14.09.2009

Vashtu III

Zwei Tage später

Sheppard führte Vashtu in die Kantine. Sofort, nachdem sie den Raum betreten hatten, herrschte Schweigen. Alle starrten sie beide an, teils neugierig, andere sogar feindselig. Er ließ sich nichts anmerken, doch er spürte, wie Vashtu sich unwillkürlich versteifte. So führte er sie zu einem Stuhl, drückte sie mit sanfter Gewalt darauf nieder.
„Ich hole uns einen Kaffee", sagte er, zwinkerte Johnson, dem Marine, der zu ihrer Bewachung abkommandiert war, zu.
Überdeutlich spürte er noch immer die Blicke auf sich, zwang sich, sich ganz normal zu geben. Je mehr er sich anmerken ließ, daß ihm unwohl war, desto länger würde dieser Zustand andauern. Und er hatte vor, so schnell wie möglich zur Routine zurückzukehren - natürlich mit Vashtu.
Er nahm zwei Tassen und stellte sie vor sich. In eine füllte er soviel Kaffee, wie er mochte, dann stellte er die Kanne zur Seite und goß die zweite halbvoll Milch, ehe er sie mit der braunen Brühe auffüllte, noch etwas Zucker dazugab.
„Nanu, Colonel, ich wußte gar nicht, daß Sie Ihre Milch neuerdings mit Kaffee trinken", sagte plötzlich eine bekannte Stimme neben ihm.
Sheppard warf einen halben Blick zu seinem Nachbarn. „Rodney, die Stadt wieder in die richtige Position gebracht inzwischen?" Freundlich lächelnd wandte er sich ab und kehrte zu Vashtu zurück.
„Was ist das?" fragte sie, als sie die Tasse nahm.
„Das Geheimnis der ewig wachenden Führungskräfte: Kaffee. Für dich nicht ganz so stark. Du sollst ihn ja erst einmal kennenlernen." Er ließ sich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder, blickte zu Johnson hoch, der hinter ihr stand. „Na los, wir beißen uns schon nicht, solange Sie sich auch eine Tasse holen." Auffordernd nickte er zur Theke hinüber.
Johnson nickte dankbar und ging nun seinerseits hinüber.
„Ist das etwa unser Besuch aus der Vergangenheit?" fragte McKay, der Sheppard gefolgt war.
Vashtu starrte in ihre Tasse. Noch hatte sie nicht probiert.
Sheppard blickte fragend auf. „Haben Sie nicht noch etwas zu tun, Rodney?"
McKay ließ sich neben ihm auf einem Stuhl nieder. „Wie ich hörte, haben Sie unseren militärischen Leiter ja sehr in Beschlag genommen."
Vashtu blickte unter ihren Wimpern hervor auf, musterte McKay einen Moment lang, ehe sie den Blick wieder senkte. „Es ist seine Entscheidung, Dr. McKay, wenn ich mich nicht irre."
Johnson kehrte zurück, pustete in seine Tasse, aus der heißer Dampf aufstieg.
Sheppard registrierte erleichtert, daß einzelne Gespräche an den anderen Tischen wieder aufgenommen wurden. Sie waren also nicht mehr die Attraktion.
„Ich habe mir übrigens Ihr ... Labor angesehen. Was für eine Wissenschaft haben Sie denn ausgeübt? Computerspezialist kann es ja nicht gewesen sein", fragte McKay munter weiter.
Vashtu nahm nun endlich einen Schluck, stellte die Tasse dann mit ausdruckslosem Gesicht auf den Tisch.
„Sie war so etwas wie eine Genetikerin, Rodney", antwortete Sheppard für sie.
„Ach ja?" McKay musterte Vashtu mit hochgezogenen Brauen.
„Ja, genau das", murmelte sie endlich, blickte wieder auf, fixierte den Blick des Wissenschaftlers. „Ich weiß, was Sie denken, Dr. McKay. Ich habe mehrere Ihrer Protokolle gelesen."
McKay lächelte.
„Sie sind auf dem falschen Weg", fügte sie noch hinzu.
McKays Lächeln verschwand wie ausradiert. „Ich wüßte nicht, was meine Protokolle Sie angehen. Und daß ich auf dem falschen Weg bin ... nun, der Neid eines gescheiterten Volkes kann tief reichen, nicht wahr?"
Vashtu schob ihre Tasse zur Seite, stützte sich auf ihren Unterarm und beugte sich vor. „Wir sind nicht gescheitert", sagte sie.
„Nun ja, wenn man bedenkt, daß Sie eine unheilbare Seuche gegen die Wraith getauscht haben ... Warum sollte ich das nicht als Fehlschlag auffassen?"
„Weil das nicht zu vergleichen ist, Rodney, darum", wandte Sheppard warnend ein.
McKay lehnte sich wieder zurück. „Wir haben schon so viele abgebrochene Forschungsberichte gefunden, die ausgesetzt wurden, weil man sie ... Was? Ihre Regierung war doch offensichtlich nicht gerade entscheidungsfreudig."
„Der Rat hat nach seinem Gewissen gehandelt, Dr. McKay", entgegnete Vashtu. „Haben Sie eines?"
Sheppard stellte seine Tasse hart auf dem Tisch ab. „Okay, es reicht."
„Es ist schon auffällig, gleichgültig welche Technologie auch immer entwickelt wurde, immer wieder brach man kurz vor der Vollendung die Forschung ab. Mir scheint das ein bißchen zu viel Gewissen zu sein."
Vashtus Kiefer mahlten. „Ich hoffe für Sie, daß Sie nie in eine ähnliche Lage kommen, Dr. McKay. Dann würden Sie nämlich vielleicht verstehen, was damals geschehen ist."
„Die Antiker haben den Krieg verloren und sich aus der Pegasus-Galaxie zurückgezogen. Danke, das habe ich begriffen. Selbst Super-Soldaten wie Sie haben das Ende nicht mehr aufhalten können."
„Ich würde dir gern etwas zeigen, Vashtu, kommst du bitte?" Sheppard wechselte mit Johnson einen hilflosen Blick.
„Ich bin kein Super-Soldat, Dr. McKay", entgegnete Vashtu mit gefährlich leiser Stimme. „Und ich hantiere auch nicht mit Dingen herum, von denen ich nichts verstehe."
„Vashtu, wir gehen!"
Sie blickte irritiert auf. „Was?"
Sheppard nickte Johnson zu. „Wir gehen."
McKay blieb am Tisch zurück, trank seinen Kaffee.

Kurz darauf

„Sir, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee war", ließ Johnson sich vernehmen, als sie den Puddlejumper bestiegen.
Sheppard bedachte den Marine mit einem langen Blick, setzte sich dann auf den Pilotensitz und ließ die Triebwerke des Fluggerätes hochfahren.
Vashtu beobachtete ihn dabei.
Er war tatsächlich erstaunlich begabt, doch alle Systeme schien er trotzdem noch nicht zu beherrschen. Der Puddlejumper tat, was er von ihm verlangte, doch offensichtlich waren ihm einige Fragen noch nicht in den Sinn gekommen.
Sie lehnte sich auf ihrem Sitz zurück, starrte aus dem Fenster.
Dieser Dr. McKay ... Sie wußte selbst nicht, was genau in sie gefahren war. Im Moment fühlte sie sich von der Situation etwas überfordert. Diese ständigen Blicke machten ihr Angst. Wäre Sheppard nicht an ihrer Seite gewesen, vielleicht hätte sie ihren Plan inzwischen tatsächlich aufgegeben.
Aber McKay? Sie hatte etwas in ihm gefühlt, doch es wirkte nicht wie bei Sheppard oder Dr. Beckett. Offensichtlich experimentieren auch die Menschen mit ihrem Genom herum, und offensichtlich hatten sie da etwas entdeckt - oder zumindest glaubten sie, etwas entdeckt zu haben. Dabei aber machten sie auch gewisse Fehler.
Sie hatte die Wahrheit gesagt, wenn auch etwas verdreht. Sie konnte in McKay lesen, in seinen Gedanken. Und das war etwas, was ihr selbst bei ihrem eigenen Volk verwehrt gewesen war. Es gab bestimmte Verbindungen zwischen den Individuen, das ja, aber nicht so.
Es hatte sie einfach angewidert, wie seine Gedanken sie angefallen hatten, wie er sie in seinem Geist herabsetzte und auf sie hinuntersah. In Verbindung mit der Reaktion der weiteren Atlantis-Besatzung war ihr schlicht ... Sie hatte einfach überreagiert.
„Rodney ist eigentlich gar nicht so ein schlechter Kerl", sagte Sheppard jetzt vollkommen unvermittelt.
Der Puddlejumper schwebte durch die obere Schleuse.
Vashtu biß sich auf die Lippen.
„Laß dich nicht so von ihm reizen. Man muß ihn unter Druck setzen, dann arbeitet er besser. Sein Umgang mit anderen läßt zu wünschen übrig, das gebe ich zu. Aber er ist ein guter Wissenschaftler", fuhr Sheppard fort.
Aus den Augenwinkeln sah Vashtu, daß er konzentriert durch das Sichtfenster blickte. Der Himmel über dem Ozean war blau und mit einigen weißen Wolken betupft.
„Er ist in meinem Team, darum wirst du dich wohl oder übel mit ihm anfreunden müssen. Mir ist er manchmal auch zu anmaßend, aber ich denke, inzwischen habe ich ihn ganz gut im Griff." Er drehte sich zu ihr um, lächelte ein wenig. Doch in seinen Augen stand Sorge.
Vashtu seufzte, senkte den Kopf. „Es tut mir leid, ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist", sagte sie.
Sie würde sich vor McKays Geist schützen müssen, ihre Barrieren verstärken. Vielleicht half es, wenn sie sich während seiner Anwesenheit auf andere konzentrierte. Allerdings war sie sich da nicht so ganz sicher.
„Colonel Sheppard, hier Weir. Was tun Sie da?"
Er blinzelte ihr zu, drehte sich wieder nach vorn. „Ich zeige unserem Gast die Umgebung, Elizabeth", seine Stimme klang vollkommen unschuldig bei diesen Worten.
Vashtu sah ihn forschend an, nachdem sie plötzlich Weirs Stimme nicht mehr hörte.
Das war noch etwas, was sie niederdrückte und belastete. Daß man ihr immer noch mißtraute. Sollte ihr Plan Erfolg haben, brauchte sie das Vertrauen aller Menschen auf Atlantis. Doch bis jetzt sah es nicht so aus, als würde ihr das gelingen.
Sie drehte sich wieder zum Fenster um und blickte hinaus.
Das hatte ihr gefehlt. Früher war sie oft mit den Jumpern unterwegs gewesen. Ihr Vater hatte immer scherzhaft behauptet, sie hätte in die Armee eintreten sollen. Doch dazu hatte sie sich nicht berufen gefühlt. Sie wußte, sie brauchte mehr Freiheit, als man ihr dort hätte geben können. Also glaubte sie, in der Wissenschaft diese zu finden. Doch wie schnell Vertrauen aufgebraucht war, hatte sie nur allzu schnell feststellen müssen. Daß Janus ihr die Jumper zugänglich machte, war für sie wie eine Befreiung gewesen.
„Gefällt es dir?" fragte Sheppard sanft.
Sie nickte, schloß die Augen.
Selbst wenn sie eigentlich nichts spürte, glaubte sie doch, sie könne fühlen, wie sie flog. Wie ein Vogel.
Als sie die Augen wieder öffnete, lächelte er sie an, und sie erwiderte sein Lächeln.
„Noch mehr würde es mir gefallen, wenn du mich einmal fliegen lassen würdest." Die Worte waren ihr herausgerutscht, da sie nicht glaubte, er würde es wagen.
In seinen Augen blitzte Überraschung auf, dann grinste er, schaltete kurz den Autopiloten zu und erhob sich.
Vashtu ließ sich diese Aufforderung nicht zweimal zeigen. Sofort rutschte sie auf den Pilotensitz, übernahm das Steuer.
„Sir, ich glaube nicht ..." hörte sie Johnson hinter sich mit einem zweifelnden Unterton in der Stimme sagen.
„Überwachen Sie die Kontrollen", fiel Sheppard ihm ins Wort, setzte sich auf ihren vorherigen Platz. Sie fühlte seine Blicke auf sich, er musterte sie interessiert, ob sie auch alles unter Kontrolle hatte. Dann glitt sein Blick ab und er sah zum Fenster hinaus.
Vashtu überkam der Übermut. Sie steuerte den Jumper in einen engen Looping, machte dann rasch aufeinanderfolgende Ausweichmanöver, zog dann das Gerät hoch bis in eine niedrige Umlaufbahn, um sie dann wieder fallen zu lassen und kurz über dem Ozean abzufangen. Sie beschleunigte und konnte beinahe die Wellen fühlen, die sie hinter sich herzogen.
„Du fliegst gut." In Sheppards Stimme schwang Bewunderung.
Vashtu lachte, ließ den Jumper, ohne die Geschwindigkeit wegzunehmen, eine noch engere Kurve beschreiben, zog ihn wieder hoch bis in einen weiteren Orbit hinein. Dann legte sie ihn in eine weitere Kurve, ließ ihn wieder hinunter trudeln, indem sie die Geschwindigkeit abrupt absenkte, um ihn in geringer Höhe wieder aufzufangen und in einen festen Kurs zu zwingen.
„Wow!"
Vashtus Lächeln erlosch.
Sie mußte es tun. Und jetzt war vielleicht genau der richtige Zeitpunkt. Sie musterte ihn kurz aus den Augenwinkeln, blickte dann wieder nach vorn. Noch einmal überdachte sie ihre Entscheidung, dann atmete sie tief ein. „John, ich möchte gern mit dir sprechen ... unter vier Augen." Sie sagte es so leise, daß sie hoffte, nur er würde es hören.
Verstehen blitzte in seinen Augen auf. Er drehte sich zu Johnson um. „Könnten Sie mir bitte meine Weste aus dem Abteil holen. Sie muß auf einem Sitz liegen."
Der Marine erhob sich, warf ihnen noch einen skeptischen Blick zu. „Natürlich, Sir." Damit ging er.
Kaum hatte er die Kanzel verlassen, drückte Sheppard auch schon den Knopf und ließ die Trenntür zwischen Vorderteil und Heck einrasten. Dabei grinste er wie ein kleiner Junge, der gerade einen besonderen Streich ausgeheckt hatte.
Dumpfes Klopfen drang zu ihnen hinein.
„Muß eine Fehlfunktion sein, Johnson. Ich arbeite daran", rief der Colonel über die Schulter zurück.
Vashtu ließ den Jumper im Autopiloten weiterfliegen, drehte sich zu ihm um und schüttelte den Kopf. „Manchmal ... John, ich frage mich wirklich, ob du alle deine Taten ernst meinst."
„Wenn ich ihn nicht ausgesperrt hätte, wären wir nie allein, dafür werden die anderen schon sorgen, glaube mir. Also, was wolltest du mir sagen?"
Vashtu zögerte nun doch, blickte wieder zum Frontfenster hinaus. Sie wußte, sie hatte noch mehr Trümpfe, sie wußte, sie konnte sie nach und nach ausspielen. Aber war es wirklich richtig, was sie tat? Würde ihr Plan gelingen, wenn sie auf diese Weise vorging? Oder würde er scheitern?
Sie kniff die Lippen aufeinander, knetete mit den Händen ihre Oberschenkel.
„Hey, du mußt es mir nicht sagen, wenn du nicht willst." Sheppard beugte sich vor, suchte ihren Blick.
Hinter ihnen hämmerte Johnson noch immer fluchend gegen die Tür.
Vashtu sah auf und seufzte. „Während der Zeit, in der ich euch beobachtete, ist mir euer Umgang mit den Energien aufgefallen, den ZPMs", sagte sie schließlich.
Sheppard setzte sich wieder auf und runzelte die Stirn. „Und?"
Jetzt war sie es, die sich nicht mehr traute, ihm in die Augen zu sehen. Viel zu sehr wünschte sie sich, ihm etwas anderes sagen zu dürfen. Aber dazu war jetzt keine Zeit, wollte sie an ihrem Plan festhalten. Und sie hatte Angst, daß er genau das in ihrem Gesicht lesen konnte.
„Ihr benutzt die ZPMs, bis sie leer sind. Dann baut ihr sie aus und ... was? Werft ihr sie einfach weg?"
Sheppard stutzte. Offenbar hatte er sich darüber noch keine Gedanken gemacht.
Vashtu nickte. „Die Geräte, die ihr ZPMs nennt, waren nie dazu gedacht, nur einmal verwendet zu werden. Es gab und gibt vielleicht noch immer Geräte, mit denen sie ihre Energie wiederherstellen können. Ihr nutzt die Macht der Stadt nicht, weil ihr immer nur ein oder zwei ZPMs verwendet, vielleicht weil ihr von diesen Maschinen nichts wußtet. Ihr könntet wesentlich mehr haben, ihr könntet Atlantis wirklich wiederauferstehen lassen." Jetzt wagte sie doch einen Blick.
Sheppard starrte sie mit großen Augen an. „Wir könnten den Schild verwenden!"
Vashtu nickte. „Ihr könntet Atlantis fliegen lassen", setzte sie hinzu.
In seinen Augen leuchtete es auf. „Cool!" Er wurde ernst. „Aber ... es sind immerhin zehntausend Jahre vergangen ..."
„Die Technologie ist gleich. Ich denke, irgendeines müßte noch funktionieren, selbst wenn die anderen vielleicht zerstört sind."
„Andere? Wieviel Ladegeräte gab es?" Sheppard beugte sich vor, in seinen Augen blitzte Abenteuerlust und Neugier.
„In dieser Galaxie drei", antwortete Vashtu. „Und wo eines ist weiß ich. Bei einer meiner Expeditionen hatte ich mich einem Reparaturtrupp anschließen dürfen. Ich kenne die Gate-Adresse."
Johnson, der sich noch immer die Lunge aus dem Hals brüllte und wie irr gegen die Tür hämmerte, war endgültig vergessen. Vashtu und Sheppard sahen sich an, während in ihren Köpfen fast gleiche Bilder abliefen. Dann nickten sie einander im stummen Einverständnis zu.
„Wir sollten es Weir sagen."

Einen Tag später

Vashtu betrat den Konferenzraum von Atlantis, blickte sich um. Sie hatte sich gewappnet, da Sheppard ihr erzählt hatte, daß zu dieser Versammlung auch McKay erscheinen würde. Doch noch war nur Dr. Beckett anwesend, der sich mit einem schmalen Mann mit wirrem Haar und einer Brille unterhielt.
Sheppard trat hinter ihr ein, geleitete sie zu dem Tisch und setzte sich neben sie. Beckett und dem anderen nickte er freundlich zu.
„Das ist Dr. Zelenka, ein richtig kluger Kopf", wisperte der Colonel ihr zu.
Vashtu nickte. Kurz spürte sie hinaus, doch da war nichts, was sie mit ihm verbinden konnte. Nein, er trug das Erbe nicht in sich wie Beckett oder Sheppard. Doch er sah kurz hinüber, lächelte ihr zu. Seine Augen blickten freundlich.
„Johnson, warum nehmen Sie sich nicht auch einen Stuhl", schlug Sheppard dem Marine vor, der neben den Türen stand, sich offensichtlich sehr unwohl fühlte.
Vashtu spürte kurz zu Beckett hinaus, zog sich dann sofort wieder zurück. Vielleicht sollte sie mit ihm über das Problem sprechen, daß sie mit McKays ... Bewußtsein hatte. Er schien ihr zumindest der richtige Ansprechpartner zu sein.
In diesem Moment betrat Dr. Weir, gefolgt von McKay, den Raum. Die Leiterin der Expedition ließ sich am Kopfende des Tisches nieder, McKay setzte sich neben Zelenka, musterte die Antikerin abschätzend.
Wieder wollten seine Gedanken mit voller Wucht auf sie einstürzten. Doch dieses Mal war Vashtu gewappnet. Sie hatte einen geistigen Schild errichtet, so daß seine Gedanken von ihr abgeschirmt waren.
„Vashtu Uruhk, ich freue mich, daß wir uns jetzt endlich kennenlernen. Ich hoffe, Sie fühlen sich inzwischen wohl bei uns. Wie ich hörte, führt Colonel Sheppard Sie ein wenig herum und zeigt Ihnen unsere Einrichtungen", begrüßte Weir sie.
Vashtu nickte, beugte den Kopf weit, um ihre Ehrerbietung zu zeigen. „Ich danke Ihnen, daß Sie mich hier aufgenommen haben. Ich weiß, es ist nicht selbstverständlich, daß Sie mir all das ermöglichten."
McKay starrte sie an.
Weir lächelte. „Nun, es freut mich, wenn es Ihnen hier gefällt. Sie werden sicher verstehen, daß wir noch die ein oder andere Frage an Sie haben, wenn Sie sich eingewöhnt haben, versteht sich. Sie werden sicher mehr Antworten kennen als wir."
Vashtu zögerte, ehe sie nickte. „Ich denke, ich kann bei dem einen oder anderen helfen. Darum ... darum haben Colonel Sheppard und ich ja auch um dieses Treffen gebeten."
Weir sah etwas überrascht aus, beugte sich ein wenig vor. „An mich war nur der Colonel herangetreten und hat sehr geheimnisvoll getan."
„Ich wollte, daß sie Ihnen das selbst sagt, Elizabeth", antwortete Sheppard wie auf eine Frage.
„Inwiefern meinen Sie denn, Sie könnten uns helfen, Vashtu? Indem Sie unseren munteren Colonel noch weiter in seine Rolle treiben? Im Moment fühlt er sich ja wohl wieder wie Captain Kirk", wandte McKay ein.
Sheppard schüttelte resignierend den Kopf, als wüßte er, was jetzt geschehen würde.
„Ich weiß nicht, wer Captain Kirk ist, Dr. McKay. Aber ich denke schon, ich kann helfen. Ihre, teils doch recht stümperhaften Versuche, unsere Technik mit der Ihren zu verbinden, haben bereits einigen Schaden angerichtet. Letztendlich war das auch der Grund, aus dem ich Sie auf mich aufmerksam machte", entgegnete Vashtu. Die letzten Worte richtete sie wieder an Weir. „Ich kenne zwar auch nicht alle Einzelheiten und Geräte in dieser Stadt, aber ich denke, ich könnte Ihnen weiterhelfen. Wie mit den ZPMs."
McKay lachte, während ansonsten plötzlich absolute Stille im Raum herrschte. „Eine Antikerin, und Sie kennen sich nicht einmal mit Ihrer eigenen Technik aus?" Ihm schien plötzlich aufzugehen, daß alle anderen gespannt schwiegen, räusperte sich und verstummte.
Vashtu hatte ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt und nickte. „Ich bin kein Universalgenie, Dr. McKay. Das waren wir alle nicht. Ich habe nur ungefähres Wissen über bestimmte Techniken, andere dagegen beherrsche ich im Schlaf. Wir hatten Techniker, Wissenschaftler, Ärzte, ein Militär. Denken Sie etwa, jeder von uns hätte jedes einzelne Detail gewußt? Atlantis war, als ich hierher kam, schon einige Jahrmillionen alt. Selbst wir, die hier lebten, kannten sich nicht mit allem aus, was wir vorfanden. Aber die Technologie reagierte auf uns, wir konnten sie verändern, wir wußten, wie wir etwas reparieren konnten, wenn es zerstört oder beschädigt wurde." Sie wandte sich wieder Weir zu. „Ich möchte mich in ihre Gesellschaft einfügen, Dr. Weir. Es mag sein, daß ich bereits auf einer höheren Stufe stehe als sie, aber ich möchte es versuchen. Bisher ist es mir gelungen, wenn ich Colonel Sheppard und Dr. Beckett glauben darf. Ich möchte Ihnen mein Wissen und meine Kraft zur Verfügung stellen. Im Gegenzug möchte ich hier bleiben, mich frei bewegen und mich vielleicht einem Forschungsteam anschließen dürfen. Ich möchte ein Leben, ein freies Leben. Und ich bin bereit, für diese Freiheit zu arbeiten."
Weir lehnte sich nachdenklich zurück. „Sie erwähnten die ZPMs. Was hat es damit auf sich?"
Vashtu lächelte, breitete ihre Hände vor sich auf dem Tisch aus, die Handflächen nach oben. „Das ist der Grund, aus dem Colonel Sheppard Sie um diese Unterredung bat. Es geht um mein Wissen, über das Sie nicht verfügen. Die ZPMs sind wie ... wie ..." Hilfesuchend sah sie zu Sheppard. Er hatte ihr diesen Vergleich vorgeschlagen, doch irgendwie begriff sie ihn noch nicht so ganz.
„Akkus", half der aus, beugte sich jetzt ebenfalls vor. „ZPMs sind offenbar wiederaufladbar, nachdem sie verbraucht sind. Wir müssen uns ein Ladegerät besorgen und sind erst einmal alle Sorgen los." Er faltete die Hände auf dem Tisch und lächelte sehr zufrieden.
„Das ist vollkommen unmöglich!" brauste McKay auf. „Die Null-Zeit im Vakuum kann nicht zweimal in die gleiche Kammer gelangen."
„Wenn sie verbraucht ist schon", entgegnete Sheppard.
„Das ist richtig. Sie müssen entladen sein, dann kann man ihnen neue Energien zuführen", bestätigte Vashtu.
Weir setzte sich wieder auf. „Und Sie wissen von so einem Ladegerät?"
Sheppard grinste und hob die Finger. „Wir wissen von drei Ladegeräten", antwortete er, zuckte mit den Schultern. „Sofern sie noch existieren und funktionstüchtig sind. Wir haben sogar eine Gate-Adresse."
„Was Sie da erzählen, ist schlicht ein wundervolles Märchen, Vashtu." McKay hob eine Hand und begann zu gestikulieren, als wolle er seine Worte unterstreichen. „ZPMs nutzen die Energie der Null-Zeit, soviel dürfte Ihnen auch klar sein. Nur allein die Struktur des ganzen ist nicht dazu angelegt, diese Vakuumenergie neu zu ordnen, geschweige denn, sie erneut aufzunehmen. Ist ein ZPM entladen, bleibt es entladen."
„Das ist nicht ganz richtig, Rodney", wandte nun Zelenka mit akzentschwerer Stimme ein. „Gerade die Kristallstruktur ist für riesige Speichermengen geeignet, die weit über unser Vorstellungvermögen reichen. Denken Sie nur an die Speicher des Stargates. Wenn die Energie des Vakuums aufgebraucht ist, gibt es kein Vakuum mehr. Um es wieder zu einem Vakuum zu machen, muß man ihm wieder Energie zuführen."
„Und warum haben wir bisher nichts davon gefunden?" ereiferte McKay sich.
„Weil Sie an den falschen Stellen gesucht haben", antwortete Vashtu trocken, fühlte wieder alle Blicke auf sich gerichtet. „Dr. Zelenka hat recht. Echte Vakuumenergie kann wieder zugeführt werden, nur werden dafür selbst riesige Energien aufgewendet. Dennoch war es einfacher, die ZPMs aufzuladen als sie ständig neu herzustellen."
Sheppard nickte, Zelenka ebenso.
„Sie haben doch gerade noch selbst gesagt, Sie würden sich nicht in allen Bereichen auskennen. Und Sie bezeichnen sich selbst als Genetikerin. Was hat das mit Physik zu tun? Das ist ... das ist, als würde ich einen Frosch bitten, eine Atombombe zu bauen."
Vashtu stutzte wieder, wandte sich dann an Weir: „Die Vakuumenergie eines ZPMs wieder herzustellen, benötigt, wie gesagt, selbst gewaltige Kräfte. Und genau darum wurden die Ladegeräte auf anderen Planeten gebaut. Es war zu gefährlich, sie hier zu benutzen. Wenn also die Geräte noch funktionsfähig sind, sollten wir sie dort lassen oder auf einen anderen Planeten bringen und dort ein Kraftwerk errichten."
Sheppard nickte ernst.
„Projekt Arkturos", sagte Zelenka, warf einen langen Blick auf McKay.
Vashtu runzelte die Stirn. „Arkturos? Was hat Arkturos damit zu tun? Es war schon zu meiner Zeit gescheitert und hatte eine gesamte Zivilisation ausgelöscht."
Sheppard lehnte sich zurück, kreuzte die Arme vor der Brust. „Inzwischen ein bißchen mehr als nur eine Zivilisation", bemerkte er.
Vashtu warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Fünf Sechstel des Sonnensystems sind zerstört, wenn wir genau sein wollen", erklärte er ihr leise.
„Arkturos kam zu früh, die Antiker konnten es nicht beherrschen", erklärte McKay. „Wenn es Ladegeräte für ZPMs geben würde, und wenn diese eine noch gewaltigere Energie benötigen, um die Null-Zeit herzustellen, was anderes als Arkturos bliebe übrig?"
„Geothermische Energie", wandte Sheppard ein.
Vashtu hob die Hand. „Moment, bitte. Ich habe verfolgt, daß Sie sich über Arkturos informiert haben. Aber warum sollte ein abgeschalteter Reaktor plötzlich wieder anlaufen?"
Sheppard nickte zu McKay hinüber. „Er hatt's eingeschaltet."
Vashtu blieb der Mund offen stehen. Mit großen Augen starrte sie McKay an.
„Sie waren mit dabei, Colonel. Reden Sie sich jetzt nicht hinaus", verteidigte dieser sich, woraufhin Sheppard nachdenklich nickte, den Blick auf den Tisch vor sich gerichtet. „Außerdem tut das nichts zur Sache. Es ist physikalisch vollkommen unmöglich, ein ZPM wieder aufzuladen, wenn es sich entladen hat."
„Haben Sie in Ihrem Größenwahn vollkommen den Verstand verloren, Dr. McKay?" brauste Vashtu auf. „Haben Sie eine Ahnung, wieviele Leben dieses Projekt damals gekostet hat? Es war kein Irrtum, es kam auch nicht zu früh, es war schlicht der falsche Weg. Keen hatte sich in etwas verrannt, daß er nicht beherrschen konnte. Und dann kommen Sie zehntausend Jahre später und schalten einen Reaktor wieder ein, über den Sie vorher gelesen haben, daß er schlichtweg gemeingefährlich ist? Ich kannte einige der Wissenschaftler, die damals ihr Leben gelassen haben, als das Gerät überlud. Es waren gute und fähige Leute, die eine große Zukunft vor sich gehabt hätten, hätte Keen sich nicht in diese Sache verrannt!"
Sheppard warf ihr einen fragenden Blick zu. „Keen?"
„Bringen wir doch wieder etwas Ruhe in die Runde", sagte Weir scharf, sandte sowohl McKay als auch Sheppard und Vashtu strenge Blicke. „John, Sie warfen da gerade einen Begriff in den Raum. Was meinen Sie damit?"
Sheppard drehte sich mit seinem Stuhl zu Vashtu herum. „Ich denke, daß sollte Sie besser erklären."
Vashtu nickte. „Die Reaktoren der Ladegeräte liefen über stabile geothermische Energien. Die Anlagen an sich waren sehr klein, ich selbst habe einmal eine gesehen. Mittels eines Dorns wurden die Energien des jeweiligen Planeten oder Mondes angezapft und direkt in die nötige Energie für die ZPMs umgewandelt."
„Der Haken war, sie konnten die Ladegeräte nicht abschalten", fuhr Sheppard fort. „Für uns gut. Wir können die Energiesignaturen orten. Für die Antiker schlecht, denn die Wraith konnten die Energien ebenfalls orten. Darum sind wir nicht ganz sicher, ob noch alle drei Geräte funktionieren."
McKay lachte bitter auf.
„Sie wurden regelmäßig auf andere Himmelskörper gebracht, nachdem die Wraith aufgetaucht waren. Eine der letzten Stationen deckte sich zufällig mit einem meiner Forschungsziele", berichtete Vashtu weiter. „Darum kenne ich die Gate-Adresse. Ich kann Ihnen auch sagen, daß sich dieses Tor im Weltraum befindet. Über die anderen beiden Stationen weiß ich nichts. Doch es sollte mir nicht schwerfallen, sie im Hauptcomputer ausfindig zu machen."
„Sehen Sie denn nicht, daß das alles ein riesengroßes Märchen ist?" McKay sah hilfesuchend in die Runde. „Selbst wenn es diese Geräte gegeben hat, wenn man sie nicht abschalten konnte, dürften sie inzwischen überladen und vielleicht sogar die jeweiligen Standorte mit sich gerissen haben. Ganz zu schweigen davon, daß geothermische Energie alles andere als stabil ist, zumal, wenn man sie anzapft. Ich bitte Sie, Vashtu. Diesen Bären können Sie jemand anderen aufbinden."
„Bei der Menge der entnommenen Energie aus dem jeweiligen Planetenkern handelte es sich um einen Bruchteil seiner eigenen Kraft, Dr. McKay. Selbst wenn ich keine Physikerin bin, so weiß ich doch, wann und wo die kritische Masse erreicht wird. Und mit den Geräten konnte es kaum zu solchen Zwischenfällen kommen, es sei denn, der Kern selbst wird instabil."
Zelenka nickte anerkennend.
McKay hob stolz das Kinn. „Wie auch immer, ich denke, wir sollten kein einziges Wort glauben."
„Ihre Sache, Rodney", wandte Sheppard ein, neigte den Kopf und faltete die Hände wieder vor sich. „Ich glaube sie. Und, wenn ich das richtig sehe, bin ich da nicht ganz allein."
McKay warf dem neben ihm sitzenden Zelenka einen unsicheren Blick zu, dann wandte er sich ab.
Weir, die sich die Diskussion stirnrunzelnd angehört hatte, wandte sich jetzt auch dem Tschechen zu: „Was denken Sie, Radek?"
Zelenka sah Vashtu nachdenklich an, drehte sich dann zu der Leiterin um. „Ich denke, es ist möglich. Selbst ohne Berechnungen hätte ich vermuten können, daß die Antiker solche Geräte geschaffen haben, wir sind nur nie auf den Gedanken gekommen. Bedenken Sie doch, für was sie die ZPMs alles verwendeten."
Sheppard nickte.
Weir wandte sich wieder Vashtu zu. „Und Sie werden uns die Adresse freiwillig zur Verfügung stellen?"
Die Antikerin nickte.
Weir fiel auf, daß beide, sowohl Vashtu als auch Sheppard, genau die gleiche Haltung eingenommen hatten, schüttelte wie abwehrend den Kopf.
„Ich bleibe dabei, es ist unmöglich", ließ McKay sich leise vernehmen.
Weir beachtete ihn nicht weiter. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Vashtu. „Und was, wenn das Gerät beschädigt wurde? Dr. McKay hat recht, es sind über zehntausend Jahre vergangen."
„Wir hätten zumindest einen Ansatz. Wenn das Gerät tatsächlich defekt sein sollte, können wir es mit hierher nehmen und vielleicht reparieren. Ich denke, mit der Hilfe Ihrer Wissenschaftler müßte ich das schaffen", antwortete die Antikerin.
„Wir?" Weirs Blick glitt von ihr zu Sheppard. Der saß auf seinem Stuhl, lächelte sie mit großen, unschuldigen Augen bittend an. Sie seufzte. „Diese Entscheidung werde ich später treffen. Dr. Zelenka, Vashtu, ich würde gern noch mit Ihnen sprechen, allein", sagte sie.

Einige Tage später

Weir betrat die Sporthalle. Sie hatte sich erkundigt, wo sie die Antikerin finden könnte, und war auf eben diesen Ort verwiesen worden.
Sie war sich immer noch nicht ganz sicher über Vashtu, doch etwas in ihr sagte ihr, daß sie ihr doch vertrauen konnte. Inzwischen hatte es einige Unterredungen mit ihr gegeben, größtenteils über die Möglichkeit, ein ZPM-Ladegerät zu beschaffen.Weir teilte nicht ganz Vashtus Vertrauen in die Technik ihres Volkes, dafür hatte sie inzwischen zuviel erlebt. Doch sie mußte zugeben, der Reiz eine solche Quelle an Energie zu besitzen, für immer sicher vor den Wraith zu sein sowie diese Technik der Antiker auf der Erde als kostengünstige Variante der Energiegewinnung zu nutzen, all das reizte sie.
Nur einige Kleinigkeiten machten ihr noch Sorgen, darum war sie hergekommen.
„Vashtu?"
Die Antikerin drehte sich zu ihr um, neigte den Kopf. „Dr. Weir?"
Weir lächelte ein wenig unsicher, als sie die Stöcke bemerkte, die ihr Gegenüber in den Händen hielt. „Üben Sie allein?"
Vashtu schüttelte den Kopf. „Ich warte auf Lt. Colonel Sheppard. Wir haben einen Handel geschlossen, er und ich", antwortete sie.
Weir hob das Kinn, kreuzte die Arme vor der Brust. „Ich habe davon gehört, daß er Sie hat testen lassen. Wie waren die Ergebnisse?"
Vashtu wirkte etwas verschämt. „Im Schießen bin ich wohl nicht ganz so gut", gestand sie ein. Sie legte die Stöcke zurück und sah Weir offen an. „Aber ich denke, Sie sind nicht deshalb gekommen. Sie möchten etwas anderes mit mir besprechen."
Weir atmete tief ein. „Das ist richtig. Ich habe eine Anfrage von Colonel Sheppard. Er möchte Sie zumindest vorerst in sein Team aufnehmen für diese Mission."
Vashtu nickte verständnisvoll und senkte den Kopf.
„Ehe ich eine endgültige Entscheidung treffe, möchte ich noch einige letzte Fragen an Sie richten, Vashtu", fuhr Weir fort.
Die Antikerin blickte wieder auf, eine leise Hoffnung in ihren Augen.
Weir schüttelte wie benommen den Kopf. „Es ist mir nicht ... Ich frage mich, wie Sie diese Jahrtausende überstehen konnten, ohne zu altern. Irgendwie fällt es mir wirklich schwer, Sie als ..."
„Ich kenne die Berichte über das, was Janus getan hat", fiel Vashtu ihr ins Wort. Bedauernd hob sie die Schultern, ließ sie wieder sinken. „Hätte ich gewußt, daß noch jemand in der Stadt war, ich hätte versucht, Ihr Ebenbild zu retten. Ich ... wahrscheinlich wäre ich selbst dann auch stärker gealtert, doch es wäre gleich gewesen. Woran es liegt, daß ich noch so jung wirke? Es sind die Wraith-Zellen in mir, Dr. Weir. Wie Dr. Beckett schon bemerkte, sind Wraith-Gene bar jeder Form der Alterung. Da sie in meinem Genom ein Drittel einnehmen, habe ich den gleichen Vorteil. Ich bin schwer zu töten und lebe, wenn das nicht eintrifft, nahezu ewig. Gealtert bin ich, das können Sie mir glauben. Aber ich war selbst überrascht, wie wenig, als ich mich das erste Mal in einem Spiegel sah."
Weir nickte nachdenklich, sah sie forschend an.
„Das ist es aber nicht, was Sie wirklich interessiert, nicht wahr?" Vashtu lächelte freundlich.
„Es ist mir unangenehm, aber ... Ihr Verhältnis zu Colonel Sheppard. Er hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit Sie aus der Zelle kamen. Und seit Sie sich in der Stadt frei bewegen dürfen, sieht man Sie kaum ohne ihn. Dann die Sache mit dem Puddlejumper. Vashtu, ich möchte Ihnen nichts unterstellen, doch sie beide verhalten sich ... etwas merkwürdig."
Die Antikerin senkte den Blick, ihre Finger strichen über einen der Stöcke. Dann sah sie wieder auf, Weir direkt in die Augen.
Was keine der beiden Frauen bemerkt hatte, war, daß Sheppard seit einiger Zeit vor der geöffneten Tür stand und mithörte. Stirnrunzelnd wartete er jetzt auf Vashtus Antwort.
„Wenn Sie meinen, ob meine Absichten ehrlich sind, kann ich Ihnen nur sagen ja", erklärte die Antikerin nun. „Lt. Colonel Sheppard und ich haben viel gemeinsam, vielleicht mehr, als Sie ahnen. Zwischen uns besteht ein gewisses Band. Sie müssen wissen, daß es diese Art von Verbindung schon zu meiner Zeit gegeben hat. Dieses Band zu zerstören ... Nun, es ist nicht ratsam." Sie seufzte. „Falls Sie sich fragen, wie weit dieses Band reicht ... die Antwort darauf ist unendlich. Es kann alles geschehen, doch es muß nicht. Es kommt auf die an, die es tragen. Tut mir leid, besser kann ich es Ihnen nicht erklären."
Sheppard runzelte die Stirn.
„Ich werde ihn nicht verletzen, wenn es das ist, was Sie vielleicht glauben. Ich würde mich selbst verletzen. Nein, ich würde das niemals tun. Noch ist alles möglich, die Zeit wird zeigen, wie dieses Band sich zwischen uns entwickelt. Aber ändern können wir beide es nicht mehr."
Sheppard atmete tief ein.
„Weiß er davon?" erkundigte Weir sich.
„Nicht bewußt", antwortete Vashtu. „Sehen Sie, wie, wann und warum ein solches Band entsteht, das ist völlig willkürlich. Sie haben vielleicht einen anderen Begriff dafür, heute, auf der Erde. Ich kann nur von dem sprechen, das ich kenne. Das Band zwischen dem Lt. Colonel und mir ist noch frisch, noch sehr stark. Es hat sich noch nicht in eine Richtung entwickelt. Darum sage ich, es ist noch alles offen."
„Das kommt mir etwas anders vor. Ich kenne John Sheppard schon eine Weile, Vashtu. Und ich kann Ihnen sagen, bisher hat er sich noch nie so vernarrt verhalten wie jetzt bei Ihnen. Und umgekehrt scheint es ebenso zu sein."
Sheppard wurde dieses Gespräch allmählich etwas zu privat. Er überlegte noch einen Moment, dann betrat er die Turnhalle.
Weir wandte sich ihm zu, als sie sah, wie Vashtus Augen plötzlich aufleuchteten.
„Bin da, wie abgesprochen." Sheppard klatschte in die Hände. „Störe ich?"
Die beiden Frauen wechselten einen Blick, dann sagte Weir: „Nein, wir sind hier fertig. Danke für Ihre Antworten, Vashtu."
Die Antikerin nickte, griff jetzt wieder nach den Kampfstöcken.
Weir ging zur Tür, blieb dann aber stehen und drehte sich um. „Ach, John", sagte sie in einem möglichst neutralen Ton, „wie hat Ihre Kandidatin abgeschnitten?"
Sheppard, der sich gerade selbst zwei Stöcke geholt hatte, hob den Kopf. Ein schiefes Lächeln lag auf seinen Lippen, als fühle er sich ertappt. „Im Nahkampf sehr gut. Im Schießen ... 76 von 100."
Weir nickte, kreuzte wieder die Arme vor der Brust. „War das nicht auch Ihr Wert bei Ihrer letzten Prüfung?"
Sheppard kniff die Lippen zusammen, während Vashtu ihn amüsiert musterte. Langsam nickte er. „Genau der gleiche Wert", gab er zerknirscht zu.
Weir hob das Kinn, schmunzelte. Dann wurde sie übergangslos wieder ernst. „Dann würde ich vorschlagen, nach Ihrem Training beginnen Sie mit den Vorbereitungen für Ihre neue Mission, mit zwei neuen Teammitgliedern. Aushilfsweise erst einmal, solange Teyla und Ronon noch auf der Krankenstation liegen."
Und wieder hatte sie das Vergnügen, den gleichen Gesichtsausdruck auf zwei verschiedenen Gesichtern zu sehen. Es war immer noch unheimlich, doch allmählich glaubte sie zu verstehen.
Sie überlegte kurz, dann ging sie zu der Bank, die an der Seite stand, und setzte sich.
Sheppard wurde übergangslos wieder ernst. In seinen Augen stand ein gewisser Schrecken zu lesen.
„Wenn ich Ihnen schon diese Mission genehmige, möchte ich selbst sehen, was ein Mitglied Ihres Teams leisten kann", antwortete Weir auf die stumme Frage, die sich daraufhin in ein eindringliches Flehen verwandelte.
Dann seufzte Sheppard schließlich ergeben.
Vashtu nahm eine bestimmte Haltung ein, einen Arm mit dem Stock nach vorn und oben, den anderen hinter ihrem Rücken. „Na komm, Mister ich-schaffe-100-Punkte."
Sheppard seufzte, stellte sich jetzt ähnlich wie sie auf.
Vashtu hob eine Braue, sagte aber nichts, sondern griff an. Ihre Stöcke trommelten einen Moment auf seinen erhobenen, dann traf sie seine Hand, was Sheppard vor Schmerz aufstöhnen ließ. So schnell wie möglich brachte er die andere Hand hoch, tat einen Schritt zurück.
Weir betrachtete den ungleichen Kampf aufmerksam. Selbst Teyla hätte Schwierigkeiten, gegen eine Gegnerin wie die Antikerin zu bestehen, ging ihr auf, nachdem der Lt. Colonel in drei rasch aufeinander folgenden sehr kurzen Gefechten seine eigenen Waffen verloren hatte und sich rote Striemen auf seinen Handrücken und -gelenken deutlich abzeichneten.
„Du kannst es wirklich nicht", seufzte Vashtu ergeben und schüttelte den Kopf. „Im Nahkampf bist du besser."
Sheppard nahm seine Stöcke wieder auf. „Ich frage mich ohnehin, warum diese Art von Waffen in dieser Galaxie gebräuchlich sind. Die Wraith sind doch keine Vampire ... naja, zumindest im herkömmlichen, irdischen Sinn."
„Vampire?"
Sheppard winkte ab, nahm wieder seine Grundhaltung ein. „Eine Legende von der Erde. Nur sollen unsere Vampire Blut trinken statt ihren Opfern die Lebensenergie zu entziehen."
Vashtu runzelte die Stirn. „Und warum erinnern dich die Stöcke an Vampire?"
Weir beugte sich interessiert vor.
Sheppard zuckte mit den Schultern. „Von den Vampiren heißt es, mit einem Holzpfahl ins Herz könne man sie töten", antwortete er.
Vashtu nickte nachdenklich, verzog dann das Gesicht ein wenig. „So geht das nicht, John", sagte sie. „Du bist zu steif. Du mußt den Stockkampf wie einen Tanz sehen. Dein Gegner ist dein Tanzpartner. Paß auf."
Sie stellte sich vor ihm auf, nahm ihre Grundstellung ein. „Jetzt stellst du dich mir gegenüber, spiegelverkehrt in der gleichen Haltung", befahl sie.
Weir ging auf, daß die beiden sie tatsächlich vollkommen vergessen hatten. Schmunzelnd beugte sie sich vor, stützte die Ellenbogen auf ihre Oberschenkel und beobachtete das so eigenartige Paar.
Vashtu gab sich viel Mühe, bewegte sich in Zeitlupe, erklärte Sheppard jede einzelne Bewegung. Und allmählich ging es tatsächlich voran, zumindest wurden beide schneller, wenn das Tempo auch immer wieder stockte.
Weir dachte nach, während sie das Paar beobachtete. Dann nickte sie schließlich, erhob sich und verließ die Turnhalle.

TBC ...

11.09.2009

Vashtu II

Jetzt

Nach ihren Worten stand er einen Moment lang steif da, nur seine Augen bewegten sich, glitten über ihren Körper. Sie fühlte diese Blicke wie feine Nadelstiche auf sich, richtete sich noch mehr auf und kreuzte die Arme vor der Brust.
„Eine Wächterin, soso ..."
Vashtu betrachtete ihn wieder, wie er gespielt lässig auf der anderen Seite des Gitters stand, ein verwegenes, aber auch unsicheres Lächeln auf den Lippen. Doch den Blick aus seinen Augen vermied sie.
„Wenn ich zu lange ... wenn ich die Zellen in mir zu lange aktiviert halte, steigen Aggressionen in mir auf, die ich nur mit Mühe beherrschen kann. Dann übernimmt der Instinkt meine Handlungen", erklärte sie.
Sheppard nickte nachdenklich, kreuzte die Arme vor der Brust und neigte den Kopf fragend. „Aber ... eine Antiker? Ich bin mir nicht sicher ..." Auch er wich ihren Augen aus, wie sie feststellte.
„Ich lebe seit mehr als zehntausend Jahren, Lt. Colonel Sheppard", erklärte sie, hob die Hände. „Ich sah, wie Atlantis unterging, ich erlebte mit, wie alle anderen meines Volkes sich von hier durch das zurückzogen, was Sie Stargate nennen. Lange befand ich mich in Stasis, dann wachte ich wieder auf. Ich konnte spüren, wie die Energie ... Ihre ZPMs, sich immer mehr entluden, bis ihr kamt."
Sheppard runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
Vashtu schüttelte den Kopf. „Ich wollte mit Ihnen sprechen, darum sorgte ich dafür, daß ihr mich wahrnehmt. Ich wollte wieder unter anderen sein. Lange Zeit war ich allein, schon bevor Atlantis verlassen wurde."
Colonel Sheppard musterte sie genau. „Teyla sagte mir, Sie seien nicht das, was wir dachten. Woher soll ich jetzt wissen ... Ich meine, Sie sind so jung. Sie sehen zumindest recht jung aus."
Vashtu lächelte. „Danke." Sie neigte den Kopf ein wenig. „Um zu verstehen, warum das so ist, sollte ich meine Geschichte erzählen, Lt. Colonel Sheppard. Aber ich kann Ihnen versichern, einen Teil der Wahrheit kennen Sie bereits."
Er sah sie nachdenklich an. „Sie sehen nicht aus wie ein Wraith."
„Weil ich keiner bin. Ich war eine Antikerin, wie ihr uns nennt. Durch ein Experiment wurde ich zu dem, was ich nun bin. Nur der Rat erkannte es nicht an. Ich mußte andere Wege beschreiten. Wollen Sie die Geschichte hören?"
Sie sah die Neugier in seinen Augen. Er war offen ihr gegenüber, nicht von Vorurteilen zerfressen. Sie spürte deutlich, er wollte ihr eine Chance geben. Und damit hatte sie vielleicht tatsächlich das Ende erreicht. Vielleicht würde ihr Plan doch noch aufgehen.
„Wo haben Sie so zu kämpfen gelernt? Keinem meiner Männer wurde ein wirkliches Leid angetan, niemand wurde tatsächlich verletzt, bis auf Teyla. Und sie besteht darauf, daß sie ausgerutscht sei und Sie ihr helfen wollten", fragte er.
Vashtu schloß kurz die Augen, atmete tief und bewußt ein. „Ich hatte eine lange Zeit, um zu dem zu werden, was ich nun bin, Lt. Colonel."
Sheppard musterte sie wieder, vermied aber, wie auch sie, ihr noch einmal in die Augen zu sehen. Ein kleiner Ruck schien durch seinen Körper zu gehen, dann setzte er sich vollkommen unvermutet auf den Boden vor ihrer Zelle.
„Wenn die Geschichte wirklich so lang ist, dann sollten wir es uns ein bißchen gemütlicher machen. Kaffee?"

Vashtus Geschichte

Meine Familie war angesehen. Immer wieder durften wir für den Rat Dinge erforschen. Wir waren Wissenschaftler, wie ihr heute sagt. Unsere Forschung diente dazu, den anderen das Leben angenehm zu gestalten und sie vor Krankheiten zu schützen.
Es war nicht leicht. Ich kann mich noch daran erinnern, als Kind auf einem Planeten aufgewachsen zu sein. Doch dann kamen die Wraith und wir flohen nach Atlantis. Der Rat gewährte uns die Möglichkeit, unsere Forschungen weiter zu führen. Wenn es anders gekommen wäre, wäre mein Vater vielleicht sogar eines Tages Mitglied dieses Rates geworden, Bestrebungen dazu gab es.
Wir, das waren meine Eltern, Gilgak mein Vater und Meoch meine Mutter, und mein Bruder Enkil. Unser Familienname lautete Uruhk.
Als ich älter wurde, wurde ich Wissenschaftlerin, trat damit in die Fußstapfen meiner Eltern, ebenso wie Enkil.
Dann kam der Tag, an dem ich mit meinen Eltern zusammen nach Nasra ging, einem Waldplaneten. Wir erhofften dort zumindest Bestandteile zu finden. Bestandteile für ein Medikament gegen die Seuche, denn der Rat überlegte bereits, Atlantis aufzugeben.
Ob die Wraith wirklich wußten, daß einige von uns dort waren oder ob es nur Zufall war, kann ich nicht sagen. Wir wurden überfallen und gefangen genommen. Und meine Mutter ... Ein Wraith nährte sich vor den Augen meines Vaters und mir an ihr, saugte sie vollkommen aus.
Ein Kriegsschiff aus Atlantis kam uns zu Hilfe, ehe man uns fortschaffen konnte. Wir kehrten nach Atlantis zurück, doch mein Vater war verändert.
Sie müssen wissen, Lt. Colonel, wir waren an für sich ein friedliebendes Volk. Wir wollten diesen Krieg nicht und es gab wenige echte Schlachten. Wir gingen den Wraith lieber aus dem Weg, versteckten uns in der versenkten Stadt und hofften, daß wir überlebten.
Mein Vater aber ... Er hatte meine Mutter sehr geliebt. Als er hat mitansehen müssen, wie ihr das Leben ausgesaugt wurde, als er ihre Schreie hörte ... Nun, mir ging es ähnlich wie ihm. Er war besessen davon, die Wraith ein für allemal zu vernichten. Er wollte eine perfekte Waffe schaffen, etwas, daß die Wraith auf einen Schlag vernichtete.
Wir wußten einiges über unsere Gegner, und so machten wir uns daran. Uns war klar, daß wir die beste Chance hatten, wenn wir uns ihrem Genom zuwandten. Wer letztendlich auf die Idee gekommen ist, das ganze an uns selbst anzuwenden, den perfekten Krieger zu schaffen ... ich weiß es nicht mehr. Irgendwann wandten wir uns von der Waffe ab, um eine andere zu entwickeln.Material hatten wir, mit dem wir arbeiten konnten. Wir wußten von den Iratus-Käfern, aus denen sich die Wraith entwickelt hatten. Und dort war auch unser Ansatz.
Lt. Colonel, Sie können sich nicht vorstellen, was für ein Gefühl es war, als wir dachten, wir hätten es geschafft.
Mittels der kombinierten Genome von Wraith, Iratus und uns Antikern selbst hatten wir da etwas, eine Gentherapie, wie Sie es heute nennen würden. In Simulationen und einigen Zellexperimenten funktionierte die Therapie, vollkommen ohne Nebenwirkungen. Das Ergebnis war erstaunlich: Ein Individuum, das mit unglaublichen regenerativen Kräften ausgestattet war, sich aber nicht zu nähren brauchte, sondern weiterhin normale Nahrung zu sich nehmen konnte, wenn auch ... Nun, inzwischen weiß ich, ich brauche mehr Nahrung als ein normaler Mensch.
Mein Vater ging zum Rat, erbat sich die Genehmigung für erste Experimente an einem Individuum. Und der Rat stimmte zu. Sie waren interessiert an einem Krieger, der den Wraith gewachsen war.
Mein Bruder Enkil meldete sich freiwillig und unterzog sich der Therapie. Zunächst schien auch alles wie simuliert zu funktionieren. Er blieb weiter, wer er war, nur verfügte er über wesentlich mehr Kraft, brauchte weniger Schlaf, konnte härter arbeiten. Seine Ausdauer war erstaunlich.
Doch dann ...Wenn ich behaupten würde, er wurde zu einem Wraith, wäre das nicht richtig. Er verlor auch nicht wirklich den Verstand. Aber er wurde unberechenbar und aggressiv. Und irgendwann ... Er war auch in diesem Käfig, Lt. Colonel.
Ich besuchte ihn oft, sah zu, wie er immer mehr degenerierte. Irgendwann erkannte er mich nicht mehr, versuchte mich anzugreifen.
Der Rat zog seine Einwilligung zurück, erklärte das Experiment für gescheitert.
Aber ich ...
Es hatte in allen Versuchen und Simulationen funktioniert. Warum verwandelte Enkil sich aber in eine Bestie? Warum konnte er das Gen plötzlich nicht mehr kontrollieren?
Ohne das Wissen des Rates arbeitete ich weiter. Mein Vater war in einen anderen Teil der Stadt versetzt worden, wir sahen uns kaum noch.
Ich kann Ihnen nicht sagen, warum ich so besessen war. Vielleicht waren es wirklich die Schreie meiner sterbenden Mutter, die mich bis in den Schlaf verfolgten. Vielleicht die Augen von Enkil, deren Verstand immer mehr erlosch.
Und dann verstand ich das Problem. Unsere Proben, mit denen wir die Tests durchgeführt hatten, waren weiblich. Das Genom von Frauen verfügt über größere regenerative Kräfte als das von Männern. Nur eine Frau konnte die Therapie unbeschadet überstehen.
Ein anderer Wissenschaftler half mir, und ich sprach dem Rat vor. Ich wollte ein weiteres Experiment wagen, einen weiteren Kanidaten, eine Frau, für den Test. Doch der Rat lehnte ab. Ich war verzweifelt.
Und in meiner Verzweiflung griff ich zu dem letzten Mittel, um zu beweisen, daß unsere Forschungen nicht umsonst gewesen waren: Ich selbst unterzog mich der Therapie und wurde zu dem Hybridwesen, das ich noch heute bin.
Wieder sprach ich beim Rat vor, ich sagte ihnen, was ich getan hatte und wie es auf mich wirkte. Und der Rat ... Es wurde entschieden, mich wegzusperren. Unter strenger Aufsicht durfte ich an meinen sonstigen Experimenten arbeiten, aber ich durfte den Flügel der Stadt nicht mehr verlassen, durfte keinen Kontakt zu anderen aufnehmen.
Die Pläne zur Evakuierung liefen bereits im vollen Gange, doch ich stand nicht mit auf der Liste. Ich sollte hier bleiben, eingeschlossen in ein Untergeschoß, und auf meinen Tod warten.
Und wieder trat der andere Wissenschaftler an mich heran. Den Namen kennen Sie. Es war Janus.
Er wollte mir die Flucht ermöglichen und organisierte ein Schiff. Auf einem anderen Planeten wäre ich sicher, meinte er. Und so ... eines Tages stieg ich in einen der Gleiter, die Sie Puddlejumper nennen.
Doch ich kam nicht weit. Die Belagerung war undurchdringlich. Ich schoß Wraith-Jäger ab, hetzte sie vor mich her, doch immer mehr erschienen. Man ließ mich nicht gehen. Es war ein Gemetzel.
Schließlich kehrte ich zurück in die Stadt, mir blieb keine andere Wahl. Meine versuchte Flucht war bemerkt worden und ich danach noch schärfer bewacht. Dennoch gelang es Janus immer wieder, in Kontakt mit mir zu treten.
Einige Male gelang es uns zunächst sogar noch, mich auf ein Wraith-Schiff zu schmuggeln. So lernte ich den Nahkampf. Ich tötete viele von ihnen, auch einige ihrer Königinnen.
Für mich war das die Bestätigung. Ich hatte richtig gehandelt. Das Gen funktionierte. Ich konnte kämpfen wie kein anderer. Ich konnte die Wraith zwar nicht endgültig zurück-, aber ihnen standhalten. Wenn es mehr wie mich gegeben hätte, hätten wir vielleicht eine Chance gehabt.
Doch irgendwann kam dem Rat zu Ohren, daß ich trotz allem immer noch aus meinem Gefängnis entkam, daß ich verantwortlich war für die Gemetzel auf den Schiffen. Man stellte mich unter schwerere Bewachung und verschloß die Tür zu dem Bereich, in dem ich mich aufhielt.
Fort konnte ich nicht, auf Ihren Heimatplaneten auch nicht. Das Gate wurde streng bewacht, die Hangar inzwischen ebenso.
Ich weiß nicht, wie es Janus gelang, doch immer wieder kam er zu mir. Gemeinsam arbeiteten wir einen anderen Plan aus.
Wenn ich schon nicht mit den anderen gehen durfte, sollte ich zumindest versuchen, solange wie möglich zu überleben und die Stadt zu schützen.
Janus ermöglichte mir Zugriff auf die Hauptcomputer. Ich besaß zwar nur Sicht, konnte keine Programme ändern oder neu schreiben, aber ich war auf dem laufenden. Und er brachte mir eine Stasiskammer.
Ich habe in Ihren Protokollen gelesen, seit sie hier angekommen sind. Ich weiß inzwischen, daß Janus noch einen zweiten Trumpf hatte und mir deshalb dieses Überleben ermöglichte. Er wußte, ich war nicht wie Enkil geworden. Ich konnte das Gen beherrschen, an dem mein Bruder gescheitert war. Vielleicht hoffte er, wie ich es jetzt tue, daß Sie das ebenfalls erkennen und mir eine zweite Chance geben würden.
Irgendwann war ich allein auf Atlantis, zumindest dachte ich das. Mittels der Scanner konnte ich beobachten, wie die Wraith irgendwann abzogen. Ich hoffte, daß mein Volk zurückkehren würde, doch das tat es nicht. Und so ... irgendwann begab ich mich in Stasis, weil ich die Einsamkeit nicht mehr ertragen konnte. Einige Male in dieser langen Zeit erwachte ich für kurze Zeit, um zu kontrollieren, ob es inzwischen neues Leben auf diesem Planeten gab. Doch nichts geschah, nur die ZPMs entluden sich immer mehr.
Und dann ... betraten Sie die Stadt und Atlantis erwachte aus seinem langen Schlaf. Und die Stadt weckte mich. Zunächst wußte ich nicht, was ich tun sollte, so beobachtete ich weiter Ihr Vorgehen und Ihren Umgang mit Atlantis. Doch ... ich weiß nicht, ob Sie wissen, was Einsamkeit ist, Lt. Colonel. Ich wollte wieder unter meinesgleichen sein, wollte wieder ein Leben. Und so faßte ich den Plan, Sie auf mich aufmerksam zu machen.
Doch als dieser Mann in mein Labor trat ... Er war eine Gefahr für mich. Die Wraith-Zellen in mir waren wach. Ich kämpfte mit ihm und schlug ihn nieder. Verstehen Sie mich recht, ich wollte ihn nicht verletzen, doch ich hatte Angst. Ich wollte Kontakt zu Ihnen, doch nicht so. Man sollte mir zuhören, einmal sollte man mir zuhören!
Ich bin bereit, mich von Ihren Wissenschaftlern untersuchen zu lassen. Und ich bin bereit, bis zu einer endgültigen Entscheidung hier zu bleiben. Aber ich möchte Sie um eines bitten, Lt. Colonel Sheppard. Wenn man sich gegen mich entscheidet, gewähren Sie mir einen Gang durch das Tor. Ich werde nie wieder Atlantis betreten oder Kontakt zu Ihnen suchen. Ich werde mich vor Ihnen verstecken und verschwunden sein. Von mir droht keine Gefahr, und was geschehen ist ... Sie nannten es einen Fehlstart, und ich möchte mich dessen anschließen."

Sheppard hatte sich die ganze Geschichte genau angehört, nagte jetzt nachdenklich an der Innenseite seiner Unterlippe. Die Beine hatte er halb angezogen und seine Arme locker darauf gestützt, sein Blick ging ins Leere.
Vashtu schwieg, sah ihn nur an und wartete.
Sein Blick klärte sich endlich wieder, er sah zu ihr, und diesmal trafen sich ihre Blicke wieder, wenn auch nur für eine Sekunde, ehe er den Kontakt abbrach. Sein Gesicht war sehr ernst.
Vashtu hatte sich auf der anderen Seite des Käfigs ebenfalls irgendwann niedergelassen, saß ihm im Lotossitz gegenüber. Ihr Gesicht war offen, ihre Worte klangen ehrlich.
Sheppard nickte, rappelte sich auf und trat an den Käfig heran. Noch einmal musterte er sie genau und nachdenklich. Dann sagte er: „Nenn mich John."

Etwas später

„Sie wollen was?" Dr. Elisabeth Weir starrte Sheppard einen Moment lang verblüfft an, dann schüttelte sie den Kopf. „Kommt nicht in Frage."
Sheppard beugte sich über den Schreibtisch, die Hände auf die ihm zugewandte Kante gestützt. „Elizabeth, ich bitte Sie. Vashtu hat schon genug mitgemacht. Das letzte, was sie jetzt braucht, ist es, noch einmal eingesperrt zu werden, noch dazu an der Stelle, an der ihr Bruder wahrscheinlich starb."
Weir schüttelte den Kopf. „John, sehen Sie denn überhaupt noch klar? Sie selbst waren es doch ..."
„Da kannte ich die Hintergründe noch nicht", fiel Sheppard ihr ins Wort, richtete sich wieder auf.
„Und jetzt kennen Sie sie? Sie kennen eine nicht überprüfte Geschichte, die Ihnen jemand aufgetischt hat, der zunächst als eine Bedrohung auftrat. Und Sie wollen diesen jemand freilassen?"
„Unter Aufsicht stellen", korrigierte Sheppard sofort, blickte kurz zur Seite und nagte an seiner Unterlippe. „Vielleicht ist Vashtu die Antwort auf unsere Fragen. Vielleicht ..." Er schloß den Mund.
Weir schüttelte immer wieder den Kopf. „Das kann ich nicht zulassen, und Sie wissen das. Diese Vashtu bleibt, wo sie ist, bis wir mehr Antworten haben. Eine unbewiesene Geschichte von ihr selbst kann mich nicht überzeugen."
Sheppard fuhr herum und hob den Arm. Mit der Hand wies er in die ungefähre Richtung, in der der Abschnitt der Stadt lag, in dem die Fremde bis jetzt gewesen war. „Dann lassen Sie ihre Angaben doch überprüfen, Elizabeth! Dann schicken ein paar Techniker dahin, die sich ihr Labor ansehen. Und lassen Sie in den Datenbanken der Stadt suchen. Es wird Aufzeichnungen geben, davon bin ich überzeugt. Aber ich werde nicht zusehen, wie wir sie weiter quälen! Sie selbst hat zugestimmt, sich untersuchen zu lassen. Schicken wir Beckett zu ihr und lassen sie dann unter Aufsicht in die Stadt. Wir müssen es ihr ja nicht gestatten, in wichtige Bereiche einzudringen."
Weir sah ihn überrascht an. „Sie glauben ihr."
Sheppard atmete tief ein, sein Blick war fest. „Ja, ich glaube ihr, und zwar jedes Wort." Er kreuzte die Arme vor der Brust. „Wissen Sie, was sie mich gefragt hat? Ob ich Einsamkeit verstehen könnte. Und das kann ich, wahrscheinlich sogar besser, als Sie denken. Und genau darum werde ich sie aus diesem Käfig holen!"
„Wir sind für die Sicherheit dieser Stadt und ihrer Bewohner verantwortlich, Sie und ich, John", mahnte Weir an. „Vashtu hat Sie offensichtlich tief beeindruckt. Aber ich kenne auch die Berichte. Sie waren vom ersten Moment an beeindruckt. Vielleicht nicht nur das. Vielleicht hat sie Sie beeinflußt. Und aus genau diesem Grund kann ich nicht zulassen, daß sie frei in der Stadt herumläuft."
Sheppards Augen blitzten. „Warum sprechen Sie dann nicht selbst mit ihr? Warum hören Sie sich ihre Geschichte nicht selbst an? Wenn Ihnen so viel an der Sicherheit der Stadt und den Bewohnern gelegen ist, warum wollen Sie dann einem dieser Bewohner weiter die Freiheit vorenthalten?" Er schüttelte erhitzt den Kopf, beugte sich wieder vor. „Elizabeth, ich bitte Sie! Geben sie Vashtu eine Chance, sie hat sie verdient. Hören Sie sie an, und ich bin sicher, Sie werden sehr überrascht sein." Er schloß den Mund, zögerte einen Moment. „Ich bin sicher, sie hält noch irgendetwas zurück. Sie hat mir Vertrauen geschenkt, und jetzt möchte sie eine Bestätigung, daß dieses Vertrauen nicht umsonst gewesen ist. Wenn wir sie freilassen, unter Aufsicht stellen und ihr ein bißchen Freundschaft und Verständnis geben, bin ich sicher, da kommt noch etwas. Sie weiß Dinge, die wir nicht einmal ahnen. Sie war eine Top-Wissenschaftlerin, ehe sie dieses unselige Experiment wagte. Sie hat für den Rat gearbeitet, war an einem Mittel gegen die Seuche beteiligt. Ich möchte gar nicht wissen, welche Dinge durch sie noch ans Licht kommen könnten - wenn wir ihr jetzt etwas Vertrauen schenken."
Weir senkte den Blick. „Das kann ich nicht."
Sheppard hob seufzend den Kopf in den Nacken, starrte zur Decke.
„Warum will sie so unbedingt untersucht werden, haben Sie sich das nicht einmal gefragt? Warum ist sie plötzlich so kooperativ?"
Sheppard senkte den Kopf wieder, ließ die Arme zu beiden Seiten seines Körpers locker nach unten fallen und sah Weir an mit einem Blick, den sie noch nie bei ihm gesehen hatte. „Können Sie sich vorstellen, wie es ist, so lange Zeit eingesperrt zu sein? Können Sie sich vorstellen, niemanden zu haben, der Ihnen helfen kann? Und können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn dann plötzlich jemand auftaucht und nur eine dünne Wand zwischen Ihnen und diesem anderen ist? Eine Wand, die Sie vielleicht einreißen könnten, wenn Sie sich kooperativ zeigen? Wenn Sie sich öffnen und dem anderen Dinge zugestehen, die Ihnen vielleicht unangenehm sind, die Ihnen aber weiterhelfen könnten?"
Weir sah ihn forschend an. War da Schmerz in seinen Augen? Ein Schmerz, der ihr unbekannt war, der so tief in ihm brannte, daß er ihn noch niemanden hatte sehen lassen?
Sheppard wandte den Kopf und sah zu den Fenstern hinaus. Seine Stirn umwölkte sich. „Ich kann es nicht ganz, aber zum Teil. Und genau aus diesem Grund will ihr ihr eine Chance geben. Sie ist weder ein Wraith noch eine Bedrohung, davon bin ich überzeugt. Und wenn Sie nicht bereit sind, ihr etwas Vertrauen zu schenken, ich bin es. Ob nun mit oder ohne Ihre Zustimmung, Elizabeth, ich werde sie freilassen. Die Frage ist nur, tue ich es hier oder lasse ich mir eine Adresse von ihr geben und schicke sie durch das Gate. Und hier wäre sie uns meiner Meinung nach weit nützlicher als auf irgendeiner, vielleicht inzwischen leeren Welt." Er kniff die Lippen aufeinander, als müsse er sich noch einen letzten Satz verkneifen.
Weir beugte sich vor, stützte die Arme auf ihren Schreibtisch, eine Hand legte sie an ihre Lippen.
So hatte sie John Sheppard wirklich noch nie gesehen. Und das sollte diese Fremde ausgelöst haben? Konnte sie in der wenigen Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, tatsächlich einen solchen Einfluß auf ihn ausgeübt haben? War es möglich, daß sie ihn so gründlich an der Nase herumgeführt hatte, um zu erreichen, was immer sie wollte?
Weir runzelte die Stirn.
Sheppard stand starr da, blickte noch immer aus den Fenstern in den Gateroom hinaus.
Sie vertraute ihm und seinem Urteil eigentlich. Er mochte sich schon einige Male geirrt haben, aber im allgemeinen besaß er ein Gespür dafür, was richtig und was falsch war. Nur leider wollte er nur zu gern immer wieder mit dem Kopf durch die Wand. Und ihr gelang es nicht immer, ihn daran zu hindern.
Irrte er sich jetzt? Bildete er sich nur ein, daß diese Vashtu ihre Freundschaft suchte? Oder ...
„Nehmen Sie Beckett und lassen Sie sie untersuchen. Sollte Carson nichts finden, steht Vashtu unter Ihrer Aufsicht, Colonel", entschied Weir endlich.
Wenn es möglich war, leuchteten seine Augen, als er sich mit einem breiten Grinsen wieder zu ihr umdrehte. Er nickte, und voller Energie wollte er zur Tür hinaus.
„Aber, John", fügte Weir noch an, sah ihm noch einmal ins Gesicht. „Wenn Sie sich irren, werden Sie persönlich die Verantwortung tragen, haben Sie verstanden? Sollte Vashtu sich als Bedrohung herausstellen, werde ich Sie dafür belangen und an die Erde melden."
Sheppard nickte eifrig, ehe er den Raum verließ. Weir meinte, ein kurzes „Danke" in der Luft hängen zu hören.

Einige Stunden später

Vashtu blickte auf, als Sheppard den Raum wieder betrat. Sie spürte sofort, daß da noch jemand bei ihm war, ein anderer, dessen Verbindung zu ihr aber längst nicht so stark war wie die erste. Sie runzelte die Stirn, als sie erkannte, daß dieser sich sogar gegen das wehrte, was ihm gegeben worden war.
„Vashtu?" Sheppard blickte um die Ecke.
Sie erhob sich, lächelte ihn an.
Sheppards Augen strahlten. „Ich bringe jemanden mit." Mit diesen Worten winkte er jemanden, der noch in der Finsternis stand und nun etwas schüchtern daraus auftauchte. Der andere ...
„Das ist Dr. Beckett", stellte Sheppard ihn vor. „Wenn er sein Okay gibt, darfst du gehen."
„Dr. Beckett." Sie neigte grüßend den Kopf.
„Öffnen."
Dieser Dr. Beckett schien unsicher, sehr unsicher. Seine Augen zuckten nervös, und seine Hände umklammerten krampfhaft die Tasche, die er mit sich trug.
Vashtu neigte den Kopf leicht zur Seite. Sie konnte fühlen, wie das Kraftfeld erlosch. Unwillkürlich trat sie, jetzt selbst etwas unsicher, einen Schritt zurück.
„Sollten wir sie nicht betäuben?" fragte Dr. Beckett in diesem Moment.
„Das ist nicht nötig, Doc", antwortete Sheppard, trat als erster in den Käfig.
Vashtu sah ihm entgegen, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Dr. Beckett.
Irgendwie ... er war ihr sympatisch. Deutlich kleiner als Sheppard, etwas untersetzt. Sein Gesicht wirkte offen und freundlich.
Jetzt trat er sichtlich nervös ebenfalls in den Käfig, ging langsam an Sheppard vorbei. Der hatte die Arme vor der Brust gekreuzt und beobachtete aufmerksam alles weitere.Vashtu atmete einmal tief ein, dann trat sie dem Doktor entgegen.
Beckett sah sie an wie die Maus die Schlange, schluckte einige Male. „Dann ... ich muß." Verlegen blickte er sich um, stellte die Tasche schließlich auf den Boden und beugte sich darüber.
Vashtu erhaschte einen Blick auf vertrautes. Spritzen, Nadeln und noch einiges. Lächelnd krempelte sie den Rest ihres Ärmels über den Ellenbogen, spannte die Muskeln an.
„Ich werde zunächst etwas Blut abnehmen", erklärte Beckett und erhob sich. Erstaunt riß er die Augen auf, als sie bereits soweit bereit stand und ihm ihren Arm hinhielt.
„Das ist kein Problem, Doktor", sagte sie lächelnd. „Ich kann mir die Nadel auch selbst setzen."
„Ich ..." Beckett schüttelte verdattert den Kopf.
„Ich habe doch gesagt, es ist kein Problem", ließ Sheppard sich vernehmen.
„Wenn Sie das Blut untersuchen, werden Sie veränderte Genstränge finden, Doktor. Sollte das ein Problem sein, ich kann Ihnen gern meine Unterlagen zur Verfügung stellen. Mutationen gab es, meines Wissens, nicht. Falls sich doch etwas finden sollte, wäre ich sehr dankbar, wenn Sie mich informieren würden. Vielleicht könnten wir dann gegensteuern."
Beckett starrte sie immer noch an. „Wie ... ?"
„Sie war bei den Antikern Wissenschaftlerin, Doc", erklärte Sheppard. „Sie selbst hat das veränderte Gen geschaffen, das sie trägt."
Beckett drehte sich halb um, daß er zwischen ihnen beiden stand. Irritiert sah er immer wieder von einem zum anderen. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf sie.
„Sie waren Wissenschaftlerin?"
Vashtu nickte, band sich nun selbst den Arm ab. „Bei ihnen heißt es, glaube ich, Gentechnikerin. Aber das ist lange her."
Becketts Gesicht verzog sich zu einem kameradschaftlichem Lächeln. „Wirklich? Ich arbeite selbst auf diesem Gebiet. Und, ich muß zugeben, seit wir hier sind, bin ich mit seinem Arbeiten erstaunlich weit gekommen. Vielleicht möchten Sie später einen Blick darauf werfen."
Über die Schulter des Arztes konnte Vashtu Sheppard beobachten, der ungeduldig dastand, das Gewicht immer wieder von einem Bein auf das andere verlagerte. Beckett redete weiter, während er ihr endlich Blut abnahm.
„Diese Sache ist höchst interessant. Woran haben Sie zuletzt gearbeitet?" Beckett zog die Nadel aus ihrem Arm, drückte die winzige Wunde mit einem Tupfer ab.
Vashtu spannte die Muskeln wieder an und hob den Arm. „Nahrungsersatz. Wir hatten zwar das Tor, aber die Wraith wußten, daß wir darauf angewiesen waren, Nahrung von außen zu holen. Mein Auftrag war es, die verschiedenen pflanzlichen Restbestandteile des Salzwassers auf ihren Nährwert hin zu untersuchen und gegebenenfalls anzureichern, um daraus Nahrung zu gewinnen."
Beckett nickte anerkennend. „Ein weites Feld, und sicher nicht ganz einfach. Immerhin standen Sie hier ziemlich unter Druck damals, nicht wahr?"
Sheppard sah sie nachdenklich an, eine Frage in den Augen.
Vashtu nickte ihm stumm als Antwort zu. „Nicht ganz einfach, das gebe ich zu. Aber nicht wirklich ausfüllend. Immerhin hatte ich noch genug Zeit, um meine eigenen Forschungen an der Gentherapie fortzuführen."
Beckett schloß seine Tasche wieder. „Ich würde mich gern weiter mit Ihnen darüber unterhalten, Vashtu. Und ich denke, in den nächsten Tagen werden wir noch einige Zeit mit Gesprächen verbringen, wenn Sie möchten."
„Was soll das heißen?" Sheppard trat vor.
Beckett drehte sich zu ihm um. „Nun, das heißt, daß sie leider noch einige Zeit in Quarantäne bleiben muß, ehe ..."
„Sie sollten sie untersuchen und Ihr Okay geben, damit ich sie unter meine Aufsicht stellen kann", entgegnete der Colonel hitzig.
„Solange wir nicht wissen, ob nicht vielleicht doch eine Bedrohung durch sie erfolgt, entschuldigen Sie, Vashtu, werde ich sie nicht in die Stadt lassen, Colonel." Beckett blieb fest.
Sheppards Augen flammten auf. „Das ist ..."
„John!" Vashtu fing seinen Blick ein, schüttelte energisch den Kopf. „Ich habe gesagt, ich warte. Und ein paar Tage kann ich durchaus noch überstehen."
Sheppard sah sie an, die Kiefer fest aufeinander gepreßt, dann senkte er den Blick.
Beckett dagegen starrte sie entgeistert an, dann glitt sein Blick zu dem Colonel hinüber, ging dann wieder zwischen ihnen hin und her. Schließlich nickte er verstehend und leicht schmunzelnd, nahm seine Tasche.
„Ich möchte mit Ihnen sprechen, Colonel", sagte er, als er den Käfig wieder verließ.
Sheppard sah wieder Vashtu an, die seinen Blick erwiderte, langsam den Kopf schüttelte. „Es wird gehen", wisperte sie schließlich.
Er öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, dann aber wandte er sich abrupt ab und verließ ebenfalls den Käfig, folgte Beckett auf dem Fuße.
„Was sollte das gerade?" fuhr er den Mediziner an, kaum daß sie um die Ecke des Ganges waren.
Beckett blieb stehen, sah zu ihm hoch. „Dr. Weir rief mich an und übertrug mir die Entscheidung, Colonel. Und ich werde sie nicht eher aus der Quarantäne entlassen, als daß ich genau weiß, was in ihr vorgeht."
„Sie sollten einen Blick auf sie werfen und sie dann an mich überstellen, Doktor. So war es abgemacht!" entgegnete Sheppard wütend. „Ich lasse mich nicht übergehen."
Beckett sah ihn an, reckte sich dann. „Und was soll ich Ihrer Meinung nach jetzt sagen? Daß ihr Blut rot wie unseres ist? Colonel, Sie wissen doch sehr genau, daß ich noch gar nichts sagen kann, noch rein gar nichts. Abgesehen von der einen oder anderen Kleinigkeit."
„Ich werde sie nicht in diesem Käfig lassen. Sie ist keine Gefahr!" Sheppard reckte sein Kinn vor.
„Sie wird auch nicht hier bleiben. Ich überstelle sie in den Überwachungsraum. Dort haben wir sie unter Kontrolle und sie kann sich ein wenig an die Umgebung und die Menschen hier gewöhnen. Denn, auch wenn es Ihnen vielleicht entgangen ist, diese Vashtu ist in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht gerade sehr erfahren. Nach allem, was Sie mir bereits erzählten, war sie schon bevor Atlantis verlassen wurde eingesperrt. John, zehntausend Jahre. Wir wissen nicht, was eine so lange Einsamkeit in einem Menschen anrichten kann, erst recht nicht wenn dieser Mensch ein Antiker ist. Wir müssen sie langsam an andere Individuen gewöhnen. Wenn wir sie jetzt in die Stadt lassen, erleidet sie vielleicht einen Kulturschock. Ich werde auf jeden Fall Dr. Heightmeyer zu ihr schicken."
Sheppard biß sich auf die Lippen, seine Hände verkrampften sich immer wieder zu Fäusten. Doch er nickte.

Einige Tage später

Dr. Weir stand oben auf der Galerie und sah hinunter auf die Gestalt, die auf dem Bett saß, die Beine angezogen, und offensichtlich in einem Buch las. In frischer Kleidung, einem neuen Haarschnitt und sauber wirkte Vashtu selbst auf sie vollkommen normal. Dennoch bereitete ihr das Auftauchen dieser Frau viele Sorgen.
„Ah, Elizabeth, schön, Sie zu sehen."
Weir blickte auf und nickte Beckett zu, der gerade auf die Galerie getreten war, einen Stapel Papiere in den Händen. „Carson. Ich wollte mir einmal selbst unseren unverhofften Gast ansehen."
Beckett nickte verständnisvoll, stellte sich neben sie und blicke hinunter.
„Liest sie tatsächlich?" erkundigte Weir sich.
„Oh ja, das tut sie", antwortete Beckett. „Das Buch hat sie von Colonel Sheppard. Sie liest sehr interessiert, offensichtlich gefällt es ihr."
Weir nickte skeptisch. „Dann ist er also hier gewesen."
Beckett lächelte. „Oh, er ist fast jeden Tag hier, nach seinem Dienst. Meist eine Stunde, manchmal etwas länger, manchmal etwas kürzer. Die beiden haben sich offensichtlich viel zu erzählen."
Weir nickte, runzelte leicht die Stirn. „Und was sagen Sie zu ihr?"
Becketts Lächeln vertiefte sich. „Meine Tests sind so gut wie abgeschlossen. Und, bis auf das, was sie selbst zugibt, habe ich nichts gefunden. Dr. Heightmeyers Bericht dürften Sie ja bekommen haben. Auch sie attestiert ihr eine gute geistige Gesundheit. Sie leidet eben nur an der langen Einsamkeit, darum bemühen wir uns, ihr Kontaktpersonen zur Seite zu stellen. Der Colonel ist geradezu ... Nun ja, wie gesagt, die beiden haben viel miteinander zu besprechen."
Weir nickte wieder, ihre Hände glitten über das Metallgestränge der Galerie. „Rodney ist immer noch mit den Auswertungen der Daten in ihrem ... Labor beschäftigt. Wie es aussieht, hat sie auch hier die Wahrheit gesagt. Sie hatte Zugriff auf den Hauptrechner, aber keine Möglichkeit, ihn irgendwie zu manipulieren." Sie schüttelte den Kopf.
Beckett sah sie besorgt an. „Aber etwas bereitet Ihnen Kopfschmerzen. Was ist es?"
„Sheppards Vernarrtheit in diese Frau, die bereitet mir Sorgen." Sie seufzte. „Ich frage mich, was da vor sich geht. Er ist nicht wie sonst. Man könnte den Eindruck gewinnen, er ..." Sie schüttelte den Kopf.
Beckett nickte. „Sie sollten sich darum keine Sorgen machen, Elizabeth", antwortete er. „Ich glaube im Gegenteil, Vashtu tut dem Colonel gut. Er kommt mehr aus sich heraus als bisher. Und ... da kommt er übrigens."
Weir richtete sich wieder auf, sah nach unten.
Tatsächlich hatte sich gerade die Tür geöffnet und Colonel Sheppard betrat den Raum, eine Kiste unter dem Arm. Vashtu blickte auf, und sie lächelte.
Weir runzelte die Stirn.
Sheppard ließ sich auf der im Raum stehenden Sitzgruppe nieder und öffnete den Karton. Dann begann er, ein Schachspiel aufzubauen. Vashtu trat interessiert näher, betrachtete ihn aufmerksam dabei.
„Das ist interessant. Sie sollten es sich ansehen, Elizabeth. Dann werden Sie vielleicht verstehen, warum ich keine Bedenken habe." Beckett nickte lächelnd.
Weir blickte ihn fragend an. „Was meinen Sie?"
Vashtu ließ sich jetzt auf der anderen Seite des Spielbrettes nieder. Sheppard hatte den ersten Zug.
„Seit ein paar Tagen bringt der Colonel dieses Spiel mit. Sie spielen ... Oh, ich glaube, gewonnen hat noch keiner von ihnen, seit Vashtu Schach verstanden hat."
Weir runzelte die Stirn, blickte wieder nach unten und beobachtete eine Weile das Spiel.
„Das ist nicht möglich!" entfuhr es ihr endlich. „Haben wir Aufnahmen davon?"
Beckett nickte. „Sie spielen genau gleich. Ständig gibt es ein Remis nach dem anderen. Sie denken gleich, wie eine Person, nur eben in zwei Körpern", erklärte er. „Zu Anfang gewann Sheppard noch, doch bereits ab der dritten Partie gibt es diese Konstellation. Sie können nicht gegeneinander gewinnen, es sei denn, einer von ihnen läßt es zu."
Vashtu zog den schwarzen Läufer, schlug damit Sheppards Turm. Der wiederum nahm ihren Springer. Die Partie näherte sich ihrem Ende, einem Ende, das nur auf eines hinauslaufen konnte: ein Remis.
Weir schüttelte den Kopf. „Soetwas habe ich noch nie gehört. Das ist unmöglich!" entfuhr es ihr.
Beckett zuckte mit den Schultern. „Ich kann Ihnen nichts anderes sagen. Aber nach Vashtus Geschichte habe ich mir soetwas bereits gedacht. Sie beide sind etwas unkonventionell. Ein merkwürdiger Zufall, aber geistig scheinen sie tatsächlich auf genau der gleichen Ebene zu stehen, einmal abgesehen von Vashtus etwas höherem Entwicklungsstand. Es ist, als seien sie geistig verbunden." Er betrachtete die beiden dort unten noch einmal sehr genau. „Und ich denke, genau dieser Umstand hat den Colonel so für Vashtu eingenommen. Er ist fasziniert von ihr, das gebe ich zu, aber es ist auch umgekehrt. Er ist inzwischen zu ihrer Bezugsperson geworden, ihm vertraut sie am meisten. Wenn wir Sheppard jetzt verbieten, sich weiter mit ihr zu treffen, könnte das auf ihren Geisteszustand Auswirkungen haben. Und genau darum würde ich mich an Ihrer Stelle in die Situation fügen. Ändern können Sie sie sowieso nicht mehr."
Das Remis war da. Keiner der beiden Spieler konnte noch vor oder zurück. Ein Patt.
Sheppard lachte, lehnte sich entspannt zurück.
Weir atmete tief ein. „Und Sie sagen, es besteht keine Notwendigkeit mehr, sie hier festzuhalten?"
„Vom medizinischen Standpunkt aus nicht."
Weir konnte nicht aus ihrer Haut, sie machte sich Sorgen um Sheppard. Er war anders als sonst. Schon allein diese Beobachtung, wie er dort so merkwürdig entspannt bei dieser Fremden saß, wie er mit ihr lachte und Scherze machte. Etwas war eigenartig an dieser Sache.
„Wenn Sie mich fragen, lassen Sie sie unter Aufsicht in die Stadt, Elizabeth. Wenn sie etwas zu verbergen hat, werden wir es ohnehin erst erfahren, wenn es soweit ist. Wenn sie Geheimnisse hat, wird sie sie uns auf diesem Wege nicht verraten."
„Könnte sie Atlantis schaden?" Weirs Fingerknöchel wurden weiß, so fest umspannte sie das Geländer.
Beckett neigte den Kopf, drückte die Papiere, die er schon die ganze Zeit mit sich herumtrug, fester an den Körper. „Die Geräte reagieren selbstverständlich auf sie und wir haben nicht die leiseste Ahnung, zu was ihr Geist fähig ist. Aber ... Ich glaube nicht, daß sie eine Gefahr für Atlantis darstellt. Bisher war sie mehr als kooperativ und hat alles mit sich machen lassen. Sie will einfach nur Anschluß. Wir könnten eine Menge von ihr lernen, Elizabeth."
„Mir bereitet es Sorge, daß sie erst jetzt aufgetaucht ist. Warum nicht schon eher. Mehr als genug Möglichkeiten dazu hatte sie."
Beckett warf ihr einen langen Blick zu. „Wirklich?"

TBC ...

10.09.2009

Vashtu I

TV-Serien: Stargate: Atlantis
Genre: adventure, scifi
Rating: M
Zeitleiste: Diese Fanfiktion spielt innerhalb der zweiten Staffel Stargate: Atlantis
Author's Note: Nicht daß ich mich wieder mit fremden Federn schmücke! Teile der Charakterisierung sowie des Handlungsverlaufs wurden mit einer anderen Dame besprochen und festgelegt. Da die gute ja immer so gern auf ihr Recht pocht also: ich bin für ca. die Hälfte der Storyline verantwortlich und die dumme Tippse, die das ganze aufgeschrieben hat. Den weitaus größeren und kreativeren Teil der Verantwortung liegt bei einer Dame, die sich Arielen, Kris oder Crystal Sun nennt (übrigens einschließlich Vashtus Charakterisierung!).
Kommentare sind (wie immer) erwünscht!


Jetzt

Lt. Colonel John Sheppard betrat den abgedunkelten Raum, nickte dem Wächter grüßend zu und sah sich um. Die indirekte Beleuchtung sorgte dafür, daß die Dunkelheit noch undurchdringlicher wirkte, die Schatten noch drohender. Und in der Mitte, dort woher das Licht zu kommen schien, befand sich der Käfig.
Sheppard erinnerte sich an andere Gelegenheiten, bei denen er hier gewesen war. Gelegenheiten, die nicht sonderlich angenehm waren - weder für ihn noch für die, die in diesem Käfig gesessen hatten.
Er trat vorsichtig an die Gitterstäbe heran, wohl wissend, daß diese selbst den Wraith standhielten, und betrachtete den jetzigen Insassen.
„Hallo", begrüßte er die Gefangene.
Die Frau drehte sich zu ihm um. Dunkle Augen trafen auf seine, schienen seinen Blick einen Moment lang zu bannen, ehe sie ihn wieder frei gaben. Ein beinahe schüchternes Lächeln erschien auf ihren Lippen, während sie langsam näher an die Gitterstäbe trat. Ein Lächeln, das so gar nicht zu dem passen wollte, was in den letzten sechs Stunden passiert war.
Sheppard zögerte einen Moment, versucht, vor der Fremden zurückzuweichen. Dabei hämmerte er sich in sein Hirn, daß es hier ein Kraftfeld gab. Ein Kraftfeld, das einen Wraith abhalten konnte. Er war sicher.
„Tut mir leid ... wegen dem hier und so", fuhr er fort.
Die Fremde sah ihn immer noch an, wandte sich dann ab und nickte. „Es ist nicht eure Schuld. Manchmal ..." Sie unterbrach sich.
Sheppard fuhr sich mit einer Hand durch sein Haar, brachte es dabei nur noch mehr in Unordnung. „Klassischer Fehlstart, würde ich behaupten", sagte er mit einem schiefen Grinsen, stützte die Hand auf seiner Hüfte ab. „Und wenn wir uns jetzt in Ruhe unterhalten können, können wir uns auch vorstellen. Ich bin Lt. Colonel John Sheppard, militärischer Leiter hier."
„Vashtu Uruhk."
Er stutzte. „Vashtu?"
Sie drehte sich wieder zu ihm um und nickte stumm.
Sheppard zögerte wieder, verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere. „Es ist das erste Mal, daß wir einen Namen erfahren von einem von euch."
Vashtu sah ihn fragend an. „Einem von uns? Sie gehören doch auch zu diesem Uns, warum also sollte ich meinen Namen nicht nennen?"
„Moment mal." Sheppard trat näher an den Käfig heran, sein Gesicht war sehr ernst geworden. „Ich gehöre sicher nicht zu euch, ganz sicher nicht. Ich bin kein Wraith."
Vashtu sah ihn einen Moment lang wirklich verblüfft an, dann begann sie zu lachen, laut und schallend - und sehr angenehm. Ein Gelächter, das ihn anstecken wollte, ein Gelächter, eigentlich voller Humor, doch jetzt gewürzt mit einer gehörigen Portion Sarkasmus.
„Ich ein Wraith?" Vashtu trat an die Gitterstäbe, grinste ihn voll bitterem Hohn an. „Es stimmt, ich trage Wraith-Zellen in mir, aber aus einem anderen Grund als ihr offensichtlich denkt. Ich bin eine Antikerin, Lt. Colonel Sheppard. Diese Stadt ist meine Heimat, seit mehr als zehntausend Jahren. Ich wuchs hier auf und habe an einem Experiment teilgenommen, das mich zu dem machte, was ich jetzt bin: nahezu unsterblich und voller Kraft. Ich sollte die letzte Waffe gegen die Wraith sein, Colonel, und Atlantis vor ihnen schützen."

6 Stunden früher

„McKay, was gibt es?" Sheppard nahm mit Schwung die letzten Stufen, nickte Dr. Elizabeth Weir kurz grüßend zu.
Rodney McKay, leicht untersetzt und etwas verschwitzt, tauchte unter der Konsole des Hauptrechners auf und kreuzte die Arme vor der Brust. Sein Gesicht nahm einen hochmütigen Ausdruck an, als er bemerkte, wer dem Lt. Colonel auf dem Fuß gefolgt war.
„Wir haben eine rätselhafte Anzeige im Lebenszeichendetektor", erklärte er, wischte mit einer Hand durch die Luft, als wolle er eine Fliege verscheuchen.
Sheppards Augenbrauen zogen sich gen Haaransatz. Nun kreuzte auch er die Arme vor der Brust und in seinen Augen lag ein Hauch von Schalk. „Tatsächlich ... interessant", meinte er nur.
„Rodney, kommen Sie zum Punkt", wandte nun Dr. Weir ein. „Sie haben uns hergerufen, weil Sie etwas wichtiges gefunden haben. So sagten Sie jedenfalls." Sheppard blieb stumm, nickte aber zustimmend.
McKay atmete einmal tief ein, seine Brust hob sich.
Ronon, der sich hinter dem Lt. Colonel aufgebaut hatte, knurrte etwas unverständliches. Zwei Techniker wechselten vielsagende Blicke.
„Wir haben eine Störung - oder hatten - oder ... Kurz gesagt, ich bin da auf etwas gestoßen", begann McKay jetzt mit einer weitausholenden Erklärung.
„Wir haben/hatten eine Störung?" Sheppard neigte den Kopf leicht nach vorn. „Und?"
McKays Gesicht verzog sich, als habe er in eine Zitrone gebissen. „Ich wollte an den Detektoren arbeiten, um die Einstellungen verfeinern zu können. Nun, und dabei sind wir auf etwas gestoßen, das uns allen wohl bisher entgangen ist."
„Wir." Sheppards Stimme klang trocken. Kurz sah er sich um, hob die Brauen wieder.
McKay schien sich, wie ein Hahn auf dem Misthaufen, aufzuplustern. „Ich."
„Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen Ihre Finger von den Detektoren lassen, solange wir nicht genau wissen ..."
„Ich weiß genau, was ich tue", fiel McKay Weir ins Wort.
Die Expeditionsleiterin kreuzte die Arme vor der Brust und beugte sich leicht nach vorn. „Das haben Sie schon öfter gesagt. Was ist passiert?"
McKay wandte rasch den Blick ab, zu rasch für Sheppards Geschmack, doch noch hielt er sich zurück.
„Wie es aussieht, ist noch etwas in Atlantis. Nur können wir es nicht wirklich orten. Das heißt, orten können wir das Signal schon, nur scheint es immer wieder ..."
„Was können Sie orten, Rodney?" mischte Sheppard sich ein und schnitt dem aufgeregten Wissenschaftler das Wort damit ab, wofür er von diesem einen verärgerten Blick erntete.
„Wir sind uns nicht sicher, aber es könnte immerhin sein."
Sheppard beobachtete seinen Gegenüber weiter. McKay war nervös, sehr nervös. Kein gutes Zeichen.
„Was haben Sie gefunden, Rodney?" fragte Dr. Weir nun wieder. Ronon knurrte erneut etwas.
McKay wand sich sichtlich, preßte die Lippen aufeinander. Erst als Sheppard drohend einen Schritt vortrat hob er die Hand.
„Es sieht aus, als hätten wir noch einen Wraith in der Stadt."
Das saß!
Sheppard prallte zurück wie vor eine Wand gelaufen, Dr. Weir, die gerade wieder hatte etwas sagen wollen, blieb der Mund offen stehen.
McKay baute sich, und sein angeschlagenes Selbstvertrauen, jedoch schnell wieder auf. „Das Problem, das ich habe, ist einfach: Mal ist der Wraith da, mal wird ein Mensch angezeigt. In ein und dem gleichen Raum. Ein solches Phänomen dürfte es eigentlich nicht geben, schon gar nicht mit den doch technisch sehr ausgereiften Detektoren der Antiker. Dennoch bleibt es ein Rätsel. Ich denke, es liegt an der Kalibrierung der Detektoren. Wahrscheinlich haben sie sich selbstständig in den letzten zehntausend Jahren verstellt, wodurch ..."
„Ein Wraith? Hier?" Sheppard atmete einige Male tief ein. „Wo?"
„Die Sache ist die, daß es sich bei seinem Aufenthaltsort um einen Abschnitt handelt, den wir bisher noch nicht erschlossen haben. Er sollte, laut Plan, erst nächsten Monat genauer durchsucht werden. Wir haben also so gut wie keine Ahnung, ob ..."
„Wo?" Wieder ein drohender Blick von Sheppard.
„Wie kommt es, daß wir ihn erst jetzt bemerken?" fragte Dr. Weir irritiert. „Es hätte doch schon längst irgendeine Meldung geben müssen."
„Der Bereich war bis jetzt abgeschottet. Offensichtlich wurde der Wraith bei der Belagerung ..."
„Wo, zum Teufel, finden wir diesen verdammten Wraith, McKay!" Sheppards Stimme erhob sich bei diesen Worten erstaunlich wenig für die gewaltigen Gefühle, die gerade in ihm hochkochten.
McKay schien tatsächlich den Kopf einzuziehen. „Im südlichen Abschnitt. In einem Raum nahe der Flutmarke."
Sheppards Blick glitt von dem Wissenschaftler ab und zu der Anzeige hin. Aufmerksam studierte er einen Moment lang den Lageplan, bis er fand, was er suchte. Ein kleines, blinkendes Licht, das in einer ungesunden Farbe immer wieder aufleuchtete.
„John?"
Sheppard starrte weiter auf die Anzeige, während ihm tausend Gedanken durch den Kopf gingen, sich in seinem Hirn ein gewisser Plan festsetzte. Dann drehte er sich herum, seine Hand fuhr hoch und aktivierte sein Sprechfunkgerät. Den Blick ließ er bei seinen Befehlen auf Dr. Weir gerichtet.
„Ein Dutzend Männer zu mir, schwere Bewaffnung." Er sah die Leiterin einen Moment lang an, dann nickte er, drehte er sich herum und wollte gehen. Doch dann stockte er, wandte sich erneut dem Raum zu. Seine Augen glitten suchend über die Anwesenden.
„Wo ist Ronon?"

5 Stunden früher

Sheppard gab Handzeichen, hob seine Waffe.
Herzukommen war noch die leichteste Übung gewesen. Doch wenn sie hinter der geschlossenen Tür tatsächlich ein Wraith erwartete ... er hatte so seine Erfahrungen mit diesen Grünhäuten. Und eigentlich legte er keinen Wert darauf, diese Erfahrungen noch zu vertiefen.
Auf der anderen Seite stand klar und deutlich die Sicherheit von Atlantis. Er als militärischer Leiter war verpflichtet, die wissenschaftliche Expedition zu schützen und zu unterstützen. In diesem Fall dürfte es allerdings eher das erstere sein. Niemand sollte zu Schaden kommen, wenn es sich verhindern ließ.
Sheppard warf kurz einen Blick zurück auf den finsteren Gang, durch den sie gekommen waren. Weit hinten flackerte eine Lampe, ansonsten war es dunkel. Mit seinem tragbaren Lebensdetektor war er gerade noch einmal sicher gegangen, daß, was auch immer sich in diesem Raum befinden sollte, auch wirklich drin war und sich nicht etwa bereits über die verzweigten Gänge davongemacht hatte.
Merkwürdig war es allerdings schon. Sie schienen sich hier in einem Teil der Stadt zu befinden, der durch das Kraftfeld nicht so sehr geschützt worden war wie der Rest der gigantischen Anlage. Am Ende des Ganges moderte eine Metalltür vor sich hin und hing schief in ihrer Schiene. Der Gang, den sie entlanggekommen waren, war mit Mooskissen und wenig dekorativen Flechten an den Wänden geschmückt. Überall konnte man Wasserrinnen auf dem Metall erkennen. Dies war wirklich der erste Teil von Atlantis, dem man sein Alter zumindest ansatzweise ansah.
Sheppard warf wieder einen Blick auf das Handgerät und preßte die Lippen aufeinander. Natürlich, zwei Anzeigen.
Sheppard steckte das kleine Gerät wieder in die Brusttasche seiner Überlebensweste, nickte Lt. Davids zu. Mit leisem Klicken entsicherten sich die Waffen.
Sheppard atmete noch einmal tief ein, biß sich auf die Lippen. Dann hob er die Linke und gab erneut Zeichen. Sofort nahmen die Marines Aufstellung zu beiden Seiten der Tür.
„Colonel", zischte Teyla ihm über die Schulter hinweg zu.
Davids starrte ihn an.
„Was?" Sheppard war ungeduldig. Er wollte diese Sache endlich aus der Welt schaffen. Einen Wraith in Atlantis zu haben war eine unangenehme Angelegenheit.
„Ich fühle nichts", wisperte Teyla ihm zu.
Sheppard stutzte, ließ die Hand sinken und drehte den Kopf. „Wie bitte?"
Teyla nickte zur Tür. „Es gibt keinen Wraith da drin, Colonel Sheppard", wiederholte sie.
„Sir?"
Sheppard runzelte die Stirn. „Keinen Wraith? Aber ..."
Hatte er stumm genickt? Oder hatte Davids eigenmächtig gehandelt. Sheppard wußte es selbst nicht mehr zu sagen in dem Chaos, das folgte. Eines allerdings mahnte er sich sofort an: Wer auch immer seine Gesten falsch verstanden hatte, würde noch die Folgen tragen.
Die Tür wurde geöffnet, einer der anderen Soldaten war es offensichtlich gewesen, und die ersten des kleinen Trupps stürmten den Raum. Nur Sekundenbruchteile später hörte man ihre Schmerzensschreie und ein feines Zischen in der Luft.
„Verdammt!"
Sheppard preschte vor, als Schlußlicht des Trupps statt als deren Anführer. Und jetzt sah er sie das erste Mal:
Schnell, präzise und grazil schoß die Gestalt durch den Raum, eine lange Stange in den Händen. Dunkles Haar wirbelte um ein blaßes Gesicht, die Kleidung wirkte verblichen und alt. Zielsicher traf die antiquierte Waffe, die sie in Händen hielt, einen weiteren Mann im Nacken, krachte auf sein Genick, daß er fiel wie ein gefällter Baum. Dann schien auch sie Sheppards Anwesenheit zu bemerken, blieb wie erstarrt stehen und erwiderte seinen Blick.
Für den Colonel war es, als sei plötzlich die Zeit stehen geblieben. Woran es lag, konnte er selbst nicht genau sagen. Dieser Blick traf ihn mit einer Wucht, der er kaum gewachsen war. Die fremden, dunklen Augen weiteten sich etwas, wie vor Überraschung.
Eine Sie. Eine Frau.
Sheppard begriff nicht wirklich, was um ihn herum geschah. Seine Welt schien plötzlich nur noch aus den Augen dieser Frau zu bestehen. Und irgendwie gewann er in dieser Ewigkeit den Eindruck, auch sie würde nicht anders empfinden. Ihre Blicke klebten wie die Seidenfäden eines Spinnennetzes aneinander, und keiner von ihnen schien sich wirklich losreißen zu können - oder zu wollen?
Dann brach die Fremde den Bann, wirbelte herum, ließ den Stab noch einmal tanzen, um ihn dann, wie einen Speer, zu werfen. Die Waffe knallte gegen das raumhohe bunte Fenster ... und bohrte ein Loch in das Material.
„Stehenbleiben!" rief jemand.
Die Fremde warf noch einen Blick zurück. Sheppard wurde es heiß und kalt. Noch immer war ihm, als sei er an der Stelle festgeklebt und paralysiert. Er konnte nur beobachten.
Sie nahm Anlauf, gerade als einer der Marines seine Waffe hob, und sprang. Das Fenster zerbarst endgültig und ließ ihre schlanke Gestalt wie durch einen brennenden Reifen hinaus auf die Außenverkleidung der Stadt gleiten ... und dann war es vorbei.
Sheppard blinzelte, während noch die letzten Scherben zu Boden rieselten. Benommen trat er an das zerstörte Fenster, starrte hinaus und sah die Brandung, die sacht gegen die schwimmenden Fundamente von Atlantis schwappte.
„Was ... was war das?" flüsterte er.
Von der Fremden war nichts zu sehen, sie war verschwunden.
„John, ist alles in Ordnung?"
Sheppard schüttelte den Kopf, um die letzten Reste dieser seltsamen Benommenheit abzustreifen, drehte sich wieder herum.
„Was auch immer es war, es ist uns entkommen", murmelte er.
Sheppard riß sich zusammen, wechselte kurz einen Blick mit Teyla, die noch immer an der Tür stand, das Gewehr im Anschlag. Dann sah er zu Boden.
Vier seiner Truppe lagen da, und noch ein fünfter, gewaltiger Leib: Ronon Dex.
„Ich hätte es mir denken können", seufzte Sheppard, kniete sich neben dem gewaltigen Krieger nieder und fühlte nach seinem Puls.
„John, alles in Ordnung?" meldete sich wieder Dr. Weir über Funk.
Ronon lebte, und auch die anderen Männer schienen lediglich bewußtlos zu sein, neben der Erfahrung der Tracht Prügel ihres Lebens.
Sheppard erhob sich seufzend wieder, betrachtete seine verbliebenen Männer. Dabei fiel ihm etwas auf: kein einziger Schuß war gefallen. Sie hatte Ronon als Aufwärmtraining benutzt und dann mit den anderen weiter gemacht. Und sie ließ alle, einschließlich des Einzelkämpfers Ronon, mehr als blaß aussehen.
Nachdem ihm dies klar geworden war, aktivierte er endlich sein Funkgerät. „Alles in Ordnung, Elizabeth, soweit man es sagen kann. Die ... der ... das Ding ist uns allerdings entwischt. Wir brauchen ein medizinisches Notfallteam ... und jede Menge Kopfschmerztabletten. Und falls Sie einen Glaser zur Hand haben ..." Er richtete seinen Blick wieder auf das zerstörte Fenster.
Er mochte die bunten Fenster von Atlantis, umso mehr tat es ihm leid, wenn eines zerstört wurde. Das allerdings war nicht oft der Fall. Ehrlich gesagt, ausgerechnet er selbst hatte eines zerschlagen, ansonsten schienen ihnen selbst Kugeln und Energiewaffen wenig auszumachen. Nun ja, das von ihm zerschlagene Fenster war zumindest kein buntes gewesen ...
„Was ist passiert?" wiederholte Dr. Weir.
„Das Ding ist klüger und will sich nicht so einfach einfangen lassen. Eine Ortung von Rodney wäre jetzt genau richtig", antwortete er, erinnerte sich seines kleinen Detektors und zog ihn wieder aus der Tasche. Stirnrunzelnd betrachtete er die Anzeige, hob dann den Kopf und musterte jeden einzelnen der noch stehenden Truppe.
„Wir teilen uns auf und versuchen, es aus seinem Versteck zu treiben. Zweierteams", befahl er. „Und ich würde diesem Ding gern noch ein oder zwei Fragen stellen, wenn möglich. Ein typischer Wraith ist das jedenfalls nicht. Also seht zu, daß ihr es nur betäubt."

Kurz darauf

Sheppard erhob sich mit erstarrtem Gesicht, blickte sich in der ihn umgebenden Dunkelheit aufmerksam um. Dann kniete er sich noch einmal neben die daliegende Gestalt, griff nach dem Gewehr. Stirnrunzelnd stellte er fest, daß auch hier wieder die Munition fehlte.
Zwei weitere Marines hatte er in der letzten halben Stunde gefunden. Damit war seine Truppe inzwischen auf fünf zusammengeschrumpft. Und wenn es so weiterging ...
„Colonel?"
Sheppard blieb weiter am Boden, aktivierte sein Funkgerät. „Was gibt es, Teyla?" flüsterte er.
„Wir haben hier ... McCullock und Davids sind bewußtlos," antwortete Teylas Stimme in seinem Ohr.
Sheppard kam mit einem Ruck wieder auf die Beine, sah sich noch einmal aufmerksam um, ehe er seine P-90 wieder hob und noch einen Kreis mit der kleinen Lampe beschrieb, die vorn auf dem Lauf angebracht war. Er fühlte sich beobachtet, konnte jedoch nichts ausmachen.
„Sind die Waffen der beiden noch geladen?" fragte er schließlich.
Teyla schwieg, und das ziemlich lange. Er fühlte sich ein wenig allein hier, und er wurde allmählich wütend. Was auch immer dieses Ding war, diese Frau, sie schaltete einen nach dem anderen von seinen Männern aus, nahm ihnen die Munition ab und ließ sie ohnmächtig liegen.
Ein Katz-und-Maus-Spiel, nur hatte Sheppard gerade nicht das Gefühl, er sei die Katze.
„Nein, die Waffen wurden entladen", antwortete Teyla endlich.
Sheppard zog den Lebenszeichendetektor aus seiner Brusttasche, musterte die Anzeige.
Wenn er nicht etwas unternahm, würde dieses Ding bald die ganze Gruppe außer Gefecht gesetzt haben. Solange er zumindest den Detektor besaß, war er nicht ganz blind. Dennoch ... Er blickte auf. Hier unten kannte er sich definitiv nicht aus, das Ding dagegen schon.
Sheppard entschied sich
Teyla, ich möchte, daß Sie zurückgehen zur Treppe", befahl er leise. „Und nehmen Sie die verbliebenen Männer mit. Wir brauchen hier unten Verstärkung und, vor allem, mehr Licht, geben Sie das bitte an Dr. Weir weiter. Und jemand soll die Bewußtlosen einsammeln."
„Was haben Sie vor?"
Sheppards Gesicht war sehr ernst, als er antwortete: „Einen Partisanen erledigt man am besten als Partisan. Wenn es es so haben will, spielen wir eben ein bißchen Guerilla. Sheppard Ende." Damit hob er die Waffe wieder an die Schulter, hielt sich auch den Detektor in Sichthöhe und ging los.

Sie stand in der Finsternis, gleich außerhalb der Reichweite der Lampe an der fremden Waffe. Sie musterte ihn genau. Er besaß da etwas, was die anderen nicht besessen hatten. Etwas, das ihr gefährlich werden konnte.
Vorsichtig trat sie noch einen Schritt zurück.
Was war er?
Sie hatte ihn gefühlt, schon seit er hier angekommen war. Wie die Stadt, die diese Neuankömmlinge Atlantis nannten. Als sie sich gegenüberstanden, hatte ihr Instinkt reagiert, nicht ihr Denken. Und das hätte sie vielleicht beinahe mehr gekostet, als sie zu geben bereit war.
Und dennoch ...
Da war etwas, etwas zwischen ihnen. Ein Band, zwar schwach, aber es war vorhanden. Allerdings war sie sich nicht sicher, ob er dieses Band ebenfalls so fühlte wie sie.
Er benutzte den Detektor, den Detektor, der nur auf Wesen wie sie reagieren würde. Den Detektor, der sie aufspüren konnte. Sie mußte etwas dagegen unternehmen!
Leise wie eine Katze zog sie sich zurück.
Wenn es ihr möglich war, würde sie noch immer ihren Plan verfolgen. Sie brauchte nur eine günstige Gelegenheit ...

Teyla sah zu dem jungen Marine auf, der bei ihr stand. „Was meint er damit?"
Richardson zuckte mit den Schultern und grinste verlegen. „Wir sollten tun, was er will."
Teyla war unruhig, aber sie nickte. „Helfen Sie mir, dann nehmen wir zumindest Davids mit."

Die Anzeige begann plötzlich zu flackern.
Sheppard blieb stehen, ließ die Waffe sinken und schüttelte das Handgerät ein paarmal. Doch es nützte ihm nichts. Wieder begann der winzige Bildschirm deutlich zu flackern, im nächsten Moment erlosch die Anzeige.
Ein Fluch steckte in seiner Kehle, doch er unterdrückte ihn, während er das Gerät wieder in seine Tasche zurückschob.
Dann eben anders.
„McKay, sind Sie da?"
Er setzte sich wieder in Bewegung.
„Was wollen Sie denn noch?" tönte es aus dem Funkgerät. Sheppard zischte, da ihm dieses Geräusch plötzlich viel zu laut erschien.
„Leise, Rodney, leise!" Er schwenkte die P-90 herum, weil er glaubte, aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Doch es war nur Wasser, das leise die Wand herunterfloß und einen Teil des Lichts reflektiert hatte. „Können Sie mich noch orten?"
„Natürlich kann ich das!" Wenn McKay dachte, er hätte die Stimme gesenkt, bei ihm kam sie immer noch sehr laut an.
„Dann tun Sie das - aber leise!"
„Ach, jetzt brauchen Sie plötzlich doch meine Hilfe?"
Vor seinem geistigen Auge konnte Sheppard McKay deutlich sehen, wie er sich hinter dem Terminal aufplusterte. Er biß sich auf die Lippen. Er würde keinen Vorteil abgeben, solange er ihn noch hatte.
„Wo ist Ihr Wraith?" fragte er statt dessen.Vor ihm flackerte etwas unregelmäßig auf.
Sheppard beschleunigte seine Schritte, blieb dann stehen und besah sich den Schlamasel.
Das Ding hatte sich an den Leitungen zu schaffen gemacht. Eine Abdeckung war entfernt und die Kabel zum Großteil gekappt worden. Zwei leuchtende Drähte lagen direkt auf der Wand.
Sheppard fluchte unterdrückt.
„Wir haben immer wieder Störungen, aber ja, ich kann Sie orten. Den Wraith allerdings ... Da muß noch eine Störung vorliegen", erklärte McKay jetzt.
Sheppard ließ die Waffe wieder sinken, in seinem Gesicht arbeitete es und er holte, um sich zu beruhigen, immer wieder tief Atem durch die Nase.
Dieses Ding war intelligent. Wahrscheinlich waren es die mit der Wand verbundenen Drähte, die die Signale störten. Und wahrscheinlich war deshalb auch sein Handgerät ausgefallen.
„Wo ist der Wraith?" fragte er wieder.
„Nun, sehen Sie, die Sache ist die ..."
„Ich habe keine Zeit für Ihre Spielchen, McKay!" Sheppard spannte die Kiefer an, starrte starr auf einen Fleck an der Wand. „Mein Gerät funktioniert nicht, dieses ... dieses Ding schaltet einen von meinen Männern nach dem anderen aus. Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen über Ihre Probleme zu unterhalten. Wo ist der Wraith auf der Anzeige?" Es kostete ihn ziemliche Mühe, nicht in das Funkgerät zu brüllen.
Vor seinem geistigen Auge tauchte ein breit grinsender, sehr mit sich zufriedener McKay auf bei dessen nächsten Worten: „Oh, nun ja. Dann brauchen Sie mich also tatsächlich, wie es aussieht."
„Wo ist der Wraith?"
„Sehen Sie, diese Angelegenheit ist nicht ganz so einfach. Wie gesagt, wir haben ein Problem mit den Sensoren", fuhr McKay fort. „Der Wraith ... nun, er erscheint mal als Wraith und mal als Mensch auf dem Bildschirm. Meistens, natürlich, nachdem er Ihre Leute gefunden hat."
Sheppard dachte nach. Das würde zumindest zu Teylas Wahrnehmung passen. Aber wie sollte das möglich sein?
Ein kurzes Stück den Gang weiter hoch sah er etwas.
„Und einige Male ist weder Wraith noch Mensch zu sehen." McKay schien ganz in seinem Element zu sein.
Sheppard schlich zu der Stelle, wo ihm etwas aufgefallen war. Ein Teil der Wandverkleidung hatte sich verschoben.
„Sie sagten, mal ist er gar nicht da?"
Vorsichtig beugte er sich vor. Mit der Mündung der Waffe schob er ein Stück Wandverkleidung zur Seite. Dahinter lag ein enger, finsterer Gang, der sich
Eines mußte er seinem unbekannten Gegner lassen, er, beziehungsweise sie, kannte sich in diesem Teil der Stadt sehr gut aus. Etwas zu gut, für Sheppards Geschmack. Dennoch war diese Guerilla-Taktik, die das Ding anwandte, hervorragend. Schnell und effektiv zuschlagen und sofort wieder verschwinden.
Aber wozu die Munition? Warum nahm dieses Ding die Munition, aber nicht die Waffen mit? Was hatte das zu bedeuten?
„Ein Teil der Wandverkleidung wurde abmontiert. Dahinter ist ein Gang. Ich denke, er ist für die Sensoren taub, und darum taucht der Wraith bei Ihnen nicht auf, Rodney", flüsterte er endlich ins Mikrofon.
Er mußte die Klevernis schon anerkennen. Wer oder was es auch immer war, was sie dort in dem Raum an der Flutlinie aufgescheucht hatten, es dachte offensichtlich militärisch. Und wenn er der Gejagte wäre, dann würde er als nächstes ...
Sheppard richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
War es möglich, die Sensoren komplett abzuschalten? Dann wäre er absolut blind, noch dazu in einem Teil der Stadt, den er nicht kannte, und der sich an der einen oder anderen Stelle wohl auch von den anderen unterschied.
„Nun, es ist möglich, daß die Dämmung der Gänge, die ja selbst den Energieentladungen eines Megablitzes standhalten, die Sensoren stören. In diesem Fall würden wir keine Meldung mehr von dem Wraith bekommen."
Er mußte die Stadt schützen. Außerdem, und das gestand er sich gern selbst ein, fühlte er einen gewissen Reiz, sich dieser Herausforderung zu stellen. Und solange die Sensoren in der Kommandozentrale noch funktionierten ...
„Haben Sie den Wraith jetzt auf der Anzeige, McKay?" fragte Sheppard.
„Ja, er befindet sich eine Etage über Ihnen in einem Quergang zur Rechten."
Sheppard grinste, schob das Teilstück zur Seite und schlüpfte in den engen Gang.

Teyla mühte sich mit dem nicht gerade leichten Davids ab, während Richardson, der junge Marine, der bei ihr gewesen war, ihren Rückzug nach hinten sicherte.
Ihr war merkwürdig zu Mute. Irgendetwas stimmte hier nicht, das spürte sie deutlich. Dabei war sie sich nicht sicher, ob Dr. McKay sich nicht vielleicht geirrt hatte. Was immer in dem Raum an der Flutlinie gewesen war, es hatte nichts mit den Wraith zu tun. Eher schien es ihr, als haben sie ein Feuer entfacht, dessen sie jetzt nicht mehr Herr werden konnten.
Und der Colonel machte es jetzt gerade auch nicht einfacher. Statt mit ihnen zu kommen, wollte er sich wieder einmal dem Gegner allein stellen. Dabei hatte Sheppard, und das hatte sie sehr wohl bemerkt, extrem auf diesen Gegner reagiert. Er war einen Moment lang vollkommen steif gewesen, als sei er zu Stein geworden. Und sie hatte auch nicht das bewundernde Blitzen in seinen Augen übersehen, als er sich betrachtete, was dieses Fremde angerichtet hatte.
Ein dumpfer Schlag erklang hinter ihr. Teyla fuhr zusammen, beschleunigte ihre Schritte noch.
„Hier Teyla", rief sie in ihr Funkgerät. „Colonel Sheppard erbittet Verstärkung, so schnell wie möglich!"

Sheppard drückte sich an der Wand entlang, rutschte vorsichtig Schritt für Schritt weiter, um keinen Lärm zu machen.
„Sie ... sie sind ... Sie müßten ihn sehen, Colonel!" McKay rief es so aufgeregt ins Funkgerät, daß Sheppards Ohr zu klingeln begann. „Sie laufen direkt nebeneinander her!"
Er stoppte, lenkte das Licht seiner P-90 zur Seite und lauschte.

Auf der anderen Seite der Wand blieb sie stehen wie erstarrt, horchte aufmerksam.
Nichts.

„Sind Sie sicher?" zischte er ins Mikro.
„Der Wraith steht direkt neben Ihnen. Sind Sie blind?" rief McKay.

Stimmen, nein, eine Stimme.Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete die Wand.

Sheppard trat einen Schritt zurück und betrachtete die Wand. Ein kühles Lächeln legte sich auf seine Lippen.
Da war es also, sieh an.

Sie schmunzelte.
So nahe waren sie sich jetzt also. Katzengleich glitt sie wieder an die Wand heran und lauschte.

„Sagen Sie mir sofort, wenn der Wraith stehenbleibt oder die Richtung wechselt. Er ist hinter einer Wand", wisperte er in das Funkgerät, trat wieder direkt an das Hindernis zurück.
Am anderen Ende japste es aufgeregt.
Sheppard schob sich weiter vorwärts, hielt jetzt die Lampe verdeckt. Ganz sicher wollte er nicht, daß dieses Ding noch einmal entkam.
Da vorn! Da war ein Durchgang.

Zeitgleich glitt sie eng an die Wand geschmiegt und lauschend weiter, sah sich aufmerksam um.

Sheppard ging weiter, sein Puls beschleunigte sich.
Wer war jetzt Jäger, wer Gejagter? Er würde dieses Ding stellen und einem vermasselten Tag zumindest ein gutes Ende geben.

In dem schwachen Dämmer, der vielleicht sogar durch die Lampe an seiner Waffe verursacht wurde, sah sie die offenstehende Tür. Geräuschlos entfernte sie sich von der Wand.
Noch war es nicht soweit.

Vor dem Durchgang blieb Sheppard wieder stehen, lehnte sich gegen die Wand und lauschte angestrengt, die Waffe erhoben. Dann sprang er plötzlich vor, wirbelte durch den Durchgang und zielte ... auf nichts!
„Rodney!" Er stieß diesen Namen aus wie einen Fluch.

Teyla sah vor sich die verbogene Tür auftauchen, fühlte, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel. Beinahe hatte sie gedacht, sie würde es nicht mehr schaffen.
„Weiter, weiter", drängte sie den noch immer sehr benommenen Davids vor sich, während sie selbst Richardson fast hinter sich herschleifte.

„Sie müssen die Treppe nach unten nehmen", beharrte McKay energisch.
Sheppard blickte skeptisch nach oben.
Er befand sich in einem schmalen Raum, einem Treppenhaus. Aus der Dunkelheit unter ihm schlängelte sich eine enge Wendeltreppe zur Decke hinauf, wo sie in der Finsternis verschwand.
Wenn er seinem Instinkt traute, sollte er dort hinauf. Zumindest würde er das tun. Er würde immer höher hinauf, in der Hoffnung, einen Lift oder Hauptgang zu finden. Sein unbekannter Gegner dagegen bewegte sich zielstrebig immer weiter nach unten.
„Sind Sie sich wirklich sicher?" flüsterte er, den Blick weiter an die Treppe nach oben gerichtet.
„Ja", kam es prompt entrüstet zurück.
Sheppard zögerte immer noch, blickte weiter nach oben.
Er hatte McKay schon erlebt, wenn dieser sicher war. Sicher war man dann jedenfalls nicht immer.
„Sind Sie sicher, daß Sie sich sicher sind?"
„Ja." McKay klang gereizt.
Sheppard seufzte.
Also würde er seinem Instinkt nicht nachgeben, sondern tiefer in die Eingeweide von Atlantis eindringen.
Vorsichtig nahm er die Treppe in Angriff, leuchtete, soweit das schmale Gewölbe es möglich machte, nach unten. Doch die engen Windungen ließen nicht wirklich zu, daß er etwas sah.Nach ungefähr zwanzig Stufen stoppte er.
Irrte er sich, oder wurden seine Hosenaufschläge gerade ...
Er leuchtete seine Füße an.Bis zu den Knöcheln stand er in dunklem, öligem Wasser.
Mit versteinerter Miene aktivierte Sheppard sein Mikro wieder. „Rodney, wohin bewege ich mich gerade?" Ein düsterer Verdacht war ihm gekommen.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen nach unten gehen", antwortete der untersetzte Wissenschaftler aufgebracht.
Sheppard trat eine Stufe höher, schüttelte sich das Wasser von den Stiefeln und wartete.
„Warum gehen Sie nach oben? Da ist der Wraith nicht!"
Er ließ die Lampe über die schwarze Brühe streifen und wünschte sich einen Moment lang McKay hierher. Dieser kleine Ignorant hatte ihn in die falsche Richtung geführt.
„Rodney, könnte es sein, daß Sie bei Ihrer Kallibrierung einen Fehler gemacht haben?" Noch blieb er ruhig.
„Natürlich nicht!"
Sheppard nickte. Er fühlte, wie gerechter Zorn an ihm zu nagen begann. „Nun, dann sollten diesem Wraith ganz schnell Kiemen wachsen, denn hier steht alles unter Wasser. Und, falls Sie das interessiert, ich BIN nach unten gegangen!"
„Oh."
„Ja, oh. Könnte es sein, daß sie das Modell der Stadt auf den Kopf gestellt haben bei Ihrer Kallibrierung? So sieht es nämlich für mich aus. Und danke, daß Sie mich in die Irre geführt haben. Sheppard Ende." Er riß sich das Funkgerät vom Ohr und stopfte es in eine der vielen Taschen seiner Überlebensweste.
Dann drehte er sich mit wütend blitzenden Augen um, stapfte die enge Treppe wieder nach oben und schaltete sein Funkgerät vollkommen aus.

Teyla war gerade damit beschäftigt, Richardson in eine angenehmere Lage zu drehen, als sie das Geräusch hörte. Mit der Schnelligkeit einer erfahrenen Kriegerin fuhr sie hoch und wirbelte herum, um den sanften Druck eines Stockes an ihrer Kehle zu fühlen.
Die Fremde stand vor ihr, sah sie aufmerksam an. Dann lächelte sie und hob den Stab. „Sei gegrüßt."

Sheppard war sich sicher, wieder auf der ursprünglichen Ebene angekommen zu sein und hielt sich jetzt in die Richtung der halb zerstörten Tür. Immer noch sicherte er nach allen Seiten, tat vorsichtig einen Schritt nach dem anderen.
Wenn er dieses Ding wäre, würde er versuchen, durch eben diese Tür zu entkommen und in die zentraleren Bereiche der Stadt vorzudringen. Nachdem seine anderen Pläne gescheitert waren, würde er jetzt also Wache halten und darauf warten, daß Verstärkung und ein Reparaturstrupp eintraf, damit sie zumindest etwas Licht in diese Finsternis bringen konnten. Er war sich sicher, sobald dieser Teil wieder mit Energie versorgt wurde, würde es ihnen gelingen, dieses Ding zu stellen. Solange sie aber im Dunkeln tappten ...
Er hätte viel früher daran denken sollen. Die Lantianer hatten sicher nicht ohne Grund diese Tür vor diesem Bereich angebracht und verriegelt.
Dann hörte er den Schrei, erkannte Teylas Stimme.
Nein!
Sheppard vergaß alle Vorsicht, rannte los, drückte sich durch den schmalen Spalt der Tür und kam wieder in dem Saal heraus, der auf belebtere Ebenen führte.
Mit einem Blick hatte er erfaßt, was er glaubte, sehen zu müssen.
„Der Eindringling ist an uns vorbei gekommen. Sofort alles abriegeln!" befahl er, während er auf die am Boden liegende Teyla zustürzte.
Davids und ein Junge, der gerade von der Erde gekommen war, lagen an der anderen Seite an die Wand gelehnt, Teyla dagegen am Ende der Treppe, versuchte sich aufzurappeln.
„Teyla!" Sheppard ließ sich auf die Knie fallen, legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte die junge Frau zu ihm auf. „Colonel, ich ... ich bin ausgerutscht. Mein Fuß."
Sheppard tastete sein Teammitglied mit den Augen nach weiteren Verletzungen ab, konnte aber nichts erkennen. Darum wandte er sich dem gewiesenen Glied zu.
Merkwürdigerweise hatte schon jemand das Schnürband gelockert. Es sah aus, als habe derjenige sogar bereits versucht, den Stiefel vom Fuß zu ziehen. Aber wer?
„Colonel ... John. Tun Sie ihr nichts. Sie ist nicht, was wir dachten", sagte Teyla in diesem Moment keuchend und legte ihm eine Hand auf den Arm.
Sheppard sah sie irritiert an, bemerkte, daß sie seinen Blick gar nicht erwiderte. Statt dessen sah Teyla die Treppe, die sie offensichtlich hinuntergestürzt war, hinauf bis zur nächsten Zwischenetage. Zögernd folgte er ihrem Blick und richtete sich verblüfft auf.
Sie stand dort, sah auf ihn hinunter. Sie sah nur ihn an. Und in ihren Augen ...
Eine Energieentladung traf sie, riß ihren Körper herum. Wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte, sank die Fremde bewußtlos zu Boden.
Sheppard holte tief Atem.

TBC ...