11.05.2010

Das Labyrinth des Mrinosh II

"Ich gehe kurz nachfragen, wann Mrinosh für mich Zeit hat." Wallace öffnete mit Schwung die Tür - und erstarrte.
"Peter, der vertieft in sein Palmtop gewesen war, hob nach einer kurzen Weile den Kopf und sah stirnrunzelnd zu seinem Kollegen hinüber. „Rein oder raus, was willst du jetzt, James?"
Wallace stand weiter da wie erstarrt, die Tür noch immer in der Hand.
"Doc?" Dorn richtete sich von seinem Sitzplatz auf. Seine Augen weiteten sich.
Peter betrachtete diese Reaktion seiner beiden Teammitglieder mit gemischten Gefühlen. „Was ... ist ... los?" fragte er schließlich, stand ebenfalls auf und trat zu Wallace, um an ihm vorbei auf den Gang zu sehen - und fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich, als er unvermittelt in die Läufe verschiedener Waffen blickte.
"Alles in Ordnung", beeilte er sich zu versichern, stieß Wallace unsanft zurück und lächelte so freundlich wie möglich. „Wir wollten nur ein bißchen ... lüften! Ist stickig hier, echt. Könnt ihr mir glauben, Jungs. Also ..." Er schloß die Tür und schob den Riegel vor. „Scheiße!"
"Was ... was wollen die da draußen?" wagte Wallace endlich zu bemerken.
Peter schluckte.
Wenn er das wüßte? Aber ... Mit plötzlichem Schrecken ging ihm auf, daß Vashtu noch immer nicht zurück war. Und, wenn er richtig gesehen hatte, war da nicht nur ein Klumpen schwerbewaffneter Männer vor ihrer Tür, sondern auch ...
"Oh, Mist!" entfuhr es ihm.
Dorn nickte stumm. „Sieht übel aus."
"Aber ..." Wallace sah hilflos von einem zum anderen. „Mrinosh ist doch unser Verbündeter, oder nicht?"
Peter zupfte etwas hilflos an seinem Ohrläppchen. „Gute Frage ..."
Es klopfte.
Peter schluckte hart und atmete einige Male tief ein. Dann drehte er sich betont langsam um. „Ja?" rief er durch das dicke Holz.
"Dr. Babbis? Hier ist Mrinosh. Ich möchte gern mit dir sprechen." Die Stimme gehörte eindeutig dem jungen Lord.
"Du kannst uns doch nicht ..." Dorn packte Wallace am Arm und riß ihn neben sich auf einen der Scherenstühle.
Peter tauschte einen Blick mit dem ältlichen Sergeanten, dann zog er den Riegel zurück und öffnete die Tür einen Spaltbreit, gerade genug, um hinaussehen zu können. Erleichtert stellte er fest, daß wirklich Mrinosh im Gang stand.
"Dr. Babbis?" Der junge Lord sah ihn bittend an.
"Draußen oder drinnen? Was ist dir lieber?" Peter hob die Brauen.
Mrinosh lächelte versöhnlich. „Ich komme zu euch hinein. Dann dürften auch deine Begleiter sicherer sein."
Peter nickte und schob die Tür weiter auf, um den anderen einzulassen.
Mrinosh trat an ihm vorbei, ließ es auch zu, daß er die Tür wieder verschloß.
"Warum bringt ihr Feinde meiner Lords hierher?" sagte er dann und kreuzte die Arme vor der Brust.
Peter tauschte einen Blick mit Dorn. „Weil wir den Befehl hatten, es zu tun", antwortete er dann und hob die Hände. „Vashtu wollte das nicht, glaube mir. Sie wollte mit dir allein reden, da sie ... nach irgendetwas in deinem Labyrinth suchen wollte."
"Diesen vielgliedrigen Wesen, wie sie eines getötet hat, ich weiß. Sie lassen ihr keine Ruhe." Mrinosh nickte, sah zu den beiden anderen hinüber. „Aber warum schickt die Erde euch mit denen, auf deren Köpfen Gelder ausgesetzt sind? Ich verstehe das nicht."
"Wo ist Vashtu?" fragte Peter und trat langsam näher.
"Im Labyrinth. Dort wollte sie doch auch hin, oder nicht?" In Mrinoshs Gesicht zuckte kein Muskel bei diesen Worten.
Dorn sog scharf Luft in seine Lungen, seine Augen weiteten sich.
Wallace keuchte. „Aber ... aber ..."
"Kommt sie auch dieses Mal wieder hinaus, lasse ich euch alle gehen", fuhr der junge Lord fort. „Aber ich lasse mich nicht beleidigen oder von hier vertreiben. Ich möchte, daß das auch euer Präsident weiß. Das Labyrinth ist alles, was mein Volk gegen die anderen Lords schützt. Ich werde es mir nicht nehmen lassen!"
Peter nickte nachdenklich.

***

"Zum Glück hat er uns die Waffen gelassen." Vashtu sicherte ihre Seite aufmerksam ab, die P-90 an der Wange. Langsam trat sie durch den Durchgang und wartete, bis Mitchell sie eingeholt hatte. „Das hätte auch anders für uns ausgehen können. Ich hoffe, das wird Ihnen eine Lehre sein, Cameron!"
Der warf ihr einen langen Blick zu. „Ich habe mich nicht verquatscht. Es wäre gut gegangen, wenn Sie nicht die Kennung verraten hätten."
Vashtu schnaubte, ging langsam, mit langen Schritten weiter, den Colonel an ihrer Seite wissend. „Was auch immer Sie hier drin sehen: Erst schießen, dann fragen. Verstanden?"
"Oh, die große, einsame Kriegerin. Haben Sie so meine Leute während des Manövers ausgeschaltet?" höhnte Mitchell.
Vashtu sicherte zur Seite, als sie einen weiteren Durchgang passierten, schlich dann weiter. „Nein, da hatte ich etwas mehr Zeit, mir einen Plan zurechtzulegen. Hier haben wir das nicht. Achten Sie einfach auf alles, was irgendwie seltsam ist, dann kommen wir hoffentlich lebend hier heraus."
"Und was sollte uns hier drin erwarten? Ihre komischen Alptraumwesen?"
Vor dem nächsten Durchgang blieb sie stehen, senkte die Waffe ein bißchen und neigte den Kopf leicht zur Seite, als würde sie lauschen. Einer Antwort enthielt sie sich. Mitchell würde sehr wahrscheinlich früh genug Bekanntschaft mit den Wesen machen, die dieses Labyrinth offensichtlich bevölkerten.
Nun ja, man konnte es auch anders sehen. Jetzt hatte sie zumindest eine Chance herauszufinden, woher der Devi gekommen war, den sie bei ihrem letzten Besuch hier getötet hatte. Allerdings wären ihr die zusätzlichen Rechte, die ihr damals eingeräumt worden waren, wesentlich willkommener gewesen. Aber Mitchell hatte ja unbedingt den Chef herauskehren müssen.
"Devi", antwortete sie schließlich, lehnte sich etwas nach vorn.
Hinter diesem Durchgang war etwas, sie wußte nur noch nicht was. Und sie war sich nicht sicher ...
Mitchell trat an ihre Seite, lugte jetzt ebenfalls um die Ecke.
Vashtu spürte den Luftzug als erste, riß den größeren Mann augenblicklich zurück. Gerade noch rechtzeitig, ehe ein gewaltiges Pendel fauchend in den Durchgang schwenkte.
"Scheiße!" entfuhr es Mitchell, als er sah, wie die Kanten im Licht funkelten. „Da hat aber einer seinen Poe zu gut gelesen."
Vashtu atmete tief ein, hob dann die Waffe wieder. „Seinen wen?" fragte sie, während sie sich schon wieder auf den Weg machte.
Mitchell warf ihr einen langen Blick zu. „Jetzt sagen Sie nicht, Sie haben noch nie etwas von Edgar Allen Poe gehört?" staunte er. „'Die Grube und das Pendel', 'Der Untergang des Hauses Usher', 'Das verräterische Herz'?"
Vashtu runzelte die Stirn. „Dieser Typ mit dem kleinen Bärtchen in den billigen Filmen?" fragte sie dann.
"Hä?" Mitchell schloß endlich wieder auf. Dann schien er zu begreifen. „Das ist ein Schauspieler! Ich rede von dem Autoren."
"Noch nie gesehen." Der nächste Durchgang. Wieder blieb sie stehen und sondierte die Lage.
"Können Sie auch nicht. Der ist seit gut einhundertfünfzig Jahren tot. Mensch, wo leben Sie denn?"
"In Colorado Springs?"
Vorsichtig schob sie sich durch den Durchgang in die nächste Ebene, sicherte immer noch mit ihrer Waffe nach allen Seiten.
"Major Uruhk, Sie sind schon eine Marke!" Mitchell seufzte. „Haben Sie nicht vielleicht doch mal Zeit für ein romantisches Abendessen bei Kerzenlicht? Nur Sie und ich?"
"Ich bin mit John Sheppard zusammen. Ich dachte, das wüßten Sie."
"Jaja, Sheppards-Mädchen. Der Junge hat ein verdammtes Glück! Aber er ist weit weg."
"Nicht zu weit." Sie blieb abrupt stehen. „Zurück." Sie drehte sich um und schlich den Weg, den sie bis hierher gekommen war, wieder zurück.
"Warum das denn?" Mitchell folgte ihr verständnislos.
"Weil ich mir nicht die Knochen brechen will. Da war eine Grube."
Der Colonel seufzte. „Die Frau mit dem Röntgenblick!"

***

Peter wurde allmählich unruhig, während er mit einem halben Ohr zuhörte, wie Mrinosh und Wallace über irgendwelche Getreidesorten fachsimpelten.
Nicht genug damit, daß Vashtu und Colonel Mitchell in das Labyrinth transferiert worden waren, zusätzlich hatte der junge Lord auch noch den Rest von SG-1 gefangensetzen lassen. Und sie selbst ... Nun, er zweifelte, ob er diesen Raum würde verlassen dürfen, auch wenn Mrinosh ihm das zugesichert hatte.
Dorn erhob sich unvermittelt, kam zu ihm und sah ihm tief in die Augen. „Wird schon. Ist ein toughes Mädchen", flüsterte er ihm zu.
Peter sah den Marine erstaunt an. Dann aber nickte er mit verkniffener Miene und drehte sich wieder zur Tür um.
Wenn sie nur schon wieder hier wäre!

***

Vashtu pirschte sich weiter, in den nächsten Gang hinein. Aufmerksam sicherte sie nach allen Seiten, richtete sich dann auf und seufzte.
"Haben Sie vielleicht eine Ahnung, in welche Richtung wir uns überhaupt bewegen?" erkundigte Mitchell sich.
"Wir müssen nach Süden. Dort liegt irgendwo der Ausgang." Vashtu sah zum Himmel hinauf, wie schon einige Male vorher. Wieder seufzte sie.
Über ihnen, dort wo die Mauern des Labyrinths endeten, befand sich ein dünnes Schutzschild, das bläulich leuchtete. Der Himmel war verhangen, keine Sonne irgendwo auszumachen. Die Richtung zu bestimmen war so gut wie unmöglich, solange sie keinen Kompaß zur Hand hatte. Und soetwas besaß sie nicht, dafür war ausnahmsweise einmal Dorn zuständig.
"Sie haben nicht zufällig einen Kompaß dabei, Colonel?" fragte sie.
"Einen Kompaß?" Mitchell hob die Brauen.
Vashtu fuhr herum, als sie ein Geräusch irgendwo vor ihnen wahrnahm.
"Eine neue Falle?"
Sie hob die Hand, um ihren unfreiwilligen Begleiter um Ruhe zu bitten. Dann lauschte sie wieder, ehe sie ihre Waffe wieder in Anschlag brachte.
"Ich hoffe, nicht das, was ich glaube, daß es sein könnte", murmelte sie zur Antwort und schlich los, die Füße so leise wie möglich aufsetzend.

***

"Mrinosh, hör mich bitte an!" Peter richtete sich wieder auf.
Wallace warf ihm einen irritierten Blick zu, dann aber schien dem Agrarwissenschaftler aufzugehen, daß sie sich noch immer in Gefahr befanden. Abrupt und gefolgt von einem dumpfen Laut schloß er den Mund.
Der junge Lord runzelte die Stirn. „Es gibt nichts zu reden, Dr. Babbis", entgegnete er, noch ehe Peter seinen Einwand vorbringen konnte. „Lt. Colonel Mitchell hat mich persönlich beleidigt, und Vashtu Uruhk zugegeben, daß sie unter falschen Voraussetzungen hergekommen ist. Das kann ich nicht auf sich beruhen lassen." Er schüttelte entschieden den Kopf.
"Aber du kannst die beiden doch nicht in diesem verdammten Labyrinth verrecken lassen!" entfuhr es Peter. Mit der Faust schlug er auf den Tisch, verzerrte dann das Gesicht vor Schmerz.
Mrinosh sah ihn überrascht an. „Wenn ich nicht sicher wäre, daß sie eine Chance hat, hätte ich verhindert, daß sie dorthin kommt. Ich hätte sie zu mir geholt", sagte er. „Aber ich werde jetzt nicht eingreifen. Es gibt noch andere wichtige Dinge zu regeln."
"Aber ..."
"Ich sagte, kommt Vashtu Uruhk lebend aus dem Labyrinth heraus, werde ich euch und SG-1 zurück zur Erde lassen. Aber ich werde sicher nicht klein beigeben, Dr. Babbis. Es ist eure Schuld, daß es so gekommen ist. Ich hatte meinen Standpunkt schon beim letzten Mal klar gemacht. Wenn ihr nicht hören wollt, müßt ihr es auf andere Weise lernen. Über das weitere Bündnis mit der Erde werde ich jedenfalls gründlich nachdenken müssen."
Peter schob die verzweifelt die Brauen zusammen, schwieg jetzt aber.
Er konnte nichts tun als abzuwarten. Und das fiel ihm im Moment verdammt schwer.

***

Vashtus Gesicht war ausdruckslos, während sie den Abzug gedrückt hielt und feuerte. Dabei beugte sie sich immer weiter über das, was von ihrem Angreifer noch übrig war, jagte ihm Salve um Salve in den Leib, bis sie absolut sicher sein konnte, daß er tot war. Erst dann blickte sie auf.
Mitchell gab noch einen letzten Feuerstoß ab, dann hob auch er seine Waffe und blickte sich um. „Scheiße!" entfuhr es ihm.
Vashtus Kiefer blieben angespannt. Aufmerksam sah sie sich um, dann überprüfte sie das Magazin ihrer P-90. „Ich sagte doch, die Devi existieren", sagte sie dabei, holte ein neues Magazin hervor und wechselte das alte aus.
Mitchell sah auf das Ding hinunter, das er gerade getötet hatte, dann atmete er tief ein und drehte sich wieder zu ihr um. „Das sind Devi?"
Vashtu nickte stumm, ging dann mit strammen Schritten an ihm vorbei, das Gesicht immer noch angespannt, die Augen eiskalt.
"Und wo kommen die her?" Mitchell folgte ihr.
"Das wüßte ich auch gern, Colonel", antwortete sie mit kalter Stimme. „Aber vielleicht finden wir es jetzt heraus."
"Was sind das für Dinger? Die haben sechs Arme!" Mitchell holte einige Male tief Atem.
"Hybridwesen. Gezüchtet aus ... Insekten und Menschen." Vashtu blieb stehen, neigte wieder leicht den Kopf. Im nächsten Moment hatte sie ihre Waffe wieder im Anschlag. „Und hier sind noch mehr!" Diese Worte stieß sie zischend aus.
Mitchell hob seine Waffe nun ebenfalls. „Sicher?"
Den kurzen Lauf an die Wange gedrückt nickte sie, hielt auf einen weiteren Durchgang zu, ihren Begleiter dicht bei sich wissend. Sehr sorgfältig sicherte sie nach allen Seiten, lauschte dann wieder in sich hinein.
Es war wie beim letzten Mal. Es schien, als könne sie die Devi wahrnehmen, noch ehe sie sie auch nur hören konnte. Wie auch immer das geschehen mochte, es hatte ihnen das Leben gerettet, dessen war sie sicher. Woher auch immer die Devi in diesem Labyrinth stammten, sie waren stark - und schwer zu töten, schwerer als jedes Wesen, dem sie bisher gegenübergestanden hatte.
Mitchell blieb an ihrer Seite, während sie weiterschlich.
Spinnweben bedeckten die Wände des Labyrinths an einigen Stellen. Und hinter diesen dichten Netzen befanden sich Knochen. Knochen von Lebewesen.
Die Devi ernährten sich von denen, die in das Labyrinth geschickt wurden. Also konnte diese Einrichtung noch nicht allzu lange ungenutzt gewesen sein, ehe Mrinosh und sein Volk diesen Planeten für sich beanspruchten.
Aber ... ?
Vashtu atmete tief ein, als sie nun eine ganze Gestalt hinter den dichten Netzen ausmachen konnte.
"Oh Mann!" Mitchell trat an ihr vorbei und hob die Rechte. Beinahe sanft strich er die Netze zur Seite.
Vashtu holte tief Atem. „Rodirhk!" entfuhr es ihr.
Also war der Warlord doch nicht auf Sekema getötet worden, wie man angenommen hatte. Er war hergekommen und war Mrinosh in die Hände gefallen. Wahrscheinlich hatte er den jungen Lord unter seine Verbündeten zwingen wollen. Doch Mrinosh hatte sich zu wehren gewußt.
Mitchell sah sie mit großen Augen an. „Der fühlt sich an ... das ist ..." Angewidert trat er einen Schritt zurück und wischte sich die Hände an seinen Hosen ab.
Vashtu betrachtete den Leichnam stirnrunzelnd. Auch ihr fiel auf, daß da irgendetwas nicht ganz stimmte. Dann ging es ihr auf.
"Er sieht aus, als sei sein Inneres ... weich?" Zögernd trat sie näher, ließ die P-90 sinken und streckte einen Finger aus. Als sie die bleiche Haut berührte, war es, als fasse sie in einen weichen, prall gefüllten Wassersack. Angewidert zog sie ihre Finger zurück und schluckte.
"Was ist mit dem passiert?" Mitchell hatte die Waffe wieder in Anschlag gebracht.
"Ich weiß es nicht. Aber ..." Vashtu atmete tief ein, als sie sich an die Berichte über Vineta erinnerte. „Ich will es auch nicht wissen!" Damit hob sie ihre Waffe wieder. „Weiter!"

***

Wallace schüttelte dem jungen Warlord die Hand und lächelte. „Dann machen wir es so. Ich werde sehen, ob ich irgendwo Saatgut auftreiben kann. Dann dürfte der Rest für euch kein Problem darstellen."
Mrinosh nickte und erhob sich jetzt. „Ihr müßt mich jetzt leider entschuldigen. Ich habe noch etwas dringendes zu erledigen."
"Und Vashtu und Mitchell?" Peter trat mutiger vor, als er sich fühlte.
Mrinoshs Gesicht verfinsterte sich. „Sei geduldig. Vash wird zurückkommen und ihr alle dürft nach Hause. Ich verspreche es." Damit verließ er den Raum.
Peter sah ihm zweifelnd nach.

***

Vor der nächsten Kreuzung blieb Vashtu stehen. Wieder war da dieses Gefühl in ihr, dieses ... dieses Summen, das sie in eine bestimmte Richtung ziehen wollte.
Allerdings fragte sie sich, ob es wirklich eine so gute Idee war, dem Drang nachzugeben. Sie hatte nicht die blaßeste Ahnung, was sie noch erwarten würde. Als sie das letzte Mal das Labyrinth betreten hatte, hatte sie Abkürzungen nehmen können. Jetzt dagegen ...
"Was ist?" fragte Mitchell.
Sie schüttelte unwillig den Kopf.
Wenn sie sich nicht irrte, würden sie bald auf mehr Devi treffen. Vielleicht mehr als sie beide allein bewältigen konnten. Aber sie würde vielleicht auch herausfinden können, woher diese Kreaturen, die Mrinoshs Labyrinth bevölkerten, überhaupt kamen.
Vashtu senkte die Waffe, kontrollierte noch einmal das Magazin. Dann tastete sie nach der restlichen Munition, die sie bei sich hatte. Ein Magazin, das war alles.
Leise vor sich hinfluchend blieb sie noch immer vor dem Durchgang stehen.
Wenn sie die Devi nicht ausschaltete, würden die vielleicht entkommen, sobald das ZPM sich vollständig entladen hatte. Ihr blieb nichts anderes übrig. Sie mußte es riskieren. Außerdem hatte sie ja auch noch ihre Beretta. Und Mitchell ... ?
"Wieviel Munition haben Sie noch?" fragte sie leise.
Mitchell sah sie überrascht an, dann tastete er selbst seine Überlebensweste ab. „Drei Magazine für die P-90 und vier für die Beretta", antwortete er dann.
Vashtu nickte und kniff die Lippen aufeinander. „Ich schätze, wir werden gleich auf einige Devi treffen. Ich fühle da irgendetwas", erklärte sie.
"Sie können sie wahrnehmen?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht." Wieder kniff sie die Lippen fest aufeinander. „Aber wenn ich mich nicht irre, sind wir bald am Ausgang. Und wir sollten schon allein wegen dem ZPM nicht riskieren, daß die Devi weiter am Leben bleiben. Wenn die einmal ausbrechen ..."
"Richten sie ein unvorstellbares Chaos auf diesem Planeten an, schon klar." Mitchell entsicherte seine Waffe. „Dann los!"
Vashtu atmete tief ein. Ihr Blick wurde wieder eiskalt. Sie hob die P-90 an die Wange und trat einen kontrollierten Schritt nach vorn, auf den Durchgang zu.
Im nächsten Moment brachen sie durch: Gut ein Dutzend Wesen mit langen, spindeldürren Gliedern und schlohweißem Haar.


TBC ...

09.05.2010

1.18 Das Labyrinth des Mrinosh

TV-Serie: Stargate general
Reihe: SG-V (SG-27)
Genre: action, adventure, humor
Rating: PG
Author's Note: Irgendwie waren Vashtu und Cam Mitchell noch nicht ganz fertig miteinander, darum ist seinerzeit diese Story entstanden, in der die beiden noch einmal aufeinanderprallen, dieses Mal unter den Voraussetzungen, die Cam vorhersagte. Die Frage jetzt ist, wird Vashtu sich der Authorität eines vorgesetzten Offiziers beugen - und ist Cams verletzter Stolz bereit, über den Dingen zu stehen, die zwischen ihnen beiden stehen?


"Bei allem Respekt, Sir, aber das ist ... Das ist nicht das, was ich mit Mrinosh ausgehandelt habe." Vashtu Uruhk schüttelte den Kopf. „Und es ist auch nicht der Grund, aus dem ich noch einmal nach P9X-112 möchte. Wir können ihm nicht seine wirkungsvollste Waffe einfach so wegnehmen. Da können wir ihm auch gleich eine Kugel in den Kopf jagen."
"Major, ich verstehe Ihren Einwand." Dr. Daniel Jackson beugte sich vor. „Sie wollen Ihren Verbündeten verteidigen. Aber möglicherweise brauchen wir dieses Labyrinth. So wie SG-15 und auch Ihr Team das ganze geschildert haben ..."
"Das ZPM im Labyrinth ist fast aufgebraucht", fiel die Antikerin dem Wissenschaftler ins Wort. „Wieviele Priore glauben Sie, damit noch töten zu können. Ganz davon abgesehen, daß wir nicht einmal wissen, ob es in der Lage ist, einen Prior zu töten."
Lt. Colonel Cameron Mitchell lehnte sich mit einem breiten Grinsen zurück auf seinem Stuhl.
"Major Uruhk hat recht. Als wir das letzte Mal Kontakt mit Mrinosh hatten, teilte er uns selbst mit, daß es Schwierigkeiten mit dem Labyrinth gibt", warf nun Dr. Peter Babbis ein, Sergeant George Dorn, der neben ihm saß, nickte nur stumm.
General Landry seufzte. „Major, Sie haben selbst darum gebeten, noch einmal nach P9X-112 zu reisen. SG-1 will sich dieses Labyrinth doch erst einmal nur ansehen", wandte er ein. „Bis jetzt redet niemand davon, es einzupacken und mitzunehmen."
"Jeder, der das Labyrinth betritt, zieht weitere Energie aus dem ZPM, Sir. Wenn SG-1 mitkommt, wären das insgesamt neun Personen. Das würde eine gewaltige Menge an Energie verschwenden. Es handelt sich hier aber um die einzige Verteidigung, die Mrinosh gegen die radikalen Lords der Lucian Alliance aufzubieten hat. Wenn das Labyrinth nicht mehr funktioniert, wird er untergehen, und das habe ich mehr als einmal deutlich gemacht. Wenn Sie also nicht noch irgendwo ein ZPM herumliegen haben, das wir mitnehmen können, um das andere zu ersetzen ..." Sie zuckte mit den Schultern.
"Hat Ihr Volk wieder mal den Aus-Schalter vergessen, Major?" Mitchell grinste breit und erntete einen wütenden Blick von der Antikerin.
"Was wollen Sie denn noch? Inzwischen sind wir doch ganz gut gegen die Ori eingedeckt."
Landry schüttelte seufzend den Kopf.
"Sie sind noch nie einem Prior begegnet, nicht wahr, Major?" ließ sich jetzt Lt. Colonel Samantha Carter vernehmen.
Vashtu blinzelte in ihre Richtung. „Ich kenne die Berichte", antwortete sie.
"Das SGC hat bisher dafür gesorgt, daß SG-27, und vor allem Major Uruhk, nicht auf die Ori oder die Priore traf", erklärte Landry. „Wir alle, einschließlich Sie, Major, wissen, was geschehen würde, würde Sie das tun."
Vashtu nickte mit zusammengepreßten Lippen.
Carter lächelte. „Natürlich weiß ich, daß es besser ist, Sie so lange wie möglich aus der Schußlinie zu halten. Aber Sie stehen auf der ersten Seite der Kampfpiloten bei einem möglichen Angriff. Spätestens dann werden die Ori wissen, daß die Erde von einer lebenden Antikerin bewohnt wird."
"Das ist mir klar." Vashtu senkte den Blick auf ihre Unterlagen und starrte diese an, als habe sie etwas sehr interessantes dort gefunden.
"Spätestens dann werden Sie uns recht geben, Major", fuhr Carter mit ruhiger Stimme fort. „Wir brauchen alles, was wir aufbieten können. Natürlich auch Sie, das gebe ich zu nach allem, was ich über Sie gehört habe. Aber eine Antikerin allein wird den Krieg wohl kaum entscheiden können."
Jackson warf ihr einen zweifelnden Blick zu, sie fühlte ihn auf ihrer Haut. Doch der Wissenschaftler schwieg.
"Ich hoffe, daß die anderen eingreifen werden, sobald sie wirklich realisiert haben, daß es auch um ihre Existenz geht." Vashtu schluckte schwer nach diesen Worten.
"Wir können uns aber nicht darauf verlassen. Ihr Volk hat sich bis jetzt nur sehr selten eingemischt in die Belange der jüngeren Spezies. Gut möglich, daß sie es doch aussitzen wollen."
Vashtu zwang sich, nicht zu nicken, obwohl sie der gleichen Meinung war wie der weibliche Colonel. Die Antiker dieser Galaxis würden nie eingreifen, sie hatten es auch schon vor zehntausend Jahren nicht getan - nicht offen zumindest. Und sie hatte auch begreifen müssen, was für eine Rolle sie selbst für ihr Volk gespielt hatte in dieser Zeit, und diese Wahrheit schmerzte immer noch.
"Sie wollen doch nur Ihren Mrinosh beschützen, oder?" fragte Mitchell mit einem süffisanten Unterton in der Stimme. „Nachdem Sie diesen anderen Kontakt selbst umgelegt haben, ist er der einzige, über den sie überhaupt noch Verbindung zur Lucian Alliance haben."
Vashtus Kopf ruckte hoch. Zornig starrte sie den Leader von SG-1 an. „Mrinosh ist die einzige Verbindung, die uns auch dank Ihnen geblieben ist, Colonel! Wer war denn dieser Mr. Shaft?"
Mitchell zuckte mit den Schultern, ließ diesen Vorwurf damit an sich abprallen.
"Wir wissen noch gar nicht, ob wir das Labyrinth überhaupt gebrauchen können", wandte Jackson nun wieder ein. „Deshalb wollen wir es ja untersuchen. Wenn Sie mitkommen und die Vermittlung zu Mrinosh übernehmen, umso besser. Dann wird es wohl nicht zu ähnlichen ... Mißverständnissen kommen können. Wir müssen ja auch nicht alle in das Labyrinth hinein. Damit wäre dann auch die Gefahr der Entladung gebannt."
Vashtu warf ihm einen zweifelnden Blick zu.
"Das könnte auch SG-27 allein übernehmen", erklärte Peter an ihrer Seite. „Wir haben das Labyrinth bereits einmal oberflächlich untersucht. Außerdem vertraut Mrinosh Major Uruhk."
Überrascht sah sie ihr Teammitglied an, schwieg jetzt aber.
"Wir reden hier über eine Zusammenarbeit zwischen SG-1 und SG-27, Dr. Babbis", sagte Landry, klappte die Akte zu. „Und, ehrlich gesagt, Major, Ihre Argumente haben mich nicht sonderlich überzeugt. Dr. Jacksons Vorschlag klingt vernünftig. Sie werden nach P9X-112 reisen, und zwar alle gemeinsam."
Vashtu kniff die Lippen aufeinander, sandte dem Leiter des SGC einen letzten, flehenden Blick.
Der fing ihn auf und lächelte traurig. Dann schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, Major, aber selbst Ihr Fund im Labyrinth kann mich nicht umstimmen. Keine Geheimnisse." Damit erhob er sich.

***

"Vashtu Uruhk, ich freue mich, dich zu sehen!" Mrinosh, Warlord auf dem Planeten Ashmath, trat vor, die Arme ausgebreitet.
Die Antikerin ließ sich von ihm in eine kurze, kameradschaftliche Umarmung ziehen, machte sich aber schnell wieder los. „Mrinosh, darf ich dir vorstellen: Kameraden von der Erde, die an deinem Labyrinth interessiert sind. Lt. Colonel Cameron Mitchell, Lt. Colonel Samantha Carter, Dr. Daniel Jackson, Vala und der Jaffa Teal'c. Meine Gruppe kennst du ja bereits."
Mrinosh verneigte sich vor den Besuchern, sandte Peter Babbis allerdings einen irritierten Blick. „Dr. Babbis, waren da ... trägst du neuerdings Augengläser?"
Der Angesprochene zupfte an seiner Sehhilfe herum und lächelte verlegen. „Tja, sieht so aus. Schön, Sie wiederzusehen, Mrinosh." Er reichte dem jungen Warlord die Hand.
Der schlug ein, wandte sich dann Wallace zu, der stumm neben Dorn stand, die Lippen fest aufeinandergekniffen. „Ich freue mich besonders, dich wiederzusehen, Dr. Wallace. Das Saatgut, das du für Ashmath ausgewählt hast, hat uns eine hervorragende Ernte bescherrt. Wir werden reich sein, selbst nach dem, was man als Loyalitätspreis von mir verlangt."
Ein Strahlen ging über das Gesicht des jungen Wissenschaftlers. „Ich hätte da vielleicht noch den einen oder anderen Vorschlag. Ich erinnere mich da an diesen steilen Hang an der Nordseite des Dorfes."
Mrinosh nickte, machte dann eine einladende Geste. „Kommt doch erst einmal hinein. Drinnen läßt es sich wesentlich leichter plaudern."
Vashtu nickte, ließ SG-1 den Vortritt und folgte dann mit ihren Männern, den jungen Lord hinter sich wissend.
"Saatgut und Brillen?" Mitchell hatte sich bis zu ihr zurückfallen lassen und musterte sie jetzt amüsiert. „Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß darum der ganze Handel ging, oder?"
"Und Verteidigung", setzte sie hinzu. „Mrinosh stammt ursprünglich von einer Welt, die von einem Prior zerstört wurde. Er und eine Handvoll andere konnten sich hierher retten und übernahmen die Kontrolle über Ashmath. Dann fanden sie das Labyrinth und Mrinosh beschloß, sich der Lucian Alliance anzuschließen", erklärte sie. „Das ist es, was ich im SGC meinte. Weder Mrinosh noch seine Männer sind die übliche Klientel, wenn es um diese Organisation geht. Er ist intelligent und herrscht hier nahezu ohne Gewalt. Seine einzige Waffe ist tatsächlich das Labyrinth meines Volkes."
Mitchell nickte. „Dann lassen Sie mich mal übernehmen, Major. Wir werden das schon hinkriegen."
Vashtu sandte dem hochgewachsenen Colonel einen verzweifelten Blick. „Ich kenne Mrinosh, wir sind befreundet", versuchte sie zu retten, was sie retten konnte.
Mitchell winkte ab. „Das wird schon. Männergespräche sind meist ... weniger intim, wenn ich da in Ihre Begrüßung denke." Er räusperte sich. „Und Sie sind doch wohl schon vollkommen mit Colonel Sheppard ausgelastet, oder?"
"Mrinosh ist ein persönlicher Freund von mir. Sie werden ihn nicht beleidigen, Colonel, sonst kriegen Sie es mit mir zu tun!" Vashtu blitzte den Leader von SG-1 wütend an.
"Ich bin der höherrangige Offizier, Major, und ich habe die Leitung dieser Exkursion." Mitchell grinste sie breit an.
"Mrinosh ist mein Kontakt!"
"Sie Major, ich Colonel - so einfach ist die Rangfolge im Militär." Mitchell beschleunigte seine Schritte wieder.
"Reg dich nicht auf, Vash." Vala blinzelte ihr verschwörerisch zu. „Denk an das, was ich dir gesagt habe. Mitchell ist auch nicht immer das, was er von sich denkt."
Doch selbst diese aufmunternden Worte halfen nicht wirklich bei dem Maulkorb, den man ihr gerade angelegt hatte. Vashtu kniff die Lippen aufeinander und starrte Mitchell nach, als könne sie ihn auf diese Weise erdolchen.
"Sollen wir uns zurückhalten?" fragte Babbis leise.
Vashtu ballte die Hände zu Fäusten, nickte dann aber. „Leider ja."
Peter runzelte die Stirn, zupfte wieder am Drahtgestell seiner Brille. Dann seufzte er. „Hoffentlich verscherzt er es sich nicht mit Mrinosh."
Seite an Seite betraten die beiden ungleichen Teammitglieder die große Halle, blieben dann stehen. Vashtu nickte Dorn mit ernstem Gesicht zu, was dieser mit einem langen Blick auf Wallace bestätigte. Ansonsten war es ruhig, während sie auf ihren Gastgeber warteten.
Kurz nach ihnen betrat auch Mrinosh den Raum, wies mit einer freundschaftlichen Geste zu den Tischen, die, in U-Form aufgestellt, in der Mitte standen.
Sofort trennten die beiden SG-Teams sich wieder. SG-27 blieb auf der einen Seite, während SG-1 sich seine Plätze auf der anderen suchte.
Vashtu ließ sich auf dem Platz nahe dem Kopfende nieder, wo sie dem jungen Lord am nächsten war. Mit zusammengepreßten Lippen mußte sie beobachten, wie Mitchell es ihr an dem anderen Tisch gleich tat. Mit einem sehr zufriedenen Lächeln ließ dieser sich nieder und lehnte sich zurück.
Mrinosh betrachtete die Aufteilung seiner Gäste mit einem Stirnrunzeln, setzte sich dann aber ebenfalls. „Ich habe veranlaßt, daß Zimmer für euch hergerichtet und ein kleines Mahl bereitet wird", sagte er. „Ich hoffe, ihr seid damit einverstanden?"
Vashtu starrte Mitchell durchdringend an und kreuzte die Arme vor der Brust. „Ich ja", antwortete sie nach einigem Zögern.
Mrinosh nickte irritiert.
"Lord Mrinosh, ich denke, Major Uruhk hat da etwas vergessen zu erwähnen. Nicht sie ist für die Leitung dieses ... Besuchs verantwortlich, sondern ich", erklärte nun Mitchell.
Der junge Lord drehte sich zu ihm um und musterte ihn. „Interessant. Ich dachte, meine Ansprechpartnerin auf der Erde sei Vash."
"Vash?"
"So nennen mich meine Freunde", knurrte die Antikerin.
Mitchell hob die Brauen. „Noch kürzer ging es nicht?"
Carter, die sich neben ihm niedergelassen hatte, runzelte nun ebenfalls die Stirn und sah zwischen ihrem Leader und der Antikerin hin und her.
"Nun, Tatsache ist, wir sind hergekommen, weil wir an deiner Technologie interessiert sind. Wir wollen uns dein Labyrinth ansehen, Mrinosh", fuhr Mitchell fort. „Was danach noch kommt, dafür ist dann SG-27 zuständig, sofern wir uns nicht entschließen, das Labyrinth selbst zu gebrauchen."
Mrinosh fuhr herum und starrte Vashtu groß an. „Du hast mir versichert, daß das Labyrinth hier bleibt!"
Sie nickte. „Das wird es auch", antwortete sie. „Wir werden es nicht abbauen können. Aber gegebenenfalls ..." Sie kniff die Lippen wieder aufeinander.
"Was der Major sagen wollte war, daß wir das Labyrinth eventuell selbst brauchen könnten. Die Erde würde natürlich dafür sorgen, daß dein Volk und auch du ausreichend entschädigt werden. Ein neuer Planet vielleicht. Es gibt viele, die leer sind", warf Mitchell wieder ein.
Vala sah sich neugierig um.
"Aber wir sind hier." Mrinosh sah wieder zu Vashtu. Die behielt nur Mitchell im Auge, hob schließlich die Hände. „Ich habe da nichts zu sagen."
"Der Major sagte mir, du wüßtest, was die Priore sind", fuhr Mitchell fort. „Wenn das Labyrinth dazu taugt ..."
"Wir sollten uns vielleicht erst einmal ausruhen", fiel Carter ihm unvermutet ins Wort und erntete dafür einen bösen Blick. „Wenn wir alle wieder fit sind, sollten wir darüber sprechen."
Mrinosh sah wieder Vashtu an. „Kann ich dich kurz sprechen, ehe du dich zurückziehst?"
Vashtu starrte noch immer zu Mitchell hinüber, dann setzte sie sich mit einem Ruck auf und nickte.
"Dann würde ich gern auch dabei bleiben", entschied der Lt. Colonel.
Die Antikerin schüttelte in stummer Verzweiflung den Kopf, verbiß sich aber jedes Kommentar. Sie wußte auch so, was geschehen würde. Mitchell war gerade mehr als nur dabei, ihr auch noch ihren letzten Kontakt zur Lucian Alliance zu zerstören, und das sehr gründlich, wenn es so weiter ging. Er ließ sich nicht einmal ansatzweise auf Mrinosh ein, geschweige denn auf die Bedürfnisse seines Volkes.
"Gut, dann ..." Der junge Lord erhob sich wieder, sah sie auffordernd an.
Vashtu beugte sich kurz zu Peter hinüber. „Seht zu, daß wenigstens ihr heil hier heraus kommt, okay?" wisperte sie ihm zu, dann stand sie ebenfalls auf, um Mrinosh zu folgen, Mitchell hinter sich wissend.
Der junge Warlord führte sie beide in einen schmalen Raum, wartete, bis sie eingetreten waren, ehe er die Tür hinter sich schloß und sich umdrehte. „Was ist mit den Vereinbarungen, die wir getroffen haben, Vash? Du hast mir zugesichert, daß es nie zu einer solchen Szene kommt."
"Die Dinge haben sich geändert, Mrinosh", beeilte Mitchell sich zu antworten, ehe sie es tun konnte. „Die Erde braucht jede Verteidigung, die sie bekommen kann. Und dein Labyrinth ..."
"Ich spreche mit Vashtu Uruhk, Colonel, nicht mit dir." Mrinosh klang verärgert.
Vashtu hob den Kopf, ließ ihr Gesicht so unbeteiligt wie möglich aussehen. „Es war nicht meine Entscheidung, tut mir leid. Ich habe in dieser Sache keine Befugnis."
"Und warum bist du dann mitgekommen?" Mrinosh musterte sie in stiller Verzweiflung. „Du weißt doch, was passiert, sollte ich das Labyrinth verlieren. Nur so kann ich mich und mein Volk schützen."
"Hey, wir sind Verbündete von Tauri, schon vergessen?" wandte Mitchell ein.
Mrinosh warf ihm kaum einen halben Blick zu. „Die Erde ist weit, und die nächsten Jaffa-Welten ebenso. Wir wären auf uns allein angewiesen und würden von den anderen überrannt werden. Du weißt das, Vash!"
Sie nickte und atmete einige Male tief ein. „Es tut mir leid, mir sind die Hände gebunden."
Mrinoshs Brauen schoben sich zusammen. „Ist das die Art, wie die Erde mit ihren Verbündeten umgeht? Sie allein und schutzlos zurücklassen?"
"Wir finden schon eine Einigung. Ich sagte doch, eine neue Welt, ein neues Glück", bemerkte Mitchell leichthin.
"Wir haben uns aber hier niedergelassen!" fuhr Mrinosh ihn an. „Hier, auf Ashmath! Wir wollen nicht weg."
"Auch dafür läßt sich sicher eine Lösung finden. Ich meine, eine Luftveränderung tut manchmal sehr gut. Wenn die Lucian Alliance nicht weiß, wo sie euch finden kann ..."
"Die werden das herausfinden, Colonel, die auf alle Fälle. Ich weiß nicht, wieviele Spione ich jetzt schon unter meinen Männern habe. Wenn ich dann auch noch mit einem erneuten Umzug drohe, trotz daß das Labyrinth hier uns schützt, steht auch mein Leben auf dem Spiel."
"Noch ist es nicht soweit, Mrinosh." Vashtu trat einen Schritt näher. „SG-1 muß doch erst einmal das Labyrinth untersuchen, ob es überhaupt gegen die Priore etwas ausrichten kann."Ein Ruck ging durch den Körper des jungen Mannes. „SG-1?" echote er verblüfft.
Vashtu begriff im gleichen Moment, was für einen Fehler sie sich geleistet hatte, als er sich plötzlich versteifte.
"Du hast SG-1 auf meinen Planeten gebracht, Vash? Ausgerechnet du? Ich dachte, ich könnte dir vertrauen!" Mrinosh trat einen Schritt zurück. Er hob beide Arme. Am rechten Handgelenk war ein Armband festgemacht. Mit der linken Hand drückte er darauf.
"Hör mir doch zu, es war nicht meine Entscheidung!" Bittend hob sie die Hände, und dann ... fand sie sich plötzlich von Mauern umgeben unter freien Himmel wieder. Ein großer Findling stand in ihrem Rücken, zwei Ausgänge an entgegengesetzten Seiten ließen ihr die Wahl.
"Was ist denn jetzt los?" Mitchell drehte sich erstaunt um die eigene Achse.
"Wir sind im Labyrinth!" Vashtu fluchte in ihrer Muttersprache.
"Na toll!" Mitchell drehte sich zu ihr um. „Mußten Sie sich verquatschen?"
Vashtus Kiefer mahlten vor unterdrückter Wut, sie kochte innerlich.
"Landry hat Ihnen doch klipp und klar gesagt, daß Sie auf gar keinen Fall den Namen meines Teams nennen dürfen", wetterte Mitchell weiter. „Und was machen Sie? Natürlich nennen Sie ihn! Sind Sie denn überhaupt noch zu retten, Major?"
"Wer benimmt sich denn hier wie der Elefant im Porzellanladen?" entgegnete Vashtu und reckte wütend den Hals. „Ich habe Ihnen gesagt, ich übernehme das mit Mrinosh! Mir vertraut er und weiß, daß ich ihn nicht anlügen würde - zumindest nicht offen! Aber nein, Sie müssen ja den Vorgesetzten heraushängen lassen, Colonel! Haben Sie das mit Mrinoshs neuem Boß auch so gemacht? Haben Sie ihn ebenso ... so ... so abwertend behandelt wie ihn gerade? Dann kann ich durchaus verstehen, warum man ein Kopfgeld auf SG-1 ausgesetzt hat! Wäre ich ein Lord der Lucian Alliance, würde ich wahrscheinlich ebenso gehandelt haben!"
"Als würde man eine Frau zum Warlord machen", knurrte Mitchell.
"Sie haben Mist gebaut, Colonel, Sie!" wetter Vashtu nun. „Ich habe nur einen Moment lang nicht meine Zunge im Zaum gehalten. Und was haben wir jetzt davon? Wir sitzen hier in einem Antiker-Labyrinth und dürfen gegen wer weiß wieviel Devi antreten. Danke!"
"Sagt die, der wir das zu verdanken haben!" Mitchell musterte sie wieder abschätzend, schüttelte dann den Kopf. „Sie und Ihre Puddlejumper!"

TBC ...

05.05.2010

Erdgebunden VI

"Was sollte das?" Mackenzie knallte lautstark die Tür hinter sich zu und baute sich vor der Antikerin auf. „Was fällt Ihnen eigentlich ein, soetwas auch nur zu versuchen, Major? Ich dachte, wir beide seien endlich auf dem richtigen Weg, aber inzwischen zweifle ich wirklich, ob Sie mir nicht ebenfalls Märchen erzählt haben, wie bereits Dr. Finnigan vor mir!" Er schmiß ihr einen Stapel Fotos zu.
Vashtu erstarrte, als sie einige Gesichter darauf ausmachen konnte. Gesichter von Menschen, an denen sich Wraith genährt hatten. Erschaudernd wandte sie sich ab.
Der Wind war ihr gründlich aus den Segeln genommen worden.
Mackenzie beobachtete ihre Reaktion genau - und fand sich plötzlich bestätigt. Er trat ans Fußende ihres Bettes und lehnte sich schwer auf den Metallrahmen.
"Wissen Sie was, Major? Wissen Sie, zu was ich wirklich Lust hätte? Sie in die geschlossene Abteilung zu verlegen und den Schlüssel zu ihrer Gummizelle wegzuwerfen! Genau dazu wäre ich jetzt in der Stimmung!" wütete er weiter.
Wieder ein deutlicher Schauder, das Blut wich ihr aus dem Gesicht. Voller Trotz hob sie jetzt aber den Kopf.
"Sie halten mich hier gegen meinen Willen fest!" Ihre Stimme bebte leise bei diesen Worten. Die Wut schien im Moment mehr als nur verraucht zu sein.
Mackenzie starrte sie an, so wie sie es mit ihm versucht hatte in der Lobby. Doch er hatte wesentlich mehr Erfolg. Sie verstummte und senkte den Kopf wieder. Doch er sah noch ihre verzweifelte Miene.
Er nickte, wies auf die Fotos. „Sehen Sie sich die nur sehr gut an, Major! Sehen Sie sie sich genau an, dann wird Ihnen vielleicht das eine oder andere Gesicht bekannt vorkommen."
Verwirrt warf sie wieder einen Blick auf die Fotos, nur kurz, dann drehte sie den Kopf zurück und schluckte hart.
"Ja, genau. Sie wurden gesehen, Major! Sie wurden gesehen, als Sie in Atlantis waren. Nur schenkte den Berichten niemand so recht Glauben damals. Sie kamen aus Ihrem Labor heraus und sind einigen Leuten zur Hilfe gekommen." Er zog einen zweiten Satz Fotos hervor und warf sie ihr aufs Bett.
Sie zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen, und wußte nun endgültig nicht mehr, in welche Richtung sie sehen sollte, eingekeilt zwischen den Fotos, auf der einen Seite tote Wraith, auf der anderen ihre noch lebenden Opfer. Er sah, wie sie nervös wurde.
"Sie lügen, wenn Sie den Mund aufmachen, Major. Kein Wunder, daß Ihr eigenes Volk sich gegen Sie wandte. Wahrscheinlich haben Sie sich wirklich an einigen Ihrer Art genährt, um genug Kraft zu haben, nicht wahr?" warf Mackenzie ihr vor.
Mit einem Ruck hob sie den Kopf. „NEIN! Das habe ich nie getan! NIEMALS!" Ihre Stimme brach ab, ihre Lippen bebten.
Endlich!
Mackenzie starrte sie immer noch an, und jetzt erwiderte sie seinen Blick.
"Ja, ich kam aus dem Labor heraus, aber erst während der Belagerung. Einige Wraith dachten wohl, sie würden etwas wichtiges finden und brachen die Verbindungstür zu meinem Bereich auf", begann sie endlich zu erzählen. „Ich wußte, was los war. Ich wußte es von Anfang an! Aber ich ... ich hatte Angst, mich zu zeigen. Ich hatte die Gene nicht richtig unter Kontrolle. Erst nach der Belagerung ging es wieder." Sie holte tief und schluchzend Atem. „Ich tötete die Wraith, die in meinen Bereich eingedrungen waren und suchte sie gezielt. Ja, ich habe einige der Expedition damals gerettet, ich habe sogar an einer der Flags gestanden für kurze Zeit, als diese nicht besetzt war. Aber ich konnte nicht ... ich konnte mich nicht zeigen, nicht so! Sie hätten mich ..." Sie schlug die Hände vor das Gesicht.
"Und warum sind Sie nicht kurz darauf, als Sie sich wieder im Griff hatten, aufgetaucht? Warum dieses ganze Versteckspiel über einige Monate, nachdem Sie doch freien Zugang zu allem hatten? Was wollten Sie denn noch?"
Sie ließ die Hände wieder sinken, sie zitterten. „Ich wollte ... ich wollte leben", flüsterte sie tonlos. „Ich schlich nachts durch die Gänge, ich beobachtete die Expedition und ..." Sie brach ab und holte wieder tief Atem. „Die Stasiskammer weckte mich, als Colonel Sheppard den Hauptrechner ... Ich wollte ... ich dachte ..."
"Sie hatten sich von Anfang an in ihn verliebt." Mackenzies Stimme wurde etwas weicher, doch noch immer ließ er einen Vorwurf mit hineinschwingen in seine Worte.
Sie nickte stumm und preßte die zitternden Lippen aufeinander.
"Und was war vor zehntausend Jahren? Was war mit dem Rat?"
Sie schluckte wieder, zog die Schultern hilflos hoch. „Ich weiß es nicht."
Das tat sie wirklich nicht, wurde ihm klar. Sie war zu unerfahren gewesen, um wirklich begreifen zu können, was ihr geschah, nachdem der Rat sie als sein Werkzeug zu mißbrauchen begann. Wahrscheinlich hatte sie wirklich lange Zeit angenommen, irgendwann aus ihrem Gefängnis entlassen zu werden, wenn sie nur genug Schaden bei den Wraith anrichtete.
"Dann werde ich es Ihnen sagen - und ich werde Ihnen auch Ihr vordringlichstes Problem nennen: Sie wurden ausgenutzt! Der Rat benutzte Sie für seine Zwecke. Eine billige Waffe, die man einfach wieder verstecken konnte, das waren Sie für den Rat. Und wissen Sie auch, warum der Rat das tat? Weil man Angst vor Ihnen hatte, darum! All das, über mehr als sieben Jahre, zerstörte Ihr Vertrauen in andere. Sie können schlicht nicht mehr, Vashtu, Sie können niemandem mehr bedingungslos trauen. Und das ist Ihr Problem, Ihr wichtigstes Problem! Darum preschen Sie immer vor, darum wollen Sie immer alles selbst machen. Sie vertrauen nur auf sich selbst, und selbst dieses Vertrauen wurde inzwischen gründlich unterminiert, nicht wahr? Anderen geben Sie nur soviel von sich selbst preis, wie Sie glauben, entbehren zu können. Selbst dem Colonel haben Sie nicht mehr als nötig gesagt, habe ich recht?"
Verwirrt sah sie auf. „Warum sollte der Rat Angst vor mir gehabt haben?" fragte sie.
Mackenzie nickte. „Weil Sie anders waren, Major, darum", antwortete er, hob die Hand, als sie zu einer Entgegnung ansetzen wollte. „Sie sind intelligent, und Sie setzen diese Intelligenz auch ein. Sie wollten sich wehren, und Sie haben gelernt, sich zur Wehr zu setzen. Und, auch wenn Sie selbst nicht davon überzeugt sind, Ihre Forschungen waren gut und solide. Mag sein, daß Sie unter einem Konzentrationsproblem gelitten haben, aber das entstand eher, weil Sie nicht ausgefüllt waren mit Ihrer Arbeit. Anders als heute, nicht wahr? Sie waren eine Gefahr für den Rat, eine Gefahr für die Werte, die dort repräsentiert wurden. Aber man konnte Sie auch nicht einfach aus dem Weg schaffen, dazu waren Sie zu wichtig. Also impfte man Ihnen ein Schuldgefühl ein, so tief, daß Sie selbst heute noch darunter leiden, und degradierte Sie zu einer Waffe."
Sie schüttelte den Kopf. „Aber ... aber Janus? Er war doch auch ..." Sie schloß den Mund und runzelte verzweifelt die Stirn.
"Janus, das nächste Thema." Mackenzie beugte sich vor. „Sie wissen es bereits, nicht wahr? Sie wissen, daß auch er Sie benutzt hat. Ihr Freund hatte seine eigenen Pläne, weil er über andere Informationen als Sie verfügte. Und es gelang ihm, Sie so gründlich zu isolieren, daß Sie zehntausend Jahre brauchten, um auch nur ansatzweise seinen Plan zu durchschauen."
Sie schluckte. „Er hat mir geholfen!" stieß sie hervor.
"Letztendlich ja", gab der Psychologe zu. „Aber er hat Ihnen damals nicht weniger übel mitgespielt als die anderen Mitglieder des Rates, wenn auch aus anderen Gründen. Sie verstanden sich so gut mit ihm, weil auch er ... anders war. Aber er war für den Rat noch harmlos, präsentierte nur eine kleine, unbedeutende Stimme. Wenn Sie aber wirklich aufgetaucht wären damals, wer weiß, was dann geschehen wäre. Janus wußte das, und er wußte, er und Sie hatten keine Chance, etwas an dieser Situation zu ändern. Also schmiedete er einen anderen Plan, gab Ihnen die Stasiskammer und beschränkte Benutzerrechte über den Hauptrechner, weil er Sie nicht befreien konnte. Er setzte das Leben einer Dritten aufs Spiel, um Ihres zu retten. Er wußte, wenn Sie je eine Chance haben würden, dann in der heutigen Zeit und bei den Menschen. Das war es, was er Ihnen auch mitgeteilt hat, nicht wahr?"
Wieder glänzten Tränen in ihren Augen, doch noch flossen sie nicht.
"Sie waren in die falsche Zeit geboren worden, Vashtu, in die vollkommen falscheste Zeit, die Sie sich nur hätten aussuchen können. Man setzte Sie gefangen und Sie hatten nie auch nur die leiseste Chance, aus diesem Teufelskreis auszubrechen." Er zog die Kopie eines ärztlichen Berichtes aus seiner Jackettasche und reichte ihn ihr. „Noch ein Hinweis, den ich erst falsch gedeutet habe, aber inzwischen verstehe."
Vashtu las das Papier kurz durch, erstarrte dann. „Das ist eine private Angelegenheit!" entfuhr es ihr. Ein letzter Rest Zorn blitzte wieder in ihr auf.
"Nicht, wenn ich es brauchen kann. Dr. Evans fragte sich ernsthaft, ob Ihr Volk vielleicht das Klonen betrieben hatte, so unschuldig, wie Sie in Ihre Beziehung mit Colonel Sheppard gestartet sind. Aber tatsächlich ist er Ihre erste Beziehung auf dieser Ebene, nicht wahr? Sie wußten nicht, daß Sie schwanger werden können, aber das lag nicht an Ihrem doch recht fortgeschrittenen Alter, sondern an der Tatsache, daß Sie niemand vor Dr. Evans aufgeklärt hat. Sie haben das recht geschickt überspielt, Vashtu, das muß ich Ihnen lassen. Aber ein solcher Fauxpas wird Ihnen so schnell wohl nicht wieder passieren. Bis zu dem nächsten Problem, über das Sie nichts wissen."
Hilflos zerknüllte sie das Stück Papier zwischen ihren Fingern.
Mackenzie nickte. Wieder hatte er recht gehabt. Wieder war ein Damm in ihr gebrochen, und dieses Mal war es sogar ein wichtiger, wie er wußte. Das Versteckspiel war aus, er hatte sie so in die Ecke gedrängt, daß sie nicht anders konnte. Er hatte ihr die nötigen Beweise vorgelegt, die sie nicht entkräften konnte. Da half ihr selbst ihre Intelligenz nicht mehr weiter.
"Sie waren Zeuge, wie Ihre Mutter starb", begann er jetzt, „Sie wären, wie Sie selbst sagten, die nächste gewesen. Ein Leckerbissen für einen Wraith, noch so viele Lebensjahre vor sich! Er wäre sicher mehr als nur gesättigt gewesen. Sie wußten zu verhindern, daß je wieder ein Wraith Ihnen so nahe kommen konnte, nicht wahr? Aber es gab trotzdem Versuche."
Sie nickte mit starrem Gesicht.
"Viele?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Ungefähr ... zwanzig Mal vielleicht." Sie schluckte hart. „Ich ... Es gelang mir meist, mich wieder loszuwinden und die Wraith zu töten. Aber ich wußte auch nicht, ob sie ... es konnten."
"Wissen Sie es jetzt?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Es gibt Hinweise auf Kannibalismus. Aber ob ich ..." Sie schloß den Mund und atmete einige Male tief ein.
"Sie haben sich damals hilflos gefühlt, nicht wahr? So hilflos, wie Sie nie wieder sein wollten in Ihrem Leben."
Sie nickte stumm.
"Aber dann kam erst der andere Ihres Volkes und dann Kolya."
Sie zuckte sichtlich zusammen.
Mackenzie achtete sehr genau auf ihre Reaktion und wieder fühlte er sich bestätigt. Das war von Anfang an das Problem gewesen. Deshalb steigerte sich plötzlich ihre Aggression. Als er die Berichte über den nächsten Einsatz nach ihrem Beinahe-Tod gelesen hatte, war sie auch deutlich gewaltbereiter gewesen als sonst, wenn auch lange nicht so schlimm wie nach ihrer Begegnung mit dem Genii.
"Sie waren wieder hilflos, so hilflos wie Sie auch in den Händen von Nisroch gewesen sind, nicht wahr?" Allmählich ließ er seine Stimme wieder mitfühlender klingen. Er wußte, sie war inzwischen viel zu tief in ihren eigenen Erinnerungen versunken, um die Chance zu ergreifen, ihn wieder verbal anzugreifen. Und er hatte recht.
"Kolya wollte mich töten." Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. „Er hatte das alles sehr genau geplant. Irgendwie hatte er jemandem mit dem ATA-Gen aufgetrieben, der ... der das Gerät benutzen konnte. So störte er das Wurmloch und brachte SG-27 in die Pegasus-Galaxie. Er hat das zwar nicht zugegeben, aber ... Die Kugeln, die mich außer Gefecht setzten, mußten bereits mit dem Hoffaner-Stamm versetzt gewesen sein. Ich war ... schwach." Sie schloß die Augen. „Die Kugeln reichten aber nicht. Die Fremdzellen nahmen ihren Dienst wieder auf. Ich wußte, er wollte an John heran, also ... Es war so erniedrigend, nichts tun zu können! Ich mußte die Fremdzellen ausschalten, um ein bißchen Zeit zu gewinnen. Ich war abgelenkt und verlor so erst recht Zeit. Und dann ... Peter! Ich konnte ihn doch nicht ... Kolya stand am Ende vor ihm und wollte ihn erschießen. Er ist doch fast noch ein Kind!" Wieder schluchzte sie.
"Kolya benutzte ein Gerät, um Sie auf diesen Planeten zu locken?" Mackenzie runzelte die Stirn.
Diese Tatsache war nie geklärt worden bisher. Man war von einer merkwürdigen Anomalie ausgegangen, die das Wurmloch plötzlich befähigte, in zwei Richtungen zu wirken. Vielleicht die Tatsache, das jemand von außen in ein existierendes Wurmloch eingegriffen hatte.
Vashtu nickte, wischte sich die Tränen vom Gesicht und holte tief Atem. „Es gab Geräte, die sich in bestehende Wurmlöcher einwählen konnten, wenn sie mit einem Tor verbunden wurden. Ich weiß nicht, wie Kolya an die Information gelangte, daß ausgerechnet ich in diesem Wurmloch steckte, aber er muß eines dieser Notfallsets gefunden und herausbekommen haben, wie sie funktionierten. Damit brachte er SG-27 nach Pegasus. Ich schickte Dorn und Wallace zurück, aber Peter ... er war direkt neben mir, und er blieb auch bei mir, selbst als es noch möglich gewesen wäre, zurück zur Erde zu kommen."
"Er wollte Ihnen helfen. Er hatte gesehen, daß Sie angeschossen wurden", erklärte Mackenzie.
"Das weiß ich nicht, aber es ist möglich. Wir waren Seite an Seite." Noch immer umklammerten ihre Finger die Fotokopie des medizinischen Berichtes.
"Und als die Gene versagten?"
Sie erschauderte. „Es war ... Ich kann es nicht beschreiben! Erst fühlte ich gar nichts, nur die Schmerzen, wie sie zunahmen. Dann aber ... Peter und ich wußten nicht, ob es tatsächlich eine Kamera gab, und ich war die einzige, die die Zelle verlassen konnte. Also ... ich habe die Gene eingesetzt und die Tür aufgebrochen. Und dann ... es ging plötzlich so schnell! Ich verlor immer mehr Körperkraft. Und ich wollte nicht, daß ... Ich wollte nicht, daß jemand ... daß John ... daß Kolya gewinnt."
"Sie wollten nicht, daß irgendjemand Sie so sah, richtig? Und vor allem nicht Colonel Sheppard."
Sie nickte. „Aber ... ich fühlte, er war da, bei mir." Sie blickte auf. Ein bitteres Lächeln auf den Lippen. „Wir beide sind verbunden. Vom ersten Moment an waren wir das. Als er mich weckte, konnte ich das Band fühlen. Aber er war sich dessen nicht bewußt."
Mackenzie beugte sich über das Fußende des Bettes und runzelte die Stirn. „Verbunden?"
Sie nickte. „Er gab mir die Kraft durchzuhalten. Und er sagte mir ..." Sie schloß den Mund und schluckte wieder.
"Er sah Sie nicht wie andere Sie gesehen haben, richtig?"
Sie nickte.
"Er nahm zwar wahr, daß Sie immer älter wurden, aber für ihn war es in diesem Moment wichtiger, daß Sie überlebten. Darum sah er Sie nicht, wie andere das vielleicht taten, Vashtu."
Sie schüttelte den Kopf. „Das ist noch etwas anderes." Sie schloß den Mund wieder. Ihre Hand spielte mit den Hundemarken um ihrem Hals.
"Und bei der Sache mit Nisroch war es ähnlich, nicht wahr? Sie waren nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu tun, ohne sich selbst zu verletzen. Und das wagten Sie nicht, weil Sie sonst nicht mehr aus der Hütte gekommen wären."
Sie biß sich auf die Lippen und senkte den Kopf wieder. „Er brachte mich dazu, Atlantis zu verraten", flüsterte sie. „Er zwang mich in ... in meine Erinnerungen hinein."
Mackenzie nickte verstehend. „Es war das erste Mal, daß Sie auf dieses Gerät trafen, nicht wahr? Das ist eine traumatische Erfahrung."
"Ich konnte die Erinnerungen manipulieren, aber das wußte ich zu Anfang nicht."
Mackenzie hob den Kopf. „Sie konnten die Erinnerungen manipulieren?" Er hob die Brauen.
Wieder ein Nicken. „Aber da war es schon zu spät und ich hatte getan, was ich niemals ..." Sie stockte und holte wieder schluchzend Atem. „Es war ... Ich fühlte mich so hilflos! Ich konnte nichts tun. Bei Kolya hoffte ich, wenn ich mich halbwegs kooperativ verhielt, würde er ... Aber er wollte, daß ich sterbe. Er haßte mich so sehr - und ich haßte ihn! Ich ... John hat Kolya getötet, und ich ..." Wieder stockte sie, die Brauen verzweifelt zusammengeschoben.
Mackenzie begriff.
Eine Erinnerung war mit der anderen verbunden. Nisroch hatte ihr gefährliches Abenteuer mit Kolya wieder hervorgeholt aus der Tiefe ihres Geistes. Und da sie es noch immer nicht verarbeitet hatte, war geschehen, was geschehen mußte. Sie verwechselte die Szenarien, nicht bewußt, aber gerade das konnte eklatante Auswirkungen haben.
"Sie haßten den Colonel, daß er Ihnen zuvor gekommen war", beendete er ihren Satz.
Sie nickte stumm, die Lippen wieder zusammengekniffen.
"Was war das schwerste für Sie, Vashtu? Was hat Ihnen den größten Schrecken eingejagt?"
"Nichts tun zu können", wisperte sie kaum hörbar.
"Sich auf andere verlassen zu müssen, nicht wahr?"
Sie zögerte, doch dann nickte sie. „Ich kann mich auf John verlassen, das weiß ich, aber ..."
"Aber es fällt Ihnen schwer, sich fallen zu lassen, noch dazu in einer solchen Situation. Der Tod ist schon lange Ihr Begleiter, er hat einen großen Teil seines Schreckens für Sie verloren. Aber die Tatsache, auf andere vertrauen zu müssen, nicht die Kontrolle über das eigene Handeln zu besitzen, das ist Ihr Problem. Und Ihre Antwort darauf lautet, beim nächsten Mal noch aggressiver vorzugehen, die Schwelle zu überschreiten und alles niederzumähen, was sich Ihnen vielleicht in den Weg stellt. Habe ich recht? Es erschreckt Sie selbst, aber Sie können es nicht steuern."
Verwirrt sah sie auf und starrte ihn an. Erst nach einer Weile begann sie leise zu nicken.
"Und daran ist zum großen Teil der Rat schuld mit seiner ... Politik Ihnen gegenüber. Statt Sie wirklich anzuhören und Ihrem Plan eine Chance zu geben, hat man Sie weggesperrt und überhört. Man hat Sie mit Ihren Problemen allein gelassen, Vashtu. Diese Aggressionsschübe sind Hilferufe Ihres Geistes, der nicht mehr mit dem fertig wird, was er verarbeiten muß. Und der Rat hat auch noch dafür gesorgt, daß Sie sich sicher keine Hilfe suchen, indem er Sie und Ihren Bruder aufeinander gehetzt hat und dem Überlebenden damit ein so tiefes Schuldgefühl einimpfte, daß er, oder in diesem Falle Sie, sich ganz sicher an keinen Außenstehenden wenden würde. Sie wurden zu einem nützlichen Werkzeug, das man bei Bedarf hervorholt, ansonsten aber sich selbst überläßt und absolut sicher sein kann, daß es keinen Laut von sich gibt. Auf der Erde gab es in früheren Zeiten einmal einen Bund, der sich ähnlicher Mittel bediente: die Assassinen. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen Literatur zu diesem Thema zur Verfügung stellen. Die Betroffenen wurden ebenfalls komplett isoliert, schon als Kinder. Doch bei ihnen ging man noch einen Schritt weiter und verhinderte, daß sie ein Gewissen entwickeln konnten. Sie waren dafür zu alt, Sie waren bereits geprägt durch Ihre Umwelt, darum gelang dem Rat dieses Experiment nur teilweise." Er nickte wieder, richtete sich zufrieden auf. „Jetzt können wir daran arbeiten, Major. Das war es, was ich von Ihnen wollte."

***

"Ich hasse das!" Hernan schlug seinen Hinterkopf leicht gegen den Türrahmen und stöhnte auf.
Storm blickte von seinem Comic auf und runzelte die Stirn. „Was?" fragte er.
"Das Warten. Ich hasse das Warten." Der Ex-Polizist verzog unwillig das Gesicht.
Storm blickte auf das Heft mit den bunten Bildern hinunter. „Soll ich dich ablösen?" fragte er mit einem leisen Bedauern in der Stimme. Eigentlich wollte er jetzt unbedingt die Auflösung wissen, aber wenn es eben nicht anders ging ...
"Nein!" Hernan knurrte dieses Wort wie ein tollwütiger Hund. „Ich halte das schon aus. Nur muß ich bei einer Überwachung immer daran denken, wieviele Verbrechen gerade andernorts geschehen, an denen ich nichts ändern kann."
Storm blätterte die Seite um. „Würde ich mir nicht vorstellen", antwortete er wie auf eine Frage. „Würde müßig werden. Nene, ich konzentriere mich lieber auf das, was vor mir liegt."
Hernan warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Klar. Wie weit ist Superman? Schon im Kryptonit gebadet?"
Sollte einer aus diesen Leuten vom SGC schlau werden, er hatte es aufgegeben. So gut er auch mit Storm zusammenarbeitete, aber mit seiner Gelassenheit konnte dieser MP ihn in den Wahnsinn treiben.
"Spiderman", korrigierte Storm ruhig. „Ist gerade dem Superschurken auf der Spur." Er vergrub seine Nase tiefer in das Comic, um überhaupt noch etwas entziffern zu können in dem wenigen Licht, daß vom Gang zu ihnen hereinschien.
Hernan seufzte, richtete seine Konzentration wieder nach draußen auf den Gang. Dann erstarrte er, als er die Gestalt sah, die sich schnurstracks dem Krankenzimmer auf der anderen Seite des Ganges näherte. „Jeff, es geht los", zischte er.
Nur einen Atemzug später war der MP an seiner Seite, die Waffe bereits in der Hand. Vorsichtig lugte er durch den schmalen Türspalt und runzelte die Stirn. „Der Typ ist mir doch schon über den Weg gelaufen ..."
Hernan zückte ebenfalls seine Waffe und entsicherte sie. „Tatsächlich? Wo denn?"
"Hier", kam die einsilbige Antwort. „Unten im Besuchershop."
Die Gestalt öffnete die Tür zum Zimmer von Mrs. Babbis.
Die beiden Ermittler beobachteten, wie der Eindringling den Raum betrat und warteten noch zwei Sekunden, ehe sie, so schnell und lautlos wie möglich, über den Flur huschten.
Hernan riß die Tür auf, Storm sprang vor. „Keine Bewegung!" bellte der MP mit donnernder Stimme.
Der hagere, hochgewachsene Mann hatte sich über das Bett gebeugt und wohl gerade festgestellt, daß sein Opfer nicht mehr hier war. Jetzt starrte er die beiden Männer an. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung, dann stieß er einen Fluch aus.
"Stephen Coin, Sie sind verhaftet!" Hernan hatte nun auch seine Waffe auf den Fremden gerichtet und zielte sorgfältig.
Der Fremde hob die Arme. Die Blicke, die er den beiden zuwarf, waren mörderisch.

***

Eine Woche später

Peter Babbis betrat unsicher den Gateroom, zupfte immer wieder an seiner Uniformjacke herum und wagte kaum, den Blick zu heben.
"Schön, dich wiederzusehen, Peter", begrüßte ihn Wallaces Stimme.
Der junge Wissenschaftler nickte, blieb dann vor einem Paar schlanken Beinen in Militärhosen stehen, deren Füße in wesentlich kleineren Schnürstiefeln als den seinen steckten.
"Die Brille steht Ihnen, Peter."
Jetzt blickte er doch auf, in ein Paar sprechende, dunkle Augen, die ihn amüsiert anblinzelten. „Doch, schick."
"Danke", murmelte er.
Major Vashtu Uruhk nickte, reckte den Hals und lächelte. „Gern geschehen", wisperte sie zurück. „Aber machen Sie soetwas nie wieder, Peter. Soviel Kraft habe ich nicht."
Er nickte und fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg.
"Ihre Mutter wird noch ein langes und glückliches Leben führen. Leider konnte ich nichts gegen die Blindheit tun, aber zumindest ist sie wieder gesund."
Wieder ein Nicken.
Vashtu wurde ernst. „Und dieser Coin?" fragte sie mitfühlend.
"Er wollte sich vor allem an meinem Vater rächen - aber auch an mir. Darum hat er sich dieses Szenario ausgedacht. Mein Vater hatte ihn durch eine wichtige Prüfung fallen lassen, so daß er sein Studium aufgeben mußte. Von mir fühlte er sich ausgebootet, weil ich zur Army gegangen bin, er aber abgelehnt wurde." Peter zuckte hilflos mit den Schultern. „Meine Mutter ist nur zwischen die Fronten geraten und wurde zu seinem Spielball."
Sie nickte. „Passiert öfters." Es lag kein Schmerz mehr in ihren Augen, nur Nachdenklichkeit.
"SG-27, sind Sie bereit?" fragte Landrys Stimme über den Lautsprecher.
Die Antikerin drehte sich um, blickte die Rampe hinauf. Einen Moment lang umklammerten ihre Hände die P-90, doch nur, um die Waffe in ihre Weste zu harken. Dann schritt sie beherzt das Metallgestänge hinauf, dicht hinter sich Peter, der von Dorn begleitet wurde. Das Schlußlicht bildete Wallace, der seine Nase tief in sein Notizbuch vergraben hatte.
Peter beobachtete, wie die Chefrons einrasteten - und plötzlich fühlte er sich, als würde er gerade nach Hause kommen. Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er neben Vashtu Aufstellung nahm.
Die warf ihm einen fragenden Blick zu, wartete auf sein Nicken, ehe sie die Com-Taste ihres Funkgerätes aktivierte. „SG-27 bereit zum Ausrücken, Sir."
Mit einem dumpfen Laut etablierte sich das Wurmloch, noch geschützt durch die metallene Iris.
Peter fühlte, wie seine Aufregung wuchs. Eine gute Aufregung. Gleich würde er ein Abenteuer erleben, auf irgendeinem anderen Planeten. Und an seiner Seite hätte er die einzige Frau, der er vollständig vertraute und für die er sein Leben geben würde.
"Viel Glück, SG-27. Und kommen Sie gesund zurück."
Die Iris fuhr zurück und gab den Blick frei auf das Wurmloch.
Seite an Seite traten Vashtu und Peter in den Ereignishorizont.

03.05.2010

Erdgebunden V

"Mrs. Babbis ist sehr schwach und verliert immer wieder das Bewußtsein", erläuterte der zuständige Arzt mit leiser Stimme. „Es wird nicht mehr allzu dauern. Sie steht deshalb unter starken Schmerzmitteln, meine Herren. Dadurch dämmert sie immer wieder weg."
Storm nickte und atmete tief ein. „Möglicherweise aber besitzt sie doch Wissen über diese Angelegenheit", wandte er ein. „Wir müssen mit ihr sprechen, Doc."
Der Arzt nickte mitfühlend. „Schlimm, ich weiß. Sie hat noch keine Ahnung, was geschehen ist. Sie hat es bisher nicht einmal realisiert, daß sie noch keinen Besuch hatte. Dr. Babbis hat die letzten Tage so gut wie hier verbracht. Er hängt offensichtlich an ihr. Aber daß er zu soetwas fähig ist ..."
"Das wissen wir noch nicht", warf Hernan ein. „Im Moment gehen wir von einigen anderen Szenarien aus." Er wechselte mit Storm einen Blick. „Sagt Ihnen der Name Stephen Coin vielleicht etwas?"
Der Arzt runzelte die Stirn. „Stephen? Natürlich. Er war früher Aushilfspfleger, bis man ihn erwischt hat ... Er hat die Krankenhausapotheke geplündert. Schlimme Sache, wirklich." Er nickte sinnend. „Dabei war er bei den Patienten sehr beliebt."
"Haben Sie ihn in den letzten Jahren noch einmal getroffen?" bohrte Hernan weiter.
"Nein, ich glaube nicht." Der Arzt schüttelte den Kopf, wandte sich dann wieder an Storm: „Die Unterlagen sind übrigens eingetroffen. Mrs. Babbis wird noch heute verlegt. Ich hoffe wirklich, daß man ihr die letzten Tage im Eveins Army etwas angenehmer gestalten kann."
Storm lächelte gequält. „Das hoffen wir auch, Doc. Können wir dann zu ihr?"
"Natürlich. Aber strengen Sie sie bitte nicht an." Der Arzt trat einen Schritt zur Seite und gab die Tür frei. „Und ... wir wissen nicht, wie sie auf diese Nachricht reagieren wird. Vielleicht ..."
"Wir werden uns so allgemein wie möglich halten, Doc, keine Sorge", sagte Storm. „Wir verraten ihr nichts." Damit griff er nach der Klinke und drückte sie nach unten.
"Daniel!" entfuhr es dem Arzt, gerade als Storm den Raum betreten wollte.
"Was?" Hernan und der MP wechselten wieder einen Blick.
Der Arzt nickte. „Daniel Coin, der Zwillingsbruder von Stephen, der arbeitet hier seit etwa einem Jahr. Vielleicht hat er Kontakt. Ich werde sehen, ob er gerade im Haus ist."
Die beiden Ermittler wechselten einen langen Blick, sahen dann dem Arzt nach, der zum Schwesternzimmer unterwegs war.
"Daniel?" echote Storm endlich.
"Wir haben ihn! Stephen Coin ist ein Einzelkind." Hernan lächelte siegessicher, folgte dem MP dann in den Raum hinein.

***

"Ich soll was?" Peter starrte den Polizisten auf der anderen Seite des Tisches groß an. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich bestehe auf meinem Rechtsbeistand! Ehe mein Anwalt nicht hier ist, werde ich nichts mehr sagen." Demonstrativ kreuzte er die Arme vor der Brust.
"Machen Sie es sich selbst doch nicht so schwer, Doc." Detective Vinge lehnte sich zurück. „Die Beweise sprechen eine ganz eindeutige Sprache. Sie waren es, also können Sie auch gleich gestehen."
"Ich gestehe gar nichts, weil ich es nicht war!" Peter klopfte ungeduldig mit einem Finger auf die Tischkante. „Ich habe geschlafen, verdammt!"
"Während genau im Stockwerk unter Ihnen Ihr Vater bestialisch abgeschlachtet wurde? Hat er geschrien?" Ein ironisches Lächeln erschien auf Vinges Gesicht.
Peter war dieser Polizist noch weniger sympatisch als Hernan. Der war damals recht schnell mundtot gemacht worden durch Storms Auftauchen. Doch hier und jetzt durfte der MP nicht so offen eingreifen wie seinerzeit bei dem fingierten Banküberfall. Zwar hatte er, so hatte er dem jungen Wissenschaftler versichert, alles in seiner Macht stehende getan, aber einen Mordfall, der nicht im direkten Zusammenhang mit dem SGC stand, durfte er nicht an sich reißen, noch dazu in einem anderen Staat.
Vinge zog jetzt einen Umschlag aus seiner Jackettasche und warf ihn auf den Tisch. „Haben ein hübsches Schlachtfest veranstaltet, Doc, das muß ich Ihnen lassen. Aber als Mediziner ..."
"Ich bin kein Mediziner! Das ist mein Bruder, verdammt!" Peter erschauderte, kreuzte wieder die Arme vor der Brust, um nicht doch den Umschlag zu nehmen. Er wußte, was ihn darin erwarten würde, und sowohl Storm als auch Hernan hatten ihn gewarnt, sich Tatortfotos anzusehen.
"Aber Sie sind doch auch Doktor." Vinge grinste überlegen.
"Doktor der Mathematik und der Astrophysik. Hat beides nicht sehr viel mit Medizin zu tun, Detective", entgegnete Peter.
Vinge beugte sich vor. „Ein Genie wie Sie und hat nicht mal in die Anatomie-Bücher des Bruders reingesehen? Kommen Sie, das ist doch spannend, oder? Da faßten Sie den Plan, diesen Klotz von Vater umzubringen. Waren Sie es allein? Oder kam Ihr Bruder auch noch kurz vorbei, mh?"
"Meines Wissens ist David irgendwo in Afrika. Der kommt nicht mal kurz vorbei, Detective."
Die Tür öffnete sich, beide sahen erstaunt auf, Peter erleichterte.
Elliott nahm am Tisch Platz, wischte den Umschlag mit den Fotos zur Seite. „Detective Vinge, ich muß schon sagen ..." Der Anwalt sah den Polizisten tadelnd an. „Sie hätten auf mich warten sollen, ehe Sie mit dem Verhör beginnen."
Vinge grinste. „Wir haben uns auch so ganz gut unterhalten, nicht wahr, Doc?" Er nahm den Umschlag, öffnete ihn und schüttelte die Fotos auf den Tisch.
Peter bekam große Augen und schluckte hart. Auch wenn er nicht mehr allzu deutlich sah in den letzten Wochen, die Farbe Rot erkannte er noch immer.
"Sehen Sie sich das nicht an, Doktor", wandte Elliott sich an ihn.
Doch es war zu spät - er hatte bereits zuviel gesehen.
Würgend wandte Peter sich ab.
"Fangen wir doch noch einmal von vorn an, Doc." Vinge beugte sich vor und tippte mit einem Finger auf die Fotos. „Was ist in dieser Nacht geschehen?"
Peter schüttelte hilflos den Kopf. „Ich habe geschlafen!"
Elliott legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, schwieg aber.
"Natürlich! Während im Stockwerk unter Ihnen Ihr Vater geschlachtet wurde. Kommen Sie, Doc, das glauben Sie doch selbst nicht!"
Wieder schüttelte er den Kopf. „Ich war in diesem Coffee-Shop, nachdem ich aus dem Krankenhaus gekommen bin", begann er zu berichten. „Dort traf ich einen alten Klassenkameraden. Stephen! Ich mußte kurz austreten, als ich zurückkam, war er gegangen, hatte mir aber noch einen neuen Kaffee bestellt. Der schmeckt eigenartig und ich wurde fast sofort müde. Danach ... Ich habe mir ein Taxi gerufen und bin nach Hause gefahren. Mehr weiß ich nicht, verdammt!"
Elliott hatte aufgehorcht. „Stephen? Stephen Coin?" fragte er plötzlich in die Stille hinein.
Peter blinzelte, nickte dann aber. „Ich habe mich auch gewundert. Unser letztes Zusammentreffen war alles andere als glücklich. Ich dachte eher, er würde mir aus dem Weg gehen. Aber er kam in diesen Laden und setzte sich direkt zu mir."
"Coin?" Vinge runzelte nachdenklich die Stirn.
Elliott warf ihm einen langen Blick zu.

***

"Peter mag ein schwieriger Charakter sein, aber er wäre nicht fähig, irgendjemandem auch nur ein Haar zu krümmen." Mrs. Babbis lächelte versonnen, schüttelte dann den Kopf. „Nein, ist er nicht. Er ist so stolz auf seine Arbeit für das Militär. Natürlich hätte er auch hier studieren können. Aber ... Mein Mann ist da etwas stolz. Er wollte, daß zumindest einer seiner Söhne das gleiche wie er studiert."
"Verstehe." Storm nickte und sah die blinde Frau in dem Bett vor sich mitfühlend an.
Der Tod stand ihr wirklich schon ins Gesicht geschrieben. Ihre Züge wirkten ausgezerrt, ihre Bewegungen fahrig und auch irgendwie leer.
"Werden Sie hier gut versorgt, Mrs. Babbis?" erkundigte Hernan sich. Der Ex-Polizist stand auf der anderen Seite des Bettes, etwa in der gleichen Haltung wie Storm.
"Ich bin zufrieden. Mein Mann hat da einen gewissen Ruf, wissen Sie? Es traut sich so recht niemand an mich heran ... bis auf Daniel." Mrs. Babbis wurde ernst.
Storm und Hernan wechselten einen Blick.
"Daniel?" echote der MP schließlich.
"Einer der Pfleger. Er kommt immer sehr spät abends. Die letzten Male war er auch schon immer bei mir."
Die beiden Ermittler sahen sich alarmiert an.
"Und was will er?" fragte Hernan schließlich.
"Er gibt mir immer eine Spritze. Wissen Sie, er kennt Peter von irgendwoher. Aber, wie die meisten, mag er ihn nicht sonderlich. Ich denke, Peter hat ein bißchen zuviel von seinem Vater geerbt."
"Kann man so sagen ..." murmelte Storm stirnrunzelnd. „Mrs. Babbis, ging es Ihnen nach diesen Injektionen besser oder schlechter?"
"Ich habe geschlafen danach. Unruhig zwar, aber ... Stimmt etwas nicht?" Stirnrunzelnd wandte sie den Kopf in seine Richtung.
"Ihr Sohn hat veranlaßt, daß Sie verlegt werden, Mam", wechselte Hernan das Thema. „Eine Maschine ist bereits auf dem Weg hierher. Bald wird es Ihnen bestimmt besser gehen."
"Ich liege im Sterben, Mr. Hernan", entgegnete sie. „Ich weiß sehr wohl, was mit mir nicht stimmt, meine Herren. Dumm bin ich nicht."
"Das hat auch niemand behauptet." Storm schüttelte den Kopf und sah Hernan warnend an.
Der nickte nur stumm.
"Ich frage mich nur, warum alle so ... mitfühlend sind zu mir seit ... ist es seit gestern? Ich komme manchmal mit den Tagen durcheinander, wissen Sie?" Sie lächelte entschuldigend.
"Das ist vollkommen in Ordnung, Mrs. Babbis. Man macht sich Sorgen Ihretwegen."
Sie seufzte. „Dabei braucht man das doch nicht. Ich glaube an Gott und die Engel, wissen Sie? Auch wenn ich sicher nicht fehlerlos bin, so habe ich doch die Hoffnung, daß mir die Tür zum Paradies offenstehen wird."
"Sicher wird sie das, Mam." Storm nickte überzeugt.
Ihre Augen fielen ihr zu.
"Wir müssen jetzt gehen, Mam. Es tut uns leid, sollten wir Sie angestrengt haben." Storm verbiß sich den Rest und gab seinem Kollegen ein stummes Zeichen. Der nickte.
Gemeinsam verließen sie das Krankenzimmer wieder.
"Was jetzt?" begann Hernan. „Wenn Coin auch noch irgendeine Schweinerei mit ihr vorhat ..."
"Die hat er bereits durchgezogen, glaub mir." Storm stützte die Hände auf die Hüften und sah sich sehr genau im Gang um. „Allerdings ... wenn er wirklich jeden Abend kommt, sollten wir sehen, daß sie heute nicht mehr verlegt wird. Wir legen uns auf die Lauer und schnappen uns den Kerl und zeigen diesem Vinge, daß er vollkommen auf dem Holzweg ist."
Hernan neigte den Kopf leicht. „Hälst du das für eine gute Idee? Wir sind hier nicht die Staatsgewalt."
"Du schon, ich nicht." Storm grinste. „Aber Sie werden mir doch sicher die Autorisation geben, oder, Agent Hernan?"
Einen Moment blinzelte der nur verständnislos, dann breitete sich auch auf sein Gesicht ein Grinsen aus. „Schnappen wir ihn uns, Jeff!"

TBC ...

01.05.2010

Erdgebunden IV

Mackenzie saß an seinem Schreibtisch und starrte auf seine Notizen.
Es war kaum zu glauben, was diese Antikerin ihm da gestern zu schlucken gegeben hatte. Auf der anderen Seite aber ergab es einen Sinn, wenn er ihre Psyche bedachte. Die Frage war nur ...
Er blätterte zurück und las an einer anderen Stelle etwas. Dann runzelte er die Stirn und lehnte sich zurück.
Wie hatte sie sich so heftig verbiegen können? Und warum diese schweren seelischen Ausfälle? Das alles deutete darauf hin, daß Vashtu Uruhk ... Aber konnte das sein? War das wirklich möglich?
Er nahm sich wieder die Akte vor, blätterte ganz zum Anfang zurück, zu dem ersten Bericht von Lt. Colonel Sheppard über sie und ihre Aussage ihm gegenüber. Aufmerksam las er sich diesen durch, blätterte dann weiter, überflog die medizinischen Daten von Dr. Beckett, kam zu den Berichten von Dr. Heightmeyer. Doch auch hier wurde er nicht fündig.
War das möglich? Konnte es sein?
Alles deutete darauf hin. Nur ein junger Geist konnte mit solchen Dingen umgehen, wie sie sie erlebt hatte. Nur ein junger Geist war fähig, sich dermaßen zu verbiegen, wie der ihre es getan hatte. Aber das würde bedeuten ...
Die Tür öffnete sich und eine sehr nachdenkliche und stille Vashtu Uruhk betrat sein Büro.
"Guten Morgen, Major", begrüßte McKenzie seine Patientin.
Sie sah ihn mit ausdrucksloser Miene an. Doch ein Teil der Anspannung fehlte, der gestern noch da gewesen war. Sie schien etwas ruhiger zu sein. Wortlos nickte sie ihm zu, ließ sich dann wieder auf dem Stuhl nieder. Dieses Mal setzte sie sich sogar richtig hin, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick konzentriert auf das Namensschild auf seinem Schreibtisch gerichtet.
"Wie geht es Ihnen heute?" erkundigte Mackenzie sich.
Sie zuckte mit den Schultern, blickte dann auf. „Haben Sie Nachricht von Babbis?" Eine leise Hoffnung lag in ihren Augen.
Der Psychologe lehnte sich zurück, schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid, aber so schnell wird das nicht gehen, fürchte ich."
Sie nickte, ihre Brauen schoben sich zusammen und sie biß sich auf die Lippen. „Lassen Sie mich jetzt gehen?" fragte sie nach einer kleinen Weile.
Mackenzie seufzte. „Das kann ich nicht. Wir haben gerade an der Oberfläche gekratzt, Major. Das eigentliche Problem ist nicht einmal angesprochen worden. Wir werden wohl noch etwas ... tiefer graben müssen."
Sie verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse, schwieg jetzt aber.
"Wie haben Sie geschlafen?"
"Gar nicht, wenn ich ehrlich sein soll", antwortete sie, hob eine Hand und rieb sich damit durch ihr kurzes Haar.
Mackenzie nickte mit zusammengepreßten Lippen. „Kann ich verstehen. War ein ziemlicher Brocken, den Sie da gestern losgeworden sind, Major", sagte er nach einigem Zögern.
Sie schüttelte nur stumm den Kopf.
Der Psychologe seufzte wieder. „Ich kann verstehen, daß Sie sich schuldig fühlen, Major. Jeder täte das, glauben Sie mir. Aber es war nicht Ihre Schuld, daß Ihr Bruder gestorben ist. Sie hatten Angst, und das ist auch durchaus nachvollziehbar. Jeder hätte in einer solchen Situation Angst gehabt. Wenn Sie jemandem die Schuld zuweisen wollen, sollten Sie die Verantwortlichen suchen: den Rat!"
Sie zuckte zusammen bei diesem Wort, schluckte dann. „Ich glaube, Sie verstehen nicht, Mackenzie", sagte sie dann leise. „Ich hätte die Wahl gehabt. Es ging nur darum, wer von uns beiden ... der erste war."
Mackenzie sog scharf Luft ein.
Sie starrte wieder auf sein Namensschild. „Enkil war immer ... genehmer als ich", begann sie schließlich. „Ich war ... aus der Art geschlagen. Ich wollte kämpfen, ich wollte die Wraith tot oder vertrieben sehen. Enkil ... Er wollte nur einen Weg aufzeigen, wie wir uns zur Wehr hätten setzen können." Jetzt bearbeitete sie ihr Haar mit beiden Händen. „Ich war von klein auf die Aktivere von uns beiden. Ich wollte fliegen, ich wollte den Stockkampf lernen, ich wollte ... vieles. Als unsere Mutter ... als sie starb, änderte mein Vater seine Ansicht, er wechselte auf meine Seite. Aber er ließ vieles ungesagt. Ich wußte lange Zeit nicht, woran wir wirklich arbeiteten, bis es ... bis es zu spät war." Ihre Stimme erstarb.
"Waren Sie dabei, als der Wraith sich an Ihrer Mutter nährte?"
Vashtu zögerte, dann nickte sie, schloß die Augen. „Ich wäre die nächste gewesen, wenn uns die Schiffsbesatzung nicht zu Hilfe gekommen wäre. Ein Leckerbissen für die Wraith, gerade einmal ... Es war mein erster Flug allein."
Mackenzie richtete sich gerade auf, sein Blick fiel wieder auf die Akte vor sich.
Elf! Sie war elf Jahre alt gewesen, als sie hatte mitansehen müssen, wie ihre Mutter starb! Sie selbst hatte mehrmals angegeben, daß sie in diesem Alter die ersten Flüge allein unternommen hatte. Sie war nicht einmal erwachsen gewesen!
Vashtu ließ die Hände wieder sinken, nachdem ihr Haar vollkommen durcheinander war, knetete sie ihre Finger jetzt in ihrem Schoß. Den Blick hielt sie noch immer starr auf sein Namensschild gerichtet, als könne dieses ihr irgendeinen Halt geben.
"Ich hatte das noch nie vorher gesehen. Ich wußte, daß die Wraith unsere Feinde waren, daß sie überall um uns herum waren, daß sie sich nahmen, was sie wollten und unsere Außenposten zerstörten. Als der Wraith sich ... Er sah mich an dabei, und es bereitete ihm sichtlich Vergnügen, den Schrecken in meinem Gesicht zu sehen."
"Wer war noch dabei?" fragte Mackenzie leise.
"Mein Vater, meine Mutter und zwei Gehilfen. Die beiden kehrten auch nicht zurück." Sie schloß die Augen und schüttelte den Kopf, als müsse sie diese Erinnerung mit aller Macht loswerden. „Ich hatte ... als wir gerettet wurden ... ich hätte dem Kapitän um den Hals fallen können. Und gleichzeitig ... Ich wollte Rache! Ich wollte, daß die Wraith ... daß sie das durchmachten, was meine Mutter hatte durchmachen müssen. Damals begann ich mit dem Training, nach unserer Rückkehr nach Atlantis. An Waffen ließ man mich nicht, aber es gab Stöcke, überall. Also bin ich mit Enkil durch die Gänge der Stadt gehetzt und habe gegen ihn gekämpft."
"Sie waren eine Kriegerin in Ihren Augen?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich war eine Rächerin." Ihre Stimme klang hohl bei diesen Worten.
"Und Ihr Vater?"
Vashtu atmete tief ein. „Er wollte, daß ich zur Armee ging. Er meinte, dort sei ich besser aufgehoben. Aber ..." Sie stockte, blickte nun das erste Mal seit über zehn Minuten auf. „Ich kam aus einer Wissenschaftler-Familie. Für uns war es einfacher, daß ich in die Fußstapfen meiner Ahnen trat als einen neuen Weg einzuschlagen. Außerdem ... mein Vater hatte schnell erkannt, wo meine Stärken lagen. Also bildete er mich aus."
"Zur Biotechnikerin." Mackenzie nickte.
"So würden Sie es heute nennen. Aber ich konnte mehr. Wo immer ich konnte, schnappte ich Wissen auf. Eigentlich wäre ich lieber mit irgendwelchen Maschinen umgegangen. Ich wollte fliegen, ich wollte durch das Gate. Ich wollte verstehen, wie die Dinge funktionierten, die wir tagtäglich benutzten ..."
Mackenzie nickte verstehend. „Ihre Talente liegen mehr im technischen Bereich, das weiß ich", sagte er, sich wieder an einige der Berichte über sie erinnernd. Offensichtlich hatte sie es inzwischen zu ihrem vorrangigen Hobby gemacht, vor allem irdische Geräte und Maschinen zu studieren. Laut seinen Unterlagen tat sie dies oft genug zusammen mit Babbis, wenn sie ihn auch nie allein in ihr Büro, ihre bevorzugte Werkstatt, ließ.
"Ich freundete mich mit anderen an, bekam so Zugang zu anderen Techniken und Möglichkeiten", fuhr sie leise fort. „So erfuhr ich auch die Adresse für das eine Ladegerät. Ich war unterwegs, um einige Pflanzen für meine Forschungen für den Rat zu sammeln, als Themmar an mich herantrat. Fliegen durften damals nicht alle, und die meisten Piloten gehörten dem Militär an. Nur durch den Stand meines Vaters war es mir möglich gewesen, die Erlaubnis zu erhalten."
Mackenzie nickte wieder. „Die Militärpiloten hatten nicht immer Zeit, ich verstehe."
Ein bitteres Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab. „Vor allem machten sie sich gern über die Wissenschaftler lustig, so wie es manchmal auch bei Ihrem Volk ist."
"Sie arbeiteten also nicht die ganze Zeit mit Ihrer Familie zusammen."
Vashtu nickte. „Sobald meine Ausbildung abgeschlossen war, erhielt ich eigene Forschungsbereiche vom Rat. Ich sollte die pflanzlichen Bestandteile des Meerwasssers anreichern und zu Nahrung umwandeln. Während ... der langen ... der zehntausend Jahre wandte ich dieses Wissen an, um nicht zu verhungern."
"Wann kehrten Sie in das Forschungsteam Ihres Vaters zurück?"
"Nie." Ihr Blick wurde hart. „Ich war nicht daran beteiligt, Doc. Nachdem meine Ausbildung abgeschlossen war, wurde ich versetzt und bekam meinen eigenen Forschungsauftrag. Die Daten meines Vaters holte ich mir selbst und kontrollierte seine Ergebnisse. Dabei fand ich den Fehler, dem Enkil ... zum Opfer gefallen war."
"Die Sache mit den weiblichen Zellen?"
Sie nickte und biß sich auf die Lippen. „Ich war gut darin, andere auf ihre Fehler aufmerksam zu machen und diese zu korrigieren. Das war ich schon immer gewesen, auch etwas, was nicht sehr häufig in meinem Volk passierte."
Mackenzie beugte sich interessiert vor. „Vashtu, verzeihen Sie mir diese vielleicht indiskrete Frage, aber wie alt waren Sie, als Sie sich der Therapie unterzogen?"
Sie blickte wieder auf und sah ihn an. In ihrem Gesicht zuckte ein Muskel. „Achtzehn", antwortete sie dann einfach.
Der Psychologe atmete wieder tief ein. „Und ... und als man Sie zurückließ?"
"Fünfundzwanzig."
Er schluckte. „Das bedeutet ..."
"Für Ihr Volk wäre ich hochbegabt gewesen, ja." Sie nickte, senkte den Blick wieder. „Und nicht nur für Ihr Volk ... Auch der Rat war sehr schnell auf mich aufmerksam geworden, nicht nur durch meine Eskapaden. Darum bekam ich sofort einen Forschungsauftrag, als meine Lehrzeit abgeschlossen war."
Also hatte er recht gehabt mit seiner Vermutung. Und sehr wahrscheinlich hatte sie sich auch gerade deshalb so auf Babbis versteift. Er war ebenfalls hochbegabt, intelligenter als viele andere. Aber im Gegensatz zu ihr bereitete ihm die Zusammenarbeit mit anderen Probleme.
"Nehmen Sie sich zurück, wenn Sie in Ihrem Team arbeiten?" erkundigte er sich.
"Manchmal, kommt auf die Situation an." Sie zuckte mit den Schultern.
"Und bei Dr. Babbis?"
Sie nickte. „Ja", antwortete sie. „Er kann einiges, doch manchmal traut er es sich selbst nicht zu. Er braucht dann einen Stoß in die richtige Richtung."
"Seine Umgangsformen stören Sie nicht? Bisher habe ich über ihn immer nur gehört, es sei schwer, mit ihm auszukommen."
Sie zuckte mit den Schultern. „Manchmal nervt er. Aber allmählich stellt er seine Hektik ein. Alles andere werde ich ihm wohl nicht mehr abgewöhnen können." Sie kniff kurz die Lippen aufeinander. „Er hat mich von Anfang an Dr. McKay erinnert, von anderen habe ich ähnliches gehört. Aber inzwischen ... zumindest mir gegenüber hält er sich meist zurück." Ein bitteres Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Wenn es ihm auch ziemlich zu schaffen macht, daß ich intelligenter bin als er."
"Darum nehmen Sie sich zurück?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Er kann einiges, das sagte ich schon. Wenn ich ihn sanft leite, wird er eines Tages noch sehr viel mehr können. Wenn nötig, übernehme ich die Führung, auch autoritär. Aber wenigstens einmal hat er mir das Leben gerettet mit einem Einfall. Das werde ich ihm nicht vergessen."
"Sie meinen Kolya?"
Ein kühler Glanz erschien in ihren Augen, als sie wieder aufblickte. „Ich denke, es reicht jetzt, Doc", wechselte sie das Thema. „Lassen Sie mich gehen?"
Wieder blockte sie ab, wenn sie sich auch ein Stück weit geöffnet hatte.
Was steckte noch in dieser Frau? Was verbarg sie?
Eine Menge, kam ihm in den Sinn. Sie hatten gerade an der Oberfläche gekratzt, mehr aber auch nicht. Sie waren einigen ihrer Geheimnisse auf der Spur. Schon allein die Tatsache, daß der Rat sie sofort mit eigenen Forschungen betraute, kaum daß sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte, sprach bereits Bände. Sie selbst hatte es einmal ausgesprochen. Sie hatte gesagt, daß Vertrauen sehr schnell verspielt war.
Aber, hatte der Rat ihr wirklich vertraut? Oder hatte er vielmehr Angst vor ihr gehabt von Anfang an? Eine ihres eigenen Volkes, die so begabt war, die lernte, sich selbst zu verteidigen, die intelligenter war als die meisten anderen, und diese Intelligenz auch einzusetzen wußte. Der Rat mußte Angst vor ihr gehabt haben! Angst vor dem, was sie noch leisten konnte. Und sie hatte es gezeigt.
Sie hatte recht, sie war aus der Art geschlagen. Für eine Antikerin vollkommen aus der Art geschlagen nach allem, was er über dieses Volk wußte. Statt passiv zu bleiben, war sie aktiv geworden. Ihren eigenen Worten zu folge war sie schon immer so gewesen und allein deshalb alles andere als eine gern gesehene Bewohnerin von Atlantis.
"Ich kann Sie nicht gehen lassen, Major, tut mir leid." Mackenzie schüttelte den Kopf. „Wir machen große Fortschritte, aber ich fürchte, es reicht noch nicht. Da ist noch mehr, was endlich ausgesprochen werden sollte."
Sie starrte ihn an, und wieder war da Wut in ihrem Blick, eine hilflose Wut.
Sie hütete ihre Geheimnisse jetzt schon so lange, viel zu lange, ging ihm auf. Es mußte für sie eine sehr große Anstrengung sein, ihm zu vertrauen.
Vertrauen - das war das Stichwort, ging ihm auf. Immer wieder lief es bei ihr darauf hinaus. Immer wieder scheiterte sie an ihrem mangelnden Vertrauen in andere. Immer wieder zeigte sich, daß sie nicht vertrauen konnte.
Sie erhob sich mit einem Ruck, starrte ihn immer noch an. In ihrem Gesicht arbeitete es. „Ich habe Ihnen bereits mehr gesagt als den meisten vor Ihnen, einschließlich Colonel Sheppard", sagte sie kalt. „Was wollen Sie denn noch?"
"Ich möchte, daß Sie mir vertrauen, Vashtu. Ich will Ihnen sicher nichts böses, glauben Sie mir."
Eine Sekunde lang starrte sie ihn noch an, dann drehte sie sich wortlos um und verließ sein Büro.
Mackenzie seufzte.

***

"Schon irgendetwas herausgefunden?" Storm reichte dem Ex-Polizisten einen Becher Kaffee, den der auch dankbar annahm.
"Was darf's sein?" erkundigte der sich, nahm einen Schluck.
Storm zuckte mit den Schultern. „Vielleicht irgendwas mit Feinden? Wer hatte einen Grund, den Prof zu töten?"
Hernan zog eine Grimasse, nahm noch einen Schluck. „Unser Name ist Legion, denn wir sind viele", zitierte er.
"Hä?" Storm, der gerade einen Schluck hatte trinken wollen, zog ein dummes Gesicht.
"Die Bibel, Jeff! Klassiker und Weltbestseller Nummer eins." Hernan grinste.
"Mag diese Bücher mit dem Zauberjungen lieber", brummte der MP leicht mißgestimmt. „Was willst du damit sagen?"
"Das es schwerer ist, jemanden zu finden, der Babbis wohl gesonnen war, als einen seiner Feinde aufzuspüren. Der Mann hat es sich so gründlich bei den meisten verscherzt, daß es wundert, daß er erst jetzt ins Gras gebissen hat."
Storm nickte und nippte noch einmal an seinem Kaffee. „Autsch! Verdammt!" Er wedelte sich Luft zu.
Hernan grinste noch breiter, wurde dann aber ernst. „Da ist aber etwas ... jemand, um genau zu sein. Der sticht etwas daraus hervor. Ist schon auffällig geworden."
Storm hielt in seiner Notfallbehandlung inne und blickte verdutzt auf. „Wer?" nuschelte er.
"Du wirst lachen, ein ehemaliger Klassenkamerad von unserem netten Doktor. Stephen Coin sein Name." Hernan scrollte den Bildschirm weiter runter. „Nette Sammlung, alles in allem. Hatte offensichtlich einiges vor in seinem Leben, schrieb sich nach der Schule in Harvard ein, Hauptfach Englische Literatur. Blieb aber nicht lange dabei. Schon während dieser Zeit ist er auffällig geworden durch den Verkauf von Amphitaminen. Dann verschwand er erst von der Bildfläche für etwa ein Jahr."
Storm beugte sich vor und stellte seinen Kaffeebecher auf das niedrige Tischchen neben dem Bett. „Und?"
"Wollte zu den Marines, als er wieder auftauchte. Die nahmen ihn aber nicht. Also wieder zurück nach Boston. Taschen- und Ladendiebstahl, dann wieder den Verschwindibus. Wieder ein Auftauchen, diesmal im Windschatten einer recht großen Drogenbande. Körperverletzung, Führen einer Waffe ohne Genehmigung. Ehe er festgenommen werden konnte, tauchte er erneut unter."
"Wohin?" Storm zog ein dummes Gesicht.
"Gute Frage. Weiß offensichtlich keiner. Gilt immer noch als unauffindbar."
Das Titelthema von StarWars ertönte.
Storm griff in seine Tasche und zog sein Handy hervor. Stirnrunzelnd las er die Anzeige, dann tippte er auf eine Taste und hielt sich das kleine Gerät ans Ohr.
Hernan beugte sich vor und wartete, die mageren Zwischenfragen igonierend.
Storm drückte eine andere Taste und legte das Handy zu seinem Kaffeebecher. „Es sind keine Drogen aufgetaucht beim Sceening", erläuterte er. „Aber die SpuSi hat Fasern gefunden, die sie nicht zuordnen konnte. Und Dreck auf der Fußmatte."
Hernan nickte.
"Wie sicher ist es, daß dieser Coin der Täter ist?"
"Nicht sicher, aber eine Möglichkeit."
Storm beugte sich vor und stützte sein Kinn auf eine geballte Faust. „Ich frage lieber nicht, wer noch auf der Liste steht."
"Wird besser sein." Hernan nickte wieder, betrachtete die Anzeige auf dem Laptop. „Könnte sich ziemlich hinziehen, wenn wir jedem einzelnen auf den Zahn fühlen wollen."
"Und das SGC hätte seinen Wissenschaftler gern so schnell wie möglich zurück. Major Uruhk liegt zwar noch im Krankenhaus, aber auch sie scharrt mit den Hufen. Besser, wir finden den richtigen Täter, ehe es ihr noch gelingt, von dort abzuhauen und selbst auf die Suche zu gehen. Könnte dann ziemlich ... blutig werden in ihrem jetzigen Zustand. Meint zumindest ihr Arzt."
Hernan runzelte die Stirn. „Mir kam sie eigentlich nicht gewalttätig vor."
"Du hast sie auch noch nicht in Aktion erlebt." Storm seufzte ergeben. „Also machen wir uns auf die Suche nach diesem Coin. Irgendeinen Ansatz?"
"Er hat, bevor er das erste Mal untergetaucht ist, in diesem Krankenhaus nebenbei gearbeitet, in dem auch Mrs. Babbis liegt. Das Brigham & Women's."
"Wollte sie mir ohnehin ansehen, bevor sie verlegt wird." Storm erhob sich ächzend, packte sein Handy wieder ein.

***

Vashtu betrat die Lobby des Krankenhauses, sah sich kurz um, dann schulterte sie entschlossen ihre Reisetasche wieder und marschierte auf die gläsernen Eingangstüren zu. So natürlich wie möglich versuchte sie sich zu geben, aber eben auch, als hätte sie noch einen wichtigen Termin, den sie nicht verpassen durfte.
Die zwei Marines, die zu beiden Seiten der Tür standen, ignorierte sie, obwohl sie sehr genau deren Blicke auf sich fühlte.
Sie hatte genug preis gegeben! Sie fühlte sich tatsächlich ein Stück weit erleichtert, mußte sie zugeben, wenn auch die Schuldfrage, die sie jetzt schon seit Jahrtausenden belastete, in ihren Augen noch immer ungeklärt war. Sie hatte Enkil auf dem Gewissen, auch wenn der Rat interveniert hatte. Es war ihre Entscheidung gewesen, ihn anzugreifen und halbtot zu schlagen.
Mackenzie mochte noch so viel wissen wollen, von ihr erfuhr er nichts mehr. Sie hatte ihm genug gegeben, womit er arbeiten konnte. Mehr brauchte er nicht, und wenn er sich das noch so gern anhören wollte.
Was wollte er mit diesem Wissen denn überhaupt? Und was sollte dieses Bekennen, er suche ihr Vertrauen? In ihren Augen nichts als eine hohle Phrase, der sie nicht weiter nachgeben mußte. Sie vertraute genügend Menschen, ihn brauchte sie da auch nicht noch. Er war ihr ohnehin unsympatisch, von Anfang an sogar schon.
"Mam?" Einer der beiden MP stellte sich ihr in den Weg, wenige Schritte vor der Tür zur Freiheit.
Vashtu wollte sich einen Moment lang wirklich an ihm vorbeidrängen, blieb dann aber stehen und funkelte ihn an. „Machen sie Platz, Lieutanent", sagte sie im befehlenden Ton. „Ich habe eine dringende Verabredung einzuhalten."
Der MP schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Major, aber Sie dürfen das Krankenhaus nicht verlassen. Begeben Sie sich bitte wieder zurück auf Ihr Zimmer."
Vashtu starrte ihren Gegenüber an. „Ich habe Ihnen einen Befehl gegeben, Lieutanent. Also machen Sie gefälligst Platz!" herrschte sie ihn an.
"Sie sind außer Dienst gestellt, Major", entgegnete der junge Mann und schüttelte wieder bedauernd den Kopf. „Gehen Sie wieder zurück, Mam."
Was sollte das? War sie eine Gefangene?
Vashtu kniff die Lippen fest aufeinander, wollte sich wieder an dem MP vorbeidrängen. Der schien ihre Bewegungen vorauszuahnen und verstellte ihr den Weg.
"Ich muß hier heraus, Lieutanent", sagte sie, nachdem sie einige Male tief eingeatmet hatte. „Also machen Sie endlich Platz!"
Wieder ein Kopfschütteln. „Ich bedaure, Major. Aber meine Order lautet, Sie nicht aus dieser Einrichtung herauszulassen. Und daran werde ich mich halten."
"Ich gebe Ihnen als eine vorgesetzte Offizierin den strikten Befehl, zur Seite zu treten, Lieutanent. Also machen Sie endlich Platz!" Ihre Stimme gewann wieder an Schärfe.
"Das kann ich nicht, Mam. Sie dürfen diese Einrichtung auf Befehl von General Landry nicht verlassen. Das ist meine Order, und an die halte ich mich. Tut mir leid, Major", entgegnete der MP ruhig.
Vashtu fühlte einige Blicke auf sich gerichtet, versteifte sich unwillkürlich. „Was soll das? Warum sollte der General einen so unsinnigen Befehl geben? Ich bin gesund, Lieutanent."
"Dann weisen Sie mir das bitte vor. Ansonsten kann ich Sie nicht aus dieser Anlage lassen, Mam", erklärte ihr Gegenüber.
Vashtu atmete tief ein.
Sie fühlte, wie die Wut in ihr wieder anstieg. Wenn er nicht bald Platz machte, würde sie sich nicht mehr beherrschen können. Und damit hätte Mackenzie dann wieder einmal die bessere Prognose abgegeben und einen Grund mehr, sie hier weiter zu quälen.
Das wollte sie nicht. Sie mußte hier heraus und Babbis helfen, ehe der noch tiefer in dem Schlamasel versinken konnte, der sich um ihn aufgetürmt hatte.
"Machen sie Platz, ich warne Sie zum letzten Mal. Wenn Sie meinen Befehlen nicht gehorchen, wird das Konsequenzen haben", zischte sie dem MP zu.
"Major Uruhk, könnten Sie bitte kurz zu mir kommen?"
Vashtu versteifte sich unwillkürlich noch mehr, als sie diese Stimme in ihrem Rücken hörte. Dann erst ging ihr auf, daß der zweite Militärpolizist ebenfalls nicht mehr auf seinem Posten war.
In ihrer Muttersprache fluchend drehte sie sich schließlich um, als sie begriff, funkelte Mackenzie wütend an.
Der Psychologe stand am Tresen, die Arme überkreuzt und eine ernste Miene aufgesetzt, und sah sie durchdringend an. „Major, kommen Sie bitte zu mir", wiederholte er.
Vashtus Kiefer mahlten. Sie warf dem MP noch einen giftigen Blick zu, dann trat sie den Rückweg an.
Mackenzie gab der jungen Frau hinter dem Tresen eine kurze Anweisung, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder ihr zu und sah sie an.
"Was wollen Sie denn noch? Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich zu sagen bereit bin. Jetzt lassen Sie mich endlich hier heraus, verdammt!" herrschte sie den Psychologen an.
Der sah sie immer noch an, dann streckte er die Hand aus und ließ sich von der Angestellten einen Telefonhörer reichen.
Vashtu ballte die Hände zu Fäusten. Liebendgern hätte sie ihn mit diesen Händen zerquetscht und mit diesen Fäusten bearbeitet. Aber sie beherrschte sich, auch wenn es ihr schwer fiel.
Mackenzie wechselte einige kurze Sätze, mit den denen sie nichts anzufangen wußte, mit seinem Gesprächspartner, dann streckte er ihr den Hörer hin. „Für Sie", kommentierte er nur, noch immer dieses ausdruckslose Gesicht zur Schau stellend.
Vashtu versuchte noch einmal, ihn niederzustarren, dann griff sie endlich nach dem Hörer. „Ja?" fragte sie knapp.
"Major Uruhk?" Landrys Stimme.
Vashtu richtete sich unbewußt auf. „Sir?"
Ein Seufzen am anderen Ende. „Dr. Mackenzie bat mich zur Verfügung zu stehen, er erwartete eine solche Szene. Ich dagegen dachte, es sei überflüssig" begann er, dann wurde seine Stimme wieder hart. „Wenn Sie noch einmal versuchen, aus dem Krankenhaus abzuhauen, Major, werden Sie mit Disziplinarmaßnahmen rechnen müssen, haben Sie das verstanden? Es hat seinen Grund, warum Sie im Eveins Army sind. Und Sie werden dort bleiben und Ihre Füße still halten, bis Mackenzie Sie als geheilt entlassen hat. Ansonsten werden Sie die Konsequenzen zu tragen haben. Und ich glaube nicht, daß Sie diese kennenlernen wollen."
Vashtu atmete scharf ein. „Sir, mir geht es gut!"
"Soweit ich informiert bin, sind Sie immer noch verwundet, weil ihre Fremdzellen Sie nicht heilen wollen", entgegnete Landry bestimmt.
Unwillkürlich tastete die Antikerin nach dem Verband um ihren Hals, kniff die Lippen wieder aufeinander.
"Außerdem wissen wir beide, was das letzte Mal geschehen ist, als Sie in einer ähnlichen Situation waren. Sie werden also so lange im Eveins bleiben, bis Mackenzie Sie entläßt. Er hat die absolute Entscheidungsgewalt über Sie, haben Sie das endlich verstanden?"
"Aber, Sir, Babbis braucht mich!" entfuhr es ihr.
"Dr. Babbis hat einen guten Anwalt und zwei ausgezeichnete Spürnasen auf seiner Seite. Und er weiß von Ihren Schwierigkeiten. Der Kristall wird Ihnen heute abend von Sergeant Dorn wieder zurückgegeben."
"Sir, ich bin soweit gesund. Die Wunde ist nicht schlimm", versuchte sie ihn umzustimmen.
"Nein, Major, darüber reden wir nicht. Dr. Mackenzie sieht das anders, ich sehe es anders. Sie haben schon viel zu viel in sich hineingefressen. Jetzt sollten Sie endlich einmal einen Hausputz in Ihrem Oberstübchen vornehmen. Und, vergessen Sie das ja nicht, sollten Sie soetwas noch einmal versuchen, werden Sie die Konsequenzen zu tragen haben. Sie werden solange in der Klinik bleiben, wie es erforderlich ist."
Vashtu starrte Mackenzie wieder an. „Aber nicht mit diesem ... diesem Kerl als Arzt, Sir. Bei allem Respekt, aber ..."
"Doch, genau mit diesem Kerl als Arzt, Major. Mackenzie ist der beste Psychologe, den Sie finden können. Und jetzt gehen Sie wieder auf Ihr Zimmer und verhalten sich kooperativ. Und wehe, wenn Sie auch nur an einen erneuten Versuch denken, Major Uruhk." Landry klang jetzt wirklich verärgert, doch gleichzeitig auch besorgt.
Vashtu warf Mackenzie den Hörer zu, dann drehte sie sich zum Treppenhaus um und marschierte zurück in ihr Zimmer.
Aber, das schwor sie sich, über diese Sache war noch nicht das letzte Wort gesprochen.

TBC ...