04.11.2009

Das beste Team der Milchstraße II

Jetzt

„Mam!“
Sie hörte ein Rumpeln, wandte sich von Babbis ab und kroch den Abhang vorsichtig wieder hinauf. Dorn hatte seinen Feldstecher gezückt und beobachtete etwas, was am Gate vor sich ging.
„Sieht übel aus.“
Sie zückte ihr Fernglas und hielt es sich wieder vor die Augen.
Den Weg entlang, den sie vorhin zu Bulls Unterkunft genommen hatten, rumpelte jetzt ein Karren, gezogen von vier Rindern, die hintereinander gespannt waren.
Vashtu betrachtete das, was sich auf diesem Gefährt befand.
Daß es sich um eine Waffe handelte, war unschwer zu erkennen. Nur hatte sie soetwas bisher noch nicht gesehen.
„Was ist das?“ zischte sie Dorn zu.
„Eine Flag der Goa'uld.“
Sie nickte, stellte ihren Feldstecher schärfer. „Sieht aufgemotzt aus“, murmelte sie dann, tippte dem Militär auf die Schulter und ließ sich an seiner Seite ein Stück hinunterrutschen.
„Übel, Mam.“ Dorn nickte andächtig.
„Was ist denn los? Was ist das für ein Krach?“ fragte Babbis.
Vashtu rammte unwillig den Kopf auf die sandige Erde und runzelte die Stirn. Dann zwang sie sich nachzudenken.
Wenn sie die Waffe nicht ausschalten konnten, sah es wirklich sehr übel für sie aus. Dann war das Gate endgültig für sie gesperrt. Und die Frage war, ob eine eventuelle Verstärkung durchkommen würde. Oder würde Landry sie hier zurücklassen?
Nein, das glaubte sie nicht. Und im Moment fühlte sie sich in ihrem Stolz auch verletzt. Auf Verstärkung warten ... Nicht solange sie noch hoffen konnte, es auch allein zu schaffen.
Die Frage war allerdings, inwieweit sie es allein schaffen konnten. Bei sich selbst und dem Serge hatte sie weniger Bedenken. Er war ein alter Soldat, der sich vielleicht auf eine ruhige Gruppe gefreut hatte, aber immerhin wußte, was er tat. Aber die beiden Wissenschaftler ... Nun ja, der eine Wissenschaftler. Wallace fiel jetzt wohl endgültig aus.
Sie sah Babbis nachdenklich an, drehte sich dann zu Dorn um. „Kommen Sie hier ein paar Minuten allein klar?“
Der Sergeant sah sie mit einem amüsierten Zug um die Lippen an. „Wenn's sein muß.“ Er nickte.
Sie lächelte, griff nach ihrer P-90 und kontrollierte das Magazin. Mit einer Hand tastete sie nach dem Reservemagazin, dem letzten, das ihr noch geblieben war. Dummerweise hatte sie den Rucksack mit der restlichen Ausrüstung zurücklassen müssen.
„Passen Sie auf die beiden auf.“
Vorsichtig kroch sie den Abhang wieder hinauf, linste kurz über die Krone und ließ sich dann zur Seite herunterrollen bis zu einem Dornengestrüpp. Dann machte sie sich auf den Weg.

Was im Hauptquartier weiter geschah

Als Vashtu herumfuhr, sah sie als erstes einen Riesen mit wirren roten Vollbart und schwarz-glänzenden Augen, der eine zappelnde Gestalt am Kragen gepackt hielt. Dann erst ging ihr auf, daß die Tür, die vorher nach hinten geführt hatte, nicht mehr da war. Sie lag am Boden, und der Riese stand auf ihr. Als letztes registrierte sie, wer die Gestalt war, die da so hilflos zappelte: Babbis!
Ehe sie überhaupt begriffen hatte, was sich da abspielte, hatte sie bereits ihre Beretta im Anschlag.
„Keine Bewegung“, hörte sie Dorn von der Tür grollen und war beeindruckt, wie tief und entschlossen seine Stimme klang.
Wallace taumelte jetzt hinter dem Riesen durch die Türöffnung. Er wirkte benommen.
Vashtu legte sehr sorgfältig auf den Eindringling an. „Laß den Mann los!“ befahl sie mit kalter Stimme.
Bull, der Rothaarige konnte nur Bull sein, so wie die anderen vor ihm zurückwichen, schüttelte Babbis gründlich durch.
„Laß den Mann los!“ Vashtus Stimme klang wie Eis.
Wallace taumelte auf sie zu. Sie nickte ihm kurz, damit er aus ihrer Schußlinie verschwand. „Zum Sergeant, los!“ befahl sie ihm.
Wallaces Blick schien sich zu klären. Er starrte sie einen Moment lang an, dann änderte er tatsächlich seine Richtung.
Bull schien endlich zu registrieren, daß er nicht allein war. Er musterte sie von oben bis unten. Sein Gesicht verzog sich zu einem hämischen Grinsen. Mit einem Ruck zog er Babbis an sich heran.
Vashtu trat vorsichtig, Schritt für Schritt, näher. „Ich sagte, du sollst den Mann loslassen. Er gehört zu mir.“
„Willst du auf mich schießen, kleine Frau?“ Bull lachte verächtlich.
„Dorn, wir gehen zum Stargate zurück“, sagte Vashtu betont ruhig und sachlich. „Nehmen sie Wallace mit. Babbis und ich kommen gleich nach.“
„Mam.“
Sie hörte, wie sich die Außentür öffnete. Den Blick noch immer unverwandt auf Bull gerichtet, die Beretta im Anschlag.
„Zum letzten Mal, laß den Mann los, dann wird niemand verletzt und wir gehen“, sagte sie.
Babbis schien allmählich zu verstehen, was vor sich ging. Seine albernen Versuche, sich von Bull zu lösen, stellte er ein. In seinen Augen stand Angst.
„Das wagst du nicht, kleine Frau. Du wirst nicht deinen eigenen Mann erschießen.“
Vashtu lächelte kalt. „Sicher?“
Sie zog den Abzug durch und riß im gleichen Moment die Waffe nach unten. Die Beretta bellte einmal kurz, dann folgte unmittelbar der Schrei. Bull führte auf einem Bein einen irren Schmerzenstanz auf.
Vashtu nutzte die momentane Verwirrung, hetzte die letzten Schritte vor und riß Babbis los, während sie mit der geballten Faust, in der sich der Lauf der Beretta befand, so daß ihn der Griff treffen mußte, auf Bulls Magen einschlug. Der Riese klappte zusammen wie ein Taschenmesser.
„Raus hier!“
Sie wirbelte herum, Babbis im Schlepptau und raste los.

Jetzt

Vashtu glitt durch die Büsche näher auf den ihr am nächsten stehenden Mann zu.
Sie mußte vorsichtig sein, weil die Wachen vor dem Tor in Sichtweite voneinander standen. Aber sie hatten nur diese Chance. Das Geschütz war zu gut bewacht, das würde sie allein nicht schaffen. Und Dorn konnte sie nicht von den beiden Wissenschaftlern abziehen, so gern sie es auch getan hätte. Sie mußten jetzt durch das Tor, ehe es zu spät war.
Als sie in der günstigsten Position war, tastete sie nach der Zat, die sie erbeutet hatte. Die vertrauteren Waffen von der Erde machten zuviel Krach.
Die Handwaffe war nicht mehr da. Sie mußte sie verloren haben.
Vashtu unterdrückte einen Fluch, tastete statt dessen nach dem Messer und zog es.
Dann duckte sie sich so tief wie möglich, versenkte die Klinge unter ihrer Hand. Unvermittelt sprang sie den Mann von hinten an, schlug mit dem Knauf auf seinen Hinterkopf.
Mit einem leisen Stöhnen sank er zu Boden. Eilig zerrte sie ihn in das Gebüsch zurück und wartete.
Nichts.
Vashtu atmete tief ein, huschte im Schutz der Büsche weiter, so tief gebeugt, wie es nur ging. Ihre relative Größe kam ihr dabei ganz gut zu statten. Vor allem unterschätzten mögliche Angreifer sie nur zu gern.
Der nächste in der Reihe.
Vashtu beobachtete ihn genau, sah sich dann aufmerksam um, das Messer wieder in der Hand. Sie kauerte sich zusammen, um genug Schwung zu holen, und schnellte hoch.
Und in diesem Moment drehte der Wächter sich um.
Vashtu sah das Licht der Waffe, fühlte Hitze an ihrem Arm, wurde zurückgerissen und herumgeschleudert.
Verdammt!
„Hier sind sie, hier!“
Sie fluchte in ihrer Muttersprache, glitt zurück in den Schatten und trat den Rückzug an, während sie die Schritte der anderen Wächter hörte, die sich ihrer Stellung näherten. Sie gab eine Salve von Schüssen nach hinten ab, um ihren Rückzug zu sichern, und schlug einen Bogen um dem Hügel mit der Senke.
Wo war sie unvorsichtig gewesen? Warum hatte dieser Idiot sich nur so plötzlich umgedreht?
Sie wußte es nicht, doch sie schätzte, sie hatte zu lange gezögert.
Im Schutz des Hügels kroch sie wieder zu ihrer Stellung zurück, ließ sich in die Senke rollen und mußte einen Schmerzenslaut unterdrücken, als sie auf ihrem verwundeten Arm zu liegen kam.
„Zwei ausgeschaltet.“ Dorns Stimme klang beeindruckt.
Babbis sah sie groß an, als sie sich, ihren Arm haltend, wieder aufrappelte. „Aber leider einen Anschlußtreffer“, knirschte sie, kroch zu dem Sergeant hinauf. „Haben sie bemerkt, wohin ich verschwunden bin?“
Dorn schüttelte den Kopf.
„Sie sind verletzt!“ entfuhr es Babbis endlich.
Dorns Interesse richtete sich sofort auf ihren Arm. Sie winkte ab. „Nur ein Streifschuß. Das wird schon.“
Der Sergeant griff in seine Überlebensweste und zog einen Verband daraus hervor. „Lassen Sie mal sehen.“ Ohne auf ihren Einwand zu achten, packte er ihren Arm und schob den Ärmel hoch.
Vashtu, die jetzt die Verletzung selbst ansehen konnte, mußte leider zugeben, daß ein Streifschuß etwas anders aussah. Ihr Oberarm wies eine häßliche Verbrennung auf, in deren Mitte sich eine ordentliche Fleischwunde befand. Der Knochen schimmerte an einer Stelle hervor.
Ohne ein Wort zu verlieren band Dorn ihr den Verband über die Wunde, zog ihn so fest er konnte, ohne die Blutzufuhr abzuschnüren.
„Und was machen wir jetzt?“ ließ Babbis sich vernehmen.
Vashtu bewegte den Arm ein wenig. Es ging. Und sie konnte fühlen, wie ihre Wraith-Zellen bereits die Arbeit aufnahmen. Die Wunde prickelte. Binnen relativ kurzer Zeit würde sie sich regeneriert haben. Und dann mußte sie sehen, wie sie ihre Leute hier herausbrachte.
„Noch drei Stunden“, sagte Dorn.
Vashtu warf ihm einen bösen Blick zu. „Wir brauchen keine Verstärkung. Irgendetwas fällt uns schon ein.“
Dorn zuckte mit den Schultern, kroch den Abhang wieder hinauf, um seine Wache erneut aufzunehmen.
Vashtu tastete vorsichtig über den Verband. Die Schmerzen hatten bereits nachgelassen. Dann spürte sie Babbis' Blick auf sich und sah auf. „Was?“
Der Wissenschaftler wies auf ihren Arm. „Das sieht böse aus.“
Sie zuckte mit den Schultern. Vor zehntausend Jahren, als sie sich auf Wraith-Schiffe geschmuggelt hatte, die Atlantis belagerten, hatte sie mehr einstecken müssen. Ein- oder zweimal hatte sie selbst gezweifelt, ob sie wieder nach Hause kommen würde. Dagegen war das hier einfach nur lächerlich.
Es ärgerte sie, daß ihr Plan nicht funktioniert hatte. Irgendeinen Fehler hatte sie begangen, aber sie wußte immer noch nicht welchen.
Sie wandte sich um, ohne Babbis weiter zu beachten, und kroch an die Seite von Dorn.
„Sie bringen die Flag in Stellung.“
Vashtu beobachtete das Treiben am Tor mit ihrem Feldstecher, biß sich auf die Lippen. Irgendetwas mußte ihr doch einfallen. Irgendetwas mußte dieses Monster von einer Waffe doch abhalten können!
„Meinen Sie, das Ding kann überhaupt noch schießen? Sieht ziemlich fremdartig aus“, murmelte sie, den Blick noch immer auf die Waffe gerichtet.
„Schätze schon. Sieht nicht aus, als hätten sie am Rohr herumgefummelt.“
Vashtu drehte sich wieder auf den Rücken, starrte in den Himmel hinauf.

Nach der Flucht

„Sie haben auf mich geschossen!“ warf Babbis ihr vor.
Vashtu lugte um den Felsen herum, hinter dem sie Schutz gesucht hatte. Dorn und Wallace lagen hinter einem anderen, in Rufweite.
„Wie konnten Sie soetwas tun? Sie hätten mich treffen können! Sie benehmen sich wie Colonel Sheppard!“ wütete Babbis weiter.
„Das letzte nehme ich als Kompliment“, knurrte sie, drehte sich zu dem Wissenschaftler um. „Ich hatte nicht Sie im Visier, falls Sie das tröstet.“
Babbis starrte sie einen Moment lang nach Luft schnappend an, dann verfinsterte sich sein Gesicht. „Ich dachte, unter der Leitung einer Frau, die keinen militärischen Hintergrund hat, könnte ich besser arbeiten. Aber das scheint eine Fehleinschätzung gewesen zu sein. Sie benehmen sich wie ... wie ...“
Sie beugte sich vor, funkelte ihn an. „Vielleicht sollte ich Sie das nächste Mal zurücklassen, Babbis!“ zischte sie.
Der Wissenschaftler zuckte zurück.
Sie nickte. „Dann halten Sie jetzt endlich Ihren Mund und lassen mich nachdenken.“ Sie spähte wieder um die Ecke und erstarrte.
Oh nein! Weit über zwanzig Männer verließen das Gebäude und schwärmten aus.
Wenn sie bis jetzt vielleicht noch gehofft hatte, sie könnte die Lage irgendwie wieder einrenken, damit war es vorbei. Das sah eher nach einem kleinen Krieg aus.
„Was haben Sie angestellt, Babbis?“ Sie klopfte auf ihr Funkgerät. „Rückzug zum Gate, Dorn. Und nehmen Sie Wallace und Babbis mit. Ich decke uns nach hinten.“

Jetzt

Da war doch etwas gewesen. Sie hatte doch etwas gesehen.
Vashtu starrte in den wolkenverhangenen Himmel, bis es ihr einfiel: Der Frachter!
Sie gab Dorn ein stummes Zeichen und rutschte an seiner Seite wieder in den Kessel zurück.
Babbis und Wallace blickten auf, sagten aber nichts.
„Was haben wir noch an Munition?“ fragte Vashtu leise.
Dorn kramte in seinen Taschen und zauberte noch zwei Reservemagazine für sein Sturmgewehr hervor, außerdem noch ein Magazin für seine Handwaffe und vier Granaten.
Vashtu breitete ihrerseits die mageren Reste vor sich auf dem Boden aus. Ihr wurde schnell klar, daß sie die P-90 wohl oder übel zurücklassen mußte, harkte sie aus und legte sie Dorn hin. Der schob ihr dafür das Ersatzmagazin der Handwaffe hin. Die Granaten teilten sie unter sich auf.
„Was planen Sie denn jetzt wieder für einen Irrsinn?“ ließ Babbis sich endlich vernehmen.
Dorn blickte sie ebenfalls fragend an, sagte aber nichts. Doch in seinen Augen stand wieder sehr deutlich Belustigung.
Vashtu brachte die beiden Granaten noch unter, ehe sie aufblickte. „Bull hat doch das Schiff. Und das wird bestimmt Waffen an Bord haben.“
„Lernen Sie denn nicht dazu? Sie sind schon verwundet!“ Babbis wies auf ihren verbundenen Arm.
Vashtu zog eine Braue hoch. „Das ist nicht schlimm.“
„Oh ja, natürlich!“ Babbis schnaubte und kreuzte die Arme vor der Brust.
Er w a r eine jüngere Ausgabe von McKay. Anders konnte sie sich ihn nicht erklären.
„Das wird nicht leicht, Mam.“ Dorns Stimme drückte nun doch leichten Zweifel aus.
Vashtu zog ihren Detektor aus der Tasche und schaltete ihn ein. Stirnrunzelnd las sie die Daten ab.
„Was ist das?“ Babbis reckte den Hals.
Sie stopfte das kleine Gerät wieder in ihre Brusttasche. „Nichts von Bedeutung. Dorn, Sie halten die Stellung. Versuchen Sie weiterhin, nicht aufzufallen und passen Sie auf. Wenn ich in zwanzig Minuten nicht zurück bin ... Ich komme zurück.“ Sie richtete sich ein wenig auf, zögerte dann aber und drehte sich noch einmal um. „Was war das für ein Ding?“
„Goa'uld Frachter“, kam die einsilbige Antwort von Dorn.
Vashtu nickte, dann glitt sie wieder aus dem Kessel heraus. Ihr Arm schmerzte nun endgültig nicht mehr.

Während der Wanderung

„Willkommen. Ich bin Loyla, fünfte Ehefrau von Bull dem Schlächter.“ Die dunkelhaarige, schlanke Frau neigte den Kopf.
Vashut tat es ihr nach und lächelte. „Ich danke dir für dein Willkommen.“
Loyla musterte sie interessiert, hob dann den Arm zu einer einladenden Geste. „Bull wird jeden Moment eintreffen. Seid solange meine Gäste.“
Babbis und Wallace sahen sich interessiert um, Dorn wirkte etwas gelangweilt. Vashtu ließ sich bis zu ihm zurückfallen. „Passen Sie auf die beiden auf, ja?“ wisperte sie.
Der Marine nickte stumm, sein Sturmgewehr als Armstütze mißbrauchend, und wanderte stoisch weiter. Doch Vashtu entging nicht, daß er die beiden Wissenschaftler nicht mehr aus dem Auge ließ.
Sie beschleunigte ihre Schritte wieder und schloß zu Loyla auf. Diese lächelte ihr freundlich entgegen.
„Du bist eine schöne Frau. Allein das wird Bull betören. Eine gute Wahl von eurem Anführer“, sagte sie.
Vashtu runzelte die Stirn. „Ich bin eigentlich nicht hierher gekommen, um mit Bull anzubändeln. Ich soll hier Verhandlungen über eine Waffe führen, die er aufgetrieben hat“, entgegnete sie. Sie wußte, würde sie jetzt die Augen schließen, würde sie Lt. Colonel John Sheppard aus der Finsternis hinter ihren Lidern auftauchen sehen. Und solange er dort war ...
Loyla nickte. „Verstehe, du bist gebunden.“ Sie zögerte kurz, ehe sie fortfuhr: „Dennoch wird Bull sicher eher auf euer Angebot eingehen als wäre dieser Major Limes wiedergekommen.“
Vashtu hob die Brauen.
Sie hätte wirklich die Akte lesen sollen statt nur den Kopf. Irgendwie schien ihr eine Menge entgangen zu sein.
„Entschuldigung, Loyla“, hörte sie plötzlich die Stimme von Wallace hinter sich, „dieses Getreide, es sieht fast aus wie Weizen. Aber es scheint mir dennoch keines zu sein. Wie hoch sind denn die Erträge?“
Die Fremde schien überrascht und wandte sich dem Wissenschaftler zu.
Vashtu seufzte, froh darüber, nicht weiter über ihr Unwissen nachgrübeln zu müssen. Statt dessen ließ sie sich wieder etwas zurückfallen, um an Dorns Seite weiterzugehen und sich einmal die Umgebung genauer ansehen zu können.
„Ein bißchen nicht von dieser Welt, dieser Wallace“, stellte Dorn fest.
Vashtu nickte und beobachtete die beiden, die inzwischen in eine rege Diskussion vertieft waren. Babbis ging kurz hinter ihnen, schien jedes Wort genau anzuhören.
In diesem Moment verdunkelte ein großer Schatten den Himmel.
Vashtu blickte irritiert auf und sah ein Schiff, dunkel gegen die dichten Wolken, über ihnen dahinfliegen. Ein Schiff, wie sie es noch nicht wirklich gesehen hatte. Sie erinnerte sich nur an irgendwelche Pläne, die ihr irgendwann einmal vorgelegt worden waren.
„Cool!“ entfuhr es ihr.
Dorn folgte ihrem Blick. „Goa'uld Frachter“, bemerkte er desinteressiert.

Jetzt

Vorsichtig schlich sie sich an die geöffnete Ladeluke des Frachters heran, preßte sich dann eng gegen das kühle Metall und lauschte. Hier draußen war nur eine Wache aufgestellt gewesen, doch die hatte sie rasch und geräuschlos ausgeschaltet.
Sie hob die Beretta und rutschte langsam näher an die Luke heran. Von drinnen waren Stimmen zu hören. Eine, dann eine zweite. Ansonsten Stille.
Mit zwei Leuten würde sie fertigwerden. Und dieses Mal würde sie keinen Fehler machen. Sie war weit genug vom Sternentor entfernt, um schießen zu können, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und selbst wenn die Schüsse gehört würden, wären Bulls andere Männer nicht so schnell bei ihr.
Sie zückte wieder den Detektor und betrachtete die Anzeige.
Nein, es waren drei, soweit sie feststellen konnte. Der letzte befand sich tiefer im Inneren des Schiffes. Aber auch das dürfte kein Problem sein.
Sie steckte den Detektor wieder ein, ging in Position. Die Stimmen waren deutlich näher. Sie linste kurz um die Ecke, um den genauen Standort zu überprüfen. Dann holte sie tief Atem und wirbelte nach vorn, in das Schiff hinein und schoß.
Der erste fiel, ohne überhaupt eine Chance zu haben, der zweite wollte wohl tiefer ins Schiff eindringen, jedenfalls erwischte sie ihn in der Drehung. Er schlug hart auf und blieb liegen.
Vashtu glitt vorsichtig weiter, suchte sich an den Wänden Deckung.
Irgendwo würde der dritte Mann sein, aber sie hatte jetzt keine Zeit, sich mit dem Detektor um ihn zu sorgen. Sie würde sich einfach auf ihren Instinkt verlassen müssen.
Langsam schlich sie weiter, sich eng an die Wand drückend, bis zum nächsten Durchgang. Dabei fiel ihr auf, wie verwinkelt dieses Schiff war. Hatte Bull daran auch herumgespielt oder sahen die Frachter der Goa'uld immer so aus?
Als sie durch den Durchgang hechten wollte, traf sie ein Schlag von der Seite, ließ sie beinahe zurücktaumeln. Blitzschnell hatten die Wraith-Zellen reagiert und ihr zusätzliche Standfestigkeit verliehen.
Abwehrend hob sie den Arm, leider den stärkeren linken, und mußte mit Rechts zuschlagen. Doch damit hatte der Angreifer wohl gerechnet. Er versetzte ihr einen tiefen Schnitt am Arm. Die Klinge prallte gegen den Knochen und die Waffe fiel ihr aus der Hand. Dann traf ihr Fausthieb, warf ihn zurück.
Vashtu dachte gar nicht an die Wunde, stürzte hinterher und trat zu, gerade als der Fremde eine Zat auf sie richten wollte. Sie hörte die Knochen in seiner Hand bersten, als ihr bestiefelter Fuß ihn traf. Die Waffe wurde ihm aus der Hand geschlagen und er blieb wimmernd liegen.
Sie packte ihn am Kragen und riß ihn hoch. „Waffen! Gibt es hier Waffen?“ schrie sie ihn an, zog ihn noch höher.
Dem Mann ging plötzlich auf, daß seine Füße kaum noch den Boden berührten. Entsetzt schrie er jetzt erst recht, nachdem er einen Blick in ihr Gesicht geworfen hatte.
Vashtu preßte die Lippen fest aufeinander und schüttelte ihn einmal kräftig durch. „Gibt es hier Waffen?“
„Ein Geschütz“, wimmerte der Fremde. „Vorn auf der Brücke.“
Sie lächelte zufrieden und stieß ihn von sich. Er krachte gegen die Wand und rutschte diese bewußtlos herunter.
Sie blickte sich um, hob dann schließlich die Waffen auf. Aufmerksam betrachtete sie dann die Anzeige auf dem Detektor, doch sie konnte nichts feststellen. Dann schlich sie weiter und betrat einen neuen Raum.
Ein großes Außenfenster, eine Steuerkonsole ... Das mußte die Brücke sein.
Vashtu steckte den Detektor wieder ein und begab sich zum Pilotensitz, betrachtete ihn kritisch.
Wie flog man so ein Ding? Es schien nicht auf ihre Gedanken zu reagieren wie die Puddlejumper auf Atlantis. Auf der anderen Seite hatte sie auch schon ein irdisches Flugzeug steuern dürfen, einen Jäger, dessen Typenbezeichnung ihr gerade nicht einfiel. Naja, sie war in einem Simulator geflogen, wenn sie genau sein wollte.
Ein Schlag traf sie in den Rücken, ließ sie nach vorn taumeln, ehe sie sich wieder fangen konnte und herumwirbelte.
Der Mann stand hinter ihr, einen langen Stab in den Händen, dessen beide Enden mit unterschiedlichen Gewichten bewehrt zu sein schienen. Eine Stabwaffe!
Vashtu brachte sich rasch außer Reichweite der Energiewaffe, warf sich nach vorn und versuchte, das Mittelstück zu fassen zu kriegen. Es war der Mann, den sie gerade niedergeschlagen hatte. Er mußte doch nicht so hart auf die Wand aufgekommen sein, wie sie gedacht hatte und war wieder zu sich gekommen.
Vashtu rang mit ihm um die Waffe. Ihr kam ihre fremdartige Kraft ein wenig zu gute, doch viel half es im Moment nicht. Immer wieder versuchte er, an den Auslöser der Waffe zu kommen und sie wegzuschieben. Ihr Blick wurde kalt, als sie die fremden Gene wieder bewußt zu steuern begann und ihrem Körper noch mehr Kraft zugeführt wurde.
Sie riß ihm den Stab aus den Händen und stieß mit dem kleineren Ende zu. Um ganz sicher zu gehen jagte sie ihm noch einen Energiestoß hinterher, ehe sie sich aufrichtete und wieder sie selbst wurde.
„Cool!“ Beeindruckt betrachtete sie die fremdartige Waffe. Kein Wunder, daß man ihr diese bisher nicht zugestanden hatte. Auf einem anderen Planeten, bei einer ihrer ersten Missionen, hatte sie zum Spaß mit einigen Jaffa einen kleinen Wettkampf abgehalten, mit Stäben, nicht mit Waffen. Sie kannte die Berichte ihrer Teammitglieder nicht, doch sie wußte, danach war das Thema Stabwaffe nie aufgegriffen worden.
Ihr Team!
Sie nahm die Waffe mit, betrachtete wieder den Pilotensitz, ließ sich schließlich etwas skeptisch darauf nieder und versuchte zunächst, das Schiff mit ihren Gedanken zu starten. Nein, das gelang nicht wirklich.
Dann also anders.
Sie tastete ein wenig herum, ehe sie fand, was sie suchte. Die Triebwerke sprangen an. Die Steuerelemente schienen ihr sehr simpel, sie würde wenig Probleme bekommen. Sie mußte nur noch die Waffe finden.
Der Reihe nach versuchte sie die verschiedenen Schalter und Knöpfe, die sie vor sich sah, bis sich ein gleißender Energiestrahl in die Bäume vor dem Schiff fraß.
Keine Zieleinrichtung?
Vashtu runzelte die Stirn.
Bull schien auch an diesem Schiff etwas herumgebaut zu haben. Entweder sie fand das Programm nicht, oder er hatte es schlicht vergessen und vertraute darauf, daß sein Pilot und Schütze gut genug zielen konnte. Das sollte ihr auch gleich sein.
Sie ließ das Schiff vom Boden abheben, schloß die Hecklucke und beschleunigte in Richtung ihrer Männer.

Vor einer Stunde

Ihr Herz klopfte schneller, als sie den Torraum betrat, in dem der Rest von ihrem Team bereits auf sie wartete, und auch General Landry.
Lächelnd grüßte sie und nickte ihrem Team zu.
Ihre erste Mission, und sie wollte dafür sorgen, daß es keine Zwischenfälle gab. Sie würden herausfinden, ob dieser Bull der Schlächter ein Mitglied der Lucian Alliance war, sich diese merkwürdige Waffe ansehen, die er gefunden haben wollte und ohne weitere Verzögerung wieder zurückkehren. Zeitlimit vier Stunden. Das dürfte reichen.
Landry sah sie lächelnd an und reichte ihr die Hand. „Ich wünsche Ihnen viel Glück, Miss Uruhk. Und denken Sie daran: Keine Extra-Touren. Rein, handeln und wieder raus.“
„Wird schon schiefgehen, Sir“, antwortete sie. „Ich denke nicht, daß wir Probleme bekommen werden.“
Landrys Brauen hoben sich. „Sie haben die Akte nicht gelesen, nicht wahr?“

Jetzt

Ihr Team lag unter Beschuß. Irgendjemand hatte sie entdeckt.
Vashtu biß sich auf die Lippen. Die Angreifer waren zu nahe, sie würde die Waffe des Frachters nicht gebrauchen können dafür. Aber sie konnte zumindest die Flag ausschalten.
Sie machte einen Probeanflug, konzentrierte sich genau auf das Ziel. Das mußte reichen. Aus den Augenwinkeln sah sie, daß das Geschütz sich auf sie ausrichtete.
Okay, dann mußte dieser Schuß ein Treffer werden. Dieses Schiff war alles andere als wendig. Wenn sie mehr als einen Versuch brauchte ...
Sie flog eine Kurve, hielt sie so eng wie möglich und nahm wieder Fahrt auf. Dann konzentrierte sie sich auf die Waffe, die sie unter Beschuß nehmen wollte. Der vordere Lauf begann aufzuglühen.
Sie pendelte, so gut es ging, den Frachter auf eine gerade Linie ein, legte den Finger an den Schalter.
Wie weit reichten diese Goa'uld-Waffen wohl? Sie hatte keine Ahnung.
Männer versammelten sich um die Flag und nahmen sie unter Beschuß. Netter Versuch!
Sie drückte ab. Augenblicklich flammte ein Energieblitz vor ihr auf und brannte sich in die festgetretene Erde vor dem Tor. Rasch zog sie den Frachter wieder hoch und drehte noch eine Kurve. Um ganz sicherzugehen.
Sie hatte getroffen! Doch ihre Männer lagen immer noch unter Beschuß.
Vashtu fluchte, beschleunigte wieder, in der Hoffnung, die Angreifer weglocken zu können, doch die hatten sich offensichtlich auf die leichtere Beute versteift. Und sie konnte nicht schießen, ohne ihr Team zu gefährden.
Ein kurzes Stück in den Wald hinein landete sie, kümmerte sich nicht um die Bäume, die sie mit ihrem Manöver fällte und zerquetschte. Eilig sprang sie aus dem Pilotensitz und rannte los, während die Ladelucke hinten sich langsam absenkte.
Was konnte sie tun? Das Weglocken schien ja nicht geklappt zu haben. Also mußte sie anders vorgehen.
Im Lauf kontrollierte sie ihre Ausrüstung und bemerkte, daß sie die Stabwaffe zurückgelassen hatte. Eine Chance weniger. Aber ob sie mit dem Ding wirklich so präzise auf Anhieb schießen konnte ... ? Dafür hatte sie die Zat und die Beretta - und die beiden Granaten. Ein Plan nahm in ihrem Kopf Gestalt an.

***

Kurz darauf gab sie rasch nacheinander einige Schüsse ab und wartete. Wenn sie auch nur ein paar von den Angreifern fortlocken konnte ...
Tatsächlich erschienen drei Mann, bewaffnet mit futuristisch anmutenden, umgebauten Goa'uld-Waffen in den Händen an der Stelle, an der sie die Leuchtfackel plaziert hatte.
Vashtu huschte durch das Unterholz zurück, hockte sich hinter einen Felsen und hielt die Luft an. Eine Millisekunde später detonierten die beiden Granaten, die sie nahe bei der Fackel im Boden vergraben hatte. Sie glaubte, Schreie gehört zu haben, doch dann war nichts anderes mehr als Stille.
Vorsichtig lugte sie um den Felsen herum. Von Bulls Männern war nichts mehr zu sehen, nur ein relativ tiefer Krater, aus dem noch Rauchschwaden aufstiegen. Letzte Brocken aufgerissene Erde fielen zu Boden.
Hinter sich hörte sie wieder das Rattern des Sturmgewehrs und das hellere Bellen ihrer P-90, huschte zurück zu dem niedrigen Hügel und sah die beiden letzten Männer dort, die versuchten, das Versteck zu stürmen. Sie hatten sich hinter dem Dornenbusch verschanzt.
Die P-90 war inzwischen verstummt, doch das Sturmgewehr feuerte noch immer.
Vashtu zog sich hinter einen Baumstamm zurück und bedachte kurz die Lage. Dann stürzte sie vor, riß die Zat hoch und sprang auf die Angreifer zu. Die beiden wurden nach einigen in die Leere gehenden Schüssen getroffen und sanken bewußtlos zusammen.
Sie konnte ihren Sturz nicht richtig auffangen und knallte hart mit der Schulter auf. Die Waffe entglitt ihr und sie biß die Zähne fest aufeinander und kniff die Augen zusammen. Erst nach zwei oder drei Atemzügen wagte sie es, die Lider wieder zu heben und besah sich den Schlamasel.
Dorn hatte sich aufgerichtet und sah zu ihr hinunter. Anerkennend nickte er.
Vashtu rollte sich seufzend auf den Rücken und starrte in den Himmel hinauf. Zumindest hatten sie ein Schiff erbeutet ...

Drei Stunden später

Wallace stützend und düster vor sich hinbrütend trat Vashtu als erste durch das Tor, fand sich auf der Rampe im Stargate-Center wieder, wo sie ein erwartungsvoll dreinblickender General Landry erwartete.
Ein Sanitäter-Team stand bereit, wie sie es verlangt hatte, nahm ihr jetzt den doch recht schweren Wissenschaftler ab und ließ sie unverrichteter Dinge stehen.
„Nun, Miss Uruhk“, wandte Landry sich an sie, „haben Sie etwa den Ori allein den Krieg erklärt?“
Vashtu sah ihn einen Moment lang dumpf an. Ihre Kiefer mahlten vor unterdrückter Wut.
„Nein, Sir“, antwortete sie endlich. „Wie verabredet haben wir mit den Unterhändlern Bulls Kontakt aufgenommen. Doch Dr. Wallace verärgerte Bull den Schlächter, so daß uns weitere Verhandlungen leider nicht mehr möglich waren. Bull nahm Dr. Babbis als Geisel, doch es gelang, ihn aus dessen Gewalt zu befreien. Wir wollten durch das Gate zurückkehren zur Erde, doch dieses war inzwischen von seinen Leuten umstellt, so daß wir Deckung suchten. Dabei fiel Dr. Wallace in eine Senke und verstauchte sich den Knöchel. Bull ließ währenddessen eine Goa'uld-Flag gegen uns auffahren, die wir ausschalten mußten, um an das Tor zu gelangen. Mithilfe eines älteren Frachters schalteten wir das Geschütz aus und konnten Bulls Männer außer Gefecht setzen. Seine Mitgliedschaft in der Lucian Alliance dürfte damit bestätigt sein. Ein zweites Schiff startete, als wir uns wieder dem vereinbarten Verhandlungsort nähern wollten. Die Gespräche über die angebliche Superwaffe sind damit gescheitert ... und die Waffe selbst zerstört. Es handelte sich um nichts anderes als eine umgebaute Goa'uld-Flag, Sir.“
Landry sah sie an, als erwarte er noch etwas. Als sie schwieg nickte er. „Bull konnte entkommen?“ fragte er.
Vashtu zögerte, atmete tief ein. „Nein, Sir, er kam bei einer Detonation ums Leben, bei der auch die Flag zerstört wurde.“
Landry sah sie forschend an, dann trat er zur Seite. „Ich erwarte Ihren Abschlußbericht, Miss Uruhk. Ich denke, Sie wissen, was jetzt geschehen wird.“
Antarktica!
Vashtu nickte mit zusammengepreßten Lippen und senkte den Kopf.
Ihre erste Mission war in einem Desaster geendet. Sie war als Leader gescheitert und würde wohl auch keine zweite Chance erhalten. Selbst wenn man ihr ein, bis auf Dorn, sehr bescheidenes Team gegeben hatte.
Mit schweren Schritten ging sie die Rampe hinunter, den Kopf weiter gesenkt.
Sie hatte soviele Pläne und Träume gehabt, war so voller Enthusiasmus gewesen. Sicher, SG-27 mochte nicht das beste Team der Milchstraße sein. Aber sie hatte zumindest ab und an das Gefühl gehabt, sie hätte ihrer Männer im Griff. Wenn man ihr mehr Zeit einräumen würde ...
„General, Sir“, meldete sich plötzlich Babbis zu Wort, „ich weiß nicht genau, was gerade vorfällt. Aber ich weiß, daß es nicht die Schuld von Miss Uruhk war, daß die Mission scheiterte. Als Anführerin hat sie sich sehr gut geschlagen.“
Überrascht sah Vashtu auf und drehte sich halb um. Babbis erwiderte ihren Blick nervös, knetete seine Hände. Auf seinem Gesicht waren hektische Flecke.
Landry drehte sich zu ihr um und lächelte sie amüsiert an. „Wer sagt denn, daß die Mission gescheitert ist? Ich erwarte Sie zum Briefing, sobald Dr. Wallace wieder einsatzfähig ist, Miss Uruhk.“
Ungläubig starrte sie den Leiter des Stargate-Centers an.

ENDE

01.11.2009

1.01 Das beste Team der Milchstraße I

TV-Serie: Stargate general
Reihe: SG-V (SG-27)
Genre: humor, scifi, action
Rating: PG
Zeitleiste: Diese Fanfiktion spielt in der ersten Hälfte der 10. Staffel Stargate SG-1.
Anmerkung: Bei den beiden Figuren Wallace und Babbis handelt es sich um die beiden Teammitglieder von John Sheppard aus der Folge 3.10 Die Rückkehr (The Return). Ich habe mir nur erlaubt, den beiden mehr Profil zu geben.
Author's Note: Als ich die Geschichte schrieb, in der ich Vashtu ins Stargate-Universum einführte, wurde mir klar, daß ich noch nicht mit ihr fertig war. Irgendwie hatte ich Lust, ihr ein eigenes Team zu geben und zu sehen, was wohl passieren würde. So kam es, daß es quasi zwei "Serien" gibt, einmal SG-27, das in der Milchstraße spielt und am Ende in einem neuen Stargate in einer neuen Galaxie mündet: Stargate Vineta (SG-V). Ich hoffe, den möglichen Lesern machen die Abenteuer dieses etwas schrägen Teams genausoviel Spaß wie mir beim Schreiben.


Jetzt

Vier Minuten! Nur vier Minuten! Damit dürfte sie dann den absoluten Minusrekord für Verhandlungen über mögliche Allierte oder Geschäftspartner aufgestellt haben. Seit knapp einer halben Erdenstunde auf dem Planeten und dann das.
Die Entladungen einer Stabwaffe schossen über sie hinweg, ließen sie den Kopf einziehen und geduckt weiterrennen. Im Lauf drehte sie sich um und gab kurze Garben mit ihrer P-90 zurück. Weit vor sich sah sie die anderen ihres Teams laufen, zumindest hörten Wallace und Babbis inzwischen auf sie. Mit dem alten Serge Dorn glaubte sie, weniger Probleme zu haben.
Vashtu Uruhk hechtete hinter einen Findling, um ein bißchen Deckung zu haben. Wenn es so weiterging, würde sie bald von ihren Leuten abgeschnitten sein. Und Dorn mit den beiden Wissenschaftlern allein ... ?
„Mam, soll ich zurückkommen und Sie holen?“ meldete sich der ältere Marine gerade über Funk.
Vashtu drückte kurz die Knöpfe, um ihr Funkgerät auf Sendung zu bringen. „Negativ, laufen Sie zurück zum Tor. Ich komme nach.“
Eine Energieentladung direkt über ihrem Kopf ließ sie zusammenzucken.
Was hatte Landry zu ihr gesagt? Wie hatte John Sheppard SG-27 bezeichnet? Das war lachhaft! Und wahrscheinlich auch genau so von ihm gemeint gewesen.
Vashtu kam wieder auf die Beine, rannte geduckt mit langen Schritten weiter und fand Deckung hinter einem Baum. Aus ihrer Brusttasche fummelte sie den Lebenszeichendetektor, den sie von Atlantis mitgebracht hatte. Zum Glück war er bisher niemandem aufgefallen, sonst hätte man ihn ihr sicher abgenommen.
Zehn von Bulls Männern kamen in einem langem Bogen auf sie zu. In ihrer unmittelbaren Nähe konnte sie einen ausmachen, überlegte kurz, verwarf den Gedanken aber gleich wieder.
Wenn sie Teamleader bleiben wollte, durfte sie es sich nicht vollkommen mit diesen Leuten verscherzen. Auch wenn sie persönlich inzwischen wirklich keinen Wert auf ein möglichen Handel legte. Wer so leicht so wütend wurde ...
Sie gab ihre Deckung auf und huschte geduckt zur nächsten. Irgendwie würde sie auf diese Weise auch voran kommen.

Vor 4 Tagen


General Landry ließ sich hinter seinem Schreibtisch in den altertümlich und gewichtig aussehenden Sessel sinken, seufzte, als er zu ihr hochblickte. „Miss Uruhk.“
Sie blieb auf der anderen Seite des Tisches stehen und zog eine Grimasse. „Ja, Sir.“
Landry beugte sich vor, tippte auf eine recht dicke Akte vor sich. „Was soll ich denn noch mit Ihnen machen? In der Forschung will niemand mit Ihnen zusammenarbeiten, der medizinische Bereich ist zur Zeit überfüllt, und, ehrlich gesagt, hätte ich meine Bedenken. Und innerhalb der letzten Monate mußten wir das komplette Team von SG-15 austauschen, den Leader sogar vier Mal! Und jetzt haben Sie Collins auch wieder irgendwie mundtot gemacht. Sie machen, was Sie wollen, nicht, was Sie sollen. Ist Ihnen das eigentlich klar?“
Vashtu hob etwas hilflos die Schultern, ließ sie dann wieder sinken. „Ich versuche nur zu handeln, wie ich es täte, wenn ich verantwortlich wäre, Sir“, antwortete sie.
Landry sah sie sinnend nickend an, faltete die Hände über der Akte.
Vashtu mußte zugeben, dieser Stapel Papier waren inzwischen um einiges angewachsen. Sie gab sich ja Mühe, aber ...
„Man gab mir zu verstehen, daß Sie, wenn Sie so weitermachen, bald auf Antarktica landen werden. Ich bin mir nicht sicher, ob es Ihnen dort behagen wird, Miss Uruhk. Und ich möchte nicht wissen, was Sie dort noch anrichten können.“
„Sir, ich kam mit einer Aufgabe von Atlantis hierher“, wagte sie endlich zu antworten. „Aber bisher hat man mir nicht die Möglichkeit geboten, diese Aufgabe auch auszuführen. Mir ist klar, daß hier alle fasziniert sind, jemanden wie mich zu treffen, allzu viele von uns gibt es ja nicht mehr. Aber ich versuche mich nur irgendwie einzufügen.“
„Indem Sie Ihren eigenen Kopf durchsetzen?“ Landry hob die Brauen.
„Indem ich versuche zu helfen, Sir“, gab sie prompt zurück.
„Helfen ...“ Der General schien dieses Wort ernsthaft mit dem zu vergleichen, was sie bisher geleistet hatte. Und sie mußte selbst zugeben, es war nicht sonderlich viel.
„Sir, wenn ich erklären dürfte ...“ Ein wenig hilflos sah sie ihn an und wartete.
Landry lehnte sich wieder zurück, winkte ihr, sich ebenfalls endlich zu setzen. „Ich werde es vermutlich bereuen, aber erklären Sie.“
Vashtu nickte eifrig. „Um ehrlich zu sein, Sir, scheint es viele in Ihren SG-Teams zu geben, die nicht sonderlich interessiert an fremder Kultur sind. Aber oft genug ist der einzige Weg, überhaupt angehört zu werden, der, sich dem anderen zu öffnen. Ich versuche das, und habe doch wohl auch schon das eine oder andere aufgespürt, was möglicherweise wichtig sein könnte.“ Widerstrebend nickte der General.
Sie lächelte. „Es ist ja nicht so, als würde ich ständig allein vorpreschen, Sir. Aber ich suche den Kontakt zu den Bewohnern der jeweiligen Planeten. Meines Wissens sollte dies auch überwiegend meine Aufgabe sein. Bisher habe ich jedesmal, wenn ich etwas erfahren habe, meinen Leader darüber informiert. Doch leider erweckten sie auf mich bisher nicht immer den Eindruck, daß sie sonderlich interessiert an dem wären, was man mir zeigen wollte.“
„Ich weiß, daß Sie ein Händchen für fremde Kulturen haben“, wandte Landry ein. „Aber es besteht durchaus ein Unterschied zwischen Nutzen und benutzt werden. Ist Ihnen das auch klar? Sie können nicht ständig irgendwelche Waffen und teure Lieferungen im Austausch für Dinge anbieten, die uns im Kampf gegen die Ori nicht helfen werden. Im Moment suchen wir Technologien, Miss Uruhk, und möchten sie nicht sehr gern hergeben.“
„Die Lucian Alliance sieht das etwas anders. Sie nehmen jeden Planeten, den sie kriegen können, Sir. Die meisten Bewohner dieser Welten sind aber mehr als froh, endlich frei von den Systemlords zu sein und ordnen sich gerade selbst. Die Erde sollte hier helfen, Sir“, entgegnete Vashtu bestimmt.
Landry seufzte. „Gibt es in Ihren Augen noch eine andere Option, oder wollen Sie mir die Pistole auf die Brust setzen? Ich bin nicht der, der entscheidet, Miss Uruhk.“
„Dann schicken Sie mich zurück nach Atlantis.“
Der General schüttelte bestimmt den Kopf. „Das kommt erst recht nicht in Frage. Wir brauchen Sie hier.“
Vashtu seufzte schwer. Diese Antwort hatte sie inzwischen schon einmal zu oft gehört. Irgendwo an ihrem geistigen Horizont schienen ihr in der Sonne glitzernde Eisberge zuzuwinken.
Antarktica.
Landry setzte sich wieder auf, musterte sie nachdenklich. „Ich hatte ein langes Gespräch mit General O'Neill über Sie“, wechselte er jetzt das Thema. „Ich kann ihm zwar nicht ganz zustimmen, aber vielleicht irre ich mich ja.“ Er schob ihre Akte zur Seite und brachte eine andere, ungefähr ebenso dick, zum Vorschein, die er ihr hinhielt.
Vashtu runzelte die Stirn, griff mit einem fragenden Blick danach. Auf dem Pappumschlag stand mit großen Lettern SG-27 geschrieben.
„General O'Neill ist der Meinung, wenn Sie sowieso immer die Führung über Ihr jeweiliges Team an sich reißen, sollten Sie sich doch einmal bewähren. SG-27 ist zur Zeit führerlos und gerade wieder einsatzbereit. Sie werden der neue Leader und P3X-293 in vier Tagen besuchen, um dort Kontakte zum hiesigen Warlord herzustellen.“
Vashtu blickte irritiert auf und hob eine Braue. „Warlord, Sir?“ In ihrem Kopf ratterte es.
Ihr eigenes Team! Sie hatte ein eigenes Team, endlich! Sie würde verantwortlich für das sein, was auch immer sie finden würden. Sie würde entscheiden. Auf diese Chance wartete sie jetzt seit fast einem Jahr.
Aber ein Warlord? Steckte am Ende wieder einmal die Lucian Alliance dahinter? Wollte die Erde tatsächlich Kontakt zu ihnen?
Landry erhob sich. „Es scheint, er verfügt über etwas, was wir im Kampf gegen die Ori gut gebrauchen könnten. Außerdem sind wir uns nicht sicher, ob er sich dem Verbund angeschlossen hat. Sie werden das herausfinden, Miss Uruhk.“
Vashtu drückte die Akte an ihre Brust und stand ebenfalls auf. Dann fiel ihr ein, was ihr ein Mitglied eines anderen Teams in der Kantine gesagt hatte.
„Lt. Colonel Sheppard war Leader von SG-27 bei seinem kurzen Aufenthalt auf der Erde, nicht wahr?“ Sie lächelte.
Landry nickte. „Ja, das war er. Und seiner Meinung nach war dieses Team das beste der ganzen Milchstraße.“


Jetzt
Vashtu warf sich hart gegen den Grashügel, während über ihr eine Salve nach der anderen in die Erde einschlug.
Jetzt reichte es! Sie ließ sich ja so eine Jagd eine Zeitlang gefallen, aber allmählich verlor sie die Geduld.
Sie aktivierte ihren Detektor, drehte sich dann um und schlich, tief hinter die Büsche geduckt, zurück.
Bulls Männer hatten sie von ihrem Team abgeschnitten. Sie hätte es sich ja schon denken können, daß soetwas passieren würde, immerhin hatte sie den Beschuß auf sich gezogen, um Dorn zu ermöglichen, die Wissenschaftler zum Tor zu führen. Aber so hatten sie nicht gewettet.
Vashtu näherte sich der Stellung ihres Angreifers. Sie nutzte jede Deckung, die sie finden konnte, den Mann schon im Auge. Sie steckte den Detektor wieder ein und hob die P-90. Mit einem leisen Klicken schaltete sie die Waffe von Automatik auf manuell, um Einzelschüsse abgeben zu können, schlich sich durch das dünne Unterholz näher. Dann sprang sie auf und schoß gezielt. Die P-90 bellte drei Kugeln aus. Und zumindest eine traf. Der Mann, der auf sie geschossen hatte, wurde durch die Wucht herumgewirbelt und brach zusammen. Vashtu mußte sich zwingen, nicht zu knurren.
Sie schlich kurz zu seiner Stellung, um zu überprüfen, daß er auch wirklich außer Gefecht gesetzt war, dann trabte sie zurück auf den Weg zu ihren Männern.
„Mam, alles in Ordnung?“ meldete Dorn sich.
„Alles bestens, es steht Eins zu Null für uns. Wie sieht es am Tor aus?“
„Negativ. Wir sind abgeschnitten. Es gibt da eine kleine Senke, zirka 700 Schritt östlich. Dort warten wir auf Sie, Mam.“
Wieder aktivierte sie den Detektor, stützte ihre Waffe mit dem Unterarm und kontrollierte die Richtung.
Wenn sie sich beeilte, würde sie es schon schaffen, ehe es zu noch einem Zwischenfall kommen würde. Allerdings würde sie mit Babbis eine kleine Diskussion zu führen haben.
Vashtu trabte los.

Nach der Wanderung


Sie betrat nach Loyla das niedrige Holzhaus, fand sich in einer gemütlichen Stube wieder. Es war sehr warm und roch nach Rauch.
Als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, sah sie sich aufmerksam um. Dies war das Hauptquartier des hiesigen Warlords, für sie sah es allerdings eher wie ein Gasthaus aus. Einige schwere Holztische standen in dem Raum verteilt, Bänke und Stühle um sie herum. Becher und Steine beschwerten diverse Papiere. Am anderen Ende des Raumes zog sich eine schmale Theke hin, die jedoch unbesetzt war.
„Okay, wir verhalten uns unauffällig und versuchen, Informationen zu bekommen“, wandte sie sich an ihre Gruppe. „Dorn, Sie bleiben bei der Tür, nur für den Fall der Fälle.“
Der grauhaarige Marine nickte, lehnte sich an die Wand und nutzte sein Sturmgewehr als Armstütze.
Dr. James Wallace, einer der beiden Wissenschaftler, hatte das Ende ihres ersten Satzes schon nicht mehr gehört. Er eilte Loyla nach. Soweit Vashtu es verstanden hatte, wollte sie ihm irgendein Problem zeigen. Ihr sollte es recht sein. Dr. Babbis folgte den beiden.
Sie drehte sich um und ging zu dem Ecktisch hinüber, an dem ein stiernackiger Mann mit finsterem Gesicht saß. Nach der netten Loyla sollte dies der Unterhändler sein, mit dem sie in Verhandlungen treten konnte.
Vashtu setzte ein unverbindliches Lächeln auf, schob sich die Riemen ihres Rucksacks von den Schultern. „Ich bin Vashtu Uruhk“, stellte sie sich vor und neigte den Kopf. „Wir kommen, wie besprochen, von der Erde, um über die Waffe zu verhandeln, die ihr gefunden habt.“
Die stechenden Augen des Mannes ließen sie nicht eine Sekunde aus den Augen, während sie sich das Uniformhemd vom Körper streifte und auf ihren Rucksack legte. Darunter trug sie einen dunklen Militärpullover. Die Hemdjacke behinderte sie und erschien ihr viel zu groß. Aber bisher hatte sie noch keine Möglichkeit gehabt, sich des ungeliebten Kleidungsstücks zu entledigen.
„Ihr habt schöne Frauen auf der Erde.“ Die Stimme des Mannes war dunkel und voll.
Vashtu streifte ihre Überlebensweste wieder über und ließ sich, nach einem auffordernden Blick von ihm, auf einem Stuhl ihm gegenüber nieder. „Ich komme nicht von der Erde“, entgegnete sie. „Aber ich nehme es als Kompliment. Danke. Und du scheinst ein starker Mann zu sein.“
Der Fremde grunzte nickend.
Sie faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, sah ihm fest in die Augen. Wenn er dachte, er würde ein leichtes Spiel mit ihr haben, würde er eine Überraschung erleben.
„Also, ich gehe nicht davon aus, daß du Bull der Schlächter von Nathea bist“, fuhr sie fort. „Will er nicht mit mir reden?“
Der Mann beugte sich vor. „Und was sagt dir, daß ich nicht Bull bin?“
Vashtu lächelte zuckersüß. „Du hast zu wenig Gefolge. Wenn du Bull wärst, würden die Frauen dich umschwärmen, starker Mann. Aber Loyla hat dich kaum eines Blickes gewürdigt. Also kannst du nicht Bull sein.“
Er nickte. „Gut erkannt, hübsche Frau, die nicht von der Erde kommt. Bist du Teil des Handels?“
„Mich würdet ihr nicht haben wollen, glaub mir.“ Kurz aktivierte sie die Iratus-Zellen in sich, beugte sich vor, daß das Licht auf ihre Augen fallen konnte.
Der Mann zuckte zurück, sein Gesicht war bleich geworden.
Vashtus Lächeln wurde breiter. „Ich mag eine Frau sein, aber ich bin auch eine Kriegerin. Die Erde hat mich hergeschickt, damit ich mir ansehe, was ihr gefunden habt und euch den Wert dieses Gegenstandes nenne. Den Preis, den die Erde bereit ist zu zahlen.“
Der Mann sah sie immer noch abschätzend und ein wenig angewidert an, nickte aber. „Wie du willst, Vashtu Uruhk. Ich werde deine Worte an Bull weitergeben.“
„Ich bitte darum und werde warten.“ Sie kreuzte die Arme vor der Brust.
Er sah überrascht aus, doch er erhob sich und ging.
Dann brach plötzlich hinter ihr das Chaos aus.

Jetzt

Der Schlag traf sie unvorbereitet und ließ kurz Sterne vor ihren Augen tanzen. Ihr Kinn fühlte sich taub ab. Sie verstärkte den Druck auf die Schultern ihres Gegners und versuchte ihn unten zu halten. Ein kurzer Handkantenschlag und der Mann rührte sich nicht mehr. Vashtu überlegte einen Moment, ob sie ihn nicht vielleicht doch erschießen sollte. Doch damit würde sie ihre Position zu erkennen geben.
Sie griff sich seine Zat, harkte sie in eine Schlaufe ihrer Weste und robbte dann, die P-90 stützend, den kleinen Hügel hinauf, ließ sich in die Senke rollen und landete mitten zwischen ihrem Team.
Irritiert sah sie zu Wallace hinüber, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den rechten Knöchel hielt, dann kroch sie auf der anderen Seite den niedrigen Hang hinauf, wo Sergeant Dorn noch immer die Stellung hielt.
„Drei zu Null“, flüsterte sie ihm zu, während sie das Fernglas aus einer ihrer Taschen kramte. Vorsichtig lugte sie über den Abhang, das Gerät an die Augen gedrückt, und sah zum Tor hinüber.
„Schlimme Sache“, bemerkte Dorn.
Mindestens ein Dutzend Männer hatte Bull dort postiert. Allein würde sie sich vielleicht durchschlagen können, aber ...
Sie rutschte etwas hinunter und wälzte sich auf den Rücken. Stirnrunzelnd sah sie zu Wallace.
„Was ist passiert?“ wisperte sie.
Der Wissenschaftler blickte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. „Ich bin hier reingefallen.“
„Scheint sich den Knöchel verrenkt zu haben. Kann nicht auftreten“, ergänzte Dorn.
Vashtu nickte sinnend, dann fiel ihr Blick auf Babbis, der versuchte, seinem Kollegen Erste Hilfe zu leisten. Ihre Brauen schoben sich zusammen.
„Was haben Sie Bull gesagt?“ fragte sie.
Babbis sah nun ebenfalls auf. „Ich habe gar nicht mit ihm gesprochen!“ protestierte er lauter, als er sollte.
Vashtu rutschte den Hang ganz hinunter, kniete sich vor ihm hin. „Ich war schon weitergekommen, als er plötzlich reinkam. Und er war ziemlich wütend, wie Sie sicherlich auch bemerkt haben dürften. Also, was haben Sie gesagt?“
Babbis preßte die Lippen aufeinander. „Ich sagte doch, mit ihm habe ich gar nicht gesprochen, bis er mich plötzlich am Kragen hatte“, entgegnete er.
„Irgendwie fällt es mir schwer, das zu glauben“, sagte Vashtu. „Immerhin habe ich Sie erst einmal von ihm trennen müssen. Was war los?“
„Sie benehmen sich schon wieder wie Colonel Sheppard“, murmelte Babbis.
„Dann benehme ich mich eben wie er. Ich bin der Leader, schon vergessen? Was war los?“
„Loyla erzählte uns von einem ihrer Bullen, mit dem sie immer Schwierigkeiten hätte. Ich meinte bloß, sie könne ihn ja kastrieren lassen“, berichtete Wallace.
Vashtu war verblüfft, mußte ein Lachen unterdrücken.
Ein Bulle!
Seufzend wandte sie sich ab und schüttelte den Kopf. Sie hätte die Akten doch lesen sollen.

Vor 3 Tagen

Vashtu blickte sich etwas hilflos um. Natürlich stand ihr als Anführerin eines eigenen SG-Teams ein Büro zu, aber was sie damit anfangen sollte, hatte ihr noch niemand so richtig erklärt. Ihre Berichte konnte sie immerhin, wie sie es bisher getan hatte, auch in der Kantine oder zu Hause schreiben.
Der Raum wirkte groß und bedrückend auf sie, mit einem gewaltigem Schreibtisch und zwei nicht mehr ganz frischen Bürostühlen. Einige Regale waren an den Wänden aufgehängt, aber weitestgehend leer. Auf dem Putz konnte sie noch Reste von Klebefilmen und die Schatten von Bildern sehen. Und der amerikanische Präsident hing direkt über ihrem Sitzplatz.
Vashtu legte die Team-Akte auf den Schreibtisch, musterte noch einmal den Raum.
So groß war er doch nicht, aber ziemlich groß. Das bedrückende Gefühl hing einfach damit zusammen, daß es kein Fenster gab.
Seufzend zog sie die Hemdjacke aus und hängte sie über den Besucherstuhl.
Jemand klopfte.
Sie drehte sich um und sah einen Schatten an der Tür. „Nur herein.“
Ein älterer Mann mit grauem Haar trat ein und salutierte.
„Ich gehöre nicht zum Militär, das können Sie sich sparen ...“ Sie zögerte kurz, bis ihr der Name einfiel. „Sergeant Dorn.“
„Mam.“ Der ältliche Marine ließ die Hand sinken. „Man sagte mir, Sie wollten mich sprechen.“
Vashtu nickte, setzte sich auf ihren Schreibtisch und bot ihrem Gast einen der Stühle an. „Ich würde mein Team gern kurz kennenlernen, ehe wir losziehen. Ich hoffe, das bereitet Ihnen keine Unannehmlichkeiten.“
Dorn zögerte einen Moment, dann ließ er sich auf dem Besucherstuhl nieder. Das Gestell ächzte.
Vashtu hob eine Braue und machte sich eine geistige Notiz, sich von irgendwoher neue Stühle zu besorgen. So schwer war der Sergeant nun auch wieder nicht. Das Geräusch klang in ihren Ohren eigentlich mehr nach Altersschwäche.
„Sie sind wie lange in SG-27?“ fragte sie.
Dorn sah sie kurz fragend an. „Gerade versetzt worden. Früher SG-9. Das Team wurde aufgelöst.“
Vashtu nickte verstehend, beugte sich leicht vor. „Sie haben also schon einige Erfahrung, das ist gut. Ich brauche jemanden, auf den ich mich verlassen kann, sollte etwas unvorhergesehenes passieren.“
Dorns Augen waren grau, aber dunkler als sein Haar. Jetzt schloß er sie halb und nickte. „Ich bin Waffenexperte, Mam. Da dürfte es keine Probleme geben, wenn Sie mir nicht in den Weg kommen.“
Aha.
Vashtu richtete sich wieder auf und kreuzte die Arme vor der Brust. „Inwieweit sind Sie über mich informiert, Sergeant Dorn?“
Der Marine zögerte, zog die Wangen ein. „Man sagte mir, Sie seien ... etwas anders als wir.“
Vashtu nickte. „Ich bin eine genmanipulierte Antikerin, Dorn. Ich komme aus Atlantis.“
Überrascht sah er auf. Sie lächelte.
„Ich weiß nicht, wie weit Sie über die Probleme in der Pegasus-Galaxie informiert sind, Sergeant. Es gibt dort Gegner der Menschheit, die mit nichts zu vergleichen sind, mit dem Sie bisher hier auf der Erde zu tun hatten. Bevor Atlantis aufgegeben wurde, habe ich gegen diese Feinde gekämpft.“
Dorn musterte sie aufmerksam, sagte jedoch nichts.
„Ich lag zehntausend Jahre in Stasis, Sergeant, bis ich durch die Ankunft Ihrer Expedition aufgeweckt wurde. Dann versuchte ich, dem dortigen Team zu helfen und wurde schließlich auf die Erde geschickt. Hier scheint man meine Hilfe auch zu brauchen, wenn ich vielleicht auch ... Nun, meine Methoden scheinen nicht immer sehr konform mit denen zu gehen, die hier angewendet werden.“
Dorn nickte zögernd, sagte noch immer nichts.
„Unser Team, SG-27, besteht aus den beiden wissenschaftlichen Mitarbeitern Dr. Peter Babbis und Dr. James Wallace, Ihnen und mir. Ich werde als Beraterin geführt, doch sollten wir in Gefechte verwickelt werden, können Sie sich auf mich verlassen. Wenn Sie Waffenexperte sind, umso besser. Das eine oder andere können Sie mir dann vielleicht noch erklären.“
Dorn nickte wieder. „Klingt gut und fair, Mam“, sagte er endlich.
Der Mann war ihr sympatisch.

***

„Dr. Peter Babbis, freut mich, Sie kennenzulernen.“ Seine Hand war feucht und kalt, Druck übte er so gut wie gar nicht aus. Sie fühlte sich, als habe sie einen toten Fisch in ihrer Rechten, zog sie vorsichtig zurück und bot ihm einen Sitzplatz.
Babbis ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit großen, staunenden Augen sah er sie an.
Vashtu fühlte sich wie ein Tier in einem Zirkus, den sie vor kurzem besucht hatte. Doch sie beschloß, erst einmal gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
„Es tut mir leid“, Babbis gestikulierte ein wenig hilflos. Irgendwie erinnerte er sie plötzlich an jemand anderen. „Ich bin nur so aufgeregt, daß es wieder losgeht. Sie können sich nicht vorstellen, wie aufre... Oh, Sie können das wahrscheinlich.“
Wenig überzeugend nickte sie. „Und Sie sind ... ?“ Sie neigte den Kopf und hob fragend die Brauen.
Babbis schien einen Moment lang irritiert zu sein, dann strahlte er sie wieder an. „Ich besitze ein abgeschlossenes Maschinenbaustudium und arbeite gerade an meiner Disertation in Mathematik, Miss Uruhk. Daß ich mit Ihnen reden kann!“
Skeptisch nickte sie.
Er schien ihr noch sehr jung, dafür, daß er ja Mitglied eines SG-Teams war. Bisher war ihr noch nicht aufgefallen, daß es viele so junge Männer wie ihn hier gab. Allerdings wirkte auch sie um einiges jünger als sie war. Aber wie sollte eine über zehntausend Jahre alte Antikerin auch aussehen?
„Sie können also Maschinen auseinandernehmen und auch wieder reparieren?“
Babbis schien nicht gerade glücklich über ihre Worte. „Die Sache liegt meistens doch ein bißchen anders, Miss Uruhk. Maschinen sind einfach mehr als grobe, unbeseelte Klötze. Es kann sehr kompliziert sein, sie zu reparieren. Und gerade die Technik Ihres Volkes ...“
„Ja.“ Sie zog dieses Wort in die Länge.
Irrte sie sich, oder hatte sie hier wirklich eine jüngere Ausgabe von Rodney McKay vor sich.
„Sie waren bereits in SG-27, als Lt. Colonel Sheppard das Team leitete?“ fragte sie, versuchte sich damit selbst abzulenken.
„Er hatte nur einen Einsatz mit uns, der in einem Debakel endete.“ Babbis winkte ab. „Aber was erzähle ich Ihnen, Sie kennen ihn doch selbst.“
Vashtu war nun aber doch neugierig geworden. „Sind Sie in ein Gefecht geraten?“
„Ein Gefecht? Gott bewahre, nein! Es gab einen Unfall, bei dem Dr. Wallace sich verletzte.“
Einen Unfall?
Allmählich nagten leichte Zweifel an ihr. Hatte Landry ihr vielleicht einen Bärendienst erwiesen, als er sie zur Teamleiterin machte?

***

Als Dr. Wallace endlich ihr Büro betrat, war Vashtu überzeugt, in einen Alptraum geraten zu sein. Kaum war der schmale, junge Wissenschaftler zur Tür herein, als ihm auch schon der Kaffeebecher aus der Hand fiel und er sich seine Hemdjacke bekleckerte. Durchdringender Geruch verbreitete sich in dem Raum. Andere mochten ihn würzig oder aromatisch finden, sie dagegen mochte ihn nicht.
„Sie müssen Dr. Wallace sein?“ begrüßte sie ihn.
Hilflos blickte er sich nach etwas um, womit er den Kaffeesee vor seinen Füßen aufwischen konnte.
„Lassen Sie das jetzt gut sein“, fuhr sie im freundlichsten Tonfall fort, den sie aufzubringen vermochte. „Setzen Sie sich. Ich möchte gern mit Ihnen ein paar Worte wechseln.“
Wallace blickte auf. „Tut mir leid“, murmelte er.
Vashtu nickte und wies auf den Besucherstuhl.
Er trat in die Kaffeepfütze, als er sich endlich entschloß, ihrer Aufforderung zu folgen.
Sie seufzte ergeben und wartete.
Ungeschickt setzte er sich. Der Stuhl knarrte wieder verdächtig.
„Dr. James Wallace, richtig?“
Er nickte, knetete die Hände in seinem Schoß.
„Und Sie sind Doktor in ... ?“ fragend sah sie ihn an.
„Agrarwissenschaften“, platzte es aus ihm heraus.
Vashtu lehnte sich zurück. Ihr war nicht entgangen, daß seine Aussprache wohl etwas feucht war.
„Ich komme aus dem Mittleren Westen. Meine Eltern haben dort eine Farm. Sie wissen sicher, wie man unsere Gegend auch nennt.“
Vashtu runzelte die Stirn. Hatte sie da gestern nicht etwas in den Nachrichten gehört. „Tornado Alley?“
Wallace dunkle, feuchte Augen starrten sie entsetzt an. „Nein, nein, nein!“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Wir sind die Kornkammer der Vereinigten Staaten.“
„Ah ja.“
Was hatte das jetzt mit dem Stargate-Programm zu tun?
Vashtu war sich nicht ganz sicher, was sie von dieser Vorstellung halten sollte. Sie beschloß, sich erst einmal nicht mehr darum zu kümmern und das Thema zu wechseln.
„Sie sind schon länger bei SG-27?“
Wallaces Gesicht verfinsterte sich. „Sie meinen Colonel Sheppard? Ja, den kenne ich. Er hat mich mit einer Zat betäubt.“
Um ihn von weiteren Unfällen abzuhalten?
Vashtu musterte ihren Gast wieder und wartete.
„Ich hatte mir den Knöchel gebrochen, Miss Uruhk, darum wurden weitere Expeditionen durch das Stargate ausgesetzt“, fuhr Wallace fort. „Ich traf ihn und ein paar andere in den Gängen und fragte sogar noch, ob er ohne mich losziehen wollte. Das nächste, was ich weiß ist, daß ich in einer Gerätekammer aufwachte. Der Colonel war weg ... zurück nach Atlantis!“
„Und hat die Stadt aus den Händen der Replikatoren befreit“, fügte Vashtu hinzu, ein bißchen Stolz in sich wachsen fühlend.
Wenn sie damals hier gewesen wäre, sie hätte sich ohne zu zögern John und den anderen angeschlossen. Vielleicht hätte sie danach in der Pegasus-Galaxie bleiben dürfen? Vielleicht ...
„Ich höre aus Ihrer Stimme, daß Sie nicht einverstanden sind mit dem, was Lt. Colonel Sheppard getan hat.“
„Er hat direkte Befehle ignoriert, Mam!“ Wallace richtete sich auf. „Ich gehöre zwar nicht zum Militär, aber soetwas wird bei mir nicht vorkommen. Darauf können Sie sich verlassen.“ Die Stuhllehne brach ab.
Vashtu hob nachdenklich die Brauen.
TBC ...

29.10.2009

Von Knallfröschen und Handgranaten

TV-Serie: Stargate general
Genre:humor, scifi
Rating: G
Zeitleiste: Diese Fanfiktion spielt zu Beginn der 10. Staffel Stargate SG-1.


Ein lauter Knall weckte Vashtu, ließ sie in ihrem Bett auffahren und erschrocken zu den Fenstern über sich hochstarren. Helles Knattern wie von einer Waffe folgte.
Was ging denn da draußen auf dem Hof vor sich?
Vashtu runzelte die Stirn und neigte den Kopf.
KABUMM!
Erschrocken zuckte sie zusammen, fühlte dann, wie ihr Herz zu rasen begann, als sie die Stimmen hinter diesem Krach erkannte: Kinder!
Mit einem Satz war die Antikerin aus dem Bett und hastete in den winzigen Flur ihres Apartments hinaus. Sich streckend schnappte sie sich ihre Jacke und schlüpfte noch in diese hinein, als sie schon die Tür öffnete.
In der rechten Tasche der Fliegerjacke steckte ihre Beretta, die sie mit nach Hause genommen hatte, um sie einmal gründlich zu reinigen. Jetzt zog Vashtu die Waffe und entsicherte sie, während sie an das Geländer hastete und den Lauf nach unten richtete, um die möglichen Aggressor anzugreifen.
Dann aber stutzte sie und blinzelte, als sie erkannte, WAS genau da unter ihr im Innenhof der Apartmentanlage vor sich ging.
Die Kinder der Millers, die Holmes'sche Rasselbande sowie der Stammhalter der Familie Brandis hockten unten um den Swimmingpool herum, dessen Wasser jetzt wegen des Frostes abgelassen worden war, und warfen irgendetwas, das scharf nach Schießpulver stank, in dessen Leere hinein. Und wenn diese Irgendwase explodierten, kreischten die Kinder - allerdings vor Vergnügen und nicht aus Angst, wie sie zunächst angenommen hatte.
Was war denn jetzt wieder los? Erst dieses merkwürdige Zeremoniell der Kleinen, als sie abends verkleidet durch die Nachbarschaft spazierten und jedem mit einem Streich drohten, der ihnen keine Süßigkeiten gab. Dann dieser ganze Trubel um Weihnachten, den sie zugegebenermaßen auch ein Stückweit genossen hatte. Vor allem die eine Woche, die ein gewisser verkleideter Ruprecht auf der Erde verbracht hatte. Da, fiel ihr ein, hatte sie noch ganz dieses eigenartige „Thanksgiving" vergessen, ein Festmahl, zu dem Familie Brandis sie eingeladen hatte. Und jetzt das hier? Was war denn nun wieder los?
„Ich hoffe doch sehr, Sie besitzen eine Genehmigung dafür", ließ sich in diesem Moment die schneidende Stimme ihres Nachbarn Cavanaugh vernehmen.
Vashtu fluchte leise in ihrer Muttersprache und ließ die Beretta wieder in ihrer Jackentasche verschwinden.
Natürlich besaß sie keinen Waffenschein - zumindest noch nicht. Wenn General Landry erfahren würde, daß sie ihre Beretta mit nach Hause nahm, um sie einmal richtig zu reinigen, würde er sehr wahrscheinlich im Dreieck springen und sie wieder einmal zu sich zitieren. Darum hatte sie ja die Zeit jetzt genutzt, da der General, gemeinsam mit Dr. Lam und wohl auch seiner Exfrau, in Urlaub gefahren war für die Feiertage.
Vashtu setzte ihr strahlendes Lächeln auf und drehte sich um. „Nur eine Attrappe, mehr nicht", sagte sie und tappte wieder zurück in ihr Apartment, als ihr klar wurde, daß sie strumpfsockig und auch sonst recht dünn bekleidet war.
„Das will ich aber auch hoffen!" rief Cavanaugh ihr nach. „Ansonsten melde ich Sie nämlich der Polizei, Miss Uruhk! Wäre sicher nicht das erste Mal, daß Sie mit denen zusammenstoßen."
Nein, da irrte er sich. Es WÄRE das erste Mal für sie - zumindest in der Angelegenheit Waffe ohne gültigen Waffenschein ...
Vashtu floh beinahe in ihr Apartment zurück und schloß die Tür hinter sich sehr sorgfältig. Das fehlte ihr noch, daß eines der durchgedrehten Kinder seine was-auch-immer in ihr Apartment schmiß aus Rache dafür, daß sie zu Halloween wirklich nichts Süßes im Haus gehabt hatte. Aber wer konnte sich denn auch denken, daß plötzlich geschieht, was geschehen war ...
Vashtu seufzte ergeben und betrat ihr Schlafzimmer. Ein Blick auf den Wecker allerdings bestätigte die Annahme: In genau drei Minuten würde dieser Wecker läuten und sie damit ohnehin aus dem Schlaf reißen. Also konnte sie sich ebensogut diese drei Minuten als Vorsprung heute nutzen, fand sie ...

***

Als Vashtu einige Stunden später, ihr Skateboard unter dem Arm, aus dem Aufzug stieg, lief ihr natürlich gleich Tortechniker Nummer eins, Sergeant Walter Harriman, über den Weg.
„Müssen Sie heute etwa arbeiten?" erkundigte der sich nach der obligatorischen Begrüßung.
Vashtu blinzelte, zuckte dann mit den Schultern. „Wieso nicht?" erkundigte sie sich, marschierte an seiner Seite Richtung Kontrollraum.
Walter zupfte kurz an seiner Brille. „Nun ja, Sie haben auch Weihnachten gearbeitet", gab er zu bedenken. „Und solange ich hier stationiert bin, war es immer so, daß diejenigen, die Weihnachten arbeiten müssen, Silvester und Neujahr frei haben."
Vashtu hob eine Braue. „Und was ist das jetzt wieder: Silvester und Neujahr?"
Walter blieb stehen und starrte sie verblüfft an. „Hat Ihnen das wirklich noch keiner erklärt?"
Vashtu schüttelte stumm den Kopf.
Der Sergeant seufzte, winkte ihr dann, ihm zu folgen und ging weiter. „Silvester nennen wir den Jahreswechsel, und der findet heute statt", erklärte er. „Heute abend finden viele Partys statt. Die Leute mögen es Silvester in der Gruppe zu verbringen und auf das neue Jahr zu warten."
„Und was ist daran jetzt so besonderes? Feiern kann ich immerhin jeden Tag, wenn ich will", erkundigte Vashtu sich.
Walter verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse. „Es ist aber nicht jeden Tag Silvester", entgegnete er. „Heute nacht um Null Uhr beginnt ein neues Kalenderjahr für uns. Und wir feiern das eben mit Bleigießen, Feuerwerk und Spaß. Soll wohl noch irgendwie von unseren Vorfahren stammen der Brauch mit dem ganzen Knallen und so. Früher dachte man wohl, man müsse das alte Jahr verjagen, damit ein neues kommen kann. Sowas wie 'Dämonen austreiben' eben."
„Und Bleigießen?" bohrte die Antikerin weiter.
Walter nahm die Treppe hinauf in den Kontrollraum, der heute relativ leer und verwaist wirkte, fast so leer wie der Gateroom, fand Vashtu.
„Bleigießen soll eine Art sein, herauszufinden, was einen wohl im kommenden Jahr erwartet", erklärte der Techniker, ließ sich auf seinem angestammten Platz nieder. „Man schmilzt das Metall und läßt es dann in kaltes Wasser fallen. Die Art, wie es bei der Berührung mit dem Wasser erstarrt, soll Rückschlüsse auf die Zukunft bringen. Ist ein ganz lustiges Spielchen ..." Er grinste.
Vashtu schürzte nachdenklich die Lippen.
Wenn sie das richtig verstand, glaubten die Menschen zwar nicht mehr an das, was sie da taten, retteten ihre Bräuche aber auch in diese Zeit hinein. Und irgendwie schien das ganze mit Explosionen zusammenzuhängen. Dazu kam dann dieser ominöse Drang, die Zukunft zu erforschen - ja, hatten sie denn noch nicht genug zu erforschen?
Aber vielleicht ergab sich daraus auch eine Möglichkeit, wie sie sich für die doch recht herzliche Begrüßung auf der Erde zu revangieren. Immerhin hatte Walter ja gerade selbst gesagt, daß die Mitarbeiter, die heute Dienst hatten, eben nicht feiern konnten, es vielleicht aber wollten.
Ein Gedanke begann in Vashtus Hirn zu reifen ...
Einige Stunden später

Vashtu schleppte einen Koffer, sowie den Bunsenbrenner, den sie aus einem der leeren Labore erbeutet hatte, in die Kantine, stellte beides ab und schob zwei Tische zusammen.
Die Bedienung, die heute Dienst tat, eine ältere Frau mit dem Vornamen Alicia, beobachtete sie skeptisch bei ihrem Tun, als sie nun begann, den Brenner aufzustellen und einen Anschluß für das Gas suchte, aber keinen fand. Gut, dann würde sie wohl noch einmal zurück müssen und eine der Gasflaschen holen ...
Vashtu richtete sich wieder auf, nachdem sie den Koffer sorgsam unter den Tischen plaziert hatte und strahlte die Bedienung gewinnend an.
„Miss Uruhk?" fragte diese leise.
„Alicia!" Die Antikerin trat beherzt an den Tresen und stützte sich darauf. „Müssen Sie heute etwa auch arbeiten?"
Die Küchenangestellte nickte stumm.
„Das tut mir leid. Ist sicher nicht das, was Sie gern möchten, oder?"
„Hatte Weihnachten frei", antwortete die Frau. „Da kam meine Tochter mit ihrem Kind vorbei."
Vashtu nickte bedeutungsschwer, schielte an Gestalt der Bedienung vorbei begehrlich auf einen großen Topf. „Brauchen Sie den?" fragte sie dann.
Alicia stutzte, drehte sich halb um.
Vashtu fiel augenblicklich noch eine große Metallschüssel ins Auge. „Und die? Brauchen Sie die?"
„Warum?"
Vashtu setzte ein betont unschuldiges Gesicht auf. „Weil ich für die, die heute arbeiten müssen, eine kleine Überraschung vorbereite. Und da kämen mir der Topf und die Schüssel sehr gelegen - und ein bißchen Wasser." Sie blinzelte mit großen, unschuldigen Augen.
Alicia stutzte. „Eine Überraschung?" fragte sie.
Vashtu nickte. „Genau. Und darum habe ich jetzt gerade nicht viel Zeit, weil ich noch eine Menge vorzubereiten habe. Kann ich mir beides von Ihnen ausleihen?"
Alicia sah alles andere als glücklich aus, eine solche Entscheidung fällen zu müssen, nickte dann aber widerstrebend.
Vashtu strahlte wieder über das ganze Gesicht. „Sehr schön. Wenn Sie können, füllen Sie die Schüssel doch bitte mit Wasser. Ach ja, und ein paar Löffel bräuchte ich noch - aber bitte die Edelstahl-Ausführungen, nicht die billigen. Okay? Bis später!"
Damit verschwand die Antikerin wieder in den Gängen des ausgehöhlten Berges ...

Gegen Abend
Lt. Colonel Samantha Carter seufzte schwer, als es an der Tür klopfte und diese sich dann öffnete. „Miss Uruhk ..."
Vashtu grinste, sah sich kurz mit langem Hals um. „Wieso sind Sie in Landrys Büro?" fragte sie dann.
Sam sah sie auffordernd an. „Weil ich mit Ihnen reden möchte", antwortete sie. „Und in Anbetracht der Tatsache, daß heute ständig Dinge verschwinden, kommen Sie in deren Nähe, hielt ich es für angebracht, dieses Gespräch nicht in meinem Labor zu führen."
Vashtu zog ein betont unschuldiges Gesicht, trat endlich ein und schloß die Tür hinter sich. „Okay", sagte sie einfach nur und zuckte mit den Schultern.
Sam seufzte. „Der Wachhabende auf Ebene 12 sagte mir, Sie wären in der dortigen Waffenkammer gewesen. Als Sie wieder herauskamen, fehlten sämtliche Blend- und Handgranaten. Danach waren Sie verschwunden und sind einige Zeit später auf Ebene 6 aufgetaucht, dem C4-Lager. Dort fehlen ebenfalls einige Päckchen, sowie drei Fernzünder. Zudem wurde mir von Storm mitgeteilt, Sie hätten das Gelände verlassen und seien zwischen den Feldern verschwunden - mit einem Rucksack, in den Sie den Militärpolizisten nicht hineinsehen lassen wollten, obwohl er klar als Eigentum der US-Air-Force gekennzeichnet war." Sie sah auf. „Können Sie mir das vielleicht erklären?"
Vashtu setzte ihr bestes Pokerface auf und blinzelte unschuldig. „Ich bereite etwas vor", erklärte sie dann zögernd, nachdem ihr stummes Flehen nichts brachte.
„Und was? Wollen Sie das SGC allein übernehmen?"
Vashtu strahlte wieder. „Aber nicht doch! Kommen Sie doch einfach um 23.30 Uhr in die Kantine, dann werden Sie es sehen." Sie wies kurz blind zur Tür hinüber, dann ging sie und öffnete diese. Als sie gerade gehen wollte, drehte sie sich noch einmal um. „Ich bräuchte noch ein paar Videokameras und einen Bildschirm. Darf ich mich auf Sie berufen, Colonel?"
Sam stutzte, zögerte einen Moment, dann aber nickte sie. „Machen Sie", seufzte sie ergeben.
Dabei hatte sie eigentlich das Gefühl gehabt, zu der Antikerin vorgedrungen zu sein nach der Feier in Jacks Waldhütte ...

Gegen 23.30 Uhr - Kantine

Vashtu war nervös, ob auch wirklich alles klappen würde, wie sie es geplant hatte. Sie hoffte es sehr, denn immerhin wollte sie sich ja bei den Menschen bedanken, die sie auf der Erde aufgenommen hatten.
Gut, sicher wäre sie an für sich lieber in Atlantis geblieben. Sie konnte sich allerdings auch vorstellen, warum man sie eben auf der Erde haben wollte. Immerhin stand der Fortbestand der menschlichen Rasse auf dem Spiel. Und ...
Nein, sie würde jetzt nicht weiterdenken, sondern sich weiter um die Vorbereitungen kümmern.
Unter Alicias skeptischen Blicken setzte sie den Topf auf den Bunsenbrenner, dessen Flamme sie gleich noch entzünden würde. Dann nahm sie endlich den Koffer, der immer noch unter den zusammengeschobenen Tischen gestanden hatte, und schüttete dessen Inhalt in den Topf, ehe sie den Deckel daraufstülpte.
Einmal kurz sah sie auf die Uhr, während es sie mit Stolz erfüllte, daß sich die Kantine immer mehr füllte.
Ja, das würde sicher ein gelungener Jahresabschluß werden, davon war sie überzeugt.
Als schließlich auch Lt. Colonel Carter und Sergeant Harriman den Raum betraten, dauerte es noch eine Vierteilstunde bis zum neuen Jahr und Vashtu hatte auch ihre sonstigen Utensilien, die sie benötigte, sorgsam verteilt und grinste siegessicher in die Runde.
„Ich möchte mich noch einmal sehr dafür bedanken, daß ich so herzlich aufgenommen wurde auf der Erde", begann sie schließlich, zündete das Stabfeuerzeug und hielt es an den aufgedrehten Bunsenbrenner. „Und deshalb dachte ich, da heute ohnehin nichts weiter anliegt, daß wir hier den Jahreswechsel begehen, und zwar mit den Traditionen, die ihr Menschen doch so pflegt. Darum habe ich hier auch eine Art ... Bleigießen vorbereitet. Und ab Mitternacht wird es ein Feuerwerk geben." Sie strahlte in die Runde.
Die meisten Gesichter, die ihren Blick erwiderten, waren offensichtlich positiv überrascht und nickten ihr zu. Einzig Sam Carter schien etwas skeptisch zu sein, was ihre Redlichkeit betraf. Aber sie würde Vashtu bestimmt auch noch überzeugen können.
Irgendetwas im Topf tat sich. Es rumpelte etwas, als hätte jemand zu schwer gegessen.
Vashtu wandte sofort ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Vorbereitungen zu und runzelte die Stirn.
Sie hatte sich doch schlau gemacht über das Bleigießen - hoffte sie zumindest. Immerhin hatte es in diesem Artikel doch geheißen, sie müsse Blei erhitzen, so daß dieses schmolz. Nun ... in Ermangelung an Blei und da die Krankenstation ihr keine Bleiweste hatte zur Verfügung stellen wollen, war sie auf die nächstmögliche Lösung gekommen und hatte schlichtweg Munition in den Topf gekippt.
Daß das vielleicht ein Fehler war, erkannte Vashtu zu spät ...

2 Tage später
Zeitungsmeldung aus der Colorado Springs Gazette

Unfall auf den Feldern - Das Militär gibt einen Fehler der Munition zu

Bei den Explosionen, die nicht nur die Militärbasis Cheyenne-Mountain in der Neujahrsnacht trafen, sondern auch einige der angrenzenden Felder verwüsteten, handelte es sich den Angaben des Stützpunktleiters Maj. Gen. Hank Landry um einen bedauernswerten Unfall.

Wie wir bereits berichteten, kam es zu einer ganzen Reihe von größeren und kleineren Explosionen, die sich sowohl innerhalb des Berges, wie auch an dessen Flanken ereigneten. Die Farmer H.H. und W.V. fanden ebenfalls auf ihren nahe gelegenen Feldern einige tiefe Krater vor, die auf die gleichen Ursachen schließen lassen. Die Analysen der Bodenproben stehen noch aus, allerdings gab ein Mitglied des Sheriff-Departments bereits ein unbestätigtes Interview (wir berichteten), in dem er sagte, auf den Feldern habe es nach C4 gerochen. Wobei Sprengstoffexperten allerdings einschränken, daß C4 geruchlos ist.

Wie Maj. Gen. Hank Landry in einem ersten Statement zum Ausdruck brachte, kam es am Silvestertag innerhalb der Waffenkammern wohl zu einigen Zwischenfällen, die letztendlich auch die bewaldeten Flanken des Berges erfaßten und, so die einhellige Aussage der meisten Augenzeugen, für „das schönste Feuerwerk in ganz Colorado" sorgten. Das ganze sei auf falsche Lagerung zurückzuführen, so der Sprecher des Stützpunktes, sowie auf unsachgemäße Behandlung durch Dritte. Glücklicherweise habe der Stützpunkt sofort evakuiert werden können, so daß es nur einige Leichtverletzte zu beklagen gab, die sich bereits wieder auf dem Wege der Besserung befinden.

Augenzeugen, die eine schwarzhaarige Frau, gekleidet mit einer braunen Fliegerjacke, auf einem Skateboard in Richtung der beschädigten Felder haben fahren sehen, müßten sich geirrt haben, so der Sprecher des Cheyenne-Mountain weiter. Auffällig war bei dieser Sichtung vor allem der große Militärrucksack gewesen, so waren sich alle Zeugen einig. Doch auch wenn eine Frau, auf die die Beschreibung paßt, auf dem Stützpunkt arbeitet, so sei doch klar, daß sie sich unter den Opfern befand und somit wohl kaum für das Chaos verantwortlich sein könne. Zudem sei Ms. U. Mitglied einer Fahrgemeinschaft und könne nicht mit einem Skateboard umgehen.

So bleibt es denn wohl bei einer unbefriedigenden Antwort, und wieder wird der Öffentlichkeit ein Schuldiger vorenthalten. Denn die ersten Rüstungsunternehmen nahmen bereits Abstand von dem unausgesprochenen Vorwurf, ihre Produkte seien gefährlich.

Am Ende bleiben denn nur einige sehr gemischte Erinnerungen der Beteiligten und Augenzeugen, die allerdings allesamt der gleichen Meinung sind: Es wird ein unvergessener Jahreswechsel bleiben.

ENDE

23.10.2009

Weihnachtliche Traditionen unterm Mistelzweig II

TV-Serien: Stargate (generell)
Genre: ship, humor
Rating: G
Zeitleiste: Diese Fanfiktion spielt für Stargate: Atlantis in der ersten Hälfte der 3. Staffel, für Stargate SG-1 in der ersten Hälfte der 10.
Nikolausabend - Gen. Jack O'Neills Jagdhütte

Teal'c parkte den Wagen, den er sich geliehen hatte für dieses Wochenende, neben den anderen und schaltete den Motor aus. Schon von hieraus konnten er und seine Begleiterin die Musik hören, die aus dem abseits gelegenen modernen Blockhaus schallte.
Vashtu Uruhk reckte den Hals und blickte hinüber zu den hellen Silhouetten, die scharfe Schatten auf den festgetretenen Boden vor der Hütte warfen.
„Donnerwetter!" entfuhr es ihr. „Das sieht aber wirklich nach jeder Menge Spaß aus, oder, Teal'c?"
Der Jaffa lächelte und nickte ihr zu. „In der Tat."
„Nicht wahr?" Vashtu löste den Sicherheitsgurt, zögerte dann aber. „Und ich habe das wirklich richtig verstanden? Der General wollte keine Geschenk von mir, sondern, daß ich dir das Geld gebe, damit du etwas für ihn besorgst?"
Teal'c nickte wieder, ein leichtes Lächeln auf den Lippen.
Vashtu hob eine Braue, öffnete dann aber doch die Tür und stieg aus dem Wagen.
Wozu auch immer Teal'c einen Dollar von ihr wollte, es würde sie nicht sofort umbringen, auch wenn sie immer noch nicht so ganz verstand, was hier eigentlich vor sich ging.
Weihnachten, soviel war klar. Und auch die Party machte in ihren Augen durchaus einen Sinn. Wenn da nicht ...
Vashtu seufzte und drehte sich um, während Teal'c zu ihr aufschloß. Die Antikerin bedachte ihn mit einem langen Blick. „Hast du das Geschenk etwa noch nicht besorgt?" fragte sie lauernd.
Das fehlte nun wirklich noch! Da wurde sie eingeladen und dann....
Die Tür zum Haus öffnete sich und eine Gestalt winkte ihnen zu. „Miss Uruhk, Teal'c!"
O'Neills Stimme.
Vashtu seufzte erleichtert und marschierte weiter, den Jaffa dicht hinter sich wissend.
O'Neill erwartete sie an der Tür und strahlte sie zufrieden an. „Schön, daß Sie kommen konnten, Miss Uruhk. Das freut mich ganz besonders, glauben Sie mir."
Vashtu nickte. „Schon gut!"
O'Neill strahlte nun Teal'c, der ebenfalls herangekommen war, an. „Alter Freund. Was macht Bra'tac?"
„Es geht ihm ausgezeichnet." Der Jaffa neigte würdevoll den Kopf.
„Sehr schön!" O'Neill klatschte befriedigt in die Hände. „Dann kommt mal rein. Wird euch sicher Spaß machen."

ca. eine Stunde später

Vashtu fühlte sich schon etwas ... merkwürdig. Dieser Eierpunsch, auch wenn er sehr gut schmeckte, hatte eine eigenartige Wirkung auf sie. Sie fühlte sich, als würde sie gleich abheben und von allein schweben und davonfliegen können.
Davonfliegen ... nach Atlantis zurückfliegen ... noch besser, dort jemandem in die Arme fliegen ... sich von ihm wieder umarmen lassen, damit sie auf die Erde zurückkehren konnte - in eben seinen Armen.
Vashtu seufzte und nahm noch einen Schluck des gelblich weißen warmen Getränkes. Sie stand im Durchgang zu dem kleinen Flur und beobachtete die Leute, die sich im Wohnraum versammelt hatten. Musik dröhnte aus den Lautsprechern, eine rauhe Stimme besang die Weihnachtszeit. Vashtu mußte zugeben, diese Stimme hatte etwas, sie mochte sie, ebenso wie den weichen, dennoch durchaus rockigen Rhythmus des Liedes.
„Sie stehen hier ganz allein?" mischte sich eine andere weibliche Stimme in das Lied, ließ die Antikerin zusammenzucken.
„Oh, entschuldigen Sie."
Vashtu schlug das Herz bis zum Hals, als sie sich umdrehte. Hinter ihr stand, noch im Mantel, Lt. Colonel Samantha Carter und lächelte sie freundlich an. Unwillkürlich erwiderte sie das Lächeln, zog die Schultern hoch.
„Ist meine erste Weihnachtsfeier. Ich beobachte lieber, ehe ich noch Fehler mache", antwortete sie, ließ ihr Lächeln zerknirscht aussehen.
Sam Carter nickte verstehend. „Teal'c war genauso", erklärte sie und begann, ihren Mantel zu öffnen.
Vashtu wurde auf einen schlanken, hochgewachsenen Schatten aufmerksam, der auf der anderen Seite der Tür im Dunkels stand, sich offensichtlich mit jemandem unterhielt.
Noch ein Gast?
Vashtu war sich da nicht so ganz sicher. Irgendwie kam ihr die Silhouette bekannt vor, wenn sie auch nicht ganz genau wußte, woher. Wahrscheinlich wirklich aus dem SGC, denn sie ging kaum aus.
Statt dessen wollte sie lieber nach Atlantis zurück und dort ...
„Ich hörte, daß Sie ein recht gutes Verständnis für die Technologie Ihres Volkes besitzen würden", wandte sich Sam Carter an sie und riß sie abermals aus ihren Gedanken.
Vashtu überlegte einen Moment lang, dann nickte sie. „Ist eigentlich gar nicht so schwer, wenn man es einmal heraushat", gab sie zu.
Sam nickte sinnend. „Sie sind immerhin die einzige Person, die ich kenne, die an den Mechaniken eines Sternentores manipuliert. Also sollten Sie Ihr Licht vielleicht nicht so unter den Scheffel stellen, finden Sie nicht?" Sie lächelte wieder, legte sich ihren Mantel über den Arm.
Vashtu zögerte, zuckte dann mit den Schultern. „Soweit ich das gesehen habe, ist Ihr Volk zwar über das eine oder andere gestolpert, aber Sie trauen sich nicht so wirklich, diese Technologie auch einzusetzen."
Carter lachte bitter. „Die Sache mit dem 'Einsetzen' ist etwas heikel, Miss Uruhk. Ich weiß nicht, ob Sie darüber informiert sind, daß General O'Neill zweimal Antikerwissen in seinem Hirn trug."
Vashtu stutzte. „Sie haben Bewahrer gefunden?" frage sie mit weit aufgerissenen Augen.
Sam blinzelte. „Bewahrer?"
Die Antikerin nickte. „Halborganische Technologie, die auf das Gen meines Volkes reagiert. Sie bewahrten das gesamte Wissen meines Volkes, um im Bedarfsfall abgerufen zu werden. Ähnlich dem Stargate-Netzwerk gibt es auch ein Bewahrer-Netzwerk, mit regelmäßigen Updates."
Sam lehnte sich gegen die Wand. In ihren Augen blitzte pure Neugier. „Wollen Sie damit sagen, man kann steuern, was diese Bewahrer gespeichert haben?"
Vashtu nickte. „Natürlich. Wenn man hineinsah, übermittelte man seinen Wunsch mithilfe der Gedanken. Mithilfe eines Retina-Scans konnte ein Bewahrer mithilfe des Auges diesen Wunsch abrufen. Darum war es wichtig, daß der Bewahrer eine Art Arme ausfuhr, damit eine deutliche und dämmrige Szenerie vorgegaukelt werden kann. Ansonsten ... ich wage zu bezweifeln, daß etwas gutes dabei herauskommen würde, würde ein ungeschulter Geist einen Bewahrer benutzen, zumal ein Mensch ..."

Neben der Haustür - gerade angekommen

General Jack O'Neill rieb sich vor Vergnügen die Hände, als er den Überraschungsgast begrüßte, den Sam mitgebracht hatte.
„Schön Sie zu sehen", begrüßte er ihn.
Der andere nickte.
„Mitkommen!" Jack klopfte dem anderen auf die Schulter und ging dann vor, den schmalen Flur entlang, bis zu seiner Schlafzimmertür. Dort drehte er sich um und musterte seinen Gast. „Ich bin wirklich froh, daß Sie kommen konnten. Hätte ja auch anders ausgehen können. Nach allem, was man so hört ..."
„Sir, ich denke, man wird auch dieses Wochenende ohne mich verbringen können. Es war immerhin ein Befehl von General Landry, Sir", antwortete der andere.
Jack nickte und fühlte einfach nur eine diebische Freude in sich wachsen. Damit hatte er dann wohl im IOA einen ziemlichen Brocken reingewürgt. Immerhin bestanden diese Schreibtischtäter ja auf dem, was sie da angerichtet hatten. Nun ja, Woolsey dürfte er wohl auf seine Seite gebracht haben und würde dafür sorgen, daß dieser ebenfalls seinen Stall bearbeitete. Und währenddessen würde er weiterhin dafür sorgen, daß die offensichtlichen Verstecke sehr sorgsam übersehen wurden und den beiden ... Immerhin stand da einiges im Raum, was auch für die Zukunft der Erde sicherlich von Nutzen sein würde - also, soo selbstlos handelte er nicht einmal.
Wenn er allerdings daran dachte, wie lange es jetzt schon zwischen Sam und ihm ... Nein, besser nicht!
„Kommen Sie rein", forderte er den anderen auf und öffnete die Tür zu seinem Schlafzimmer. Sein Gast folgte ihm ahnungslos, blinzelte dann, als Jack das Licht einschaltete, etwas geblendet.
„So, wir beide mimen den Nikolaus und seinen Begleiter - Knecht Ruprecht", erklärte er, nahm die wenig geschmackvolle Verkleidung des letzteren zur Hand und drückte sie seinem Gast in die Arme. „Umziehen und Tarnen!"
„Aber ... ?" Die haselnußfarbenen Augen sahen ziemlich ratlos drein.
Jack hob einen Finger, was seinen Gast veranlaßte, skeptisch eine seiner Brauen zu heben. „Ich habe mich lange mit Dr. Vogel unterhalten", erklärte der General mit einem breiten Grinsen. „Und der sagte mir, in Deutschland gäbe es zwei Begleiter des Santa: Das Christkind und Knecht Ruprecht. Letzteres ist üblicherweise weiblich und flattert am Heiligabend herum, ersterer kommt am heutigen Abend zum Einsatz und darf die strafen, die im vergangenen Jahr 'böse' gewesen sind. Also ... wenn Sie sich keiner Geschlechtsumwandlung unterziehen wollen, sollten Sie doch eher in Ihr Kostüm schlüpfen und mir helfen."
„Und wer ist Santa auf Ihrer Rechnung, Sir?" erdreistete sein Gast, ihn zu fragen.
Jack strahlte breit und sehr zufrieden. „HOHOHO!" war alles, was er darauf antwortete, wenn auch in seiner tiefsten Stimmlage.

***

Nachdem Carter und sie sich eine ganze Weile unterhalten hatten, hatte die Wissenschaftlerin sich endlich abgeseilt und war dazu übergegangen, die anderen Anwesenden zu begrüßen.
Teal'c saß auf dem Sofa und lauschte der Musik aus der kleinen Stereoanlage, General Landry, in zivil erkannte Vashtu ihn kaum wieder, war in ein Gespräch mit Lt. Colonel Mitchell vertieft. Einige andere Mitglieder des SGC standen herum und unterhielten sich mehr oder weniger laut und angeregt.
Vashtus Interesse hatten allerdings Vala und Dr. Jackson geweckt. Die beiden hatten von ihrer Ankunft kaum etwas mitbekommen und auch jetzt schienen sie mehr mit sich selbst beschäftigt als wirklich anwesend zu sein.
Das allerdings war ein vollkommen anderes Bild als sie aus dem SGC kannte. Üblicherweise erschien es ihr viel zu oft, als würde Jackson Vala mehr oder weniger bei ihr „parken", um seine Ruhe zu haben. Und da sie beide nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen waren ...
Vashtu seufzte, richtete sich dann auf, als zwei Männer an ihr vorbei den Wohnraum betraten: Einer als Santa Clause verkleidet, der andere ganz in schwarz und grau, eine Kapuze über den Kopf gezogen und mit verschmierten Wangen, wie sie einmal kurz erkennen konnte, als ihre Blicke sich kreuzten.
Augenblicklich wurde es der Antikerin heiß und kalt, ihr Herz begann schneller zu schlagen und sie war sich sehr sicher, daß sie denjenigen kannte, der da einen Sack auf dem Rücken schleppte und dem Santa Clause auf dem Fuße folgte. Sollte das der ominöse Gast sein, den sie vorhin nicht wirklich hatte erkennen können?
„Hohoho!" rief der Rotbemäntelte, und Vashtu erkannte augenblicklich General O'Neill. Fragend und verständnislos hob sie eine Braue.
Was ging hier gerade vor?
„Da haben wir heute aber eine Menge guter Menschen hier versammelt", fuhr O'Neill mit leicht verstellter Stimme fort. „Nun, dann wollen wir mal sehen, ob den auch jeder sich ein Geschenk verdient hat. Denn sonst ... Mein Knecht Ruprecht wird die strafen, die sich nicht haben benehmen können."
Sam Carter kam zurück, jetzt ebenfalls ein Glas in der Hand und lehnte sich an der anderen Seite des Durchgangs gegen die Wand. „So ist er eben ... ein großer Kindskopf!"
Vashtu drehte sich zu der anderen um. „Was soll das heißen?"
Sam lächelte milde und nickte in den Wohnraum hinein. Daniel Jackson erhielt gerade ein kleines Päckchen von Santa. Noch immer schleppte „Knecht Ruprecht" den Sack und ging dadurch etwas gebückt, so daß man seine wahre Größe nur raten konnte.
Was war so bekannt an diesem „Knecht Ruprecht"? Wer war er?
O'Neill fuhr mit seinen „Hohoho!"-Rufen fort und wandte sich dem nächsten Gast zu, dem er ebenfalls ein Geschenk überreichte, nachdem er seinen Helfer angewiesen hatte, den Sack zu öffnen, was dieser auch widerspruchslos tat.
Sam lächelte. „Er hat bestimmt wieder irgendetwas falsch verstanden, darauf wette ich", sagte sie.
Vashtu war immer noch verwirrt.
Okay, für sie waren diese ganzen Weihnachtsbräuche ohnehin noch etwas vollkommen neues. Hätte O'Neill sie nicht aufgeklärt ... wobei ihr jetzt doch Zweifel kamen, ob das, was er ihr erzählt hatte, auch wirklich alles der Wahrheit entsprach.
„Dann ist das da kein Brauch?" fragte sie und nickte zur nächsten Bescherungsszene hinunter. Dieses Mal war einer der Mitglieder aus einem anderen SG-Team der Glückliche.
„Er ist zumindest nicht amerikanisch, wenn Sie das meinen. Keine Ahnung, woher Jack das jetzt wieder hat", antwortete Carter ruhig. „Normalerweise findet seine Weihnachtsfeier auch später statt. Aber dieses Mal war dies der letzte zur Verfügung stehende Termin im alten Jahr. Da blieb ihm nichts anderes übrig, als heute zu feiern."
Vashtu nickte, während nun Vala bedacht wurde. Die Außerirdische stürzte sich sofort auf ihr Päckchen und beraubte es seines Geschenkpapiers. Was genau das Präsent war, konnte Vashtu nicht sehen, aber sie hörte den Entzückensschrei mehr als deutlich. Vala sprang auf und fiel dem Santa um den Hals. Dann tanzte sie ein paar Schritte wie ein kleines Kind, ehe sie sich freudestrahlend über Jackson beugte und ihm den Inhalt ihres Päckchens präsentierte. Der sah sehr überrascht aus.
Vashtu grinste.
Ja, etwas in der Art hatte sie von Vala erwartet. Die Außerirdische war teils sehr leicht zu durchschauen und ...
Ein Blick aus haselnußfarbenen Augen traf sie und ließ sie erschaudern.
Himmel! Wer war dieser Mann, der da dem Santa half? Sie war sich ganz sicher, daß sie ihn kannte!
„Sie meinten vorhin, es wäre möglich, daß wir noch auf eine Kristallverarbeitungsstätte stoßen würden", wandte Carter sich plötzlich an sie und riß sie aus ihren Gedanken.
Vashtu blinzelte, nickte dann aber. „Ja, die Module mußten ja irgendwo hergestellt werden. Also müßte es irgendwo eine ZPM-Werkstatt geben."
„Kennen Sie sich da aus?" Carter hatte sich wieder interessiert aufgerichtet.
Vashtu zögerte, zuckte dann mit den Schultern. „Nicht so richtig, muß ich zugeben", antwortete sie. „Natürlich weiß ich um die Verwendung und kenne einige der Schaltkreise - zumindest dem Aufzeichnungen im Hauptrechner nach - aber ..." Sie lächelte entschuldigend.
„Aber über die Vakuumenergie wissen Sie Bescheid?"
Wie aus weiter Ferne war wieder das „Hohoho!" von O'Neill zu hören.
Vashtu nickte. „Im großen und ganzen schon. Darüber wurde ich ja nach meiner Ankunft hier auch befragt. Sicher bin ich mir nicht, aber sollten Sie eine solche Werkstatt finden, kann ich vielleicht helfen."
Carters Augen schienen zu leuchten. „Das ist wirklich interessant, Miss Uruhk. Wir können von Ihnen noch so viel lernen ..."
Vashtu grinste zerknirscht. „Naja, ich schätze, eher nicht. So schlau bin ich nicht."
„Oh, sagen Sie das nicht. Da bin ich absolut ..."
Jackson tauchte im Durchgang auf, wo sie beide standen, und warf erst Carter, dann Vashtu einen langen Blick zu. Gerade als er weitergehen wollte, war Vala auch schon hinter ihm.
„Was sehe ich denn da?" freute sie sich.
Vashtu runzelte die Stirn.
Etwas sehen? Was denn?
„Ein Mistelzweig!"
Hä?
Vashtus Blick glitt suchend hin und her, bis er schließlich an einem grünen, halb vertrockneten Zweig hängenblieb, der über dem Durchgang angebracht worden war.
Ein Mistelzweig?
„Ich war schon verheiratet, Vala." Jackson trat einen Schritt zurück, so daß er nicht mehr auf der Schwelle stand.
„Ach, Unsinn!" Die Außerirdische folgte ihm augenblicklich auf dem Fuße, während der Wissenschaftler sein Heil in der Flucht suchte.
Vashtu sah den beiden irritiert nach, bis sie in der Küche verschwunden waren. Dann heftete sie ihr Interesse wieder dem Zweig mit den seltsamen Beeren zu, der über der Schwelle hing.
„Mistelzweig ..." murmelte sie verständnislos.
„Es heißt, wenn zu Weihnachten ein Single unter einem Mistelzweig steht, darf jeder andere Single einen Kuß fordern", erklärte Carter ihr, die wohl ihre Reaktion deutlich bemerkt hatte.
Vashtu blinzelte verständnislos.
Okay, dann sollte sie vielleicht ... Immerhin waren doch wohl einige Unverheiratete hier versammelt ...
Aber gerade als sie sich von der Schwelle verdrücken wollte in den Wohnraum hinein, um sich unauffällig neben Teal'c zu setzen und unschuldig zu tun, wurden O'Neill und sein eigenartiger Helfershelfer auf sie aufmerksam.
„Hoho, was sehe ich denn da?" rief der General lautstark aus. „Wenn das nicht zwei einsame und unverheiratete Damen sind, die unter einem Mistelzweig stehen ..."
Irgendwie beschlich die Antikerin augenblicklich das Gefühl, O'Neill habe genau dieses Ergebnis provozieren wollen. Sie schoß einen wütenden Blick auf ihn ab, doch seine Augen lachten nur. Er sah sie kaum an, ging ihr auf. Sein ganzes Interesse galt ...
Vashtu sah zu Carter hinüber, die immer noch dastand, sich jetzt aber wieder aufgerichtet hatte und ebenfalls in den Wohnraum sah. Dabei hatten ihre Wangen sich leicht gerötet und ein eigenartiges Strahlen lag in ihren Augen.
Was zum Kuckuck ging hier vor?
Als sie sich wieder zu O'Neill und seinem „Knecht" zuwandte, sah gerade letzterer zu ihr hinüber. Nein, er sah nicht. Seine Augen klebten beinahe an ihr, mit einem Blick, der irgendwo zwischen „übermütiger Junge" und „treudummer Hund" lag.
Vashtu fühlte, wie ihr die Knie weich wurden. Sie schluckte, nachdem ihre Kehle komplett ausgedörrt zu sein schien.
„Nun, ich schätze, ich kann mich nicht um beide kümmern", fuhr O'Neill fort und trat langsam näher, im Schlepptau noch immer seinen „Knecht". „Also wird sich wohl jemand anderes für die zweite Dame finden müssen. Ruprecht, willst du das übernehmen?"
Die Kapuze nickte nur stumm, und Vashtu hatte das untrügliche Gefühl, daß er im Moment schlichtweg nicht sprechen konnte.
Endlich jedoch richtete der „Knecht" sich zu seiner vollen Größe auf, während er sich jetzt von O'Neill trennte und sich vor ihr aufbaute. Er war gut einen Kopf größer als sie, dabei aber auch schlanker als der General, wie ihr aufging. Und diese Augen ...
O'Neill hatte sich währenddessen vor Carter aufgebaut und umarmte die Wissenschaftlerin gerade. Vashtu gingen fast die Augen über, als sie sah, mit welcher Leidenschaft die beiden sich dann küßten. Und sie verstand, warum sie so standen, wie sie standen, denn auf diese Weise würde im Wohnraum kaum jemand das ganze Ausmaß der Leidenschaft erkennen, die sich da gerade in einem Kuß entlud.
Vashtu drehte den Kopf, als Ruprecht sich bewegte und sie dadurch wieder auf ihn aufmerksam wurde.
Der „Knecht" hob die Hand und strich die lästige Kapuze endlich von seinem Haar herunter. Haar, das sich beinahe sofort wieder aufrichtete, nachdem die Last von ihm genommen war, und verwegen der Schwerkraft zu trotzen schien.
Und endlich erkannte Vashtu, WEN sie da vor sich hatte.
„John!" entfuhr es ihr entgeistert. Und er lächelte nur, während er sich über sie beugte und seine Arme sie umfingen.
Dieser Brauch, daß sich Unverheiratete unter einem Mistelzweig küssen sollten, gefiel Vashtu augenblicklich sehr gut ...

ENDE

16.10.2009

Die Einladung I

TV-Serie: Stargate (generell)
Genre: humor, scifi
Rating: G
Zeitleiste: Diese Fanfiktion spielt für Stargate SG-1 zu Beginn der 10. Staffel.
Author's Note: Eigentlich noch ein bißchen früh für Weihnachten, aber zeitlich richtig eingesetzt spielt diese FF zwischen dem Auftakt Vashtu und der ersten SG-V-Story. Und darum bringe ich sie schon jetzt.


Vashtu Uruhk blieb stutzend stehen, die Hand schon am Türgriff, während ihre Augen sich weiteten.
Was, um Himmels Willen, war denn das für ein ... Dingens?
Von der Mitte des Türmetalls strahlte sie ein weißbebarteter, pausbäckiger Mann mit einer roten Zipfelmütze an, der eine Flasche eines bekannten Erfrischungsgetränkes in einer Hand hielt.
Vashtu wich einen Schritt zurück und musterte das Gesamtkunstwerk.
Was hatte das zu bedeuten? Und was war das für ein komischer, grüner Zweig mit diesen komischen dicken Beeren dran, der über der Tür hing.
Wenn sie jetzt darüber nachdachte, ging ihr auf, hatte sie solches und ähnliches merkwürdiges auf dem Weg zur Arbeit gesehen. Menschen, die auf den Dächern ihrer Häuser herumkrochen oder beleuchtete Tiere, die entfernt an eine Hirschart erinnerten, die sie noch von vor zehntausend Jahren kannte. Und überall auch dieser pausbäckige, weißbartige Typ mit der roten Zipfelmütze, rotem Mantel und Hosen und schwarzen Stiefeln. Meist in der Ausführung „könnte auch mal einen Blick ins Fitneßstudio riskieren".
Waren die Menschen plötzlich irrsinnig geworden?
Sicher war sie sich da nicht, mußte sie zugeben. Allerdings waren ihr schon des öfteren arge Zweifel an den Verstandeskräften der Erben ihres Volkes gekommen.
Die Tür öffnete sich nun doch.
„... Hank, das ganze ist ja nicht so schlimm", sagte eine ihr bekannte Stimme.
Vashtu richtete sich unbewußt auf und begann breit zu grinsen.
Das hatte ihr natürlich mal wieder keiner gesagt: General Jack O'Neill war im Haus. Wenn das kein gutes Zeichen war!
Der General riß jetzt schwungvoll die Tür auf und drehte sich im Gehen um, um mitten in der Bewegung zu erstarren. Eine halbe Sekunde lang schien er wirklich zu überlegen, was er als nächstes tun sollte, dann begann er auch schon ihr Grinsen zu erwidern.
Ja, ihren Einstand auf der Erde hatte er ganz offensichtlich nicht vergessen.
„General O'Neill, guten Tag, Sir", begrüßte Vashtu ihn.
O'Neill nickte. „Miss Uruhk ..." Ein spitzbübisches Blitzen trat in seine Augen. „Schön, daß ich Sie nicht lange suchen muß. Ich hatte vor, Sie zu einer kleinen Feier am Wochenende einzuladen - auf meine Hütte im Wald."
Vashtu riß die Augen auf.
Die Jagdhütte des General war eine Art Insidertreff für SGC-Mitarbeiter. Wenn man sie dorthin einlud ... wow!
O'Neill neigte fragend den Kopf zur Seite. „Also?"
Vashtu strahlte. „Klar, Sir. Ich brauche bloß eine Mitfahrgelegenheit."
O'Neill winkte ab. „Teal'c hat einen Führerschein. Der kann Sie dann mitnehmen." Er drehte den Kopf und linste ins Büro zurück. „Hank, Miss Uruhk steht hier. Soll sie rein oder darf ich sie dir mal kurz entführen?"
„Nimm sie mit!"
O'Neill zwinkerte. „Einen Tee? Sie waren das doch, die man selbst mit Zureden nicht zum Kaffee überreden konnte, oder?"
Vashtu nickte. „Aber gern doch."

Kurz darauf in der Kantine
Mit gerunzelter Stirn beäugte Vashtu das eigenartige Plastikgesteck auf dem Tisch, an dem sie saß und auf den General wartete.
Irgendwie wollte ihr immer noch nicht so recht in den Sinn kommen, was genau das alles sollte. Ihr kam das genauso spanisch vor wie die Girlanden über der Essensausgabe oder der Tatsache, daß ein riesiges Wagenrad von Tannengrün-Kranz von der Decke hing. Eine dicke Stumpenkerze brannte darauf.
Was zum Kuckuck bedeutete das?
O'Neill kam mit einem Tablett und stellte zwei Tassen auf den Tisch, sowie einen Teller mit Gebäckstücken.
Vashtu stutzte wieder. „Was ... ?"
Der General blinzelte ihr verschwörerisch zu. „Sie hat noch keiner aufgeklärt, oder?" erkundigte er sich.
Die Antikerin sah ihn scheel an. „Ich frage mich in der Tat, ob im Moment alle durchdrehen", gab sie zu.
O'Neill verbarg sein Grinsen hinter der Tasse, nahm dann einen vorsichtigen Schluck. „Dachte ich mir. Heutzutage ist Weihnachten so selbstverständlich, daß keiner mehr dran denkt, daß es auch Planeten und Zivilisationen gibt, bei denen das Fest logischerweise nicht begangen werden kann."
Vashtu hob die Brauen. „Hä?"
O'Neill stellte seine Tasse ab, sah sie vordergründig ernst an. Doch noch immer blitzte da der Lausejunge in seinem Augenwinkel.
„Sagt Ihnen die Weihnachtsgeschichte etwas?" erkundigte er sich.
Vashtu dachte nach, zuckte schließlich mit den Schultern.
„Lesen Sie vielleicht mal rein - ganz interessant. Oder gucken sich 'Das Leben des Brian' an, da wird eigentlich alles wichtige erklärt."
Vashtu machte sich eine geistige Notiz. Wäre nicht der erste Film, der auf ihrer, immer länger werdenden Liste stand. Im Moment ackerte sie sich noch durch diverse gut oder schlecht gemachte Versionen von „Krieg der Welten" - bisher gefiel ihr die Version mit dem Titel „Independence Day" am besten ...
„Und worum geht es jetzt?" fragte sie unschuldig.
O'Neill grinste. „Mögen Sie Eierpunsch?"
„Hä?"
„Werden Sie kennenlernen - auf der Weihnachtsparty in meiner Hütte." Wieder ein Schluck aus der Tasse. Dann wurde ein Keks hinterhergeschoben.
Vashtu fühlte sich etwas auf den Arm genommen, wenn sie ehrlich war. Sie lehnte sich zurück und kreuzte die Arme vor der Brust. „Und was hat es jetzt mit diesem Deko-Wahnsinn auf sich?" erkundigte sie sich.
O'Neill knabberte den nächsten Keks. „Weihnachten", nuschelte er dabei.
„Hä?"
Der General schluckte. „Weihnachten, das Fest der Liebe und der Freundschaft. Santa gehört einfach dazu, ebenso wie seine Rentiere. Rudolf ist das bekannteste - wegen der roten Nase." Wie ein Oberlehrer hob er einen Finger.
Vashtus Gesicht verwandelte sich in ein einziges Fragezeichen.
O'Neill grinste wieder breit. „So wie Ihnen ging es vor einigen Jahren Teal'c", fuhr er fort. „Nur mit dem kleinen Unterschied, er wohnte hier in den Mannschaftsquartieren und nicht irgendwo draußen in der freien Wildbahn."
„In der Tat ..." Vashtu war immer noch ziemlich ratlos.
„Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, Miss Uruhk, daß Sie ganz offensichtlich zuviel mit meinem Jaffa-Freund zusammenhängen? Seinen Wortschatz haben Sie schon übernommen." O'Neill zwinkerte ihr zu, beugte sich dann vor.
Die Frau an der Essensausgabe schaltete ein Radio ein. Das Klingeln von kleinen Schellen schallte durch die Kantine - und damit verbunden begannen einige der Anwesenden, sich im Takt der Schellen mit den Köpfen zu nicken.
„Müßte doch eigentlich was für Sie sein, so als Frau. Sie dekorieren doch bestimmt gern", fuhr O'Neill endlich mit dem eigentlichen Thema fort.
Vashtu verbiß sich jede Antwort darauf. Es reichte ihr schon vollkommen, ihr Apartment einrichten zu müssen.
„Also, in der Weihnachtszeit wird das Haus, die Wohnung, der Arbeitsplatz geschmückt. Kleine Santas, Rentiere, Sterne ... eben weihnachtliches."
„Sterne sind ... weihnachtlich?" Irgendwie fiel es ihr schwer, das wirklich zu glauben. Immerhin waren die Sterne eigentlich immer da, gleich ob sie hinter Wolkendecken verschwunden waren oder nicht. Warum sollte irgendjemand sie mit einer bestimmten Jahreszeit in Verbindung bringen?
„Klar, wegen diesem ... da war so ein Stern mit Schweif über dem Stall ..." O'Neill unterbrach sich, scheinbar etwas hilflos, und nahm wieder einen Schluck aus seiner Tasse. Vashtu meinte hören zu können, wie sein Gehirn die Arbeit aufnahm. Offensichtlich hatte er sich da an irgendeiner Stelle verrannt.
O'Neill seufzte und stellte die Tasse wieder ab. „Also, bei Weihnachten geht es um Jesus. Nicht nur, aber auch. Darum werden Sie in den nächsten Wochen auch so viele Krippen sehen, belebte und unbelebte. In der Bibel steht, Jesus, der Sohn Gottes, sei an Weihnachten zur Welt gekommen", erklärte er. „Und das feiern wir jedes Jahr und tauschen Geschenke aus. Auch wenn Weihnachten eigentlich gar nicht der Geburtstag von Jesus sein soll, es ist eben bei diesem Datum geblieben. Paßt auch besser zu den Rentieren und dem Schnee."
Vashtu verstand allmählich gar nichts mehr.
Okay, von diesem Gott und diesem Jesus hatte sie schon gehört, das war jetzt nicht das Problem. Aber was hatten Rentiere und Schnee, ganz zu schweigen von diesem ominösen Santa, mit diesem Jesus zu tun? Und was hatte eine Krippe dabei zu suchen?
„Naja, wir freuen uns und verbringen die Tage zusammen mit unserer Familie oder denen, die uns am Herzen liegen. Dabei beschenken wir uns gegenseitig und stellen einen Baum auf", erklärte O'Neill.
War das jetzt die Kurzform?
Vashtu war sich da nicht so sicher. „Und ... ?" Sie stockte, nicht sicher, was sie zu diesen ganzen Informationen sagen sollte.
O'Neill grinste. „Und ich habe Sie zu einer Weihnachtsfeier am nächsten Wochenende eingeladen. Wir feiern draußen im Wald, wo es ruhig ist und man entspannen kann."
Vashtu nickte. „Und Sie erwarten ... ein Geschenk von mir?"
Was sollte sie dem General denn schenken? Nicht, daß sie etwas dagegen hätte, ihr war dieser Mann von Anfang an sympatisch gewesen. Nur wagte sie zu bezweifeln, ob das, was ihr möglicherweise als Geschenk für ihn vorschweben würde, auch wirklich auf dieser Welt erlaubt war ...
„Ich möchte, daß Sie viel gute Laune mitbringen und sich amüsieren ... und natürlich unsere Bräuche hier auf der Erde kennenlernen." O'Neill blinzelte wieder verschmitzt. „Übrigens gibt es auch noch eine Überraschung - wird Sie sicher freuen."
„Okay ..."
Sie begriff immer noch nicht wirklich den Zusammenhang, ließ es jetzt aber so stehen.
Auf jeden Fall sollte sie sich noch einmal zum Thema Dekorieren schlau machen, befand sie ...
Zwei Tage später

Vala Mal Doran bezahlte das Taxi und schritt dann munter aus in den Innenhof der Apartmentanlage hinein. Dann nahm sie die Treppen nach oben in den zweiten Stock.
Sie stutzte ein wenig über die bunten Flittergirlanden und ebensolchen Lichterketten, die jemand um das Geländer des zweiten Stockwerkes gewunden hatte. Allerdings hatte Daniel Jackson ihr an für sich sehr deutlich erklärt, was es mit dieser Zeit auf der Erde auf sich hatte.
Nun ja, alte Bräuche legte man eben nicht so schnell ab. Es gab noch mehr als genug Welten in der Milchstraße, die die Sonnenwenden feierten, einige Systemlords waren sogar so klever gewesen, eines dieser Daten besonders hervorzuheben - als den Tag ihrer Entstehung oder ihrer Gottwerdung oder ähnlichem. Ganz so dumm waren die Goa'uld nun doch nicht ...
Vala staunte allerdings nicht schlecht, als sie vor dem Apartment stand, in dem diejenige wohnte, die sie besuchen wollte.
An den beiden, zum Innenhof blickenden Fenstern, blinkten bunte Lichterketten und Silhouetten mit Rentieren, die Schlitten zogen sowie einem Stern. Eine rote Flittergirlande umwand die Wohnungstür, die zusätzlich mit einem dicken Kranz aus Tannenzweigen mit diversen Nüssen, Zapfen und Kunstäpfelchen geschmückt war. Zu beiden Seiten der Tür hielten zwei halbhohe, beleuchtete Figuren Wache: Ein Santa Clause und ein Schneemann.
Irgendetwas hier stimmte doch nicht, oder?
Vala riß sich zusammen, klopfte an die Tür.
Kurz darauf öffnete die Antikerin, an den Füßen Plüsch-Hausschuhe mit zwei Santas. Hinter ihr, in ihrem kleinen Flur, blinkte ein farbwechselnder Schriftzug, den sie irgendwie an der Garderobe festgemacht hatte, ein „Merry Christmas" und auf dem Kopf trug Vashtu ... ein Rentiergeweih.
„Hey!" begrüßte die Antikerin Vala, die unwillkürlich einen Schritt zurücktrat mit weitaufgerissenen Augen.
Oh Gott!
Vashtu sah sich kurz um, stutzte dann. „Ich probiere nur Weihnachten mal aus. Hab mich von General O'Neill darüber schlau machen lassen."

TBC ...

10.10.2009

Nachtrag: Willkommen auf der Erde

Author's Note: Dieser kleine Oneshot ist direkt nach Vashtus Einführung in die Stargate-Welt entstanden, quasi als eine Art Übergang zu "meiner" kleinen Serie SG-V (SG-27 und Stargate: Vineta). Es soll eigentlich zeigen, wie ähnlich sich Vashtu Uruhk und John Sheppard sind, denn an ihr wird das, was auf sie wartet, nicht immer ganz spurlos vorbeigehen.
Zeitlich spielt dieser Oneshot vielleicht zwei bis drei Monate nach den Ereignissen in der vorhergehenden FF.


Dr. Carson Beckett stieg aus dem Auto, sah sich neugierig um. Eine normale Straße in einer amerikanischen Stadt. Mehrfamilien- und Apartmenthäuser reihten sich aneinander, sauber gestutzte Rasenflächen, von Gärtnern gepflegte Beete, die einen Kontrast zu dem Grün bildeten. Ein Neubaugebiet, irgendwo in den Vereinigten Staaten von Amerika.
Beckett wandte sich dem Haus mit der Adresse zu, die er nach einigen Anläufen direkt von General O'Neill erhalten hatte. Scheinbar wollte irgendjemand nicht, daß das Atlantis-Team mit seinem Besucher aus der Vergangenheit weiteren Kontakt pflegte, etwas, was er nun so gar nicht verstand.
Er ging die Einfahrt zu dem modernen Apartmentgebäude hinauf und sah schon von weitem den Swimmingpool in der herbstlichen Sonne glitzern.
Zumindest schien sie gut untergebracht worden zu sein.
Beckett betrat den Innenhof, stieg eine Treppe in den zweiten Stock hinauf und suchte die entsprechende Tür, die ihn hoffentlich an sein Ziel führen würde.
Von General O'Neill hatte er nämlich erfahren, daß diese neue Bewohnerin der Erde sich weiterhin als etwas aus ihrer Art geschlagen gab. Im SG-Center war man nicht sonderlich glücklich mit ihr und wußte nicht so recht, wohin man sie stecken sollte. O'Neill selbst war dafür eingetreten, daß sie in den aktiven Dienst versetzt worden war, nachdem sie nacheinander so ziemlich alle Mitarbeiter der wissenschaftlichen Abteilungen gegen sich aufgebracht hatte. Selbst mit dem doch recht ruhigen Daniel Jackson hatte sie sich überworfen.
Er fand die richtige Tür und klopfte.
Von drinnen war zunächst kein Geräusch zu hören, und Beckett wollte unverrichteter Dinge schon wieder gehen, als er plötzlich ein eigenartiges Geräusch unter sich hörte. Er drehte sich um und sah etwas, was ihn ziemlich verblüffte:
Die Gesuchte war gerade in den Innenhof gekommen - auf einem Skateboard, das sie nun geschickt abbremste und mit einem Fuß hochklappte.
Beckett blinzelte und mußte zweimal hinsehen, ehe er sie erkannte. Wären da nicht die bekannten Gesten gewesen, wäre er wahrscheinlich in einer Menschenmenge an ihr vorbeigelaufen, ohne zu wissen, daß er sie eigentlich kannte.
Mit schnellen Schritten, das Board unter den Arm geklemmt, kam sie die Treppen hoch, eine Hand in der Fliegerjacke aus Leder.
„Vashtu?" rief Beckett leise herunter, als sie im Stockwerk unter ihm angelangt war und mit einem Schlüssel klimperte.
Sie blickte überrascht zu ihm auf, und gleich darauf erschien ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht. „Dr. Beckett! Was für eine Überraschung!" Sie beschleunigte ihre Schritte noch und hastete die letzte Treppe hinauf.
„Warten Sie schon lange?" erkundigte sie sich. In den Gläsern ihrer Sonnenbrille spiegelte sich der Besucher aus einer anderen Galaxie.
„Ich hätte mich gemeldet, aber auf dem Stützpunkt hat niemand eine Telefonnummer von Ihnen. Ich hoffe, ich störe nicht", sagte er.
Vashtu, die Antikerin, die vor einigen Monaten in Atlantis für einige Aufregung gesorgt hatte, winkte ab. „Ich mußte nur kurz etwas wegbringen. Kommen Sie rein." Sie steckte den Schlüssel ins Schloß und öffnete die Tür, dann ließ sie ihrem Besucher den Vortritt. Als sie selbst ihr Apartment betrat, lehnte sie das Board an die Wand neben der Tür, zog den Schlüssel wieder ab und steckte ihn von innen ins Schloß.
Beckett sah sich aufmerksam um. Die Wohnung war recht klein, aber relativ gemütlich eingerichtet. Ein Küchentresen ragte ins Zimmer hinein, ein gemütlich aussehendes Sofa und ein niedriger Couchtisch standen vor einem der modernen Flachbildschirme. An der Seite, wuchtig und doch urgemütlich aussehend, wartete ein alter Ohrenbackensessel auf einen möglichen Gast. Zwei Türen zweigten von dem schmalen Flur ab, eine führte sicherlich in ein Schlafzimmer, die andere in ein Bad.
„Setzen Sie sich." Vashtu drückte sich an ihm vorbei und trat hinter den Tresen. „Möchten Sie etwas trinken? Ich habe ausländisches Bier, eine Flasche Wein, Limonade und Wasser. Oder etwas warmes? Tee oder Cappuccino?"
Beckett streifte seine Jacke ab und hielt sie etwas hilflos über den Arm drappiert. „Danke, ein Wasser, bitte."
Vashtu nickte und öffnete einen großen Kühlschrank mit eingebautem Froster. „Legen Sie ihre Jacke einfach zu meiner. Ich habe noch keine Garderobe gefunden, die mir gefallen würde", sagte sie.
Beckett trat in den Flur zurück und legte seine Jacke ordentlich neben der einfach hingeworfenen, die die Antikerin getragen hatte.
Irgendwie schien er sich gerade wieder in einem Traum zu befinden. Eine solche Wohnung hätte er vielleicht Vashtus männlichem Gegenstück Lt. Colonel Sheppard zugetraut. Daß ihre Ähnlichkeit sogar den gleichen Einrichtungsgeschmack betraf, soweit hatte er damals nicht gedacht.
Beckett betrat wieder den Wohnraum, setzte sich langsam auf das Sofa.
Vashtu kam hinter dem Tresen hervor, zwei Gläser und eine Zwei-Liter-Flasche Wasser in den Händen.
Auf dem Tisch stand, wie achtlos liegengelassen, ein Laptop, der noch eingeschaltet war. Zahlenkolonnen ratterten über den Bildschirm.
Vashtu flätzte sich in den Sessel, nachdem sie ihrem Gast und sich selbst etwas zu trinken eingegossen hatte, strecke die Beine aus und grinste den Arzt an. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, Sie einmal wiederzusehen."
Beckett lächelte schüchtern.
Die Antikerin war inzwischen beinahe unheimlich in ihrer Ähnlichkeit zu Sheppard, mußte er zugeben. Jetzt trug sie sogar eine ähnliche Frisur wie er.
Er konnte seinen Blick kaum von den wild abstehenden, schwarzen Haaren abwenden. Was war denn nur in sie gefahren?
„Wie steht es in der Heimat?" erkundigte Vashtu sich, beugte sich vor und musterte ihn interessiert.
„Oh, allen geht es gut", antwortete Beckett. „Ich soll Ihnen Grüße bestellen, sollte ich Sie sehen. Teyla vermißt das Training mit ihnen. Und Rodney ... Nun, kaum waren Sie durch das Tor gegangen, hat er auch schon Sheppard aufgesucht und von ihm verlangt, er möge den kompletten Speicher des Hauptrechners noch einmal hochfahren. Aber Sie hatten wohl vergessen, jemandem von uns die Kontrolle zu übertragen."
Vashtu grinste spitzbübisch. „Nein, vergessen habe ich es nicht", sagte sie. Ihr Gesicht drückte einen Moment lang Sehnsucht aus. „Wie geht es ... Colonel Sheppard?"
„Es geht ihm gut. Er hat viel zu tun." Beckett tastete nach seiner Brieftasche, zog einen Umschlag heraus. „Das soll ich Ihnen geben, wenn ich Sie sehen würde."
Einen Augenblick zögerte sie, dann griff sie doch nach dem Papier. Sehr vorsichtig legte sie es auf den Tisch und strich mit den Fingern liebkosend darüber.
„Wie lange sind Sie noch auf der Erde?" Ihre Augen stellten noch eine zweite Frage.
„Leider nicht mehr sehr lange. Wenn Sie ihm eine Antwort schreiben wollen, ich habe den ganzen Nachmittag Zeit."
Ein unsicheres Lächeln glitt über ihr Gesicht.
„Und wie geht es Ihnen?" erkundigte Beckett sich.
Sie kniff die Lippen aufeinander, sank wieder in den Sessel zurück. „Es ist langweilig hier", antwortete sie dumpf.
„Oh."
Sie nickte brütend. „Die ersten Wochen wurde ich von allen Seiten gepiesakt. Eine Untersuchung nach der anderen. Dabei hatten Sie mich doch schon auf Atlantis auf den Kopf gestellt. Angeblich, so hieß es, damit ich keine unbekannten Seuchen einschleppe. Die haben mir mindestens einen Liter Blut abgezapft."
Beckett nickte. „Und jetzt sind Sie im SG-Center beschäftigt, habe ich gehört?"
Sie zuckte mit den Schultern, behielt demonstrativ den leeren Bildschirm im Auge. „Man schiebt mich von einer Abteilung in die nächste. Dieses übersetzen, das anfassen, dort aushelfen." Sie seufzte. „Letzte Woche bekam ich neue Befehle. Ab übermorgen bin ich tatsächlich in den aktiven Dienst versetzt. Zumindest etwas. SG-15, von diesem Team schon einmal gehört?" Hoffnungsvoll sah sie auf.
Beckett hob die Schultern, ließ sie wieder sinken. „Leider nicht. Aber ich bin sicher, Sie werden das schon meistern."
„So sicher bin ich mir da nicht. Aber ich bin froh, endlich wieder etwas anderes zu sehen als die Erde. Wie gesagt, hier ist es langweilig, zumindest die meiste Zeit."
„Ich hörte, Sie hatten einige Probleme?"
Vashtu lächelte sarkastisch. „Probleme? Ich dachte, man würde mich aus Cheyenne-Mountain schmeißen." Sie sah ihn wieder an. „Ich habe Dr. Jackson von SG-1 die Meinung gesagt, nachdem er mehrere Tage wegen einer Übersetzung hinter mir herlief. Dabei hatte ich sie ihm schon längst gemailt. Es war nichts wichtiges."
Beckett nickte wieder, trank einen Schluck. „Er war da anderer Meinung?"
Vashtu nickte bedrückt. „Ja, war er, leider. Er meinte, offensichtlich sei ich nicht dazu in der Lage, wissenschaftlich zu arbeiten. Nun ja, ich fürchte, irgendwie hat er da recht."
Beckett streckte die Hand aus. „Aber Sie sind noch dabei, das ist doch gut."
Wieder ein Nicken gepaart mit einem dumpf brütenden Blick. „Nachdem ich in Landrys Büro zitiert worden bin und mit ihm und General O'Neill habe sprechen müssen. Danach wurde ich erst beurlaubt und letzte Woche erhielt ich, wie gesagt, neue Befehle."
„General O'Neill scheint große Stücke auf Sie zu halten, Vashtu. Ich habe selbst kurz mit ihm sprechen können. Er meinte nur, Sie sollten vielleicht ein wenig zurückhaltender sein. Ihr Gehirn arbeitet etwas schneller als das von uns Menschen. Damit hatten wir es ja bereits auf Atlantis zu tun."
Die Antikerin zog wieder eine Grimasse. „Ich halte mich ja zurück, das habe ich ihm auch gesagt. Aber ich verstehe nicht, warum ich ständig wegen irgendwelcher Kleinigkeiten herbeizitiert werde. Letztens drückte mir doch so ein Wissenschaftler ein Küchengerät in die Hand und sagte mir, ich solle es aktivieren und auf ein Ziel schießen."
Beckett verkniff sich ein Lachen.
„Ich weiß auch, daß Dr. Weir der Meinung war, dies sei die beste Lösung", fuhr Vashtu fort. „Aber irgendwo liegen doch auch Grenzen. Ich bin aus Atlantis hierher gekommen, weil ich etwas suchen wollte. Aber bisher durfte ich Versuchskaninchen und Übersetzerin spielen." Entrüstet richtete sie sich in ihrem Sessel auf und sah Beckett an. „Stellen Sie sich vor, irgendjemand hat eine alte Handwaffe meines Volkes gefunden. So weit, so gut. Aber das war das erste, was ich aktivieren sollte. Allerdings hatte wohl niemand damit gerechnet, daß diese Waffe nach zehntausend Jahren vielleicht defekt sein könnte. Sie wäre in meiner Hand explodiert, wenn ich sie nicht sofort weggeworfen hätte! Aber mich beschuldigte man, vorher hätte sie einen tadellosen Eindruck gemacht." Sie zog eine Grimasse, hielt ihre Linke hoch, als müsse sie beweisen, daß sie noch an ihrem Arm saß.
Beckett nickte nachdenklich.
„Ich kann mit Untersuchungen leben, ich kann sogar damit leben, daß ich Unsinn übersetzen soll. Aber es fällt mir wirklich schwer, das ständig zu tun. An die wichtigen Forschungen darf ich nicht mitarbeiten, und gegen die Ori soll ich noch nicht eingesetzt werden. Irgendjemand hat wohl entschieden, ich soll den Kontrollstuhl auf Antarktika bedienen, doch den habe ich bis jetzt noch nicht einmal zu Gesicht bekommen."
„Können Sie das denn?" erkundigte Beckett sich.
Vashtu zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich habe auf soetwas noch nie gesessen. Und auf Atlantis hatte ich weder Zeit noch Lust, es auszuprobieren."
Beckett sah sie wieder an. „Aber jetzt werden Sie die Milchstraße kennenlernen. Das ist doch schon was."
Die Antikerin hob die Brauen. „Wenn Sie meinen ..." Überzeugt schien sie keineswegs zu sein.
Beckett sah wieder auf den Umschlag, der auf dem Tisch lag.
Eigentlich war er hergekommen, weil er ihr ins Gewissen reden sollte, damit sie sich mehr anstrengte. Den Verantwortlichen beider Stargate-Projekte war sie nicht teamfähig genug. Aber vielleicht hatte man auch noch nicht ihre wirklichen Stärken ausgekundschaftet. Und zumindest General O'Neill hielt immer noch zu ihr.
„Was haben Sie dem General eigentlich erzählt?" fragte Beckett.
Vashtu sah überrascht auf. „Nichts anderes als ich Colonel Sheppard erzählt habe", antwortete sie, zögerte dann aber. „Naja, ein bißchen mehr. Es schien ihm zu gefallen. Jedenfalls, so sagte Landry zu mir, war er es, der darauf gedrängt hat, mich durchs Tor zu schicken."
Beckett nickte, fragte sich, ob O'Neill vielleicht auch die Berichte über sie und ihr Verhalten gelesen hatte. Wenn er richtig informiert war, war der General auch maßgeblich daran beteiligt gewesen, daß Sheppard zur Atlantis-Expedition kam. Jetzt schien er seine schützende Hand über Sheppards weiblichen Gegenpart zu halten.
„Der General ist schon schwer in Ordnung." Vashtu nickte nachdenklich. „Das habe ich schon bei unserem ersten Treffen gemerkt. Er sagte, er habe früher selbst SG-1 geleitet und später eine Zeitlang das Stargate-Center. Er hat viel mitgemacht. Ich mag ihn."
Beckett lächelte. Wenn er sich recht erinnerte, hatte auch Sheppard stets positiv über O'Neill gesprochen. Wieder einmal eine Gemeinsamkeit - warum überraschte ihn das nur nicht?
„Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich jetzt gern den Brief lesen." Vashtu legte ihre Hand auf den Umschlag. „Kann ich Ihnen sonst noch etwas anbieten? Möchten Sie sich ein bißchen umsehen, solange?"
„Ich kann warten. Vielleicht haben Sie noch Fragen danach." Beckett lehnte sich zurück und blickte auf den großen Bildschirm.
„Eines können Sie John auf jeden Fall schon einmal sagen: Mit Football hatte er recht. Ein sehr interessantes Spiel, wenn man es einmal begriffen hat."
Beckett schüttelte amüsiert den Kopf.