03.10.2009

Vashtu VIII

Eine Woche später

Als sie die Tür öffnete, wich sie unwillkürlich einen Schritt zurück. Sheppard stand draußen auf dem Gang, grinste sie freundlich an und hob eine braune Tüte. „Darf ich reinkommen? Ich habe auch etwas mitgebracht."
Vashtu zögerte einen Moment, dann trat sie zur Seite und ließ ihn passieren. Stirnrunzelnd beobachtete sie dann, wie er die Gegenstände auf einem der Tische zusammenschob und seine Papiertüte darauf abstellte.
„Zwar kein Candlelight-Dinner, aber immerhin. Truthahnsandwiches, frisch aus der Kantine." Er legte je eine verpackte und belegte Brotscheibe auf jede Seite des Tisches, stellte noch zwei Halbliter-Wasserflaschen dazu. Kritisch beäugte er sein Werk, ehe er wieder aufsah. „Das Mahl ist gerichtet."
Vashtu neigte den Kopf leicht zur Seite, kreuzte die Arme vor der Brust und nickte. „Und womit habe ich das verdient?"
Sheppard zuckte mit den Schultern, zog sich einen der Bürostühle heran und flätzte sich hinein, die langen Beine weit vor sich ausgestreckt, die Knöchel übereinander geschlagen. „Ich hatte Hunger und dachte, du könntest auch etwas vertragen."
Vashtu nickte wieder, zögerte aber noch, ehe sie an den Tisch trat und sich ihr Sandwich nahm.
„Du hast dich ja fast eine Woche nicht mehr blicken lassen", bemerkte Sheppard völlig unvermittelt.
Vashtu legte das Sandwich zurück. „Ich bin beschäftigt."
Er verschränkte die Hände hinter seinem Kopf und streckte sich zu voller Größe. „Das bin ich auch. Aber irgendwann ist Dienstschluß. Ist dir entgangen, daß manche von uns sich danach in der Kantine treffen? Ich hätte mich gefreut, wenn du auch gekommen wärst."
Vashtu zuckte mit den Schultern, wandte sich wieder ihrem Laptop zu und beobachtete, wie die Datenreihen über den Bildschirm rasten.
Er brauchte nicht zu wissen, daß sie sich schämte für das, was sie getan hatte. Sie konnte nur hoffen, daß sie keinen dauerhaften Schaden angerichtet hatte, obwohl sie das ... Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu, preßte die Lippen fest aufeinander.
Warum wurde sie nur das Gefühl nicht los, daß ihre Pheromone nicht mehr wirklich etwas mit seinem Verhalten zu tun hatten? Daß da noch etwas anderes mit hineinspielte?
Er beobachtete sie, schwieg jetzt aber.
Was sollte sie nur tun? Ja, sie war ihm aus dem Weg gegangen, seit er durch das Tor zurückgekommen war. Und eigentlich hatte sie auch das Gefühl gehabt, er suche auch nicht unbedingt ihre Nähe. Zwar hatte er ihr ein paar Nachrichten hinterlassen, aber ...
„Iß wenigstens. Du siehst hungrig aus", sagte er plötzlich, setzte sich auf.
Vashtu zögerte wieder, tat, als habe sie gerade etwas sehr interessantes auf dem Bildschirm entdeckt, bis sie bemerkte, daß er sich von dem Stuhl erheben wollte. Sofort hob sie den Kopf und sah ihn an. „War doch nicht das richtige."
Sheppard hob überrascht die Brauen, ließ sich aber wieder zurück auf den Stuhl sinken.
Irgendwie brachte sie ein zerknirschtes Lächeln zu stande. „Na gut. Dann essen wir zusammen", entschied sie.
Ein Leuchten schien in seine Augen zu treten, und er setzte sich tatsächlich gerade und ordentlich hin. „Der Tisch ist gedeckt."
Noch immer etwas zögernd rollte sie sich einen Stuhl auf die andere Seite des Schreibtisches und setzte sich. Vorsichtig griff sie nach dem, in Folie eingeschweißten Sandwich, packte es aus.
Sheppard auf der anderen Seite tat es ihr nach, biß herzhaft hinein und kaute. Etwas rotes glitzerte in seinem Mundwinkel, und er leckte es mit der Zungenspitze ab, ehe er einen neuen Bissen nahm.
Vashtu beschloß, sich offen und freundlich zu zeigen und dankbar für diese unverhoffte Mahlzeit zu sein, wenn auch nicht mehr.
„Was ist das, Truthahn?" erkundigte sie sich, nachdem sie den ersten Bissen genommen hatte.
Sheppard kaute und schluckte dann, ehe er freudig strahlend antwortete: „Ein großer Vogel. Zu Thanksgiving und zu Weihnachten ist es sozusagen Pflicht, einen Truthahn zu braten. Er wird gefüllt mit ... das kommt auf den Koch an. Und es gibt Süßkartoffeln dazu. Wenn er gut zubereitet wird, ein Gedicht."
Vashtu nickte verständnislos, biß wieder ab.
„Aber du mußt mal Popcorn probieren, am besten im Stadion, wenn es ganz frisch ist", fuhr Sheppard unverblümt fort, griff nach seiner Flasche Wasser. „Das Zeug ist gut." Er trank einen Schluck.
Vashtu nagte mehr an ihrem Sandwich, als daß sie herzhaft zubiß.
Irgendetwas führte er im Schilde. Sie konnte das spüren. Er war zu locker.
Nachdem sie die Hälfte von ihrem Sandwich gegessen hatte, sah sie wieder auf. „Du bist doch nicht hergekommen, um mir von Truthähnen und Popcorn zu erzählen, oder?"
Sheppard wischte sich an einer Serviette die Hände ab und verstaute seinen Abfall wieder in der Papiertüte. „Ronon ist weg", sagte er dann.
Vashtu starrte ihn an. „Weg? Warum?"
Er schien noch Reste seiner Mahlzeit mit der Zunge zwischen den Zähnen zu suchen, so wie sich sein Mund verzog. Dann griff er wieder nach der Wasserflasche und nahm einen Schluck. „Sinngemäß hat er mir gesagt, er würde hier solange nicht bleiben, wie wir meinten, durchgeknallten Ahninnen Unterschlupf bieten zu müssen. Hatte ich schon erwähnt, daß er ... etwas mißgestimmt war über dich?"
Vashtu zuckte mit den Schultern. Ihr fiel nichts dazu ein, aber es war ihr auch gleich - Nein, das war es nicht. Aber sie würde das nicht zugeben!
„Und du bist ihm nicht nach und hast versucht, ihn zu überreden? Immerhin ist er Mitglied deines Teams."
Sheppard verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse. „Ehrlich gesagt haben mir seine ganzen Drohungen nicht behagt, was passieren würde, wenn ich ihm folgen würde. Irgendwie habe ich doch eine gewisse Abneigung gegen gebrochene Knochen." Er wurde ernst. „Außerdem kann Ronon Dex auf sich selbst aufpassen - hat er in der Vergangenheit wenigstens getan." Er sah wieder auf, mit einem undeutbaren Blick.
Vashtu zuckte mit den Schultern, schob ihm den Rest von ihrem Sandwich zu und erhob sich.
„Ich bin nicht gut in sowas", sagte Sheppard unvermittelt.
Vashtu erstarrte. „In was?"
Er schien ein wenig herumzudrucksen, ehe er antwortete: „Danken fürs Lebenretten und so."
Vashtu nickte. „Kein Problem. Ich habe dich hineingeritten, dann konnte ich auch helfen, dich wieder herauszuholen."
Er schwieg.
Sie wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu und hoffte, er würde bald gehen.
„Ich habe mich selbst da hineingeritten", sagte er schließlich. „Ich hätte auf dich hören sollen."
Vashtu seufzte und nickte.
Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Drückende Stille, die Vashtu wie eine Wand empfand, hinter der sie sich gut verbergen konnte.
Sie spürte seinen Blick wie brennende Kohlen auf ihrer Haut, doch sie weigerte sich behaarlich, ihn noch einmal anzusehen. Er sollte gehen, ehe sie beide noch mehr Schaden anrichten konnten. Es durfte nicht sein. Sie hatte von Anfang an falsch gehandelt, und sie konnte sich einfach nicht vorstellen, daß sie irgendetwas von dem würde retten können, was sie tief in sich empfand.
„Elizabeth meinte übrigens, sie hätte eine Stellvertreterin für mich, wenn ich mal verschwinden wolle. Du hättest dich so aufgeführt wie ich", sagte er schließlich.
Vashtu nickte, als habe sie nicht zugehört. Tatsächlich aber lauerte sie darauf, seiner Stimme zu lauschen.
„Du hast etwas gut bei ihr, und bei mir auch."
So ging es nicht weiter. Irgendwie mußte sie ihn aus ihrem Labor hinauswerfen. Sie konnte sich auf nichts anderes als seine Anwesenheit konzentrieren, und sie spürte jeden seiner Blicke auf ihrer Haut.
Wenn er also nicht ging, wenn sie freiwillig in die Defensive glitt, dann eben anders.
Sie sah auf und starrte ihn durchdringend an. „Was willst du wirklich, John? Du bist doch weder hergekommen, um mich über Ronons ... Gehen zu informieren, noch um dich zu bedanken. Irgendetwas führst du im Schilde."
Einen Moment lang schien er irritiert, dann hatte er sich wieder im Griff und erhob sich. „Du hast recht. Ich bin aus einem anderen Grund gekommen. Ich wollte dich etwas fragen."
Sie richtete sich auf und kreuzte die Arme vor der Brust.
Er neigte leicht den Kopf, sein Gesicht war ernst geworden. „Willst du in mein SG-Team?"
Jetzt starrte sie ihn verdattert an. „Was?"
Er nickte. „Du bist eine gute Kämpferin, du kannst ... ganz gut fliegen, und du hast Rodney im Griff. Du kennst dich mit den Antiker-Dingern aus und weißt so einiges. Also, mir würde das reichen."
Vashtu schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich bin eine Antikerin, John", war das erste, was ihr einfiel.
Er zuckte mit den Schultern. „Naja, ein Grund mehr, dich hier nicht tatenlos sitzen zu lassen. Teyla wird demnächst wieder einsatzbereit sein, dann können wir ausrücken." Seine Worte wurden immer leiser, schließlich verstummte er. „Oder willst du weg von Atlantis?" fragte er dann. In seiner Stimme schwang purer Unglauben.
Vashtus Augen irrten hin und her, ihre Brauen spielten. „Was heißt hier, ich könne ganz gut fliegen? Ich denke, ich bin wenigstens genauso gut wie du." sagte sie schließlich etwas hilflos.
Sheppard hob eine Braue. „Also ... na gut, du bist Han Solo. Aber, hey, Finger weg von den Kontrollen, wenn ich mit dabei bin, es sei denn, ich sage, du sollst fliegen. Ich bin der Teamchef, nicht vergessen." Er hob einen Finger und zwinkerte ihr zu.
Vashtu sah ihn immer noch skeptisch an. Sie wurde das Gefühl nicht los, daß er sie doch wieder ablenkte und etwas vollkommen anderes von ihr gewollt hatte, als er herkam. Aber was das war, konnte sie beim besten Willen nicht sagen.
„Wer ist Han Solo?" Sie schüttelte hilflos den Kopf.
Sheppard richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf. „Ein Filmheld von der Erde. Was sagst du?"
In diesem Moment piepte der Laptop. Er hatte seine Suche beendet.
Vashtus Blick irrte etwas hilflos hin und her. Was sollte sie sagen? Wie sollte sie sich verhalten? Sie hatte keine Ahnung.
Endlich sah sie auf den Bildschirm und erstarrte. Ein freudiges Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Ich habe es geschafft!" Sie blickte auf und strahlte ihn an.
Jetzt war er es, der irritiert aussah. „Was?"
„Ich habe die möglichen Sternentore für die letzte Adresse ausfindig gemacht. Wenn sie noch existieren, könnte irgendwo ein Ladegerät auf uns warten."

Kurz darauf

Elizabeth Weir staunte nicht schlecht, als sie die drei unterschiedlichen Gestalten in ihr Büro treten sah wie Gladiatoren in einem römischen Circus. Colonel Sheppard wirkte zu allem bereit, Vashtu Uruhk strahlte und Rodney McKay studierte aufmerksam einen Computerausdruck.
„Was gibt es?" Weir klickte rasch das Kartenspiel von ihrem Bildschirm und erhob sich.
„Elizabeth, wir haben es." Jetzt strahlte auch Sheppard.
Die Expeditionsleiterin sah ihn verwirrt an.
„Nun ja, um genau zu sein haben wir rund zweihundert Gate-Adressen", setzte McKay hinzu. „Aber eine von ihnen birgt dieses Ladegerät für ZPMs."
Vashtu nickte eifrig. „Ganz genau. Ich habe die Suche deutlich eingrenzen können."
Weir sah einen nach dem anderen nachdenklich an. „Sind Sie sich alle drei darüber im klaren, daß es wieder zu einem ähnlichen Vorfall wie bei der letzten Adresse kommen könnte?"
„Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß es noch mehr von diesen merkwürdigen Energiewesen gibt? Wir sind auf zwei gestoßen und mit beiden fertiggeworden. Das Risiko lohnt sich", entgegnete Sheppard.
„Naja, um genau zu sein, wir könnten noch auf hunderte, vielleicht tausende dieser Wesen treffen", berichtigte McKay. „Wir haben noch nicht annähernd eine Ahnung, was uns noch da draußen erwartet." Er erntete einen warnenden Blick des Colonel für diese Worte.
„Die richtige Adresse ist darunter. Und Vashtu hat sie die Quote bereits um über 95 Prozent gesenkt. Also, ich halte das für eine Leistung, die wir honorieren sollten", sagte Sheppard dann.
Weir kreuzte die Arme vor der Brust und neigte den Kopf zweifelnd zur Seite. „Aber sind Sie sich auch sicher, daß Atlantis dieses Risiko tragen sollte? Colonel, Sie sollten noch einmal darüber nachdenken."
McKay runzelte die Stirn. „Elizabeth, denken Sie doch einmal daran, was wir gewinnen würden. Keine Energiesorgen mehr. Ein Ladegerät, mit dem wir auch das ZPM, das während unserer Reise hierher erschöpft wurde, wieder aufladen können. Die Daedalus ..."
Weir hob die Hände, musterte jeden der Drei aufmerksam. Dann blieb ihr Blick an Vashtu hängen. „Sie haben es also doch nicht aufgegeben. Was sagen Sie denn dazu?"
Die Antikerin preßte kurz die Lippen aufeinander, zuckte mit den Schultern. „Ich denke, das Risiko ist es wert. Natürlich ist es immer noch eine Menge Arbeit, aber immerhin ... Sie wären Ihre Energiesorgen los und ich könnte ... ich hätte ..." Sie verstummte.
Weir nickte nachdenklich, sah wieder zu ihren beiden Stabsmitgliedern hoch. „Also gut, versuchen Sie es."

Drei Tage später

Aus dem Hyperraum tauchte ein gewaltiges Schiff auf, dessen Triebwerke immer wieder aussetzten. In der Finsternis des Alls kaum auszumachen nahm es Kurs auf einen nahen Planeten, während die Triebwerke weiter stotterten.
Auf dem Planeten öffnete sich gerade das Stargate und ein Puddlejumper kam hindurch geflogen, ging sofort in den Tarnmodus und verschwand am Himmel. Niemand hatte etwas bemerkt, und das Wraith-Basisschiff war noch zu weit entfernt für die Sensoren des kleinen Gleiters. Selbst wenn die Insassen diese eingesetzt hätten, wäre es ihnen entgangen, was da auf sie zukam.
„Laut den Aussagen von Lornes Team wissen die Bewohner nichts von einem leuchtenden Gerät irgendwo auf ihrem Planeten", faßte McKay gerade den Bericht zusammen, den sie durch Zufall beim Kontrollieren der Gate-Adressen gefunden hatten. „Allerdings sprechen die Vensianer, wie sie sich selbst nennen, von den singenden Bergen."
Sheppard, der am Steuer saß und die Anzeigen im Auge behielt, nickte. „Hört sich doch vielversprechend an."
„Noch vielversprechender wird es, wenn man sich die Energiewerte ansieht", fügte Vashtu hinzu, lehnte sich entspannt zurück. „Ich wette, wir finden eine Höhle in diesen Bergen und wenn wir dort hineingehen, das Ladegerät."
„Hoffen wir es." McKay schloß den Bericht des anderen Teams und stellte seinen Laptop auf den Boden. „Es könnte auch einen anderen Grund haben, warum die Menschen hier meinen, ihre Berge singen. Zum Beispiel einen instabilen Boden."
Vashtu blickte auf die Anzeigen. „Von dem nichts zu sehen ist."
„Ich meine ja nur. Wir sollten nicht in jede Höhle klettern, die wir finden. Wer weiß, ob wir nicht verschüttet werden."
„Immer positiv bleiben, Rodney." Sheppard schmunzelte, warf kurz einen Blick auf sein viertes Teammitglied. Johnson saß stumm und sichtlich eingeschüchtert auf dem vierten Sitz in der Kanzel und schien sich an einen anderen Ort zu wünschen. „Es wird Spaß machen."
Vashtu drehte sich jetzt ebenfalls zu ihrem ehemaligen Bewacher um und runzelte die Stirn. „Keine Sorge, es wird nichts passieren."
McKay kreuzte die Arme vor der Brust und hob das Kinn ein wenig. „Sieht man davon ab, daß dieses Gerät seit zehntausend Jahren Energie aus diesem Planeten zieht, meinen Sie."
„Es läuft doch in so einer Art Sparmodus. Ich denke nicht, daß es dem Planeten viel Energie entzieht, Rodney", entgegnete Sheppard.
Ein kleiner Punkt auf der Anzeige blinkte, wurde rasch größer.„Ich denke, wir sollten allmählich Ausschau nach einem guten Landeplatz halten." Sheppard reckte ein wenig den Hals und blickte auf den dichten Wald hinunter. Am Horizont wuchs mit jeder Sekunde die Gebirgskette, die singenden Berge.
Vashtu erhob sich, um ihre Ausrüstung noch einmal zu überprüfen.Sie war nervös, wenn sie sich vorstellte, was sie hier möglicherweise finden würden. Endlich könnte sie dann einen Platz in Atlantis für sich beanspruchen. Einen Platz, der ihr ein neues Leben ermöglichen würde. Und vielleicht ... Ihr Blick fiel auf Sheppard, und sie wandte sich schnell ab.
„Nimm am besten noch ein paar Reservemagazine für die P-90 mit", hörte sie den Colonel sagen und nickte. Dann schloß sie ihre Überlebensweste sorgsam zu, tastete noch einmal über alle Taschen, ob sie auch gefüllt waren. Sanft, beinahe zärtlich streifte sie dabei die linke Brusttasche, in der der Detektor für alle Fälle auf seinen Einsatz wartete.
Sorgsam kontrollierte sie noch einmal, ob ihre Waffen, die erwähnte P-90 und in einem Holster eine Beretta, auch über volle Magazine verfügten, ob sie auch geladene Reserve-Patronen mitnahm. Dann drehte sie sich von den anderen weg und tastete nach noch etwas anderem.
In den letzten Tagen hatte sie sich des öfteren mit dem neuen Waffenexperten auf Atlantis getroffen, der ihr das eine oder andere verraten hatte. Letzte Nacht war sie dann unbemerkt in die Waffenkammer eingebrochen und sich eine gewisse Menge an C4 und den dazugehörigen Zündern besorgt - für alle Fälle. Sie hoffte zwar, daß sie keine unangenehmen Bekanntschaften haben würden, aber besser, man war für viele Eventualitäten gewappnet.
Der Jumper senkte sich langsam in einem felsigen Gebiet ab, so nahe an der Energieanzeige wie möglich. Einen kurzen Fußmarsch würden sie noch tun müssen, doch für Sheppard war er noch erträglich.
Er landete den Jumper sauber und punktgenau, ließ die Maschinen auslaufen und erhob sich. „Dann los."
Vashtu hatte bereits die Heckklappe geöffnet und stand draußen, die P-90 locker im Arm.
Sheppard kam nicht umhin, ihre Haltung zu bewundern. Wenn es möglich war, und er hatte eigentlich noch nie auf Army-Babes gestanden, gab die Waffe ihr ein noch besseres Aussehen.
Er griff sich seine Waffe und kam die Rampe herunter. Aufmerksam sah er sich um. „Nette Gegend", murmelte er dann.
Im Sonnenuntergang wirkten die dichten Wälder, die sich bis weit zum Horizont erstreckten, wie ein gigantisches Meer voll sacht im Wind wippender Wipfel. Irgendwelche Nadelbäume, Fichten nicht unähnlich.
Er drehte sich zu Vashtu um. „Und?"
Sie hatte den Detektor in einer Hand, stützte mit dem Unterarm die Waffe, und drehte sich langsam zu den schroffen Felshängen vor ihnen. „Dort hinüber", sagte sie nach einer Weile.
Sheppard blickte auf, betrachtete den Schotterweg, wahrscheinlich ein ausgetrocknetes Schmelzwasserbett, genauer. Dann nickte er.
Zumindest von hier konnte er nicht feststellen, daß sie einen schlechten Weg gewählt hatte. Im Gegenteil schien er sogar recht bequem zu sein, nicht zu steil, mit einem relativ festen Untergrund.
„Johnson, Sie bilden die Nachhut, Vashtu, du bleibst mit mir vorn. Rodney", er warf dem Wissenschaftler nur einen langen Blick zu. Der winkte ab und der Colonel nickte. „Dann machen wir uns auf den Weg. Abmarsch."
Er schaltete noch kurz den Tarnmodus des Jumpers ein, dann ging er los, Vashtu neben sich wissend. Doch die Antikerin hielt deutlichen Abstand zu ihm, so daß McKay, wäre er schneller gewesen, durchaus auch noch zwischen ihnen hätte gehen können.
Lässig die P-90 als Armstütze nutzend, wanderte er weiter, betrachtete aufmerksam die Umgebung. Ab und an warf er der Antikerin einen Blick zu. Sie war offensichtlich noch immer auf den kleinen Monitor in ihrer Hand konzentriert und führte sie geradewegs zu dem Ladegerät - zumindest hoffte er das.
Nach gut zehn Minuten Fußmarsch erreichten sie einen hohen und schmalen Höhleneingang.
„Hier müßte es irgendwo sein." Vashtu blickte endlich wieder auf und musterte das schroffe Gestein.
Sheppard tat es ihr nach, hockte sich dann hin und untersuchte auch den Boden vor der Höhle. „Zumindest keine offenkundigen Besucher", meinte er dann, ließ dabei offen, was er meinte, im inzwischen eingetretenen Dämmerlicht gesehen zu haben.
„In solchen Höhlen gibt es immer Getier", ließ McKay sich vernehmen.
Sheppard sah zweifelnd die Felsen hinauf. Auch sie wirkten in dem wenigen Licht recht massiv. Er glaubte nicht, daß ihnen hier irgendetwas bevorstand, zumindest nichts schlimmeres als vielleicht ein paar Fledermäuse.
„Dann gehen wir rein", entschied er, schaltete die Lampe an seiner Waffe ein und legte sie locker an. Vashtu und Johnson taten es ihm nach, während McKay eine Taschenlampe zückte.
„Sind Sie sicher?"
Sheppard nickte, betrat als erster den schmalen Eingang. Der Boden dahinter war leicht abschüssig und mit verrottetem Laub und Nadeln bedeckt. Doch keine Spur irgendwelcher unliebsamer Bewohner.
„Alles in Ordnung, kommt rein", rief er zurück und wartete, bis Vashtu wieder zu ihm aufgeschlossen hatte. Seite an Seite gingen sie weiter, McKay und Johnson hinter sich.
Die Lampen waren allesamt zu schwach, um die gewaltigen Dome der Höhle auszuleuchten. Er bekam nur einen schwachen Eindruck von der Größe der verschiedenen Hallen, wenn er auf die Echos hörte, die sie verursachten.
Es wurde merklich kühler.
„Wir müssen, denke ich, den Höhlen folgen." Vashtu hatte wieder den Detektor gezückt, steckte ihn nun aber wieder ein. „Im Moment bewegen wir uns etwas vom Ladegerät weg. Aber ich glaube, weiter vorn werden wir auf eine andere Höhle stoßen und wieder in die richtige Richtung gehen."
Sheppard schürzte nachdenklich die Lippen, nickte nach einer kleinen Weile. „Hast du es dir inzwischen überlegt?" fragte er schließlich.
Vashtus nächster Schritt knirschte und verursachte einen hallenden, unheimlichen Laut. „Was?"
„Was war das?" McKays Stimme klang aufgeregt.
„Keine Bange, Rodney, nur ein Stein", sagte Sheppard über die Schulter zurück und betrachtete seine Nachbarin forschend. „Ob du in mein Team kommen willst, meine ich. Hast du es dir überlegt?"
Er sah, wie ihre Kiefer sich anspannten. „Ich denke nicht, daß das eine gute Idee wäre", antwortete sie ausweichend.
„Womit sie mehr Verstand beweist als Sie, John", ließ McKay sich wieder vernehmen.
Sheppard hob eine Braue. „Du kannst auch dein eigenes Team haben, wenn du möchtest. Ließe sich einrichten", schlug er vor.
McKay hustete. „Zumindest bis Caldwell wieder auf Atlantis eintrifft, meinen Sie."
Sheppard sah immer noch Vashtu an. „Ich hätte dich wirklich gern dabei. Entweder in meinem Team oder einem eigenen. Und Teyla freut sich schon."
Vashtu blieb unvermittelt stehen, drehte sich zu ihm um und starrte ihn an. „Was? Warum beschließt du so etwas über meinem Kopf hinweg?"
„Du gehörst weder hinter einen Rechner noch in ein Labor. Sicher wirst du dort viel Zeit verbringen. Frag mich, ich weiß, wovon ich rede." Sheppard grinste schief. „Wie ich dir schon gesagt habe, du hättest etwas zu tun."
„Ich halte das nicht für eine so gute Idee. Sie gehört noch nicht einmal ..."
„Mund halten, Rodney - McKay!" Dieser Ruf kam aus zwei Kehlen.
Der Wissenschaftler kreuzte die Arme vor der Brust. „Wenn das kein Beweis ist ... Hören Sie sich doch nur beide an! Sie reden ja sogar zeitgleich."
Statt eines erneuten Ausrufes erntete er für diese Bemerkung zwei wütende Blicke. Dann drehten sie sich wieder um und nahmen ihren Weg erneut auf.
„Was willst du denn sonst tun?" erkundigte Sheppard sich nach einer Weile.
Die Antikerin marschierte weiter, starrte nach vorn, das Gewehr im Anschlag. „Ich weiß es noch nicht. Vielleicht helfe ich Dr. Beckett bei seinen Forschungen."
„Das ist nichts für dich."
„Woher willst du das wissen?"
McKay seufzte und trabte hinter dem Paar her.
„Du hast Abenteurerblut in den Adern. Und was willst du mit deinen Flugkünsten tun? Einmal im Monat zum Festland fliegen? Sehr aufregend!" Sheppard schüttelte den Kopf. „Ich kann jeden guten Kämpfer gebrauchen, den ich finden kann. Warum also sperrst du dich dagegen? Wir ... du könntest ein richtig schönes und abenteuerlustiges Leben führen."
Vashtu warf ihm einen kurzen, fragenden Blick zu. „Bist du das, der da redet, John?"
Sheppard nickte. „Ja, das bin ich", antwortete er, neigte leicht den Kopf, als habe er etwas sehr interessantes gesehen.
„Wir könnten?" Er hörte Skepsis in ihrer Stimme.
„Können Sie das nicht vielleicht besprechen, wenn wir wieder zurück in Atlantis sind?" fragte McKay.
„Nein!" kam unisono wieder eine Antwort zurück.
„Ich habe dir gesagt, daß es mir schwerfällt, darüber zu reden", versuchte Sheppard zu erklären, zog eine Grimasse. „Warum können wir es nicht dabei belassen?"
„Worüber fällt es dir schwer zu sprechen? Über deine Gefühle?"
Das saß!
Er fühlte einen stechenden Schmerz im Herzen und spannte die Kiefer an. Dafür spürte er Vashtus bohrende Blicke auf der ihr zugewandten Seite seines Gesichtes. Doch er antwortete nicht, konzentrierte sich wieder auf ihren Weg.
„Bist du dir überhaupt sicher, ob es wirklich deine Gefühle sind oder nicht vielleicht irgendetwas anderes?" fuhr die Antikerin fort.
Sheppard kniff die Lippen zusammen, um den Schrei, der in seiner Kehle steckte, zu unterdrücken. Warum mußte das alles so verdammt kompliziert sein? Konnte sie das nicht einfach akzeptieren, wie sie sonst fast alles an ihm akzeptiert hatte? Es hatte lange genug gedauert, bis er sich selbst eingestanden hatte, daß da ...
„Hey, da vorn ist was!" mischte McKay sich wieder ein. Seine Stimme klang undeutlich, als würde er kauen.
Sheppard verhielt im Schritt, hob die P-90 an die Wange. Spiegelverkehrt, auf seiner ungeschützten Seite, tat Vashtu es ihm augenblicklich nach.
Vor ihnen schimmerten Lichter, sich bewegende Lichter.
Langsam ging er weiter, die Antikerin an seiner Seite wissend.
„Was ist das?" hörte er Johnson hinter sich wispern.
Dann blieb er verblüfft stehen und ließ die Waffe sinken. „Die kenne ich doch!"
Vor ihnen schwebten in dicken Schwärmen Leuchtkäfer durch die Dunkelheit, umschwirrten sie neugierig.
„Da haben Sie Ihre Energieanzeige. Und jetzt ... " McKay schlug um sich, wich immer weiter zurück und schützte den Energieriegel in seiner Hand.
„Wie wäre es mit teilen?" schlug Sheppard vor, dann erst hörte er das leise, befreiende Lachen und drehte den Kopf.
Vashtu stand, ebenfalls die Waffe gesenkt, an seiner Seite und betrachtete die Leuchtkäfer mit ebenso leuchtenden Augen. Einen Moment lang sah sie aus wie ein kleines Mädchen, das gleich zu tanzen beginnen würde vor Freude.
Sheppard selbst hatte keine unangenehmen Erinnerungen an seine erste Begegnung mit diesen winzigen Energiewesen, wenn auch störende. Schmunzelnd blickte er sich um, bis seine Augen wieder auf die Antikerin trafen, die noch immer erleichtert kicherte.
„Was ist?"
„Wir sind auf dem richtigen Weg!" Sie warf den Kopf in den Nacken, erwiderte dann seinen Blick. „Diese netten kleinen Kameraden befinden sich immer in Gefolgschaft eines Ladegerätes. Das hat Themma mir damals erklärt."
Sheppard hob die Brauen und nickte. Insgeheim schwor er sich, sie einmal sehr ausgiebig zu verhören. Sie schien eine Menge Antiker gekannt zu haben. Und verdächtig viele davon schienen männlich gewesen zu sein.
„Das ist Blödsinn! Diese Dinger fressen Energie", ließ sich McKay vernehmen.
Sheppard drehte sich um, weil ihn etwas an der Stimme irritierte. Und tatsächlich war der Wissenschaftler noch weiter zurückgewichen. Der Colonel runzelte die Stirn.
Vashtu hatte den Detektor wieder aus ihrer Weste geholt und aktiviert. Lächelnd nickte sie. „Hinter ihnen befindet sich eine weitere Energiequelle. Was ich gesagt habe, wir sind auf dem richtigen Weg."
Johnson stand mit offenem Mund da und wußte gar nicht, wohin er zuerst sehen sollte.
Sheppard drehte sich wieder um und leuchtete die Höhle hinter den kleinen leuchtenden Punkten aus, wo sich tiefschwarze Finsternis verbarg. „Ist es noch weit?"
„Nein, nicht sehr. Den größten Teil des Weges haben wir hinter uns."
„Gut, dann weiter."
Weiter an der Seite der Antikerin ging er los. „Rodney, aufschließen", sagte er blind nach hinten.
Die Höhle machte einen Knick, wie Vashtu es gesagt hatte. Und endlich betraten sie einen Gang, in dem es längst nicht so hallte wie weiter vorn. Irgendwie ... er sah künstlich aus.
Vashtu und er leuchteten den Weg vor ihnen aus, und er bemerkte wieder, wie aufmerksam sie das tat. Sie wäre wirklich eine Bereicherung für sein Team ... und für ihn.
Er zwang den letzten Gedanken wieder zurück in die Tiefen seines Geistes. Sie hatte ihm mehr oder minder eine Abfuhr erteilt, warum auch immer. Trotzdem nagte es an ihm.Weit vorn tauchte jetzt wieder ein Lichtschimmer auf, wenn auch deutlich blasser als das, was die Glühkäfer ausgestrahlt hatten. „Noch mehr von ihnen?"
Vashtu schüttelte den Kopf. Plötzlich wirkte sie angespannt. „Das könnte es sein."
Sheppard nickte. Das Licht irritierte ihn, so tief wie sie in den Höhlen steckten. Doch Gott sei Dank gab es kaum Möglichkeiten, sich zu verlaufen. Es schien kein labyrinthisches Geflecht von Gängen zu geben. Die Höhlen hier waren hintereinander angelegt, wie Perlen an einer Schnur.
Der Lichtschimmer wuchs, je näher sie ihm kamen. Was auch immer dieses Licht absonderte, es verbarg sich offenbar hinter einer neuen Biegung und dem Übergang zu einer weiteren Höhle. Hoffentlich würden sie bekommen, was sie wollten.
Er bog um die Ecke und blieb stehen wie angenagelt. Ungläubig starrte er auf das, was sich da vor ihm befand.
Vashtu lachte jetzt wirklich vor Glück und Erleichterung laut und schallend. Dann drehten sie beide sich um und lächelten sich an.
„Wir haben es geschafft!"
Wieder sahen sie sich das an, was auf einem schmalen Felssockel vor ihnen stand. McKay linste an ihnen vorbei.
Auf einem niedrigen Felsvorsprung stand der Kasten. Er sonderte mehr Licht ab, als Sheppard erwartet hatte. Um das Ding tanzten noch mehr Leuchtkäfer. Deutlich konnte er Einzelheiten an der Außenschale des Ladegerätes sehen, etwas wie Schriftzeichen und schnittige Längs- und Querstreifen.
Aus dem geöffneten Deckel entströmte ein sanftes Licht, das beinahe pulsierte.
„Cool!" entfuhr es Sheppard.

Kurz darauf

Vashtu beugte sich über den Deckel. Sheppard beobachtete, während er noch immer das Ladegerät staunend betrachtete, wie sie eine Reihe von Zeichen sorgfältig studierte, schließlich die Hand ausstreckte und einen Punkt berührte. Beinahe sofort fiel dem Colonel auf, daß plötzlich etwas fehlte. Es dauerte allerdings ein wenig, bis ihm aufging, daß es sich um ein leises Summen gehandelt hatte, das urplötzlich ausgesetzt hatte.
„Was war das?" fragte McKay und blickte von seinem Palm-Top auf.
Vashtu richtete sich wieder auf und winkte Johnson zu. „Das Werkzeug." Dann traf sich ihr Blick mit dem von Sheppard, der sie jetzt fragend ansah. Seufzend verzog sie das Gesicht.
„Ich habe den Plasmabohrer abgeschaltet. Wir hatten doch beschlossen, das Gerät abzubauen und mitzunehmen."
Sheppard nickte, musterte die Kiste vor sich wieder aufmerksam. „Klar, wir können es nicht mit einem funktionierenden Bohrer hier herausholen, solange der aktiv ist."
Sie wandte sich wieder dem Gerät zu, berührte einen anderen Punkt.
„Ist es schwer?" erkundigte Sheppard sich, sich an den doch recht langen Weg hierher erinnernd.
„Das Gehäuse ja", antwortete Vashtu, trat zurück.Mit einem anderen, helleren Summen, fuhr etwas aus dem Kasten hoch.
Sheppard bekam große Augen.
Ein Metallgestänge, und mittendrin, wie eine Kinderwiege aufgehängt, eine Schale hoben sich aus dem Kasten.
Vashtu drehte sich um und öffnete den Rucksack. McKay stromerte immer wieder um das Ladegerät herum, tastete aufregt auf seinem tragbaren Bildschirm herum.
„Du weißt, was du tust?"
Die Antikerin hielt inne, hob dann etwas aus dem Rucksack, das aussah wie eine Kreuzung zwischen Rohrzange und Schraubenschlüssel. „Die Halterung mit den Verbindungen muß gekappt werden für den Transport, ebenso wie der Generator ausgebaut werden muß. Beides ist zu empfindlich und muß gesondert transportiert werden. Wird etwas davon zerstört oder beschädigt, haben wir ein Problem."
Sheppard nickte nachdenklich. „Na dann. Rodney, wenn Sie können, helfen Sie."

TBC ...

02.10.2009

Vashtu VII

Am Morgen, einige Stunden später

Weir betrat die Kommandozentrale, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Bowman war bereits anwesend und hantierte am DHD herum. Er blickte auf, als er sie kommen hörte.
„Guten Morgen, Dr. Weir. Wie ich sehe, sind Sie auch früh aufgestanden", begrüßte er sie.
Weir lächelte, doch in ihren Augen stand Sorge. „Wie weit sind wir?" fragte sie.
Bowman richtete sich auf und nickte nach draußen in den Gateraum. „Dank ihr, hoffe ich, schon ein gutes Stück weiter", antwortete er. „Die rudimänteren Programme laufen wieder, das Stargate könnte sich öffnen. Ein paar kleine Beschädigungen richtet sie gerade."
Weir trat ans Fenster und blickte hinaus.
Im Torraum hockte die Antikerin und hantierte mit irgendwelchen Geräten herum, die sie noch nie gesehen hatte. Weir stutzte.
„Seit wann ist sie hier?" Sie drehte sich zu Bowman um.
Der zuckte mit den Schultern. „Die Spätschicht sagte, sie sei irgendwann mitten in der Nacht aufgetaucht. Wenn Sie mich fragen, kann sie ebensowenig schlafen wie einer von uns."
Weir runzelte die Stirn. Sie selbst hatte Vashtu gestern auf der Krankenstation gesagt, sie solle sich hinlegen. Aber sie hatte auch gewußt, daß, wenn sie Sheppard wirklich so ähnlich war, sie keine Ruhe finden würde. Daß sie allerdings statt dessen damit begann, die von ihr angerichteten Schäden zu reparieren ...
„Ich rede mit ihr." Sie nickte Bowman kurz zu und verließ den Raum wieder.
Vashtu blickte auf, als sie die Treppe hinunterkam.
„Guten Morgen, Dr. Weir", begrüßte sie sie.
Weir blieb stehen, sah sich um.
Die Antikerin schien schon recht weit mit ihrer Reparatur gekommen zu sein. Eine der zerstörten Fliesen lag bereits wieder auf ihrem Platz, und auch die herausgerissenen Kabel boten keinen so scheußlichen Anblick wie gestern mehr.
„Wie ich sehe, haben Sie sich nützlich gemacht, Vashtu", sagte sie statt einer Begrüßung, musterte jetzt die fremdartigen Geräte, die die andere um sich gesammelt hatte.
Vashtu sah sich um.
Auf Weir machte sie keinen besonderes fitten Eindruck. Dunkle Schatten hatten sich unter ihren Augen gesammelt, ihre helle Haut wirkte noch blaßer, und in ihren Augen stand Sorge und eine gewisse Verzweiflung. Und noch etwas, was die Expeditionsleiterin zunächst nicht wirklich lesen konnte. Dann aber begriff sie. Es war eine Art von Wissen. Etwas, was sie auch manchmal in Sheppards Augen lesen konnte.
„Ich muß in den Lagerräumen nachsehen, ob ich dort noch etwas finden kann, was die fehlende Fliese ersetzt." Vashtus Blick irrte wieder ab. Hilflos ließ sie die Schultern sinken. „Die Verbindung steht jetzt fast wieder. Ich fürchte aber, ich habe etwas mehr Schaden angerichtet, als ich wollte. Wenn John ... Wir werden das Gate sehr genau testen müssen, wenn diese ... diese Sache ausgestanden ist."
Weir kreuzte die Arme vor der Brust und nickte. „Das werden wir auch tun. Aber vorher sollten Sie sich etwas ausruhen, denken Sie nicht?"
Vashtu warf ihr einen leidenden Blick zu, schüttelte dann den Kopf. „Wenn ich die Augen schließe ... Nein. Ich will helfen. Wenn ich die Kontrollen überbrücke, können wir das Gate vielleicht jetzt schon prüfen, ohne den Speicher ..." Mutlos seufzte sie.
Weir trat näher, sah zu Boden und betrachtete die fremdartigen Gegenstände, die die Antikerin um sich verteilt hatte. „Sind das Werkzeuge Ihres Volkes?"
Vashtu schien einen Moment lang zu taumeln, riß ihre Augen weit auf und nickte dann. „Ja, ich habe mir Ihre Werkzeuge angesehen, aber ich konnte nicht damit umgehen. Also ... Ich wußte, wo ein Geräteraum ist." Sie drehte sich um und deutete auf eine Wand unter der Kommandozentrale. „Sehen Sie?"
Weir sah nichts als eine Wand, doch sie nickte.
Warum schien Vashtu plötzlich so kraftlos zu sein? Bisher hatte sie eigentlich immer wach auf sie gewirkt, selbst wenn andere eigentlich längst ins Bett gehört hätten. Jetzt aber ... Irgendetwas war da vorgegangen.
„Wenn ich den Boden repariert habe ..." Vashtu stockte, sah plötzlich mit weit aufgerissenen Augen auf. „Haben Sie schon etwas von Dr. McKay gehört?"
Weir schüttelte den Kopf. „Nein, meines Wissens gibt es noch keine Veränderung an seinem Zustand", antwortete sie, beobachtete, wie die Antikerin zu einem Häufchen Elend zusammensank und fühlte Mitleid in sich wachsen. „Aber ich werde Sie sofort informieren, wenn ..."
Vashtu hob plötzlich ruckartig den Kopf, starrte mit glasigen Augen durch sie hindurch. Dann sank sie mit einem leisen Stöhnen bewußtlos zu Boden.
Weir atmete tief ein, beugte sich über sie und fühlte nach ihrem Puls. Dann aktivierte sie ihr Funkgerät. „Ein Notfallteam in den Gateraum, schnell!"

Kurz darauf

Weir war Beckett und seinem Team dicht auf gefolgt. Sie machte sich Sorgen um die Antikerin. Vor allem, warum sie plötzlich vor ihren Augen zusammengebrochen war, den Grund hätte sie gern herausgefunden.
Vashtus Herz schlug unregelmäßig, ihre Haut war inzwischen weiß wie ein Laken und Schweißperlen standen ihr auf der Stirn. Über einen Monitor konnte Weir die Lebensdaten der Antikerin lesen, wenn auch nicht unbedingt verstehen. Der EEG-Bildschirm, den Beckett gerade anschloß, da er keinen anderen Grund für ihre Bewußtlosigkeit finden konnte, schlug augenblicklich Alarm. Sämtliche meßbaren Gehirnwellen führten, so schien es, einen irren Tanz auf, stoppten kurzfristig, um dann, mit leichter Verzögerung, wieder in beinahe unmeßbare Höhen auszuschlagen.
Beckett trat vom Bett zurück mit einer Miene, als erwarte er, daß Vashtu jeden Moment explodierte.
„Was ist los mit ihr?" verlangte Weir zu wissen. „Carson, Sie haben mir doch gestern zugesichert, daß sie gesund ist."
Vashtus Körper zuckte kurz, lag dann wieder still.
Beckett schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung. Alle ihre Tests sahen gut aus. Sie müßte eigentlich kerngesund sein." Leichte Panik schwang in seiner Stimme mit.
Wenn Vashtu nun stürbe ...
Weir mußte zugeben, sie hatte sich in den letzten Wochen an die so untypische Antikerin gewöhnt. Sie würde ihr fehlen. Aber, vor allem, wäre ihr Wissen für immer verloren. Sie würden sie wieder mühsam voranarbeiten müssen statt, wie seit Vashtu ihnen sämtliche Daten des Hauptrechners zur Verfügung gestellt hatte, aus dem Vollen schöpfen zu können. In der letzten Woche hatten sie mehr Erkenntnisse gewonnen als in einem Jahr zuvor. Und sie kamen an Daten heran, deren Existenz sie nicht einmal geahnt hatten.
Aber vor allem wäre es schade um die Person. Vashtu brachte einen gewissen frischen Wind nach Atlantis. Zwar hatte Weir weiterhin Bedenken, was ihre Beziehung zu John Sheppard betraf, aber sie konnte nicht leugnen, daß ihr die Antikerin inzwischen sympatisch geworden war, trotz ihres doch sehr an den Colonel erinnernden Auftretens.
Weir hätte Vashtus Schicksal nicht teilen wollen. Nachdem sie die Berichte Sheppards, die Aussagen der Antikerin selbst und alles andere gelesen und sich ein eigenes Bild gemacht, war sie Willens, ihrem unverhofften Gast aus der Vergangenheit ein Heim zu bieten. Wahrscheinlich würde Atlantis das im jetzigen Zustand zwar nicht überleben, aber ...
„Wo bin ich? Carson, Dr. Beckett ... Mir ist schlecht!"
Weirs Augen wurden groß. Mit einem Ruck fuhr sie herum und starrte hinüber zu dem Bett, in dem McKay bis jetzt bewußtlos gelegen hatte. Nur war der Wissenschaftler jetzt wach, hatte eine leidende Miene aufgesetzt und hielt sich den Magen.
Beckett sah hilflos zwischen den beiden Patienten hin und her, dann rief er nach einer Schwester, die sich erst einmal um McKay kümmern sollte.
Weir war einfach nur überrascht. Hatte sie nicht heute morgen noch mit Beckett gesprochen und er ihr versichert, das Koma würde sehr wahrscheinlich noch ein paar Tage anhalten?
„Rodney! Wie geht es Ihnen?" Nach einem letzten hilflosen Blick auf die Antikerin trat sie an das Bett ihres Chefwissenschaftlers.
McKay sah leidend zu ihr auf. „Wie soll es mir schon gehen, nachdem ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin. Ich habe Schmerzen!" Theatralisch wälzte er sich kurz im Bett und stöhnte.
Weir konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Sie kommen gerade zur rechten Zeit wieder zu sich, Rodney. Wir brauchen Ihre Hilfe. Ich hoffe, Sie werden es überleben."
Wieder ein Alarm hinter ihr.
„Ach, Elizabeth, Sie kennen doch meine Devise: Ich werde arbeiten, bis ich meinen letzten, meinen allerletzten Atemzug tue. Ich bin zu wichtig für Atlantis." McKay rappelte sich auf die Ellenbogen und lugte hinüber zu dem Bett schräg gegenüber. „Ist das diese Vashtu?"
Weir vertrat ihm die Sicht. „Rodney, vielleicht haben wir wenig Zeit. Deshalb möchte ich Sie bitten, uns zu helfen. Colonel Sheppard ist im Speicher des Stargate gefangen und wir wissen nicht, wie wir ihn wieder herausholen können."
McKays Augen weiteten sich. „Der Colonel ist ... ? Ich bin ..." Er unterbrach sich. „Wie lange ist das her?"
Weir neigte den Kopf ein wenig. „Sie wissen doch von unserem Versuch gestern nachmittag. Sie haben es wahrscheinlich nicht gesehen, aber er wurde in das Tor gezogen, ehe Vashtu die Verbindung mit dem Wurmloch trennen konnte."
McKays Augen zuckten, als läse er innere Listen. „Ich bin unterwegs. Wir haben nicht viel Zeit." Stöhnend richtete er sich auf, sank dann wieder auf das Bett zurück. Erst im zweiten Anlauf gelang es ihm, sich zu erheben.
Weir sah ihm nach, wie er mühsam den Gang hinunter humpelte.
„Sie hat ihn geweckt", ließ Teyla sich plötzlich vernehmen. „Sie hat ihm von ihrer Kraft gegeben. Ich habe es gesehen."
Weir sah einen Moment lang wie betäubt zu der Athosianerin hinüber, dann drehte sie sich zu dem Bett um, in dem Vashtu lag.
Beckett fühlte gerade ihren Puls, richtete sich dann auf und lächelte ihr zu. „Wie es aussieht, geht es ihr besser. Sie schläft."
Weir betrachtete die Gestalt in dem Bett sorgenvoll.

Einige Stunden später

Das Erwachen war schwer. Die Bewußtlosigkeit klebte wie ein Spinnennetz an ihr und wollte sie wieder zurückreißen in ihren Abgrund. Doch noch schlimmer waren die Schmerzen. Ihr ganzer Körper brannte.
Mit einem leisen Stöhnen öffnete Vashtu ihre Augen einen Spaltweit, während sie immer noch darum kämpfte, bei Bewußtsein zu bleiben. Irgendetwas aber zerrte an ihr, befahl ihr geradezu aufzuwachen.
Mehrere Geräte um sie herum piepten leise und sie fühlte Elektroden, die auf ihrer Haut festgemacht waren.
Stöhnend und noch immer benommen versuchte sie sich aufzurichten, sank aber in das Kissen zurück und blieb tief einatmend liegen, um neue Kraft zu schöpfen.
„Da ist ja unser Sorgenkind", begrüßte sie plötzlich eine Stimme. Eine Hand umschloß ihr Handgelenk, gekonnt fühlten Finger nach ihrem Puls.
Vashtu öffnete die Augen wieder etwas und sah Beckett an ihrem Bett stehen. Sie mußte in der Krankenstation sein.Sie fühlte sich, als wäre sie unter einem Jumper eingequetscht worden. Ihr Inneres und ihr Äußeres schmerzten einfach nur.
Sie schluckte schwer. „Was ... was ist passiert?" flüsterte sie schließlich.
„Sie hatten einen Schwächeanfall", erklärte Dr. Beckett ihr. „Sie sollten sich noch ein wenig ausruhen, dann geht es Ihnen sicher bald wieder besser."
Sie schloß die Augen wieder. In ihrem Geist sah sie John Sheppard, der, von einem gewaltigen Sog gepackt, in Richtung Stargate gezogen wurde.
Sofort wurde sie unruhig, versuchte sich wieder aufzusetzen. „Ich muß helfen! Sie haben keine Ahnung ... Die Verbindungen. Ich glaube ..."
Beckett drückte sie mit sanfter Gewalt auf das Bett zurück. „Sie haben genug getan, Vashtu. Sie sollten liegenbleiben und sich ausruhen", sagte er bestimmt.
Sie runzelte vor Anstrengung die Stirn. Endlich gelang es ihr, sich wenigstens auf die Ellenbogen hochzurappeln. Vor Schmerz verzog sich ihr Gesicht. „Sie verstehen nicht. Dr. McKay ..."
„Arbeitet bereits mit den anderen an einer Lösung. Vielleicht hat er sie sogar schon", fiel Beckett ihr ins Wort.
Verblüfft gab sie seinen Versuchen nach und rutschte in das Kissen zurück.
Dann hatte es also geklappt? Sie hatte ihn wieder aufgeweckt?
Sie atmete tief ein, als sie verstand. Wieder zerrte der Schmerz an ihr, doch nun begriff sie ihn.
Offenbar reagierten die fremden Zellen in ihrem Inneren auf das Einsetzen ihrer Antiker-Fähigkeiten. Sie hatte sich selbst geschwächt, als sie McKay einen Teil ihrer Kraft gab. Und nun wüteten Wraith- und Iratus-Zellen in ihr, während ihr normales Genom dagegen ankämpfte.
Unwillig ballte sie die Fäuste und rammte ihren Hinterkopf in das Kissen.
Ausgerechnet jetzt mußte sie ausfallen. Vielleicht brauchte man trotz allem ihr Wissen. Vielleicht konnte sie noch weiterhelfen. Sie mußte zur Kommandozentrale!
Beckett beobachtete sie genau, die Hände immer noch auf ihren Schultern, um sie sofort wieder zurückdrücken zu können. Und im Moment war sie zu schwach, um sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Sie kam ja nicht einmal aus diesem Bett heraus.
Aber sie brauchte die Informationen!
„Haben Sie ein Funkgerät für mich?" fragte sie.
Beckett stutzte verblüfft.
Sie sah ihn bittend an. „Ich möchte wissen, was passiert ist, seit ich ... Vielleicht kann ich noch etwas tun." Hoffnung und Furcht schwangen in ihrer Stimme mit.
Beckett zögerte, dann aktivierte er sein eigenes Gerät. „Elizabeth? Sie ist wieder wach, aber noch sehr schwach." Er wandte sich ab und ging ein paar Schritte, während er leise redete.
Vashtu konzentrierte sich auf ihren Körper, horchte in ihn hinein. Vor Ungeduld hätte sie schreien können. Die Schmerzen hatten jetzt, da sie still lag, etwas nachgelassen, waren aber immer noch vorhanden. Dafür schlich sich ein neues Gefühl in ihr ein: Sie hatte Hunger.
Ein gutes Zeichen? Sie wußte es nicht, aber zumindest konnte sie es hoffen.
Mühsam hob sie die Hände und zupfte sich das Pflaster von der Innenfläche der Rechten. Der tiefe Schnitt war verheilt. Zumindest schien ihr Körper, auch wenn er im Moment einen Kampf mit sich selbst austrug, noch zu funktionieren.
Beckett kehrte kurz darauf zurück, drückte ihr eines der kleinen Funkgeräte in die Hand, wie sie es auch während ihrer Mission getragen hatte. „Dr. Weir dankt Ihnen für Ihre Mithilfe", sagte der Mediziner dabei, klopfte ihr auf den Arm.
Vashtu lächelte gequält, steckte sich das vorgesehene Teil ins Ohr und aktivierte es. „Dr. Weir?"
„Ich bin froh, Ihre Stimme zu hören, Vashtu", hörte sie die Antwort der Expeditionsleiterin. Irgendwie fühlte sie sich gleich besser und schloß erleichtert die Augen.
Beckett hielt wieder ihr Handgelenk und studierte aufmerksam ihre Werte auf den verschiedenen Bildschirmen, die an ihrem Kopfende aufgestellt waren.
„Hat Dr. McKay inzwischen eine Lösung gefunden?" fragte die Antikerin.
„Ja, das hat er. Im Moment arbeiten hier alle an der Umsetzung", antwortete Weir. „Sie haben sehr gute Arbeit geleistet, Vashtu, und dafür möchten wir Ihnen danken. Aber jetzt sollten Sie sich ausruhen und wieder zu Kräften kommen. Ich bin sicher, wenn Sie wieder auf den Beinen sind, wird sich alles bereits gefügt haben."
Unwillig schüttelte Vashtu den Kopf. „Ich will ... Ich möchte wissen, was Dr. McKay für die beste Lösung hält. Vielleicht kann ich helfen."
Ein Knacken ging durch die Leitung. „Hier McKay. Wir sind gerade sehr beschäftigt. Also, wenn Sie keine bessere Lösung finden ..."
„Was ist die Lösung, Dr. McKay?" unterbrach Vashtu ihn.
Sie hörte ein genervtes Seufzen, konnte ein Grinsen kaum unterdrücken, auch wenn sie glaubte, dadurch Stromstöße in ihren Gesichtsmuskeln auszulösen.
„Nun, die Sache ist die, daß der Colonel zwar im Tor ist, aber noch nicht abgestrahlt wurde. Soweit kannten Sie das Problem ja bereits. Auf der Erde hatten wir vor einigen Jahren einen ähnlichen Fall. Ich werde Sie jetzt nicht mit Einzelheiten langweilen, Vashtu, jedoch sollten Sie wissen, daß Zeit eine gewisse Rolle dabei zu spielen scheint. Und diese Zeit tickt gerade etwas gegen uns."
Vashtu runzelte die Stirn. „Und was war auf der Erde die Lösung?" fragte sie.
„Die eingegangenen Daten aus einem nicht mehr intakten Wurmloch zu ziehen ist etwas schwierig. Es besteht für uns die Möglichkeit, daß wir uns selbst in die Luft jagen, wenn wir versuchen, den Colonel wieder herauszuholen. Wir müssen den Steuerkristall aus dem DHD entfernen, und das kann zu einer eklatanten Überlastung des Stargates führen. Mit anderen Worten: Es kann explodieren."
Vashtu riß die Augen auf und sank ins Kissen zurück. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle.
„Sie sehen, wir haben im Moment einige Probleme hier. Irgendwie müssen wir sicherstellen, daß unser DHD intakt bleibt und auch das Sternentor funktioniert. Ihre Art, das Problem mit dem Wurmloch zu lösen, hat nicht gerade zur Sicherheit einer Rückkehr beigetragen", fuhr McKay fort.
Vashtu dachte nach, kniff die Lippen aufeinander. „Was wird auf alle Fälle in die Luft fliegen, das Tor oder das DHD?" fragte sie schließlich.
„Was?"
Unwillig runzelte sie die Stirn. Zumindest ihr Hirn arbeitete noch einwandfrei, hoffte sie wenigstens. „Was wird explodieren, Dr. McKay? Tor oder DHD?" wiederholte sie. Das war ein Problem, das sie möglicherweise mithelfen könnte zu lösen.
„Nun, die Energieschwankungen zwischen beiden sind enorm", begann McKay zu dozieren. „Die Kräfte, die bei einem solchen Vorgang freigesetzt werden, könnten den gesamten Zentralturm in die Luft jagen und uns alle atomisieren. Die Wurmlochphysik hat noch keinen endgültigen ..."
„Tor oder DHD, Dr. McKay?" donnerte Vashtu plötzlich los, bereute ihren Ausbruch aber gleich wieder und stöhnte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.
„Auf der Erde explodierte das DHD", antwortete McKay endlich.
Vashtu seufzte und schluckte einige Male. Dann öffnete sie sehr konzentriert die Augen wieder. „Können alle mich hören?" fragte sie schließlich.
Ein Zögern, dann kam ein kurzes „Ja" von Weir.
Beckett betrachtete sie sorgenvoll, hielt noch immer ihr Handgelenk. Sie warf ihm einen aufmunternden Blick zu, war sich allerdings ziemlich sicher, daß dieser mißlang.
„Wenn Sie das DHD in der Kommandozentrale nehmen, wird wahrscheinlich auch ein Schaden am Hauptcomputer entstehen. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kommt es auf alle Fälle zu einer Überladung."
„Das erwähnte ich bereits." McKays Stimme klang alles andere als begeistert.
„Dann würde ich vorschlagen, Sie nehmen ein DHD aus einem Jumper."
„Damit uns ein ganzes Fluggerät um die Ohren fliegt? Vashtu, ich bitte Sie!"
„Nein, Sie müssen es ausbauen und durch eine externe Energiequelle mit dem Tor verbinden. Damit wird der Schaden so gering wie möglich gehalten. Die Stadt läuft im Moment über meine Befehle, Dr. McKay. Wenn sie erkennt, was da in ihr geschieht, könnte sie Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Bauen Sie ein DHD aus einem Jumper aus, verbinden Sie es mit dem Stargate und aktivieren Sie es, wie auch immer Sie das schaffen wollen. Wenn eine solche Kraft auf die Stadt einwirkt, wird sie reagieren."
Sie hörte eine andere Stimme etwas in einer ihr fremden Sprache sagen. „Das könnte die Lösung sein. Ich werde sofort in die Base hinaufgehen." Das mußte Dr. Zelenka sein.
Vashtu lächelte müde.
„Geht es Ihnen gut?"
„Warum sollte die Stadt auf ein Jumper-DHD reagieren?"
Sie stöhnte auf. „Lassen Sie das meine Sorge sein, Dr. McKay. Ich sagte doch, die Stadt reagiert im Moment auf mich. Wenn ich ihr befehle ... Wieviel Energie ist noch im ZPM?"
„Sie sprechen gerade von einem Schutzschild? Dafür wird es sicher nicht reichen."
Vashtu spannte die Kiefer an. Sie mußte aus diesem Bett heraus!
„Ich habe noch nicht alle Leitungen wieder schalten können. Das könnten wir nutzen, um das DHD des Jumpers anzuschließen", schlug sie vor. „Ich werde kommen."
„Das werden Sie schön bleiben lassen", entgegnete Beckett mit fester Stimme. „Sie sind noch nicht soweit."
Vashtu funkelte den Mediziner gereizt an.
„Was soll das jetzt werden? Wieder so eine Sheppard-Sache?" fragte McKay.
„Eine was?" Sie nahm all ihre Kraft zusammen und versuchte wieder, aufzustehen. Dieses Mal gelang es ihr zumindest, sich aufzurichten. Doch ein starkes Schwindelgefühl nagte an ihr.
„Vashtu, bleiben Sie, wo Sie sind. Dr. Beckett sagt, Sie haben unglaublich viel Kraft verloren", mischte Weir sich ein. „Ruhen Sie sich aus. Dr. Zelenka wird es auch allein gelingen, ein DHD auszubauen."
Warum wollte denn niemand verstehen?
Frustriert mußte Vashtu einsehen, daß ihre Kraft tatsächlich noch nicht ausreichen würde, um irgendetwas zu tun. Aber ...
„Die Kontrollen zu überbrücken, dürfte vielleicht etwas schwierig sein", entgegnete sie. „Wenn ich helfe, wird es möglicherweise einfacher. Immerhin kenne ich die entsprechenden Schaltkreise."
Weir zögerte, sie konnte es spüren.
„Carson? Was sagen Sie?" fragte sie dann schließlich.
Beckett musterte seine Patientin sehr konzentriert, schüttelte schließlich den Kopf. „Ich sage nein. Sie müssen sich ausruhen. Sie können im Moment doch gar nicht aufstehen."
„Es wird gehen", entgegnete Vashtu entschlossen, auch wenn sie sich nicht so sicher war. „Ich muß zum Hauptrechner und gegebenenfalls an das ZPM."
„Das würde die Schleife zwischen Tor und DHD nur zusätzlich aufstocken", entgegnete McKay sofort. „Fummeln Sie am ZPM herum, könnten Sie es entladen, und wir haben nur das eine."
„Nicht wenn ich den Bereich eingrenze", widersprach sie sofort.
Ein kleines Lachen drang durch den winzigen Lautsprecher. „Kommen Sie, so gut sind Sie nun auch wieder nicht."
Vashtu knirschte mit den Zähnen. „Ich muß den Bereich sehen können, um ihn abzuschirmen, Dr. McKay, und genau das ist im Moment das Problem. Ich muß an den Hauptrechner!"
„Also gut." Weir schien sich entschieden zu haben. „Sie werden per Funkkonferenz mit Dr. Zelenka zusammenarbeiten, um das DHD aus einem Jumper auszubauen und an das Gate anzuschließen. Sollten Sie anschließend kräftig genug sein, kommen Sie hierher und übernehmen den Hauptcomputer."
„Aber ..."
„Vashtu, ich muß Rodney recht geben. Sie benehmen sich im Moment wie ein zweiter John Sheppard. Aber selbst er hätte wohl in dieser Situation genug Verstand, um einzusehen, daß er nicht weiterhelfen könnte. Also werden Sie tun, was ich Ihnen sage. Sie bleiben im Bett, unter der ständigen Überwachung von Dr. Beckett. Sollten Sie sich bis zum Ende der Vorbereitungen soweit erholt haben, daß er Sie gehen läßt, kommen Sie her. Ansonsten bleiben Sie, wo Sie sind. Weir Ende."
Damit brach der Funkkontakt ab.
Vashtu starrte brütend vor sich hin und verfluchte sich selbst für ihre Schwäche.
Ihr Magen knurrte laut und vernehmlich.
„Nun, das ist zumindest ein gutes Zeichen", sagte Beckett.

Stunden später

Vashtu saß mit blassem Gesicht am Panel, arbeitete konzentriert mit den Kristallen. Ab und an mußte sie innehalten, weil ihr immer noch schwindlig war. Doch sie hatte Beckett nach dieser Nacht zumindest soweit überzeugen können, daß er sie unter Vorbehalt laufen ließ. Hoch und heilig hatte sie ihm versprechen müssen, sich nach diesem Rettungsversuch sofort wieder ins Bett zu legen, denn sonderlich viel Schlaf hatte sie nicht bekommen.
Sie war überrascht, wie gut sie mit Zelenka zusammengearbeitet hatte. Beide waren sie, kurz nach ersten frustrierenden Fehlversuchen, auf den Gedanken gekommen, daß sie ihn per Videobild genau beobachten konnte, während sie ihm erklärte, was er tun sollte. Auf diese Weise war es ihnen schließlich gelungen, das DHD aus dem lädierten Jumper 13 aus- und im Torraum aufzubauen.
Anders war die Sache allerdings zwischen ihr und McKay gelagert. Er gab zwar zähneknirschend zu, daß sie vielleicht den richtigen Gedanken gehabt hatte, aber freien Zugriff auf das ZPM gewährte er ihr trotzdem nicht. Statt also in der Versorgung kurzzeitig die Energie zu manipulieren, mußte sie ihr Vorhaben nun vom Hauptrechner aus steuern.Der Haken an der Sache war, daß sie nur eine ungefähre Vorstellung von dem hatte, was sie tun wollte. Der Speicher des Rechners, der ihre persönliche ID als die eines unumschränkten Herrschers über die Stadt anerkannte und auf ihre gedanklichen Fragen und Bilder unmittelbar reagierte, war einfach nur übervoll. Allein die Daten für den Schutzschild mußten Dimensionen erreicht haben, die sie sich kaum vorstellen konnte. Und nach zehntausend Jahren konnte sie sich eine Menge vorstellen.
Zudem mußte sie die Lebenserhaltung und alle anderen benötigten Programme laufen lassen, was sie teilweise von ihrem Vorhaben ablenkte.
„Wir sind bereit, falls Sie es sind."
Vashtu konzentrierte sich noch einmal auf ihre Anfrage. Über die Anzeigen huschten tausende von Unterpfaden. Stur blieb sie bei ihrer Anfrage, statt sich wieder ablenken zu lassen. Und dann ...Sie atmete tief ein. „Bereit."
Sie blickte auf.
Sie hatte zwar nicht den besten Blick auf den Torraum, aber es war besser als gar nichts. McKay, der am DHD stand und auf ihr Einverständnis wartete, konnte sie allerdings hervorragend sehen, was sie auch mußte.
Der Wissenschaftler sah jetzt hoch, sein Blick schien sich in ihrem zu verfangen und sie anklagen zu wollen.
„Sobald Sie das Tor geöffnet haben, sehen Sie zu, daß Sie verschwinden. Ich werde das DHD abschirmen. Wenn Sie dann noch in seiner Nähe sind ..." Den Rest des Satzes ließ sie offen.
Weir warf ihr einen kurzen Blick zu, nickte dann stumm und kreuzte die Arme vor der Brust.
„Falls Sie es schaffen, das DHD abzuschirmen, meinen Sie", antwortete McKay.
„Ich werde es abschirmen und hoffen, daß nicht das Tor überlädt", entgegnete sie.
Wieder ein kurzes humorloses Lachen.
„Rodney, Sie sagten, wir hätten nur eine bestimmte Zeitspanne. Wir sollten unser Glück nicht zu sehr herausfordern", sagte Weir jetzt.
„Ja ja, schon gut. Also gut, versuchen Sie bitte, nicht die ganze Stadt in die Luft zu jagen. Und es ist möglich, daß es einige Sekunden dauert."
Vashtu nickte stumm, machte sich innerlich bereit und zog einen Kristall aus seinem Fach, um ihn gegen einen anderen auszutauschen.
„Ich gebe jetzt die Adresse ein", sagte McKay.
Vashtu sah wieder auf, den Kristall halb in die leere Bucht geschoben. Sie wollte den Schild manuell hochfahren und auf ihr Blickfeld ausrichten. Sie konnte nur hoffen, daß der Computer schnell genug reagierte und sie nicht zufällig die falschen Befehle gegeben hatte.
Das Gate reagierte, die Chevrons rasteten eines nach dem anderen ein.
Vashtu atmete tief ein. Sie mußte sich zwingen, nicht auf das Tor zu starren, sondern McKay und das DHD im Auge zu behalten. Der Wissenschaftler drückte fleißig Tasten.
Spannung lag in der Luft, man hätte sie beinahe greifen können. McKay gab das letzte Symbol ein und ...
Ein Keuchen ging durch den Raum. Ein geisterhaftes Licht begann innerhalb des Tores zu tanzen. Es wirkte vollkommen anders als ein Wurmloch, durchsichtig und ätherisch.
Vashtu riß sich mit Gewalt von diesem Anblick los. McKay hatte immer noch das DHD in den Händen und starrte auf das, was da vor ihm passierte.
„Oh mein Gott!" hörte sie Weir flüstern.
Kurz schielte sie zu den Energieanzeigen hinüber, die sie sich mittels eines irdischen Laptops neben die Steuerkonsole geholt hatte. Noch waren keine ... Eine Spitze!
Vashtus Kopf ruckte hoch. „McKay, weg da! Sofort!" rief sie in ihr Mikro.
Der Wissenschaftler reagierte einen Moment lang nicht, starrte weiter auf die geisterhafte Erscheinung im Tor.
Vashtu sah wieder auf die Energieanzeigen, zuckte dann zusammen, als sie das Krachen einer Entladung hörte. Die Werte stiegen immer weiter an, sprunghaft und unberechenbar. Doch es fand zwischen Tor und DHD statt, nirgends sonst.
„McKay!"
Endlich reagierte der Wissenschaftler, wenn auch langsam wie ein Schlafwandler. Er legte das DHD auf den Boden vor dem Tor und ging weg, nachdem er sich aufgerichtet hatte.
„Wow!"
Bowman, der am eigentlichen DHD saß, hob die Hände. Ein kleiner Blitz zuckte über die Tasten, verschwand dann innerhalb des Gerätes. Hatten sie irgendeine Verbindung übersehen?
Vashtu erhob sich halb, um das DHD weiter im Auge zu behalten. Mit einem Ruck schob sie den Kristall in seine Bucht und konzentrierte sich.
„Es funktioniert!" rief Weir in diesem Moment.
Vashtu gab die Position des Schutzschildes ein. Sie durfte ihm nicht zuviel Energie zuführen, sonst könnten die Überladungen des Tores und des DHDs Schaden am ZPM anrichten. Das hatte sie eigentlich verhindern wollen mithilfe eines zwischengeschalteten Naquadah-Generators, aber McKay hatte sich ja permanent dagegen gesperrt.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie eine Gestalt aus dem Ereignishorizont robbte und erleichterte. Und dann erkannte sie die Schwäche in ihrem Plan.
„Was, zum Teufel, ist hier los?" hörte sie eine bekannte Stimme in ihrem Ohr, hätte aufheulen können vor Freude und Erleichterung. Dann aber fiel ihr Blick wieder auf die Anzeigen.
„Überladung! John, mach, daß du da wegkommst!" rief sie.
Sie konnten das Tor nicht abschalten! Wenn es jetzt nicht von selbst reagierte, hatten sie ein großes Problem. Sie konnte den Schutzschild zwar auf den ganzen Torraum erweitern, aber nicht, solange McKay und Sheppard dort unten waren.
Die Symbole des Tores leuchteten auf, das DHD unter seiner energetischen Schutzkappe sprühte Funken.
„Es schaltet sich nicht ab", stellte Bowman fest.
Vashtus Kopf ruckte zwischen Bildschirm und Torraum hin und her, während sie fieberhaft überlegte, was sie tun konnte.
Die Energiespitzen nahmen immer mehr zu. Und das Tor ...
Vashtu begriff und begann fieberhaft zu überlegen.
„Was ist hier los?" rief Sheppards Stimme von der Tür her.
„Willkommen zurück, Colonel", sagte Weir.
Energie. Sie mußte dem DHD mehr Energie zuführen. Aber wie?
„Bowman." Sie sah auf, nahm am Rande wahr, daß Sheppard sich neben sie gestellt hatte und aufmerksam beobachtete. „Wir haben eine Verbindung, irgendein Kabel übersehen. Sie müssen das ... das, was auch immer es ist, jetzt unterbrechen."
Der Techniker drehte sich mit ratlosem Gesicht zu ihr um.
„Wir haben nicht nur Colonel Sheppard im Speicher gehabt. Was auch immer von der anderen Seite kam, ist auch drin und versucht jetzt, den Speicher zu verlassen." fügte sie hinzu.
In diesem Moment donnerte eine gewaltige Explosion gegen den Schild. Das DHD des Jumpers existierte nicht mehr.

TBC ...

26.09.2009

Vashtu VI

Zwei Pfleger hoben die Trage hoch und machten sich auf den Weg in die Krankenstation. Auf dieser Bahre lag, bewußtlos, Dr. Rodney McKay.
Vashtu Uruhk, die Antikerin, die sich dem menschlichen Team von Atlantis anschließen wollte, saß auf einer Stufe der Treppe und beobachtete, wie die Pfleger den Wissenschaftler wegbrachten. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Dr. Beckett zu, der ihren Arm gewissenhaft untersuchte.
„Sie haben einen Haufen Glück gehabt, nach dem, was Sie erzählten, Vashtu", sagte er gerade in einem leicht tadelnden Tonfall.
„Was ist mit Dr. McKay?" Sie nickte in die Richtung, in der die Bahre verschwunden war.
„Er hat einen ziemlichen Stromschlag abbekommen." Beckett drehte ihren Arm, um die Beweglichkeit der Schulter zu überprüfen.
Vashtu senkte ihren Blick auf ihren Unterarm. Dort zeichneten sich fünf blutunterlaufende Halbmonde ab. So fest hatte Lt. Colonel John Sheppard sie gekrallt, doch genutzt hatte es ihm wenig. Er war in das Tor und wahrscheinlich auch durch das Wurmloch gezogen worden.
Die Antikerin dagegen hatte kaum eine Blessur abbekommen. Die Fingerknöchel ihrer rechten Hand waren blutig und ein Schnitt in der Handfläche der linken. Ein paar Prellungen, die sich gerade bemerkbar machten. Nichts, womit sie nicht fertig werden würde.
Doch was in ihr vor sich ging, war etwas ganz anderes. Sie hätte sich verfluchen können, von dem Moment an, als sie bemerkte, daß etwas aus dem geöffneten Wurmloch zu ihnen zu gelangen suchte. Sie hätte schneller reagieren und nicht erst um Einverständnis bitten sollen. Dann wäre Sheppard nie verloren gegangen.
Mit Hilfe ihrer Wraith- und Iratus-Käfer-Gene war es ihr schließlich gelungen, dem Tor die Energie zu entziehen. Und daraufhin war das Wurmloch zusammengebrochen. Doch sie hatte den Colonel, den sie festgehalten hatte, loslassen müssen dafür. Er hatte sich nicht halten können und war abgerutscht und wohl in das geöffnete Wurmloch hineingezogen worden.
Dr. Elizabeth Weir, die Leiterin der Expedition auf Atlantis, kam mit ernstem Gesicht aus dem Kontrollraum und stellte sich neben sie.
Vashtu wagte nicht aufzublicken. Sie fühlte sich so verdammt schuldig!
„Was ist passiert?" fragte Weir.
Vashtu atmete tief ein, schüttelte dann den Kopf. „Ich konnte ihn nicht festhalten. Er ist in das Tor gerutscht."
„Das konnten wir alle sehen. Aber wie konnten Sie ihn vorher so lange festhalten? Es muß ein gewaltiger Sog geherrscht haben."
Vashtu blickte nun doch auf, Weir ins Gesicht. „Ich habe meine fremden Gene eingesetzt. Aber selbst damit ist mir nicht leicht gefallen."
Weir nickte stirnrunzelnd.
Beckett erhob sich nun, blickte ebenfalls auf sie hinunter. „Sie sollten mit in die Krankenstation kommen. Ihre Schultern wurden bei dieser Kraft beinahe ausgekugelt, und die Schnitte könnten sich entzünden. Außerdem ..."
Vashtu seufzte. „Es geht mir gut." Sie sah wieder Weir an. „Er ist weg, nicht wahr? Wir werden ihn nie wieder sehen."
Weirs Gesicht zeigte keine Emotion. „Das wissen wir noch nicht genau. Solche Arten von Unfällen sind selten, aber manchmal gibt es sie. Das Wurmloch brach in dem Moment zusammen, als er gerade hineingezogen wurde. Vielleicht ... Ich weiß es nicht."
Vashtu schloß die Augen und senkte den Kopf wieder.
Das alles war ihre Schuld. Sie hatte den einzigen, der von Anfang an freundlich zu ihr gewesen war, in den Tod stürzen lassen. Sie hätte ihn irgendwie retten müssen.
Weir hockte sich plötzlich neben sie und legte ihr schüchtern eine Hand auf die Schulter. Die Berührung brannte wie Feuer.
„Wenn es möglich ist, werden wir ihn zurückholen, Vashtu. Und vielleicht können Sie dabei sogar mithelfen. Und jetzt sollten Sie auf Dr. Beckett hören und zur Krankenstation gehen. Oder möchten Sie lieber einen Rollstuhl?"
Die Antikerin erhob sich, verzog kurz das Gesicht. Dann nickte sie und folgte Beckett.

Eine Stunde später

Weir trat nachdenklich in die Krankenstation, winkte Beckett zu sich. Ein Stück entfernt sah sie die Antikerin auf einem der Untersuchungstische sitzen. Eine Krankenschwester war gerade damit beschäftigt, ihre oberflächlichen Wunden zu versorgen.
Wenn Vashtu Sheppard wirklich so ähnlich war, würden die Pflaster allerdings nicht sonderlich lange halten. Wahrscheinlich wartete sie nur darauf, von hier fortzukommen. Und wenn sie Sheppard ähnlich war, würde sie ...
„Elizabeth, gibt es Neuigkeiten?" Beckett war näher zu ihr gekommen.
Weir trat durch die Tür nach draußen auf den Gang und wartete, bis der Mediziner ihr folgte. „Bowman und Hornbach arbeiten an dem Problem. Beide sind sich ziemlich sicher, daß noch nicht alles verloren ist. Aber zunächst muß die Energieversorgung zum Tor wiederhergestellt werden", erklärte sie.
Beckett nickte. „Hornbach? Ach, dieser Neue. Er soll ein sehr guter Theoretiker sein, hörte ich."
Weir nickte. „Aber das ist nicht das, was mir Sorgen bereitet. Wie geht es Vashtu?"
„Ein paar Schrunden und Prellungen, nichts lebensgefährliches."
Weir nickte. „Sie waren nicht dabei, Carson, als sie im Torraum waren. Sheppard stürmte in seiner üblichen Art vor, und sie lief hinterher. Wenn sie nicht gewesen wäre ..." Sie schloß einen Moment den Mund. „Mir bereitet ihre Gentherapie Unbehagen. Sie war plötzlich weit kräftiger als jeder Mensch es je sein könnte. Was, wenn sie diese fremden Zellen in sich nicht richtig unter Kontrolle hat?"
Beckett nickte verständnisvoll. „Ich kann Sie beruhigen, Elizabeth. Ich nahm ihr noch einmal Blut ab. Bisher habe ich zwar nur einen oberflächlichen Blick darauf werfen können, aber es sieht völlig normal aus. Sie hatte mir ja bereits erklärt, daß sie die fremden Gene willentlich steuert und gerade darum für uns so normal wirkt."
Weir sah ihn an. „Und wenn etwas geschieht, das nicht geschehen sollte? Wenn sie diese Gene plötzlich nicht mehr steuern kann?"
„Sie trägt sie jetzt seit mehr als zehntausend Jahren. Ich glaube nicht, daß soetwas geschieht. Aber wenn es Sie beruhigt, werde ich ihre Proben miteinander vergleichen, ob es vielleicht zu irgendeiner Art Mutation gekommen ist", sagte Beckett lächelnd. Dann aber wurde er ernst. „Die andere Frage ist jetzt, wie sie vielleicht helfen kann. Sie hat sehr große Schuldgefühle, weil sie den Colonel losgelassen hat."
„Er ist abgerutscht. Sie versuchte noch nachzufassen, doch er war schon außerhalb ihrer Reichweite", berichtigte Weir.
„Sie sieht das ein wenig anders." Beckett lächelte wieder, wenn auch humorlos. „Sie hat Atlantis in den wenigen Wochen, die sie hier ist, ganz schön durcheinander gebracht. Und dann ist da immer noch der Colonel. Sie liebt ihn, wenn Sie mich fragen."
Weir zögerte mit einer Antwort. „Sie versucht, sich ins Team einzufügen. Die Frage allerdings lautet eher, kann Atlantis zwei John Sheppards verkraften." Sie erinnerte sich an eine kurze Szene, deren Zeugin sie vor kurzem gewesen war. „Auf der anderen Seite wird ihm einmal vor Augen geführt, wie er selbst ist. Das heißt, wenn ..."
„Sie werden schon eine Lösung finden", sagte Beckett im Brustton der Überzeugung. „Ob Vashtu dabei allerdings eine Hilfe sein wird, das weiß ich nicht. Sie brütet im Moment zu sehr, als daß da nicht noch etwas wäre. Meines Wissens hat sie zwar ein, für unsere Verhältnisse, sehr großes Allgemeinwissen, aber möglicherweise stößt diese Sache dann doch an ihre Grenzen."
Weirs Gesicht blieb ausdruckslos. Eigentlich war sie hierher gekommen, um die Antikerin um ihre Mithilfe zu bitten. Wenn diese sich aber mit der Wurmlochphysik nicht auskannte ...
„Wie geht es Rodney?" fragte sie.
Beckett zuckte mit den Schultern. „Er ist immer noch bewußtlos. Und leider kann ich Ihnen auch nicht sagen, wann er wieder zu sich kommen wird. Durch seinen Körper ist eine sehr hohe Ladung Strom geflossen. Das hätte ihn auch töten können."
Weir seufzte. „Danke, Carson. Kann ich jetzt mit Vashtu reden?"
Der Mediziner machte eine einladende Geste. „Gehen Sie nur hinein."
Vashtu war inzwischen versorgt. Um ihre Schultern lag ein Stützverband, der sie körperlich bei ihren Bewegungen störte. Ein paar Pflaster verdeckten die Schrammen. Als sie sich wieder das T-Shirt übergestreift hatte, das sie während des Unfalls getragen hatte, war ihr der Gedanke gekommen, Teyla zu besuchen, die seit ihrem Auftauchen hier in einem Bett der Krankenstation mit einem gebrochenen Knöchel lag.
Noch etwas, weswegen sie sich Vorwürfe machte. Sie hatte mit der Athosianerin reden wollen damals. Doch ihr vorheriges Auftreten hatte das Vertrauen selbstverständlich nicht unbedingt wachsen lassen. Immerhin hatte sie das Sicherheitsteam, das Sheppard damals angeführt hatte, bis auf Teyla und den Colonel zusammenschrumpfen lassen und die Soldaten einen nach dem anderen ausgeschaltet. Verletzt nicht, nein, nur bewußtlos geschlagen.
Vashtu erinnerte sich, wie sie Teyla damals gegenübergestanden hatte. Wie sie versuchte, auf die andere einzureden, ihr zu sagen, daß sie ihr kein Leid antun würde.
Teyla hatte gezögert, doch dann ...
Die Athosianerin war auf der Treppe ausgerutscht und hinuntergestürzt. Dabei hatte sie sich den Knöchel gebrochen. Vashtu wollte helfen, da kam dann Sheppard dazu und sie wurde gefangen genommen.
Jetzt setzte die Antikerin sich an das Bett der Kranken. Teyla lächelte sie an. Vashtu dagegen konnte dieses Lächeln nicht erwidern.
„Ich habe gehört, was geschehen ist", begann Teyla.
Vashtu blickte auf, senkte den Kopf aber gleich wieder.
„Sie sind eine Heldin", fuhr die Athosianerin fort.
Vashtu zog die Schultern hoch. „Haben Sie auch gehört, daß der Lt. Colonel ... ?" Sie brach ab.
Teylas Gesicht wurde ernst. „Ich bin sicher, Sie haben getan, was Sie konnten. Es gibt Dinge, die wir nicht beeinflussen können. Sich über solche Dinge Sorgen zu machen ist müßig und überflüssig. Ich bin sicher, es wird schon einen Weg geben."
Vashtu sah wieder auf, doch Teyla blickte sie nicht an. Ihre Augen schweiften ab und blieben an einem anderen Bett hängen. Dem Bett, in dem Dr. McKay lag. Sie schloß die Augen wieder.
„Waren alle Vorfahren wie Sie?" fragte Teyla leise.
Vashtu hielt die Augen weiter geschlossen, dachte nach. Nach einer Weile schüttelte sie den Kopf. „Die wenigsten, fürchte ich", antwortete sie, kreuzte die Arme vor der Brust, wobei der Verband um ihre Schultern unangenehm spannte. Dennoch krümmte sie sich zusammen, als könne sie so ihre Schuldgefühle abstreifen.
Sie fühlte Teylas Blick auf sich, doch weigerte sie sich immer noch, der anderen in die Augen zu sehen. Die Schuldgefühle nagten an ihr. Wenn sie Sheppard nur fester gepackt hätte. Wenn sie ihn irgendwie in den Kontrollraum hätte zurückbringen können, ehe der Schild versagte.
„Die Menschen von der Erde haben schon viele Probleme gemeistert", sagte Teyla in diesem Moment.
Das wußte Vashtu auch. Sie kannte jede einzelne Mission, die unternommen worden war. Alles hatte sie gelesen, sich immer wieder gefragt, ob und wie sie sich bemerkbar machen konnte. Den Menschen war es gelungen, Atlantis vor den Wraith zu schützen. Zwar um einen hohen Preis, aber es war ihnen geglückt.
Hätte sie nur nicht diesen unseligen Plan gefaßt! Hätte sie sich nur nicht so sehr auf John Sheppard versteift. Warum hatte sie das tun müssen? Warum war sie nicht einfach in ihre Stasiskammer zurückgekehrt und hatte auf das Ende gewartet?
Vashtu preßte die Lippen fest aufeinander.
Natürlich war es einfach zu behaupten, die Wraith-Gene in ihr hätten reagiert und sich ihrer Kontrolle entzogen. Doch so war es nicht gewesen. Sie hatte einen starken Fürsprecher gebraucht und gewußt, daß sie, eben durch die veränderten Erbinformationen, in Gefahr war, wenn sie sich an die Menschen wandte. Also hatte sie den Plan gefaßt, einen Anführer für sich einzunehmen. Mittels Pheromonen hatte sie Sheppard damals in den Gängen rund um ihr einstiges Labor benebelt. Immer wieder hatte sie Spuren gelegt, die er nicht bewußt wahrnahm, auf die er aber dennoch reagierte. Für die anderen mußte er danach wie von ihr besessen gewirkt haben. Es hatte sie selbst erschreckt, wie sehr er plötzlich von ihr abhängig zu sein schien. Und darum hatte sie ihre fremdartigen Duftstoffe bereits während der Quarantäne abgesetzt. Doch da war es schon geschehen und der Colonel konnte sich nicht mehr von ihr lösen. Bis zu der unseligen Mission, bei der sie am Steuer gesessen hatte.
„Vashtu?"
Sie zuckte zusammen, als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde. Ihre Schultern brannten von der plötzlichen Bewegung.
„Es freut mich, Sie zu sehen, Dr. Weir", begrüßte Teyla die Expeditionsleiterin.
Vashtu blickte langsam auf, verzog das Gesicht, daß man vielleicht ein Lächeln in ihm lesen konnte.
Weir sah besorgt auf sie hinunter. „Es gibt Neuigkeiten. Ich dachte, das würde Sie interessieren."
Mit einem Ruck saß Vashtu aufrecht, ein kleiner Hoffnungsschimmer lag in ihren Augen. „Neuigkeiten?"
Weir nickte. „Es könnte sein, daß Colonel Sheppard vom Tor noch nicht abgestrahlt worden ist. Bowman ist sich ziemlich sicher, daß, wenn er das DHD wieder in Betrieb nehmen kann, er die Daten des Colonel finden wird." Sie lächelte. „Wie es aussieht, haben Sie genau im richtigen Moment das Tor abschalten können, Vashtu."
Der Mut der Antikerin sank. Sie zog die Brauen zusammen. „Seine Daten sind im Tor gespeichert?" Sie grübelte, ihr Blick glitt wieder ab.
Sie wußte, wie die Tore arbeiteten. Sie wußte auch, daß das betreffende Objekt erst durch das Wurmloch geschickt wurde, wenn es vollständig im Ereignishorizont verschwunden war. Aber ...
Ihr Mut sank. Sie hatte noch nie gehört, daß man diese Daten wieder abrufen konnte. Und selbst, wenn das möglich sein sollte, hätte sie keine Ahnung, wie.
„Das sind doch sehr gute Nachrichten", sagte Teyla.
Vashtu schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, ich werde Ihnen dabei nicht helfen können. Wenn ein Schaden an Tor oder DHD passiert wäre ... Aber die Speicher? Nein, ich weiß nicht, was man tun kann." Ihre Stimme klang dumpf.
Sie fühlte Weirs Blick auf sich, hörte dann ein Seufzen. „Dann sollten wir alle hoffen, daß Dr. McKay schnell wieder zu sich kommt. Er ist der einzige, der weiß, was zu tun ist."

Vor 10 000 Jahren

Vashtu schlich durch die Gänge, die Waffe nach vorn gerichtet und aufmerksam die Zeichen auf dem Detektor beobachtend. Das Dutzend Antiker, das ihr folgte, machte in ihren Ohren zu viel Lärm. Aber ändern würde sie es nicht mehr können.
Janus hatte auf den Rat eingewirkt, damit sie diese Mission durchführte. Und Vashtu war mehr als froh, einmal aus ihrem Gefängnis ausbrechen zu können. Einige wichtige Wissenschaftler waren von den Wraith gefangen genommen worden. Der Kapitän der Nehemus war ebenfalls unter ihnen, der einzige Militär in dem zusammengewürfelten Haufen.
Ahnak war es, dessentwegen sie losgeschickt worden war. Sie hatte gehört, seine Forschungen würden ihr Volk eines nicht mehr allzu fernen Tages in eine höhere Existenzebene führen. Eine Ebene, die ihr für immer verschlossen bleiben würde. Das war der Preis dafür, daß sie es fertigbrachte, sich zu wehren.
Aufmerksam betrachtete sie die Anzeigen, blieb dann stehen und gab ein Zeichen nach hinten weiter.
Die Gefangenen zu befreien war noch die leichteste Übung gewesen. Nicht umsonst hatte sie sich schon immer für Waffen und Nahkampf interessiert und irgendwann, nach ihrer Ankunft auf Atlantis, zu ihrer vorwiegenden Freizeitbeschäftigung gemacht. Enkil und sie waren als Kinder Stöcke schwingend durch die Gänge gerannt und hatten sich auf diese Weise sicher mehr als nur einen Feind geschaffen.
Vashtu riß sich mit aller Macht aus diesen Erinnerungen, spannte die Kiefer an. Acht Wraith standen zwischen ihr und dem Jumper. Acht, für sie allein nicht zu viel, aber sie hatte noch andere mit dabei.
Dies war ihre letzte Chance. Sollte sie versagen, würde sie für immer in dieses Kellerloch wandern, man würde ihr auch noch ihre Forschungen entziehen und sie sich selbst überlassen. Dem Rat war sie zu gefährlich, und das Beispiel Enkil war zu überzeugend gewesen.
„Wenn ich sage, daß Sie laufen sollen, laufen Sie, so schnell Sie können", zischte sie dem Kapitän zu. Der nickte, hob die Waffe.
Vashtu versteifte sich, nachdem sie den Detektor zurück in ihren Gürtel geschoben hatte.
Ehrlich gesagt war sie eine lausige Wissenschaftlerin. Nicht, daß sie nicht über das Wissen verfügte. Nur hielt sie es selten bei ihrer Arbeit. Es gab so viel anderes, und die Ruhe, die ihr Vater oder auch Enkil ausgestrahlt hatten, um diese konnte sie ihre Familie nur beneiden.
Wenn es ihr aber gelang, diese Lantianer zurück zu bringen, heil und unversehrt, dann würde sich vielleicht das eine oder andere ändern. Vielleicht würde der Rat dann endlich einsehen, daß sie keine Bedrohung war und sie laufen lassen, statt ihr die unwichtigsten Arbeiten vorzulegen und sie einzuschließen.
Vashtu sprang vor, senkte den Stunner, den sie erbeutet hatte und schoß. Einer der Wraith wurde herumgeschleudert und landete auf dem Boden. Zur Sicherheit drückte sie nochmal auf ihn ab, ließ den Lauf dann hochrucken und zog den Abzug durch.
Der Gang hinter ihr war frei, und sie hatte vor, die Wraith von den anderen abzulenken.
Sie sprang einen Schritt zurück, als sie bemerkte, daß ihre Gegner nun wirklich auf sie aufmerksam geworden waren, raste los. „Laufen Sie!" rief sie über die Schulter zurück, ehe sie um die Biegung rannte, Schwung nahm und hochsprang.
Augenblicklich aktivierten sich die Iratus-Zellen in ihr. Wie eine Spinne hing sie unter der Decke, die Waffe auf dem Boden unter ihr. Das würde den Wraith zu denken geben.
Und tatsächlich blieben die Verbliebenen etwas ratlos stehen.
Vashtu ließ sich zwischen sie fallen, landete auf den Schultern von einem und drückte mit einem Ruck seinen Kopf nach vorn und zur Seite. Sie konnte hören, wie sein Genick brach. Sie nutzte seinen Fall, um den nächsten anzuspringen, riß an dessen langem weißen Haar und zog ihn mit sich zu Boden. Sein Kopf krachte gegen ihr Knie, während sie schon nach seiner Waffe griff, blind den Abzug betätigte. Sie riß ihm den Lauf aus den Händen, schwang ihn herum und spießte den nun Waffenlosen auf, drückte rasch nacheinander einige Male ab, bis die Strahlen sich durch sein Rückgrad frassen und ein Loch in die Wand brannten.
Sie spürte den Schlag kommen, ehe der sie treffen konnte, warf sich flach auf den Boden und griff sich ihren Stunner, rollte sich herum und feuerte. Doch leider hatte sie den vierten Wraith unterschätzt. Dessen Stiefel knallte gegen ihre Schulter. Sie verriß den Schuß, der eine rauchschwarze Spur an die Decke malte.
Mühsam kam sie wieder auf die Beine, wich ungeschickt dem nächsten Schlag aus und stieß den Stunner vor.
Der Wraith schien sie anzustarren, auch wenn sie sein Gesicht, sollte er überhaupt eines haben, nicht sehen konnte. Er packte den Lauf, der sich in seinen Bauch bohrte, und riß ihn herum, daß sie meinte, ihre Arme würden ausgekugelt von der Gewalt.
Sie trudelte wenig elegant herum, fing sich wieder und setzte die Wraith-Waffe an ihre Schulter. Der Wraith kam auf sie zu. Ihre Augen wurden eng und sie drückte ab. Da traf sie ein Schlag in den Rücken.
Krachend landete sie an der Wand, fuhr so schnell wie möglich herum und schrie vor Schmerz auf, als ein weiterer Schlag den Arm traf, der die Waffe hielt. Beinahe öffneten sich ihre Finger. Sie biß die Zähne fest aufeinander und rammte dem Wraith den Lauf in den Bauch, um sofort abzudrücken. Wie eine Marionette wurde er nach hinten geschleudert, ein Loch in seiner Rüstung.
Ihr Arm blutete, ihre Schulter schmerzte und sie fühlte sich etwas benommen. Zeit zu verschwinden, ehe den anderen dreien auffallen würde, daß sie ...
Sie wirbelte herum und raste den Gang hinunter, um zu ihrem Jumper zu gelangen. Hoffentlich war es Kapitän Inniar und den Wissenschaftlern gelungen, sich bis dorthin durchzuschlagen. Die übrigen Wraith folgten ihr dichtauf, und das fremdartige Gewimmer des Alarms zerrte an ihren Nerven.
Sie hastete in den Hangar und schloß das von ihr manipulierte Schott. Das würde zumindest solange halten, bis sie hier raus waren.
Kapitän Inniar senkte seine Waffe und seufzte. „Da sind Sie ja endlich." Er musterte sie forschend.
Vashtu holte einige Male tief Luft, um wieder zu Atem zu kommen. „Alle da? Dann können wir fliegen." Sie lächelte siegessicher, ging zur Hecklucke des Jumpers. Doch dann blieb sie wie erstarrt stehen. Da fehlte jemand.
Sie fuhr zum Kapitän herum und starrte ihn entgeistert an. „Wo ist Vingor?"
Inniar zuckte mit den Schultern, wollte sich an ihr vorbeidrängen. „Zurückgeblieben. Wir sollten sehen, daß wir von hier verschwinden. Ändern können wir sowieso nichts mehr."
Seine Worte trafen sie tiefer, als er ahnte. Sie starrte ihn mit großen Augen an, dann griff sie nach ihrem Gürtel und holte den Detektor wieder hervor. Angestrengt starrte sie auf die kleine Anzeige, drehte sich immer wieder herum, bis sie glaubte, das Lebenszeichen des Wissenschaftlers ausfindig gemacht zu haben.
Sie ließ niemanden zurück, niemals!
Mit weiten, festen Schritten marschierte sie zu der verriegelten Tür zurück, griff nach dem Wraith-Stunner.
„Wo wollen Sie hin?"
„Bleiben Sie hier, solange Sie es verantworten können. Ich hole Vingor", antwortete sie.
„Ich befehle Ihnen ..."
Sie fuhr herum, starrte den Kapitän zornig an. „Ich lasse niemanden zurück!" Damit öffnete sie das Schott und schoß.
Der junge Wissenschaftler mußte noch in dem Gang sein, aus dem sie gekommen waren. Zumindest hatte der Detektor dort ein schwaches Signal angezeigt.
Wenn die Wraith sich schon an ihm genährt hatten ...
Vashtu biß sich auf die Lippen und trat in den Gang hinaus. Hinter ihr schloß sich die Tür.
Sie würde niemanden zurücklassen, niemals! Viel zu laut gelten noch die Schreie ihrer Mutter in ihr, viel zu sehr traf sie es immer noch, wenn sie sich daran erinnerte, wie diese damals vor ihren Augen immer älter geworden war.
Der Alarm lockte inzwischen andere Wraith hierher. Wenn sie sich nicht beeilte, würden auch die veränderten Gene nicht mehr allzu viel nützen.
Vashtu zielte, doch der Gang war momentan leer. Im Laufschritt bewegte sie sich zurück zu dem Quergang, rückwärts sprang sie dort hinein und sah sich um.
Der Gang war leer.
Fluchend griff sie nach dem Detektor, aktivierte ihn wieder und eilte los. Doch weit brauchte sie nicht, hinter der nächsten Ecke fand sie den Vermißten. Nur als jung würde sie ihn wohl nie mehr bezeichnen können.
Vashtu ließ sich auf ein Knie sinken, suchte seinen Puls. Sein Herz schlug noch, gut.
Schwach hob er den Kopf.
„Können Sie aufstehen?" fragte Vashtu.
„Ich ... ich weiß nicht", kam die geflüsterte Antwort.
Dann würde sie ihn wohl schleppen müssen. Sie griff nach ihm, um ihm beim Aufstehen zu helfen. In diesem Moment hörte sie das Zischen hinter sich. Ein Wraith.
Warum hatte sie nicht daran gedacht? Warum ... ?
Vashtu schaltete ihre Gedanken aus, fuhr herum und hob die Waffe. Doch als sie sie betätigte, passierte nichts!Der Wraith war fast über ihr. Sie riß die Waffe hoch, wollte sie ihm in den Körper rammen, doch auch dieses Mal war er schneller. Er schlug sie ihr aus den Händen.
Vashtu trat zu. Der Wraith torkelte zurück.
Sie hatte keine Ahnung, ob sie ihm überhaupt schmecken würde. Und, wenn es nach ihr ging, sie wollte das auch lieber nicht ausprobieren. Ihr war wichtiger, daß sie nahezu über die gleichen Reflexe und Kräfte verfügte. Sie konnte den Wraith schaden.
Er kam wieder näher, die Waffe lag hinter ihm.
Vashtu fluchte in Gedanken. Sie mußte auf seine rechte Hand achten. Und einfach zu töten würde er auch nicht sein, wahrscheinlich war er es gewesen, der sich an dem armen Vingor genährt hatte.
Sie stürzte sich auf den Wraith, und das wurde ihr beinahe zum Verhängnis. Sie hatte seine gesteigerten Kräfte unterschätzt. Er mußte mehr von dem Wissenschaftler genommen haben, als sie zunächst geglaubt hatte.
Seine Faust krachte in ihr Gesicht, daß sie dachte, Nase und Wangenknochen würden bersten. Die Wucht schleuderte sie herum und ließ sie taumeln.
Dann fühlte sie den mentalen Stich in ihrem Kopf. Doch gegen den konnte sie sich wappnen.
Entgegen der offensichtlichen Vermutung, nämlich daß sie sich vor Schmerz auf dem Boden krümmen würde, fuhr sie wieder herum und sprang dem Wraith mit einem wilden Knurren entgegen. Und dieses Mal gelang es ihr zumindest, einen Schlag zu plazieren, ehe sie selbst glaubte, ihr Magen würde perforiert werden durch den gewaltigen Fausthieb. Sie flog tatsächlich einige Schritte zurück, ihr Kopf knallte gegen die Wand. Benommen rutschte sie an dem halblebendigen Gewebe hinunter und blieb liegen.
Der Wraith kam näher.
Vashtu schmeckte Blut im Mund und stöhnte vor Schmerz, als sie sich bewegen wollte. Dann riß sie die Augen plötzlich weit auf. Ihre Hände packten zu, gerade als der Wraith seinen Saugmund auf ihren Brustkorb krallen wollte, um sich an ihr zu nähren.
Wenn er nur nicht so stark wäre!
Vashtu hielt seine Hand mühsam von sich ab, während ihre Gedanken rasten.
Irgendwie mußte sie aus dieser Lage heraus. Irgendwie mußte sie ...
Sie starrte mit einem kalten Lächeln zu dem Wraith hoch, der ihren Blick erwiderte. „Bist du nicht schon satt? Du solltest auf deine Figur achten." Blitzschnell zog sie die Beine an ihren Körper und rammte sie ihm in den Unterleib.
Der Wraith stolperte von ihr zurück.
So schnell wie möglich war sie wieder auf den Beinen.
Waffe, sie brauchte eine Waffe!
Ein Ganglauf!
Sie riß an dem ekelhaft warmen Material, das aus der Wand wuchs, während sie genau den Wraith im Auge behielt. Was sie jetzt auf keinen Fall gebrauchen konnte, war eine hinterhältige Attacke. Doch der Ganglauf hatte sich bereits gelockert, wahrscheinlich war sie selbst während ihre Sturzes dagegen geknallt.
Sie riß ihn ganz aus seiner Halterung und wirbelte herum.
Na bitte, das ging doch.
„Ich an deiner Stelle würde gehen", sagte sie, hob den Stock.
„Ich werde dir häppchenweise dein Leben aussaugen und mich an deinem Leid ergötzen!" zischte der Wraith.
Vashtu seufzte. „Wenn du meinst." Sie holte aus und schlug zu.
Der Wraith taumelte zurück, sein Gesicht drückte deutlichen Unglauben aus.
Vashtu kam näher, riß den Stock hoch, rammte ihn ihrem Gegner in den offenstehenden Rachen. Einige Zähne brachen ab und blieben in dem Material stecken. Der Fremdartige heulte auf vor Schmerz. Sie legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf den Stab, trieb ihn Stück um Stück weiter in den Rachen ihres Gegners. Um sich schlagend wurde der Wraith an die Wand genagelt und brüllte.
Sie wandte sich nun wieder dem Wissenschaftler zu. An seinem Gürtel sah sie eine der kleinen Handwaffen ihres Volkes, besser als nichts. Sie nahm die Waffe an sich und zog den ehemals jungen Mann hoch.
„Kommen Sie, es ist nicht weit."
Sie hatte keine Ahnung, wieviele Wraith inzwischen zwischen ihr und dem Jumper waren. Sie konnte im Moment nur das beste hoffen.
Und dieses Mal hatte sie zumindest etwas Glück. Es waren nur drei Wraith im Gang, und die hatten ihr den Rücken zugewandt.
Rasch drückte sie immer wieder ab und sah sie fallen. Es würde nicht lange dauern, doch es würde reichen.
Vingor trug sie inzwischen mehr als das sie ihn stützte. So schnell sie konnte kehrte sie, ihn schleppend, in den Hangar zurück und lief ... direkt in die Mündung einer Waffe. Polternd hörte sie die ihre auf dem Boden aufschlagen. Vor Überraschung hatte sich ihre Hand geöffnet.
„Lassen Sie ihn", befahl Inniar.
Vashtu zögerte einen Moment, dann ließ sie den sterbenden Körper des Wissenschaftlers los. Er sank wie Herbstlaub zu Boden.
„Und jetzt in den Jumper. Sie fliegen uns zurück in die Stadt."
Vashtu sah zu dem Sterbenden hinunter. „Aber ..."
„Ich werde dem Rat die Empfehlung geben, Sie einzusperren und den Schlüssel wegzuwerfen, Vashtu Uruhk." Er nickte zu Vingor hinunter. „Sie sind unberechenbar und haben meinen ausdrücklichen Befehl verweigert. Sie werden niemals wieder freikommen, dafür sorge ich. Einen Toten retten ..."
Sie blickte auf, ballte die Hände zu Fäusten. „Er ist nicht tot!"
Ein Energieblitz löste sich aus der Waffe und traf den sterbenden Wissenschaftler. „Jetzt schon."

Gegenwart

Vashtu riß die Augen auf. Augenblicklich flammte die Beleuchtung in ihrem Quartier auf , dimmte sich aber sofort wieder herab, als sie geblendet blinzelte.
Mit einem Stöhnen rappelte sie sich auf, rubbelte in ihren Haaren. Dann zog sie die Beine an, schlang ihre Arme um die Schenkel und stützte das Kinn auf ihre Knie.
Ein Traum, nur ein Traum.
Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. Ein Traum, der tatsächlich geschehen war. Sie war auf diesem Wraith-Schiff gewesen, sie hatte diese Wissenschaftler gerettet. Kapitän Inniar ... das war eine andere Geschichte. Doch sie war damals froh über jede Art der Unterstützung gewesen. Er aber hatte sie nur benutzt.
Vor dem Rat war diese Rettungsaktion etwas anders dargestellt und sie als die Schuldige an dem Tod von Vingor genannt worden. Inniar war sogar soweit gegangen zu behaupten, sie hätte sich an dem Toten genährt.
Vashtu schloß die Augen.
Das war lange her, sehr lange. Weder Inniar noch einer der anderen lebte, zumindest hoffte sie das. Warum also hatte sie sich im Traum gerade an diese Mission erinnert?
Als sie ihre Augen wieder öffnete, blickte sie genau auf den Rücken des Buches, das Sheppard ihr in die Quarantäne gebracht hatte. Bisher hatte sie noch nicht weiterlesen können, und er wollte es noch nicht zurück. Sein Lesezeichen war noch sehr weit vorn plaziert gewesen.

L. Tolstoi - Krieg und Frieden

Vashtu starrte auf den Titel.
Sheppard saß im Speicher des Tores fest und sie hatte keine Ahnung, wie man ihn dort wieder herausholen konnte. Und er war dort hinein geraten, weil sie so dumm gewesen war und den Menschen von den Ladegeräten erzählt hatte, die ihr Volk damals benutzte, um genügend Energie für alles zur Verfügung zu haben.
Es war alles ihre Schuld!
Sie lehnte ihre Wange an die Knie und schloß die Augen wieder.
Sie wußte nicht, was zu tun war, sie war sich nicht einmal sicher, ob Dr. Weir nach dem zweimaligen Schlamasel überhaupt noch Wert auf die letzte Adresse legte. Wofür sollte das alles überhaupt gut sein?
John Sheppard ...
Sie war damals, wenn auch nur vorrübergehend, dem Militär unterstellt worden. Ein Militärangehöriger hatte ihr einen klaren Befehl gegeben, den sie vollkommen ignorierte, um Vingor zu retten. Einen jungen Wissenschaftler, der schon tot war, ehe sie überhaupt zu dieser waghalsigen Rettung aufgebrochen war.
Sie kannte zumindest Auszüge aus der Personalakte von Sheppard. Sie wußte, auch er hatte einen Befehl verweigert, in einer ähnlichen Situation. Nur sehr viel Glück - oder vielleicht die Vorsehung - hatten ihn hierher gebracht.
Plötzlich verstand sie.
Sie hatte sich an den Colonel gewandt, sie hatte ihn mit ihren Duftstoffen einfangen wollen, weil ihre Entscheidungen ähnlich waren. Sie selbst waren sich ähnlich. Immer wieder war ihr aufgefallen, daß sie nicht viele Worte machen mußten. Es genügte ein Blick, und der eine wußte, was der andere dachte.
Sie erinnerte sich noch an die waghalsige Jagd durch das Meteoritenfeld. Sheppard hatte ihr später vorgeworfen, sie hätte seine Befehle verweigert. Doch während des Fluges waren ihr nicht die Blicke entgangen, die Art, wie er ihre Bewegungen beobachtet hatte. Und sie war sicher gewesen, daß er ebenso wie sie gehandelt hätte, hätte er am Steuer des Jumpers gesessen.
Was dachte sie da? Das war unmöglich!
Doch eine kleine Stimme in ihrem Inneren wisperte ihr zu, daß es genau das war, was ihr aufgefallen war. Das war von Beginn an der Grund gewesen, warum sie so fasziniert von ihm gewesen war. Er ließ niemanden zurück, ebensowenig wie sie. Er setzte sein Leben aufs Spiel für andere, für Dinge, an die er glaubte - genau wie sie. Sie dachten gleich, oder fast gleich.
Er würde nie jemanden zurücklassen - sie würde das niemals tun ...
Und doch war sie gerade dabei, sich von ihm zu verabschieden. Sie suhlte sich in ihren Selbstvorwürfen, statt sich zusammenzureißen und etwas zu tun. Etwas, das ihm helfen konnte.
Vashtu hob mit einem Ruck den Kopf, schwang die Beine aus dem Bett und saß stocksteif da.
Was konnte sie tun? Wie konnte sie behilflich sein?
Sie konnte ... Die Datenbank! Sie konnte versuchen, die letzte Adresse ausfindig zu machen. Sie konnte die fehlenden Symbole suchen.
Das würde Sheppard nicht viel helfen. Aber wenn er zurückkehrte ...
Die Menschen hatten Schwierigkeiten mit der Technik ihres Volkes. Gut möglich, daß die Energiezufuhr noch immer gestört war. Immerhin hatte sie mit ziemlicher Kraft an den Kabeln gezerrt. Nun, wenn es darum ging, das konnte sie mit dem richtigen Werkzeug beheben. Wenn das Tor wieder offen war, konnte man ...
Nein, nicht solange Sheppard im Speicher festsaß. Irgendetwas sagte ihr, sie solle nicht einmal daran denken, das Tor anzuwählen, solange er noch darin war.
Aber hatte Dr. Weir nicht gesagt, Dr. McKay würde sich mit diesem Problem auskennen? Hatte sie nicht etwas von einem ähnlichen Vorfall auf der Erde erzählt?
Vashtu erhob sich, verzog kurz vor Schmerz das Gesicht, dann kleidete sie sich rasend schnell an.
Nein, Sheppard helfen konnte sie nicht. Aber sie konnte dafür sorgen, daß ihm geholfen wurde und alles bereit war, wenn er zurückkehrte!

Kurz darauf

In der Krankenstation herrschte nächtliche Ruhe und Stille. Gleichmäßige Atemgeräusche und das leise Summen einiger Apparaturen waren die einzigen Geräusche. Die Nachtschwester saß vorn, weit entfernt von den Betten, und las.
Vashtu hatte eines als erstes gelernt: sich so leise wie möglich zu bewegen. So war sie durch eine kleine Tür am anderen Ende der Räumlichkeiten eingetreten, stand jetzt vor McKays Bett und blickte auf ihn hinunter.
Was sie da tun wollte, war für ihr Volk zwar relativ selbstverständlich, doch sie hatte es schon lange nicht mehr getan. Seit sie sich selbst die fremden Gene injiziert hatte nicht mehr. Sie hoffte, die fremden Zellen würden sie nicht behindern oder ihm gar Schaden zufügen.
Sie zögerte noch einen Moment, dann trat sie näher an sein Bett heran und nahm seine Hand. Sie war eiskalt und trocken, doch sein Herz schlug.
Vashtu schloß die Augen und konzentrierte sich.
Teyla, die einen leichten Schlaf hatte, öffnete die Augen. Sie wußte im ersten Moment selbst nicht, was sie geweckt hatte, dann drehte sie den Kopf.
Die Ahnin, Vashtu, stand an McKays Bett, hatte seine Hand in ihre genommen. Ein sanftes Licht pulsierte zwischen den beiden Gestalten.
Teyla lächelte und drehte den Kopf wieder zurück.

Einige Zeit später

Vashtu betrat das Labor, in dem sie zusammen mit Dr. Zelenka und Dr. McKay gearbeitet hatte, als sie die Gate-Adressen der Ladegeräte hatten finden wollen. Von hier aus hatte sie noch immer vollen Zugriff auf den Hauptrechner, ohne daß jemand in der Kommandozentrale etwas bemerken würde.
Sie stellte sich vor den großen Bildschirm und gab ihre Befehle ein.
Augenblicklich erschien eine Abfrage, die sie beantwortete. Der Rechner lud die erforderlichen Daten herunter.
Vashtu trat an das Panel und begann, ihre Abfrage zu starten. Als sie wieder aufblickte, rasten Datenreihen über den Bildschirm.
Auch das hatte sie erledigt.

TBC ...