02.10.2009

Vashtu VII

Am Morgen, einige Stunden später

Weir betrat die Kommandozentrale, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Bowman war bereits anwesend und hantierte am DHD herum. Er blickte auf, als er sie kommen hörte.
„Guten Morgen, Dr. Weir. Wie ich sehe, sind Sie auch früh aufgestanden", begrüßte er sie.
Weir lächelte, doch in ihren Augen stand Sorge. „Wie weit sind wir?" fragte sie.
Bowman richtete sich auf und nickte nach draußen in den Gateraum. „Dank ihr, hoffe ich, schon ein gutes Stück weiter", antwortete er. „Die rudimänteren Programme laufen wieder, das Stargate könnte sich öffnen. Ein paar kleine Beschädigungen richtet sie gerade."
Weir trat ans Fenster und blickte hinaus.
Im Torraum hockte die Antikerin und hantierte mit irgendwelchen Geräten herum, die sie noch nie gesehen hatte. Weir stutzte.
„Seit wann ist sie hier?" Sie drehte sich zu Bowman um.
Der zuckte mit den Schultern. „Die Spätschicht sagte, sie sei irgendwann mitten in der Nacht aufgetaucht. Wenn Sie mich fragen, kann sie ebensowenig schlafen wie einer von uns."
Weir runzelte die Stirn. Sie selbst hatte Vashtu gestern auf der Krankenstation gesagt, sie solle sich hinlegen. Aber sie hatte auch gewußt, daß, wenn sie Sheppard wirklich so ähnlich war, sie keine Ruhe finden würde. Daß sie allerdings statt dessen damit begann, die von ihr angerichteten Schäden zu reparieren ...
„Ich rede mit ihr." Sie nickte Bowman kurz zu und verließ den Raum wieder.
Vashtu blickte auf, als sie die Treppe hinunterkam.
„Guten Morgen, Dr. Weir", begrüßte sie sie.
Weir blieb stehen, sah sich um.
Die Antikerin schien schon recht weit mit ihrer Reparatur gekommen zu sein. Eine der zerstörten Fliesen lag bereits wieder auf ihrem Platz, und auch die herausgerissenen Kabel boten keinen so scheußlichen Anblick wie gestern mehr.
„Wie ich sehe, haben Sie sich nützlich gemacht, Vashtu", sagte sie statt einer Begrüßung, musterte jetzt die fremdartigen Geräte, die die andere um sich gesammelt hatte.
Vashtu sah sich um.
Auf Weir machte sie keinen besonderes fitten Eindruck. Dunkle Schatten hatten sich unter ihren Augen gesammelt, ihre helle Haut wirkte noch blaßer, und in ihren Augen stand Sorge und eine gewisse Verzweiflung. Und noch etwas, was die Expeditionsleiterin zunächst nicht wirklich lesen konnte. Dann aber begriff sie. Es war eine Art von Wissen. Etwas, was sie auch manchmal in Sheppards Augen lesen konnte.
„Ich muß in den Lagerräumen nachsehen, ob ich dort noch etwas finden kann, was die fehlende Fliese ersetzt." Vashtus Blick irrte wieder ab. Hilflos ließ sie die Schultern sinken. „Die Verbindung steht jetzt fast wieder. Ich fürchte aber, ich habe etwas mehr Schaden angerichtet, als ich wollte. Wenn John ... Wir werden das Gate sehr genau testen müssen, wenn diese ... diese Sache ausgestanden ist."
Weir kreuzte die Arme vor der Brust und nickte. „Das werden wir auch tun. Aber vorher sollten Sie sich etwas ausruhen, denken Sie nicht?"
Vashtu warf ihr einen leidenden Blick zu, schüttelte dann den Kopf. „Wenn ich die Augen schließe ... Nein. Ich will helfen. Wenn ich die Kontrollen überbrücke, können wir das Gate vielleicht jetzt schon prüfen, ohne den Speicher ..." Mutlos seufzte sie.
Weir trat näher, sah zu Boden und betrachtete die fremdartigen Gegenstände, die die Antikerin um sich verteilt hatte. „Sind das Werkzeuge Ihres Volkes?"
Vashtu schien einen Moment lang zu taumeln, riß ihre Augen weit auf und nickte dann. „Ja, ich habe mir Ihre Werkzeuge angesehen, aber ich konnte nicht damit umgehen. Also ... Ich wußte, wo ein Geräteraum ist." Sie drehte sich um und deutete auf eine Wand unter der Kommandozentrale. „Sehen Sie?"
Weir sah nichts als eine Wand, doch sie nickte.
Warum schien Vashtu plötzlich so kraftlos zu sein? Bisher hatte sie eigentlich immer wach auf sie gewirkt, selbst wenn andere eigentlich längst ins Bett gehört hätten. Jetzt aber ... Irgendetwas war da vorgegangen.
„Wenn ich den Boden repariert habe ..." Vashtu stockte, sah plötzlich mit weit aufgerissenen Augen auf. „Haben Sie schon etwas von Dr. McKay gehört?"
Weir schüttelte den Kopf. „Nein, meines Wissens gibt es noch keine Veränderung an seinem Zustand", antwortete sie, beobachtete, wie die Antikerin zu einem Häufchen Elend zusammensank und fühlte Mitleid in sich wachsen. „Aber ich werde Sie sofort informieren, wenn ..."
Vashtu hob plötzlich ruckartig den Kopf, starrte mit glasigen Augen durch sie hindurch. Dann sank sie mit einem leisen Stöhnen bewußtlos zu Boden.
Weir atmete tief ein, beugte sich über sie und fühlte nach ihrem Puls. Dann aktivierte sie ihr Funkgerät. „Ein Notfallteam in den Gateraum, schnell!"

Kurz darauf

Weir war Beckett und seinem Team dicht auf gefolgt. Sie machte sich Sorgen um die Antikerin. Vor allem, warum sie plötzlich vor ihren Augen zusammengebrochen war, den Grund hätte sie gern herausgefunden.
Vashtus Herz schlug unregelmäßig, ihre Haut war inzwischen weiß wie ein Laken und Schweißperlen standen ihr auf der Stirn. Über einen Monitor konnte Weir die Lebensdaten der Antikerin lesen, wenn auch nicht unbedingt verstehen. Der EEG-Bildschirm, den Beckett gerade anschloß, da er keinen anderen Grund für ihre Bewußtlosigkeit finden konnte, schlug augenblicklich Alarm. Sämtliche meßbaren Gehirnwellen führten, so schien es, einen irren Tanz auf, stoppten kurzfristig, um dann, mit leichter Verzögerung, wieder in beinahe unmeßbare Höhen auszuschlagen.
Beckett trat vom Bett zurück mit einer Miene, als erwarte er, daß Vashtu jeden Moment explodierte.
„Was ist los mit ihr?" verlangte Weir zu wissen. „Carson, Sie haben mir doch gestern zugesichert, daß sie gesund ist."
Vashtus Körper zuckte kurz, lag dann wieder still.
Beckett schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung. Alle ihre Tests sahen gut aus. Sie müßte eigentlich kerngesund sein." Leichte Panik schwang in seiner Stimme mit.
Wenn Vashtu nun stürbe ...
Weir mußte zugeben, sie hatte sich in den letzten Wochen an die so untypische Antikerin gewöhnt. Sie würde ihr fehlen. Aber, vor allem, wäre ihr Wissen für immer verloren. Sie würden sie wieder mühsam voranarbeiten müssen statt, wie seit Vashtu ihnen sämtliche Daten des Hauptrechners zur Verfügung gestellt hatte, aus dem Vollen schöpfen zu können. In der letzten Woche hatten sie mehr Erkenntnisse gewonnen als in einem Jahr zuvor. Und sie kamen an Daten heran, deren Existenz sie nicht einmal geahnt hatten.
Aber vor allem wäre es schade um die Person. Vashtu brachte einen gewissen frischen Wind nach Atlantis. Zwar hatte Weir weiterhin Bedenken, was ihre Beziehung zu John Sheppard betraf, aber sie konnte nicht leugnen, daß ihr die Antikerin inzwischen sympatisch geworden war, trotz ihres doch sehr an den Colonel erinnernden Auftretens.
Weir hätte Vashtus Schicksal nicht teilen wollen. Nachdem sie die Berichte Sheppards, die Aussagen der Antikerin selbst und alles andere gelesen und sich ein eigenes Bild gemacht, war sie Willens, ihrem unverhofften Gast aus der Vergangenheit ein Heim zu bieten. Wahrscheinlich würde Atlantis das im jetzigen Zustand zwar nicht überleben, aber ...
„Wo bin ich? Carson, Dr. Beckett ... Mir ist schlecht!"
Weirs Augen wurden groß. Mit einem Ruck fuhr sie herum und starrte hinüber zu dem Bett, in dem McKay bis jetzt bewußtlos gelegen hatte. Nur war der Wissenschaftler jetzt wach, hatte eine leidende Miene aufgesetzt und hielt sich den Magen.
Beckett sah hilflos zwischen den beiden Patienten hin und her, dann rief er nach einer Schwester, die sich erst einmal um McKay kümmern sollte.
Weir war einfach nur überrascht. Hatte sie nicht heute morgen noch mit Beckett gesprochen und er ihr versichert, das Koma würde sehr wahrscheinlich noch ein paar Tage anhalten?
„Rodney! Wie geht es Ihnen?" Nach einem letzten hilflosen Blick auf die Antikerin trat sie an das Bett ihres Chefwissenschaftlers.
McKay sah leidend zu ihr auf. „Wie soll es mir schon gehen, nachdem ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin. Ich habe Schmerzen!" Theatralisch wälzte er sich kurz im Bett und stöhnte.
Weir konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Sie kommen gerade zur rechten Zeit wieder zu sich, Rodney. Wir brauchen Ihre Hilfe. Ich hoffe, Sie werden es überleben."
Wieder ein Alarm hinter ihr.
„Ach, Elizabeth, Sie kennen doch meine Devise: Ich werde arbeiten, bis ich meinen letzten, meinen allerletzten Atemzug tue. Ich bin zu wichtig für Atlantis." McKay rappelte sich auf die Ellenbogen und lugte hinüber zu dem Bett schräg gegenüber. „Ist das diese Vashtu?"
Weir vertrat ihm die Sicht. „Rodney, vielleicht haben wir wenig Zeit. Deshalb möchte ich Sie bitten, uns zu helfen. Colonel Sheppard ist im Speicher des Stargate gefangen und wir wissen nicht, wie wir ihn wieder herausholen können."
McKays Augen weiteten sich. „Der Colonel ist ... ? Ich bin ..." Er unterbrach sich. „Wie lange ist das her?"
Weir neigte den Kopf ein wenig. „Sie wissen doch von unserem Versuch gestern nachmittag. Sie haben es wahrscheinlich nicht gesehen, aber er wurde in das Tor gezogen, ehe Vashtu die Verbindung mit dem Wurmloch trennen konnte."
McKays Augen zuckten, als läse er innere Listen. „Ich bin unterwegs. Wir haben nicht viel Zeit." Stöhnend richtete er sich auf, sank dann wieder auf das Bett zurück. Erst im zweiten Anlauf gelang es ihm, sich zu erheben.
Weir sah ihm nach, wie er mühsam den Gang hinunter humpelte.
„Sie hat ihn geweckt", ließ Teyla sich plötzlich vernehmen. „Sie hat ihm von ihrer Kraft gegeben. Ich habe es gesehen."
Weir sah einen Moment lang wie betäubt zu der Athosianerin hinüber, dann drehte sie sich zu dem Bett um, in dem Vashtu lag.
Beckett fühlte gerade ihren Puls, richtete sich dann auf und lächelte ihr zu. „Wie es aussieht, geht es ihr besser. Sie schläft."
Weir betrachtete die Gestalt in dem Bett sorgenvoll.

Einige Stunden später

Das Erwachen war schwer. Die Bewußtlosigkeit klebte wie ein Spinnennetz an ihr und wollte sie wieder zurückreißen in ihren Abgrund. Doch noch schlimmer waren die Schmerzen. Ihr ganzer Körper brannte.
Mit einem leisen Stöhnen öffnete Vashtu ihre Augen einen Spaltweit, während sie immer noch darum kämpfte, bei Bewußtsein zu bleiben. Irgendetwas aber zerrte an ihr, befahl ihr geradezu aufzuwachen.
Mehrere Geräte um sie herum piepten leise und sie fühlte Elektroden, die auf ihrer Haut festgemacht waren.
Stöhnend und noch immer benommen versuchte sie sich aufzurichten, sank aber in das Kissen zurück und blieb tief einatmend liegen, um neue Kraft zu schöpfen.
„Da ist ja unser Sorgenkind", begrüßte sie plötzlich eine Stimme. Eine Hand umschloß ihr Handgelenk, gekonnt fühlten Finger nach ihrem Puls.
Vashtu öffnete die Augen wieder etwas und sah Beckett an ihrem Bett stehen. Sie mußte in der Krankenstation sein.Sie fühlte sich, als wäre sie unter einem Jumper eingequetscht worden. Ihr Inneres und ihr Äußeres schmerzten einfach nur.
Sie schluckte schwer. „Was ... was ist passiert?" flüsterte sie schließlich.
„Sie hatten einen Schwächeanfall", erklärte Dr. Beckett ihr. „Sie sollten sich noch ein wenig ausruhen, dann geht es Ihnen sicher bald wieder besser."
Sie schloß die Augen wieder. In ihrem Geist sah sie John Sheppard, der, von einem gewaltigen Sog gepackt, in Richtung Stargate gezogen wurde.
Sofort wurde sie unruhig, versuchte sich wieder aufzusetzen. „Ich muß helfen! Sie haben keine Ahnung ... Die Verbindungen. Ich glaube ..."
Beckett drückte sie mit sanfter Gewalt auf das Bett zurück. „Sie haben genug getan, Vashtu. Sie sollten liegenbleiben und sich ausruhen", sagte er bestimmt.
Sie runzelte vor Anstrengung die Stirn. Endlich gelang es ihr, sich wenigstens auf die Ellenbogen hochzurappeln. Vor Schmerz verzog sich ihr Gesicht. „Sie verstehen nicht. Dr. McKay ..."
„Arbeitet bereits mit den anderen an einer Lösung. Vielleicht hat er sie sogar schon", fiel Beckett ihr ins Wort.
Verblüfft gab sie seinen Versuchen nach und rutschte in das Kissen zurück.
Dann hatte es also geklappt? Sie hatte ihn wieder aufgeweckt?
Sie atmete tief ein, als sie verstand. Wieder zerrte der Schmerz an ihr, doch nun begriff sie ihn.
Offenbar reagierten die fremden Zellen in ihrem Inneren auf das Einsetzen ihrer Antiker-Fähigkeiten. Sie hatte sich selbst geschwächt, als sie McKay einen Teil ihrer Kraft gab. Und nun wüteten Wraith- und Iratus-Zellen in ihr, während ihr normales Genom dagegen ankämpfte.
Unwillig ballte sie die Fäuste und rammte ihren Hinterkopf in das Kissen.
Ausgerechnet jetzt mußte sie ausfallen. Vielleicht brauchte man trotz allem ihr Wissen. Vielleicht konnte sie noch weiterhelfen. Sie mußte zur Kommandozentrale!
Beckett beobachtete sie genau, die Hände immer noch auf ihren Schultern, um sie sofort wieder zurückdrücken zu können. Und im Moment war sie zu schwach, um sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Sie kam ja nicht einmal aus diesem Bett heraus.
Aber sie brauchte die Informationen!
„Haben Sie ein Funkgerät für mich?" fragte sie.
Beckett stutzte verblüfft.
Sie sah ihn bittend an. „Ich möchte wissen, was passiert ist, seit ich ... Vielleicht kann ich noch etwas tun." Hoffnung und Furcht schwangen in ihrer Stimme mit.
Beckett zögerte, dann aktivierte er sein eigenes Gerät. „Elizabeth? Sie ist wieder wach, aber noch sehr schwach." Er wandte sich ab und ging ein paar Schritte, während er leise redete.
Vashtu konzentrierte sich auf ihren Körper, horchte in ihn hinein. Vor Ungeduld hätte sie schreien können. Die Schmerzen hatten jetzt, da sie still lag, etwas nachgelassen, waren aber immer noch vorhanden. Dafür schlich sich ein neues Gefühl in ihr ein: Sie hatte Hunger.
Ein gutes Zeichen? Sie wußte es nicht, aber zumindest konnte sie es hoffen.
Mühsam hob sie die Hände und zupfte sich das Pflaster von der Innenfläche der Rechten. Der tiefe Schnitt war verheilt. Zumindest schien ihr Körper, auch wenn er im Moment einen Kampf mit sich selbst austrug, noch zu funktionieren.
Beckett kehrte kurz darauf zurück, drückte ihr eines der kleinen Funkgeräte in die Hand, wie sie es auch während ihrer Mission getragen hatte. „Dr. Weir dankt Ihnen für Ihre Mithilfe", sagte der Mediziner dabei, klopfte ihr auf den Arm.
Vashtu lächelte gequält, steckte sich das vorgesehene Teil ins Ohr und aktivierte es. „Dr. Weir?"
„Ich bin froh, Ihre Stimme zu hören, Vashtu", hörte sie die Antwort der Expeditionsleiterin. Irgendwie fühlte sie sich gleich besser und schloß erleichtert die Augen.
Beckett hielt wieder ihr Handgelenk und studierte aufmerksam ihre Werte auf den verschiedenen Bildschirmen, die an ihrem Kopfende aufgestellt waren.
„Hat Dr. McKay inzwischen eine Lösung gefunden?" fragte die Antikerin.
„Ja, das hat er. Im Moment arbeiten hier alle an der Umsetzung", antwortete Weir. „Sie haben sehr gute Arbeit geleistet, Vashtu, und dafür möchten wir Ihnen danken. Aber jetzt sollten Sie sich ausruhen und wieder zu Kräften kommen. Ich bin sicher, wenn Sie wieder auf den Beinen sind, wird sich alles bereits gefügt haben."
Unwillig schüttelte Vashtu den Kopf. „Ich will ... Ich möchte wissen, was Dr. McKay für die beste Lösung hält. Vielleicht kann ich helfen."
Ein Knacken ging durch die Leitung. „Hier McKay. Wir sind gerade sehr beschäftigt. Also, wenn Sie keine bessere Lösung finden ..."
„Was ist die Lösung, Dr. McKay?" unterbrach Vashtu ihn.
Sie hörte ein genervtes Seufzen, konnte ein Grinsen kaum unterdrücken, auch wenn sie glaubte, dadurch Stromstöße in ihren Gesichtsmuskeln auszulösen.
„Nun, die Sache ist die, daß der Colonel zwar im Tor ist, aber noch nicht abgestrahlt wurde. Soweit kannten Sie das Problem ja bereits. Auf der Erde hatten wir vor einigen Jahren einen ähnlichen Fall. Ich werde Sie jetzt nicht mit Einzelheiten langweilen, Vashtu, jedoch sollten Sie wissen, daß Zeit eine gewisse Rolle dabei zu spielen scheint. Und diese Zeit tickt gerade etwas gegen uns."
Vashtu runzelte die Stirn. „Und was war auf der Erde die Lösung?" fragte sie.
„Die eingegangenen Daten aus einem nicht mehr intakten Wurmloch zu ziehen ist etwas schwierig. Es besteht für uns die Möglichkeit, daß wir uns selbst in die Luft jagen, wenn wir versuchen, den Colonel wieder herauszuholen. Wir müssen den Steuerkristall aus dem DHD entfernen, und das kann zu einer eklatanten Überlastung des Stargates führen. Mit anderen Worten: Es kann explodieren."
Vashtu riß die Augen auf und sank ins Kissen zurück. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle.
„Sie sehen, wir haben im Moment einige Probleme hier. Irgendwie müssen wir sicherstellen, daß unser DHD intakt bleibt und auch das Sternentor funktioniert. Ihre Art, das Problem mit dem Wurmloch zu lösen, hat nicht gerade zur Sicherheit einer Rückkehr beigetragen", fuhr McKay fort.
Vashtu dachte nach, kniff die Lippen aufeinander. „Was wird auf alle Fälle in die Luft fliegen, das Tor oder das DHD?" fragte sie schließlich.
„Was?"
Unwillig runzelte sie die Stirn. Zumindest ihr Hirn arbeitete noch einwandfrei, hoffte sie wenigstens. „Was wird explodieren, Dr. McKay? Tor oder DHD?" wiederholte sie. Das war ein Problem, das sie möglicherweise mithelfen könnte zu lösen.
„Nun, die Energieschwankungen zwischen beiden sind enorm", begann McKay zu dozieren. „Die Kräfte, die bei einem solchen Vorgang freigesetzt werden, könnten den gesamten Zentralturm in die Luft jagen und uns alle atomisieren. Die Wurmlochphysik hat noch keinen endgültigen ..."
„Tor oder DHD, Dr. McKay?" donnerte Vashtu plötzlich los, bereute ihren Ausbruch aber gleich wieder und stöhnte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.
„Auf der Erde explodierte das DHD", antwortete McKay endlich.
Vashtu seufzte und schluckte einige Male. Dann öffnete sie sehr konzentriert die Augen wieder. „Können alle mich hören?" fragte sie schließlich.
Ein Zögern, dann kam ein kurzes „Ja" von Weir.
Beckett betrachtete sie sorgenvoll, hielt noch immer ihr Handgelenk. Sie warf ihm einen aufmunternden Blick zu, war sich allerdings ziemlich sicher, daß dieser mißlang.
„Wenn Sie das DHD in der Kommandozentrale nehmen, wird wahrscheinlich auch ein Schaden am Hauptcomputer entstehen. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kommt es auf alle Fälle zu einer Überladung."
„Das erwähnte ich bereits." McKays Stimme klang alles andere als begeistert.
„Dann würde ich vorschlagen, Sie nehmen ein DHD aus einem Jumper."
„Damit uns ein ganzes Fluggerät um die Ohren fliegt? Vashtu, ich bitte Sie!"
„Nein, Sie müssen es ausbauen und durch eine externe Energiequelle mit dem Tor verbinden. Damit wird der Schaden so gering wie möglich gehalten. Die Stadt läuft im Moment über meine Befehle, Dr. McKay. Wenn sie erkennt, was da in ihr geschieht, könnte sie Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Bauen Sie ein DHD aus einem Jumper aus, verbinden Sie es mit dem Stargate und aktivieren Sie es, wie auch immer Sie das schaffen wollen. Wenn eine solche Kraft auf die Stadt einwirkt, wird sie reagieren."
Sie hörte eine andere Stimme etwas in einer ihr fremden Sprache sagen. „Das könnte die Lösung sein. Ich werde sofort in die Base hinaufgehen." Das mußte Dr. Zelenka sein.
Vashtu lächelte müde.
„Geht es Ihnen gut?"
„Warum sollte die Stadt auf ein Jumper-DHD reagieren?"
Sie stöhnte auf. „Lassen Sie das meine Sorge sein, Dr. McKay. Ich sagte doch, die Stadt reagiert im Moment auf mich. Wenn ich ihr befehle ... Wieviel Energie ist noch im ZPM?"
„Sie sprechen gerade von einem Schutzschild? Dafür wird es sicher nicht reichen."
Vashtu spannte die Kiefer an. Sie mußte aus diesem Bett heraus!
„Ich habe noch nicht alle Leitungen wieder schalten können. Das könnten wir nutzen, um das DHD des Jumpers anzuschließen", schlug sie vor. „Ich werde kommen."
„Das werden Sie schön bleiben lassen", entgegnete Beckett mit fester Stimme. „Sie sind noch nicht soweit."
Vashtu funkelte den Mediziner gereizt an.
„Was soll das jetzt werden? Wieder so eine Sheppard-Sache?" fragte McKay.
„Eine was?" Sie nahm all ihre Kraft zusammen und versuchte wieder, aufzustehen. Dieses Mal gelang es ihr zumindest, sich aufzurichten. Doch ein starkes Schwindelgefühl nagte an ihr.
„Vashtu, bleiben Sie, wo Sie sind. Dr. Beckett sagt, Sie haben unglaublich viel Kraft verloren", mischte Weir sich ein. „Ruhen Sie sich aus. Dr. Zelenka wird es auch allein gelingen, ein DHD auszubauen."
Warum wollte denn niemand verstehen?
Frustriert mußte Vashtu einsehen, daß ihre Kraft tatsächlich noch nicht ausreichen würde, um irgendetwas zu tun. Aber ...
„Die Kontrollen zu überbrücken, dürfte vielleicht etwas schwierig sein", entgegnete sie. „Wenn ich helfe, wird es möglicherweise einfacher. Immerhin kenne ich die entsprechenden Schaltkreise."
Weir zögerte, sie konnte es spüren.
„Carson? Was sagen Sie?" fragte sie dann schließlich.
Beckett musterte seine Patientin sehr konzentriert, schüttelte schließlich den Kopf. „Ich sage nein. Sie müssen sich ausruhen. Sie können im Moment doch gar nicht aufstehen."
„Es wird gehen", entgegnete Vashtu entschlossen, auch wenn sie sich nicht so sicher war. „Ich muß zum Hauptrechner und gegebenenfalls an das ZPM."
„Das würde die Schleife zwischen Tor und DHD nur zusätzlich aufstocken", entgegnete McKay sofort. „Fummeln Sie am ZPM herum, könnten Sie es entladen, und wir haben nur das eine."
„Nicht wenn ich den Bereich eingrenze", widersprach sie sofort.
Ein kleines Lachen drang durch den winzigen Lautsprecher. „Kommen Sie, so gut sind Sie nun auch wieder nicht."
Vashtu knirschte mit den Zähnen. „Ich muß den Bereich sehen können, um ihn abzuschirmen, Dr. McKay, und genau das ist im Moment das Problem. Ich muß an den Hauptrechner!"
„Also gut." Weir schien sich entschieden zu haben. „Sie werden per Funkkonferenz mit Dr. Zelenka zusammenarbeiten, um das DHD aus einem Jumper auszubauen und an das Gate anzuschließen. Sollten Sie anschließend kräftig genug sein, kommen Sie hierher und übernehmen den Hauptcomputer."
„Aber ..."
„Vashtu, ich muß Rodney recht geben. Sie benehmen sich im Moment wie ein zweiter John Sheppard. Aber selbst er hätte wohl in dieser Situation genug Verstand, um einzusehen, daß er nicht weiterhelfen könnte. Also werden Sie tun, was ich Ihnen sage. Sie bleiben im Bett, unter der ständigen Überwachung von Dr. Beckett. Sollten Sie sich bis zum Ende der Vorbereitungen soweit erholt haben, daß er Sie gehen läßt, kommen Sie her. Ansonsten bleiben Sie, wo Sie sind. Weir Ende."
Damit brach der Funkkontakt ab.
Vashtu starrte brütend vor sich hin und verfluchte sich selbst für ihre Schwäche.
Ihr Magen knurrte laut und vernehmlich.
„Nun, das ist zumindest ein gutes Zeichen", sagte Beckett.

Stunden später

Vashtu saß mit blassem Gesicht am Panel, arbeitete konzentriert mit den Kristallen. Ab und an mußte sie innehalten, weil ihr immer noch schwindlig war. Doch sie hatte Beckett nach dieser Nacht zumindest soweit überzeugen können, daß er sie unter Vorbehalt laufen ließ. Hoch und heilig hatte sie ihm versprechen müssen, sich nach diesem Rettungsversuch sofort wieder ins Bett zu legen, denn sonderlich viel Schlaf hatte sie nicht bekommen.
Sie war überrascht, wie gut sie mit Zelenka zusammengearbeitet hatte. Beide waren sie, kurz nach ersten frustrierenden Fehlversuchen, auf den Gedanken gekommen, daß sie ihn per Videobild genau beobachten konnte, während sie ihm erklärte, was er tun sollte. Auf diese Weise war es ihnen schließlich gelungen, das DHD aus dem lädierten Jumper 13 aus- und im Torraum aufzubauen.
Anders war die Sache allerdings zwischen ihr und McKay gelagert. Er gab zwar zähneknirschend zu, daß sie vielleicht den richtigen Gedanken gehabt hatte, aber freien Zugriff auf das ZPM gewährte er ihr trotzdem nicht. Statt also in der Versorgung kurzzeitig die Energie zu manipulieren, mußte sie ihr Vorhaben nun vom Hauptrechner aus steuern.Der Haken an der Sache war, daß sie nur eine ungefähre Vorstellung von dem hatte, was sie tun wollte. Der Speicher des Rechners, der ihre persönliche ID als die eines unumschränkten Herrschers über die Stadt anerkannte und auf ihre gedanklichen Fragen und Bilder unmittelbar reagierte, war einfach nur übervoll. Allein die Daten für den Schutzschild mußten Dimensionen erreicht haben, die sie sich kaum vorstellen konnte. Und nach zehntausend Jahren konnte sie sich eine Menge vorstellen.
Zudem mußte sie die Lebenserhaltung und alle anderen benötigten Programme laufen lassen, was sie teilweise von ihrem Vorhaben ablenkte.
„Wir sind bereit, falls Sie es sind."
Vashtu konzentrierte sich noch einmal auf ihre Anfrage. Über die Anzeigen huschten tausende von Unterpfaden. Stur blieb sie bei ihrer Anfrage, statt sich wieder ablenken zu lassen. Und dann ...Sie atmete tief ein. „Bereit."
Sie blickte auf.
Sie hatte zwar nicht den besten Blick auf den Torraum, aber es war besser als gar nichts. McKay, der am DHD stand und auf ihr Einverständnis wartete, konnte sie allerdings hervorragend sehen, was sie auch mußte.
Der Wissenschaftler sah jetzt hoch, sein Blick schien sich in ihrem zu verfangen und sie anklagen zu wollen.
„Sobald Sie das Tor geöffnet haben, sehen Sie zu, daß Sie verschwinden. Ich werde das DHD abschirmen. Wenn Sie dann noch in seiner Nähe sind ..." Den Rest des Satzes ließ sie offen.
Weir warf ihr einen kurzen Blick zu, nickte dann stumm und kreuzte die Arme vor der Brust.
„Falls Sie es schaffen, das DHD abzuschirmen, meinen Sie", antwortete McKay.
„Ich werde es abschirmen und hoffen, daß nicht das Tor überlädt", entgegnete sie.
Wieder ein kurzes humorloses Lachen.
„Rodney, Sie sagten, wir hätten nur eine bestimmte Zeitspanne. Wir sollten unser Glück nicht zu sehr herausfordern", sagte Weir jetzt.
„Ja ja, schon gut. Also gut, versuchen Sie bitte, nicht die ganze Stadt in die Luft zu jagen. Und es ist möglich, daß es einige Sekunden dauert."
Vashtu nickte stumm, machte sich innerlich bereit und zog einen Kristall aus seinem Fach, um ihn gegen einen anderen auszutauschen.
„Ich gebe jetzt die Adresse ein", sagte McKay.
Vashtu sah wieder auf, den Kristall halb in die leere Bucht geschoben. Sie wollte den Schild manuell hochfahren und auf ihr Blickfeld ausrichten. Sie konnte nur hoffen, daß der Computer schnell genug reagierte und sie nicht zufällig die falschen Befehle gegeben hatte.
Das Gate reagierte, die Chevrons rasteten eines nach dem anderen ein.
Vashtu atmete tief ein. Sie mußte sich zwingen, nicht auf das Tor zu starren, sondern McKay und das DHD im Auge zu behalten. Der Wissenschaftler drückte fleißig Tasten.
Spannung lag in der Luft, man hätte sie beinahe greifen können. McKay gab das letzte Symbol ein und ...
Ein Keuchen ging durch den Raum. Ein geisterhaftes Licht begann innerhalb des Tores zu tanzen. Es wirkte vollkommen anders als ein Wurmloch, durchsichtig und ätherisch.
Vashtu riß sich mit Gewalt von diesem Anblick los. McKay hatte immer noch das DHD in den Händen und starrte auf das, was da vor ihm passierte.
„Oh mein Gott!" hörte sie Weir flüstern.
Kurz schielte sie zu den Energieanzeigen hinüber, die sie sich mittels eines irdischen Laptops neben die Steuerkonsole geholt hatte. Noch waren keine ... Eine Spitze!
Vashtus Kopf ruckte hoch. „McKay, weg da! Sofort!" rief sie in ihr Mikro.
Der Wissenschaftler reagierte einen Moment lang nicht, starrte weiter auf die geisterhafte Erscheinung im Tor.
Vashtu sah wieder auf die Energieanzeigen, zuckte dann zusammen, als sie das Krachen einer Entladung hörte. Die Werte stiegen immer weiter an, sprunghaft und unberechenbar. Doch es fand zwischen Tor und DHD statt, nirgends sonst.
„McKay!"
Endlich reagierte der Wissenschaftler, wenn auch langsam wie ein Schlafwandler. Er legte das DHD auf den Boden vor dem Tor und ging weg, nachdem er sich aufgerichtet hatte.
„Wow!"
Bowman, der am eigentlichen DHD saß, hob die Hände. Ein kleiner Blitz zuckte über die Tasten, verschwand dann innerhalb des Gerätes. Hatten sie irgendeine Verbindung übersehen?
Vashtu erhob sich halb, um das DHD weiter im Auge zu behalten. Mit einem Ruck schob sie den Kristall in seine Bucht und konzentrierte sich.
„Es funktioniert!" rief Weir in diesem Moment.
Vashtu gab die Position des Schutzschildes ein. Sie durfte ihm nicht zuviel Energie zuführen, sonst könnten die Überladungen des Tores und des DHDs Schaden am ZPM anrichten. Das hatte sie eigentlich verhindern wollen mithilfe eines zwischengeschalteten Naquadah-Generators, aber McKay hatte sich ja permanent dagegen gesperrt.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie eine Gestalt aus dem Ereignishorizont robbte und erleichterte. Und dann erkannte sie die Schwäche in ihrem Plan.
„Was, zum Teufel, ist hier los?" hörte sie eine bekannte Stimme in ihrem Ohr, hätte aufheulen können vor Freude und Erleichterung. Dann aber fiel ihr Blick wieder auf die Anzeigen.
„Überladung! John, mach, daß du da wegkommst!" rief sie.
Sie konnten das Tor nicht abschalten! Wenn es jetzt nicht von selbst reagierte, hatten sie ein großes Problem. Sie konnte den Schutzschild zwar auf den ganzen Torraum erweitern, aber nicht, solange McKay und Sheppard dort unten waren.
Die Symbole des Tores leuchteten auf, das DHD unter seiner energetischen Schutzkappe sprühte Funken.
„Es schaltet sich nicht ab", stellte Bowman fest.
Vashtus Kopf ruckte zwischen Bildschirm und Torraum hin und her, während sie fieberhaft überlegte, was sie tun konnte.
Die Energiespitzen nahmen immer mehr zu. Und das Tor ...
Vashtu begriff und begann fieberhaft zu überlegen.
„Was ist hier los?" rief Sheppards Stimme von der Tür her.
„Willkommen zurück, Colonel", sagte Weir.
Energie. Sie mußte dem DHD mehr Energie zuführen. Aber wie?
„Bowman." Sie sah auf, nahm am Rande wahr, daß Sheppard sich neben sie gestellt hatte und aufmerksam beobachtete. „Wir haben eine Verbindung, irgendein Kabel übersehen. Sie müssen das ... das, was auch immer es ist, jetzt unterbrechen."
Der Techniker drehte sich mit ratlosem Gesicht zu ihr um.
„Wir haben nicht nur Colonel Sheppard im Speicher gehabt. Was auch immer von der anderen Seite kam, ist auch drin und versucht jetzt, den Speicher zu verlassen." fügte sie hinzu.
In diesem Moment donnerte eine gewaltige Explosion gegen den Schild. Das DHD des Jumpers existierte nicht mehr.

TBC ...

26.09.2009

Vashtu VI

Zwei Pfleger hoben die Trage hoch und machten sich auf den Weg in die Krankenstation. Auf dieser Bahre lag, bewußtlos, Dr. Rodney McKay.
Vashtu Uruhk, die Antikerin, die sich dem menschlichen Team von Atlantis anschließen wollte, saß auf einer Stufe der Treppe und beobachtete, wie die Pfleger den Wissenschaftler wegbrachten. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Dr. Beckett zu, der ihren Arm gewissenhaft untersuchte.
„Sie haben einen Haufen Glück gehabt, nach dem, was Sie erzählten, Vashtu", sagte er gerade in einem leicht tadelnden Tonfall.
„Was ist mit Dr. McKay?" Sie nickte in die Richtung, in der die Bahre verschwunden war.
„Er hat einen ziemlichen Stromschlag abbekommen." Beckett drehte ihren Arm, um die Beweglichkeit der Schulter zu überprüfen.
Vashtu senkte ihren Blick auf ihren Unterarm. Dort zeichneten sich fünf blutunterlaufende Halbmonde ab. So fest hatte Lt. Colonel John Sheppard sie gekrallt, doch genutzt hatte es ihm wenig. Er war in das Tor und wahrscheinlich auch durch das Wurmloch gezogen worden.
Die Antikerin dagegen hatte kaum eine Blessur abbekommen. Die Fingerknöchel ihrer rechten Hand waren blutig und ein Schnitt in der Handfläche der linken. Ein paar Prellungen, die sich gerade bemerkbar machten. Nichts, womit sie nicht fertig werden würde.
Doch was in ihr vor sich ging, war etwas ganz anderes. Sie hätte sich verfluchen können, von dem Moment an, als sie bemerkte, daß etwas aus dem geöffneten Wurmloch zu ihnen zu gelangen suchte. Sie hätte schneller reagieren und nicht erst um Einverständnis bitten sollen. Dann wäre Sheppard nie verloren gegangen.
Mit Hilfe ihrer Wraith- und Iratus-Käfer-Gene war es ihr schließlich gelungen, dem Tor die Energie zu entziehen. Und daraufhin war das Wurmloch zusammengebrochen. Doch sie hatte den Colonel, den sie festgehalten hatte, loslassen müssen dafür. Er hatte sich nicht halten können und war abgerutscht und wohl in das geöffnete Wurmloch hineingezogen worden.
Dr. Elizabeth Weir, die Leiterin der Expedition auf Atlantis, kam mit ernstem Gesicht aus dem Kontrollraum und stellte sich neben sie.
Vashtu wagte nicht aufzublicken. Sie fühlte sich so verdammt schuldig!
„Was ist passiert?" fragte Weir.
Vashtu atmete tief ein, schüttelte dann den Kopf. „Ich konnte ihn nicht festhalten. Er ist in das Tor gerutscht."
„Das konnten wir alle sehen. Aber wie konnten Sie ihn vorher so lange festhalten? Es muß ein gewaltiger Sog geherrscht haben."
Vashtu blickte nun doch auf, Weir ins Gesicht. „Ich habe meine fremden Gene eingesetzt. Aber selbst damit ist mir nicht leicht gefallen."
Weir nickte stirnrunzelnd.
Beckett erhob sich nun, blickte ebenfalls auf sie hinunter. „Sie sollten mit in die Krankenstation kommen. Ihre Schultern wurden bei dieser Kraft beinahe ausgekugelt, und die Schnitte könnten sich entzünden. Außerdem ..."
Vashtu seufzte. „Es geht mir gut." Sie sah wieder Weir an. „Er ist weg, nicht wahr? Wir werden ihn nie wieder sehen."
Weirs Gesicht zeigte keine Emotion. „Das wissen wir noch nicht genau. Solche Arten von Unfällen sind selten, aber manchmal gibt es sie. Das Wurmloch brach in dem Moment zusammen, als er gerade hineingezogen wurde. Vielleicht ... Ich weiß es nicht."
Vashtu schloß die Augen und senkte den Kopf wieder.
Das alles war ihre Schuld. Sie hatte den einzigen, der von Anfang an freundlich zu ihr gewesen war, in den Tod stürzen lassen. Sie hätte ihn irgendwie retten müssen.
Weir hockte sich plötzlich neben sie und legte ihr schüchtern eine Hand auf die Schulter. Die Berührung brannte wie Feuer.
„Wenn es möglich ist, werden wir ihn zurückholen, Vashtu. Und vielleicht können Sie dabei sogar mithelfen. Und jetzt sollten Sie auf Dr. Beckett hören und zur Krankenstation gehen. Oder möchten Sie lieber einen Rollstuhl?"
Die Antikerin erhob sich, verzog kurz das Gesicht. Dann nickte sie und folgte Beckett.

Eine Stunde später

Weir trat nachdenklich in die Krankenstation, winkte Beckett zu sich. Ein Stück entfernt sah sie die Antikerin auf einem der Untersuchungstische sitzen. Eine Krankenschwester war gerade damit beschäftigt, ihre oberflächlichen Wunden zu versorgen.
Wenn Vashtu Sheppard wirklich so ähnlich war, würden die Pflaster allerdings nicht sonderlich lange halten. Wahrscheinlich wartete sie nur darauf, von hier fortzukommen. Und wenn sie Sheppard ähnlich war, würde sie ...
„Elizabeth, gibt es Neuigkeiten?" Beckett war näher zu ihr gekommen.
Weir trat durch die Tür nach draußen auf den Gang und wartete, bis der Mediziner ihr folgte. „Bowman und Hornbach arbeiten an dem Problem. Beide sind sich ziemlich sicher, daß noch nicht alles verloren ist. Aber zunächst muß die Energieversorgung zum Tor wiederhergestellt werden", erklärte sie.
Beckett nickte. „Hornbach? Ach, dieser Neue. Er soll ein sehr guter Theoretiker sein, hörte ich."
Weir nickte. „Aber das ist nicht das, was mir Sorgen bereitet. Wie geht es Vashtu?"
„Ein paar Schrunden und Prellungen, nichts lebensgefährliches."
Weir nickte. „Sie waren nicht dabei, Carson, als sie im Torraum waren. Sheppard stürmte in seiner üblichen Art vor, und sie lief hinterher. Wenn sie nicht gewesen wäre ..." Sie schloß einen Moment den Mund. „Mir bereitet ihre Gentherapie Unbehagen. Sie war plötzlich weit kräftiger als jeder Mensch es je sein könnte. Was, wenn sie diese fremden Zellen in sich nicht richtig unter Kontrolle hat?"
Beckett nickte verständnisvoll. „Ich kann Sie beruhigen, Elizabeth. Ich nahm ihr noch einmal Blut ab. Bisher habe ich zwar nur einen oberflächlichen Blick darauf werfen können, aber es sieht völlig normal aus. Sie hatte mir ja bereits erklärt, daß sie die fremden Gene willentlich steuert und gerade darum für uns so normal wirkt."
Weir sah ihn an. „Und wenn etwas geschieht, das nicht geschehen sollte? Wenn sie diese Gene plötzlich nicht mehr steuern kann?"
„Sie trägt sie jetzt seit mehr als zehntausend Jahren. Ich glaube nicht, daß soetwas geschieht. Aber wenn es Sie beruhigt, werde ich ihre Proben miteinander vergleichen, ob es vielleicht zu irgendeiner Art Mutation gekommen ist", sagte Beckett lächelnd. Dann aber wurde er ernst. „Die andere Frage ist jetzt, wie sie vielleicht helfen kann. Sie hat sehr große Schuldgefühle, weil sie den Colonel losgelassen hat."
„Er ist abgerutscht. Sie versuchte noch nachzufassen, doch er war schon außerhalb ihrer Reichweite", berichtigte Weir.
„Sie sieht das ein wenig anders." Beckett lächelte wieder, wenn auch humorlos. „Sie hat Atlantis in den wenigen Wochen, die sie hier ist, ganz schön durcheinander gebracht. Und dann ist da immer noch der Colonel. Sie liebt ihn, wenn Sie mich fragen."
Weir zögerte mit einer Antwort. „Sie versucht, sich ins Team einzufügen. Die Frage allerdings lautet eher, kann Atlantis zwei John Sheppards verkraften." Sie erinnerte sich an eine kurze Szene, deren Zeugin sie vor kurzem gewesen war. „Auf der anderen Seite wird ihm einmal vor Augen geführt, wie er selbst ist. Das heißt, wenn ..."
„Sie werden schon eine Lösung finden", sagte Beckett im Brustton der Überzeugung. „Ob Vashtu dabei allerdings eine Hilfe sein wird, das weiß ich nicht. Sie brütet im Moment zu sehr, als daß da nicht noch etwas wäre. Meines Wissens hat sie zwar ein, für unsere Verhältnisse, sehr großes Allgemeinwissen, aber möglicherweise stößt diese Sache dann doch an ihre Grenzen."
Weirs Gesicht blieb ausdruckslos. Eigentlich war sie hierher gekommen, um die Antikerin um ihre Mithilfe zu bitten. Wenn diese sich aber mit der Wurmlochphysik nicht auskannte ...
„Wie geht es Rodney?" fragte sie.
Beckett zuckte mit den Schultern. „Er ist immer noch bewußtlos. Und leider kann ich Ihnen auch nicht sagen, wann er wieder zu sich kommen wird. Durch seinen Körper ist eine sehr hohe Ladung Strom geflossen. Das hätte ihn auch töten können."
Weir seufzte. „Danke, Carson. Kann ich jetzt mit Vashtu reden?"
Der Mediziner machte eine einladende Geste. „Gehen Sie nur hinein."
Vashtu war inzwischen versorgt. Um ihre Schultern lag ein Stützverband, der sie körperlich bei ihren Bewegungen störte. Ein paar Pflaster verdeckten die Schrammen. Als sie sich wieder das T-Shirt übergestreift hatte, das sie während des Unfalls getragen hatte, war ihr der Gedanke gekommen, Teyla zu besuchen, die seit ihrem Auftauchen hier in einem Bett der Krankenstation mit einem gebrochenen Knöchel lag.
Noch etwas, weswegen sie sich Vorwürfe machte. Sie hatte mit der Athosianerin reden wollen damals. Doch ihr vorheriges Auftreten hatte das Vertrauen selbstverständlich nicht unbedingt wachsen lassen. Immerhin hatte sie das Sicherheitsteam, das Sheppard damals angeführt hatte, bis auf Teyla und den Colonel zusammenschrumpfen lassen und die Soldaten einen nach dem anderen ausgeschaltet. Verletzt nicht, nein, nur bewußtlos geschlagen.
Vashtu erinnerte sich, wie sie Teyla damals gegenübergestanden hatte. Wie sie versuchte, auf die andere einzureden, ihr zu sagen, daß sie ihr kein Leid antun würde.
Teyla hatte gezögert, doch dann ...
Die Athosianerin war auf der Treppe ausgerutscht und hinuntergestürzt. Dabei hatte sie sich den Knöchel gebrochen. Vashtu wollte helfen, da kam dann Sheppard dazu und sie wurde gefangen genommen.
Jetzt setzte die Antikerin sich an das Bett der Kranken. Teyla lächelte sie an. Vashtu dagegen konnte dieses Lächeln nicht erwidern.
„Ich habe gehört, was geschehen ist", begann Teyla.
Vashtu blickte auf, senkte den Kopf aber gleich wieder.
„Sie sind eine Heldin", fuhr die Athosianerin fort.
Vashtu zog die Schultern hoch. „Haben Sie auch gehört, daß der Lt. Colonel ... ?" Sie brach ab.
Teylas Gesicht wurde ernst. „Ich bin sicher, Sie haben getan, was Sie konnten. Es gibt Dinge, die wir nicht beeinflussen können. Sich über solche Dinge Sorgen zu machen ist müßig und überflüssig. Ich bin sicher, es wird schon einen Weg geben."
Vashtu sah wieder auf, doch Teyla blickte sie nicht an. Ihre Augen schweiften ab und blieben an einem anderen Bett hängen. Dem Bett, in dem Dr. McKay lag. Sie schloß die Augen wieder.
„Waren alle Vorfahren wie Sie?" fragte Teyla leise.
Vashtu hielt die Augen weiter geschlossen, dachte nach. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf. „Die wenigsten, fürchte ich", antwortete sie, kreuzte die Arme vor der Brust, wobei der Verband um ihre Schultern unangenehm spannte. Dennoch krümmte sie sich zusammen, als könne sie so ihre Schuldgefühle abstreifen.
Sie fühlte Teylas Blick auf sich, doch weigerte sie sich immer noch, der anderen in die Augen zu sehen. Die Schuldgefühle nagten an ihr. Wenn sie Sheppard nur fester gepackt hätte. Wenn sie ihn irgendwie in den Kontrollraum hätte zurückbringen können, ehe der Schild versagte.
„Die Menschen von der Erde haben schon viele Probleme gemeistert", sagte Teyla in diesem Moment.
Das wußte Vashtu auch. Sie kannte jede einzelne Mission, die unternommen worden war. Alles hatte sie gelesen, sich immer wieder gefragt, ob und wie sie sich bemerkbar machen konnte. Den Menschen war es gelungen, Atlantis vor den Wraith zu schützen. Zwar um einen hohen Preis, aber es war ihnen geglückt.
Hätte sie nur nicht diesen unseligen Plan gefaßt! Hätte sie sich nur nicht so sehr auf John Sheppard versteift. Warum hatte sie das tun müssen? Warum war sie nicht einfach in ihre Stasiskammer zurückgekehrt und hatte auf das Ende gewartet?
Vashtu preßte die Lippen fest aufeinander.
Natürlich war es einfach zu behaupten, die Wraith-Gene in ihr hätten reagiert und sich ihrer Kontrolle entzogen. Doch so war es nicht gewesen. Sie hatte einen starken Fürsprecher gebraucht und gewußt, daß sie, eben durch die veränderten Erbinformationen, in Gefahr war, wenn sie sich an die Menschen wandte. Also hatte sie den Plan gefaßt, einen Anführer für sich einzunehmen. Mittels Pheromonen hatte sie Sheppard damals in den Gängen rund um ihr einstiges Labor benebelt. Immer wieder hatte sie Spuren gelegt, die er nicht bewußt wahrnahm, auf die er aber dennoch reagierte. Für die anderen mußte er danach wie von ihr besessen gewirkt haben. Es hatte sie selbst erschreckt, wie sehr er plötzlich von ihr abhängig zu sein schien. Und darum hatte sie ihre fremdartigen Duftstoffe bereits während der Quarantäne abgesetzt. Doch da war es schon geschehen und der Colonel konnte sich nicht mehr von ihr lösen. Bis zu der unseligen Mission, bei der sie am Steuer gesessen hatte.
„Vashtu?"
Sie zuckte zusammen, als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde. Ihre Schultern brannten von der plötzlichen Bewegung.
„Es freut mich, Sie zu sehen, Dr. Weir", begrüßte Teyla die Expeditionsleiterin.
Vashtu blickte langsam auf, verzog das Gesicht, daß man vielleicht ein Lächeln in ihm lesen konnte.
Weir sah besorgt auf sie hinunter. „Es gibt Neuigkeiten. Ich dachte, das würde Sie interessieren."
Mit einem Ruck saß Vashtu aufrecht, ein kleiner Hoffnungsschimmer lag in ihren Augen. „Neuigkeiten?"
Weir nickte. „Es könnte sein, daß Colonel Sheppard vom Tor noch nicht abgestrahlt worden ist. Bowman ist sich ziemlich sicher, daß, wenn er das DHD wieder in Betrieb nehmen kann, er die Daten des Colonel finden wird." Sie lächelte. „Wie es aussieht, haben Sie genau im richtigen Moment das Tor abschalten können, Vashtu."
Der Mut der Antikerin sank. Sie zog die Brauen zusammen. „Seine Daten sind im Tor gespeichert?" Sie grübelte, ihr Blick glitt wieder ab.
Sie wußte, wie die Tore arbeiteten. Sie wußte auch, daß das betreffende Objekt erst durch das Wurmloch geschickt wurde, wenn es vollständig im Ereignishorizont verschwunden war. Aber ...
Ihr Mut sank. Sie hatte noch nie gehört, daß man diese Daten wieder abrufen konnte. Und selbst, wenn das möglich sein sollte, hätte sie keine Ahnung, wie.
„Das sind doch sehr gute Nachrichten", sagte Teyla.
Vashtu schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, ich werde Ihnen dabei nicht helfen können. Wenn ein Schaden an Tor oder DHD passiert wäre ... Aber die Speicher? Nein, ich weiß nicht, was man tun kann." Ihre Stimme klang dumpf.
Sie fühlte Weirs Blick auf sich, hörte dann ein Seufzen. „Dann sollten wir alle hoffen, daß Dr. McKay schnell wieder zu sich kommt. Er ist der einzige, der weiß, was zu tun ist."

Vor 10 000 Jahren

Vashtu schlich durch die Gänge, die Waffe nach vorn gerichtet und aufmerksam die Zeichen auf dem Detektor beobachtend. Das Dutzend Antiker, das ihr folgte, machte in ihren Ohren zu viel Lärm. Aber ändern würde sie es nicht mehr können.
Janus hatte auf den Rat eingewirkt, damit sie diese Mission durchführte. Und Vashtu war mehr als froh, einmal aus ihrem Gefängnis ausbrechen zu können. Einige wichtige Wissenschaftler waren von den Wraith gefangen genommen worden. Der Kapitän der Nehemus war ebenfalls unter ihnen, der einzige Militär in dem zusammengewürfelten Haufen.
Ahnak war es, dessentwegen sie losgeschickt worden war. Sie hatte gehört, seine Forschungen würden ihr Volk eines nicht mehr allzu fernen Tages in eine höhere Existenzebene führen. Eine Ebene, die ihr für immer verschlossen bleiben würde. Das war der Preis dafür, daß sie es fertigbrachte, sich zu wehren.
Aufmerksam betrachtete sie die Anzeigen, blieb dann stehen und gab ein Zeichen nach hinten weiter.
Die Gefangenen zu befreien war noch die leichteste Übung gewesen. Nicht umsonst hatte sie sich schon immer für Waffen und Nahkampf interessiert und irgendwann, nach ihrer Ankunft auf Atlantis, zu ihrer vorwiegenden Freizeitbeschäftigung gemacht. Enkil und sie waren als Kinder Stöcke schwingend durch die Gänge gerannt und hatten sich auf diese Weise sicher mehr als nur einen Feind geschaffen.
Vashtu riß sich mit aller Macht aus diesen Erinnerungen, spannte die Kiefer an. Acht Wraith standen zwischen ihr und dem Jumper. Acht, für sie allein nicht zu viel, aber sie hatte noch andere mit dabei.
Dies war ihre letzte Chance. Sollte sie versagen, würde sie für immer in dieses Kellerloch wandern, man würde ihr auch noch ihre Forschungen entziehen und sie sich selbst überlassen. Dem Rat war sie zu gefährlich, und das Beispiel Enkil war zu überzeugend gewesen.
„Wenn ich sage, daß Sie laufen sollen, laufen Sie, so schnell Sie können", zischte sie dem Kapitän zu. Der nickte, hob die Waffe.
Vashtu versteifte sich, nachdem sie den Detektor zurück in ihren Gürtel geschoben hatte.
Ehrlich gesagt war sie eine lausige Wissenschaftlerin. Nicht, daß sie nicht über das Wissen verfügte. Nur hielt sie es selten bei ihrer Arbeit. Es gab so viel anderes, und die Ruhe, die ihr Vater oder auch Enkil ausgestrahlt hatten, um diese konnte sie ihre Familie nur beneiden.
Wenn es ihr aber gelang, diese Lantianer zurück zu bringen, heil und unversehrt, dann würde sich vielleicht das eine oder andere ändern. Vielleicht würde der Rat dann endlich einsehen, daß sie keine Bedrohung war und sie laufen lassen, statt ihr die unwichtigsten Arbeiten vorzulegen und sie einzuschließen.
Vashtu sprang vor, senkte den Stunner, den sie erbeutet hatte und schoß. Einer der Wraith wurde herumgeschleudert und landete auf dem Boden. Zur Sicherheit drückte sie nochmal auf ihn ab, ließ den Lauf dann hochrucken und zog den Abzug durch.
Der Gang hinter ihr war frei, und sie hatte vor, die Wraith von den anderen abzulenken.
Sie sprang einen Schritt zurück, als sie bemerkte, daß ihre Gegner nun wirklich auf sie aufmerksam geworden waren, raste los. „Laufen Sie!" rief sie über die Schulter zurück, ehe sie um die Biegung rannte, Schwung nahm und hochsprang.
Augenblicklich aktivierten sich die Iratus-Zellen in ihr. Wie eine Spinne hing sie unter der Decke, die Waffe auf dem Boden unter ihr. Das würde den Wraith zu denken geben.
Und tatsächlich blieben die Verbliebenen etwas ratlos stehen.
Vashtu ließ sich zwischen sie fallen, landete auf den Schultern von einem und drückte mit einem Ruck seinen Kopf nach vorn und zur Seite. Sie konnte hören, wie sein Genick brach. Sie nutzte seinen Fall, um den nächsten anzuspringen, riß an dessen langem weißen Haar und zog ihn mit sich zu Boden. Sein Kopf krachte gegen ihr Knie, während sie schon nach seiner Waffe griff, blind den Abzug betätigte. Sie riß ihm den Lauf aus den Händen, schwang ihn herum und spießte den nun Waffenlosen auf, drückte rasch nacheinander einige Male ab, bis die Strahlen sich durch sein Rückgrad frassen und ein Loch in die Wand brannten.
Sie spürte den Schlag kommen, ehe der sie treffen konnte, warf sich flach auf den Boden und griff sich ihren Stunner, rollte sich herum und feuerte. Doch leider hatte sie den vierten Wraith unterschätzt. Dessen Stiefel knallte gegen ihre Schulter. Sie verriß den Schuß, der eine rauchschwarze Spur an die Decke malte.
Mühsam kam sie wieder auf die Beine, wich ungeschickt dem nächsten Schlag aus und stieß den Stunner vor.
Der Wraith schien sie anzustarren, auch wenn sie sein Gesicht, sollte er überhaupt eines haben, nicht sehen konnte. Er packte den Lauf, der sich in seinen Bauch bohrte, und riß ihn herum, daß sie meinte, ihre Arme würden ausgekugelt von der Gewalt.
Sie trudelte wenig elegant herum, fing sich wieder und setzte die Wraith-Waffe an ihre Schulter. Der Wraith kam auf sie zu. Ihre Augen wurden eng und sie drückte ab. Da traf sie ein Schlag in den Rücken.
Krachend landete sie an der Wand, fuhr so schnell wie möglich herum und schrie vor Schmerz auf, als ein weiterer Schlag den Arm traf, der die Waffe hielt. Beinahe öffneten sich ihre Finger. Sie biß die Zähne fest aufeinander und rammte dem Wraith den Lauf in den Bauch, um sofort abzudrücken. Wie eine Marionette wurde er nach hinten geschleudert, ein Loch in seiner Rüstung.
Ihr Arm blutete, ihre Schulter schmerzte und sie fühlte sich etwas benommen. Zeit zu verschwinden, ehe den anderen dreien auffallen würde, daß sie ...
Sie wirbelte herum und raste den Gang hinunter, um zu ihrem Jumper zu gelangen. Hoffentlich war es Kapitän Inniar und den Wissenschaftlern gelungen, sich bis dorthin durchzuschlagen. Die übrigen Wraith folgten ihr dichtauf, und das fremdartige Gewimmer des Alarms zerrte an ihren Nerven.
Sie hastete in den Hangar und schloß das von ihr manipulierte Schott. Das würde zumindest solange halten, bis sie hier raus waren.
Kapitän Inniar senkte seine Waffe und seufzte. „Da sind Sie ja endlich." Er musterte sie forschend.
Vashtu holte einige Male tief Luft, um wieder zu Atem zu kommen. „Alle da? Dann können wir fliegen." Sie lächelte siegessicher, ging zur Hecklucke des Jumpers. Doch dann blieb sie wie erstarrt stehen. Da fehlte jemand.
Sie fuhr zum Kapitän herum und starrte ihn entgeistert an. „Wo ist Vingor?"
Inniar zuckte mit den Schultern, wollte sich an ihr vorbeidrängen. „Zurückgeblieben. Wir sollten sehen, daß wir von hier verschwinden. Ändern können wir sowieso nichts mehr."
Seine Worte trafen sie tiefer, als er ahnte. Sie starrte ihn mit großen Augen an, dann griff sie nach ihrem Gürtel und holte den Detektor wieder hervor. Angestrengt starrte sie auf die kleine Anzeige, drehte sich immer wieder herum, bis sie glaubte, das Lebenszeichen des Wissenschaftlers ausfindig gemacht zu haben.
Sie ließ niemanden zurück, niemals!
Mit weiten, festen Schritten marschierte sie zu der verriegelten Tür zurück, griff nach dem Wraith-Stunner.
„Wo wollen Sie hin?"
„Bleiben Sie hier, solange Sie es verantworten können. Ich hole Vingor", antwortete sie.
„Ich befehle Ihnen ..."
Sie fuhr herum, starrte den Kapitän zornig an. „Ich lasse niemanden zurück!" Damit öffnete sie das Schott und schoß.
Der junge Wissenschaftler mußte noch in dem Gang sein, aus dem sie gekommen waren. Zumindest hatte der Detektor dort ein schwaches Signal angezeigt.
Wenn die Wraith sich schon an ihm genährt hatten ...
Vashtu biß sich auf die Lippen und trat in den Gang hinaus. Hinter ihr schloß sich die Tür.
Sie würde niemanden zurücklassen, niemals! Viel zu laut gelten noch die Schreie ihrer Mutter in ihr, viel zu sehr traf sie es immer noch, wenn sie sich daran erinnerte, wie diese damals vor ihren Augen immer älter geworden war.
Der Alarm lockte inzwischen andere Wraith hierher. Wenn sie sich nicht beeilte, würden auch die veränderten Gene nicht mehr allzu viel nützen.
Vashtu zielte, doch der Gang war momentan leer. Im Laufschritt bewegte sie sich zurück zu dem Quergang, rückwärts sprang sie dort hinein und sah sich um.
Der Gang war leer.
Fluchend griff sie nach dem Detektor, aktivierte ihn wieder und eilte los. Doch weit brauchte sie nicht, hinter der nächsten Ecke fand sie den Vermißten. Nur als jung würde sie ihn wohl nie mehr bezeichnen können.
Vashtu ließ sich auf ein Knie sinken, suchte seinen Puls. Sein Herz schlug noch, gut.
Schwach hob er den Kopf.
„Können Sie aufstehen?" fragte Vashtu.
„Ich ... ich weiß nicht", kam die geflüsterte Antwort.
Dann würde sie ihn wohl schleppen müssen. Sie griff nach ihm, um ihm beim Aufstehen zu helfen. In diesem Moment hörte sie das Zischen hinter sich. Ein Wraith.
Warum hatte sie nicht daran gedacht? Warum ... ?
Vashtu schaltete ihre Gedanken aus, fuhr herum und hob die Waffe. Doch als sie sie betätigte, passierte nichts!Der Wraith war fast über ihr. Sie riß die Waffe hoch, wollte sie ihm in den Körper rammen, doch auch dieses Mal war er schneller. Er schlug sie ihr aus den Händen.
Vashtu trat zu. Der Wraith torkelte zurück.
Sie hatte keine Ahnung, ob sie ihm überhaupt schmecken würde. Und, wenn es nach ihr ging, sie wollte das auch lieber nicht ausprobieren. Ihr war wichtiger, daß sie nahezu über die gleichen Reflexe und Kräfte verfügte. Sie konnte den Wraith schaden.
Er kam wieder näher, die Waffe lag hinter ihm.
Vashtu fluchte in Gedanken. Sie mußte auf seine rechte Hand achten. Und einfach zu töten würde er auch nicht sein, wahrscheinlich war er es gewesen, der sich an dem armen Vingor genährt hatte.
Sie stürzte sich auf den Wraith, und das wurde ihr beinahe zum Verhängnis. Sie hatte seine gesteigerten Kräfte unterschätzt. Er mußte mehr von dem Wissenschaftler genommen haben, als sie zunächst geglaubt hatte.
Seine Faust krachte in ihr Gesicht, daß sie dachte, Nase und Wangenknochen würden bersten. Die Wucht schleuderte sie herum und ließ sie taumeln.
Dann fühlte sie den mentalen Stich in ihrem Kopf. Doch gegen den konnte sie sich wappnen.
Entgegen der offensichtlichen Vermutung, nämlich daß sie sich vor Schmerz auf dem Boden krümmen würde, fuhr sie wieder herum und sprang dem Wraith mit einem wilden Knurren entgegen. Und dieses Mal gelang es ihr zumindest, einen Schlag zu plazieren, ehe sie selbst glaubte, ihr Magen würde perforiert werden durch den gewaltigen Fausthieb. Sie flog tatsächlich einige Schritte zurück, ihr Kopf knallte gegen die Wand. Benommen rutschte sie an dem halblebendigen Gewebe hinunter und blieb liegen.
Der Wraith kam näher.
Vashtu schmeckte Blut im Mund und stöhnte vor Schmerz, als sie sich bewegen wollte. Dann riß sie die Augen plötzlich weit auf. Ihre Hände packten zu, gerade als der Wraith seinen Saugmund auf ihren Brustkorb krallen wollte, um sich an ihr zu nähren.
Wenn er nur nicht so stark wäre!
Vashtu hielt seine Hand mühsam von sich ab, während ihre Gedanken rasten.
Irgendwie mußte sie aus dieser Lage heraus. Irgendwie mußte sie ...
Sie starrte mit einem kalten Lächeln zu dem Wraith hoch, der ihren Blick erwiderte. „Bist du nicht schon satt? Du solltest auf deine Figur achten." Blitzschnell zog sie die Beine an ihren Körper und rammte sie ihm in den Unterleib.
Der Wraith stolperte von ihr zurück.
So schnell wie möglich war sie wieder auf den Beinen.
Waffe, sie brauchte eine Waffe!
Ein Ganglauf!
Sie riß an dem ekelhaft warmen Material, das aus der Wand wuchs, während sie genau den Wraith im Auge behielt. Was sie jetzt auf keinen Fall gebrauchen konnte, war eine hinterhältige Attacke. Doch der Ganglauf hatte sich bereits gelockert, wahrscheinlich war sie selbst während ihre Sturzes dagegen geknallt.
Sie riß ihn ganz aus seiner Halterung und wirbelte herum.
Na bitte, das ging doch.
„Ich an deiner Stelle würde gehen", sagte sie, hob den Stock.
„Ich werde dir häppchenweise dein Leben aussaugen und mich an deinem Leid ergötzen!" zischte der Wraith.
Vashtu seufzte. „Wenn du meinst." Sie holte aus und schlug zu.
Der Wraith taumelte zurück, sein Gesicht drückte deutlichen Unglauben aus.
Vashtu kam näher, riß den Stock hoch, rammte ihn ihrem Gegner in den offenstehenden Rachen. Einige Zähne brachen ab und blieben in dem Material stecken. Der Fremdartige heulte auf vor Schmerz. Sie legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf den Stab, trieb ihn Stück um Stück weiter in den Rachen ihres Gegners. Um sich schlagend wurde der Wraith an die Wand genagelt und brüllte.
Sie wandte sich nun wieder dem Wissenschaftler zu. An seinem Gürtel sah sie eine der kleinen Handwaffen ihres Volkes, besser als nichts. Sie nahm die Waffe an sich und zog den ehemals jungen Mann hoch.
„Kommen Sie, es ist nicht weit."
Sie hatte keine Ahnung, wieviele Wraith inzwischen zwischen ihr und dem Jumper waren. Sie konnte im Moment nur das beste hoffen.
Und dieses Mal hatte sie zumindest etwas Glück. Es waren nur drei Wraith im Gang, und die hatten ihr den Rücken zugewandt.
Rasch drückte sie immer wieder ab und sah sie fallen. Es würde nicht lange dauern, doch es würde reichen.
Vingor trug sie inzwischen mehr als das sie ihn stützte. So schnell sie konnte kehrte sie, ihn schleppend, in den Hangar zurück und lief ... direkt in die Mündung einer Waffe. Polternd hörte sie die ihre auf dem Boden aufschlagen. Vor Überraschung hatte sich ihre Hand geöffnet.
„Lassen Sie ihn", befahl Inniar.
Vashtu zögerte einen Moment, dann ließ sie den sterbenden Körper des Wissenschaftlers los. Er sank wie Herbstlaub zu Boden.
„Und jetzt in den Jumper. Sie fliegen uns zurück in die Stadt."
Vashtu sah zu dem Sterbenden hinunter. „Aber ..."
„Ich werde dem Rat die Empfehlung geben, Sie einzusperren und den Schlüssel wegzuwerfen, Vashtu Uruhk." Er nickte zu Vingor hinunter. „Sie sind unberechenbar und haben meinen ausdrücklichen Befehl verweigert. Sie werden niemals wieder freikommen, dafür sorge ich. Einen Toten retten ..."
Sie blickte auf, ballte die Hände zu Fäusten. „Er ist nicht tot!"
Ein Energieblitz löste sich aus der Waffe und traf den sterbenden Wissenschaftler. „Jetzt schon."

Gegenwart

Vashtu riß die Augen auf. Augenblicklich flammte die Beleuchtung in ihrem Quartier auf , dimmte sich aber sofort wieder herab, als sie geblendet blinzelte.
Mit einem Stöhnen rappelte sie sich auf, rubbelte in ihren Haaren. Dann zog sie die Beine an, schlang ihre Arme um die Schenkel und stützte das Kinn auf ihre Knie.
Ein Traum, nur ein Traum.
Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. Ein Traum, der tatsächlich geschehen war. Sie war auf diesem Wraith-Schiff gewesen, sie hatte diese Wissenschaftler gerettet. Kapitän Inniar ... das war eine andere Geschichte. Doch sie war damals froh über jede Art der Unterstützung gewesen. Er aber hatte sie nur benutzt.
Vor dem Rat war diese Rettungsaktion etwas anders dargestellt und sie als die Schuldige an dem Tod von Vingor genannt worden. Inniar war sogar soweit gegangen zu behaupten, sie hätte sich an dem Toten genährt.
Vashtu schloß die Augen.
Das war lange her, sehr lange. Weder Inniar noch einer der anderen lebte, zumindest hoffte sie das. Warum also hatte sie sich im Traum gerade an diese Mission erinnert?
Als sie ihre Augen wieder öffnete, blickte sie genau auf den Rücken des Buches, das Sheppard ihr in die Quarantäne gebracht hatte. Bisher hatte sie noch nicht weiterlesen können, und er wollte es noch nicht zurück. Sein Lesezeichen war noch sehr weit vorn plaziert gewesen.

L. Tolstoi - Krieg und Frieden

Vashtu starrte auf den Titel.
Sheppard saß im Speicher des Tores fest und sie hatte keine Ahnung, wie man ihn dort wieder herausholen konnte. Und er war dort hinein geraten, weil sie so dumm gewesen war und den Menschen von den Ladegeräten erzählt hatte, die ihr Volk damals benutzte, um genügend Energie für alles zur Verfügung zu haben.
Es war alles ihre Schuld!
Sie lehnte ihre Wange an die Knie und schloß die Augen wieder.
Sie wußte nicht, was zu tun war, sie war sich nicht einmal sicher, ob Dr. Weir nach dem zweimaligen Schlamasel überhaupt noch Wert auf die letzte Adresse legte. Wofür sollte das alles überhaupt gut sein?
John Sheppard ...
Sie war damals, wenn auch nur vorrübergehend, dem Militär unterstellt worden. Ein Militärangehöriger hatte ihr einen klaren Befehl gegeben, den sie vollkommen ignorierte, um Vingor zu retten. Einen jungen Wissenschaftler, der schon tot war, ehe sie überhaupt zu dieser waghalsigen Rettung aufgebrochen war.
Sie kannte zumindest Auszüge aus der Personalakte von Sheppard. Sie wußte, auch er hatte einen Befehl verweigert, in einer ähnlichen Situation. Nur sehr viel Glück - oder vielleicht die Vorsehung - hatten ihn hierher gebracht.
Plötzlich verstand sie.
Sie hatte sich an den Colonel gewandt, sie hatte ihn mit ihren Duftstoffen einfangen wollen, weil ihre Entscheidungen ähnlich waren. Sie selbst waren sich ähnlich. Immer wieder war ihr aufgefallen, daß sie nicht viele Worte machen mußten. Es genügte ein Blick, und der eine wußte, was der andere dachte.
Sie erinnerte sich noch an die waghalsige Jagd durch das Meteoritenfeld. Sheppard hatte ihr später vorgeworfen, sie hätte seine Befehle verweigert. Doch während des Fluges waren ihr nicht die Blicke entgangen, die Art, wie er ihre Bewegungen beobachtet hatte. Und sie war sicher gewesen, daß er ebenso wie sie gehandelt hätte, hätte er am Steuer des Jumpers gesessen.
Was dachte sie da? Das war unmöglich!
Doch eine kleine Stimme in ihrem Inneren wisperte ihr zu, daß es genau das war, was ihr aufgefallen war. Das war von Beginn an der Grund gewesen, warum sie so fasziniert von ihm gewesen war. Er ließ niemanden zurück, ebensowenig wie sie. Er setzte sein Leben aufs Spiel für andere, für Dinge, an die er glaubte - genau wie sie. Sie dachten gleich, oder fast gleich.
Er würde nie jemanden zurücklassen - sie würde das niemals tun ...
Und doch war sie gerade dabei, sich von ihm zu verabschieden. Sie suhlte sich in ihren Selbstvorwürfen, statt sich zusammenzureißen und etwas zu tun. Etwas, das ihm helfen konnte.
Vashtu hob mit einem Ruck den Kopf, schwang die Beine aus dem Bett und saß stocksteif da.
Was konnte sie tun? Wie konnte sie behilflich sein?
Sie konnte ... Die Datenbank! Sie konnte versuchen, die letzte Adresse ausfindig zu machen. Sie konnte die fehlenden Symbole suchen.
Das würde Sheppard nicht viel helfen. Aber wenn er zurückkehrte ...
Die Menschen hatten Schwierigkeiten mit der Technik ihres Volkes. Gut möglich, daß die Energiezufuhr noch immer gestört war. Immerhin hatte sie mit ziemlicher Kraft an den Kabeln gezerrt. Nun, wenn es darum ging, das konnte sie mit dem richtigen Werkzeug beheben. Wenn das Tor wieder offen war, konnte man ...
Nein, nicht solange Sheppard im Speicher festsaß. Irgendetwas sagte ihr, sie solle nicht einmal daran denken, das Tor anzuwählen, solange er noch darin war.
Aber hatte Dr. Weir nicht gesagt, Dr. McKay würde sich mit diesem Problem auskennen? Hatte sie nicht etwas von einem ähnlichen Vorfall auf der Erde erzählt?
Vashtu erhob sich, verzog kurz vor Schmerz das Gesicht, dann kleidete sie sich rasend schnell an.
Nein, Sheppard helfen konnte sie nicht. Aber sie konnte dafür sorgen, daß ihm geholfen wurde und alles bereit war, wenn er zurückkehrte!

Kurz darauf

In der Krankenstation herrschte nächtliche Ruhe und Stille. Gleichmäßige Atemgeräusche und das leise Summen einiger Apparaturen waren die einzigen Geräusche. Die Nachtschwester saß vorn, weit entfernt von den Betten, und las.
Vashtu hatte eines als erstes gelernt: sich so leise wie möglich zu bewegen. So war sie durch eine kleine Tür am anderen Ende der Räumlichkeiten eingetreten, stand jetzt vor McKays Bett und blickte auf ihn hinunter.
Was sie da tun wollte, war für ihr Volk zwar relativ selbstverständlich, doch sie hatte es schon lange nicht mehr getan. Seit sie sich selbst die fremden Gene injiziert hatte nicht mehr. Sie hoffte, die fremden Zellen würden sie nicht behindern oder ihm gar Schaden zufügen.
Sie zögerte noch einen Moment, dann trat sie näher an sein Bett heran und nahm seine Hand. Sie war eiskalt und trocken, doch sein Herz schlug.
Vashtu schloß die Augen und konzentrierte sich.
Teyla, die einen leichten Schlaf hatte, öffnete die Augen. Sie wußte im ersten Moment selbst nicht, was sie geweckt hatte, dann drehte sie den Kopf.
Die Ahnin, Vashtu, stand an McKays Bett, hatte seine Hand in ihre genommen. Ein sanftes Licht pulsierte zwischen den beiden Gestalten.
Teyla lächelte und drehte den Kopf wieder zurück.

Einige Zeit später

Vashtu betrat das Labor, in dem sie zusammen mit Dr. Zelenka und Dr. McKay gearbeitet hatte, als sie die Gate-Adressen der Ladegeräte hatten finden wollen. Von hier aus hatte sie noch immer vollen Zugriff auf den Hauptrechner, ohne daß jemand in der Kommandozentrale etwas bemerken würde.
Sie stellte sich vor den großen Bildschirm und gab ihre Befehle ein.
Augenblicklich erschien eine Abfrage, die sie beantwortete. Der Rechner lud die erforderlichen Daten herunter.
Vashtu trat an das Panel und begann, ihre Abfrage zu starten. Als sie wieder aufblickte, rasten Datenreihen über den Bildschirm.
Auch das hatte sie erledigt.

TBC ...

21.09.2009

Vashtu V

Eine Woche später

Das Gesicht auf beide Hände gestützt und müde starrte Vashtu auf den Bildschirm vor sich und überflog die Daten, die sie aus dem Hauptrechner abgerufen hatte. In ihrer Nähe stritten Zelenka und McKay sich über irgendein anderes Unterprogramm. Sie seufzte.
Sie wußte gar nicht mehr, wann sie das letzte Mal geschlafen hatte. Selbst in dem Quartier, das man ihr überlassen hatte, ging sie die Daten aus dem Hauptrechner durch. Dazu hatte sie sich einen der Laptops aus einem Lagerraum stibizt und auch den Umgang mit den Speichermedien der Menschen gelernt.
Weir hatte nicht alles verstanden, was Janus ihr gesagt hatte, erinnerte die Antikerin sich, doch zumindest einen Teil. Und ihr war klar gewesen, daß ihre Forschungsgruppe wahrscheinlich noch nie so nahe an der Entschlüsselung aller Daten war wie nie zuvor. Kurz darauf hatte die Expeditionsleiterin Vashtu in ihr Büro gebeten, wo bereits McKay und Zelenka warteten. Die Antikerin wurde gebeten, mit den beiden Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten. Ihr hatte dies zwar widerstrebt, doch auch ihr war klar, daß sie diese gewaltigen Datenmengen allein nicht würde bewältigen können.
Dieses Labor war ihnen zugeteilt worden, Vashtu selbst hatte die Daten aus dem Hauptcomputer hierher transferiert. Und seitdem suchten sie nach den Standorten der letzten beiden Ladegeräte. Da die Antikerin keine Ahnung hatte, wo genau sie suchen mußten, ging die Arbeit nur schleppend voran.
Vashtu seufzte wieder, scrollte weiter in dem Verzeichnisbaum.
Allmählich kamen ihr echte Zweifel, ob sie sich überhaupt auf dem richtigen Wege befanden. Sie konnte schon nicht mehr sagen, wieviele Dateien und Unterspeicher sie durchsucht hatte.
Die Schriftzeichen verschwammen vor ihren Augen. Sie lehnte sich zurück, um sich zu strecken und gähnte herzhaft.
Sheppard hatte sie in den letzten Tagen nicht zu Gesicht bekommen. Zwar hatte er ihr Nachrichten hinterlassen und sie wußte, daß er immer noch den Kontakt zu ihr suchte, aber sie hatte schlicht keine Zeit. Sie wollte ihrem neuen Volk helfen, sie wollte ein neues Leben führen, hier, auf Atlantis. Und sie würde diese verdammten Adressen finden!
Leicht angewidert griff sie nach der Tasse, trank naserümpfend einen Schluck von dem lauwarmen Kaffee. Sheppard hatte mit einem recht gehabt, dieses Zeug hielt wach, und das brauchte sie im Moment. Aber was den Geschmack betraf ... Ein Freund dieses Gebräus würde sie nie werden.
Ihr Blick fiel auf den Verzeichnisbaum, den sie aufgerufen hatte. Unwillkürlich erstarrte sie, beugte sich vor, bis ganz dicht vor den Bildschirm.
Sie mußte wirklich müde sein, daß sie das übersehen hatte!
Mit einem tiefen Atemzug öffnete sie das Programm. Die Anzeige des Bildschirm wechselte, Schriftzeichen und Zahlen erschienen, und Symbole.
„Ich habe es", flüsterte sie ungläubig, konnte die Augen einen Moment lang nicht von dem lösen, was sie da vor sich sah. Dann riß sie sich los, stellte die Tasse hart zurück auf den Schreibtisch.
„Ich habe es gefunden!" rief sie zu den beiden Wissenschaftlern hinüber.
Beide Männer erstarrten. McKay, der gerade dabei gewesen war, einen seiner ominösen Riegel zu verspeisen, vergaß das Kauen.
Vashtu leitete die Anzeige auf den großen Hauptschirm zurück, vor dem die beiden Männer standen, ehe sie sich erhob und zu ihnen trat.McKays Augen zuckten die Reihen der Schriftzeichen entlang, während er hektisch kaute.
Vashtu wies auf die mittlere der Gate-Adressen. „Hier, das ist die Adresse, die wir schon besucht haben. Jetzt haben wir auch eine Erklärung. Das Gerät sollte demnächst weggeschafft werden, weil ein Meteoritenhagel von außergewöhnlicher Schwere erwartet wurde. Offensichtlich aber hat man während der Evakuierung nicht mehr daran gedacht."
McKay hob die Hand. „Sie sagten, das Gerät wäre ständig eingeschaltet gewesen. Dann braucht ein Brocken nur in der Nähe eingeschlagen zu haben. Die geothermische Energie, die das Gerät speiste, dürfte den Rest erledigt haben."
Vashtu nickte.
McKay schnippte mit den Fingern, eine Angewohnheit, die sie schon des öfteren versucht hatte, ihn wieder anzufahren.
„Das bedeutet, falls eines der anderen Geräte an einem ebensolchen Platz gestanden hat, war die Suche vergeblich. Und das bedeutet ... Eine Menge. Wahrscheinlich sonderte es irgendeine Art von Strahlung ab, nicht wahr?"
Vashtu nickte, wies auf einen Absatz weit oben in der Datei. „Es wird erklärt. Wahrscheinlich sind die anderen Daten nur angefügt worden, um auf dem Laufenden zu sein. Sie würden es als harte Strahlung bezeichnen. Doch die stoßen die Geräte nur aus, wenn sie laden. Abgeschaltet werden konnten sie wegen ihrer Plasmabohrer nicht, sonst hätten sie zuviel Energie bei jedem Ladevorgang verbraucht. Doch sie schalteten ihren Energiebedarf hinunter, wurden sie nicht benötigt." Sie kreuzte die Arme vor der Brust, las aufmerksam noch einmal alles durch, was auf dem Bildschirm zu sehen war.
„Jetzt haben wir eine Antwort auf die Frage, warum die Antiker unbewohnte Monde und Planeten benutzten", sagte Zelenka.
„Das zweite Ladegerät war gerade erst installiert worden", murmelte Vashtu. „Vielleicht haben wir dort größere Chancen."
Gedanklich scrollte sie den Bildschirm hinunter ... und fühlte ihre Hochstimmung verfliegen.
McKay warf ihr einen neidischen Blick zu, konzentrierte sich dann aber ebenfalls auf das, was dort zu lesen war.
Die letzte Adresse ...
Vashtu fühlte ihren Mut sinken.
„Sieht nicht gut aus", stellte Zelenka fest.
Das konnte nicht sein!
Und doch sah sie es selbst.
Die Datei war in der Mitte der Gate-Adresse zerstört worden. Es fehlten die letzten zwei Symbole. Ob man sie schon zu ihrer Zeit gelöscht hatte, sie im Laufe der Zeit Schaden genommen hatte oder irgendjemand von der jetzigen Besatzung darin herumgepfuscht hatte, konnte sie nicht erkennen.
„Oh", war alles, was McKay von sich gab.
„Vielleicht läßt es sich wiederherstellen", mutmaßte Zelenka.
Vashtu starrte einfach nur auf die leere Stelle und fühlte, wie ihr Mut sank.

Zwei Tage später

Das Wurmloch baute sich vor ihnen auf. Vashtu fühlte einen kleinen Teilerfolg. Zumindest die Adresse existierte noch.
Leider hatten sie keine Hinweise darüber finden können, ob die Ladegeräte vom Weltraum aus zu erreichen waren oder die Gates auf Planetoiden standen. Nach einer langen Besprechung hatte Weir schließlich entschieden, sie sollten zunächst MALPs durch das Tor schicken, um nachzusehen. Sheppard und auch McKay schienen zwar nicht wirklich begeistert von dieser Idee, dennoch stand nun das kleine, fahrbare Gerät vor dem Wurmloch und wartete auf weitere Befehle.
Vashtu musterte das MALP interessiert, da sie soetwas nicht kannte. Doch sie begriff, wie wichtig es war. Eine kleine Kamera war an einem langen Arm befestigt. Auf diese Weise konnten sie feststellen, wo sie herauskommen würden.
„MALP bereit", meldete der zuständige Lieutanent. Die Antikerin beobachtete, wie der Roboter sich auf seinen sechs Rädern vorwärts bewegte, dann im Wurmloch verschwand.
Sie wandte sich dem Monitor zu, auf dem die ersten Bilder der Videokamera zu sehen sein würden.
Natürlich hatte man ihr erklärt, daß dieser Roboter noch mehr tun konnte als nur Bilder zu schicken, dennoch war sie neugierig.
„Noch keinen Kontakt", sagte der Lieutanent überflüssigerweise.
Vashtu wurde unruhig. Sie starrte auf den Bildschirm, als könne sie die ersehnten Bilder herbeizwingen.
Dieses Wurmloch war ihre letzte Chance. Sie glaubte nicht daran, daß sie jemals herausfinden würden, wie die vollständige Adresse für das letzte Gerät lautete. Die Möglichkeiten waren zu groß, selbst wenn man die Kombinationen ausließ, bei denen sich keine Verbindung bilden würde.
„Noch kein Kontakt."
„Das ist unmöglich!" ließ McKay sich vernehmen.
Vashtu starrte immer noch auf den leeren Bildschirm, Sheppard trat neben sie.
Noch immer kein Bild, keine wie auch immer gelagerten Daten. Nichts, der Bildschirm blieb leer.
„Und was, wenn es nicht klappt?" murmelte Sheppard.
Vashtu ließ sich keine Reaktion anmerken. „Dann werden wir einen möglichen letzten Kandidaten berechnen müssen."
Sheppard hob die Brauen, sagte aber nichts mehr. Er konnte sich ausrechnen, wie hoch die Chancen standen, daß sie auf diese Weise den richtigen Himmelskörper finden würden.
Vashtus Blick glitt vom Bildschirm ab, sie sah nach unten in den Torraum. Das Wurmloch war noch immer stabil. Wie eine glitzernde Wasserfläche stand es offen, schwappte sacht vor sich hin.
Und doch ...
Sie wußte selbst nicht wie und warum, aber plötzlich spürte sie etwas. „Kontakt sofort abbrechen!" Sie wirbelte herum.
Weir und Sheppard sahen sie verständnislos an.
„Wir haben Energieschwankungen", sagte plötzlich der zuständige Techniker.
„Wir müssen den Kontakt sofort abbrechen", beharrte die Antikerin.
Weir sah sie an. „Aber ..."
Ein Blitz zuckte in den Torraum hinein. Er kam aus dem Gate.
„Unterbrechen Sie die Verbindung", befahl Weir daraufhin.
Der Techniker nickte, gab den Befehl ein. Doch nichts geschah.
Alle Augen richteten sich auf das aktivierte Gate.
Vashtu fühlte sich wie in einem Alptraum gefangen. Immer wieder zuckten Blitze aus dem Tor hinaus, Elmsfeuer tanzten auf den Metallplatten vor dem Gate.
„Schalten Sie es ab!" rief sie.
Es war, als habe ein unglaublich starker Sog sie plötzlich erfaßt. Sie konnte sich kaum dagegen wehren. Sie wußte selbst nicht, was mit ihr vorging. Irgendetwas geschah auf der anderen Seite des Wurmlochs, und dieses etwas war ... Energie?
Vashtu taumelte zurück, gegen eine Konsole. Benommen schüttelte sie sich.
McKay hatte inzwischen die Kontrolle über das DHD übernommen, versuchte immer noch, das Wurmloch aufzulösen.
Vashtu wußte, daß soetwas normalerweise nicht passieren durfte. Die Gates funktionierten nur in eine Richtung, also könnten diese Energieentladungen nicht auf ihre Seite treffen, trotzdem taten sie es. Und sie konnten nichts dagegen tun.
Nichts?
Sheppard sah zu Vashtu hinüber. Er war besorgt. Sie reagierte irgendwie auf das, was im Torraum passierte. Sie hatte ein paar Minuten lang gewirkt, als würde sie gleich die Besinnung verlieren. Jetzt aber straffte sie sich plötzlich, ihr Blick war klar. Und dann flüsterte sie sich selbst etwas zu, zwei Wörter, doch er begriff.
„Manuelle Abschaltung."
Vashtu drehte sich um, suchte Weir. „Wir müssen das Gate manuell abschalten, vom Torraum aus", sagte sie dann mit fester Stimme. „Das heißt, ich muß es tun. Ich muß kurzzeitig die Kontrolle über Atlantis übernehmen. Einen anderen Weg gibt es nicht."
Weir sah die Antikerin an, schien eine Sekunde nachzudenken, dann nickte sie.
Doch Sheppard war schneller. Er hastete bereits die Treppe hinunter.
Soviel hatte er verstanden. Nur jemand mit Antiker-Genen konnte die manuelle Abschaltung vornehmen. Und er würde nicht zulassen, daß jemand anderer als er sich in Gefahr begab.
Ein eigenartiger Sog schien aus dem Tor zu kommen. Kurz zuvor war es McKay zumindest gelungen, den Schutzschild hochzufahren.
„John!"
Sheppard drehte sich nicht um. Atemlos sah er sich auf dem Vorplatz um.
Eine manuelle Abschaltung, gut, aber wo? Er hätte besser zuhören sollen.
Eine Hand riß ihn herum, und er starrte in Vashtus wütendes Gesicht. „Geh zurück, das ist zu gefährlich und du weißt nicht einmal, wo du suchen sollst!"
„Ich werde das allein machen. Sag mir, wo ich suchen soll. Geh du zurück", entgegnete er.
Vashtu schüttelte den Kopf, ihre Augen blitzten unter den zusammengezogenen Augenbrauen. Das schulterlange Haar umwehte ihr Gesicht.
Und in diesem Moment brach der Schutzschild zusammen.
Aus dem Sog wurde ein wahrer Orkan. Er riß beide auf der Treppe Stehenden in den Torraum hinein.
Sheppard versuchte sich festzuklammern, wo immer er konnte, dennoch wurde er immer weiter ans Tor herangezogen. Doch plötzlich packte ihn eine Hand und hielt ihn fest. Er blickte hoch.
Vashtu lag vor seinen Augen, mit weit ausgebreiteten Armen. Ihre eine Hand umkrallte eine halb herausgerissene Bodenplatte, mit der anderen hielt sie ihn fest. Sie öffnete den Mund, doch der Sog riß ihr die Worte von den Lippen.
Sheppard war sich jedoch auch so darüber im Klaren, was sie ihm mitteilen wollte. Er griff mit seiner freien Hand nach ihrem Arm, versuchte sich an sie zu klammern.
Die Bodenfliese wurde endgültig aus ihrer Verankerung gerissen, die beiden Leiber rutschten ein Stück näher an das Tor heran.
Es kostete sie fast übermenschliche Kräfte, ihre Wraith-Zellen zu aktivieren. Doch sie wußte, nur so hatten sie beide eine Chance, nicht in das Tor gezogen zu werden. Sheppard klammerte sich an sie, während sie sich mit den Fingernägeln in den schmalen Spalt zwischen zwei anderen Platten festhielt. Doch sie spürte auch, wie sein Handgelenk allmählich aus ihrem Griff rutschte.
„Halt dich fest!" schrie sie, versuchte das Getöse der Blitze und das Jaulen des Soges zu übertönen, streckte sich ihm noch mehr entgegen. Und tatsächlich gelang es ihm, sich an ihrem Arm noch einmal festzukrallen.
Ihre Fingerspitzen rutschten endlich unter die Platte, die gewaltigen Kräfte rissen an ihr, und die Tatsache, daß sie noch jemanden halten mußte, machte das ganze nicht leichter. Sie spürte, wie die Wraith-Zellen an Wirkung verloren, konzentrierte sich stärker auf sie und biß sich die Lippen blutig.
Sie würde ihn nicht loslassen! Nicht nach allem, was sie zu Anfang falsch gemacht hatte. Sie mußte das wieder gutmachen.
Vashtu starrte auf das geöffnete Tor. Wenn sie zumindest ein Funkgerät hätte. Vielleicht gelang es jemandem im Kontrollraum, den Schild noch einmal hochzufahren, Reserveenergien müßten noch vorhanden sein. Dann hätte sie zumindest eine Sekunde Zeit.
Die Platte gab immer mehr nach. Lange würde auch sie nicht mehr halten.
Sie konnte nicht beides, Sheppard festhalten und versuchen, das Tor abzuschalten. Sie brauchte beide Hände, um an die Kabel zu gelangen. Denn die Säule würde sie niemals erreichen. Ihr blieb nur der irrsinnige Weg, die Kabel zum Kontrollraum zu kappen und dem Sternentor auf diese Weise die Energie zu entziehen.
Mit Hilfe ihrer Wraith-Zellen versuchte sie, Sheppard näher zu sich zu ziehen, damit er sich an ihrem Körper festklammern konnte. Dabei rutschte erst seine linke, dann seine rechte Hand von ihr ab. Mit einem stummen Schrei wurde er von ihr weggerissen. Sie versuchte noch, ihn wieder festzuhalten, doch sie konnte ihn nicht mehr erreichen.
Vashtu wirbelte herum, die Wraith-Zellen in ihr erhielten noch einen zusätzlichen Impuls. Mit einer Hand riß sie die Bodenplatte vollständig heraus, während sie sich mit der anderen festklammerte. Dann griff sie in das entstandene Loch. Die Pupillen ihrer Augen wurden zu vertikalen Schlitzen.
Mit einem gewaltigen Schrei, der keiner auch nur menschenähnlichen Kehle entstammen konnte, riß sie die Kabel aus der Verkleidung heraus. Die glasfaserähnlichen Stränge konnten die Gewalt ihres Griffes nicht aushalten und zerrissen.
Und im Kontrollraum überlud das DHD, gerade als McKay zum zigsten Mal versuchte, das Tor von dort aus abzuschalten. Der Wissenschaftler wurde von dem Energiestoß getroffen und zurückgeschleudert. Bewußtlos blieb er auf dem Boden liegen.
Stille senkte sich über Tor- und Kontrollraum. Atem- und fassungslos starrten die Anwesenden auf das Gate.
Dort unten lag eine Gestalt platt auf dem Bauch, richtete sich jetzt zögernd auf und blickte zum deaktivierten Tor. Dann drehte Vashtu sich um und sah hoch zu den Fenstern des Kontrollraums.
John Sheppard war verschwunden.

TBC ...

17.09.2009

Vashtu IV

Author's Note: Sorry, momentan bin ich beruflich ziemlich eingespannt dadurch, daß ich quasi zwei Jobs nebeneinander mache und beim ersten noch mit den letzten Resten der Urlaubszeit (Vertretung wenn Not am Mann/Frau) zu kämpfen habe. Ich versuche, so regelmäßig wie möglich zu posten.


Einen Tag später

Weir betrat die Kommandozentrale, gerade als der Puddlejumper in den Torraum schwebte.
„Jumper 13 bereit", meldete eine weibliche Stimme über Funk.
Weir stutzte, lächelte dann. Sie trat an das Panel und fragte: „Na, Colonel, heute nicht Sie selbst am Steuer?"
Vashtu warf dem neben sich sitzenden Sheppard einen amüsierten Blick zu, doch der starrte nur dumpf aus dem Frontfenster.
„Heute nicht", antwortete sie für ihn, „er hat eine Wette verloren."
Weir im Kontrollraum nickte lächelnd. „Dann viel Glück. Und bringen Sie alle heil wieder zurück Vashtu." Sie beobachtete, wie der Puddlejumper im Tor verschwand, sich das Wurmloch kurz darauf auflöste.
Die Maschine nahm auf der anderen Seite des Tores Fahrt auf, die Antriebsdüsen fuhren aus. Ein kleiner, vorbeifliegender Meteorit, von der Größe eines Kiesels, schlug auf der Unterseite des Rumpfes ein. Dies jedoch bemerkte keiner der Insassen, da ein größerer Brocken rumpelnd über die Seite des Gleiters schrammte. Auch entging es ihnen, daß der erste die Außenhaut genug eindellte, daß sich im Inneren einige Kabel endgültig lösten, die schon vorher nur noch sehr lose in ihrer Verbindung gesteckt hatten.
„Geh in den Tarnmodus, für alle Fälle." Das war tatsächlich das erste, was Sheppard zu sagen hatte, seit er hatte mitansehen müssen, wie Vashtu sich auf den Pilotensitz niedergelassen hatte.
Natürlich traute er ihr das Fliegen zu. Sie hatte ihm ja erst vor kurzem gezeigt, zu was sie fähig war. Dennoch empfand er es als seine ureigenste Pflicht, die Gleiter selbst zu fliegen. Sein Pech, daß Weir ihn bei dieser kleinen Schummelei erwischt hatte.
Eine Klappe an der Seite öffnete sich, ein kurzer Arm ließ eine Apparatur herausschnellen.
Sheppard hob die Brauen.
„Wir können ihn brauchen, falls sich der Standort des Ladegerätes verschoben haben sollte", erklärte Vashtu, ließ das Gerät, einen Lebenszeichendetektor wie seinen, in ihre Brusttasche gleiten.
„Halten Sie es nicht für sehr gefährlich, daß nicht Sie am Steuer sitzen, Colonel?" fragte McKay.
Sheppard drehte sich zu seinem einzig verbliebenen Teammitglied um, bedachte ihn mit einem langen Blick. „Nein."
„John?"
Er wandte sich wieder nach vorn, betrachtete die, auf der Frontscheibe erschienene Darstellung. Ein Punkt, der rasch näherkam, blinkte.
„Könnte ein Wraith-Aufklärer sein."
Im nächsten Moment änderte sich die Anzeige. Sheppard war überrascht. Er konnte tatsächlich den Jäger sehen, der rasch auf sie zuhielt.
„Stimmt." Vashtus Stimme klang ausdruckslos.
„Er kann uns nicht wahrnehmen, solange wir im Tarnmodus sind. Flieg einfach weiter. Falls er uns zu nahe kommt, können wir immer noch ausweichen." Er beschloß, sie ein wenig leiden zu lassen. Auf keinen Fall wollte er jetzt und hier zugeben, daß er dieses Unterprogramm nicht kannte.
„Das ist wirklich interessant. Ich wußte gar nicht, daß man ranzoomen kann." McKays Stimme klang das erste Mal wirklich interessiert. Er sah über Vashtus Schulter hinweg, wie der Jäger immer näher kam.
Jetzt konnte man das Schiff auch mit bloßem Auge sehen.
„Könntest du die Waffensysteme übernehmen?" fragte Vashtu. „Nur für alle Fälle."
Sheppard, der sich wieder ertappt fühlte, nickte, konzentrierte sich kurz.
Augenblicklich teilte sich die Darstellung auf der Frontscheibe. Jetzt war er wirklich verblüfft.
Auf seiner Seite sah er die taktische Anzeige, konnte die Drohnen überprüfen und losschicken. Vashtus Seite dagegen zeigte immer noch eine schematische Darstellung ihres Kurses.
„Cool!"
„Er kommt immer näher. Willst du ihn abschießen?" Vashtu warf ihm einen Blick zu, den er erwiderte, gerade zu einer Antwort ansetzen wollte.
Da zuckte direkt vor ihrem Bug ein heller Lichtblitz auf.
Beide Augenpaare weiteten sich.
„Der Tarnmodus ..." flüsterte Sheppard.
„... ist zugeschaltet", ergänzte Vashtu. In ihrem Gesicht war mindestens ebenso große Überraschung zu sehen wie in seinem.
„Was ist das für eine Meldung?" rief McKay über ihre Schulter hinweg.
Ein weiterer Lichtblitz.
Wie in Zeitlupe drehten die beiden Piloten sich wieder nach vorn. Und beide sahen die Schriftzeichen, die rhythmisch rot aufleuchteten und sich über den gesamten Schirm zogen. Und dahinter, überlebensgroß wirkend, den Wraith-Jäger.
„Fehlfunktion!"
Sheppard war es, als könne er den anderen Piloten sehen, obgleich das unmöglich war. Die Energiewände eines Wraith-Jägers waren lichtundurchdringlich.
Vashtu reagierte als erste. Ehe der Jäger noch einmal schoß - und dieses Mal wahrscheinlich wirklich getroffen hätte, so dicht war er ihnen inzwischen gekommen - riß sie den Jumper herum und beschleunigte.
Sheppard konzentrierte sich wieder auf die Waffensysteme. Wenn er eine Drohne abschoß, könnte er den Wraith vielleicht mit einem Schlag eleminieren.
Die intelligente Antiker-Waffe löste sich tatsächlich aus ihrer Halterung, doch sie schoß nach vorn, statt nach hinten, traf einen umhertrudelnden Asteroiden.
„Auf den Wraith zielen. Um alles andere kümmere ich mich", knurrte Vashtu.
Der Jäger hatte ihre Verfolgung aufgenommen, raste hinter ihnen her.
„Vielleicht sollte der Colonel jetzt doch besser das Steuer übernehmen", schlug McKay vor.
„Keine Zeit." Sheppard sah ein kleines rotes Licht auf seiner Waffenanzeige blinken.
Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Er konzentrierte sich darauf, erhielt eine weitere Meldung. Etwas mühsam las er sie sich durch und fühlte sein Herz einen Schlag aussetzen.
„Die Steuerung der Drohnen ist gestört, wie unsere Tarnung. Du mußtest ja auch unbedingt die 13 nehmen!"
Vashtu flog ein waghalsiges Manöver nach dem anderen, um dem ständigen Beschuß des Jägers auszuweichen. Sie hielt sich sehr gut, wenn Sheppard auch noch etwas anderes auf den Anzeigen lesen konnte.
„Du überhitzt die Triebwerke."
„Sie sollten das Steuer übernehmen, Sheppard", ließ McKay sich wieder vernehmen.
Vashtu jagte den Jäger weiter. „Funktioniert die Steuerung gar nicht mehr?"
„Colonel!"
„Keine Zeit, Rodney." Sheppard konzentrierte sich auf das, was er draußen sah.
Die Meteoriten nahmen immer mehr zu, die Bahn, die Vashtu flog, war einfach irrsinnig. Und vor ihnen ... Da tauchte etwas noch finsteres aus der Dunkelheit des Alls auf.
„Sir? Kann ich etwas tun?" ließ Johnson sich nun vernehmen.
„Sitzenbleiben und Klappe halten, alle beide." Wie aus einem Mund kam diese Anweisung aus zwei Kehlen.
Sie gewannen ein wenig Abstand zu dem Jäger. Der schoß immer noch auf sie, doch seine Strahlenwaffen verdampften nur auf ihrem Weg trudelnde Asteroiden, gaben ihnen damit etwas mehr Raum.
Sheppard mühte sich durch die Statusberichte des Jumpers, um den Fehler im System der Drohnen zu finden.
„Wir sind fast da. Vielleicht kann ich ein bißchen Abstand zwischen uns und den Wraith gewinnen. Viel nutzen wird es uns allerdings nicht", sagte Vashtu. Für eine Sekunde sah sie zu ihm hinüber, ehe sie sich wieder auf ihren waghalsigen Flug konzentrierte.
Sheppard fand endlich die richtige Meldung. „Die Steuerung läßt nur einen Geradeausflug der Drohnen zu." Frustriert lehnte er sich zurück, starrte aus dem Frontfenster.
So hatte er die Jumper noch nie geflogen. Er war sich nicht einmal sicher gewesen, ob das überhaupt möglich war.
Vashtu steuerte die Maschine auf den riesigen, finsteren Planeten zu, nutzte dabei jede Deckung, die sie finden konnte. „Es muß schnell gehen", sagte sie dabei, „erst einmal lassen wir die Scanner laufen, um herauszufinden, ob das Gerät überhaupt noch da ist, soweit auch der ursprüngliche Plan. Dann nehmen wir uns den Wraith vor, kehren zum Mond zurück und holen es. Wie hört sich das an?"
Sheppard nickte. „Hört sich vernünftig an, wenn du ihn uns solange vom Hals halten kannst, wie wir zum Scannen brauchen. Und ich benötige eine gute Zielvorgabe. Du mußt dich irgendwie hinter ihn bringen."
„Colonel, wir sollten nach Atlantis zurückkehren", entgegnete McKay. „Alles andere ist Wahnwitz."
Vashtu und Sheppard tauschten einen Blick.
Der Jumper flog um den Planeten herum, tauchte unter dessen Pol hindurch, den Wraith weit hinter sich gelassen. Doch was sie erwartete, war nicht, was sie gehofft hatten.
Vashtu ließ die Kontrollen los, starrte fassungslos auf das Bild, das sich ihnen bot.
Sheppard beugte sich vor, auf der Suche nach etwas, was nicht da war. Dann ging ihm allmählich etwas auf.
„Das kann nicht sein!" Vashtu schüttelte den Kopf, starrte auf das Trümmerfeld, das sich vor ihnen erstreckte. Vor zehntausend Jahren hatte es hier noch einen Mond gegeben. Einen Mond mit einem ZPM-Ladegerät.
„Aldebaran. Hier sollte Aldebaran sein", murmelte Sheppard, erntete einen halb fassungslosen, halb fragenden Blick und winkte ab. „Ich erklär's dir später."
Die Wucht der Explosion hatte sogar den Planeten getroffen. Ein gewaltiger Krater war in ihn geschlagen worden. Die Trümmer von Mond und dazugehörigem Planeten hatten sich im weiten Umkreis um letzteren in verschiedenen Umlaufbahnen gesammelt. Ein riesiges Gesteinsfeld umgab den Himmelskörper.
Sheppard konnte beinahe fühlen, wie Vashtu resignierte, und er konnte es nachvollziehen. Auch er hatte damit gerechnet, hier das Gerät vorzufinden und damit aller Energiesorgen für die Zukunft ledig zu sein.
„Laß mich ans Steuer. Ich fliege uns zurück", sagte er.
In diesem Moment nahm der Wraith-Jäger sie wieder unter Beschuß. Er kam von oben, schoß eine Salve nach der nächsten ab.
Vashtu reagierte instinktiv, ließ den Jumper absinken und zur Seite kippen. Dann beschleunigte sie wieder, hielt auf den Planeten zu.
Sheppard ließ sich in seinen Sitz zurücksinken, konzentrierte sich wieder auf die Waffensysteme, behielt aber auch ihren Kurs im Auge.
Vashtu fing den Jumper ab, brachte ihn in eine niedrige Umlaufbahn und raste über den Planeten hinweg. Nichts als tiefschwarz verbranntes Gestein starrte zu ihnen hoch.
„Wenn ich es schaffe, uns hinter ihn zu bringen, denkst du, du kannst ihn abschießen?" Sie schien sich schon wieder gefangen zu haben. Mit ernstem, konzentrierten Gesicht starrte sie auf die Anzeigen.
„Ich denke schon." Sheppard nickte.
„Sollten wir nicht zum Stargate zurück? Hier ist doch sowieso nichts mehr zu finden", schlug McKay vor.
„Wenn wir ihn nicht abschießen, schaffen wir es nicht bis zum Gate zurück", antwortete Vashtu. Mit einer winzigen Bewegung ließ sie den Jumper aus seiner Umlaufbahn aufsteigen. Der Jäger war immer noch hinter ihnen, schoß Salve auf Salve auf sie ab.
Sheppard ahnte, was sie vorhatte, machte sich bereit und aktivierte in Gedanken bereits eine Drohne.
Und tatsächlich nahm Vashtu urplötzlich den Schub weg. Sie sahen den Jäger, wie er im geringen Abstand über ihnen hinwegschoß, dann nahm sie die Verfolgung auf. Sheppard ließ die Drohne vorschießen. Doch ein Trümmerstück lag auf dem berechneten Kurs, die Drohne explodierte ohne Schaden anzurichten.
In einer engen Kurve setzte der Wraith sich wieder hinter sie.
Vashtu fluchte in einer fremden Sprache, riß das Steuer hart herum.
Besorgt beobachtete Sheppard wieder die Anzeigen. Inzwischen waren mehrere von ihnen bereits in den gelben Bereich gerutscht.
Dann ging ihm plötzlich auf, wohin ihr Kurs sie führen würde.
„Nicht in das Meteoritenfeld!"
Doch zu spät, Vashtu heizte den Jumper mitten in die vermeintlichen Mondtrümmer. Im halsbrecherischen Tempo rasten sie durch die träge dahintreibenen Gesteinsbrocken.
„Wähl das Tor an, wenn ich es sage." Ihre Stimme klang hart.
Sheppard starrte nach draußen. Noch immer war der Wraith dicht hinter ihnen.
Vashtu riß plötzlich den Jumper hoch, flog einen so engen Looping, daß Sheppard ihn nie für möglich gehalten hätte. Zum Glück gab es hier weniger Trümmer. Dafür konnte er jetzt hören, wie kleine Meteoriten auf die Außenhaut trafen.
Er schoß wieder, als er glaubte, in der richtigen Position zu sein. Die Drohne zischte dicht an dem Jäger vorbei und verpuffte an einem weiteren Gesteinsstück.
„Das ist Irrsinn!"
Vashtu raste weiter, mitten durch ein dichtes Feld von Asteroiden hindurch, den Wraith dicht auf den Fersen.
Sheppard atmete tief ein. „Du kommst zu schnell rein. Das kann der Autopilot niemals schaffen!"
„Jetzt!"
„Du bist zu schnell!"
„Wähl das verdammte Tor an!"
Vashtu beschleunigte weiter.
Sheppard sah das Stargate am Horizont auftauchen. Er preßte die Kiefer fest aufeinander und begann mit dem Wahlvorgang.
Der Jumper pendelte von einer Seite auf die andere. Kurz schrammte ein größeres Stück Gestein über eines der Triebwerke.
„Atlantis, Sheppard hier. Könnte etwas ungemütlich werden", meldete er über Funk. Dann fiel sein Blick auf die Anzeigen. Er erbleichte.
Die Anzeige für die Triebwerke leuchtete in einem tiefen Rot, und die Trägheitsdämpfung überschritt gerade den Übergang.
„Du bringst uns um!"
Vashtu schüttelte unwillig den Kopf. Ihr Blick war voll konzentriert auf das Gate gerichtet, und noch immer beschleunigte sie. Allerdings hatte sie jetzt ihre Ausweichmanöver eingestellt. Ein Energiestrahl des Wraith streifte den Jumper, ließ das kleine Schiff aufstöhnen.
„Noch so einen Treffer überstehen wir nicht", rief McKay. „Holen Sie endlich diese Verrückte vom Steuer, Sheppard!"
Das Tor raste auf sie zu. Am Rande registrierte Sheppard, daß er plötzlich nicht mehr die Kontrolle über die Waffen hatte, doch er kam nicht mehr dazu, sich zu fragen, was das zu bedeuten hatte. Jeden Moment mußte der Autopilot die letzten Meter zum Gate übernehmen.
Und genau in diesem Moment schaltete Vashtu die Triebwerke ganz ab und ruckte den Schalthebel zur Seite. Wie ein irdisches Fahrzeug riß es den Jumper herum, und Sheppard fühlte, wie er gegen die Seite gedrückt wurde. Die Trägheitsdämpfer funktionierten zwar noch, doch diese Wucht konnten selbst sie nicht aufhalten.
Das Tor verschwand aus seinem Blickfeld, statt dessen tauchte der Wraith-Jäger vor ihnen auf. Und in diesem Moment schoß eine Drohne an der Seite hervor. Der Jumper ruckte nach hinten, in das Feld des Autopiloten hinein und übernahm die Steuerung. Rückwärts glitt der kleine Gleiter in das Tor hinein.
Das letzte, was Sheppard sah, ehe sie in das Wurmloch gezogen wurden, war der explodierende Wraith-Jäger.

Plötzlich war es absolut still in der Kommandozentrale, alle Augen richteten sich auf die großen Fenster.
Weir, die sich gerade mit einem der Techniker unterhalten hatte, drehte sich um und sah den Puddlejumper mit der Nummer 13 an der Seite, wie er gerade noch im Torraum schwebte, sacht nach oben gezogen wurde. Der Gleiter schwebte falsch herum, mit dem Heck zur Treppe, als wolle er gerade abreisen und würde nicht ankommen. Beulen und Schrammen zierten die Außenhülle und an der Heckklappe befand sich ein häßlicher schwarzer Streifen.
„Wie ist der denn angekommen?" fragte endlich einer der Techniker.
Weir schüttelte ungläubig den Kopf. Sie traute Sheppard ja eine Menge zu, aber ... Da fiel ihr ein, als Jumper 13 losgeflogen war, hatte Vashtu am Steuer gesessen. Sollte die Antikerin etwa ... ?
Weir kümmerte sich nicht mehr um ihren vorhergehenden Gesprächspartner, marschierte los zur Treppe, um in den Hangar zu kommen.Kurz darauf betrat sie die Puddlejumper-Base und konnte beobachten, wie die Nummer 13 sanft landete. Auch hier standen einige Mechaniker ungläubig staunend und betrachteten das verbeulte Chassis. Mit einem widerstrebenden Stöhnen öffnete sich die Hecklucke und Johnson stürzte mit leichenblassem Gesicht heraus, beide Hände vor den Mund geschlagen. Weir konnte kurz darauf seine Würgelaute hören.
Was war passiert?
Als nächster verließ ein ebenfalls ziemlich blasser McKay den Jumper, aus dem jetzt zwei laute Stimmen zu hören waren. Weir trat näher.
„Was ist passiert?"
McKay sah sie leidend an, hielt sich den Magen. Dann kniff er die Lippen aufeinander und versuchte sich aufzurichten. „So eine Sheppard-Sache", antwortete er, nickte zurück. „Allerdings von der Antikerin."
Sheppard-Sache?
Weir lugte in den Jumper, sah die beiden Gestalten, wie sie sich gegenüberstanden.
„... Befehl gebe!" bellte Sheppards Stimme.
McKay winkte ab und ging.
Weir runzelte die Stirn und betrat zögernd den Jumper.
„Das nächste Mal lasse ich uns von dem Wraith atomisieren, wenn du so darauf bestehst!" Vashtu.
Die Leiterin der Expedition trat in den Durchgang zum Cockpit. Sheppard und die Antikerin standen sich in dem engen Raum gegenüber, beide die Arme vor der Brust gekreuzt, und blitzten sich wütend an.
„Ich habe gesagt, du sollst nicht in das Meteoritenfeld fliegen. Und was tust du? Natürlich fliegst du mitten rein." Sheppard reckte wütend den Hals.
„Wohin hätte ich denn sonst fliegen sollen? Dort hatten wir zumindest etwas Deckung. Außerdem war nicht ich es, die die Drohnen in die Felsen gejagt hat", gab Vashtu zurück.
„Wenn du Mitglied meines Teams sein willst, hast du dich meinen Befehlen zu fügen und nicht irgendwelche irrsinnigen Stunts aufzuführen. Was hast du dir davon versprochen? Das hätte das Gerät auch nicht zurückgebracht. Wir wären beinahe draufgegangen, falls dir das entgangen sein sollte!"
Vashtus Augen weiteten sich. Nun reckte auch sie den Hals, funkelte den, fast um einen Kopf größeren Sheppard an. „Ich weiß, wieviel die Jumper aushalten, John, ich bin sie oft genug geflogen. Ich wußte, was ich tue. Du hättest früher einwählen können, denn um alles konnte ich mich auch nicht kümmern!" Sie neigte leicht den Kopf, schob den Unterkiefer vor. „Und was heißt hier Mitglied deines Teams? Du wolltest mich doch dabei haben. Du hast mich doch gar nicht gefragt!"
„Du warst damit einverstanden!"
„Weil ich helfen wollte!"
„Danke, aber das nächste Mal brauchen wir deine Hilfe nicht!"
„Ihr würdet sie auch nicht bekommen!"
„Was geht hier vor?" mischte Weir sich ein.
Sheppard straffte sich, drehte sich, betont kontrolliert, zu ihr um. „Elizabeth, schön Sie zu sehen."
Weir sah forschend von einem zum anderen. „Sie hatten eine etwas ... ungewöhnliche Landung, wie ich mitansehen durfte. Woran lag das?"
Sheppards Kiefer mahlten. „Ein Wraith-Aufklärer war hinter uns her. Der Tarnmodus hat versagt und die Drohnen ließen sich nicht richtig steuern. Und was die Landung angeht ... Beinahe wäre sie schiefgegangen!" Wütend funkelte er die Antikerin an.
„Es war knapp, ja, aber schiefgegangen wäre sie nicht. Ich wollte den Wraith erledigen, da du das ja nicht geschafft hast", gab Vashtu zurück.
Weir hob eine Hand. „Dann darf ich wohl davon ausgehen, daß Sie das Ladegerät nicht mitgebracht haben?"
Beide schüttelten die Köpfe.
„Der Mond, auf dem es sich befunden hat, existiert nicht mehr", antwortete Vashtu zögernd.
Weir nickte nachdenklich.
„Wahrscheinlich habt ihr ihn auch noch in die Luft gejagt", knurrte Sheppard.
„Das ist ..."
„Das haben wir alle nicht gehört, Colonel", fiel Weir der Antikerin ins Wort, nickte ihr dann zu. „Vashtu, ich möchte, daß Sie sich zum Hauptcomputer begeben und dort nach den anderen beiden Geräten forschen. Colonel Sheppard, mit Ihnen möchte ich noch ein paar Worte wechseln."
Vashtu zögerte plötzlich, senkte betreten den Kopf.
Weir stutzte. „Stimmt etwas nicht?" fragte sie.
Die Antikerin nagte unsicher an ihrer Unterlippe. „Ich ... ich bin mir nicht sicher, ob ..." Sie stockte, straffte die Schultern und blickte auf. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt eine Zugriffsberechtigung habe. Gut möglich, daß der Rat meine Daten gelöscht hat."
„Was? Und das sagst du erst jetzt?" Sheppard schien, wie ein zorniger Raubvogel, über die kleinere Frau herfallen zu wollen. „Das setzt dem ganzen ja jetzt wirklich noch die Krone auf! Du weißt nicht, ob du in den Hauptcomputer überhaupt reinkommst und erzählst uns von den Dingern? Und dann setzt du uns fast noch in einen riesigen Felsbrocken? Hast du den Verstand verloren?"
Vashtu riß ihren Kopf herum und starrte ihn voller Wut an. „Ich dachte, das Gerät existiert noch, Lt. Colonel, sonst hätte ich nichts davon erzählt. Konnte ich denn ahnen, daß der Mond durch irgendetwas vernichtet wird?"
Sheppard hob die Hände und rang sie. Eine Vene an seinem Hals trat hervor vor unterdrückter Wut.
„Wir werden eine Lösung finden", versuchte Weir die beiden zu beruhigen. „Gehen Sie jetzt bitte, Vashtu. Melden Sie sich auf dem Kommandoposten. Vielleicht ..." Den Rest des Satzes ließ sie offen.
Die Antikerin starrte den Lt. Colonel noch einen Moment lang haßerfüllt an, dann ging sie hocherhobenen Hauptes an Weir vorbei und verließ den Jumper.
Sheppard sah ihr mit wütend zusammengezogenen Brauen nach.
Weir wandte sich wieder ihrem militärischem Leiter zu. „Und jetzt, Colonel, beruhigen Sie sich bitte und erzählen Sie mir, was da draußen passiert ist."

Vashtu zögerte, während Smithers ihr Platz am Hauptrechner schuf.
Sie wußte nicht, was passieren konnte, sollten ihre Daten tatsächlich gelöscht oder schlimmeres sein. Sie hatte keine Ahnung, ob man nicht doch noch eine Gefahr in ihr sah, daß man ihr damals sogar zugetraut hätte, sich zu befreien. Und wie weit hatte Janus interveniert?
Eine gewisse Trauer überkam sie, als sie an ihren alten Freund und Helfer dachte. Warum er ihr ausgerechnet jetzt in den Sinn kam, wußte sie nicht.
„Bitte", Smithers lächelte schüchtern.
Vashtu nickte stumm und trat an das Panel.
Warum hatte Sheppard nur so reagiert? Sie hatte doch nichts unrechtes getan. Es war schlicht zu knapp gewesen, um die Plätze zu tauschen. Sie fühlte sich einfach nur schlecht und falsch behandelt. Und ihre Mutlosigkeit nahm noch zu, als sie die Hände hob und die Kristalle bediente.
Sie erwartete nicht wirklich, daß irgendetwas geschah. Wahrscheinlich besaß sie so wenig Zugriff wie die Menschen von der Erde.
„Sei gegrüßt, Vashtu Uruhk", sagte eine bekannte Stimme.
Sie erstarrte, ihr Atem stockte.
Ein erstauntes Gemurmel erhob sich, alle Arbeitenden wichen etwas von ihren Plätzen zurück. Dann erhaschte sie einen ersten Blick auf ein Gesicht, ein bekanntes Gesicht!
Vashtu fuhr zum Hauptbildschirm hinter ihr herum.
Janus!
Er lächelte scheinbar auf sie hinunter, und auf jedem Bildschirm im Raum konnte sie sein Gesicht noch einmal sehen, mal schärfer, mal verwaschener.
„Du hast es also endlich gewagt, dich an den Rechner zu begeben. Ich habe gehofft, daß du das versuchen würdest", fuhr Janus fort.
Vashtu wurden die Knie weich, sie stützte sich mit beiden Händen schwer auf die Konsole und konnte den Blick nicht von dem verschwommenen Gesicht vor sich lösen.
„Aber ich hoffe ebenso, du tust es aus einen guten Grund und nicht wegen niedriger Instinkte. Ja, ich habe dir nicht alles gesagt, wie du inzwischen wahrscheinlich selbst hast herausfinden dürfen. Und daß du hier stehst, beweist mir, daß du meinen anderen Plan inzwischen kennst."
Unbewußt nickte sie.
Janus' Augen schienen sehr weich zu werden, sein Lächeln väterlich. „Die Menschen, die dir zur Flucht verholfen haben, erscheinen mir als wahre Erben unseres Wissens, Vashtu. Aus diesem Grund hoffe ich, du stehst ihnen mit deinem Rat und deinem Wissen zur Seite. Du warst eine der wenigen, die sich aktiv am Krieg beteiligt haben, wenn auch nicht immer im Namen unserer Führer. Doch deine Motive waren ehrlich, und darum habe ich dir auch geholfen."
Ein Klumpen wuchs in ihrem Hals, ihre Lippen begannen zu beben.
„Wenn du hier stehst, werden wir uns niemals wiedersehen. Du wirst eine der letzten sein, die es von uns noch gibt. Du hast deine Wahl vielleicht zu früh getroffen, doch du hast sie getroffen und nichts kann sie jemals wieder rückgängig machen. Ich kann nur hoffen, du bereust es nicht inzwischen."
Weir und Sheppard betraten Seite an Seite den Raum, blieben stehen. Die Expeditionsleiterin atmete tief ein.
„Janus!"
Plötzlich ging es Vashtu auf, was ihr Überleben bedeutete. Sie begriff endlich wirklich, daß sie wahrscheinlich niemanden, den sie damals gekannt hatte, jemals wiedersehen würde. Ihr Vater, Enkil, Janus, der Rat, alle anderen Freunde und Bekannten, sie alle waren verschwunden und würden nie wieder zu ihr zurückkehren. Niemand war mehr übrig, niemand außer ihr.
Natürlich hatte sie gewußt, daß ihr Volk nicht mehr existierte. Doch jetzt erst verstand sie wirklich, was das für sie bedeutete. Und dieses Begreifen allein trieb ihr die Tränen in die Augen.
Sheppard sah, wie ihre Schultern sich krampfhaft hoben. Er konnte nicht anders, langsam drängte er sich an Weir vorbei und trat auf sie zu.
„Wie nicht anders zu erwarten war hat der Rat deine Zugänge gelöscht", erklärte Janus nun gerade. „Aber mir ist es gelungen, dir doch Berechtigung zu ermöglichen. Ein Zugangskristall sollte jetzt sein Versteck preisgeben. Ich gebe dir die absolute Macht über unsere Stadt, kleine Vashtu, wenn du sie denn willst. Aber du solltest bedenken, auch die Menschen haben eine Berechtigung, hier zu sein. Entscheide also selbst, willst du dir erneut Feinde schaffen oder dieses Mal auf Freundschaft und Vertrauen bauen."
Vashtus Lippen bebten und sie zitterte am ganzen Leib. Sie spürte, wie sich hinter ihr eine kleine, verborgene Klappe öffnete. Ohne ihre Augen von der unscharfen, immer wieder leicht ruckenden Darstellung ihres alten Freundes zu nehmen, griff sie instinktiv nach dem Kristall, der sich in ihre Handfläche schmiegte.
Sheppard tat vorsichtig einen letzten Schritt, stand jetzt direkt neben ihr. In seinem Gesicht spiegelten sich Hilflosigkeit und -bereitschaft.
Janus lächelte immer noch. „Ich vertraue dir, Vashtu, das habe ich schon immer getan. Du warst vielleicht zu früh für unser Volk gekommen, aber jedenfalls zu spät für unsere Zivilisation in dieser Galaxie. Vielleicht ist die Zeit der Menschen die richtige für dich, ich jedenfalls hoffe es nach dem, was ich erfahren habe."
Tränen rannen über Vashtus Wangen.
Sheppard sah es, hob langsam die Hand, doch er konnte sie ihr nicht wie geplant auf die Schulter legen. Es ging einfach nicht. So blieb er unverrichteter Dinge stehen, den Arm halb erhoben.
Janus' Gesicht wurde ernst. „Laß dich nicht von Dingen einnehmen, die niemals deine Ziele waren", mahnte er. „Denk an Enkil. Er hoffte auf die Lösung, doch für ihn kam sie zu spät. Laß du es nicht auch zu spät sein. Du kannst dich anpassen, glaube mir. Du bist jung genug und dein Geist noch offen. Tue nichts, was du später bereuen würdest. Dies sage ich dir auch im Namen deines Vaters. Sei wie du bist, die Menschen werden dich verstehen, davon bin ich überzeugt." Er schwieg, das Bild wurde einen Moment unscharf. „Ich muß dich jetzt verlassen, kleine Freundin, und ich fürchte, es wird für immer sein. In Gedanken bin ich bei dir, solange mein Leben währt. Ich hoffe, dir wird man eines zugestehen. Ich hoffe es wirklich. Leb wohl."
Sein Gesicht blieb noch einen Moment sichtbar, dann schaltete sich die Aufnahme ab.
Vashtu weinte stumm vor sich hin, ergeben von der Trauer um ihr Volk. So viele Erinnerungen stürzten auf sie ein, von einem Leben, daß sie nie wirklich geführt hatte. Immer war sie angeeckt, immer war ja jemand gewesen, der sie maßregelte. Doch war es ihr Volk, für daß sie zu kämpfen gewagt hatte. Und doch gab es auch positive Erinnerungen, an andere Antiker, an Geschehnisse, die sie längst vergessen zu haben glaubte. All das war verloren, für immer verloren.
Sie wandte den Blick vom leeren Bildschirm ab, schloß einen Moment die Augen. Dann sah sie schemenhaft die Gestalt neben sich, die erhobene Hand, die kurz über ihrer Schulter in der Luft schwebte. Sie blickte auf, in das hilflose Gesicht von Sheppard.
Dann drehte sie sich um, sah Weir in der Tür stehen und sie mustern.
Ja, sie hatte ihr Volk verloren, sie würde niemanden je wiedersehen, den sie gekannt hatte. Aber, und das ging ihr jetzt plötzlich auf, all ihre Bemühungen waren umsonst gewesen. Sie hätte all das nicht tun brauchen, was sie getan hatte.
Vashtu begriff, sie hatte ein neues Volk gefunden, und zumindest einige aus diesem Volk boten ihr an, wonach sie sich schon ihr ganzes Leben gesehnt hatte. Und sie würde sich bemühen, dieses Angebot zu danken.
Ihr Blick glitt wieder zu Sheppard zurück. Sie lächelte hinter ihren Tränen und zeigte ihm den Kristall.

TBC ...