das eigentliche Thema zurückfand.
Hier war er gut, hier wurde er gebraucht. Im Moment mochte es nicht sehr viel mehr als pure Ablenkung sein, was ihn vorwärts trieb, aber er hatte etwas zu tun und er konnte andere beschützen ... wenn er denn nur wüßte, was sein Gedächtnis ihm vorenthalten wollte.
Er holte tief Atem, stieß die Luft dann wieder aus. „Ich kann mich an eine eigenartige Masse erinnern", berichtete er dann stockend, „und an ein grünes Leuchten. Erst dachte ich, es seien die Augen des Rippers, aber jetzt erinnere ich mich, daß es die falsche Stelle für Augen war. Er hatte offensichtlich Schmerzen, jedenfalls schrie er die ganze Zeit über. Und er war ... er war so stark wie ein Wraith."
Die anwesenden Atlanter zuckten allein bei dem Wort zusammen. Zuviel hatten sie gerade in der letzten Zeit mit den Wraith erlebt.
„Eine eigenartige Masse?" McKay fing sich als erster. „Was bitte schön soll das sein?"
John kniff die Lippen aufeinander. „Ich griff ihn an, zumindest denke ich, daß ich das tat. Und ... und es war als würde der Ripper aus ... Götterspeise bestehen. Ich weiß nicht, wie ich das anders erklären soll. Er war wie ... amorph!"
Beckett trat aus seinem Zimmer, seinen Rucksack in der Hand. „Gut, Sohn, dann klären wir jetzt, was mit Ihnen geschehen ist."
John erleichterte. Seine letzte Hoffnung lag in der Hypnose.

***

Kurz darauf lag er wirklich in seinem abgedunkelten Zimmer. Beckett hatte ihm ein Beruhigungsmittel gespritzt und ihm einen Zugang gelegt. Eine Flasche mit irgendeiner Lösung wurde jetzt von Lorne gehalten, dem diese ganze Situation wirklich peinlich war.
John grinste schwach, konzentrierte sich dann wieder und drückte den Hinterkopf in sein Kissen.
„Es kann sein, daß es nicht funktioniert", bemerkte der Schotte in diesem Moment und neigte den Kopf ein bißchen. „Sie müssen die Hypnose zulassen, Sohn, und dazu ist nicht jeder fähig. Ist Ihr Wille zu stark ..."
John verzog unwillig das Gesicht und schloß die Augen. „Es wird funktionieren. Es ist unsere einzige Hoffnung", entgegnete er.
Und tatsächlich setzte ein leichtes Schwindelgefühl allmählich ein. Nach der Ruhe, die ihm die erste Spritze gebracht hatte, begann jetzt auch das Mittel zu wirken, das Beckett dieser Lösung beigemischt hatte.
„Gut, versuchen wir es." Beckett senkte seine Stimme. „Bleiben Sie ruhig und lauschen Sie auf meine Stimme - und nur auf meiner Stimme, Major. Lassen Sie sich fallen, wenn Sie müde werden. Wehren Sie sich nicht, das ist das wichtigste."
John nickte, öffnete den Mund und holte tief Atem, den er dann seufzend wieder ausstieß.
Und dann begann es ...

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John hing in seinen Gedanken fest und blieb stehen. Sich vornüberbeugend starrte er den Weg entlang, das Gefühl in sich, für eine Sekunde den Sorgen und Nöten entkommen zu sein, die ihn quälten.
Nach einigen tiefen Atemzügen biß er sich schließlich auf die Lippen und richtete sich wieder auf. In diesem Moment hörte er den Schrei. Fluchend wirbelte er herum, die Hand an seiner Hüfte, wo er es gewohnt war, seine Beretta vorzufinden. Doch da war nichts!
Wieder ein Schrei, diesmal noch eindringlicher und ... näher?
John zögerte nicht mehr, er raste los, mitten in die Finsternis des gewaltigen Parks hinein.
Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen, dennoch verminderte er sein Tempo nicht. Unregelmäßig, mal lauter, mal leiser, hörte er weiter die Schreie einer Frau, orientierte sich eben an diesen Lauten.
Da rutschte er weg, auf etwas feuchtem und glibberigem, das sich sofort wie feuchtert Schleim auf seine Kleider legte.
John verzog angeekelt das Gesicht, während er sich schon wieder aufrappelte. Dabei bekam er etwas trockenes und auf ihn stabil wirkendes zu fassen - einen dicken Ast, der wohl beim letzten Sturm vom Baum gebrochen war.
John überlegte nicht lange. Die Schreie wurden inzwischen immer leiser, die Stimme immer schwächer.
Den Ast mit beiden Händen haltend rannte er weiter, in ein Dickicht hinein, das ihm auch noch das letzte bißchen Sicht raubte. Dafür aber ...
Da tauchte ein eigenartiger, grünlicher Schimmer zwischen den Büschen auf.
John packte den Ast fester, und hob ihn. Halb springend, halb rennend drosch er das Holz auf diesen eigenartigen leuchtenden Buckel so fest er konnte. Der Ast zersplitterte unter der Wucht, das Leuchten wurde deutlicher.
Im nächsten Moment wirbelte das Ding herum.
Das war nicht menschlich, ging es John auf, eine Sekunde, ehe er gepackt wurde. Ächzend wollte er zurückweichen, doch das Ding, ein riesiges schleimiges Etwas, stürzte sich jetzt auf ihn, packte ihn bei der Kehle und würgte ihn.
John versuchte, irgendwo Halt zu finden, um seinen Gegner vielleicht aushebeln zu können.
Dieses Leuchten wurde immer intensiver.
Er konnte nicht atmen. Verzweifelt krallte er sich an seinem Angreifer fest, schlug schwach mit den Fäusten auf die armähnlichen Auswüchse ein, während die Welt um ihn her sich drehte und immer kleiner zu werden schien.
Das Wesen brüllte die Schreie heraus, die es ihm untersagte. Es schien wirklich Schmerzen zu leiden, was ihm nicht so ganz aufging. Aber seine eigenen Kopfschmerzen waren intensiver geworden.
Kraftlos krallte John sich an einem festen Widerstand fest, während seine Lungen nach Atemluft schrien. Irgendwie mußte er wieder loskommen. Er würde nicht hier sterben, vor allem nicht ...
Er bekam etwas zu fassen, und im nächsten Moment wurde das Brüllen dieses Etwasses so laut, daß Johns Trommelfelle zu platzen drohten und ihm die Ohren klingelten. Und dann ...
Er riß die Augen auf, als er erkannte, WORAN er sich da festgekrallt hatte. Und mit dieser Erkenntnis wuchs das Grauen, denn aus der amorphen Masse, die dieses Wesen bis vor wenigen Minuten gebildet hatte, entstand plötzlich ein Gesicht, erschien einfach in dem feucht glänzenden Schleim, der die oberste Schicht bildete.
Das war ein persönlicher Schild, wie McKay ihn getragen hatte. Dieses ... dieses Ding trug einen Schild! Aber irgendetwas damit stimmte nicht, irgendetwas war falsch gegangen.
John japste verzweifelt nach Luft, starrte in ein Paar haselnußfarbene Augen, die sich in diesem Moment öffneten und glaubte sich in einem Alptraum.
Er sah sich selbst! Wer ihn da erwürgen wollte, war er!
Das Wesen - er! - brüllte noch einmal, dann wurde John herumgeschleudert und losgelassen. Die Kraft seines Doppelgängers war so gewaltig, daß er durch die Luft gewirbelt wurde. Und dann kam der Aufprall. Hätte er noch Luft in den Lungen gehabt, jetzt wäre diese aus ihm herausgetrieben worden.
John fühlte die rauhe Rinde eines Baumstammes, der seine Wange aufscheuerte, während sein Körper der Schwerkraft folgte.
Atmen! Er mußte atmen!
Tief und hektisch holte er Luft, japste und keuchte und würgte.
Allmählich nahm die Welt wieder Gestalt an, unendlich langsam, aber sie tat es. Und da hörte er den Laut und blickte mit tränenden Augen auf.
Die Frau!
John rappelte sich hoch und taumelte zu dem Bündel Stoff hinüber, das sich gerade schwach bewegt hatte.
„Ganz ruhig", krächzte er.
Oh Gott! Sie verblutete! Unter ihrem hellen Rock hervor strömte tiefschwarze, glänzende Flüssigkeit. Es roch nach Blut.
Ohne weiter nachzudenken öffnete John seine Jacke und zog sie aus, um sie der Fremden in den Unterleib zu drücken.
Die Frau war noch am Leben, ihre Lider flatterten ...
„Mam?" krächzte John, blickte sich hilflos um. „Haben Sie vielleicht ein Handy dabei?"
War das ein schwaches Kopfschütteln? Er war sich nicht sicher, andererseits aber sah er im Umkreis auch nichts, was irgendwie an eine Handtasche erinnerte.
War da nicht eine Telefonzelle gewesen auf seinem Weg?
„Hören Sie, ich komme gleich wieder", krächzte er weiter, beugte sich über die Gestalt. „Ich rufe Hilfe, dann bin ich wieder bei Ihnen. Halten Sie nur so lange durch, Mam."
Er war sich nicht sicher, ob sie wirklich verstanden hatte, er wußte nicht einmal, ob sie überhaupt noch bei Bewußtsein war. Aber er mußte etwas tun, er konnte hier nicht herumsitzen und darauf warten, daß es hell wurde.
John kam mühsam wieder auf die Beine, rieb sich mit schmerzverzerrtem Gesicht kurz den Hals. Dabei fiel ihm auf, daß er wohl selbst blutete, rieb sich mit beiden Händen die Augen, ehe er sich schwankend umdrehte und davonhumpelte - hoffentlich in die Richtung, in der er das Telefon gesehen hatte ...
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Schweigen hatte sich über die Gruppe gesenkt, als John den Wohnraum wieder betrat. Blinzelnd blieb er im Türrahmen stehen und wartete.
Hatte er nicht gerade noch die Stimmen von Beckett und McKay gehört, die sich offenbar angeregt unterhielten? War nicht Elizabeth eingeschritten, zumindest hatte es sich so angehört?
Jetzt wandten sie sich allmählich ihm zu, sahen ihn an.
Dorn saß immer noch auf einem der Sofas, erwiderte als einziger der Runde seinen Blick unbefangen. Dem Marine schien es wirklich gleichgültig zu sein, was den anderen Kopfzerbrechen bereitete. Dabei, John war sich plötzlich sehr sicher, war diese stoische Ruhe eigentlich eine Fassade, hinter der der Mann sich verbarg. Vielleicht wäre das der richtige Weg gewesen, seine Karriere ruhig und ohne Probleme voranzutreiben, ging ihm auf, während er noch immer in diese grauen Augen blickte.
Dorn überließ ihm die Entscheidung, er würde nicht diskutieren darüber. Er würde tun, was man ihm sagte und damit seinen Dienst versehen. Mehr war da nicht, seine Leidenschaft hatte er wohl offensichtlich schon längst verloren.
John senkte die Augen, biß sich kurz auf die Lippen. „Was ist los?" fragte er dann, nachdem offensichtlich noch immer Schweigen ihm gegenüber herrschte. „Ich dachte, jetzt sei der Fall klar. Ich kann mich wieder erinnern und Sie alle sind meine Zeugen, daß ich weder diese Miss Lloyd noch eine der anderen Frauen getötet habe. Wo also ist das Problem?"
Probleme gab es noch mehr als genug, und das wußte er auch. Aber er war jetzt nicht bereit, sich auf eine lange Diskussion einzulassen. Er hatte schon mehr als genug Ärger gehabt in den letzten Wochen.
„Genau da liegt das Problem." Elizabeth, die neben Dorn gesessen hatte bisher, erhob sich und kreuzte die Arme vor der Brust. Tief holte sie Atem, stieß ihn dann seufzend wieder aus. Ein sicheres Zeichen dafür, daß sie sich Sorgen machte.
John zuckte mit den Schultern. „Ich sehe keines, das sich nicht lösen ließe."
McKay und Beckett tauschten einen Blick.
„Diese amorphe Masse, dieser Körper, den Sie erwähnten", begann der Kanadier dann schließlich. Er blieb ernst, ein sicheres Zeichen dafür, daß die Lage es ebenso war. „Elizabeth und Lorne haben diese Wiese, auf der Sie ausgerutscht sind, gefunden gestern und Proben genommen. Es waren die Proben, die wir heute vormittag vernichten wollten. Und inzwischen wissen wir auch, warum die Naniten sich nicht reproduzierten, wie sie es tun müßten."
„Sie sind anders programmiert", wagte Beckett zu bemerken.
John runzelte die Stirn, wechselte wieder einen Blick mit Dorn. „Anders programmiert?"
„Sie schreiben sich um und bilden Basenpaare", fuhr Carson fort. „Sie reproduzieren, ja, aber anders, als wir dachten. Sie replizieren nicht sich selbst, sondern einen anderen Organismus. Notfalls 'schreiben' sie auch noch ihren Wirt um, wie es wohl ausieht nach Ihrem Bericht."
John schwante etwas, doch noch schwieg er, fixierte weiter Dorn.
„Offensichtlich hat der persönliche Schild etwas damit zu tun", übernahm jetzt McKay wieder. „Vielleicht war er auch der bisherige Träger der Naniten. Irgendetwas ist da wohl schiefgegangen. Jedenfalls ... die Naniten tun, was sie für ihren Basisbefehl halten."
Beckett nickte, blieb jetzt aber stumm.
Wieder senkte sich diese bedrückende Stille über den Raum.
John sah forschend von einem zum anderen, schließlich blieben seine Augen an Elizabeth haften. „Und was heißt das jetzt?" fragte er zögernd.
„Mit Sicherheit wissen wir es nicht." Beckett wand sich sichtlich.
Elizabeth schüttelte ungeduldig den Kopf, erwiderte Johns nächsten Blick und hielt den Kontakt. „Rodney und Carson glauben beide, daß Sie durch die Berührung des Schildes den Befehl der Naniten geändert haben, John. Sie replizieren sich jetzt nicht mehr und bilden Zellklumpen, sondern sie replizieren Sie. Insofern sind Sie schon der Ripper, wenn auch auf Umwegen. Ihr Doppelgänger ist kein echter Doppelgänger, sondern von den Naniten umgewandelt."
John schluckte.
Da waren sie ja in etwas hineingeraten! Er wollte lieber gar nicht weiterdenken an das, was da möglicherweise noch auf sie zukommen konnte ...
Elizabeth schüttelte wie bedauernd den Kopf. „Es tut mir leid."
John atmete tief ein, richtete sich dann wieder auf und drehte sich zu Lorne um. „Major, wir warten auf Verstärkung. Ich werde das SGC informieren und hoffen, daß man uns so schnell wie möglich Hilfe schicken kann."
Nein, er würde nicht allein losziehen, wie seine Kritiker jetzt wahrscheinlich hofften. Er würde sich Rückhalt aus Colorado holen, Bestätigung und die Genehmigung, gegen dieses Wesen vorzugehen. Auf keinen Fall würde er sich noch irgendeinen Lapsus leisten, der ihn wieder in Teufels Küche bringen würde.
Lorne nickte und salutierte.
Himmel, sie beide waren gleichrangig!
John nahm dem anderen den Gruß ab und marschierte entschlossenen Schrittes zum Telefon. Dabei war er sich der Blicke der anderen mehr als nur bewußt und blieb unbewußt steif, als habe er einen Stock verschluckt.
„Wissen wir irgendetwas über den Ripper, das nicht mit mir zusammenhängt?" fragte er, die Hand schon auf dem Hörer.
„Rodney hat einen Namen", sagte Elizabeth sanft.
John atmete erleichtert auf und sah kurz zu dem Wissenschaftler hinüber. „Wie sind Sie denn daran gekommen, Rodney?" Er konnte tatsächlich wieder grinsen und machte jetzt Gebrauch davon.
McKay zuckte mit den Schultern. „Der Ripper hat einen Fingerabdruck auf Ihrer Unterhose hinterlassen."
Die Unterhose!
John hätte am liebsten erleichtert aufgelacht. An dieses Kleidungsstück hatte er nun gar nicht mehr gedacht. Und wohl auch der CSI nicht, was sich als Glück herausstellen konnte. Auf keinen Fall durfte der Ripper von der Polizei festgenommen werden. Nicht, wenn Naniten im Spiel waren. Am Ende würde sich SingSing noch mit hunderten John Sheppards füllen!
„Eines verstehe ich aber noch nicht." John hob die Hand wieder von der Gabel und drehte sich um. „Warum habe ich jeden Abend Kopfschmerzen? Und warum hat der Ripper die ganze Zeit geschrien, als er mich am Wickel hatte?"
Dieses Mal sah er in ratlose Gesichter. Offenbar konnten die anderen sich das genauso wenig erklären wie er.
„Vielleicht hängt es mit dem Gen zusammen", schlug Beckett zögernd vor. „Er muß schließlich Genträger sein, sonst würde der Schild nicht funktionieren. Vielleicht sind es die Naniten oder die Fehlprogrammierung, die zu einer Art Wechselwirkung führen."
„Das hört sich an, als hätten Sie wirklich nicht die blaßeste Ahnung!" stöhnte McKay und setzte zur nächsten Tirade an.
„Wie lautet der Name des Verdächtigen?" bremste John den Kanadier prompt aus und erntete einen bösen Blick.
„Bryan McGillup."
John nahm den Hörer ab.

TBC ...

20.07.2009

Das Monster IV

John hockte in der Zelle und fragte sich, ob er jemals wieder frische Luft würde atmen können. Alles in ihm schien sich verkrampft zu haben und darauf zu warten, daß er ... etwas tat. Aber er hatte noch immer nicht die blaßeste Ahnung, WAS genau er tun sollte.
Er fühlte sich hilflos, wußte nicht wirklich, wie er vorgehen sollte. Sicher, dieser Detective Taylor hatte ihn von einer großen Dummheit abgehalten, und dafür war er ihm auch dankbar. Andererseits aber ... konnte es nicht doch sein, daß er der Ripper war? Immerhin wußte er nichts von den letzten beiden Nächten, einmal abgesehen von den Alpträumen. Und hatte er sich da nicht selbst mit einem Messer in der Hand gesehen? Einem Messer, daß er aus einem Körper gezogen hatte?
Die Tür öffnete sich.
John blickte auf, wollte sich aufsetzen. Er hockte, die Beine angezogen und die Fersen auf den Bettrahmen gestützt, auf der Matratze, den Rücken gegen die kalte Wand gelehnt und die Arme auf den Knien.
„Bleiben Sie ruhig sitzen, Major." Mac Taylor trat ein, nickte dann dem Beamten zu, der daraufhin von außen die Tür der Zelle wieder verschloß, und lehnte sich lässig gegen die Wand, um ihn genau zu studieren.
John schluckte und biß sich auf die Lippen.
„Ich möchte Ihnen helfen", wandte Mac sich nach einer Weile an ihn. „Nur muß ich dazu wissen, was vor zwei Nächten im Park passiert ist."
John schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht." Seine Stimme klang plötzlich heiser.
Mac runzelte die Stirn. „Was ist das letzte, woran Sie sich erinnern können?" bohrte er vorsichtig weiter.
John wollte schon abwiegeln und um seine Ruhe bitten, als es ihm plötzlich einfiel ...

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Eine Frauenstimme. Er war sich ganz sicher. Da rief eine, immer schwächer werdende Frau um Hilfe.
Er beschleunigte seine Schritte, stolperte über etwas, was unter seinem Fuß nachgeben wollte und kam zum Stehen. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Beinahe blind tastete er nach dem, das ihm gerade beinahe das Gleichgewicht gekostet hatte:
Ein Ast!
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„Ein schwächer werdender Schrei", sagte er endlich zögernd. „Er kam ... Ich weiß nicht. Irgendwo von vorn, aber ... es muß irgendwo zwischen zehn und elf Uhr gewesen sein."
Mac nickte nachdenklich, als er aufblickte.
„Also links vor Ihnen", fragte der Tatortermittler nach einer Weile. „Sind Sie sich da sicher?"
John zögerte, biß sich wieder auf die Lippen. Eine Falte wuchs zwischen seinen Brauen, als er versuchte, sich an mehr zu erinnern ...

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Er wich vom Weg ab, den er sowieso kaum noch sehen konnte, und schlug sich in die Büsche. Der Boden unter ihm war nachgiebig wie lockerer Waldboden. Seine Fußspuren gruben sich tief hinein.
Wieder dieser Schrei - und gleichzeitig setzten seine Kopfschmerzen ein, heftiger als an jedem vorhergehenden Abend.
John rutschte beinahe aus, als er ein Rasenstück erreichte. Das Gras war feucht ...
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„Ein feuchtes Rasenstück? Sind Sie sich sicher?" Mac hatte sich aufgerichtet.
John schloß die Augen wieder, sah dieses grüne Leuchten. „Und dann war da dieses Licht", flüsterte er heiser, spürte den irritierten Blick des Tatortermittlers und hob die Lider wieder. „Dieses grüne Leuchten."
„Grünes Leuchten?" echote Mac verwirrt.
John nickte. „Ich ... ich kann es nicht anders beschreiben. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich würde etwas ähnliches kennen, aber im letzten Moment entgleitet mir die Erinnerung. Ich ... ich weiß nicht, was es ist."
„Ist es eine Floureszenz?" erkundigte Mac sich.
John strengte sein Hirn an, kniff die Lippen aufeinander. Schließlich aber zuckte er hilflos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht", gab er zu und blickte auf. „Ich kann durchaus verstehen, daß Sie mir helfen wollen, Detective Taylor, aber ..."
Mac hob eine Hand. „Sie sind Pilot, haben einiges an Einsätzen auf dem Buckel. Gerade Ihnen muß ich nichts von dem Phänomenen der Luminiszenz erzählen. Sie kennen die Geschichten bestimmt ebenso gut wie ich, was in den 40ern während des Krieges geschehen ist mit verirrten Piloten ..."

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Die Jagdbomber hatten sich über den Inseln verirrt.
Captain Miller sah immer wieder auf die rasant sinkende Nadel seiner Treibstoffanzeige. Nur noch einige Minuten, dann ...
Er wagte gar nicht, sich vorzustellen, was geschehen würde. Kaltes Gewässer, irgendwo zwischen den Inseln. Haigebiet. Seine Leute würden, sofern sie sich aus den kleinen Flugzeugen würden retten können, Stück für Stück zerfleischt werden. Es brauchte weniger als die gestrige Schlacht gegen die Japs, um ...
„Captain?" meldete sich Weis über das Funkgerät.
Eigentlich sollte Funkstille herrschen. Aber die Aussicht auf eine Bruchlandung auf dem Wasser ließ das Schweigen brechen, ebenso wie es die Kommandowege untergrub. Und Miller fühlte sich nicht in der Lage, daran etwas zu ändern.
„Captain!" Dieses Mal war es Wilson, der aufgeregt in sein Funkgerät schrie. „Acht Uhr! Acht Uhr!"
Miller schüttelte den Kopf, wollte einen Moment lang wirklich den Befehl zur Notwasserung geben, da sah er es selbst.
Es war ein Wunder! Schlicht und ergreifend ein Wunder!
Der Ozean vor ihnen leuchtete. Ein breiter Weg, wie eine Straße, eine Landebahn, glühte in der Schwärze der Nacht. Und irgendwo, gerade noch erreichbar für die Maschinen, wartete der Flugzeugträger ...
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John nickte.
Ja, er kannte die Geschichten. Er selbst hatte das Leuchten des Planktons mehr als einmal selbst gesehen, als er als Sea Hawk-Pilot auf einem der Flugzeugträger stationiert gewesen war. Das war vor Afghanistan ...
„War es so?" bohrte Mac weiter.
War es das gleiche Leuchten wie damals, als er mit dem Hubschrauber beinahe vom Weg abgekommen wäre im Golf?
„Nein!" Das Wort war ihm einfach entfleucht. Er hatte es nicht aussprechen wollen. „Das Leuchten des Planktons sieht anders aus. Es ist bläulich."
Mac warf ihm einen zufriedenen Blick zu. „Sind Sie sich sicher? Sie wissen, wie es entsteht?"
John zögerte wieder, nickte dann aber.

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Mikroskopisch kleine Algen treiben im Salzwasser der Ozeane. Gerade an den warmen Stellen innerhalb der Erdachse ist ein zusätzliches Phänomen sichtbar, das es sonst nirgendwo gibt:
Zu bestimmten Zeiten des Jahres, während die Strömungen sich Jahreszeitenbedingt kurzfristig ändern, treffen verschiedene Planktonarten aufeinander. Kleinstlebewesen, Algen, kaum intelligenter als Einzeller, beginnen sich zu teilen, um sich fortzupflanzen
Winzige klonartige Zellteile der Algen trennen sich vom „Mutterkörper" ab. Während dieser Zellteilung kommt es zu einem floueszierenden Leuchten des Ozeans und der Meere, da Energie frei wird und die Kleinstlebewesen mit diesem Leuchten auf andere ihrer Art reagieren.
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„Inzwischen weiß wohl jeder Pilot, woher das Leuchten des Ozeans stammt." Johns Stimme klang sarkastisch.
Mac nickte nachdenklich, sah ihn weiter forschend an. „Sonst noch etwas? Es war nicht das Leuchten einer Lumineszenz, soweit waren wir schon."
John konzentrierte sich wieder. Aber die Erklärung flutschte aus seinen zugreifenden Geistesfingern wie ein Fisch, den man mit den Händen fangen wollte. Er wußte, er kannte dieses Leuchten, er hatte es bereits gesehen, damit zu tun gehabt. Aber wo? Wann? Warum?
Er assoziierte es nicht mit Gefahr - eigentlich. Eher mit ... Rodney?
Wieso mit McKay?
„Vielleicht wie Glühwürmchen? Ab und an finden sich zu dieser Jahreszeit schon einige, die nachts unterwegs sind", schlug Mac vor.
Glühwürmchen ...
„Nein!" John schüttelte den Kopf.
Wieder tauchte das Gesicht des Wissenschaftlers vor seinem inneren Auge auf, und immer noch konnte er sich keinen echten Reim darauf machen, warum er immer an McKay dachte, wenn er sich an dieses Leuchten erinnerte.
„Haben Sie den Ripper gesehen, Major?" bohrte Mac weiter.
John fuhr sich mit einer Hand durch sein verwuscheltes Haar. „Ich ... ich bin mir nicht sicher", gab er zu.
Das Leuchten. Das grüne Leuchten ...

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Der Schatten tauchte zwischen den Büschen auf, und irgendetwas ... war verdammt falsch an diesem Schatten in der Finsternis.
John begriff erst beim zweiten Hinsehen, als er schon den Ast fester packte, WAS genau nicht stimmte. Da war ein grünes Leuchten an diesem Schatten. Aber es kam nicht von einer Lampe ... zumindest nicht von einer, die zu sehen gewesen wäre. Nein, dieses grüne Leuchten gab keine wirkliche Helligkeit ab. Es strahlte nicht, es beleuchtete nicht. Es war ... einfach da!
Und im nächsten Moment begriff John auch, wo dieses „einfach da" sich befand ...
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John stockte in seinen Gedanken, doch der entscheidende Moment in seiner Erinnerung war immer noch nicht abrufbar. Er konnte den undeutlichen Schatten gegen die andere Finsternis der sie beide umgebenden Büsche und Bäume wahrnehmen, aber auch nur wenig mehr. Und der Punkt fehlte. Er wußte nicht wirklich, wie er ihn zurückholen konnte.
„Ist da wirklich nichts? Oder können Sie sich nicht daran erinnern?" erkundigte Mac sich mitfühlend.
John beschloß, weiterhin ehrlich zu sein. „Ich glaube, da ist etwas. Aber die Erinnerung ist blockiert." Er blickte auf und sah den Chef des CSI-New York forschend an. „Warum wollen Sie mir helfen, Detective? Ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihre Aufgabe innerhalb des CSI der eines Advocato Diaboli ist."
Mac grinste schief und nickte. „Stimmt, ich bin üblicherweise der unparteiische", antwortete er nicht ohne Zynismus, wurde wieder ernst. „Warum ich Ihnen helfen möchte? Sagen wir, ich habe meine Gründe."
„Sie waren auch in der Armee, stimmt's?" John fühlte sich wohler, nachdem er einmal ausholen konnte.
Mac schmunzelte mit nach vorn geneigtem Kopf. „Stimmt", antwortete er. „Ich war bei den Marines. 1982 in Beirut, falls Ihnen das noch etwas sagt."
John wurde ernst. Stumm nickte er.
„Sie sind noch etwas jung dafür. Wo waren Sie? Noch auf dem College? Oder schon auf der Akademie?"
John senkte den Blick. „Ich ... an der Akademie", antwortete er zögernd. „Luft- und Raumfahrttechnik. Ich wollte eigentlich ins Raumfahrtprogramm wechseln."
Mac nickte nachdenklich. „Wie Gary", sagte er dann leise.
John setzte sich mit einem leisen Schnaufer auf. „Wer ist Gary?"
Macs Blick glitt ab. „Lieutenant Gary Francis war einer der verdammt besten Hubschrauber-Piloten, den ich je kennengelernt habe. Bis Beirut. Da ... traf er auf einen Panzerbrecher, der ihn vom Himmel holte."
John atmete tief ein und ballte die Hände zu Fäusten. Afghanistan kratzte an seiner Erinnerung und wollte losgelassen werden. Doch er zwang es wieder zurück in die Tiefen seines Geistes.
„Gary starb damals." Mac seufzte und kreuzte die Arme vor der Brust, während er sich nun von der Wand abstieß. „Sie beide hätten sich hervorragend verstanden, Major, davon bin ich überzeugt. Wer weiß, vielleicht wäre er irgendwann Ihr Vorgesetzter geworden, wäre er damals nicht verblutet. Ich weiß nur, daß er meine Meinung über die 'Fliegeraffen' der Air Force ziemlich auf den Kopf gestellt hat." Ein trauriges Lächeln erschien auf Macs Gesicht. „Er hat mich damals gebeten, jedem zu helfen, der mich an ihn erinnern würde. Tja, und Sie sind der erste, der mich an Gary erinnert, Major. Gehe ich recht in der Annahme, daß Ihre Insubordination darin bestand, daß Sie anderen den Hintern retten wollten?"
John nickte stumm.
Mac schloß kurz die Augen. Sein Lächeln vertiefte sich kurzfristig. Dann drehte er sich um und ging zur Zellentür zurück. „Dann sind Sie wirklich wie Gary", sagte er und klopfte.
Kurz darauf drehte sich der Schlüssel im Schloß.
Gerade als die Tür sich öffnete, drehte Mac sich noch einmal um. „Übrigens, bei Gedächtnisverlusten, die sich nicht auf natürliche Art beheben lassen, kann Hypnose helfen, Major. Das sollten Sie vielleicht im Auge behalten." Damit verließ er die Zelle, ließ einen sehr nachdenklichen Major John Sheppard zurück.

***

„Vorsicht!" Major Lorne nahm sie fest und sicher am Arm.
Elizabeth staunte nicht schlecht über den Luftwaffen-Offizier, den man ihr von Cheyenne-Mountain aus aufdrücken wollte für die Expedition. Lorne schien ja wirklich ein vollkommen anderes Kaliber zu sein als sie geglaubt hatte. Eigentlich hatte sie eher mit einem zweiten Caldwell gerechnet, mußte sie zugeben.
Elizabeth lächelte und nickte. „Danke."
Der Major sah sie einen Moment lang forschend an, dann wandte er sich ab und ging wieder vor ihr her.
Elizabeth richtete ihre Aufmerksamkeit jetzt auf ihre Umgebung. „Was ist das hier?" fragte sie verblüfft.
Lorne zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht eine Sumpfwiese", schlug er vor. „Da hinten ist der See, an dem die Telefonzelle steht."
Elizabeth nickte wieder, betrachtete die Wiese, auf der sie stand.
Irgendetwas stimmte hier doch nicht. Der Boden unter ihren Füßen war trocken, also konnte sie sumpfiges Gelände ausschließen. Warum aber dann glänzte die ganze Wiese vor Feuchtigkeit? Überall waren, wie Tau am Morgen, kleine Tropfen auf den Grasstielen und Blättern, verliehen dem ganzen einen silbrigen Schimmer.
Lorne drehte sich wieder zu ihr um. „Mam? Ich glaube, ich habe etwas gefunden."
Elizabeth nickte. Dessen war sie sich auch ziemlich sicher, wenn sie es auch nicht benennen konnte. Sie wußte nur, sie wurde allmählich neugierig. Was war das für eine merkwürdige Wiese?
„Major, hatten Sie nicht vorhin im Drugstore Tiefkühlbeutel gekauft?" fragte sie, stapfte Lorne endlich hinterher.
Der blinzelte irritiert und stutzte, nickte dann aber. „Ja, das ..." Er schloß den Mund, sah zu den silbrig glänzenden Gräsern hinunter. „Sie meinen, daß hier könnte irgendwie mit dem zusammenhängen, was Major Sheppard zugestoßen ist?"
Elizabeth nickte. „Möglicherweise", gab sie zu bedenken. „Sicher bin ich mir nicht. Aber wir sollten eine Probe mitnehmen, die Carson untersuchen kann. Vielleicht sind diese Tropfen etwas anderes als Wasser. In der Pegasus-Galaxie könnten Sie vielleicht auf etwas ähnliches stoßen."
Lorne atmete einige Male tief ein. „Ich ... äh ..." Er schloß den Mund und holte die Packung mit den Tiefkühlbeuteln hervor, die sie vorhin gekauft hatten. Eilig und sehr verlegen riß er die Pappe auf und ließ beinahe die Rolle fallen, die sich in deren Inneren befunden hatte.
Elizabeth griff danach und sah, wie sein Gesicht dunkelrot anlief.
„Schon gut", sagte sie sanft. „Ich weiß, Sie wurden ausgewählt, weil Sie als natürlicher Genträger identifiziert wurden. Das ist für mich kein Problem, Major, wirklich nicht."
Lorne blickte etwas verschüchtert wieder auf, nickte dann. „Ich weiß ... man sagte mir ... Also, wegen Major Sheppard ..." Etwas hilflos schloß er den Mund wieder und zuckte mit den Schultern.
„Auch das wird geklärt werden, darauf können Sie sich verlassen." Elizabeth trennte einen der Beutel ab, stülpte ihn gekonnt um und riß einen Grasstengel ab, um das Plastik über ihn zu ziehen. Die Feuchtigkeit verteilte sich eigenartige zähflüssig in dem Beutel und sagte ihr, daß sie vielleicht auf dem richtigen Wege war mit ihrer Vermutung.
Lorne beobachtete sie, schwieg jetzt aber, bis sie den Beutel verschloß und in ihre Umhängetasche steckte.
„Da entlang", murmelte er schließlich.
Elizabeth mußte zugeben, dieser junge Mann gefiel ihr immer besser. Nicht so flippig und quirlig wie Sheppard würde er einen guten Ausbremser für den Major abgeben auf Atlantis. Und daran bestand kein Zweifel: Sie WOLLTE Lorne mitnehmen - am liebsten hätte sie auch noch diesen Marine mit eingepackt, diesen Sergeant Dorn. Aber das würde wohl eher ein Wunschtraum bleiben, nach dem, was er auf seine eigenartige Art angedeutet hatte.
Elizabeth lächelte, als sie dem Major folgte.
Wenn es nach ihr gehen würde, würde sie wohl die halbe Erde mitnehmen nach Atlantis. Und, das mußte sie zugeben, es wäre mehr als genug Platz in der Stadt mit ihren gewaltigen Ausmaßen. Sie fragte sich ohnehin, wie lange es wohl noch dauern würde, bis Atlantis vollständig erforscht sein würde. Bei dem Tempo, das Sheppard und die anderen Teams vorgelegt hatten, wohl noch eine ganze Weile.
„Ich weiß jetzt nicht, wie ich es Ihnen sagen soll, Mam", brach Lorne unvermittelt das Schweigen mit unsicherer und leiser Stimme.
Elizabeth sah auf und betrachtete seinen breiten Rücken. Breiter als der Sheppards. Allerdings hatte sie auch selten einen so schlanken Mann wie ihn gesehen ...
„Was meinen Sie, Major?" erkundigte sie sich.
Oh Gott, sie war Sheppard um den Hals gefallen, als die Daedalus ihn heruntergebeamt hatte in das Gatrium von Atlantis. Sie war einfach nur so erleichtert gewesen, ihn lebend wiederzusehen. Ihr war schlichtweg nicht in den Sinn gekommen ...
„General Landry war der Meinung, Sie sollten wissen, daß der Generalstab der Meinung ist, für die Verteidigung der Erde besser gerüstet sein zu müssen. Unter anderem auch mit jemanden, der mit dem Kontrollstuhl auf Antarktica gut umzugehen weiß", erklärte Lorne.
Elizabeth war es, als würde ihr Herz zu Eis erstarren. „Wie bitte?"
Darum also war es gegangen von Anfang an! John Sheppard war ein Naturtalent im Umgang mit dem seltenen ATA-Gen. Er mußte sich nicht einmal groß anstrengen, um Ergebnisse zu erzielen. Und nur allein sein Umgang mit den Puddlejumpern auf Atlantis sprach Bände, ganz zu schweigen davon, was Rodney ihr über den Umgang mit dem dortigen Kontrollstuhl erzählt hatte.
Natürlich würde man ihn, sobald sich irgendeine Chance bot, eben an diesen Planeten fesseln und nicht mehr weglassen. Und dann war auch noch ausgerechnet sie mit dieser hirnrissigen Idee gekommen, ihre Stabsmitglieder mit auf die Erde zu nehmen!
Lorne blieb stehen. „Es tut mir leid, aber man ist wohl tatsächlich der Meinung, Major Sheppard wäre hier auf der Erde besser aufgehoben als in der Pegasus-Galaxie", sagte er.
DAS allerdings würde sich noch zeigen! Wenn es sein mußte, würde Elizabeth wirklich auch noch das letzte aufbieten, um John Sheppard wieder dorthin mitzunehmen, wohin er ihrer Meinung nach gehörte - und so abgeneigt schien er Atlantis gegenüber auch nicht zu sein, bedachte sie den ganzen Unsinn, den er innerhalb eines knappen Jahres angestellt hatte.
Lorne blieb wieder stehen, doch dieses Mal den Blick auf den Boden geheftet. „Ich glaube, wir haben tatsächlich etwas gefunden, Mam", sagte er, rückte etwas zur Seite.
Elizabeth beugte sich interessiert vor, erstarrte dann, als sie genau erkannte, was da auf dem Boden lag.
„Oh mein Gott!" entfuhr es ihr, ihre Hand glitt unwillkürlich an ihren Hals.
Lorne nickte und hockte sich hin.
Vor ihm, zwischen ihnen beiden, zog sich eine breite, schleimige Spur entlang, als wäre eine überdimensionale Schnecke hier herumgekrochen. Doch es stimmte die Farbe dieses „Schleimes" nicht: Er war rötlich!
Und zudem lang mitten in diesem schleimigen Pfad der Teil von einem Ast. Sogar einem recht dicken und stabil wirkenden Ast. Nur eben fehlte ein deutliches Stück, war wie unter einer großen Gewaltanwendung einfach abgebrochen.
Der einzige Grund, warum der Major wohl auf diese Spur und den Ast aufmerksam gworden war, war die Tatsache, daß der rote Schleim im vereinzelt durch die Blätter fallenden Sonnenlicht glitzerte, ansonsten hätten sie das ganze wohl vollkommen übersehen.
„Wie kann das sein?" hauchte Elizabeth endlich.
Lorne schüttelte nur den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber wir sollten es mitnehmen."
Elizabeth nickte, reichte Lorne die Tiefkühlbeutel. Der Major kramte das Isolierband aus seiner Uniformjacke, das sie ebenfalls im Drugstore erstanden hatten, dann hockte er sich hin und begann, das ganze einzutüten.
Elizabeth wartete und rieb sich fröstelnd die Arme. Doch die Kälte kam von innen, aus ihrem Körper - besser aus ihrer Seele. Sie konnte einfach nicht glauben, daß ausgerechnet Major Sheppard zu solchen grausamen und bestialischen Morden fähig sein konnte. Und sprach bisher nicht alles eine andere Sprache?
Lorne erhob sich wieder, reichte ihr die beiden zusammengeklebten Gefrierbeutel, sah dann den schmalen Trampelpfad hinunter, dem sie bis hierher gefolgt waren.
„Was denken Sie?" erkundigte Elizabeth sich, als sie sah, wie Lornes Stirn sich runzelte.
Einen Moment lang schien er abwiegeln zu wollen, dann nickte er gedankenverloren. „Wenn Sie mich fragen, spricht hier kaum etwas für die Schuld von Major Sheppard, Mam", antwortete er nach einer Weile endlich, half ihr über die Senke mit ihrem ekligen Inhalt und folgte dann dem Pfad weiter. „Ich mag ihn nur anhand seiner Akte kennen, aber die spricht eigentlich recht deutlich FÜR ihn. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er irgendeiner Frau Schaden zufügt. Außerdem ... was sind das für Spuren, die wir gefunden haben? Woher kommen sie? Und warum hat das CSI sie nicht schon mitgenommen?"
Das allerdings waren interessante und richtige Fragen - auf die Elizabeth aber leider ebenfalls keine Antwort hatte. Seufzend zuckte sie mit den Schultern.
Wieder blieb Lorne stehen, nachdem er sie durch ein Gebüsch gelotst hatte.
Sie befanden sich in einer kleinen, natürlichen Höhlung neben einem gewaltigen Baumstamm und einigen hohen, komplett verwilderten Büschen und anderen Bäumen, die jedoch längst nicht so majestätisch wie der große waren.
„Der Tatort", sagte Lorne erschaudernd.
Elizabeth wollte einen Moment lang fragen, woran er das sehen konnte, als sie das gelb-schwarze Absperrband bemerkte und den großen, dunklen Fleck unter einem der Büsche.
„Oh mein Gott!"
Lorne nickte nur stumm. Sein Interesse hatte er allerdings dem großen Baum zugewandt.

***

Rodney hatte sich in den angrenzenden Raum des Labors zurückgezogen, in dem der Rechner stand, der mit der internationalen Fingerabdruck-Datenbank verlinkt war. Nach einigen fruchtlosen Versuchen, war es ihm irgendwann denn doch wider Erwarten gelungen, das Paßwort zu knacken (wer rechnet denn auch mit einem solchen Wort wie Mausilein?) und jetzt ratterten pro Minute einige hundert gespeicherten Fingerabdrücke über den Bildschirm und verglich die unverkennbaren Merkmale so gut wie jedes Menschen automatisch mit dem Print, den er dem Rechner eingegeben hatte.
Was er brauchte waren schlicht und ergreifend ERGEBNISSE!
Rodney fühlte, wie er wieder nervöser wurde und begann in seinen Hosentaschen zu wühlen, bis er schließlich, ziemlich enttäuschend, ein Hustenbonbon fand. Wahrscheinlich eines von denen, die diese Stewardess verteilt hatte.
Nein, darauf konnte er wirklich verzichten!
Rodney packte das Bonbon trotzdem aus und steckte es sich in dem Mund. Wenn er jetzt nicht allmählich etwas gutes und gescheitetes zu Essen bekam, würde er wahrscheinlich bald im Zuckerkoma liegen und Sheppard damit seine einzige Chance verlieren, jemals entlastet zu werden.
Er wollte sich gerade abwenden und den Rechner ein bißchen allein arbeiten lassen, als plötzlich ein Klingelton ertönte.
Rodney fuhr zusammen und drehte sich um, um in ein schmales Gesicht mit zusammengewachsenen, nachtschwarzen Brauen unter ebenso dunklen Augen zu starren. Ein Gesicht, daß ihm der Computer zeigte. Über den zweiten, kleineren Bildschirm blinkte eine grüne Anzeige über den schwarzen Hintergrund: Match - Match - Match
Rodney konnte sein Glück einfach nicht fassen. So schnell? Dabei hatte er doch gerade erst ...
Er fuhr herum, sah zur Tür, wo gerade Carson Beckett aufgetaucht war. Der Schotte trug einen ziemlich verwirrten Gesichtsausdruck zur Schau.
„Was ist?" fragte Rodney.
Beckett blickte von einem anderen Computerausdruck auf, hielt ihn ihm dann hin. „Könnten Sie vielleicht ... äh, eine Gegenprobe zur Verfügung stellen?" fragte er.
„Und warum sollte ich das tun?" Rodney kreuzte die Arme vor der Brust und funkelte den Mediziner an. „Ich bin beschäftigt, Carson!"
Nie im Leben würde er zugeben, daß er Angst vor Spritzen hatte!
Beckett hielt ihm den Ausdruck hin. „Aber ich brauche ... eine Bestätigung, um zu sehen, ob das Gerät richtig geeicht ist", behaarte er.
„Warum nehmen Sie dann nicht diesen maulfaulen Dorn? Der steht oder sitzt die ganze Zeit nur herum!"
„Weil Sergeant Major Dorn die gleiche Blutgruppe wie Major Sheppard hat", erklärte Beckett. „Aber die Vergleichsprobe stimmt nicht. Sie kommt von einem anderen, nicht vom Major. Die Blutgruppe stimmt nicht."
Rodney runzelte die Stirn, schnappte sich dann den Ausdruck und studierte ihn sofort ... um das Papier kurz darauf sinken zu lassen und sinnend durch die Wand zu starren.
„Rodney?" fragte Carson leise.
Dann hatte der Major recht gehabt und es gab diesen Killer ... Nicht, daß er nicht daran geglaubt hatte, aber ...
„Was macht die DNA?" fragte Rodney, nachdem er dem Bildschirm mit dem AFIS-Programm einen Blick über die Schulter zugeworfen hatte.
„Nicht vor morgen früh, tut mir leid."
McKay kniff die Lippen aufeinander, dann drehte er sich steif herum und marschierte zum Rechner hinüber, um die polizeiliche Akte dieses Mannes da auf den Bildschirm zu rufen. Mit ein bißchen Glück würde dort auch seine Blutgruppe zu lesen sein. Und wenn nicht in der Polizeiakte, dann in einer anderen.
Rodney war entschlossen, dem Major zu helfen. Immerhin ... es galt ein Beinahe-Mitglied der Mensa zu retten. Da konnte er nicht anders, er war geradezu verpflichtet zu tun, was er tun würde ...

***

Nacht gegen 23.30 Uhr
Mac war es, als würde er ein grauenvolles Deja Vu erleben ... zum inzwischen siebten Mal.
Wieder eine Frauenleiche, wieder im Central Park, und dieses Mal sogar wieder in der Nähe der Strawberry Fields - gab es denn kein anderen Pflaster mehr für den Ripper? Immerhin war der Central Park groß, einiges an Quadratkilometern. Warum ausgerechnet immer hier?
Flack nickte ihm zu, drehte sich dann wieder zum Finder der Leiche, einem Junkey um, und befragte ihn recht rüde weiter.
Mac atmete einige Male durch die Nase und stapfte weiter.
Mit einem zumindest hatte ER recht behalten: Major John Sheppard war NICHT der Täter. Der saß immer noch brav in seiner Zelle und wartete darauf, daß sich jetzt die Tür endlich für ihn öffnete. Sein Gefühl, so ungern er sich dem auch hingab, hatte ihn nicht getrogen.
Danny blickte auf und kniff die Lippen unwillig zusammen, als er nähertrat. Aiden auf der anderen Seite der Wiese fotografierte etwas.
Mac sah sich um, dann stutzte er.
Die ganze Wiese sah aus, als hätte der Tau sie benetzt, aber für Tau war es noch zu früh. Woher also kam dieses ...
Er tat etwas untypisches und streckte die Hand aus, zupfte einen der Stengel ab und betrachtete ihn mit zur Seite geneigtem Kopf.
Was war das? Jedes normale Wasser wäre ihm längst auf die Finger getropft, warum ... ?
„Da muß ein Fehler vorliegen!" Danny hatte sich endlich aufgerichtet und stand nun neben ihm. „Wahrscheinlich wollen diese Freunde von unserem Major ihn decken und haben ..."
„Sie haben gar nichts, Danny", entgegnete Mac mit einem drohenden Unterton in der Stimme. Er ließ den Stengel sinken und funkelte den wesentlich jüngeren Tatortermittler an. „Du hast dich in eine Sache verrannt, das ist passiert, Danny", fuhr er fort. „Wir dürfen uns keine Meinung bilden, zumindest solange nicht, bis wir wirklich alles andere ausschließen können. Das weißt du auch verdammt genau. Und dennoch hast du es getan."
Danny zog deutlich den Kopf ein, funkelte ihn aber hinter seiner Brille weiter wütend an.
Mac nickte. „Das ist, was ich sehen möchte von dir: Biß!" Er nickte. „Und jetzt geh wieder an die Arbeit. Oder hast du wieder eine Antwort auf das, was hier auf dem Gras liegt?"
Danny war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren, Mac wußte es es. Dennoch aber mußte der Junge sich endlich einmal ein dickeres Fell anschaffen, sonst würde er wirklich irgendwann untergehen. Und jemand so begabten und intelligenten wie Danny Messer würde Mac so schnell nicht wieder finden. Also ...
„Und wenn sie doch ... ?" Danny verstummte, als er ihm einen langen Blick zuwarf.
„Die Begleiter des Majors sind allesamt in dem Privatlabor von Scunlap. Inc. Flack und ich lassen sie beobachten, seit Sheppard verhaftet ist. Die Beamten hätten sich schon gemeldet, wenn ihnen etwas spanisch vorgekommen wäre, denkst du nicht?"
Danny druckste etwas herum, nickte dann aber.
„Dann mach dich jetzt wieder daran die Spuren zu nehmen, zu ordnen und zu analysieren!" Mac wandte sich ab.
Der jüngere Tatortermittler zögerte noch einen Moment, dann schlich er im wahrsten Sinne des Wortes davon.
Mac seufzte schwer und schloß einen Moment lang die Augen.
„War das nötig?" erkundigte sich Aiden an seiner Seite. Sie mußte den Standort gewechselt und den Rest des Streites mitbekommen haben.
Mac zögerte, nickte dann aber. „Das war es. Danny muß endlich begreifen, wie und woran wir arbeiten. Wir können es uns nicht leisten, unsere Neutralität zu verlieren."
Aiden sah ihn an. Sie sah ihn einfach nur an, für eine ihm unendlich lang erscheinende Zeit. Dann erst fragte sie sehr aufmerksam, jedes Wort betonend:
„Haben wir die nicht schon verloren?"

***

Hände waren schmierig-klebrig, und als er auf sie hinabsah, wirkten sie gegen die Dunkelheit schwarz. Irgendetwas klebte an ihnen, und es dauerte eine kleine Weile, ehe er begriff, daß es sich um verrottetes Laub und Dreck handelte.
Sein Kopf ... die Welt drehte sich, und er hatte das Gefühl, etwas würde in sein Auge laufen.
War das möglich? Aber was sollte ihm in sein Auge laufen?
Er stützte sich an der rauhen Rinde eines dicken Baumstammes ab, hangelte sich mehr oder weniger daran hinauf. Die Welt drehte sich schneller, und zu den stechenden Schmerzen in seinem Kopf gesellte sich eigenartiges Summen in seinen Ohren.
Er sackte gegen den rauhen Stamm, dann hörte er, seltsam losgelöst von sich und seiner Umwelt, das ferne Brüllen und Heulen. Und nahe das leise Wimmern, dessen Ursprung er in seinen eigenen Schmerzen vermutete, bis ihm klar wurde, daß da noch etwas bei ihm war.
Mühsam, sich immer noch gegen den Baumstamm stemmend, um das Gleichgewicht halten zu können, drehte er sich um. Mit einem letzten Rest Humor fragte er sich, wie er wohl auf andere wirken mußte. Wahrscheinlich wie jemand, der um einiges zuviel getrunken hatte, ging ihm auf.
Ein gewaltiger Schatten erhob sich vor ihm in der Nacht. Mit verschleierten Augen blickte er daran hinauf und ... lächelte als sich seine Lider resignierend senkten und er den Baumstamm wieder hinabrutschte.
Das war er, der da vor ihm stand. Nur ein anderer ER als er war. Und dieser andere hatte ein blutverschmiertes Messer in der Hand ... und den Arm gehoben, bereit zuzustechen.
Das Lächeln wurde zu einem zynischen Grinsen. Er starb, doch er würde weiterleben. Sollte es so nicht sein?
Er konnte spüren, wie der andere näherkam ...


***

John öffnete die Augen und atmete einige Male schnell und hektisch ein, während seine Augen versuchten, sich an die Finsternis zu gewöhnen.
Oh Gott, was ... ? Er war sich nicht sicher, ob er überhaupt jemals wirklich erfahren wollte, WAS sich in dieser Nacht abgespielt hatte im Central Park.
Er hatte sich selbst gesehen. Er hatte sich mit der Mordwaffe in der Hand gesehen!
Hatte er sich so in das Opfer eingefühlt, daß er durch dessen Augen den Mord, den er begangen hatte, mitverfolgen konnte?
John stöhnte leise auf.
Er hatte sich, ehe ein Polizist die Nachtschicht übernommen hatte, in weiser Voraussicht ein Kopfschmerzmittel geben lassen und fühlte sich jetzt leicht betäubt. Aber ...
John ging auf, als es ihm endlich gelang, den Traum abzuschütteln, der aber innerlich weiter an ihm nagte und kratzte und sicher noch mehr Wunden reißen würde, daß er keine Kopfschmerzen hatte.
Mit einem Ruck saß er aufrecht, spürte die leichte Desorientierung in der absoluten Finsternis, ebenso ein leichtes Schwindelgefühl, daß ihm nicht ganz echt zu sein schien. Doch ... da waren keine Kopfschmerzen!
Warum hatte er plötzlich keine Kopfschmerzen mehr?

***

Elizabeth lehnte sich zurück und sah auf den Bildschirm.
Eigentlich sollten sie wohl allmählich sehen, daß sie beide wieder ins Labor kamen, um die anderen zu unterstützen. So wirklich helfen würden sie jetzt, nachdem sie den Tatort nochmals untersucht hatten, wohl nicht. Aber zumindest drückte das schlechte Gewissen nicht mehr ganz so arg auf ihr Gemüt.
Elizabeth zögerte, dann griff sie nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus.
Eigentlich hatten sie nur kurz duschen und sich umziehen wollen, nachdem sie die Beweise, die sie noch gefunden hatten, ins Labor gebracht hatten. Doch der Major ... Wo war der eigentlich?
Elizabeth zögerte nicht mehr, sondern erhob sich mit Schwung vom Sofa und streckte sich.
„Major Lorne?" rief sie und marschierte in die Richtung, in der Sheppards Zimmer in dieser Flucht lag.
Irgendwie schien Lorne davon auszugehen, daß dieser Raum für sämtliche Militärangehörige als Schlafplatz dienen konnte, denn die Deckenlampe war bereits gelöscht und in dem wenigen Licht, das von draußen hereinstrahlte, konnte Elizabeth einen Körper sehen, der auf dem Bett lag.
„Major?" fragte sie. „Wir sollten allmählich wieder zurück zu den anderen." Sie hob die Hand, um das Licht einzuschalten.
„Lassen Sie bitte das Licht aus, Dr. Weir", meldete sich in diesem Moment eine verkrampft beherrscht klingende Stimme. Die von ... Lorne?
Elizabeth zögerte, ließ die Hand wieder sinken, trat aber statt dessen in den Raum hinein. „Stimmt etwas nicht?" fragte sie, sich an diesen Unterton erinnernd.
„Bitte ... wenn Sie wieder ins Labor wollen, dann ... dann fahren Sie ohne mich, Dr. Weir." Ein Leises, halb unterdrücktes Stöhnen.
„Major?" Elizabeth zögerte und versuchte, die Finsternis um sie her mit den Augen zu durchdringen. Die Vorhänge vor den Fenstern waren komplett geschlossen und ließen nicht den leisesten Lichtschimmer durch.
„Bitte", sagte Lorne gequält.
Elizabeth begriff endlich. „Jetzt sagen Sie nicht, Sie haben Kopfschmerzen!"
Lorne schwieg.
Die Leiterin der Atlantis-Expedition stöhnte auf.
War das eine Seuche? Erst Sheppard und jetzt Lorne? Warum das? Und warum jetzt und hier? Das ...
„Bitte, Dr. Weir, ich möchte nicht unhöflich sein, aber ..."
„Schon gut." Mit diesen zwei Worten zog Elizabeth sich zurück und schloß die Tür hinter sich ganz, als sie wieder im Flur stand. Dann ging sie zum Telefon im Wohnraum.
Sie war sich ziemlich sicher, daß Carson sich geirrt hatte. Einer, der ständig Kopfschmerzen zu haben schien, das ließ sie sich noch gefallen. Aber jetzt den zweiten auch noch? Nein, das war jetzt kein Zufall mehr.
Elizabeth hob den Hörer von der Gabel und wählte die Nummer, die Dorn ihr auf einem Zettel notiert hatte. Dann wartete sie ... und wartete ... und beschloß schließlich doch, es zu riskieren und zum Labor zu fahren und Lorne damit allein zu lassen. Es würde ihm wohl hoffentich nichts passieren in den wenigen Minuten, bis sie wieder zurück war.
Elizabeth legte den Hörer zurück auf die Gabel und schnappte sich ihre Jacke.

TBC ...