08.08.2009

Der Jungbrunnen III

Caine hockte vor dem letzten ausgehobenen Grab und starrte in die flache Grube hinunter.
Solange hatte er sein Leben jetzt schon in den Dienst der Gerechtigkeit gestellt, so lange kämpfte er einen einsamen und erbitterten Kampf gegen jeden Kriminellen, der in seiner Umgebung auftauchte. Doch die Niederlage, die ihm ein schmieriger kleiner Frauenprügler wie Mike Sheridan beigebracht hatte, schien all das geleistete in Frage zu stellen. Welchen Sinn hatte es denn, wenn er all seine Kraft und Zeit investierte, nur damit die Gesetzesbrecher am Ende frei kamen? Irgendwo in der Beweiskette mußte es eine Lücke geben ...
„Ich weiß nicht, Horacio", sagte sein Begleiter zögernd zu ihm. „Das hier ist Calleighs Fall. Wir sollten unsere Finger davon lassen."
„Eben nicht." Horacio richtete sich wieder auf und nahm mit einer bedeutungsschweren Geste seine Sonnenbrille ab. „Wir helfen Calleigh, die vielleicht aufgrund ihres Geschlechtes ein falsches Bild vom Täter hat. Und wir verteidigen unser Revier. Du weißt, wie schnell die Typen vom FBI sind, wenn es um spektakuläre Fälle mit Serienmördern geht, Eric."
Eric Delko seufzte schwer, kreuzte dann die Arme vor der Brust und zuckte mit den Schultern. „Dann tu, was du nicht lassen kannst."
Seit er mit Erics Schwester verheiratet gewesen war, fühlte Horacio sich gerade mit dem Jüngeren verbundener als mit den anderen Tatortermittlern. Immerhin teilten sie beide einen bestimmten Schmerz miteinander, und in ihren Herzen lebte sie weiter ... für immer.
Horacio trat soweit zurück, wie es dank der Verwehungen möglich war und betrachtete das gesamte Areal noch einmal sorgsam.
Nichts!
Es war einfach, als würde der Killer seine Opfer hier nur abladen, um sich ihrer zu entledigen. Und die Tatsache, daß sie, einmal abgesehen von verschiedenen Beruhigungsmitteln und Drogen, absolut nichts an den Leichen der Frauen gefunden hatten, machte es nicht leichter. Der Mörder ging mit soviel Bedacht vor, daß Horacio sich seiner größten Herausforderung gegenüber sah. Zumindest dürfte dieser Täter um einige Klassen zu groß für Calleigh Duquesne sein, wie er befunden hatte.
Horacio zog den Umschlag mit den Tatortfotos aus seinem Sakko, nachdem seine Sonnenbrille endlich wieder auf seiner Nase saß, und betrachtete diese noch einmal eingehend.
Es gab kein Muster. Wer auch immer diese zwölf Frauen getötet hatte, hatte sie weder sexuell noch körperlich gefoltert, sondern es ihnen, ganz im Gegenteil, so bequem wie möglich zu tun versucht. Abgesehen von gewissen Ligaturen durch Fesselungen und kleinen Einstichstellen war nichts zu finden gewesen.
Was wollte dieser Killer? Normalerweise ging es doch immer darum, Frauen zu beherrschen, sich sexuell an ihnen zu vergehen, sie zu verstümmeln und zu entmenschlichen. Aber hier ... ?
Eine helle Kinderstimme schrie, gefolgt von der deutlich dunkleren eines Mannes.
Einen Moment lang wollte Horacio schon weitermachen mit seinen Betrachtungen, dann aber ging ihm auf, daß ihm zumindest die Männerstimme vage bekannt erschien.
„Welcher Vater schleppt denn sein Kind mit zum Jogging?" fragte Eric verblüfft, der von seinem Standort aus eine bessere Sicht auf den Strand hatte.
Das Kind schrie wieder. Ob vor Vergnügen oder aus Angst war nicht wirklich differenzierbar.
Horacio trat neben Eric, der noch immer das Treiben am Strand beobachtete, und sah nun ebenfalls hinunter.
Und tatsächlich, da liefen ein dunkelhaariger Mann und ein kleines Kind, letzteres in einem grünen Joggingdress, nahe der Wasserlinie entlang. Soweit er das von hieraus sehen konnte, war der Mann hochgewachsen, auf jeden Fall um einiges größer als das Kind, das sich erstaunlich gut hielt.
„Verrückte Leute gibt's!" Eric schüttelte verständnislos den Kopf.
In diesem Moment spurtete das Kind plötzlich los und rannte dem Mann im wahrsten Sinne des Wortes schlichtweg davon. Der begann wieder zu rufen, beschleunigte seine Schritte.
War das nicht ... ?
Horacio nahm sich die Brille wieder ab und beobachtete den Mann, der jetzt den Strand hinauflief, dem Kind nach.
Er mochte sich irren, aber er war sich ziemlich sicher, daß er hier gerade Mike Sheridan beobachtete. Jedenfalls sah der Mann ihm erstaunlich ähnlich. Nur was wollte jemand wie Sheridan mit einem Kind? Wurde er auf seine alten Tage etwa noch zum Pädophilen?
Horacio setzte seine Sonnenbrille wieder auf und lächelte verächtlich auf den vermeintlichen Frauenprügler hinunter. Das Kind war währenddessen hinter der künstlichen Düne, die die Ferienhäuser verbarg, verschwunden. Der Mann tat es ihm endlich nach.
Vielleicht hatte er jetzt doch endlich das gegen Sheridan in der Hand, was er brauchte, um diesen feigen Mistkerl wieder hinter Gitter zu bringen.
„Eric, ich glaube, da wartet Arbeit auf uns. Komm mit."

***

Vashtu wollte gerade zur Straße hinauf, um auf den Bus zu warten, mit dem sie in die Innenstadt fahren wollte, um dort John und Jordan zu treffen, als es hinter ihr hupte. Sie zuckte unvermittelt zusammen und drehte sich um, um zur Seite springen zu können, wenn der Fahrer zu aufdringlich wurde. Dann aber riß sie überrascht die Augen auf.
Eine dunkelblaue, sehr teure Limosine mit getönten Scheiben fuhr im absoluten Schrittempo hinter ihr, holte jetzt auf und hielt, als sie auf Höhe des hinteren Fonts war. Die Tür öffnete sich ebenso leise wie der Motor lief.
„Dr. Uruhk, steigen Sie doch ein. Ich kann Sie schnell dorthin bringen lassen, wohin Sie möchten." Dave Sheppard beugte sich vor und winkte ihr mit einer Hand.
Vashtu betrachtete den Wagen, dann beugte sie sich vor und sah in das Innere hinein. Alles war mit hellem Leder bezogen. Der Wagen schien sogar noch neu zu sein, jedenfalls roch er so.
„Mr. Sheppard, dafür, daß Sie der Ausrichter dieser Veranstaltung sind, machen Sie sich ziemlich rar, denken Sie nicht?" fragte sie.
Der Unternehmer nickte mit einem leichten, ironischen Lächeln und sah damit das erste Mal John zumindest ansatzweise ähnlich. „Touché, Dr. Uruhk."
Vashtu sah auf zur Bushaltestelle und zögerte.
Wenn sie ehrlich war, sie hatte noch nie gern die öffentlichen Verkehrsmittel auf der Erde benutzt, es sei denn ganz zu Anfang, als sie noch mit ihrem Skateboard zum Cheyenne-Mountain gefahren war. Wie lange war das jetzt schon her? Fast ein ganzes Leben, wie es ihr erschien. Soviel war geschehen, seit Johns Anwesenheit auf Atlantis sie aus der Stasis geweckt hatte wie diese Prinzessin Dornröschen aus einem Märchen, das sie Jordan schon einige Male vorgelesen hatte. Das Kleine schien gerade diese Geschichte sehr zu mögen, vielleicht wegen der unübersehbaren Parallelen zur Realität ... ?
„Ich würde gern mit Ihnen sprechen, Dr. Uruhk", wandte Sheppard sich wieder an sie und riß sie aus ihren Gedanken.
Was sollte es? Immerhin war das hier Johns Bruder. Außerdem, wenn es sich um das Gespräch handeln sollte, vor dem John sie schon gewarnt hatte, brachte es nichts, schob sie es noch länger auf. Besser die Fronten jetzt klären als sie noch mehr verhärten lassen.
Vashtu stieg in den Wagen und war froh, daß sie heute einen Hosenanzug trug. Auch wenn sie nicht gerade groß war mußte sie hier den Kopf deutlich einziehen und sich bücken, um in den Wagen zu gelangen.
Das Innere der Limosine war durch einige kleine Autolampen erhellt und, wie sie ja schon gesehen hatte, mit hellem Leder bezogen. Außerdem verfügte der Wagen über eine Klimaanlage, die beinahe zu hoch eingestellt war, zumindest nach der feuchten Schwüle draußen.
Dave Sheppard saß ihr gegenüber auf dem Rücksitz, musterte sie jetzt noch einmal von Kopf bis Fuß, ehe er sich zurücklehnte. Der Wagen fuhr so leise an, daß Vashtu es kaum wahrnahm.
„Ich habe über Sie Erkundigungen eingezogen", begann er schließlich.
Ja, das hätte sie sich fast denken können nach dem, was John da angedeutet hatte.
Dave schlug die Beine übereinander und legte seine Hände auf den oberen Oberschenkel. „Interessant. Ihre Akte liest sich wie ein Flickenteppich, der mehr oder weniger hastig zusammengestückelt wurde. Mehr als die Hälfte selbst Ihrer privaten Angaben werden unter Verschluß gehalten, wußten Sie das?"
„Es ist erforderlich", antwortete Vashtu endlich.
Dave neigte leicht den Kopf. „Dennoch aber halten Sie es ebenso für erforderlich, Ihr Kind wegzugeben, Dr. Uruhk? Trotz der Tatsache, die sogar in Ihrer psychologischen Bewertung steht, daß Sie dieses Kind abgöttisch lieben? Welche liebende Mutter gibt freiwillig ihr Kind auf?"
„Ich gebe Jordan nicht auf, ich ermögliche dem Kind eine Zukunft dort, wo diese Zukunft stattfinden wird." Vashtu hörte selbst, wie ihre Stimme immer kühler wurde angesichts der Vorwürfe, die Dave Sheppard da gegen sie erheben wollte.
Und so sah sie es auch. Atlantis und auch Vineta mochten eines Tages wieder verlassen werden von den Menschen, die jeweiligen Sternensysteme sich selbst überlassen. Sie war damals zur Atlantis-Crew gekommen, sie hatte sich der Erde angeschlossen. So schwer es ihr auch fallen mochte, aber sie würde gehen und Vineta verlassen, wenn sie das geregelt hatte, was sie regeln mußte. Welche Chance hätte Jordan in einem solchen Fall? Sollte das Kind den gleichen Eingliederungsprozeß mitmachen, den sie durchlebt hatte? Vielleicht würde für Jordan das ganze sogar noch schwerer dadurch, daß es in Vineta Freunde und Gleichaltrige hatte, mit denen es aufwuchs. Je eher sich ihr Kind also an die Erde gewöhnte, desto leichter würde ein eventueller Abschied aus dem Medusenhaupt fallen, sollte Vineta irgendwann wirklich aufgegeben werden müssen.
„Sie machen nicht viele Umstände", setzte sie noch hinzu und lehnte sich zurück. „John sagte mir, daß es Ihnen bitter aufstößt, daß er und ich ein Kind miteinander haben."
Dave schüttelte leicht den Kopf. „Mich stört es nicht, daß Sie ein Kind haben, Dr. Uruhk. Im Gegenteil sehe ich dieses Kind für mich als Chance an. Mich stört die Tatsache, daß Sie John der Vaterschaft bezichtigen, obwohl sie beide sich nachweislich eineinhalb Jahre nicht gesehen haben zu besagtem Zeitpunkt."
Er hatte also nicht nur in ihre Akte Einblick genommen, sondern auch in die von John und auch von Jordan.
„Ich denke, der Vaterschaftstest hat das eindeutig geklärt", entgegnete sie kühl. „Selbst ich kann einen genetischen Fingerabdruck nicht verändern, Mr. Sheppard. Es gab einen Kontakt während dieser eineinhalb Jahre. Und dieser eine Kontakt reichte."
„Natürlich ..." Daves Stimme klang gönnerhaft. Er musterte sie wieder, zuckte dann mit den Schultern. „Lassen wir das ganze jetzt auf sich beruhen. Sie und auch John behaupten, dieses Kind stamme von ihnen beiden, eine Vaterschaftsuntersuchung hat zumindest bestätigt, daß mein lieber Bruder nicht an sich halten konnte. Jetzt geht es dann also um die Schadensbegrenzung."
Vashtu runzelte die Stirn. „Jordan ist für Sie ein 'Schaden'?" echote sie und fühlte, wie in ihrem Inneren etwas brach. Sie wußte auch was: Die Hoffnung, die beiden Brüder doch noch irgendwie wieder an einen Tisch setzen zu können und sich für ihre Geschwisterschaft auszusprechen. Im Moment mußte sie John mehr als nur recht geben. Dave war in ihren Augen ein Schwein.
„Oh, ich bin sicher, Sie lieben Ihr Kind. Sie vergessen, ich durfte sie drei als Vorzeigefamilie schon bewundern, wenn auch dankbarer Weise nur kurz."
Vashtu beugte sich vor. Ihr Blick wurde kalt. „John hatte mich vorgewarnt, Mr. Sheppard. Er sagte mir, daß Sie versuchen würden, alles in den Dreck zu ziehen was er und ich aufgebaut haben. Ich habe das nicht glauben wollen. Inzwischen aber ..."
„Dr. Uruhk, es ist mir vollkommen gleichgültig, ob Sie sich in den Kopf gesetzt hatten, sich auch noch von mir schwängern zu lassen oder auf sonstetwas spekulieren. Es geht jetzt darum, das Ansehen MEINER Familie zu wahren. Haben Sie das verstanden?"
„Lehnen Sie sich nicht zu weit aus dem Fenster, Mr. Sheppard." Vashtus Stimme klirrte wie Eis.
Dave nickte. „Ich bin natürlich bereit, Sie zu entschädigen. Jordan wird die besten Schulen besuchen, oder selbstverständlich auch mittels Privatlehrer unterrichtet werden, ganz wie Sie es wünschen. Ansonsten aber werden Sie auf dieses Kind verzichten für eine angemessene Aufwandsentschädigung. Sagen wir ... Fünfzehn Millionen? Oder besser zwanzig?"
„Wie bitte?" An ihrem Hals schwoll eine Ader und sie mußte sich beherrschen, nicht sofort auf ihren Gegenüber loszugehen.
Dave lächelte wieder. „Entschuldigen Sie, ich vergaß. John wird Ihnen sicherlich bereits gesagt haben, daß zu diesem Deal auch der Chefsessel bei Genelab gehört. Allerdings fällt es schon recht schwer, Ihnen den Doktor abzunehmen, wenn es nicht einmal eine publizierte Arbeit gibt. Womit haben Sie promoviert?"
„Lassen Sie sich eines gesagt sein, Mr. Sheppard", knurrte Vashtu mühsam beherrscht. Ihre Fingernägel hinterließen weiße Halbmonde in ihren Handflächen und sie zitterte vor Anspannung. „Wenn Sie sich noch einmal erdreisten, mein Kind, meine Arbeit oder auch mich zu beleidigen, werden Sie das bitter bereuen. Ich will kein Geld von Ihnen, ist das klar? Und ich werde sicher nicht nach Genelab gehen. Dort wo ich bin bin ich glücklich ... MIT meinem Kind und MIT John! Und das sind Gefilde, von denen Sie nicht einmal zu träumen wagen, Mr. Sheppard. Also lassen Sie es lieber, ehe etwas passiert, was Sie bereuen würden. Und jetzt lassen Sie mich auf der Stelle aus diesem Wagen!"
„Nicht genug?" Dave hob eine Braue. Im nächsten Moment aber wurde er leichenblaß, als er ihr ins Gesicht sah.
„Das ist die letzte Warnung, Mr. Sheppard. Kommen Sie mir nicht mehr zu nahe!" zischte die Antikerin und starrte ihren Gegenüber mit kalten, gelben Wraithaugen nieder.

***

Sie hatte es geschafft! Sie wußte nicht genau wie, aber sie hatte sich befreien können.
Julie taumelte im Patientenkittel zur Tür, rüttelte kurz an ihr, ehe ihr aufging, daß diese in den Raum hinein öffnete. Langsam zog sie sie einen Spaltweit auf und sah hinaus.
Vor ihren Augen tanzte die Welt und sie konnte nur unscharf sehen. Das Blut in ihren Adern schien sich in flüssiges Feuer verwandelt zu haben, das jeden Atemzug und jede Bewegung schmerzen ließ.
Julie wußte nicht genau, was man ihr gegeben hatte, ebensowenig wie sie wußte, wie lange sie sich schon hier befand. Sie hoffte nur noch, irgendwie heraus zu kommen aus dieser Hölle. Zurück zu Mike und ihn um Verständnis bitten, daß sie nicht wieder zurückkehren konnte in die Klinik und ihre Arbeit damit dann auch noch verlor.
Dazu mußte sie aber zunächst einmal ein Telefon finden. Mike mußte sie abholen, denn, das war Julie klar, sie selbst würde nicht weit kommen, so sehr, wie der Boden unter ihren Füßen wankte.
An der Wand entlang, sich am kühlen Putz abstützend und daran entlanghangelnd taumelte Julie weiter.
Mike würde sicher Verständnis haben, wenn er sie in ihrem jetzigen Zustand sehen würde. Er liebte sie ja ... irgendwie. Und vielleicht hatte die Klage, die sie beide eingereicht hatten, wirklich Erfolg gehabt und sie waren die Polizei und vor allem diesen Caine endlich los.
Der Gang war leer. Aber das war er immer, fiel ihr ein. Zimmer 113 lag in einem nicht genutzten Seitenflügel, wohin sich kaum jemand verirrte. Professor Hehnenburgh hatte für sich und Dr. Shriner ausbedungen, daß nur sie beide hierher kamen, sonst niemand, es sei denn auf direkte Anweisung.
War das die Falle gewesen? Weil Ruth sie angewiesen hatte, Zimmer 113 zu säubern?
Julies Gedanken glitten wieder ab.
Der Atem wurde ihr plötzlich knapp und sie blieb, sich an die Sicherheit versprechende Wand pressend, stehen und japste.
Mike mußte sie abholen. Aber Mike haßte die Everglades. Würde er kommen, wenn sie ihn bat? Sie hoffte es.
Julie tappte endlich weiter, halbblind, weil ihr Blickfeld immer mehr verschwamm.
Was hatte man mit ihr getan?
Wenn sie nur erst hier heraus wäre und in Mikes Armen. Er würde sie trösten können, er würde ihr sicher helfen. Er liebte sie doch ...
Julie taumelte um die Ecke in den belebteren Teil der Klinik hinein. Zumindest sollte dieser Teil belebter sein, aber er war es nicht. Noch immer war sie allein auf dem Gang.
Wo war noch einmal das Schwesternzimmer, damit sie endlich ein Telefon erreichte? Lange würde sie nicht mehr durchhalten ...
„Halt! Stehenbleiben!"
Der Gang war ein Fluß, und dieser Fluß riß Julie mit. Sie taumelte weiter, stöhnte vor Schmerz und Schwäche. Und irgendwo vor ihr ... war ein Schatten.
„Ich sagte stehenbleiben!"
Wie sollte sie anhalten, wenn sie selbst nicht wußte, wie sie sich aus der Strömung des Ganges befreien konnte? Außerdem war sie doch Schwester Julie. Wieso sollte sie anhalten? Es war Dienstende und sie wollte nach Hause, sie wollte zu Mike ...
Der Schuß dröhnte in ihren Ohren, als sie schon zurückgeschleudert wurde.
Julie kam auf den Knien auf und freute sich, daß die Schmerzen so plötzlich vergangen waren. Erst dann ging ihr auf, daß ihr Körper sich eigenartig taub anfühlte.
„... helfen ..."
Sie brach nach hinten weg. Ihre Augen starrten leer zu der leise flackernden Leuchtstoffröhre hinauf, während ihr Körper die Metastasen, die er in den letzten zweiundsiebzig Stunden gebildet hatte, zurückbildete. Sie fühlte den letzten Atem nicht mehr, der ihre Lungen in sich zusammenfallen ließ, während sie wieder zu der Schwester Julie wurde, die sie bis vor drei Tagen gewesen war ...

***

Vashtu stand in der Tür und hatte Tränen in den Augen. Sie wirkte so zart und verletzlich, daß es John schier das Herz brechen wollte.
So kannte er sie am wenigsten. Vashtu spielte immer die Starke, war diejenige, die nicht aufgeben konnte, die weiterkämpfte. Aber der Schlag, den sie im Moment zu verkraften hatte, war deutlich mehr, als sie ertragen konnte. Kein Wunder, ging es doch um ihr Lebenswerk.
John wußte, daß die Antikerin es nie zugeben würde, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, vielleicht nicht einmal ihm, Anne oder George gegenüber, den drei Menschen, denen sie am meisten vertraute. Aber die Arbeit, die man ihr endlich ermöglicht hatte in Vineta und ihr dann auch schließlich den so lange verweigerten Doktorgrad einbrachte, den sie sicherlich zu ihrer Zeit inne gehabt hatte, das bedeutete Vashtu viel, fast soviel wie Jordan. Es war mehr als nur das Erbe ihrer Familie, sie blühte auf, wenn sie in ihrem Fach arbeiten konnte.
John, der bis jetzt am Küchentresen gelehnt hatte, stieß sich ab und trat auf die Antikerin zu, um sie fest und sicher zu umarmen und ihr so vielleicht die Stärke wiederzugeben, die sie im Moment verloren hatte.
Warum hatte sie denn auch mit Dave sprechen müssen? Er hatte ihr doch gesagt, was sie erwartete, ließ sie sich mit seinem Bruder ein.
Vashtu lehnte sich schluchzend an ihn, vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.
John wiegte sie langsam und gab beruhigende Laute von sich. Er war im Moment mehr als froh, daß Jordan oben im Kinderzimmer war und spielte. Wenn es seine Mutter so aufgelöst sehen würde, davon war er überzeugt, würde das Kleine auch noch beginnen zu weinen. Und zwei waren im Moment ein am Boden Zerstörter zuviel für ihn.
„Ich habe Angst", wisperte Vashtu endlich und blickte mit tränennassen Augen auf.
John streichelte sacht über ihren Rücken. „Wovor?" fragte er leise.
„Davor, daß Dave uns Jordan wegnimmt." Vashtus Lippen zitterten wieder.
John schluckte, schüttelte dann den Kopf. „Das wird er nicht wagen. Dazu muß er erst an mir vorbei. Und das traut er sich nicht."
„Er hat mich doch schon als Rabenmutter abgestempelt. Er zweifelt ja sogar meinen Titel an." Vashtu drückte sich wieder gegen ihn, ihre Schultern bebten, während ihre Fingernägel sich schmerzhaft in seinen Rücken gruben.
„Niemand, der dich kennt, würde dich jemals als Rabenmutter bezeichnen. Vashtu!" John verbiß sich den Schmerz und drückte sie enger an sich. „Laß Dave reden, wenn er will. Er wird nicht weit kommen. Wir haben die besseren Karten, wir sind die Eltern. Jordan wird nichts geschehen, glaube mir."
„Und wenn er mich vor der Welt diskreditiert? Er hat das doch schon angedroht, weil diese verdammte Doktorarbeit nicht veröffentlicht wird."
John dirigierte Vashtu vorsichtig zum Sofa hinüber und drängte sie dann mit sanfter Gewalt, sich zu setzen. Er mußte ihr einfach in die Augen sehen bei diesem Gespräch, es ging nicht anders.
„Pete und ich haben so lange und so hart an dieser verdammten Impfung gearbeitet. Wir wollten Leben retten damit. Und jetzt ..."
„Vashtu, du arbeitest im weiteren Sinne für die Regierung. Das SGC ist direkt dem Präsidenten unterstellt, das weißt du doch. Wenn Dave dich also anschwärzen will, muß er sich erst mit besagtem Präsidenten anlegen, und der steht für genau die Lobby, mit der mein Bruder seine Geschäfte macht. Er wird sich nur selbst das Wasser abgraben, und das wagt er nicht, dazu ist ihm die Firma zu wichtig."
Vashtu schüttelte stumm den Kopf, während weitere, dicke Tränen über ihre Wangen kullerten.
Dave war dabei, ihrer beider Traum von einem zumindest angedeuteten Familienleben zu zerstören, ging John auf. Nicht nur, daß sein Bruder Vashtu in Mißkredit bringen wollte vor der versammelten Fachwelt, nein, er ging sogar noch weiter. Und was auch immer er da vorgebracht hatte, es hatte die Antikerin dermaßen verschreckt, daß sie ihre Welt schon in Scherben sah. Der Schmerz, den sie empfand, war kurz davor, auf ihn überzuspringen durch das emotionale Band. Noch konnte John das ganze blocken, aber wie lange würde ihm das gelingen?
„Keiner wird deine Arbeit schlecht machen, dir deinen Titel wegnehmen oder sogar Jordan. Ich werde das zu verhindern wissen, glaube mir. Wenn Dave mit harten Bandagen kämpfen will, er kennt mich nicht", sagte er mit fester Stimme.
Kannte Dave ihn wirklich nicht? Hatte er nicht vielleicht doch damals ein bißchen mehr von sich preis gegeben als er gewollt hatte, als er nach der Trauerfeier zu ihm gekommen war, um sich mit ihm auszusprechen?
„Ich werde nicht zulassen, daß mein Bruder meine Familie zerstört", fügte er noch hinzu.
Es war gleichgültig. Für ihn zählte, was er hatte, was ihm etwas bedeutete. Und das „Geschäft", wie sein Vater dieses ganze Imperium genannt hatte, über das Familie Sheppard gebot, interessierte ihn nicht einmal am Rande. Er hatte endlich das, was er sich sein ganzes Leben lang gewünscht hatte. Es mochte nicht immer einfach sein, da sie weit voneinander getrennt lebten und er sein Kind nicht so oft sah, wie es ihm lieb gewesen wäre, aber er hatte das, was er immer vermißt hatte: In Vashtu mehr als eine Seelenverwandte, die Frau, die er lieben konnte wie niemanden sonst und mit Jordan das Kind, auf das er nicht mehr gehofft hatte nach all den Turbulenzen in seinem Leben. Er würde jetzt nicht danebenstehen und zusehen, wie sein Bruder wie ein wütender Derwisch kam und ihm genau das wieder nahm, was er und Vashtu in den letzten Jahren so mühevoll aufgebaut hatten.
Vashtu schüttelte unvermittelt den Kopf. „Ich gehe morgen nicht mehr dahin", flüsterte sie heiser.
John seufzte, strich ihr mit einem Finger liebevoll eine Träne von der Wange. „Schlaf erst einmal drüber und beruhige dich", schlug er sanft vor. „Morgen kann das ganze schon vollkommen anders aussehen. Außerdem ... es ist doch nur noch morgen."
„Ich habe dich und Jordan schon viel zu sehr vernachlässigt." Vashtu blickte auf. Ihre dunkelbraunen Augen schwammen in Tränen.
„Du hast uns ganz und gar nicht vernachlässigt." John beugte sich vor und küßte sie sanft auf die Stirn. „Im Gegenteil, du hast mehr Zeit mit uns verbracht als ich zunächst angenommen habe nach der Eröffnung, daß du zur Konferenz möchtest."
Sie sah ihn schweigend an, während er ihr auch noch die anderen Tränen, die feuchte Spuren in ihre Wangen gruben, sacht fortwischte.
„Ich möchte euch nicht verlieren", wisperte sie schließlich. „Ich habe immer darum gekämpft, bei dir und Jordan sein zu können."
John nahm ihr Gesicht in beide Hände und sah sie zärtlich an. „Und du hast bis jetzt alles überlebt, selbst als es wirklich schlimm aussah", flüsterte er. „Und genau darum laß dich jetzt nicht von meinem Bruder ins Bockshorn jagen. Wenn Dave sich die Zähnen an der Regierung ausbeißen will, meinen Segen hat er. Aber er wird weder dir noch Jordan jemals wieder wehtun, das schwöre ich dir." Er beugte sich noch weiter vor und küßte liebevoll ihre warmen Lippen.
„Mummy, Daddy! Guckt doch mal!" schallte in diesem Moment Jordans helle Kinderstimme durch das Ferienhaus.
John zog sich langsam wieder zurück, ein Grinsen auf den Lippen. „Am Timing müssen wir noch arbeiten", sagte er, ehe er sie wieder losließ.
Vashtu wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht und nickte. Noch immer brannten Tränen in ihren Augen, doch auch sie lächelte.
„Mummy? Daddy?" Jordan zog beide Worte fast bis zur Unkenntlichkeit in die Länge.
Vashtu wurde unruhig. „Ich möchte nicht, daß Jordan mich so sieht", sagte sie leise. „Ich gehe laufen."
John zögerte, warf einen Blick zum Fenster hinaus. Die Nacht klopfte an das Glas. „Bist du sicher?"
„Hey, ich lebe in einer auseinanderfallenden Galaxie mit künstlich erzeugten Hybridwesen, die meist doppelt so groß sind wie ich. Ich komm schon klar." Vashtu erhob sich, zupfte an ihrer Jogginghose herum, die sie schon den ganzen Abend trug. „In einer Stunde bin ich wieder da. Dann hab ich, denke ich, auch nachgedacht."
„Laß dir Zeit." Jetzt stand auch John auf.
Vashtu ging zur Terrassentür hinüber und schob sie langsam auf. „Warte nicht auf mich, okay?"
„Mummy! Daddy!" Dieses Mal war der Ruf eher ein Singsang.
John sah, wie Vashtu in der Dunkelheit verschwand, dann drehte er sich endlich um und ging zur Treppe.

***

Warum mußte diese verdammte Klinik mitten in der Everglades liegen?
Mike knabberte nervös an seinen Fingernägeln, streckte dann die Hand aus und nahm das Glas, um den Inhalt auf Ex runterzukippen.
Er haßte die Everglades! Er mochte diese gewaltige Natur nicht, die Alligatoren, die Mücken und Stechfliegen, die Aale, die Vögel, das ganze Viehzeugs. Er mochte den fauligen Geruch von brackigem Wasser nicht, nicht die feuchte Schwüle, die dort draußen herrschte. Er mochte auch die Sumpfgaswolken nicht, die unregelmäßig Irrlichter über dem Gebiet tanzen ließen.
Die Everglades, das war Mikes persönliche Hölle. Der Ort, den er am liebsten am anderen Ende der Welt gewußt hätte.
Beim letzten Mal, als er in dieses verdammte Sumpfgebiet hineingeraten war, hatte ihm das die Bekanntschaft mit Caine und eine mehrjährige Haftstrafe eingebracht, nicht zu vergessen eine langwierige Entzündung durch irgendwelche Amöben, die da draußen im Sumpfwasser schwammen und sich auf jeden stürzten, der es wagte, ihnen zu nahe zu kommen.
Als Julie den Job annahm in dieser merkwürdigen Klinik hatte er von seinem geringen Veto-Recht Gebrauch gemacht und sie darüber aufgeklärt, daß, sollte jemals ihr Wagen da draußen verrecken, er sich sicher nicht bereitfinden würde sie abzuholen. Aber das größere Gewicht der nicht gerade schlechten Bezahlung hatte schließlich den Ausschlag gegeben, daß Julie doch den Job als Schwester bei diesen beiden Ärzten annahm.
Julie war auf der Arbeit verschwunden. Er hatte mit Ruth Bloch, der Oberschwester, die ihr die Anweisung gegeben hatte, dieses Zimmer 113 zu säubern, telefoniert. Die hatte sich schon Sorgen gemacht und sich ihrerseits melden wollen, wußte aber offensichtlich auch nichts. Niemand wußte irgendetwas und die Polizei legte die Hände in den Schoß und grinste sich einen.
Mike goß sich noch ein Glas ein.
Die Everglades, dieser gewaltige Sumpf, diese unwirtliche Wildnis, in der er sich immer so klein und unbedeutend wie eine Ameise fühlte. Darum mochte er das Marschland nicht, weil die Sümpfe ihn darauf aufmerksam machten, daß er vergänglich war und nichts zurückbleiben würde von ihm, wenn er in einem der Sumpflöcher verschwand oder gar einem Alligator zum Opfer fiel.
Mike schluckte den billigen Fusel hinunter, ohne ihn zu schmecken, knallte dann das leere Glas hart auf den Tisch.
Julie war noch immer nicht wieder aufgetaucht. Sie hatte sich nicht gemeldet, ihr Auto war angeblich nicht mehr an der Klinik, selbst ihre Sachen waren noch hier. Soviel also zum Thema „sie hat Sie verlassen, Mike!". Nein, nicht Julie. Die kam immer zurück, immer!
Nur dieses Mal nicht, wisperte ihm eine kleine boshafte Stimme zu. Dieses Mal ist sie wirklich weg.
Ja, das war sie wohl ...
Mike wurde die Kehle eng, japsend holte er Atem, griff nach der Flasche.
Zum Teufel mit den Everglades! Zum Teufel mit dieser verdammten Klinik! Zum Teufel mit diesen beiden Medizin-Gurus, die den Indianern einen Teil ihres Landes abgeschwatzt hatten.
Oh ja, die Patienten hatten es einfach. Kaum zwanzig Minuten lag die Klinik vom Casino entfernt. Ein Umstand, der Mike früher einmal amüsiert hatte. Es gab zwar keinen direkten Zugang, weil zwischen den beiden Anlagen Brackland lag, aber ...
Vielleicht war Julie ja in diesem verdammten Casino versumpft.
Nein, rief Mike sich zur Ordnung. Das war eine seiner ersten Anlaufstellen gewesen. Dort war sie nicht.
Er starrte die halbleere Flasche an, nagte wieder an seinen Fingern.
Und dann, von einem Moment auf den anderen, ging ein Ruck durch seinen Körper und er richtete sich auf.
Wenn ihm keiner helfen wollte, dann würde er eben selbst suchen. Auch wenn diese verdammte Klinik in den verfluchten Everglades lag, er würde rausfahren und nach Julie suchen. Genau das, was er die letzten drei Tage nicht getan hatte.
Mike kam, trotz aller innerer Ernüchterung, taumelnd auf die Beine und griff sich seine Wagenschlüssel.
Er würde Julie finden, und sie würde ihn als ihren Helden feiern, davon war er überzeugt.

***

Vashtu joggte den Strand entlang, der nur unzureichend erhellt wurde durch die Sterne und die fernen Lichter der Innenstadt von Miami. Ihre Augen hatten sich mittlerweile recht gut an die ungewohnte Dunkelheit gewöhnt, dennoch verfluchte sie sich selbst dafür, daß sie keine Lampe mitgenommen hatte.
Mittlerweile war es für sie einfach nur ungewohnt, wenn es abends nicht hell genug war, um selbst Zeitung lesen zu können.
Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Wieso hatte sie getan, was sie getan hatte? Es hatte ihr doch klar sein müssen, daß Dave ihr daraus einen Strick drehen konnte. Sie hätte es John sagen müssen, aber ... Wenn sie ehrlich war, schämte sie sich dafür, daß sie sich nicht richtig unter Kontrolle gehabt hatte in der Limosine.
Es war einfach ihre schlimmste Angst, mußte sie zugeben. Alles konnte man ihr nehmen, wenn es sein mußte sogar ihre Arbeit. Aber niemand durfte ihr John oder Jordan wegnehmen, niemand! Was man im Medusenhaupt nicht geschafft hatte, keiner ihrer Feinde, weder ihrer persönlichen, noch die Vinetas, das würde sie auch auf der Erde nicht zulassen.
Und doch hatte Dave mehr oder minder direkt gedroht, ihr Jordan wegzunehmen. Er hatte sie bezichtigt, eine billige Hure zu sein, die sich aus purem Kalkül hatte schwängern lassen.
Ihre Augen brannten wieder. Sie mußte blinzeln und redete sich ein, daß es nur die salzige Luft so nahe am Wasser war, auch wenn sie es besser wußte.
Wenn sie sich nur an ihre Schwangerschaft zurückerinnerte, daran, wie sie erfahren hatte, daß sie Johns Kind unter dem Herzen trug. Wenn sie daran dachte, zu was Jordan sie damals gezwungen hatte ... Es wurde ihr immer noch übel.
Anne hatte seit der Geburt mehrmals in Gesprächen betont, daß sie Jordan hätte abtreiben lassen für das, was es damals angerichtet hatte. Doch Vashtu wußte es besser. Sie kannte ihre beste Freundin so gut wie kaum jemand anderen, einmal abgesehen vielleicht von John. Anne hätte sich ebenso wie sie an dieses ungeborene Leben geklammert, wenn sie in der gleichen Situation gewesen wäre.
„Wäre es anders und du ein Mann ..."
Vashtu war es, als stünde sie plötzlich wieder in diesem Park, den Annes Bewußtsein geschaffen hatte, und würde erneut die Hand der anderen halten.
Jordan hatte zwei Mütter, ging ihr auf. Anne war mindestens ebenso an der Erziehung des Kindes beteiligt wie sie als die leibliche Mutter. Und Jordan akzeptierte diese Situation auf eine ganz eigene kindliche Art.
Vashtu wußte, wie sehr das Kind geweint hatte, als diese Sache mit Anne geschah, man hatte ihr berichtet, das Jordan sich damals beinahe die Seele aus dem Leib gebrüllt hatte, als man sie, Vashtu, mit den Irion-Spinnen folterte und das Kleine durch purem Zufall im Kontrollraum gewesen war, als eine neue Forderung einging.
Was hatte sie für ihr Kind riskiert? Seit es Jordan gab, und das wurde Vashtu jetzt erst richtig klar, tat sie, was sie tat, für das Kleine. Anne hatte gemeint, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr, sie würde nach der Geburt ruhiger und umsichtiger werden. Das war nicht der Fall, und der Antikerin ging endlich auf, warum: Weil es da noch drei andere gab, die auf Jordan achten konnten, wenn ihr etwas zustieß.
Nein, seit das Kind geboren war, tat sie, was sie tun mußte, mit dem Herzen einer Mutter, die ihr Leben geben würde, wenn sie dadurch das ihres Kindes retten konnte. Es mochte stimmen, daß sie längst nicht mehr so waghalsig war wie früher, aber gab es eine Bedrohung, war sie zur Stelle, um zu tun, was sie als ihre Pflicht empfand. Jordan mußte leben, mußte groß werden, erwachsen, würde vielleicht irgendwann selbst Kinder haben, das war alles, was letztendlich zählte. Vashtu war klar, sie würde selbst Vineta riskieren, wenn sie dadurch ihrem Kind helfen konnte.
Wenn sie ehrlich war, im Moment wünschte sie sich wirklich Anne hierher. Nicht, weil John nicht helfen konnte, wahrscheinlich war genau das Gegenteil der Fall. Nein, sie brauchte jedes Quentchen Kraft, das sie bekommen konnte. Und Anne hatte ihr von Anfang an Kraft gegeben durch das Vertrauen, daß sie in sie investierte.
„Wäre es anders und du ein Mann ..."
Das hatte Anne zu ihr gesagt damals, in dieser Traumwelt, in der die zivile Leiterin der Stadt gefangen gewesen war. Vashtu hatte eine Ansteckung riskiert, hatte interveniert, wie und wo sie konnte, um Anne weiter in der Stadt halten zu können. Dabei aber war ihr auch klar geworden, daß es ihr ähnlich ging, wenn auch auf einer anderen Ebene. Anne war der ausgleichende Teil, der Brunnen, aus dem sie Kraft schöpfen konnte, das was sie brauchte, auch für Jordan. Wäre Anne nicht gewesen, trotz der Weigerung, sie an einem Heilmittel für die Erethianer mitarbeiten zu lassen, sie wäre nicht hier, würde nicht von der Fachwelt wahrgenommen und als neuer Stern am Genetikerhimmel gefeiert werden. Hätte Anne die Berichte und Forschungsergebnisse, die sie irgendwo in den Tiefen ihres Rechners vergraben hatte, nicht nach Atlantis und dann zur Erde geschickt, ihr wäre nie der Doktortitel zugesprochen worden, der sie jetzt so stolz machte.
Wäre Anne jetzt hier, ihr würde sicherlich irgendetwas einfallen, ging Vashtu auf. Irgendwie würde sie sie abzulenken wissen und vielleicht wirklich John das Ruder überlassen. Oder sie würde mit ihrem fraulichen Charme, um den Vashtu sie ehrlich beneidete, irgendeinen Verantwortlichen in die Pflicht nehmen als Ritter auf dem weißen Roß, der zur Ehrenrettung der Antikerin angaloppiert kommen würde. Anne würde eine Lösung finden, die ihr nicht die Tränen in die Augen trieb vor Angst.
Ein flackerndes Licht riß die Antikerin aus ihren Gedanken. Sie stoppte und blinzelte in die Nacht die Düne hinauf. War da nicht ein leises Wispern?
Vashtu zögerte, sah kurz auf ihre Uhr hinunter und stellte fest, daß die Stunde, um die sie John gebeten hatte, fast vorbei war. Sie sollte umkehren, nach Jordan sehen und versuchen, diese ganze Sache zu vergessen. Vielleicht hatte sie Dave ja genug eingeschüchtert, daß der nicht einmal in Erwägung zog, noch weiter zu gehen.
Wieder huschte ein greller Lichtfinger durch die Nacht.
Vashtu sah sich kurz am Strand um, doch abgesehen von den stetig auflaufenden Wellen war dieser Teil des Strandes leer.
Was ging da oben vor sich?
Ihre Neugier war geweckt. Tief und schwer stapfend, als würde sie durch frisch gefallenen Schnee laufen, nahm sie die Düne in Angriff und kam mühsam vorwärts. Ein kurzes Stück weiter flatterte etwas in der kühlen Brise vom Ozean her. Wäre es heller gewesen, wäre Vashtu sicherlich die gelbe Färbung des zerrissenen Plastikbandes aufgefallen, sowie der Warndruck: Crime Scene - Do not cross!
Die Stimmen wurden deutlicher, aber sie verstand immer noch kein Wort. Es ging ihr nur auf, daß es sich nur um eine Stimme handelte, die offensichtlich einen Monolog abhielt. Wozu und warum war ihr allerdings nicht klar ... oder besser solange nicht klar, wie sie brauchte, um am Gipfel der Düne anzukommen.
Ein Mann stand, einen Spaten in der Hand, über einer flachen Grube. Und in dieser Grube sah Vashtu etwas gelbliches leuchten, das definitiv kein Sand war.
„Sie?" Entgeistert trat die Antikerin näher, konnte nicht glauben, wen sie sah.
Aber es war wahr: Eine Leiche lag in der flachen Grube, und ein Mann war dabei, eben diese Grube wieder zuzuschaufeln.
Jetzt blickte der Mann auf und begann wie irr zu lächeln. „Dr. Uruhk, wie schön. Ich wollte ohnehin mit Ihnen über Ihren Genpol sprechen. Tom?"
Er war nicht allein!
Das ging Vashtu in dem Moment auf, in dem die Breitseite eines zweiten Spatens ihre Schläfe traf und sie zusammensackte wie eine Marionette, deren Fäden man durchschnitten hatte ...

TBC ...

07.08.2009

Der Jungbrunnen II

John nach dem Duschen die Wohnküche ihres Ferienhauses betrat, wurde gerade die Schiebetür in den Flur geschlossen und Vashtus undeutliche Stimme war zu hören. Am Tresen auf einem der hohen Hocker kniete Jordan und aß einen Pfannkuchen, der vor Sirup nur so tropfte. Als das Kind seinen Vater hörte, drehte es sich herum und er durfte, neben der über Nacht neu entstandenen Zahnlücke, den verschmierten und glänzenden Mund bewundern.
„Dir schmeckt's, was?" John trat um den Tresen herum in die Küchenzeile, um sich eine Tasse Kaffee zu nehmen. Seine Beine waren immer noch weich von dem Gewaltjogging, das er zusammen mit Vashtu und Jordan absolviert hatte.
„Was macht Mummy?" fragte er nach einem ersten Schluck.
Jordan leckte sich mit der Zunge über die Lippen, wischte dann mit dem Ärmel hinterher. Dieser Jogginganzug dürfte damit dann reif für die Dreckwäsche sein, notierte John sich in Gedanken.
„Mummy teli..., talo..., tule..."
„Telefoniert?" half er aus, woraufhin Jordan eifrig nickte und sich ein neues Stück Pfannkuchen in den Mund stopfte.
„Mit wem?" erkundigte er sich, als das Kind endlich schluckte.
Jordan zuckte mit den schmalen Schultern. „Neisch nüscht", muffelte es mit vollen Backen.
Wie kamen sie beide eigentlich auf den Gedanken, ihr Kind auf der Erde lassen zu können, fragte John sich, während er das Kleine weiter beim Essen beobachtete. Für Jordan war es doch normaler, sich von A nach B beamen zu lassen als so etwas einfaches wie ein Telefon zu erkennen. Es würde doch nur eine Frage der Zeit sein, bis es sich verquatschte und sie beide damit Ärger bekamen. Von Vashtus Erbe an ihr Kind redete er jetzt erst einmal gar nicht, obwohl er Jordan im kindlichen Übermut durchaus zutraute, mal eben eine Wand hochzuklettern oder seinetwegen auch ein Auto zu stemmen ohne Mühe.
Die gemeinsame Joggingrunde hatte ihm schon gereicht. Auch wenn Vashtu durch die Geburt einiges ihrer zusätzlichen Kräfte verloren hatte, war sie immer noch schneller und stärker als man ihr zutrauen sollte. Vor allem war sie diejenige, die Jordan wieder einfangen konnte, gingen mit dem Kleinen die Pferde durch wie vorhin am Strand. Während er als normaler Mensch kaum eine Chance hatte, sein eigenes Kind wieder einzuholen, raste dieses wirklich einmal los, hatte die Antikerin zwar ein bißchen Mühe, konnte aber noch mithalten.
Wohin das führen würde, würde Jordan älter werden, wagte er sich gar nicht vorzustellen, von einer möglichen Pupertät wollte er erst recht nichts wissen. Wenn er da an sein eigenes Rebellentum dachte ...
Die Schiebetür öffnete sich wieder und Vashtu, noch ungeduscht und verschwitzt, aber in seinen Augen durchaus sexy, erschien. Durch die Schwangerschaft hatte sie etwas von dem Knabenhaften verloren, was ihr früher eigen gewesen war, ihre Brüste waren ein wenig größer und ihre Hüften breiter geworden. Nicht zuviel, noch immer war sie bemerkenswert schlank, aber weiblicher als sie es früher gewesen war. Vor allem jetzt, wo sie noch zerzaust und verschwitzt war vom Lauf, etwas weißer Sand auf ihren Wangen schimmerte und sie noch die lässige Kleidung vom Jogging trug, wirkte sie auf John noch anziehender als sonst. Liebendgern wäre er sofort mit ihr im Schlafzimmer verschwunden, um jeden Millimeter ihrer salzigen Haut zu erkunden und zu liebkosen.
„Mitchell", kommentierte die Antikerin, während sie sich wieder an den Herd stellte und eine zweite Pfanne auf die Flamme schob, um für sich und ihn Rührei zu machen.
„Was wollte er?" John nahm noch einen Schluck Kaffee, zwinkerte Jordan dann zu.
Vashtu zuckte mit den Schultern. „Mir sagen, daß wir kurzfristig Besuch bekommen. Die Darius ist mit Peter eingetroffen und er will irgendwas wissen. Es ging darum, wann ich Zeit hätte."
John stutzte. „Anne schickt extra die Nemesis hierher, wenn Babbis eine Frage hat?" staunte er.
„Es geht um Carters Werft."
Ein Stück Butter landete in der Pfanne und zerlief beinahe sofort.
John nickte stumm, stellte seine Tasse ab und öffnete die Kühlschranktür, um Vashtu den Speck zu reichen.
„Onkel Peter kommt?" Jordan strahlte wieder mit der deutlichen Zahnlücke.
„Ja." Vashtu beugte sich vor, bis sich ihre Nasenspitze und die ihres Kindes beinahe berührten. „Und du läßt ihn schön in Ruhe, klar?"
John grinste. „Habe ich da gerade ein neues Hobby entdeckt?"
Vashtu warf ihm einen langen Blick zu und nickte. „Jordan kennt sich mittlerweile bemerkenswert mit diversen Schaltplänen aus, weil da jemand die Daten aus dem militärischen Hauptrechner gezogen hat. Auch Halbantiker haben ein erstaunliches Gedächtnis ..."
„Wie die Mutter, so das Kind." John beugte sich vor und küßte Vashtus Nacken, ehe er aufblickte und Jordan scharf fixierte. „Und ich denke, da wird noch jemand heute Besuch bekommen, oder? Zumindest wenn dieser jemand artig ist für den Rest des Tages."
Jordan sah ihn groß und verständnislos an. „Wer denn?" fragte es dann.
Vashtu hielt den Kopf gesenkt und kümmerte sich um das Rührei, dennoch sah John das breite Grinsen in ihrem Gesicht.
„Hast du schon einmal etwas von der Zahnfee gehört?" erkundigte er sich.
Jordan blinzelte verständnislos.
„Onkel Devitot", sagte Vashtu und blickte nun doch wieder auf. „Auf der Erde gibt es etwas ähnliches: die Zahnfee."
Onkel Devitot?
„Kommt die auch mit einem Devikopf aus Zuckermasse?" Jordans Augen strahlten.
John fühlte sich wie paralysiert.
„Andere Galaxien, andere Sitten", kommentierte Vashtu und küßte ihn auf die Wange. „Gibst du mir Teller, Schatz?"
John atmete einige Male tief ein.
Wußten sie beide wirklich, was sie taten, wenn sie ausgerechnet auf der Erde nach einer passenden Schule für Jordan suchten? Vielleicht sollten sie doch O'Neills Angebot mit dem Privatlehrer annehmen ...
„Kriege ich einen Zuckerkopf?" bohrte Jordan aufgeregt weiter.
John zwang sich, Vashtu die Teller zu reichen und machte gute Miene zum bösen Spiel. „Die Zahnfee belohnt dich, wenn du einen Zahn verlierst", erklärte er. „Eigentlich nicht mit Süßigkeiten, aber ich kann ja mal mit ihr sprechen."
Jordan nickte eifrig.
„Du hast es dir eingebrockt, mein Lieber", wisperte Vashtu ihm zu, während sie nun das Rührei mit Speck auf die beiden Teller verteilte.
Ja, das war wohl so ...
Vashtu nahm sich noch ein Glas mit gekühltem Orangensaft, ehe sie, sich mit der Hüfte am Herd abstützend, begann zu essen. „Und was habt ihr zwei heute vor?" fragte sie zwischen zwei Bissen.
„Daddy will mir Disneyworld zeigen", strahlte Jordan. Zwei dunkelrote, hektische Flecken bildeten sich auf den, vor Sirup glänzenden Wangen.
„Disneyworld in Orlando?" Vashtu warf ihm einen fragenden Blick zu.
John zuckte mit den Schultern. „Mir gehen allmählich die Sehenswürdigkeiten aus", verteidigte er sich.
Vashtu kaute nachdenklich. „Ich dachte eigentlich, wir alle drei wollten dort hin", sagte sie schließlich. Allerdings konnte er weder an ihrer Stimme noch ihrer Miene feststellen, was sie denn nun genau empfand.
„Wir können ja noch einmal hin, wenn es dort schön ist", schlug Jordan spontan vor.
„Wäre eine Möglichkeit." Vashtu drehte sich zu John um. „Dann nehme ich den Wagen heute. Desto eher ich heute abend zu Hause bin, desto eher sind wir Peter wieder los."
„Und wie sollen wir dann nach Orlando kommen?" erkundigte John sich, stellte seinen Teller zur Seite, um nach seiner Kaffeetasse zu greifen.
Vashtus Augen rollten gen Zimmerdecke.
„Oh nein, ich werde nicht die Apollo fragen, ob man uns da rüber beamen kann!" John schüttelte entschlossen den Kopf. „Das ist gegen jede Regel oder Vorschrift."
„Als hätten dich Regeln und Vorschriften je interessiert." Vashtu lächelte zuckersüß. „Im übrigen wäre ich dann heute nacht allein. Ihr könnt nicht an einem Tag von Miami nach Orlando und wieder zurück fahren. Ihr müßt wenigstens einmal durch die Rushhour. Und ich glaube nicht, daß Jordan so unbedingt den ganzen Tag auf einem Rücksitz verbringen möchte. Und du hast was gut bei Ellis."
„Er wird das nicht gut heißen", entgegnete John prompt und schüttelte wieder den Kopf.
„Probier es. Bei Makepiece klappt es eigentlich immer. Wir könnten uns heute abend vor der Versammlungshalle treffen und gemeinsam hierher zurückfahren. Vielleicht springt ja eine Pizza auf dem Rückweg heraus." Vashtu zwinkerte ihrem Kind zu, hob dann eine Braue. „Hatten Tante Anne und ich dir nicht schon einige Male die Vorzüge von Besteck erklärt?"
John verbarg sein Grinsen hinter seiner Kaffeetasse, während Jordan wirklich das dümmste Gesicht zog, das er je in seinem Leben gesehen hatte.
„Was machst du denn heute, Mummy?" fragte das Kleine schließlich, wenn auch deutlich kleinlaut und vorsichtig. „Wieder in ein Mitrofon sprechen?"
John stutzte unwillkürlich bei diesem Patzer.
„Nein, heute muß Mummy zwar viel reden, aber nicht in ein Mikrofon sprechen", antwortete Vashtu breit grinsend.
„Einzelgespräche?" fragte John sofort nach.
Die Antikerin nickte, zog eine Grimasse. „Wird sicherlich spaßig werden." Ihre Stimme klang dumpf. „Jedenfalls schätze ich, werde ich heute sehr viel an euch beide denken."
„Schick das nächste Mal Pete", schlug John spontan vor.
Vashtu kratzte den letzten Rest Rührei von ihrem Teller, schüttelte dann den Kopf. „Geht nicht ... aus bekannten Gründen", antwortete sie und stellte ihr Geschirr ab.
John ging tatsächlich erst jetzt auf, daß es wirklich zu Schwierigkeiten führen könnte, würde der Chefarzt Vinetas sich auf die Erde verirren - weil er nämlich noch immer als tot galt. Und solange sich keine Möglichkeit ergab, an diesem Status etwas zu ändern, würde er wohl in der geheimen Antikerstadt bleiben müssen oder nach Atlantis wechseln.
„So, Jordan, wir beide sollten uns jetzt ganz dringend waschen und dann fertig machen." Vashtu lächelte ihn kurz an, ehe sie sich wieder zu ihrem Kind umdrehte, das umständlich von seinem Hocker kletterte.
„Auf, auf! Wir haben heute noch viel zu tun." Vashtu nahm Jordan an der Hand und verließ die Küche.
John sah den beiden nach - mit weichem, liebevollem Herzen.

***

Miami Dade Polizeirevier:

Mike sah sich kurz um, ehe er zielstrebig zu dem Tresen hinüberging, hinter dem eine blonde, sonnengebräunte Polizistin saß und offensichtlich auf Kundschaft wartete. Erwartungsvoll blickte sie auf, als sie die Bewegung in ihre Richtung sah, und setzte ein geschäftsmäßiges Lächeln auf.
„Guten Morgen, Sir. Kann ich Ihnen behilflich sein?"
Mike sah sich noch einmal um. Eigentlich hätte er lieber mit einem Mann gesprochen, allerdings war es vielleicht besser, wenn er sich doch diese Bullenschlampe wandte. Immerhin gackerten diese Hühner von Weibern ja sonst auch immer im Chor. Sie würde vielleicht seine Sorge besser verstehen können als ein männlicher Bulle, der sich wahrscheinlich denken würde, Julie sei auf einen Fick zu einem anderen und habe die Nacht verschlafen.
„Ja", antwortete Mike endlich und schluckte den wütenden Schrei hinunter, der an seiner Kehle zerrte. „Es geht um meine Lebensgefährtin. Sie ist verschwunden."
Die Polizistin sah ihn einen Moment lang groß an, dann wandte sie sich dem neben ihr stehenden Bildschirm zu. „Wie lange ist sie denn schon verschwunden, Sir?"
Mike seufzte erleichtert. Schien doch zu klappen. Vielleicht konnte diese Schlampe sogar genug Hebel in Bewegung setzen, damit man wirklich nach Julie suchte und ihm nicht nur Plazebos in Form von Floskeln in den Hintern schieben wollte.
„Das letzte Mal habe ich sie gestern beim Frühstück gesehen", berichtete er. „Sie hat mir noch auf den AB gesprochen, insgesamt dreimal. Beim letzten Anruf wurde sie offensichtlich unterbrochen."
Die Polizistin wandte sich vom Computer ab.
Was, zum Kuckuck, sollte das? Wieso tat sie nicht endlich etwas? Wieso gab sie nicht die verdammte Vermißtenanzeige ein?
„Sir, ich bin mir nicht sicher, ob Sie über die Meldeerhebung bei Fällen von Verschwinden informiert sind ..."
Mike schluckte den nächsten wütenden Schrei hinunter, beugte sich vor und fixierte die Polizistin. „Hören Sie, es ist mir egal, was das Gesetz sagt. Meine Lebensgefährtin hat mich angerufen, sie hatte Angst und das Gespräch wurde unterbrochen. Das war das letzte Lebenszeichen von ihr, und ich mache mir Sorgen. Im Moment ist es mir wirklich vollkommen egal, wie lange sie weg sein muß, ehe ich sie laut dem Gesetz als vermißt melden darf. Sie ist JETZT weg! Haben Sie das verstanden?"
„Sir, es ehrt Sie, wenn Sie sich Sorgen machen um Ihre Lebensgefährtin. Aber das Gesetz sagt eindeutig, daß, solange kein Verbrechen vorliegt, eine Person erst nach zweiundsiebzig Stunden als vermißt gilt. Vielleicht ist Ihre Lebensgefährtin ja bei einem Bekannten und hatte die Zeit vergessen, oder sie hat in einem Motel übernachtet aus irgendeinem Grund."
Mike kramte in dem Rucksack, den er mitgebracht hatte, und knallte ihr das Band aus dem Anrufbeantworter auf den Tresen. „Hören Sie sich das an und sagen Sie mir noch einmal, daß Julie bei irgendeiner Freundin geblieben ist", fuhr er die Beamtin an.
Die zuckte merklich zusammen, als er so plötzlich die Stimme erhob.
Es tat tatsächlich immer noch gut, wenn es bei dieser Schlampe auch lange nicht so befreiend war wie früher. Vielleicht lag es daran, daß er sich wirklich Sorgen um Julie machte, er wußte es nicht. Im Moment würde er liebend gern mit dieser Tussi den Boden wischen, damit sie endlich ihren Hintern in Bewegung setzte und etwas für Julie tat.
„Sir, ich bitte Sie!" Die Polizistin hob beschwörend die Hände. Hinter ihr, hinter diversen, wahrscheinlich kugelsicheren, Glasscheiben konnte Mike Bewegungen ausmachen. „Beruhigen Sie sich bitte, Sir!"
„Wenn das nicht mein alter Kumpel Mike Sheridan ist ..."
Mike erstarrte beim Klang dieser Stimme, die ihn mittlerweile bis in seine Alpträume verfolgte. Er ballte einige Male die Hände zu Fäusten, um sich zu beruhigen, dann drehte er sich langsam um und begegnete dem anderen mit so lässigem Blick, wie es ihm möglich war.
Caine trug, wie lächerlich!, im Polizeirevier seine Sonnenbrille. Dennoch schienen seine Augen geradezu auf Mikes Haut zu brennen. Mit einem verächtlichen Lächeln trat der Polizist auf ihn zu, wie zufällig streifte sein Arm dabei sein Sakko zurück, so daß Mike die Marke sehen konnte.
„Lange nicht gesehen." Caines Stimme trof vor Hohn.
Wenn dieser Kerl ihm helfen konnte, dann, das wurde Mike in diesem Moment klar, würde er seine Hilfe nicht ablehnen. Es ging hier um Julie, verdammt noch einmal!
Caines unsichtbare Augen musterten ihn immer noch. „Heiße Feier heute nacht?" erkundigte er sich.
„Julie ist weg!" Mike baute diese drei Worte wie eine Mauer zwischen sich und dem Polizisten.
Caines Lächeln wurde breiter. „Ich wußte, daß sie irgendwann zur Vernunft kommen würde. Hat lange gedauert. Aber ich schätze, dafür dürfte die Feier jetzt umso schöner für sie werden."
Mikes Kiefer spannten sich vor Wut an. „Sie verstehen nicht, Caine. Julie ist nicht freiwillig weg. Sie ist nicht nach Hause gekommen nach ihrer Schicht!"
Ein anderer ziviler Beamter öffnete die verglaste Tür, die wohl zu den Arbeitsräumen und Büros führte. „Horacio?"
Caine nahm langsam die Sonnenbrille ab, wozu er beide Hände benutzte. Er nickte langsam und mit Bedacht. „Ich schätze, Sie kennen die Gesetze, Mr. Sheridan. Gesetz Nummer eins besagt, daß ich mich Ihnen nicht nähern darf. Gesetz Nummer zwei gewährt Miss Bryant zweiundsiebzig Stunden Vorsprung. Und ich schätze, wir alle hier werden gegen keines dieser beiden Gesetze verstoßen, oder?"
Mike zitterte vor unterdrückter Wut. Langsam beugte er sich vor, während eine Sehne an seinem Hals immer wieder spielte. „Ich schwöre Ihnen, Caine", knurrte er, „sollte Julie auch nur ein Haar gekrümmt werden weil Sie sich auf die Gesetze berufen, werde ich Sie dafür vors Gericht bringen!"
„Drohen Sie mir?" Caine setzte seine Sonnenbrille wieder auf. „Das sollten Sie besser nicht tun, Mike." Damit wandte er sich ab und folgte dem anderen Zivilbeamten nach hinten.
Mike blieb, immer noch vor Wut zitternd, stehen und ballte immer wieder die Hände zu Fäusten.

***

Vashtu eilte, in ihrer Tasche nach dem Schlüssel kramend, mit gesenktem Kopf aus dem Tagungsgebäude heraus, kaum daß der heutige Tag offiziell beendet worden war von den Ausrichtern der Veranstaltung. Sie hoffte auf noch ein bißchen Zeit, um sich mit Peter Babbis' Problem beschäftigen zu können, ehe er tatsächlich eintraf. Außerdem bestand die Chance, falls John und Jordan inzwischen auf dem Weg zurück waren, daß sie noch in Ruhe zusammen zu Abend essen konnten, ehe ein Teil ihres normalen Lebens sich in ihren eigentlichen Urlaub verirrte.
„Haben wir alle Sie so verschreckt, daß Sie dermaßen schnell Reißaus nehmen müssen?" fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr.
Vashtu holte erschreckt Luft und blieb stehen wie angenagelt. Langsam drehte sie sich dann herum und fand sich einem Mann gegenüber, der ungefähr in Johns Alter sein dürfte, jedoch nur wenig größer als sie war. Aus dunklen, amüsiert blitzenden Augen musterte er sie, hielt ihr dann seine Hand hin. „Shriner, Mel Shriner", stellte er sich dann vor.
Vashtu war sich sicher, ihn heute mehrfach gesehen zu haben. Er mußte wohl zu irgendeinem der großen Labore gehören, denn seinen Namen kannte sie nicht.
Sie ergriff die dargebotene Hand lächelnd. „Angenehm, Vashtu Uruhk."
„Als wenn ich das nicht wüßte", scherzte Shriner gutgelaunt. „Der neue Stern am Genetikerhimmel. Freut mich wirklich, daß Sie Zeit gefunden haben, zu dieser Konferenz zu kommen."
Vashtu nickte. „Ja, ich bin leider meist etwas ausgebucht", entschuldigte sie sich. „Man kennt das ja. Ich leite eine halbzivile Forschungseinrichtung für die Air Force zusammen mit einer Zivilistin. Da gibt es immer recht viel zu tun."
Shriner hob beeindruckt die Brauen. „Dann stimmt das also wirklich", staunte er. „Ich dachte, die Gerüchte darüber seien etwas übertrieben."
Vashtu lachte. „Nein, sicher nicht. Wir sichten größtenteils Forschungen, die sozusagen von den Vormietern stammen und befinden uns mitten in einem Krisengebiet. Da ist es nicht wirklich leicht, noch viel Zeit für anderes zu erübrigen."
„Und dennoch ziehen Sie Ihr Kind dort auf. So gefährlich kann es doch wohl nicht sein, oder?" Shriner lächelte und schüttelte den Kopf. „Entschuldigen Sie, ich falle immer wieder gern einmal mit der Tür ins Haus."
„Das ist nicht schlimm, wirklich nicht." Vashtu mußte zugeben, ihr war dieser Mann recht angenehm bisher. Nicht daß er eine Gefahr wäre für John, das sicher nicht. Aber auf seine Art war er charmant und brachte sie gefährlich nahe an die Grenzen dessen, was sie erzählen durfte.
„Ich ziehe mein Kind dort auf, das ist richtig. Wir erhalten sehr viel Unterstützung von Seiten der Einwohner, sonst würde das wahrscheinlich nicht so gut funktionieren wie jetzt."
Shriner nickte wieder. „Und deshalb sind Sie jetzt hier, stimmts?" Wieder setzte er sein charmantes Lächeln auf. „Ich muß sagen, nach allem, was ich in den letzten beiden Tagen von Ihnen und über Sie gehört habe, freue ich mich schon sehr auf unsere zukünftige Zusammenarbeit."
Vashtu stutzte augenblicklich. „Zusammenarbeit?" echote sie.
Shriner wurde ernst. „Jetzt sagen Sie mir bitte nicht, daß Sie noch gar nicht zugesagt haben. Sheppard meinte doch ..."
„Dave Sheppard?" fiel die Antikerin ihrem Gesprächspartner ins Wort.
Plötzlich ging ihr auf, was hier gerade gespielt wurde. Und ihr fiel auch ein, daß sie den Namen Shriner doch kannte. Johns Bruder schien seine Hand im Spiel zu haben, aber erst einmal einen Dritten vorzuschicken, um zu testen, ob sie überhaupt interessiert war an seinem Angebot.
Shriner nickte. „Ja, er hält ja die Mehrheit der Aktien an Genelab dank meines Partners und dessen Verkaufs des strittigen Prozentes."
Vashtu holte tief Atem, ihre Hand harkte sich in ihre Tasche. „Bedaure, Dr. Shriner, aber da sind Sie falsch informiert worden. Ich verlasse die Air Force nicht."
„Dann hat Sheppard sich noch nicht an Sie direkt gewandt, richtig?"
„Das ist korrekt. Ich habe ihn heute auch gar nicht gesehen bei der Konferenz."
„Er hat sich wohl eine leichte Magenverstimmung eingefangen", erklärte Shriner. „Jedenfalls war das seine Ausrede, als er sich heute morgen bei mir meldete. Ich schätze, er hat eher das 'Ich-hasse-alle-Wissenschaftler-die-ich-nicht-verstehe"-Fieber."
Wider Willen mußte Vashtu nun doch schmunzeln. „Tut mir leid, daß man da wohl falsche Hoffnungen für Sie geweckt hat, Dr. Shriner", sagte sie dann.
„Ist schon in Ordnung. Allerdings muß ich mich doch fragen, warum Sie bereit sind, sogar Ihr Kind aufzugeben, um auf diesem Stützpunkt zu bleiben. Müssen ja wirklich interessante Forschungen sein, die Sie da durchführen."
„Sagen wir, wir sind dort ein eingespieltes Team. Und zumindest ein Mitglied unseres Teams kann nicht in die USA einreisen aus verschiedenen Gründen. Ich arbeite gerade an solchen Dingen wie der Impfung nicht allein, zumindest nicht völlig."
Shriner lächelte wieder. „Wer tut das schon?" fragte er zwinkernd, während er sich nach vorn lehnte, um ihr diese rhetorische Frage ins Ohr zu flüstern.
Vashtu nickte, wollte sich wieder ihrer Tasche und der Suche nach dem Wagenschlüssel machen.
„Wußten Sie eigentlich, daß die Indianer, die früher einmal Florida besiedelten, den Konquistadoren von einer geheimnisvollen Quelle berichteten, die angeblich das Alter fortwaschen konnte?" wechselte Shriner plötzlich das Thema.
Vashtu stutzte, sah wieder auf. „Wie bitte?"
Der Genetiker nickte. „Der Jungbrunnen", antwortete er. „Der ewige Traum der Menschheit neben der Unsterblichkeit. Bis zu seinem Lebensende jung, fit und vital bleiben. Keine Degeneration, keine erhöhte Risiken für gewisse Krankheiten mehr."
„Hört sich nach einem Märchen an", kommentierte Vashtu. „Aber ... heißt diese Klinik, die Sie draußen in den Everglades betreiben, nicht irgendwie ..."
„Aqua Vitae, das Wasser des Lebens", fiel Shriner ihr ins Wort. „Ich muß zugeben, mein Partner ist etwas eigen und sieht sich als so eine Art moderner Alchimist."
„Sind wir das nicht auch?" fragte Vashtu. „Wir forschen nach Dingen, für die wir vor ein paar hundert Jahren noch lebendig verbrannt worden wären."
„Hehnenburgh ist da etwas eigenartig, vertrauen Sie mir. Vielleicht lernen Sie ihn ja noch kennen im weiteren Verlauf unserer Konferenz."
„Möglich ..." Vashtu wollte erneut nach dem Schlüssel suchen.
„Die von Ihnen entwickelte Impfung ist ein Schritt auf dem Weg, den Jungbrunnen zu finden, denken Sie nicht, Colonel Uruhk?" fragte Shriner.
Vashtu blickte auf. „Wieso sollte eine Impfung, die an einem Fötus durchgeführt wird, dem Mythos vom Jungbrunnen gleichen?" fragte sie verwirrt.
Shriner nickte. „Weil Ihre Impfung einen Aspekt des Jungbrunnens aufgreift: Gesundheit! Wenn Ihre Impfung erst einmal weltweit erhältlich ist, rotten Sie damit gleich eine ganze Palette von bisher nur schwer behandelbaren, erblichen Krankheiten aus, Colonel Uruhk. In der Legende vom Jungbrunnen heißt es, der Stamm, der in der Gegend um die Quelle gelebt hat, habe keine erblichen Krankheiten gekannt."
„Vielleicht waren diese Indianer Genetiker", scherzte Vashtu. „Und ob diese Impfung wirklich so viele erbliche Krankheiten bekämpfen kann wie wir es gern hätten ..." Sie schüttelte den Kopf. „Es wird noch geprüft, gegen was genau die Ketten vorbeugen können."
Shriner neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte sie von Kopf bis Fuß. „Sie müssen Tom einfach kennenlernen, Colonel", merkte er schließlich an. „Und Sie sollten sich einmal selbst hören. Attraktiv und klug, eine wirklich verlockende Mischung. Da fragt man sich allen Ernstes, warum Ihr Lebensgefährte Sie noch nicht vor den Altar geschleppt hat."
„Weil ich das nicht möchte." Vashtu lächelte höflich. „Er möchte, und das auch schon recht lange. Für mich dagegen spielt es keine Rolle, ob wir verheiratet sind oder nicht."
„Aber soweit ich weiß, sehen Sie sich nicht oft, oder?"
Vashtu zögerte mit der Antwort, schüttelte dann den Kopf. „Leider nicht. Unsere Stützpunkte liegen zu weit voneinander entfernt."
„Mummy!" rief in diesem Moment eine Stimme hinter ihrem Rücken.
Vashtu fühlte, wie in ihr die Wärme der Mutterliebe wieder hochstieg, während sie sich jetzt umdrehte und bückte, um ihr Kind in die Arme zu schließen.
Jordan hatte eine eigenartige schwarze Kappe mit zwei runden, ebenso schwarzen Monden, auf der wilden Mähne. Vashtu brauchte eine Sekunde, ehe sie begriff, daß John, der jetzt ebenfalls den Weg von der Straße hinunterkam, Jordan wohl Mickey-Mouse-Ohren gekauft hatte.
„Mummy, ich hab dich so vermißt!"
Vashtu fand sich unvermittelt in eine Umarmung gezogen, die sie beinahe erwürgt hätte. Jordan achtete nämlich darauf, daß die Mickey-Mouse-Ohren ja nicht mit der Nase seiner Mutter kollidierten.
„Hallo, Vash", begrüßte John sie, während sie sich von den kurzen Armen zu befreien suchte. Schließlich gab sie es auf und nahm Jordan kurzerhand auf den Arm, um sich von ihm sanft küssen zu lassen.
Jordan hatte nun Shriner entdeckt und strahlte den Genetiker gleich mit seiner Zahnlücke an. „Mummy und Daddy mögen sich sehr", erklärte das Kleine voller Inbrunst.
„Das sieht man." Shriner hatte wieder sein charmantes Lächeln aufgesetzt.
Vashtu drehte sich zu ihm um. „Ich bin unhöflich. Das ist mein Kind, Jordan", stellte sie das Kleine auf ihrem Arm vor, bemerkte dabei nicht, daß Shriner sie sehr genau musterte. „Und das ist mein Lebensgefährte: Colonel John Sheppard."
Shriner stutzte, während er John die Hand hinhielt. „Sheppard?"
„Der Bruder von Dave", antwortete der Colonel ruhig. „Sozusagen das schwarze Schaf der Familie. Freut mich, Dr. ..."
„Shriner, Mel Shriner. Einer der Firmengründer von Genelab."
Johns Kopf ruckte augenblicklich zu Vashtu herum. Fragend sah er sie an, bis sie den Kopf schüttelte, dann wandte er sich wieder Shriner zu. „Tut mir leid, aber gerade heute haben wir es ein bißchen eilig. Wir erwarten nämlich einen Gast heute abend", erklärte er und blickte demonstrativ auf seine Uhr. „Und wir sind schon ein bißchen spät dran."
Shriner nickte. „Colonels, ich verstehe schon. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Colonel Uruhk, ich freue mich schon auf morgen. Und Jordan ... laß dich von der Zahnfee reichlich beschenken." Er hob die Hand noch einmal wie zum Gruß, ehe er in Richtung Parkplatz verschwand.
„Was ist denn das für einer?" John klang alles andere als begeistert.
Vashtu, die sich endlich hatte von Jordan befreien können, blickte auf. „Ich fand ihn eigentlich recht nett."

***

Mike stapfte durch den Sand und beobachtete den Sonnenuntergang und die Farbpalette, die dieser auf Himmel und Wasser malte.
Früher, erinnerte er sich, ganz zu Anfang ihrer Beziehung, war er gern mit Julie hergekommen. Das war noch bevor er das erste Mal die Hand gegen sie erhob, in den ersten Tagen, in denen noch Pläne für eine glückliche Zukunft geschmiedet wurden.
Er hatte Glück gehabt, befand Mike, als er sich an seine eigene Kindheit erinnerte. Julie war bei ihm geblieben, anders als seine eigene Mutter, die die Schläge irgendwann nicht mehr ertragen konnte. Ihren Sohn aber, den hatte sie zurückgelassen, und so war der kleine Mike schnell selbst das Opfer seines brutalen Vaters geworden. Er kannte es schlicht nicht anders, ihm war die Gewalt im wahrsten Sinne des Wortes eingeprügelt worden.
Mike wandte sich vom Strand ab, als er ein helles Kinderlachen hinter sich über die Dünen hallen hörte.
Ein kurzes Stück weiter hinter einer künstlichen Sandaufschüttung lagen die Ferienhäuser der begüterteren Urlaubsgäste Miamis. Noch nicht die Superreichen mit ihren Villen, aber doch schon gehobener Mittelstand. Leute, die es sich leisten konnten, ein Haus nur für ein paar Wochen im Jahr zu bewohnen, während es ansonsten leer stand. Und einige dieser Ferienhäuser wurden durch Makler oder auch privat zwischenvermietet.
Mike erinnerte sich daran, daß er selbst, damals, kurz nachdem er mit Julie zusammengekommen war, sich ein solches Haus gewünscht hatte. Ein Haus am Strand, nur eine Düne entfernt vom Golf, weit, weit entfernt von der lauten Innenstadt oder den ghettoähnlichen Siedlungen in den Vorstädten Miamis, in denen er jetzt lebte. Damals war sein Leben noch in Ordnung gewesen - bis auf das Prügeln seiner jeweils rasch wechselnden Beziehungen ...
Mike wußte selbst nicht, was genau ihn trieb, vielleicht wirklich das immer noch erklingende Lachen des Kindes, vielleicht auch die undeutlichen Stimmen, die er sonst noch hörte, jedenfalls stieg er, so gut es ging bei dem rutschigen Untergrund, die künstliche Düne hinauf und sah schließlich hinunter auf eine Terrasse, auf der einige Gartenmöbel, ein gemauerter Grill und eine altmodische Hollywoodschaukel standen. Ein kleines, schwarzhaariges Kind, dessen Geschlecht er nicht erkennen konnte, sauste um den Tisch herum, an dem ein Mann über jeder Menge Papieren saß. Eine ebenso schwarzhaarige Frau mit Sturmwindfrisur jagte das Kind, das sich offensichtlich köstlich amüsierte.
Toll, vom Frauenprügler zum Familienspanner, kam es Mike in den Sinn. Dennoch aber sah er weiter zu, wie die Frau mit dem Kind spielte, es jagte und jagte.
„Geht das vielleicht auch leiser?" beschwerte sich schließlich der Mann und blickte auf.
Mike stutzte. Der Typ war ziemlich jung für diese Frau. Soweit er das schätzen konnte, mußte sie irgendwo jenseits der fünfunddreißig sein, er war vielleicht Anfang dreißig. Schwer zu glauben, daß die beiden eine Beziehung und sogar ein Kind hatten.
Im nächsten Moment aber geschah etwas, was Mike an seinem Verstand zweifeln ließ:
Ein zweiter Mann tauchte auf, auf den das Kind sofort zustürzte und der es liebevoll auffing. Das allein hätte Mike nicht aus der Fassung gebracht. Es war das Gesicht des Mannes, das ihn an seinem Verstand zweifeln ließ. Denn dieser Mann trug ... sein, Mikes!, Gesicht.
Ihm wurde die Knie weich, während er beobachtete, wie der Mann sich wieder aufrichtete, das Kind jetzt auf dem Arm, und sich über die Schwarzhaarige beugte. Zärtlich küßten die beiden sich.
„Ich bringe Jordan ins Bett, Vash. Ich bin selbst müde", sagte der Mann mit seinem Gesicht.
Die Schwarzhaarige nickte. Sie mußte sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihm noch einen Kuß zu entlocken. „Schlaf gut, John", sagte sie dann mit einem eigenartigen Akzent, den Mike noch nie gehört hatte.
Er sah die Liebe in seinem (!) Gesicht leuchten, während die Frau sich jetzt auch von dem Kind verabschiedete.
Mike ertrug das ganze nicht mehr. Er mußte irgendwo eine Flasche zuviel erwischt haben von diesem Teufelszeug, was sie in dem Schnapsladen verkauften. Das konnte einfach nicht sein!
Er hetzte die Düne wieder hinunter und raste den Strand entlang, zurück in Richtung auf sein Apartment. Doch für den Rest des Abends verfolgte ihn diese glückliche, familiäre Szene wie ein Alptraum, aus dem er nicht entkommen konnte.

***

Es war spät geworden, als Vashtu endlich die Treppe hochstieg, die zu den beiden Zimmern im Obergeschoß führten. Peter Babbis hatte sie auf dem Sofa im Wohnzimmer zurückgelassen mit verschiedenen Lösungsansätzen für das Problem mit der Antiker-Werft, die die Phoenix vor einiger Zeit gefunden hatte.
Vashtu achtete darauf, daß sie leise war, denn sie wollte weder Jordan noch John wecken. Allmählich spürte sie selbst die Müdigkeit eines langen Tages. Darum hatte sie auch Schluß gemacht mit den Übersetzungen, bei denen offenbar keiner außer ihr helfen konnte - zumindest wenn sie Peter folgen durfte.
Vorsichtig schob sie die Tür zum Elternschlafzimmer soweit auf wie nötig, um hindurchschlüpfen zu können, tappte dann barfuß zum mondbeschienenen Bett hinüber und blieb, mit einem weichen, liebevollen Lächeln auf den Lippen, am Fußende stehen, um zu beobachten, was da zwischen den Laken lag.
Jordan mußte sich eingeschlichen haben, nachdem John eingeschlafen war. Jedenfalls lag das Kind jetzt eng an seinen Vater gekuschelt und vollkommen im Laken verheddert neben ihm. Und John hatte im Schlaf einen Arm um Jordan gelegt und hielt es auf diese Weise.
Gerade in dem Moment, in dem Vashtu sich abwenden und im Kinderzimmer ihr Glück versuchen wollte, rollte John sich herum auf die andere Seite. Die Antikerin blieb stocksteif stehen und wagte kaum zu atmen.
„Vash?" flüsterte seine schläfrige Stimme. Mühsam versuchte er sich aus den Kissen aufzurappeln.
„Du hast einen Untermieter", wisperte sie zurück, trat an seine Seite und hockte sich bei ihm nieder.
John blinzelte, runzelte dann die Stirn und drehte sich, so gut es ging. „Oh ..."
„Schlaf weiter", flüsterte sie ihm zu und wollte sich wieder aufrichten.
„Ist Peter weg?" fragte er leise.
„Schläft unten auf dem Sofa."
John blinzelte, schon deutlich wacher. Seine Finger umschlossen ihren Arm, wollten sie nicht gehenlassen. „Und wohin willst du jetzt?" In seiner Stimme war dieses gewisse Vibrato, nach dem sie sich oft genug in einsamen Stunden sehnte und ihr heiße und kalte Schauer über den Rücken jagte.
Langsam zog er sie näher zu sich, sah sie mit halbgeschlossenen Augen aufmerksam an, bis sie nahe genug war, um sie zu küssen.
Ihr Körper reagierte, als seine Finger begannen, sacht über ihren Arm zu fahren, hoch zu ihrer Schulter und von da zu ihrer Brust. Im Kuß holte sie so tief Atem wie es ging, ließ ihre Zunge mit der seinen spielen, während nun ihre Hand eine Wanderung über die Matratze begann. Erst als ihr wirklich fast die Luft ausging löste sie sich aus dem Kuß.
„Wir sollten das nicht tun", wisperte sie, fühlte aber gleichzeitig, wie ihr Körper begann zu glühen unter seinen Berührungen. „Jordan ist hier."
John, der damit begonnen hatte, ihren Hals mit kleinen Küssen zu erforschen, richtete sich plötzlich auf, warf einen Blick über die Schulter und ... erstarrte.
Vashtu kontrollierte kurz den Sitz ihrer Kleidung, richtete sich dann wieder auf.
„Jordan!" Ein kleiner Vorwurf mischte sich in Johns Stimme.
Ob diese zärtliche Eröffnung vielleicht eine Fortsetzung erfahren würde? Im Moment, so befand Vashtu ziemlich nüchtern, wohl eher nicht. Nicht solange ihr gemeinsames Kind mit großen Augen neben ihnen beiden lag und sie beobachtete.
Jetzt erschien ein entschuldigendes (und sehr zufrieden wirkendes) Lächeln auf dem weichen Gesicht. „Ich mag das, wenn ihr euch lieb habt", erklärte das Kleine.
Vashtu stieg die Schamesröte ins Gesicht. Sollte Jordan das etwa schon ...
Blitzschnell ging sie im Kopf jede Liebesnacht der vergangenen Jahre durch, ob auf Atlantis oder in Vineta. Sie meinte, jedesmal dafür gesorgt zu haben, daß ihr Kind nichts bemerkte, wenn sie miteinander schliefen. Andererseits ...
„Ab in dein Bett. Sonst können Mummy und Daddy sich eben nicht liebhaben." Johns Stimme klang tatsächlich streng, ein deutliches Zeichen dafür, daß er mißgestimmt war durch diese Situation. Ansonsten fiel es ihm ja mehr als schwer, die Stimme gegen sein Kind zu erheben.
Jordans Augen schwammen plötzlich in Tränen.
„Ach, herrje!" Vashtu krabbelte wenig elegant über John hinweg und schloß ihr Kind in die Arme. „Ist schon gut, Jordan. Daddy hat das nicht so gemeint", flüsterte sie, ehe der Tränenvulkan noch wirklich ausbrechen konnte.
Auch John schien plötzlich Reue zu empfinden. Er umarmte sie beide, vergrub sein Gesicht in der wirren Mähne ihres gemeinsamen Kindes, drückte sie an sich. „Es tut mir leid", wisperte er so leise, daß man ihn kaum hören konnte.
Jordans Weinattacke zeitigte volle Wirksamkeit.
Vashtu war durchaus klar, daß das Kind seine Tränenflut immer taktisch geschickt einsetzte und ihnen beiden damit vielleicht ein schlechtes Gewissen einimpfte, wenn sie es gar nicht zu haben brauchten. Immerhin war Jordan hier eingedrungen, nicht sie. Und sie beide als sexuell aktives Paar brauchten nun einmal auch einen gewissen Freiraum, um eben diese Sexualität ausüben zu können.
„Ich hab euch beide lieb", gestand Jordan endlich, wenn da auch noch ein deutliches Hochziehen der Nase folgte.
Vashtu seufzte, lehnte sich gegen John, dessen Arm sich sofort noch enger um ihre Schultern schloß.
„Gut, dann bringt Daddy dich jetzt wieder in dein Zimmer zurück und du wirst da brav schlafen", sagte er. Und dieses Mal kam kein Gegenangriff in welcher Form auch immer mehr. Jordan nickte nur stumm und gab seiner Mutter einen dicken Schmatzer auf die Wange.
„Und du", wandte John sich an Vashtu, nachdem er aus dem Bett gestiegen war, „du machst dich jetzt bettfein. Wenn ich wiederkomme, möchte ich dich unter dem Laken sehen ... und nur unter dem Laken."
Vashtu verstand. Vielleicht war diese Nacht der Zärtlichkeit doch nicht ganz vorbei ...

TBC ...

06.08.2009

Der Jungbrunnen

TV-Serien: CSI: Miami, Stargate: Atlantis
Genre: adventure, scifi, HC, AU
Rating: M
Reihe: Stargate vs. CSI: Drei Fälle für drei Teams
Zeitleiste: Diese Fanfiktion spielt für Stargate: Atlantis in der Zukunft, ca. 10. Staffel. Für CSI: Miami spielt sie daher mindestens Staffel 12.


Zeitungsmeldung der Miami Daily Post:

Erneuter Leichenfund

Der Strand von Miami Beach wird zum Friedhof eines Serienkillers

„Das Dutzend ist voll" titulierte der zuständige Kriminalbeamte den grausigen Fund. Ein Jogger war beim Training auf das flache Grab aufmerksam geworden und hatte die inzwischen zwölfte weibliche Leiche gefunden, die der Beach Killer hinterlassen hat. Die Identifizierung erfolgte wie immer schnell von Seiten der Polizei, die Familie besteht jedoch auf Geheimhaltung.

Seit ebensovielen Wochen hält der Beach Killer nun die Polizei in Atem und wie zu Beginn der Serie scheint es immer noch keine klaren Hinweise zu geben. Man setzt noch immer auf Augenzeugen. Währenddessen jedoch verstärkt sich die Panik unter der Bevölkerung.

Junge Frauen zwischen 25 bis 35 seien das vornehmliche Ziel des Serientäters, so ließ der Polizeipräsident von Miami verlauten. Alle zwölf Opfer seien blond gewesen. Groß und schlank, unverheiratet und in offiziell keiner bekannten Beziehung. Möglicherweise spiele der Mörder ihnen sexuelles Interesse vor, so lautet die vorläufige Vermutung der Polizei. Da alle Opfer rege am gesellschaften Leben in ihrer Umgebung teilnahmen, haben sie ihren Mörder vielleicht während einer Feier oder in einem Club kennengelernt.

Für sachdienliche Hinweise steht auch weiterhin das kostenlose Servicetelefon der Miami-Dade-Police zur Verfügung.

Jason Montgomery blickte müde von seiner Zeitung auf, als er Schritte hörte, die auf ihn zukamen. Der Gerichtsdiener faltete das Papier laut raschelnd zusammen, ehe er sich erhob.
„Ist Richter Holmes immer noch in der Sitzung?" fragte der Neuankömmling, Clayton Fowler, seineszeichens einer der drei Hausmeister des Gerichtes.
Montgomery nickte, sah dann auf seine Uhr hinunter.
Undeutliche Stimmen drangen durch die geschlossene Tür zum kleinen Verhandlungsraum, in dem sich wohl gerade die Köpfe heiß geredet wurden.
„Ich muß da rein wegen der Leitungen", sagte Fowler. „Kannst du vielleicht kurz ... ?"
Montgomery seufzte. Raschelnd landete seine Zeitung auf dem Stuhl, er selbst trat an die Tür und klopfte leise. Dann wartete er nicht, sondern öffnete die Tür einen Spaltbreit, gerade weit genug, daß er seinen Kopf hineinstecken konnte in den Raum.
„... benehmen sich unmöglich!"
„Mr. Montgomery?" Richter Holmes war sofort auf die Bewegung aufmerksam geworden und sah ihn aufmerksam an.
Montgomerys Blick glitt kurz über die Gesichter der anderen vier Anwesenden: die beiden Anwälte der streitenden Parteien, einen dunkelhaarigen und sonnengebräunten Mann mit kaltem Blick und dem rothaarigen Leiter der Tatortermittlungen, kurz CSI genannt, Horacio Caine, der ihm nun einen langen, halb gelangweilten, halb erzürnten Blick zuwarf.
„Fowler muß an die Leitungen, Richter", meldete Montgomery endlich.
Holmes seufzte tonlos und sah die beiden streitenden Parteien sehr beredt an. Dann schüttelte er den Kopf. „Er soll besser morgen wiederkommen", entschied er, beobachtete, wie der Gerichtsdiener die Tür wieder schloß und lehnte sich in seinen Sessel zurück.
Der kleine Verhandlungsraum, auch gern richterliches Hinterzimmer genannt, hätte einem alten Schwarz-Weiß-Film alle Ehre gemacht und war einer der wenigen Räume des Bezirksgerichtes Südflorida, der noch nicht modernisiert worden war. Die Wände waren holzvertäfelt, an einer Seite zogen sich lange Regalreihen vom Boden bis zur Decke. Der Boden bestand noch aus wervollem Parkett. Selbst die Möbel schienen direkt aus Streifen wie „Die zwölf Geschworenen" zu stammen. Der Tisch war zwar leicht zerkratzt, wurde aber immer noch täglich von der Putzkolonne auf Hochglanz poliert, die dazugehörigen Sessel waren gepolstert und mit brüchigem, braunen Leder überzogen.
Holmes mochte diesen Raum, darum hatte er sich auch der „Kleinklagen" angenommen, wie er sie im Moment verhandelte.
Der Kläger, ein gewisser Mike Sheridan, hatte Anzeige gegen den Polizisten Horacio Caine erstattet und dann Klage erhoben. Der Fall war eigentlich klar, wenn da nicht das Ausbleiben der einzigen Zeugin und Lebensgefährtin von Sheridan gewesen wäre, auf die sie noch immer warteten.
„Euer Ehren", wandte der Kläger sich in diesem Moment wieder an ihn und beugte sich vor.
Eigentlich sah Sheridan für einen Mann mit seiner Geschichte recht gut aus. Seine Haut war sonnengebräunt und ebenmäßig. Erste winzige Falten lagen um seine Augen, die allerdings immer wieder kalt zu schimmern schienen. Das dunkle Haar trug der Mann in einer recht modisch erscheinenden Frisur, den Pony aus dem Gesicht gegelt, das Haupthaar, dessen er sich wohl ebenfalls angenommen hatte, allerdings hatte sich aus der erzwungenen Form zum Teil wieder befreit und stand nach oben ab.
Sheridan war schlank, sehnig und recht groß. Vom ersten Anblick ein recht angenehmer Zeitgenosse ... wenn da nicht seine Akte gewesen wäre.
Holmes seufzte wieder und beugte sich vor. „Mr. Sheridan, mir ist klar, daß Ihnen das Vorgehen der Polizei nicht immer einleuchtet. Dennoch aber steht außer Frage, daß Sie straffällig geworden sind, ob nun mit Vorsatz oder durch unglückliche Umstände. Es tut mir leid, aber Sie werden sich auch weiterhin damit abfinden müssen, daß die Polizei bei gewissen Delikten als erstes bei Ihnen nachfragt."
„Bei gewissen Delikten, aber nicht wegen jedes Strafzettels!" entgegnete Sheridan prompt.
Und da mußte Holmes ihm recht geben. Seit der Kläger vor knapp zwei Jahren aus seiner mehrjährigen Haft wegen Brandstiftung entlassen worden war, häuften sich die Eintragungen in seine polizeiliche Akte geradezu. Jede noch so kleine Lappalie wurde offensichtlich bis zum bitteren Ende verfolgt und Sheridan und seine Lebensgefährtin rund um die Uhr überwacht.
„Nun ..." Holmes wandte sich der Gegenseite zu. „Lieutenant Caine, was sagen Sie zu den Vorwürfen, die gegen Sie erhoben werden?"
Der Polizist und Tatortermittler starrte nur weiter Sheridan an, hob dann unvermittelt den Kopf. Irgendwie hatte diese Geste etwas von einem Raubvogel, der seine Beute anvisiert.
„Fragen Sie unseren guten Mr. Sheridan doch einmal, wo genau seine Lebensgefährtin sich denn wohl gerade in diesem Moment aufhalten könnte? Vielleicht weiß er ja wider Erwarten doch eine Antwort. Immerhin ging es gestern abend wieder hoch her im Hause Sheridan/Bryant."
Der Kläger lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. „Ich schlage Julie nicht mehr, ich schlage gar keine Frauen mehr. Ich habe jetzt bereits dreimal ein Aggressionstraining absolviert und mein Therapeut ist der Meinung, ich sei so gut wie geheilt."
„Ein Frauenschläger wird nicht geheilt, er wird höchstens zum Frauenmörder", entgegnete Caine sofort.
In Sheridans Gesicht zuckte kein Muskel, er starrte weiter über den Tisch zu dem Polizisten hinüber.
Holmes schüttelte den Kopf und schlug die zweite Akte auf, die von Caine.
Auch der hatte sich in den letzten Jahren nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Das CSI-Labor, das er leitete, war mehrfach aufgrund verfälschter oder verschwundener Beweismittel aufgefallen, sein Mitarbeiterstab war mehr als bockig, wenn auch offensichtlich mit die besten ihres Faches. Caine selbst ... Nun, er war herrisch, selbstgerecht und dickköpfig, aber jeder einzelne seiner Mannschaft würde für ihn durchs Feuer gehen. Er neigte dazu, vorschnell eine Meinung zu fassen und einseitig zu ermitteln. Laut seiner Vorgesetzten grenzte es oft genug an ein Wunder, daß nicht Unschuldige verurteilt wurden. Nach dem Tod seiner Ehefrau hatte er sich sogar kurzfristig nach Südamerika abgesetzt und war der Polizei von Rio de Janero alles andere als in guter Erinnerung.
Auf Sheridan schien Caine sich bereits vor Jahren eingeschossen zu haben. Und Sheridan war einer der wenigen, die nach ihrer Haftentlassung nicht den Staat Florida verlassen hatten, sondern zumindest versuchte, sein Leben wieder aufzunehmen. Da allerdings war er wohl mit Caine in Konflikt geraten, der den anderen nicht mehr in seiner Nähe, nicht einmal in der Nähe Miamis, duldete. Für jedes Verbrechen, das Caine untersuchte und für das er zunächst keinen Vedächtigen vorweisen konnte, wurde Sheridan verhört, jeder Schritt des Mannes schien genauestens von Caine und seinen Leuten überwacht zu werden. Auf diese Weise hatte der Kläger inzwischen mehrere Jobs verloren. Kein Wunder also, wenn er sich keinen anderen Rat mehr wußte als diese Unterlassungsklage.
Holmes wog die beiden Seiten gegeneinander ab.
Sicher, es gab Hinweise auf häusliche Gewalt in Sheridans Umfeld. Andererseits hatte seine langjährige Lebensgefährtin Julie Bryant noch nie Anzeige erstattet. In den letzten Monaten, nachdem Sheridan das letzte Mal ein Aggressionstraining absolviert hatte, war nicht eine Verletzung mehr protokolliert worden, nicht einmal ein Schnitt in den Finger.
Auf der anderen Seite stand da Caine, der es offensichtlich auf den Mann abgesehen hatte, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht war er wirklich um das Wohlergehen von Julie Bryant besorgt, vielleicht wollte er den anderen auch wirklich nur aus seinem Umkreis vertreiben. Eines jedoch war klar, Caine hatte es übertrieben. Frauenprügler oder nicht, auch ein Mike Sheridan hatte Anrecht auf seine Privatsphäre.
„Da Miss Bryant wohl doch nicht mehr kommen wird, werde ich meine Entscheidung schon jetzt und hier treffen", entschied Holmes endlich und blickte wieder auf.
Während er nachgedacht hatte, hatten die beiden Kampfhunde wieder versucht sich zu zerfleischen, ging ihm auf. Immer die gleichen Vorwürfe - auf beiden Seiten! Und die einzige Person, die offensichtlich den Streit lösen konnte, war wohl verhindert oder kam aus einem anderen Grund nicht. Und Holmes wollte, wenn er ehrlich war, diesen Fall endlich zu den Akten legen.
„Mr. Sheridan, Sie haben hier dargelegt, daß es Ihnen momentan unmöglich ist, ein normales Leben zu führen. Ein Umstand, bei dem ich Ihnen allerdings angesichts der Tatsache beipflichten kann, was ich in Ihrer Akte lese. Sie konnten ferner belegen, daß Sie sich bemühen, die Aggressionen, die Sie Ihrer Lebensgefährtin gegenüber gezeigt haben in der Vergangenheit, abzubauen und als nutzbringende Energie einzusetzen. Leider konnten wir Miss Bryant dazu nicht vernehmen."
„Hören Sie, Euer Ehren, Julie wollte kommen, ich habe ja beim Frühstück noch mit ihr gesprochen. Nur ist ihre berufliche Situation im Moment etwas schwierig. Ich denke, man hat wieder einmal nicht an diesen Termin gedacht."
Holmes nickte.
Es klang ehrlich und besorgt, und das war alles, was im Moment zählte. Julie Bryant war im Moment die einzige, die im gemeinsamen Haushalt Geld verdiente. Kein Wunder, daß sie selbst einen Gerichtstermin schwänzte, wenn sie arbeiten mußte.
Sheridan lächelte, und es wirkte tatsächlich ehrlich. Die Kälte war aus seinen Augen verschwunden. „Wissen Sie, wir wollen nächsten Monat heiraten."
Holmes nickte.
Entweder Sheridan war der beste Schauspieler, den er je erlebt hatte, oder er sagte die Wahrheit. Und im Moment war er wirklich geneigt, dem Mann zu glauben.
„Lieutenant Caine ..." Holmes sah wieder auf und schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, aber Sie lassen mir keine andere Wahl. Wenn ich mir Ihre Akte ansehe, sehe ich alles andere als eine Besserung Ihrer Umstände. Im Gegenteil scheinen Sie mit einer der Gründe für die Probleme von Mr. Sheridan zu sein. Das kann ich aufgrund der Tatsache, daß der Kläger seit seiner Haftentlassung nicht mehr straffällig geworden ist, nicht einfach vom Tisch kehren. Im Gegenteil sollten Sie vielleicht einmal über sich und Ihre Methoden nachdenken, Lieutenant. Wir sind nicht mehr im Wilden Westen und Sie sind auch nicht der einsame Gesetzeshüter, der seine Stadt vor den Bösewichtern schützen muß. In diesem Sinne entscheide für den Kläger und spreche die Unterlassungsklausel aus. Sie werden sich bis auf Widerruf weder Mr. Sheridan noch seiner Lebensgefährtin Julie Bryant auf mehr als fünftausend Yards nähern." Er schlug mit dem kleinen Hammer auf den dafür vorgesehenen Holzklotz und erhob sich. „Die Sitzung ist geschlossen."

***

Lokaler Nachrichtensender:

Tracy Fields lächelte geschäftsmäßig in die Kamera, während sie das neueste vom Tage vom Prompter ablas.
Die Moderatorin war beliebt bei den jungen Familien der Umgebung. Zwar hatte sie es noch nicht zur Anchorwoman gebracht, aber ihr gehörten zumindest die letzten Kurznachrichten vor der großen Abendshow.
Tracy verkaufte sich gut mit ihrem natürlichen Blondhaar und den angenehm dunklen Augen. Letztere waren allerdings ein Werk der Schönheit dank getönter Kontaktlinsen. Das tat aber dem Gesamteindruck keinen Abbruch.
„Heute morgen wurde am Miami Beach das zwölfte Opfer des sogenannten Beach Killers gefunden. Wieder lag der Leichnam nur grob verscharrt in der gleichen Senke wie schon bei den vormaligen Leichenfunden. Laut der Polizei und des Coroners handelt es sich ebenfalls wieder um eine blonde junge Frau, die auch bereits identifiziert werden konnte. Allerdings wird der Name des Opfers auf Rücksicht auf die Wünsche der Familie dieses Mal nicht veröffentlicht."


Tracy las weiter die Stichworte ab, die auf dem Prompter erschienen. In der Küche des Tagungszentrums von Miami Dade allerdings hatte im Moment kaum jemand Zeit, sich um die neuesten Nachrichten oder gar Tracys Aussehen zu kümmern. Die Servicekräfte des Partydienstes hatten alle Hände voll damit zu tun, das Buffet für die Teilnehmer an dieser Konferenz aufzubauen. So achtete auch niemand wirklich auf den hochgewachsenen, sehnigen Mann in legerer Kleidung, der ein kleines, schwarzhaariges Kind an der Hand durch die Küche führte und kurz mit halbem Ohr auf die Stimme der Nachrichtensprecherin lauschte.
Das Kind an seiner Seite blieb artig, bis sich die Schwingtür in den großen Messesaal öffnete. Als es die Stimme hörte, die, durch Lautsprecher verstärkt, gerade einen Vortrag hielt, wurde es unruhig.
„Mummy!" rief es.
Colonel John Sheppard hielt eisern die Hand des Kindes fest und kniete sich vor ihm nieder, um auf Augenhöhe mit ihm sein zu können.
Einer weiblichen Servicekraft, die gerade den Salat arrangierte, fiel die Ähnlichkeit zwischen beiden auf. Lächelnd wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Vater und Kind, und die Mutter war wohl offensichtlich drüben im Messesaal und die beiden wollten sie abholen. Sicherlich eine hübsche kleine Familie.
„Jordan", John suchte den Blickkontakt zu den dunkelbraunen Augen, die ihn immer sehr an die Mutter dieses Kindes erinnerten. Er schüttelte ansatzweise den Kopf und versuchte, eine strenge Miene aufzusetzen. „Du hattest Mum und mir doch etwas versprochen. Erinnerst du dich?"
Jordan blinzelte mit großen, unschuldigen Augen. „Ich darf nicht losrennen oder Wände hochklettern oder Tische hochheben oder was andere sonst auch nicht können", sagte es dann leise.
John nickte ernst. „Und du sollst immer bei Mum oder mir an der Hand gehen. Wir sind hier nicht zu Hause und du könntest dir böse wehtun."
Jordan runzelte die kindliche Stirn, nickte dann aber, daß die wilde Mähne nur so hin und herflog.
John seufzte.
Wenn er seinem Kind doch nur einmal etwas abschlagen könnte. Aber dazu war Jordan einfach zu unwiderstehlich. Nicht nur, daß das Kleine inzwischen halb Atlantis mit dem ganz eigenen kindlichen Charme eingewickelt hatte, vom SGC redete er jetzt gar nicht, er selbst konnte dem Kind nichts abschlagen und Ver- oder Gebote aufzustellen erwies sich als wahre Knochenarbeit.
„... wir die Zukunft gesichert. Eine neue Generation ..."
„Mummy redet aber laut." Jordan grinste breit und rieb sich mit einer Hand das Ohr, das dem Saal am nächsten war.
John seufzte. „Mum spricht in ein Mikrofon", erklärte er. „Soetwas kennst du doch von Daddy, mh?"
Jordan nickte wieder eifrig.
Ihm ging endlich auf, daß die Angestellten des Partyservices jetzt schon seit einigen Minuten um sie beide herumgehen mußten und kam wieder auf die Beine.
„Dann laß uns einmal sehen, wie weit Mum jetzt ist", schlug er vor, verstärkte seinen Griff etwas, damit Jordan dieses Mal auch daran dachte, nicht wieder blindwütig loszurennen, um möglichst schnell zu Mummy zu kommen.
Die doppelflügelige Tür in den angrenzenden Saal öffnete sich automatisch, sobald sie die Bewegungsmelder passierten. Jordan warf ihm einen triumphierenden Blick zu, als hätte es gerade selbst diese Türöffner erfunden. Wahrscheinlich fühlte es sich an seine Heimat erinnert, die Stadt, in der es die letzten fünf Jahre aufgewachsen war.
„... Gefahr. Das Metamose-Verfahren birgt keine Risiken und ist auch nicht aus der umstrittenen Stammzellenforschung entstanden. Ich bin stolz darauf, daß dieses Verfahren jetzt in den ersten Kliniken angewendet werden kann und hoffe, daß sich der Einsatz für die gesamte Menschheit gelohnt hat. Ich danke Ihnen für Ihre Geduld."
Die weibliche, dunkle Stimme mit dem eigenartigen Akzent, den er immer noch nicht zuordnen konnte nach all den Jahren, verstummte, gerade als er zur Tribüne hinübersah.
„Mummy! Mummy!" Jordan winkte, doch er war sicher, sie würde es nicht sehen können. Also nahm er das Kleine auf den Arm und richtete sich ächzend auf.
„Du wirst mit jedem Tag schwerer", stöhnte er, gerade als sie zu ihnen hinübersah.
Wenn es überhaupt möglich war, strahlte sie noch mehr, als sie sie erkannte. In ihren braunen Augen leuchtete Stolz.
John fühlte selbst, wie sein Herz schwoll. Wie lange war es her, daß es ihm klar geworden war? Er wußte es nicht mehr genau, es mußte irgendwann um den Zeitpunkt herum gewesen sein, als sie beide Jordan zeugten. Seit damals hatte er immer wieder gehofft und gebangt, daß man endlich ihre wissenschaftliche Arbeit anerkannte, so wie man vorher die Kriegerin, zu der sie hatte werden müssen, anerkannt hatte.
Lange hatte es gedauert, und eigentlich war es eher ein Zufall gewesen, daß man im SGC über die Forschungen stolperte, die sie damals gemeinsam mit dem leitenden Arzt unternommen hatte, um ihre Verbündeten vor dem Tod zu retten. Und endlich hatte man erkannt, welchen Schatz die Zeit wirklich für sie alle preisgegeben hatte vor gut acht Jahren.
„Danke, Colonel Uruhk, vielen Dank." Ein älterer Mann, dem man den Wissenschaftler so deutlich ansah als hätte er sich dieses Wort mit einem Marker auf die Stirn geschrieben, war neben Vashtu auf das Podest getreten, applaudierte ihr jetzt.
John konnte es auf diese Entfernung zwar nur schätzen, doch er meinte, Vashtu sei tatsächlich vor Verlegenheit das Blut ins Gesicht geschossen. Jetzt jedenfalls senkte sie wie verschämt den Kopf und schüttelte dem anderen die Hand, ehe sie das Rednerpult verließ.
„Geht das um diese Spritze, die Onkel Pete und Mummy damals zusammengemischt haben, als Onkel Danea so krank war?" fragte Jordan.
John setzte sein Kind langsam wieder ab und nickte. „Stimmt, es geht um die Impfung, die Mum entwickelt hat. Damit hat sie nämlich auch auf der Erde schon einige Leben gerettet, weißt du?" Mit der Fingerspitze stupste er die kindliche Stupsnase an und grinste breit.
Jordan streckte ihm die Zunge heraus, kicherte dann aber haltlos los, als er mit einer Hand begann, es zu kitzeln.
Wenn er ehrlich war, er würde erst wieder richtig froh sein, wenn sie alle drei in ihrem Ferienhaus zurück waren. John fühlte sich einfach nicht mehr wohl in solchen menschlichen Großaufgeboten, wie er sie hier und jetzt wieder einmal antraf. Andererseits aber war Vashtu eingeladen worden zu dieser Genetikerkonferenz. Da die Daten sich überschnitten hatten und das ganze nur fünf Tage dauern sollte hatte er sich einverstanden erklärt, einen Teil ihres gemeinsamen Urlaubs zu opfern, ehe sie sich wieder auf die Suche nach einer passenden Schule für ihr Kind machten.
Das allerdings nagte ziemlich an Vashtu, wie er wußte. Sie wollte ihr Kind nicht weggeben, schon gar nicht auf der Erde lassen, während sie sich mindestens zwei Galaxien entfernt mit allerlei Feinden herumprügeln mußte, um zu verhindern, daß irgendjemand oder irgendetwas, was nicht hierher gehörte, auf Atlantis oder gar der Erde landete. Es fiel ihr ja schon schwer, Jordan einmal im Monat an ihn abzutreten. Das Kleine jetzt komplett auf der Erde zu lassen überstieg fast ihre Kräfte und ließ den Mutterinstinkt in ihr schlichtweg überkochen.
John mußte zugeben, ihm war auch nicht ganz wohl dabei, aber er wußte auch um die Notwendigkeit. Jordan sollte als normales Kind aufwachsen, oder doch zumindest als so gut wie ein normales Kind. Und um die Schulpflicht kamen sie alle drei nun einmal nicht herum. Die Air Force war schon mehr als kulant zu ihnen gewesen bisher, aber weiter konnten auch die eingeweihten Generäle nicht gehen. Jordan mußte zur Schule wie jedes Kind. Als kleines Bonbon wollte die Regierung eventuelle Ausgaben übernehmen. Man hatte ihnen sogar die Möglichkeit geboten, Jordan auf ein sündhaft teures Internat im Ausland zu schicken. Doch, da waren sie beide sich wirklich einig, das hatten sie abgelehnt.
„Oh, wenn das nicht die süße Maus ist, die ich schon so vermißt habe!" Vashtu kam von hinten auf Jordan zu und umarmte ihr Kind, um ihm einen schmatzenden Kuß auf den Hals zu drücken. „Was hab ich euch beide vermißt!" Unter ihrem Pony sah sie auf, und Johns Herz schmolz noch weiter wie Eiscreme in der Sonne.
„Wie war's? So schlimm, wie ich dachte?" fragte er und beugte sich vor, um seinerseits einen liebevollen Willkommenskuß zu erhalten. Mit der Hand streifte er Vashtus Arm als müsse er sich selbst davon überzeugen, daß sie wieder in seiner Nähe war.
„Es geht. Ich hätte nur nicht gedacht, daß etwas, was bei euch als 'junge Wissenschaft' bezeichnet wird, mit so vielen gesetzten Herren aufwartet." Sie verzog das Gesicht, sah dann zu Jordan hinunter. „Und was ist mit euch beiden? Was habt ihr denn heute erlebt, mh?"
„Wir waren bei ganz vielen Fischen", berichtete Jordan sofort wie aus der Pistole geschossen. „Aber der Mann meinte, das seien keine Fische, sondern Säugetiere."
John sah den irritierten Blick und zuckte mit den Schultern. „Seaworld", kommentierte er nur. „Ich hielt das für eine gute Idee."
Vashtu nickte, wurde dann aber ernst, im gleichen Moment, in dem er bemerkte, daß jemand hinter ihm stand.
„Dr. Uruhk?" fragte eine Stimme.
John überlief es eiskalt und Jordan verstummte, als es sein Gesicht sah. Die braunen Augen blickten ratlos.
„Mr. Sheppard, ich freue mich." Vashtu richtete sich wieder auf und schob den engen Rock, der zu ihrem Kostüm gehörte, zurecht.
„Ist das Ihre Familie?" erkundigte die Stimme sich.
John nahm wieder Jordans Hand, damit das Kleine nicht das Weite suchte und richtete sich langsam auf. „Hey, Dave", sagte er betont ruhig und gelassen, als er sich zu dem Mann umdrehte, der hinter ihm stand.
Dave Sheppards geschäftsmäßiges Lächeln gefror zu einer gequälten Grimasse.
„Vash, darf ich dir meinen Bruder vorstellen? Dave. Dave, das ist meine Lebensgefährtin Lt. Colonel Vashtu Uruhk und unser gemeinsames Kind Jordan", stellte er die unmittelbar Beteiligten einander vor.
Daves Augen glitten nach unten, zu Jordan, und starrten das Kleine einen Moment lang an, ehe er Vashtu musterte, schließlich dann wieder John. Ein abgehacktes, gekünsteltes Lachen brach aus seiner Kehle.
„Das ist ja eine Überraschung! John, wie lange ist das her?"
„Kurz nach Dads Trauerfeier", antwortete John kühl.
Vashtu schien aufzugehen, daß nicht alles so verlief, wie sie es vielleicht gehofft hatte. Aus den Augenwinkeln sah John, wie sie Jordans Hand nahm.
„Komm", sagte sie dann, „sehen wir einmal nach, was es leckeres am Buffet zu finden gibt."
Jordan folgte, starrte seinen unverhofft aufgetauchten Onkel aber weiter an, bis es zwischen den anderen Anwesenden verschwunden war.
„Das nenne ich eine Überraschung!" Dave sah den beiden kopfschüttelnd nach. „Aber ich hätte es mir denken können als ich 'Air Force' in ihrem Lebenslauf las und dann die gleichen Einträge fand wie bei dir." Mit kühlem Blick begegnete er nun John. „Gab es da nicht früher so eine Klausel zum Thema Untergebene bei der Armee?"
„Vashtu ist mir nicht unterstellt. Sie leitet ihre eigene Basis", antwortete John.
„Tja, aber mindestens einmal seid ihr zwei euch ja wohl über den Weg gelaufen, sonst hättest du dich ja nicht, wie heißt es in Genetikerkreisen?, reproduzieren können." Ein kühles Lächeln erschien auf Daves Lippen.
John trat drohend einen Schritt näher. „Ich kenne Vashtu schon lange, schon ehe sie der Air Force beitrat. Wir beide lieben uns."
Dave nickte. „Sicher", seine Stimme trof vor Sarkasmus. „Weiß sie über dich Bescheid?"
„Du kannst sicher sein, bis vor fünf Minuten wußte sie nicht einmal, daß Sheppard Inc. meine Familie ist. Es geht nicht ums Geld."
„Es geht immer ums Geld, John. Nur du willst das nicht begreifen." Dave sah zum Buffet hinüber und schüttelte den Kopf. „Sie hat sich doch nur schwängern lassen, um an unser Vermögen zu kommen. So sind die Frauen."
„Schließ nicht von deinem Bekanntenkreis auf meinen", entgegnete John sofort. „Laß Vashtu und das Kind in Ruhe, Dave. Die beiden haben nichts mit der ganzen Sache zu tun."
„Willst du mir damit sagen, ich soll mein Angebot zurückziehen? Dürfte für dich doch auch von Interesse sein. Immerhin geht das Gerücht, daß die brilliante Dr. Uruhk derzeit einige Sorgen hat, weil sie ihr Kind nicht länger an ihrem Stützpunkt aufziehen darf."
Johns Augen wurden schmal. „Du hast Erkundigungen über Vashtu eingezogen?"
Dave zuckte mit den Schultern. „Man tut was man kann, wenn es gut fürs Geschäft ist. Und eine Wissenschaftlerin, die einfach wie aus dem Nichts auftaucht mit einer lebensrettenden Impfung, noch dazu ganz respektabel aussieht und ein typisch weibliches Problem hat ... das ist gut fürs Geschäft. Zumindest, wenn dieses Geschäft Genelab heißt."
John atmete tief ein. „Seit wann investierst du in Gentechnik?" fragte er.
„Seit es Gewinn verspricht. Und deine Dr. Uruhk verspricht eine Menge Gewinn, wenn sie sich weiter so herrlich melken läßt wie bisher. Ist doch ganz einfach: Sie verläßt die Air Force, kommt nach Miami und übernimmt die Leitung von Genelab. Binnen Sekundenfrist dürften die Aktien der Firma in den Weltraum schießen, in den du ja immer so gern wolltest. Habe ich genug Gewinn gemacht, wird Genelab abgestoßen. Das alte Geschäft, und ich habe sogar noch etwas gutes getan." Er lächelte wieder kühl.
John mußte sich wirklich zusammenreißen, um seinem Bruder nicht seine Faust ins Gesicht zu rammen.
Dave sah wieder zum Buffet hinüber. „Allerdings ergibt sich jetzt eine etwas andere Konstellation. Es wird wohl nicht mehr so einfach sein, deine 'Lebensgefährtin' nebst Anhang zufrieden zu stellen wie ich dachte. Was glaubst du? Reichen ihr wohl zehn Millionen?"
John trat drohend einen Schritt näher. „Wage es ja nicht!" zischte er mühsam beherrscht. „Vashtu wird die Air Force nicht verlassen, das kann ich dir sogar schriftlich geben. Auch nicht für ihr Kind. Das wird schon allein Washington nicht zulassen. Also laß deine Finger von ihr und Jordan, ist das klar?"
„Jordan ..." Dave verzog das Gesicht, sah wieder in seine Augen. „Wie Dad es sagte: Du hast zuviel von unserer Muter geerbt. Das war schon immer dein Problem. Du denkst zu humanistisch." Damit drehte er sich um und verschwand in der Menge.
John mußte einige Male tief durchatmen, ehe er sich wieder halbwegs im Griff hatte. Kochend vor Wut sah er seinem Bruder nach und ballte immer wieder die Hände zu Fäusten. Erst nach einigen Minuten drehte er sich um, um nach seiner kleinen Familie zu suchen und zumindest noch etwas von dem zu retten, was er bis zu Daves Auftauchen empfunden hatte.

***

Als Mike Sheridan endlich die Tür zu dem Apartment aufschloß, in dem er gemeinsam mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Julie Bryant wohnte, erwartete ihn neben der Dunkelheit nur Schweigen.
„Julie?" rief er in dieses Schweigen hinein in der Hoffnung, sie sei vielleicht nur eingeschlafen. Immerhin hatte er noch etwas seinen kleinen Sieg über Caine gefeiert und sie sollte mittlerweile von ihrer Tätigkeit als Krankenschwester in einer kleinen Privatklinik draußen in den Everglades zurück sein.
Doch das Apartment war leer und unberührt, so wie sie beide es am Morgen gemeinsam verlassen hatten.
Mike sah sich mißmutig um und fühlte in sich den plötzlichen Drang, irgendetwas zu zerschlagen.
Dem Richter mochte er weis gemacht haben, daß er Julie nicht mehr verprügelte, der Wahrheit entsprach das nicht. Er war nur kleverer geworden und seine Aggressionsschübe traten nicht mehr so häufig auf wie früher. Die Therapie hatte insofern Früchte getragen, als daß er in ihrem Verlauf lernte, wie er sein Opfer so schlagen konnte, daß keine oberflächlichen Wunden oder Blutergüsse zurückblieben.
Der Alkohol aber, den er nach der erfolgreichen Verhandlung getrunken hatte, ließ seine Hemmschwelle bedenklich sinken. Wäre Julie jetzt hier, Mike hätte sie geschlagen, einfach um seine innere Wut und Frustration abzubauen.
„Verdammte Doppelschicht!" knurrte er schließlich, nachdem er sich überzeugt hatte, daß seine Lebensgefährtin tatsächlich nicht anwesend war. Wenn er diesen Dr. Sowieso mal in die Finger kriegen würde, er würde ihm schon etwas erzählen können zum Thema Neueinstellungen.
Mike wandte sich unwillig dem Küchentresen zu. Der Anrufbeantworter, ein Handy konnte er sich schon lange nicht mehr leisten, blinkte und zeigte gleich mehrere eingegangene Nachrichten an.
Mike ging hinüber und betrachtete die Anzeige, ehe er den Abspielmodus aktivierte und wartete.
„Mike?" hörte er dann Julies verzerrte Stimme. „Hör zu, es tut mir wirklich leid, aber, wenn du das hier hörst, dann hab ich es nicht zu der Verhandlung geschafft. Wir sind hier viel zu wenige, aber Professor Hehnenburgh kann einfach nicht mehr Leute einstellen. Du weißt ja, ich hatte auch schon wegen dir gefragt. Naja, jedenfalls komme ich nicht weg. Ich bringe uns dann etwas vom Chinesen mit, bye!"
Mike verzog wieder unwillig das Gesicht.
„Hey, ich bins noch einmal", meldete sich erneut Julies Stimme. „Du, hier ist irgendetwas eigenartig. Ruth kam vorhin vorbei und meinte, ich solle der Putzkolonne Bescheid geben wegen Zimmer 113. Ich war gerade selbst da und ... es ist leer! Dabei ist aber auch keine Anwendung oder Therapie eingetragen. Es ist, als sei die Patientin, diese Miss Doe, einfach verschwunden."
Mike stutzte.
Doe? Nannte man so nicht im allgemeinen Unbekannte, die ihren richtigen Namen nicht nennen wollten oder konnten?
„Mike? Wenn du da bist, dann geh bitte ran, ja?" Dieses Mal klang Julie verängstigt. „Mike, bitte. Ich glaube ... Mike, da stimmt was nicht. Zi..." Das Freizeichen ertönte.
Mike stutzte, beugte sich über den Anrufbeantworter und rief die Nachrichten erneut auf, mit dem selben Ergebnis.
Plötzlich war er nüchtern, doch er wußte nicht so recht warum. Er machte sich nur Sorgen um Julie und verstand nicht, warum das letzte Gespräch so abrupt endete.
Morgen, beschloß er, morgen würde er zur Polizei gehen. Wenn dieser Caine ihm schon nicht mehr nachstellen konnte, dann sollte er sich zumindest nützlich machen.

***

Vashtu kam auf die Terrasse hinaus und begann zu lächeln, als sie John sah, der in der Hollywoodschaukel saß und diese mit seinen langen Beinen langsam vor und zurück schwenken ließ.
„Jordan schläft jetzt", berichtete sie schließlich nach einigen Minuten, in denen sie ihn nur stumm beobachtet hatte, wie er den Abendhimmel betrachtete und ab und an an dem Weinglas nippte, das er in einer Hand hielt. „Aber erst mußte mir natürlich alles zum Thema Delphine und Wale erzählt werden, einschließlich einer groben Einschätzung, ob eine solche Spezies auf Nirana leben könnte."
John hielt die Schaukel mit den Beinen auf, damit sie sich neben ihn setzen konnte. Zärtlich legte er den freien Arm um sie und ließ es zu, daß sie sich an ihn kuschelte, wie sie es so gern tat.
„Und zu welchem Ergebnis ist Jordan gekommen?" erkundigte er sich amüsiert.
„Daß es wohl eher unwahrscheinlich ist", antwortete Vashtu und sog seinen männlichen Duft tief in ihre Lungen. „Ich dachte, ich erzähle besser nichts von Rodneys Walen auf Lantea."
John lachte leise, nippte dann an einem Weinglas. „Seaworld war wohl ziemlich aufregend", bemerkte er.
Vashtu nickte, kuschelte sich an seine Brust und schloß kurz die Augen, während er mit seiner freien Hand sanft ihren bloßen Arm streichelte. „Du darfst nicht vergessen, Jordan kommt von einer Welt, auf der eine Eiszeit herrscht", bemerkte sie schließlich. „Und dann siedelte die Stadt auf einen anderen Eisplaneten um. Jordan staunt über jedes tierische Leben."
„Ihr sucht euch aber auch immer eigenartige Plätze aus für Vineta", kommentierte er trocken und erntete einen liebevollen Rippenstoß. „Na, ist doch so! Wir suchen für Atlantis zumindest noch Wasserplaneten", verteidigte er sein Argument.
„Wenn ich Vineta auf einem Wasserplaneten landen wollte, bräuchten wir zu allererst eine Taucherglocke. Unser Schutzschild würde das nicht schaffen. Dazu ist er nicht konzipiert. Vineta würde untergehen." Vashtus Blick fiel auf das schnurlose Telefon, das auf dem Gartentisch neben der Schaukel lag. „Hast du George erreicht?" fragte sie daraufhin das Thema wechselnd.
John schüttelte den Kopf. „Der Verwalter war dran und meinte, er sei noch mindestens bis Ende der Woche in Colorado. Als ich im SGC anrief, wußte keiner etwas."
Vashtu seufzte und schüttelte über sich selbst den Kopf. Sie hatte es schlichtweg vergessen, und jetzt war es ein bißchen spät, den Urlaub noch umzudisponieren.
„Mh?" machte John fragend.
„Lauries Todestag", sagte sie daraufhin einfach. „Ich hatte nicht mehr daran gedacht. George zieht sich immer zurück in dieser Zeit. Ich denke, die Erinnerungen an seine Familie stürzen dann auf ihn ein und er will deshalb für sich sein. Trauer läßt sich schlecht teilen."
„Das wußte ich nicht." Johns Stimme klang dumpf. Unbewußt drückte er sie fester an sich.
Vashtu ließ es nur zu gern zu und schloß die Augen, um „ihrer" Toten zu gedenken für einen Moment, ehe sie zu dem kommen wollte, was sie eigentlich belastete, seit sie die Konferenz verlassen hatten.
„Ich weiß, du redest nicht gern über deine Familie", begann sie schließlich zögernd. „Und du weißt, daß ich normalerweise nicht fragen würde. Aber Dave Sheppard hat die Konferenz ausgerichtet, genauer gesagt der Firmenverband, dem er vorsteht. Ich möchte ungern zwischen die Fronten geraten bei euch beiden. Immerhin geht es dabei nicht allein um meine Arbeit. Aber ich denke, auch Jordan hat ein Recht darauf zu erfahren, was da zwischen euch ist."
Sie fühlte, wie John sich anspannte, er vielleicht wirklich einen Moment lang von ihr abrücken wollte, ehe er aufgab. Den Kopf hatte er wieder erhoben, doch jetzt starrte er blicklos auf das letzte schwache Licht des Tages, das sich immer mehr gegen die hereinbrechende Nacht verlor.
„Meine Familie ... Das ist eine lange und traurige Geschichte. Wir sollten es bei der Kurzfassung belassen", berichtete er endlich dumpf. „Dave und ich sind die klassischen Gegensätze. Nicht alle Geschwister passen so gut zueinander wie du und Enkil, oft genug gibt es Reibereien. So wie bei Dave und mir." Er verzog kurz den Mund und seufzte. „Sagen wir, ich bin aus der Art geschlagen, während Dave eigentlich der sheppardsche Vorzeigesohn ist, nur hat das unser Vater nicht immer so gesehen. Ich kam mehr nach unserer Mutter und rebellierte früh. Dave hat das nie getan. Er war immer der folgsame Sohn."
„Und dir hält er jetzt deine Individualität vor?" fragte Vashtu leise.
John blinzelte, schüttelte dann den Kopf. „Nein, eigentlich ... Ich bin damals fortgegangen, zur Air Force, und wollte mir meinen Traum erfüllen. Dave dagegen stieg in das Familiengeschäft ein und wurde schließlich zur rechten Hand unseres Vaters. Ich hatte lange keinen Kontakt mehr ... bis unser Vater starb."
„Kein besonders schöner Anlaß, sich wieder zu begegnen ..." Vashtu fühlte Mitleid in sich aufkommen für die beiden Brüder, denen das Schicksal bisher wohl keine echte Chance eingeräumt hatte.
John zuckte hilflos mit den Schultern. „Damals gerieten wir wieder in Streit, allerdings dachte ich am Ende, wir hätten zumindest einen Waffenstillstand geschlossen."
„Und warum fällst du ihn dann an wie ein hungriger Devi?"
John schmunzelte wider Willen und senkte den Kopf. Langsam drehte er sich zu ihr um und sah sie an. „Vash ..."
Die Antikerin lächelte und ließ es zu, daß er sie zärtlich mit dem Handrücken über die Wange strich. In seinen Augen stand ein tiefer Schmerz zu lesen, den sie nur sehr selten gesehen hatte.
„Wie weit würdest du für Jordan gehen?" fragte er schließlich leise.
„Du weißt, wie weit ich gehen würde", antwortete Vashtu fest. „Du hast es bereits erlebt. Ich opfere mein Leben für Jordan, wenn ich dazu gezwungen werde."
Er sah sie immer noch an. „Es wird schwer werden für euch beide, wenn Jordan auf der Erde zur Schule geht und du zurückkehrst nach Vineta. Ihr werdet euch wochenlang nicht sehen können", fuhr er fort.
Ja, davor fürchtete sie sich, mußte Vashtu zugeben. Vor dem Moment, an dem sie begreifen mußte, daß Jordan eben nicht in ihrem gemeinsamen Quartier wartete oder mit den Erethianer-Kindern zusammen wieder irgendeinen Unsinn ausheckte. In dem Moment, in dem ihr Kind eben nicht mehr nur einen Ruf entfernt sein würde, sondern weit, weit fort auf der Erde.
„Ich habe Jordan dazu erzogen, auch allein zurechtzukommen. Ich denke, das wird auch klappen", antwortete Vashtu ausweichend.
John nickte. „Ich weiß, daß Jordan selbstständiger ist als die meisten anderen Fünfjährigen. Darum geht es auch nicht." Er sah sie immer noch an und holte tief Atem, ehe er fragte: „Wenn man dir eine Stelle hier auf der Erde anbieten würde, vornehmlich da, wo auch Jordan zur Schule gehen wird, würdest du Vineta verlassen?"
Vashtu begriff endlich. Langsam aber unmißverständlich schüttelte sie den Kopf. „Nein", antwortete sie. „Ich wäre sicherlich versucht und würde darüber nachdenken, aber ich kann nicht weg aus Vineta. Wir wissen immer noch nicht, wie die Stadt reagiert, wenn der Steuerkristall entfernt würde. Außerdem ... auch wenn wir das Bündnis mit dem Wächtervolk geschlossen haben, herrscht immer noch Krieg mit den Devi, ganz zu schweigen von der herandämmernden Bedrohung durch die Asuraner. Was die Stadt vielleicht selbst noch unter Verschluß hält, daran denke ich jetzt besser gar nicht. Ich würde nicht gehen, sicher nicht."
John nickte, kniff die Lippen aufeinander und schien nachzudenken. Dann sah er ihr wieder in die Augen. „Dave will dir den Chefsessel bei Genelab anbieten", erklärte er dann endlich.
Vashtus Augen weiteten sich.
Genelab? Das war eine noch junge, aber schon recht erfolgreiche Firma mit Hauptsitz hier in Miami, die sich vornehmlich mit der Stammzellenforschung beschäftigte. Seit man in der Fachwelt von ihr Notiz nahm, spähte auch sie ab und an über den Tellerrand und hielt sich auf dem Laufenden. Also war ihr selbstverständlich auch Genelab nicht entgangen. Die Firma hatte in den letzten zwei Jahren einige interessante Patente angemeldet und fuhr keinen schlechten Gewinn ein. Genug zumindest, um eine Privatklinik mit angeschlossenem Labor finanzieren zu können.
Vashtu rief sich zur Ordnung, schüttelte erneut den Kopf. „Dann sollte Dave besser zuhören und sich informieren. Genelab arbeitet mit genau den Verfahren, die ich ablehne. Ich würde einen Teufel tun und es mir ausgerechnet dort gemütlich machen." Sie runzelte die Stirn. „Allerdings war mir neu, daß der Name Sheppard im Zusammenhang mit Genelab genannt wird", fügte sie dann hinzu.
„Wird er auch nicht." John lehnte sich wieder zurück und blickte in den Himmel hinauf. „Womit mein Großvater bereits seine erste Million verdiente ist der Ankauf und das Abstoßen von anderen Firmen, teils mit, teils ohne Sanierung. Damit ist sehr viel Geld zu machen, wenn man gut darin ist. Und Dave ist gut, er hat von meinem Vater gelernt, und der war schon ein verdammter Fuchs, wenn es ums Geschäft ging."
Vashtu verstand. „Dave will mich hierher locken, weil ihm das Gewinn beim Verkauf von Genelab verspricht", schoß sie ins Blaue.
John nickte, nippte endlich wieder an seinem Wein. „Genauso ist es", sagte er, nachdem er geschluckt hatte. Langsam drehte er den Kopf und sah sie erneut an. „Und darum möchte ich dich bitten, dich in dieser Hinsicht auf nichts einzulassen, Vash. Dave hat genug Geld, er muß dich nicht noch unglücklich machen."
„Das wird er so schnell nicht schaffen, glaube mir." Vashtu lächelte, schob und sich wieder näher an ihn heran, um sich an ihn zu kuscheln. „Ich hoffe, daß George Jordan nehmen kann, dann wird es nicht ganz so schwer. Aber zurück auf die Erde? Nur um Urlaub zu machen."
Sie schloß die Augen und fühlte, wie John sie wieder an sich drückte und meinte, ein leises Danke über das Rauschen der Wellen gehört zu haben.

***

Zimmer 113:

Als sie zu sich kam, fühlte sie als erstes den Schlauch, den man ihr in die Luftröhre eingeführt hatte. Als sie die Augen öffnete, erdrückte die Finsternis sie beinahe, wurde dann aber abgelöst durch einen Lichtstrahl, als sich langsam die Tür öffnete.
Man hatte sie ans Bett fixiert, ging ihr auf, als sie ihre Augen mit der Hand schützen wollte wegen des plötzlich aufleuchtenden Lichtes. Geblendet wandte sie den Kopf, so weit der Beatmungsschlauch dies zuließ.
„Julie, Julie, Julie ..." seufzte eine Stimme.
Julie Bryant hob ruckhaft den Kopf, starrte die Gestalt an, die sich langsam über sie beugte.
„Man sollte nie zu neugierig sein, wissen Sie?" erklärte die Stimme.
Eine Nadel stach in ihren Arm.
Julie nahm all ihren Mut und ihre Kraft zusammen und begann sich zu winden.
„So oder so, es wird nicht besser, wenn Sie sich wehren. Im Gegenteil sollten Sie stolz darauf sein, Teil eines ganzen zu werden, dessen letztendliches Ergebnis die Welt aus den Angeln heben wird", erklärte die Stimme des Schattenrists über ihr. Sie fühlte, wie ihr etwas injiziert wurde.
„Bleiben Sie ruhig, Julie", sagte die Stimme. „Sie werden der Triumpf sein nach all den Fehlversuchen. Ich fühle, ich bin der Lösung nahe."
Dann verschwamm die Welt wieder und ihr Bewußtsein sank tief unter die Oberfläche ...

TBC ...
(Kommentare, wie immer, willkommen)

01.08.2009

Das Artefakt VII

Aufzeichnung eines Funkkontaktes zur ehemaligen Atlantis-Basis, weitergeleitet via Daedalus (Übersetzung von Dr. Daniel Jackson):

Helia: Ich hörte, du würdest noch leben. Ich konnte es nicht glauben, aber dieser Mr. Woolsey sagte es mir während der Verhandlungen.
Vashtu: Verräter!
Helia: Oh, du weißt also bereits, was ich von dir will. Erstaunlich ...
Vashtu: Oh nein, ich bin keine Verräterin, Verehrteste. Leider hat Moros mich vergessen, nachdem endgültig beschlossen wurde, Lantia aufzugeben. Dummerweise konnte ich überleben. Ob er sich vielleicht verrechnet hat ... ?
Helia: Wie kannst du es wagen, du ... du ...
Vashtu: Sprich dich ruhig aus, Schätzchen.
Helia: Ich werde veranlassen, daß du so schnell als möglich ausgeliefert wirst, Vashtu Uruhk. Ich werde dich auf keinen Fall auf einem Planeten mit den Tauben lassen. Wer weiß, was du unter ihnen noch anrichten wirst!
Vashtu: Frag Woolsey, der kann dir die eine oder andere Schote erzählen. Und Auslieferung klingt gar nicht gut. Helia, wie wärs mit einem Powerdrink, der regt dein Hirn vielleicht ein bißchen an. Es gibt nicht mehr viele von uns. Wir sollten mit den Menschen zusammenarbeiten statt uns zu vergraben.
Helia: Die Argumente der Familie Uruhk klingen selbst nach zehntausend Jahren noch ignorant und zu einfach. Wir werden die Bedrohung bekämpfen, die die Tauben offensichtlich auch nicht in den Griff bekommen haben.
Vashtu: Upps!
Helia: Was?
Vashtu: Höre ich da einen gewissen „ich brauche deine Ergebnisse"-Unterton heraus?
Helia: Ich brauche deine Ergebnisse nicht, Vashtu Uruhk. Falls du es vergessen hast, ich besitze die uneingeschränkte Macht über Lantia.
Vashtu: Dumm nur, daß ich die Paßwörter für die wichtigen Bereiche geändert habe ...
Helia: Du bluffst!
Vashtu: Laß es drauf ankommen. Du kriegst weder meine Ergebnisse noch die Unterlagen von Janus oder meines Vaters. Das einzige, was ich dir ans Herz lege sind die delikaten Moose, angereichert mit der DNA einiger artfremder Spezies. Du darfst also die Hungernden speisen, aber mehr auch nicht.
Helia: Lantia ist auch deine Heimat.
Vashtu: Sekunde, laß mich das jetzt bitte genießen, ja?
Helia: Was genießen?
Vashtu: Den Moment, bevor du mich auf Knien anflehst, die Therapie offenzulegen.
Helia: Du irrst dich.
Vashtu: Schätzchen, vertrau mir, da muß schon ein wenig mehr kommen als das, was du bisher vorgebracht hast. Ich erwarte mindestens eine Entschuldigung.
Helia: Darauf allerdings wirst du lange warten müssen. An meiner Meinung hat sich nichts geändert.
Vashtu: Weißt du was? Ich hab das gewußt. Echt, ich hab das wirklich gewußt. Und genau darum habe ich die Erde um Hilfe gebeten. Und aus genau diesem Grund bin ich jetzt auf Thera und du hockst in Lantia und kochst im eigenen Saft. Dumm gelaufen, Helia.
Helia: Die Tauben werden schon noch verstehen, daß sie jemandem wie dir nicht trauen können. Du bist besser dort aufgehoben, wo du offensichtlich ausgebrochen bist. Und sollte sich bestätigen, was du ...
(undeutliche Stimmen im Hintergrund)
Vashtu: (alarmiert) Sag mir nicht, daß da gerade ein Asuranerschiff auf Lantia zufliegt.
Helia: Unsere erste Waffe gegen die Wraith trifft ein, du hast recht. Und ich bin zuversichtlich, daß sie, kombiniert mit der zweiten, einiges bewirken wird. Wir waren schon immer die Überlegenen, Vashtu Uruhk. Daran hat auch die offensichtliche Vermischung unseres Blutes mit Tauben wenig geändert.
Vashtu: Okay, jetzt laß uns unsere Meinungsverschiedenheiten mal hintenanstellen. Mit einem hast du recht: Lantia IST meine Heimat - und die wüßte ich gern in EINEM Stück. Also blas diese Sache ab! Laß die Asuraner um aller Weisheit Willen nicht näher an den Planeten heran!
Helia: Glaubst du etwa immer noch die Spukgeschichten, die die Alten uns früher erzählten? Vashtu Uruhk ...
(wieder undeutliche Stimmen im Hintergrund, dann bricht das Gespräch ab)
Vashtu: Helia? Helia? Sag mir jetzt nicht, du hast die Asuraner durchgelassen. Helia?

***

SGC, vier Wochen später:

„Gott sei Dank ist Ihnen nichts passiert, Jack!" Landry atmete auf und lehnte sich zurück.
O'Neill winkte ab. „Nachdem ich von Sheppard gehört habe, daß er nur mit einer Handvoll Leute gekommen war, war mir klar, daß wir da lebend rauskommen würden", erklärte er lässig und setzte sich leise stöhnend. „Die Knochen werden auch immer älter", bemerkte er dabei.
Landry nickte, klopfte nachdenklich mit den Fingern einen Takt auf eine Akte. „Was machen wir jetzt mit Sheppard? Eigentlich müßte die Air Force ihn rausschmeißen. Er hat eine klare Befehlsverweigerung begangen."
„Hab ich öfter, ist nicht so dramatisch, wie es sich anhört." O'Neill grinste breit über die Miene, die sein Gegenüber zog. „Nein, nein, ich werde mein Gewicht in die Waagschale werfen - und ich schätze, auch der gute Woolsey wird mitziehen, denn ich weiß etwas über ihn, was ihm ziemlich peinlich ist." Wenn möglich, wuchs das Grinsen noch ein bißchen in Richtung Ohren. „Sheppard ist genau da richtig, wo er sich jetzt herumtreibt. Lassen wir ihn auf Atlantis. Der Junge muß dort erst einmal ein bißchen aufräumen, ehe er sich wieder einnisten kann."
Landry schob die eine Akte zur Seite, zog statt dessen eine zweite heran und fuhr fort, den Takt zu klopfen.
O'Neill lugte kurz auf den Aktendeckel. „Gehe ich recht in der Annahme, daß es sich bei diesen Unterlagen um die Akte von jemand bestimmten handelt?" erkundigte er sich dann.
Landry nickte ernst und stumm.
O'Neill betrachtete die Akte nachdenklich.
„Die Frage bleibt: Was machen wir mit ihr?"
O'Neill setzte sich auf. „In Vegas hat sie doch recht gute Arbeit geleistet", merkte er dann an.
„Dank ihr ist die Lagerhalle abgebrannt", entgegnete Landry.
„Was noch zu beweisen wäre. Soweit ich weiß, haben sich alle Beteiligten an diesem Einsatz, einmal abgesehen von Mitchell, positiv über ihre Leistung geäußert." O'Neill runzelte die Stirn. „Sagen Sie, Hank, was bahnt sich da eigentlich zwischen Mitchell und ihr an? So wie er über sie wettert, sieht das beinahe nach Kleinkrieg aus."
Landry zuckte mit den Schultern. „Meines Wissens macht Mitchell sie für das Fiasko bei seiner zweihundertsten Tordurchschreitung verantwortlich", erklärte er dann endlich. „Sagen wir, sie zumindest hat sich wirklich sehr amüsiert über Ihren Filmfreund und die Tatsache, daß Mitchell und die anderen sehr lange hier festsassen. Sie arbeitete mit Carter und Walter zusammen an dem Problem vom Kontrollraum aus."
„Sie kennt sich aus mit Tortechnik ..." O'Neill nickte, als er sich erinnerte. „Das tat sie schon, als sie damals hier durchkam und ich sie befragte."
„Ich habe SG-15 neu koordiniert", wechselte Landry das Thema. „Collins ist jetzt Leader. Allerdings weiß ich nicht, was passiert, wenn wir sie wieder von der Leine lassen. Collins ist ein Chauvinist ..."
O'Neill betrachtete die Akten auf dem Schreibtisch mit geschürzten Lippen.
„Was denken Sie?" wandte Landry sich an ihn.
„Wir haben doch jetzt ein führerloses Team", platzte es unvermittelt aus O'Neill heraus. Grinsend wie ein Schuljunge nach einem gelungenen Streich lehnte er sich zurück. „SG-27 braucht einen neuen Anführer. Warum nicht Uruhk?"
Landry bekam große Augen. „Sie gehört nicht zum Militär!"
O'Neill zuckte lässig mit den Schultern. „Daran arbeite ich. Bis dahin ... da war doch dieser alte Haudegen, den nichts aus der Ruhe brachte ..."
„Dorn aus SG-9? Der wollte doch in Pension, jetzt, nach allem, was passiert ist."
„Vielleicht will er aber eben gerade jetzt nicht mehr, sondern sich vielmehr ablenken", entgegnete O'Neill. „Ich rede mit ihm. Dorn ... genau, der einsilbige Dorn. Könnte Uruhk als Leader unterstützen und gleichzeitig ausbremsen, wenn sie zu übermütig wird. Immerhin ist er schon seit Anfang an mit dabei hier unten. Er kennt sich aus."
„Wenn Sie ihn überreden zurückzukommen." Landry zuckte mit den Schultern, allerdings sah er nicht recht glücklich über diese Lösung aus.
„Wer ist noch dabei?"
„Wallace und dieses Nachwuchsgenie Babbis, der aufgrund von Carters Empfehlungen hierher versetzt wurde. Vorher war er in der AREA 51. Hat bei der Prometheus damals gute Arbeit geleistet, ist allerdings kaum teamfähig und absolut nervig. Manche behaupten, er erinnert an McKay."
O'Neill schmunzelte. „Dann hat sie ihren Aushilfs-McKay. In AREA 51 haben die beiden in den letzten Wochen für einige Unterhaltung gesorgt, wie man so hört. Allerdings haben sie auch verdammt gute Arbeit abgeliefert."
„Wie Sie meinen, Jack. Aber wenn die vier die Milchstraße auseinandernehmen und die Ori erst recht verärgern beschweren Sie sich nicht bei mir."
„Man könnte meinen, Sie mögen Uruhk nicht ..." O'Neill grinste wieder breit. „Da allerdings habe ich andere Dinge gehört. Angeblich klebt sie doch geradezu wie eine Klette an Ihnen, wenn sie hier ist. Und so ganz unangenehm ist Ihnen das auch nicht, oder?"
Landry stieg tatsächlich das Blut ins Gesicht. „Sie ist ... ein interessanter Zeitgenosse", gab er schließlich zu.
„Dann ist ja alles geklärt." O'Neill grinste breit.
Noch waren zwar nicht alle Schlachten zu diesem Thema geschlagen, aber er war mit seinen Favoriten doch ein Stück näher an seinen persönlichen Sieg. Wäre doch gelacht, wenn er den Rest nicht auch noch schaffen würde. Vor allem, da Woolsey im Moment doch recht handzahm sein sollte ...

***

Las Vegas, am Strip, am Abend des selben Tages:

Grissom schlenderte mit beinahe träumerischer Geduld die belebte Straße hinunter und beobachtete das Geglitzer und Gewimmel um sich her. Die Menschen waren fröhlich, sie lachten und unterhielten sich. Kaum jemanden hier war bewußt, daß diese Stadt auch eine dunkle Seite in sich trug. Eine gefährliche, dunkle Seite.
Grissom zwang sich, nicht mehr an das zu denken, was vor knapp einem Monat geschehen war. Die Fakten wurden ihm ohnehin vorenthalten. Dennoch ärgerte es den Kriminalisten in ihm, wenn er sich daran erinnerte, wie ihm der gesamte Fall durch das Militär entzogen wurde und plötzlich unter präsidialer Sicherheitsstufe stand. Selbst der Brand in der Lagerhalle hatte nicht durch die dafür zuständigen Sachverständigen geklärt werden dürfen, geschweige denn, daß die Verletzten damals in einer der städtischen Kliniken behandelt wurden. Die Schüler der Kennedy-High, die noch in die Sache involviert worden waren, waren nach zwei Tagen munter wieder aufgetaucht und hatten sich in Schweigen gehüllt.
Wie mochte es wohl dem interessanten Trio ergangen sein, dem er sich hatte entgegenstellen müssen?
Grissom schmunzelte, dann aber wurde er auf eine schlanke Gestalt in einer braunen Fliegerjacke aufmerksam, die am Straßenrand stand und aufmerksam die Achterbahn beobachtete.
Hatte er nicht gehört, sie sei schwer verletzt worden bei dem Feuer? Hatte sie nicht gemeinsam mit diesem Colonel Sheppard noch mehrere Männer aus den Flammen gerettet, ehe der Brand hatte unter Kontrolle gebracht werden können?
„Miss Uruhk?"
Grissom konnte es kaum glauben, doch sie war es tatsächlich, die sich zu ihm umdrehte und ihn einen Moment lang ohne sichtliches Erkennen musterte. Dann aber begann sie verlegen zu grinsen. „Mr. Grissom ... Guten Abend." Sie nickte, ihr kurzes schwarzes Haar wippte leicht.
Grissom musterte sie von Kopf bis Fuß, doch da war absolut gar nichts auszumachen von Wunden oder gar Narben. Wenn überhaupt, dann lag ein gewisser, ernster Zug um ihren Mund, den sie damals nicht gehabt hatte. Möglicherweise, so kam es ihm in den Sinn, lag es ja an ihrer irisierenden Haut. Vielleicht war sie dadurch widerstandsfähiger oder Wunden heilten schneller.
„Ich hörte, Sie seien verletzt worden, als Sie noch einige Ihrer Männer aus dem brennenden Lagerhaus holten", wandte er sich schließlich an sie. Bedauernd dachte er dabei an die Zellproben, die von der Air Force ebenso wie alles andere beschlagnahmt worden war. Sicher wäre es interessant gewesen, mehr über sie herauszufinden ...
Uruhk atmete tief ein, stieß dann die Luft durch geblähte Nasenflügel wieder aus und betrachtete die Achterbahn. „Eine leichte Rauchvergiftung", antwortete sie ausweichend und verzog das Gesicht.
Sie lenkte ab und log, wie bereits damals.
Grissom kämpfte kurz mit sich selbst, dann aber entschied er sich und stellte sich neben sie, um seinerseits die Achterbahn genau mit den Augen zu inspizieren. „Und Ihr Colonel Sheppard? Wie geht es ihm?"
Dieses Mal war das Lächeln voller Stolz und ihre dunklen Augen schienen zu leuchten. „Er ist zurückgekehrt zu der Basis, die eigentlich hatte aufgegeben werden sollen. Jetzt leitet er sie wieder", antwortete sie. Der Stolz und die Freude waren immer noch da, aber auch ein gewisser Schmerz, dessen sie sich wahrscheinlich selbst nicht bewußt war.
Grissom nickte. „Und Colonel Mitchell?"
„In Colorado ... ebenso wie ich, ab morgen." Wieder dieser schüchterne Blick, den sie schon damals ab und an gezeigt hatte. „Meine letzte Nacht in Las Vegas sozusagen. Da wollte ich mir einmal die Stadt richtig ansehen. Durch die ganze Arbeit draußen in Groom Lake bin ich noch gar nicht dazu gekommen, Las Vegas kennenzulernen."
Grissom nickte verständnisvoll. „Und? Gefällt es Ihnen?"
Etwas hilflos zuckte sie mit den Schultern. „Ich verstehe den Sinn hinter den ganzen Glücksspielen nicht so recht", gestand sie. „Aber ich mag die Lichter."
Grissom schmunzelte. „Die meisten Touristen, die herkommen, würden Ihnen wahrscheinlich einen sehr langen Vortrag über das Glück halten, dessentwegen sie die Casinos aufsuchen. Leichtes Geld, schnell verdient, und ein bißchen Nervenkitzel."
„Nervenkitzel hatte ich in den letzten Wochen mehr als genug, danke. Die Air Force bezahlt mich nicht schlecht und Glück ... ist sehr wankelmütig und unzuverlässig."
Diese Antwort überraschte Grissom nun doch.
Uruhk blickte in den Himmel hinauf. „Von hieraus kann man kaum Sterne sehen. Draußen in der Wüste ist das anders."
Grissom folgte ihrem Blick und mußte ihr recht geben. Dabei ging ihm auf, daß er schon lange nicht mehr in den Himmel hinauf gesehen und die Sterne betrachtet hatte.
Uruhk seufzte, senkte den Kopf wieder und sah ihn an. „Es tut mir leid, wie es damals gelaufen ist, Mr. Grissom. Wenn es anders wäre ..."
Er nickte. Er verstand. Und plötzlich überkam ihn eine ihm wohlbekannte Lust. „Als Wiedergutmachung könnten Sie mich begleiten, Miss Uruhk", schlug er vor und nickte zur Achterbahn. „Eine Runde?"
Sie drehte sich wieder um und betrachtete das Gestänge. „Was ist das für ein Gefährt?"
Irgendwie, ging ihm auf, wunderte es ihn so gar nicht, daß sie nicht wußte, was eine Achterbahn war. Es paßte zu der Vashtu Uruhk, die er vor vier Wochen kennengelernt hatte. Wenn er es nicht besser wüßte, er könnte beinahe annehmen, in ihr wirklich einem Alien gegenüberzustehen - zumindest aber einem sehr interessanten Menschen ...
„Eine Achterbahn. Ich habe mir sagen lassen, es habe etwas vom Fliegen, darin mitzufahren. Ich tue es gern, wenn ich zuviele Sorgen habe, um meine Gedanken für kurze Zeit hinter mir zu lassen. Lassen Sie sich einfach überraschen", antwortete Grissom mit einem Lächeln und machte eine einladende Geste.
Vashtu Uruhk sah ihn noch einmal kurz forschend an, dann nickte sie stumm und ließ sich weiterführen. Und Grissom hatte das Gefühl, sie verstand ihn besser als die meisten anderen, wenn er auch nicht sagen konnte, warum.
„Wußten Sie eigentlich, daß Sie sehr interessante Hautzellen haben, Miss Uruhk?"

ENDE