08.04.2012

Klimawandel III


Das war nicht fair von Ihnen!" beschwerte Peter sich nach der Besprechung, als Markham mit seinen Unterlagen gegangen war. „Sie wissen verdammt genau, daß diese Leute Gentherapierte nicht mögen! Sie habe es doch gerade selbst erlebt, als Sie wegen dieser verdammten Drogen zu einem Wraith geworden sind!"
Vashtu schob ihre Flugunterlagen für die nächste Woche zusammen, ließ seine Worte an sich abprallen und erhob sich.
Ich habe das bis jetzt aus gutem Grund keinem gesagt, verdammt! Und dann kommen Sie und teilen das auch noch einer der wahrscheinlich größten Klatschbasen in dieser Stadt mit. Haben Sie denn vollkommen den Verstand verloren?"
Noch immer ruhig legte sie den Stapel auf ihrem Schreibtisch ab, trat dann an den militärischen Hauptrechner und verschob einige Kristalle. Auf dem Bildschirm las sie aufmerksam mit, dann drehte sie sich um und sah den jungen Wissenschaftler auffordernd an.
Was?" Peter saß noch immer, stur vor sich hinbrütend und mit vor der Brust verschränkten Armen, an seinem Platz und blitzte sie wütend an.
Würden Sie vielleicht kurz zu mir kommen, Dr. Babbis?" fragte sie mit ruhiger und freundlicher Stimme.
Peter stutzte. Wann hatte sie ihn das letzte Mal mit seinem Familiennamen angeredet? Das mußte doch schon ... definitiv war das nicht mehr vorgekommen, seit ... der Sache mit Kolya garantiert. Er meinte sogar, schon wesentlich eher.
Kommen Sie bitte her!" In ihren Augen loderte es kurz auf.
Peter schob seinen Stuhl zurück, zögerte noch einen Atemzug, dann aber erhob er sich und trat an ihre Seite. Die Antikerin wies auf den Bildschirm. „Lesen Sie mir bitte vor, was dort geschrieben steht", forderte sie ihn auf.
Peter starrte sie entgeistert an, sah dann kurz auf die fremdartigen Schriftzeichen. Nur einen Bruchteil konnte er lesen, und das lag eindeutig nicht an seinen schlechten Augen oder einer zu kleinen Schrift.
Vashtu nickte. „Ich hatte eigentlich mit Dr. Jackson ausgemacht, daß er Ihnen zumindest die Grundbegriffe in Antikisch beibringt", sagte sie. „Und er meinte, er habe das auch getan."
Peter zuckte mit den Schultern. „Wer konnte denn auch ahnen, wo wir irgendwann einmal landen", verteidigte er sich lahm.
Darum geht es nicht!" Vashtu funkelte ihn wieder an. „Sie wollen irgendwann zu den Spitzenwissenschaftlern der Erde gehören, wenn ich mich nicht irre. Alles, was Sie bisher hier getan haben, deutet daraufhin, ebenso wie vieles, was Sie in SG-27 getan haben. Aber, Peter, und das sollten Sie sich sehr gut merken, jeder Spitzenwissenschaftler, den das Stargate-Programm bisher hervorgebracht hat, war zumindest in der Lage, rudimentär die Schrift meines Volkes zu lesen. Wenn sie es nicht von vorn herein lernten, mußten sie hart dafür kämpfen, wie beispielsweise Dr. Jackson. Er hatte einen guten Teil der Worte und Begriffe bereits übersetzt, ehe ich zu ihm stieß und ihm half. Denn genau das habe ich in den letzten Monaten in Cheyenne-Mountain getan, wenn ich nicht unterwegs war. Jackson und ich arbeiteten an einem Wörterbuch." Mit einem Ruck wandte sie sich ab und marschierte zu dem Schreibtisch hinüber.
Peter schluckte hart, betrachtete weiter die Anzeige auf dem Bildschirm.
Für ihn sahen diese merkwürdigen Zeichen aus, als seien Ameisen über ein Blatt Papier gelaufen. Aber manch einer würde das vielleicht auch von der lateinischen Schrift behaupten, ging ihm auf.
  „Er hat mir aber sehr wenig beigebracht", verteidigte er sich lahm. „Ich war doch nur ein billiger Aktivator!"
Sie haben kein Interesse gezeigt", entgegnete Vashtu, wandte ihm noch immer ihren Rücken zu.
Peter musterte wieder den Bildschirm. Auf seinen geistigen Befehl änderte sich die Anzeige, was ihn einen Moment lang erstaunt zurückweichen ließ.
Und genau das ist es, was Sie an Potenzial verschenken", bemerkte Vashtu gelassen.
Als Peter wieder den Kopf drehte sah er, daß sie sich nun doch umgedreht hatte und zu dem Bildschirm nickte. „Das kann heute kaum noch jemand, wissen Sie das? Darum werde ich immer so merkwürdig angesehen", fuhr Vashtu mit ruhiger Stimme fort. „Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber bei Ihnen scheint sich die Natur, ähnlich wie bei John Sheppard, einen kosmischen Scherz erlaubt zu haben. Nur bin ich mir bei ihm nicht sicher, ob es da nicht doch eine Verbindung zu meinem Volk gibt. Bei Ihnen dagegen ..." Sie trat näher, funkelte ihn wieder an. „Verdammt, Peter, Sie haben hier schon so viel geschafft! Sie sind anstrengend, Sie halten verdammt viel von sich selbst und überschätzen sich leicht, viel zu leicht! Aber Sie haben dieses Potenzial!"
Kosmischer Scherz?" echote er verständnislos.
Vashtu nickte. „Ich habe Sie sehr genau im Umgang mit Gerätschaften meines Volkes beobachtet, Peter. Alles, was für Sie davon abhängt, sie ebenso selbstverständlich zu gebrauchen wie ich ist schlicht Ihre Unfähigkeit zu verstehen, weil Sie meine Sprache nicht sprechen und sich weigern, irgendjemanden um Hilfe zu bitten." Sie reckte ihren Hals, um seinem Gesicht näherzukommen. „Statt dessen regen Sie sich über Dinge auf, die zweitrangig sind und uns vielleicht helfen können. Haben Sie schon einmal soweit gedacht? Ich hätte meine Therapie auch lieber für mich behalten, aber die Fremdzellen sind so tief in mir verankert, daß ich manchmal vollkommen vergesse, wann ich sie einsetze und wann nicht. Für andere kann das sehr befremdlich wirken. Ich erinnere Sie nur an unseren ersten Einsatz - und Sie waren über mich informiert!"
Aber Sie wissen doch auch, wie diese ... wie die Stadt ... wie Stross ... Verdammt, wir haben uns alle Sorgen um Sie gemacht, als Sie da in der Zelle gehockt haben! Ihre Anweisungen ... die waren so ... so ..."
Endgültig?" Ihre dunklen Augen loderten wieder auf. Sehr resolut nickte sie. „Ja, das waren sie. Und sie sollten es auch sein. Ich war ein Wraith, Peter, ich war sogar noch mehr als das: ich war eine Wraith-Königin!"
Peter zuckte zurück.
Warum sagte sie ihm das? Warum noch darauf herumreiten? Die Sache war doch hoffentlich ausgestanden, oder? War da vielleicht immer noch ... ?
Ich werde Ihnen sagen, was ich tun werde, Peter." Vashtu wandte sich ab und konzentrierte sich wieder auf den Bildschirm. Die Datei wechselte, ohne daß sie einen der Kristalle hatte berühren müssen. Was statt dessen dort plötzlich aufleuchtete ... hatte verdammte Ähnlichkeit mit ... Lehrbüchern?
Er staunte.
Ich werde Ihnen die Sprache meines Volkes beibringen. Und ich bin sicher keine so geduldige Lehrerin wie Daniel Jackson", fuhr sie endlich fort. „Und dafür werden Sie mir Ihr Blut zur Verfügung stellen und mir bei Stross helfen. Wir brauchen mehr ATA-Träger hier, und das wissen Sie verdammt genau!"
Peter mußte ihr leider zustimmen, so ungern er das auch tat.
Und Ihre erste Unterrichtsstunde beginnt jetzt." Ungeduldig tippte sie auf den Bildschirm und begann, laut vorzulesen, während sie mit dem Finger die einzelnen Begriffe entlangfuhr.

***

Es war früh am nächsten Morgen, und Anne drehte sich um und atmete erleichtert auf, als sich die Tür zu ihrem Büro öffnete.
Die Antikerin war ihrem Ruf umgehend gefolgt, sah sie jetzt stirnrunzelnd an. „Was gibt es?" fragte sie, reckte dann den Hals und nickte den beiden anderen Anwesenden zu.
Major Uruhk, das sind Dr LeDunde und Dr. Carpenter. Ich weiß nicht, ob Sie sich schon kennen", stellte Stross ihre beiden Gäste vor.
Meines Wissens nicht." Major Uruhk, Vashtu, rief Anne sich ins Gedächtnis, trat lächelnd näher und reichte erst der dunkelhaarigen Frau, dann dem hochgewachsenen Geologen die Hand. Anne nutzte diese kurze Zeit, um sich hinter ihrem Schreibtisch zu verschanzen.
Vashtu warf ihr einen irritierten Blick zu. „Um was geht es jetzt?" erkundigte sie sich.
Anne bedeutete ihren drei Gästen, sich einen Sitzplatz zu suchen. Ihre, hoffentlich baldige militärische Leiterin hockte sich kurzerhand auf den Rand ihres Schreibtisches, überließ die beiden Stühle den Wissenschaftlern.
Carpenter sah die Antikerin fasziniert an, sagte aber nichts, sondern zog einige Ausdrucke unter seine Jacke hervor, die er ihr reichte. „Ich ... äh ... denke, das wird die Lage besser erklären", sagte er dabei.
Vashtu nahm die Unterlagen und blätterte etwas darin. Ihre Stirn umwölkte sich dabei und sie begann, nachdenklich an ihrer Unterlippe zu knabbern. „Das Gestein ist marode, okay", sagte sie schließlich, hob den Blick zur gläsernen Decke und schien einen Moment lang wirklich bis zu den zerbröselnden Felsen dieser Höhle zu blicken. „Der Schutzschild läuft im Dauerbetrieb. Das dürfte im Moment also ein eher kleines Problem sein", fügte sie im leicht fragenden Tonfall hinzu.
Das ist nicht das ganze Problem, Major", wandte Anne ein, nickte dann LeDunde zu.
Die dunkelhaarige Frau lächelte und musterte die Antikerin nun ihrerseits aufmerksam. „Ich weiß nicht, ob Sie sich mit Meterologie auskennen, Major."
Vashtu drehte sich halb zu Anne um, die Stirn weiter gerunzelt, wandte sich dann der jungen Französin zu und zuckte mit den Schultern. „Ich kann einen Wetterbericht im Fernsehen ansehen und weiß, wovon die Rede ist. Reicht das?"
Anne hüstelte hinter vorgehaltener Hand. Das war sicher nicht die Antwort gewesen, auf die LeDunde gehofft hatte. Zumindest starrte sie den Major einen Moment lang verblüfft an. Dann atmete sie tief ein und richtete sich auf ihrem Stuhl auf.
Das wird dann wohl reichen müssen, Major", sagte sie mit etwas unterkühlter Stimme.
Vashtu nickte, legte die Unterlagen von Carpenter auf den Tisch neben sich und kreuzte die Arme vor der Brust. „Und was sagt der Wetterbericht außer Dauerregen?"
Daß wir ein Problem bekommen werden - zumindest ist das sehr wahrscheinlich", wandte Dr. Carpenter ein. „Bei Ihrem Kontrollflug gestern entdeckte Jaqueline ... Dr. LeDunde ... einen Ozean, der bisher unbekannt gewesen ist."
Wir haben einen Ozean auf Erethia?" Vashtu riß die Augen auf.
Ja, Major", mischte Anne sich nun ein. „Und offensichtlich ... Dr. Carpenter?"
Der nickte mit einem leichten Stirnrunzeln, strich sich über seinen weit zurückliegenden Haaransatz. „Offenbar gab es diesen Ozean schon immer, Major. Allerdings lag er bisher unter einer oberen, zugegebenermaßen porösen Gesteinsschicht."
Die Antikerin nickte, wechselte wieder einen fragenden Blick mit Anne. „Und das bedeutet?" erkundigte sie sich schließlich.
Daß entweder während oder kurz nach dem verheerenden Brand die Höhle eingestürzt ist, die den Ozean bis jetzt verbarg, Major", fuhr Carpenter fort.
Wieder flogen die Brauen der Antikerin gen Haaransatz und sich blinzelte unter ihren Ponyfransen zur gläsernen Decke hinauf. Diesmal allerdings verzog sich ihr Gesicht leicht zu einer Grimasse. „Okay, die Decke hier ist auch nicht mehr sonderlich stabil. Das ist mir schon beim ersten Besuch aufgefallen", bemerkte sie und erntete einen überraschten Blick des Geologen.
Anne nickte, beugte sich vor.
Sie wußte nicht ganz, was für eine Rolle die Antikerin jetzt gerade spielte, doch sie schien keineswegs so absolut ahnungslos, wie sie tat. Das zu beobachten, könnte noch interessant werden. Ob sie den Zusammenhang selbst herstellen konnte? Anne wußte es nicht, doch in ihr klang eine leise Stimme, die dieses nur allzu kräftig bejahen wollte.
Dr. LeDunde hob nun das Kinn und lächelte leicht. „Wir beobachten seit unserer Ankunft hier das Wetter und das Klima, Major", begann sie nun zu erklären. „Und wir können sicher sein, daß sich beides ganz offensichtlich verändert hat."
Vashtu nickte bedächtig und wartete schweigend, die Hände jetzt locker in ihrem Schoß gefaltet. Ein Bild der Entspannung. Doch irgendetwas an ihrer Haltung wirkte dabei falsch.
Die Temperatur sinkt immer weiter ab. Daß wir unter einem Dauerregen zu leiden haben, ist leider aus der Katastrophe zu erklären, die die Devi auf diesem Planeten ausgelöscht hat."
Auf die Schnelle fiel uns leider nichts anderes ein. Tut mir leid." Wieder ein Schulterzucken, doch der Blick, mit dem die Antikerin die Meterologin bedachte, war eindeutig lauernd.
Das sagt ja auch niemand. Wir haben durchaus Verständnis für Ihre damalige Entscheidung", wandte LeDunde sofort ein. „Aber, so wie es aussieht, haben wir ein Problem. Und dieses Problem wird nicht kleiner, sondern wächst immer mehr an."
Vashtu drehte sich wieder zu Anne um und sah sie fragend an. Die Leiterin hob in einer hilflosen Geste die Hände.
Und was für ein Problem haben wir?" fragte die Antikerin schließlich, als man ihr sonst keine echte Antwort geben konnte.
Anne fiel auf, daß in ihren großen, sprechenden Augen deutlich Sorge zu lesen stand. Vashtu begriff durchaus den Ernst der Lage, sogar die Konsequenzen. Aber sie schien noch nicht so ganz verstanden zu haben, worum es wirklich ging und was der eigentliche Auslöser für dieses Problem war.
Wir haben unsere Daten an Dr. Spitzbart weitergegeben", erklärte nun wieder Carpenter. „Er hat das ganze von seinem Team durchrechnen lassen."
Vashtu nickte aufmerksam, schien sich zu wappnen vor dem Urteil, das auf sie niederkommen würde.
Es sieht alles danach aus, als hätte die Großzündung dieser ... PKs den Planeten aus seiner Umlaufbahn gerissen", beendete Carpenter seinen Bericht.
In der nächsten Sekunde stand die Antikerin stocksteif neben dem Schreibtisch, die Augen weit aufgerissen und das Gesicht kalkweiß. „Was?" Sie fuhr zu Anne herum und starrte diese groß an.
Die nickte bedauernd. „Es ist so, Major. Sie hatten keine andere Wahl, soviel ist klar. Aber es bleibt wie es ist. Als das Lager mit den Planetenkillern explodierte, hat die bloße Wucht Erethia aus seiner eigentlichen Bahn gerissen."
Was wir zu erwarten haben, ist ein atomarer Winter", berichtete jetzt LeDunde mit einem zufriedenen Lächeln. „Vielleicht sogar eine Eiszeit. Wir werden mit Stürmen zu kämpfen haben, und ganz sicher wird es Jahrzehnte dauern, bis das Klima sich wieder halbwegs eingependelt hat."
Vashtu atmete tief ein. Anne glaubte mitansehen zu können, wie es in ihrem Hirn zu arbeiten begann, um eine annehmbare Lösung zu finden.
Eine Eiszeit! Soetwas hatte es wohl noch auf keiner Welt gegeben. Und sie saßen auch noch hier in einer Antikerstadt, unter der Oberfläche, über den Köpfen eine morsche Decke, die ihnen ohnehin irgendwann auf den Kopf fallen würde, glaubte man den Prognosen der Geologen.
Das war die Art Information, die Vashtu wohl noch wesentlich öfter erwarten würde, sobald sie endlich nicht nur interimsweise ihren Posten annahm und an ihrer Seite zur Leiterin der Stadt werden würde. Anne fragte sich, ob sie die Antikerin nach dieser Hiobsbotschaft überhaupt noch dazu würde überreden können. Andererseits war ihr aber auch keine andere Wahl geblieben. Immerhin war Vashtu im Moment Dorns Stellvertreterin und dafür zuständig, sich um solche Angelegenheiten zu kümmern.
Die Frage ist jetzt, was sollen wir tun, Major?" wandte sie ein, beobachtete die Antikerin weiter.
Die stand jetzt, mit geballten Fäusten, da, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Nachdenklich knabberte sie wieder an ihrer Unterlippe und starrte blicklos durch die Fenster in den Gateroom hinaus.
Dann hob sie plötzlich den Kopf. „Haben wir irgendwelche Vergleichsdaten?" erkundigte sie sich. „Wissen wir, ob Erethia wirklich aus der Bahn ist?"
Dafür sind wir noch nicht lange genug hier", entgegnete Anne.
Genau die Frage, die auch sie als erstes gestellt hätte.
Vashtu nickte nachdenklich, kreuzte jetzt die Arme vor der Brust und fixierte die Meterologin. „Wie lange, sagten Sie, führen Sie die Messungen jetzt durch?"
Seit unserer Ankunft. Knapp vier Monate." LeDunde zuckte mit den Schultern.
Die Antikerin sah Anne wieder an, eine leise Forderung in den Augen. Die Leiterin nickte. „Danke, Dr. LeDunde, Dr. Carpenter, für Ihr Kommen." Sie neigte leicht den Kopf.
Die beiden Wissenschaftler erhoben sich zögernd, offensichtlich hatten sie mehr erwartet, vielleicht sogar, an der folgenden Konferenz teilnehmen zu dürfen, dann aber gingen sie.
Vashtu atmete einige Male tief ein, nachdem die Tür sich geschlossen hatte. „Ich werde das noch einmal von Peter kontrollieren lassen", sagte sie, lehnte sich gegen eine Scheibe und sah Anne auffordernd an.
Die lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und nickte. „Die Frage ist, was sollen wir jetzt tun?"
Vashtu nagte wieder an ihrer Unterlippe. „Erst einmal ... gar nichts. Wir können im Moment keine Panik riskieren. Außerdem sind die Werte zu kurzfristig gesetzt. Wir haben keine Vergleiche." Sie suchte Annes Augen und sah hinein. „Einen atomaren Winter hätte ich auch vorhersagen können nach diesem Brand. Dazu reicht schon wesentlich weniger Wucht als die eines Lagers voller Planetenkiller."
Anne nickte, erwiderte den Blick. „Wir sollen also gar nichts tun? Sind Sie sich da wirklich sicher?"
  Vashtu zögerte, wandte kurz den Kopf und blickte in den Kontrollraum hinein, dann nickte sie wieder. „Solange die Prometheus noch über unseren Köpfen hängt, können wir uns keine Panik leisten, Anne. Wenn wir Pendergast los sind, was hoffentlich nicht mehr allzu lange dauern wird, ist es immer noch früh genug, um die Leute zu informieren. Vielleicht fallen uns auch noch Lösungen ein, wer weiß?"
Sie trauen sich nicht zu, die Bahn zu kontrollieren?"
Die Antikerin schüttelte sofort den Kopf. „Auch ich habe meine Schwächen. Und eine davon ist Astrophysik." Ein zerknirschtes Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Bis jetzt habe ich mich, was solche Dinge anging, immer auf Peter verlassen können. Ich denke, ich kann es auch jetzt."
Anne nickte nachdenklich, ließ jetzt selbst den Blick schweifen. „Es gefällt mir nicht, die Leute im unklaren zu lassen, Major. Es gefällt mir ganz und gar nicht."
Wir können aber auch keine Panik riskieren, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Abwarten ist im Moment wirklich die beste Lösung, glauben Sie mir!" Vashtu schüttelte den Kopf. „Wir legen die Hände ja nicht in den Schoß. Wir überprüfen die Daten, sofern wir sie überprüfen können."
Anne seufzte. „Sie vertrauen Dr. Babbis wohl blind, wie?"
Nicht in allem, aber in seinen Fachgebieten ja."
Anne zögerte, dann nickte sie. „Dann lassen Sie ihn die Sache überprüfen, Major. Und lassen Sie uns hoffen, daß die beiden sich geirrt haben."
Den nächsten Blick hätte sie liebendgern ignoriert oder gar nicht wahrgenommen. Doch er war zu eindringlich. Und ihr wurde klar, daß Vashtu nicht an dem Ergebnis zweifelte - an dem bestehenden Ergebnis, das sie noch einmal überprüfen lassen wollte!

TBC ...

01.04.2012

Klimawandel II


Vashtu sortierte noch die Unterlagen über die möglichen Expeditionen der nächsten Woche, als die Tür sich öffnete und der junge Lieutenant David Markham das große Büro betrat. Wie immer staunend sah er sich um, ehe er sich ihr zuwandte.
Mam?"
Setzen Sie sich." Die Antikerin hatte kaum zugehört, legte gerade die letzten Anfragen auf einen der beiden Stapel und lehnte sich seufzend zurück, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Ausgiebig streckte sie sich, blinzelte dem Lieutenant dann zu. „Sie wollen selbst auch einmal wieder raus?" Ein spitzbübisches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
Markham ließ sich jetzt doch nieder und nickte. „Dr. Jameson würde sich gern die Flora auf P1V-129 ansehen, inwieweit sie sich in den letzten zehntausend Jahren entwickelt hat. Ich hielt das für eine gute Idee, mal wieder rauszukommen, Mam."
Vashtu nickte, richtete sich auf und betrachtete stirnrunzelnd die beiden Stapel vor sich. „Ist genehmigt. Aber über den Zeitpunkt müssen wir uns noch ein bißchen unterhalten", sagte sie. „Es steht auch noch immer die Abschlußbesprechung Ihrer Expedition aus. Dr. Stross trat an mich heran mit der dringenden Bitte, sie so schnell wie möglich einberufen zu können."
Schon klar." Markham beugte sich vor. „Danea meinte, wir sollten vielleicht jetzt schon anfangen damit, Felder anzulegen, ehe der Winter kommt. Der Frost könnte uns helfen."
Vashtu nickte.
Verzeihen Sie die Frage, aber ist das hier jetzt Ihr Büro?" erkundigte Markham sich überraschend.
  Die Antikerin schmunzelte und sah sich in dem großen Raum um. „Bis jetzt hat mich hier noch keiner herausgejagt und Dorn gefällt sein kleines unter diesem besser", gestand sie ihm mit einem verschwörerischen Blinzeln zu wissen. „Allerdings denke ich, sobald der Rest endlich unten ist, werden die Karten wohl neu gemischt werden."
Das allerdings machte ihr Sorgen. Sie hielten inzwischen zwar einen regelmäßigen Funkkontakt zu denen, die sich Vineta noch anschließen wollten oder gar von vorn herein zur Expedition gehört aber nicht von Bord der Prometheus gelassen worden waren. Offensichtlich ging es ihnen gut, und dank ihren Erfahrungen ... wußten sie zumindest, worauf sie achten mußten. Dennoch konnte das Blatt sich immer noch wenden. Vor allem, da Vashtu einen alten Satelliten ihres Volkes wieder in Gang gebracht und auf die Prometheus ausgerichtet hatte. Pendergast arbeitete mit allen Mitteln daran, die Umlaufbahn so schnell wie möglich zu verlassen. Vielleicht war es ihm selbst endlich in den Sinn gekommen, daß er sich mit seiner Methode, sie endlich in den Griff zu kriegen, einen Feind geschaffen hatte. Zumindest hoffte sie, die Leute dort oben irgendwie herauszuholen, ehe Pendergast starten konnte.
Die Tür zum Büro öffnete sich wieder und ein sehr abgehetzter Peter Babbis trat ein.
Vashtu warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Wieder da?" erkundigte sie sich überflüssigerweise.
Peter warf ihr einen bösen Blick zu, ließ sich dann auf der gegenüberliegenden Seite zu Markham nieder, wischte sich mit einer entschiedenen Geste das Haar aus dem Gesicht.
Gut, dann können wir ..." Vashtu zog den kleineren Stapel mit Anfragen an sich heran. „Der Serge ist im Moment noch in der Krankenstation. Ich weiß nicht, ob Sie beide informiert sind, daß ich solange den militärischen Sektor leite." Sie blickte hoch, in zwei erwartungsvolle Gesichter, nun ja, Peters weniger erwartungsvoll als vielmehr neidisch. Aber zumindest schien das keine große Neuigkeit für beide zu sein, immerhin.
Okay, es geht um verschiedene Anfragen der SG-Teams und auch der Wissenschaftler", fuhr sie fort. „Wir drei sind die einzigen Piloten, die zur Zeit in der Lage sind, die Puddlejumper zu fliegen. Auch das ist bekannt."
Markham nickte stumm, hob die Brauen, um einen langen Blick auf den Stapel zu werfen, den sie direkt vor sich hatte.
Vashtu schmunzelte, wandte sich dann an ihr Teammitglied: „Peter, das soll keine Schmälerung Ihrer Leistungen sein, aber ich möchte, daß Sie im Moment noch die Flüge über den Planeten übernehmen. Da gibt es einige Anfragen. Und Sie sind schon etwas vertrauter damit."
Der junge Wissenschaftler blinzelte überrascht. „Ich komme doch gerade ..." Er unterbrach sich, zuckte dann mit den Schultern. „Wird mir wohl mehr Zeit für meine Forschungen bleiben."
Genau." Vashtu schob ihm den Stapel zu. „Und außerdem werde ich vielleicht ein bißchen Zeit finden, Ihnen die Kontrollen endlich einmal richtig zu erklären. Solange wir uns innerhalb des Schildes bewegen, besteht keine Gefahr für mich." Befriedigt sah sie, wie seine Augen sich weiteten angesichts des Packens Papier, den sie ihm gerade gegeben hatte. „Und ich würde nachher noch gern mit Ihnen über etwas reden, Peter", sagte sie abschließend.
Sie wußte selbst, den Berg Arbeit, den sie ihm gerade überlassen hatte, sah gewaltiger aus, als er in Wirklichkeit war. Im Endeffekt ging es um irgendwelche kurzen Flüge, die kaum mehr als ein oder zwei Stunden in Anspruch nehmen würden, zudem hatte sie sie bereits über die Tage verteilt, so daß ihm noch genug Zeit bleiben würde, um zu tun, was auch immer ihm wieder im Kopf herumspukte.
  „Das ist eine Menge." Peter blickte unschlüssig auf.
Meist Kurzflüge. Sie werden sich schon nicht überanstrengen", entgegnete sie, wandte sich dann Markham zu. „Was Ihr Gesuch angeht, wie gesagt, es ist genehmigt", sagte sie. „Allerdings steht bis jetzt immer noch die Suche nach Nahrung und Saatgut ganz oben auf unserer Liste. Wenn Sie nichts dagegen haben und Dr. Jameson sich so lange bezähmen kann, würde ich Sie bitten, das ganze an einem ruhigen Tag durchzuführen und sich auf die Umgebung des Tores zu beschränken. Einen Piloten muß ich Ihnen ja glücklicherweise nicht mitgeben."
Markham nickte verstehend. „Wann paßt es am besten?"
In fünf Tagen. Reicht Ihnen das? Ich wollte die Torreisen an diesem Tag ohnehin drosseln, da Dr. Stross mit einer dringenden Bitte an mich herangetreten ist."
Markham schürzte nachdenklich die Lippen und lehnte sich zurück. Dann nickte er. „Geht klar. Und wieviele Einsätze haben wir bis dahin?" Er warf dem zweiten Stapel einen langen Blick zu.
Vashtu zog die Papiere jetzt zu sich heran. „Wenn wir es gut koordinieren, jeder drei pro Tag. Geht das klar für Sie?"
Wann ziehen wir denn wieder los, Vashtu?" warf Peter in diesem Moment ein.
Die Antikerin schob unwillig die Brauen zusammen.
Es juckte sie, wieder selbst ein Team zu leiten, zumal Anne Stross ihr auch eines zugestanden hatte. Allerdings waren sie beide sich nicht so ganz einig, was die Größe dieses Teams anbelangte. Darum verzichtete sie im Moment bewußt auf eigene Torreisen. Zudem wollte sie die Zeit nutzen, die ihr möglicherweise blieb, um noch ein bißchen am DHD zu basteln und es vielleicht für das achte Shevron zugänglich zu machen. Dann könnte sie ganz schnell von hier verschwinden und mit Verstärkung aus Atlantis zurückkommen.
Sie stellte sich das Gesicht von McKay vor, wenn sie plötzlich aus dem Gate trat. Nach so langer Zeit rechnete, außer John, wahrscheinlich niemand mehr mit ihrem Auftauchen. Vielleicht waren sie auf der Erde sogar schon längst für vermißt oder tot erklärt worden.
Nun ja, in zumindest einem Fall stimmte das ja auch.
Vashtu riß sich aus ihren Gedanken. „Wenn Sie Zeit erübrigen können, Peter, könnten Sie mir vielleicht am DHD helfen", wechselte sie das Thema. „Außerdem steht da noch immer die Fehlfunktion der Sekundärwaffe im Raum ..." Sie warf ihm einen bezeichnenden Blick zu.
Peter kreuzte die Arme vor der Brust und begann, vor sich hinzubrüten.
Markham betrachtete dieses Zusammenspiel zwischen ihnen mit einem breiten Grinsen, dann wurde er wieder ernst. „Drei Flüge pro Tag sind eine Menge. Sind Sie sicher, daß Sie tatsächlich diesen einen Tag Ruhe einschieben wollen?"
Vashtu nickte, griff jetzt in den Stapel vor sich und verteilte die ersten, bereits geordneten Anfragen vor sich. „Es wird eine Sache der Koordination, wie gesagt. Aber es müßte machbar sein. Vielleicht müssen wir das eine oder andere Team nur aussetzen, andere ... Williams will noch einmal nach P1V-121, um das Saatgut zu holen. Das dürfte nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen." Sie schob ihm das Blatt zu.
Markham überflog es, nickte dann und legte es zur Seite.
Vashtu nahm ein neues Papier.
Verdammt, es juckte sie sogar ganz gewaltig, endlich wieder das Tor zu betreten. Andererseits aber war sie im Moment für die Sicherheit der Stadt zuständig, und hier lag einiges im Argen, was sie beheben wollte. Außerdem ...
Vashtu hob den Kopf und fixierte Peter von der Seite, bis dieser nervös aufblickte.
Er starrte sie an, dann schüttelte er entschieden den Kopf. „Sie wissen doch genau, wie es bis jetzt immer hieß. Sie selbst haben es doch ..."
Es geht darum, mehr Piloten zu bekommen", entgegnete sie bestimmt.
Ohne mich!"
Ich brauche aber Ihr Blut, um einen neuen Fehler vermeiden zu können."
Warum sollte ich?"
Wollen Sie forschen?"
Das hat damit nichts zu tun!"
Wer ist gegen das Tor geknallt, Sie oder ich?"
Ich war übermüdet!"
Das könnte zu einem Dauerzustand werden, ist Ihnen das klar?"
Wie lange hat Beckett dafür gebraucht? Mehrere Jahre, wenn ich das richtig verstanden habe."
Aber wir haben Sie, zudem mit der richtigen Frequenz."
Ich bin kein Freak!"
Bin ich einer?"
Markham sah sie beide scheel an. „Was ... ist ... los?" fragte er leise.
Vashtu löste den Blickkontakt zu dem jungen Wissenschaftler, drehte sich wieder zu ihm um. „Es geht um die Gefahr, wenn wieder jemand von uns ausfallen sollte", antwortete sie. „In unserer Dimension besteht die Möglichkeit, sich das ATA-Gen auf künstliche Weise zu beschaffen. Peter ist ein solcher Träger." Sie nickte zu Babbis hinüber, aus dessen Gesicht alles Blut wich.
Markham starrte sie groß an. „Sie meinen ... ?"
Ich meine, wir sollten jede Chance nutzen. Wir alle wollen durch das Tor, und ich will auch noch die Stadt vor den Devi schützen. Das wird mir aber schwerlich gelingen, wenn wir nur drei ATA-Träger haben."
Markham warf Peter einen weiteren, diesmal deutlich entsetzten Blick zu. „Aber ..."
Im Moment geht es nur um die Idee, Lieutenant. Was halten Sie persönlich davon?" Vashtu beugte sich vor und starrte ihn durchdringend an. „Sie und ich sind natürliche Träger des Gens, Peter, bei aller Begabung, die er bisher für die Geräte meines Volkes gezeigt hat, ist es nicht. Wenn ich Dr. Becketts Therapie verwende und dessen Fehler vermeide, würden wir alle entlastet werden. Nicht nur mit den Flügen, sondern auch mit der Aktivierung der verschiedenen Gerätschaften."
Aber Sie wissen doch auch, daß die meisten Völker uns ohnehin schon ... nicht sonderlich positiv eingestellt sind."
Dann sollten wir an unserem Auftritt ihnen gegenüber feilen."
Markham lehnte sich nervös zurück, starrte auf das einsame Blatt Papier vor sich. „Ich kann das nicht entscheiden", sagte er schließlich.
Aber Sie könnten Ihre Meinung sagen, wenn ich zu Dr. Stross gehe", wandte Vashtu ein.
Die Idee gefiel ihr, zugegeben, immer besser. Sie könnte vielleicht sogar versuchen, Carsons Fehlerrate zu beheben und von diesen verdammten fünfzig Prozent Mißerfolg fortzukommen. Zudem hatte sie mit Peter das perfekte Versuchskaninchen zu Hand, sollte erneut irgendetwas mit den Frequenzen nicht stimmen. Sie würde wieder in ihrem eigentlichen Beruf arbeiten, was definitiv auch noch ein Vorteil war.
Was sagen Sie?" Erwartungsvoll sah sie Markham an.
Der junge Lieutenant erwiderte ihren Blick nervös. „Und was, wenn ... wenn etwas wie bei Ihnen geschieht, Mam?" fragte er schließlich.
Vashtu blinzelte, dann schoben sich ihre Brauen wieder zusammen. „Wir reden hier davon, ein Hilfsmittel zu erstellen, zudem eines, was nicht auf anderen Spezies beruht, sondern auf der Zellebene des Menschen."
Das ist nicht richtig. Beckett nahm Mäuse", korrigierte Peter, duckte sich, als sie ihm einen mörderischen Blick zuwarf.
Ich weiß nicht, wer dieser Beckett ist, von dem Sie immer sprechen", fuhr Markham fort. „Ich kenne niemandem dieses Namens. Ich kann mir nicht vorstellen, was ..." Er verstummte und kniff die Lippen aufeinander.
Dr. Carson Beckett wäre auch in Ihrer Dimension beinahe mit nach Atlantis gegangen, fragen Sie Dr. Stross", wandte Vashtu ein. „Seine Forschungen waren ihm bei Ihnen allerdings wichtiger als die Möglichkeit, etwas neues zu erleben. Wenn er aber zugesagt hätte, hätte er den Posten von Dr. Grodin."
Markham starrte sie an. „Vom Doc?" Er schien jetzt wirklich zu überlegen.
Vashtu lehnte sich zurück und kreuzte die Arme vor der Brust.
Diese Idee war einfach nur genial! Warum war sie ihr nicht schon eher gekommen? Sie hätte schon längst mit den Forschungen beginnen können. Und wenn sie die Fehlerquote tatsächlich senken könnte ...
Ein schmales Lächeln begann ihren rechten Mundwinkel zu umspielen, als sie daran dachte, daß sie sowieso noch mit Stross über einen möglichen Wechsel im Auftritt der Außenteams reden wollte. Wenn sie Teams hatte, in denen mehr als einer das Gen trug, dann würden die anderen Völker vielleicht wirklich unter Druck geraten. Das passende Auftreten und sie würden sicher Verhandlungspartner finden, davon war sie überzeugt.
Ich ..." Markham schloß den Mund wieder, sah erneut zu Peter. Dann zuckte er mit den Schultern. „Es wäre eine Möglichkeit, selbst mehr Zeit mit anderen Dingen verbringen zu können", gab er dann zu. „Ich verstehe nichts von Genetik und diesem ganzen Kram, Mam, aber wenn Sie meinen, es würde nicht gefährlich sein, uns sogar helfen ... Warum nicht?"
Vashtu lächelte, sehr zufrieden mit sich selbst, und setzte sich wieder auf. „Gut, dann sollten wir jetzt noch die restlichen Flüge unter uns aufteilen."



25.03.2012

2.08 Klimawandel


Aus dem Weg! Achtung!"
Danea Il'Eskanar sprang mit großen Augen in den nächsten Hauseingang, als plötzlich etwas an ihm vorbeisauste. Mit einer Geschwindigkeit, die er jemandem wie Sergeant Dorn niemals zugetraut hatte.
Dann aber ging ihm auf, daß er gerade nicht den Marine gesehen hatte, der ohnehin im Moment auf der Krankenstation war und dort das Laufen neu lernte mit seinem künstlichen Bein, sondern jemand anderen. Eine schlanke Gestalt mit kurzen schwarzen Haaren, die an ihm ... vorbeigerollt war?
Danea drehte sich um und staunte einfach nur.
Major Vashtu Uruhk stand auf einem kleinen Brett mit Rädern, lehnte sich gerade in die Kurve und verschwand um die nächste Hausecke. Unter ihrem Arm hatte sie etwas getragen.
Aber ... was war das für ein merkwürdiges Brett?
Danea joggte zurück, als er erneut diesen Ausruf hörte.
Aus dem Weg! Achtung!"
Ungläubig blinzelnd beobachtete er die so merkwürdige Schöpferin, wie sie auf ihrem Brett geschickt Nesrin und Basbara, das neue Paar in den Reihen der Erethianer, umkurvte, gezielt auf den gewaltigen Zentralturm zuhielt.
Danea zögerte nun nicht mehr. Die Neugier hielt ihn fest gepackt. Er joggte mit schnellen Schritten hinter der Schöpferin her. Die hatte mittlerweile einen Fuß von ihrem fahrbaren Untersatz gelöst und gab dem Brett mehr Schwung, weil sie wohl an Geschwindigkeit verloren hatte während der Umschiffung der beiden Erethianer.
Danea beobachtete sie genau, konnte sich allerdings noch immer keinen Reim auf das machen, was er da sah. Wie kam man auf den Gedanken, ein Brett mit Rädern zu versehen und damit dann durch die Stadt zu fahren? Zumal der Major doch wohl ebensogut einen der Lifte hätte benutzen können für den Weg.
Er beschleunigte seine Schritte, um halbwegs mit ihr Schritt zu halten.
Eine Gruppe Wissenschaftler tauchte vor ihnen auf. Wieder stieß die Antikerin ihren Ruf aus und erntete ungläubige Blicke. Aber zumindest war es Danea, als würden diese fremden Menschen, die ihm schon mehr als genug Rätsel aufgaben, erkennen, um was für ein Brett es sich da handelte, auf dem Vashtu Uruhk sich fortbewegte. Bruchstückhaft schnappte er etwas von einem „Board" auf, konnte damit erst recht nichts anfangen.
Geschickt bremste die Schöpferin vor dem Zentralturm, indem sie offensichtlich ihr Gewicht auf den hinteren Teil des beräderten Brettes verlagerte, es auf diese Weise wohl aus dem Gleichgewicht brachte. Genau konnte Danea es nicht erkennen. Jedenfalls bremste sie irgendwie ab und sprang von ihrem eigenartigen fahrbaren Untersatz herunter, um ihn dann, mit einem Fuß angekickt, aufzunehmen und unter den anderen Arm zu klemmen.
Major! Warten Sie!" rief er ihr zu.
Überrascht drehte sie sich zu ihm um und blinzelte. Dann breitete sich ein Lächeln über ihr Gesicht aus. „Danea, wollten Sie zu mir?"
Der junge Erethianer verlangsamte seine Schritte wieder, blieb schließlich bei ihr stehen und musterte voller Interesse dieses eigenartige Brett. „Was ist das?" fragte er nach einigem Zögern und wies mit einer Hand darauf.
Major Uruhk blinzelte wieder, senkte dann den Blick. „Ein Skateboard", antwortete sie schulterzuckend. „Wollen Sie mit?" Sie nickte zum Turm hin.
Danea zögerte wieder, nickte dann aber und folgte ihr dichtauf.
Was war, bei allen Dämonen der acht mal acht mal acht Höllen, ein Skateboard? Er hoffte, auf diese Frage doch irgendwann eine Antwort zu erhalten. Zumindest hatte er endlich erkannt, was sie unter dem anderen Arm geklemmt trug: einen Planetenkiller. Offensichtlich war sie gerade auf dem Weg in die Energieversorgung der Stadt.
Er betrat hinter ihr den gewaltigen Turm, der die Decke der riesigen Höhle zu kratzen schien, und wurde gleich von einer ernst dreinblickenden Dr. Anne Stross begrüßt.
Major, wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daß Sie das unterlassen sollen? Schön, wenn Sie sich irgendwie betätigen, aber dieses Ding ist lebensgefährlich für jeden, der Ihnen über den Weg läuft", wetterte die Leiterin der Stadt los.
Major Uruhk warf Danea einen zwinkernden Blick über die Schulter zu, drehte sich dann mit einem vollkommen unschuldigen Gesichtsausdruck wieder zu Stross um. „Meinen Sie den PK? Der ist auf Energieabgabe geeicht. Wir müssen den Schutzschild wieder austauschen, Doc." Ihre Stimme klang lässig bei diesen Worten.
Danea konnte sich ein Kichern kaum verkneifen.
Stross funkelte ihn ebenso wütend an wie die Antikerin. „Lassen Sie Ihr Board bitte in Ihrem Quartier, Major! Wir werden schon noch irgendein Plätzchen finden, wo Sie es problemlos fahren können. Aber nicht auf den öffentlichen Straßen!"
Ich warne doch vor", verteidigte die Antikerin sich.
Ja, damit auch wirklich jedem beinahe das Herz stehenbleibt! So geht das nicht. Entweder Sie lassen ihr Skateboard in Ihrem Quartier, oder ich werde dafür sorgen, daß es konfisziert wird."
Ein breites Grinsen breitete sich über Major Uruhks Gesicht aus. „Solange Dorn in der Krankenstation ist, bin ich seine Stellvertreterin. Sie wollten das so. Und ich werde nicht mein eigenes Board konfiszieren. Bis dann, Doc. Kommen Sie, Danea?" Mit diesen Worten ließ sie die Wissenschaftlerin mitten im Gang stehen und marschierte strammen Schrittes zur Treppe.
Wir reden über diese Angelegenheit noch, Major!" drohte Stross ihr, doch die Antikerin ließ diese Drohung an sich abprallen wie Wasser.
Und von Ihnen hätte ich ein bißchen mehr Verantwortungsgefühl erwartet, Danea", wandte Stross sich unversehens an den jungen Erethianer.
Ehe sie um die erste Kehre der Treppe bog, warf Major Uruhk noch einen triumphierenden Blick und ein sehr zufriedenes Grinsen zu ihm zurück. Und Danea ging es auf, daß sie ihn eigentlich nur mit in den Turm genommen hatte, damit Stross von ihr abgelenkt war.
Verständnislos schüttelte er den Kopf. „Was, bitte, ist ein Skateboard?" fragte er die Wissenschaftlerin. Der klappte mit einem dumpfen Laut der Mund zu.

***

Dr. Peter Babbis steuerte den Puddlejumper durch den Sturm, der über diesen Teil von Erethia tobte. Eigentlich hatte er sich diesen Flug etwas anders vorgestellt. Immerhin chauffierte er die hübsche Französin Dr. Jaqueline LeDunde - eine Französin wohlgemerkt! Doch die schien tatsächlich nur das Wetter im Kopf zu haben. Statt eines romantischen Picknicks hatte sie in aller Eile die Meßsonden kontrolliert, die ihr Team schon vor einer Weile an verschiedensten Stellen des zerstörten Planeten aufgestellt hatte. Und jetzt klebte sie geradezu an dem großen Frontfenster und starrte hinaus.
Das dachte ich mir", sagte sie schließlich, lehnte sich mit einem sichtlich zufriedenen Lächeln zurück und griff sich erneut ihr Pad, in dem sie auch die Daten der Meßsonden gespeichert hatte.
Peter fühlte sich in seiner männlichen Ehre untergraben. Was mußte man denn noch auffahren, um diese Frau zu beeindrucken? Außerdem glaubte er, in ihren Augen sei er inzwischen kaum mehr als ein Roboter, der dazu da war, sie von A nach B zu bringen.
Ein Sturm?" erkundigte er sich.
Hagelkörner schlugen den das Frontfenster. Er korrigierte die Flugbahn und brachte den Jumper in höhere Luftschichten.
Wenn ich mir die Aussagen der Erethianer ansehe, sollten wir noch längst nicht soweit sein. Orkane sind ein Phänomen der Zwischenzeiten, nicht des Sommers - oder nur in den seltensten Fällen", antwortete sie mit ihrem verführerischen Akzent.
Peter blinzelte, setzte sich gerade auf. War er gerade wieder zu einem lebenden Wesen aufgestiegen in ihren Augen? Man sollte es doch kaum für möglich halten.
Was meinen Sie?" fragte er. „Immerhin ... äh, in den USA gibt es den Sommer über Tornados."
Tornados, Dr. Babbis! Tornados", entgegnete sie in einem Tonfall, als würde der bereits alles erklären.
Peter zuckte mit den Schultern. Tornados waren in seinen Augen auch Stürme. Aber gut, er war auch kein Meterologe. Und seit der Sache mit dem Megasturm ... Nun, er hielt es da eher mit gutem Wetter.
Aber möglicherweise konnte er damit auch bei ihr weiter punkten ... ?
Ich habe übrigens als Thema meiner Doktorarbeit die Megastürme gewählt", begann er zu erzählen. „SG-27 wurde auf einen Planeten der Milchstraße geschickt, auf dem ein solcher ..." Er verstummte, als er bemerkte, daß sie ihm gar nicht zuhörte.
Das schien ja noch heiter zu werden. Hoffentlich würde er bald umkehren können.
Fliegen Sie bitte etwas niedriger, ja?" bat LeDunde kurze Zeit später.
Peter warf ihr einen verächtlichen Blick zu, senkte den Jumper wieder ab.
Die Wolken, über die er bis jetzt geflogen war, verschluckten sie wieder. Doch hier war nichts mehr von dem Sturm zu fühlen, der vorhin noch an dem kleinen Gleiter gerissen hatte. Statt dessen tauchte tief unter ihnen eine ... Wasserfläche auf?
Peter blinzelte, ging tiefer und glaubte seinen Augen nicht mehr trauen zu dürfen.
Seit wann gab es auf Erethia ein Meer? Er meinte sich erinnern zu können, daß vor ihrer ersten Landung nicht einmal ein Wort darüber gefallen war. Dabei hatte Vashtu doch den ganzen Planeten gescannt. Und auch die erste Expedition nach der verheerenden Katastrophe mit den PKs hatte keinen Hinweis darauf ergeben. Und doch breitete sich jetzt unter ihm, von Horizont zu Horizont, eine gewaltige Wasserfläche aus.
Interessant. Genau das richtige für diese Klimabildung", bemerkte LeDunde an.
Ein Meer?" fragte er irritiert.
Ein Ozean, Dr. Babbis." Wieder dieser verächtliche Tonfall, der ihn auf den Stand eines Schuljungen degradieren wollte.
Wir haben einen Ozean hier?"
Einzelne Inseln ragten aus der gewaltigen Wasserfläche. Inseln, die allerdings eigenartig geformt waren.
Bedenken Sie Vineta, Dr. Babbis", fuhr LeDunde fort. „Dieser Planet besteht aus mehreren Schichten. Ich sollte mich darüber noch einmal mit Dr. Carpenter unterhalten."
Carpenter! Peter verzog angewidert das Gesicht. Ausgerechnet dieser selbstvergessene Steineklopfer von einem Geologen. Nein, danke.
Möglicherweise lagen Teile dieses Ozeans, ebenso wie die Stadt, unter dem Gestein der Oberfläche. Der Brand könnte die Massen weiter perforiert haben, so daß die äußere Hülle aufbrach", fuhr LeDunde fort. „Auf jeden Fall aber könnte sich das hier als ein großes Problem erweisen. Können wir vielleicht eine Wasserprobe nehmen?"
Hieß er Vashtu Uruhk?
Peter zögerte, nun doch versucht, ein wenig männlicher dazustehen, dann aber fand er sich mit den Gegebenheiten ab. Und die hießen, er war ein Fluganfänger, noch dazu in einer Maschine, die er nicht ganz verstand. Er war überhaupt froh, daß die Jumper vom Boden abhoben, wenn er hinter den Steuerelementen saß.
Stumm schüttelte er den Kopf.
Da tauchte auf der holografischen Projektion etwas auf, eine Meldung, die er, wieder einmal, wie er seufzend feststellte, nicht lesen konnte.
Oh, das ist gut", freute LeDunde sich.
Was?" Er schob seine Brauen zusammen, starrte auf die fremden Schiftzeichen.
Gehen Sie etwas tiefer. Eine Meßeinheit wird uns eine Probe verschaffen. Dann können wir den Salzgehalt des Ozeans prüfen."
Eine Meßeinheit? Was für eine Meßeinheit?
Die AI reagierte prompt auf seine Frage, ließ einen neuen Bildschirm entstehen, offensichtlich eine Art Hilfeprogramm. Nur leider konnte er das ebensowenig lesen wie die Meldung davor.
Seufzend fügte er sich in sein Schicksal, ging tiefer, sobald er meinte, eine ausreichend lange weite und gerade Fläche gefunden zu haben.
Das könnte noch einiges erklären, denken Sie nicht?" LeDunde lächelte ihn an und sank entspannt in den Copilotensitz zurück.
Erklären?" Die Frage klang dumpf in seinen Ohren.
Ja, erklären, Dr. Babbis."
Dr. Babbis, wie weit sind Sie?" meldete sich in diesem Moment die Stimme von Andrea Walsh in seinem Ohr.
Peter zuckte tatsächlich kurz zusammen. Irgendwann mußte doch einmal jemandem auffallen, daß es hier eine Sprecheinrichtung mit Lautsprechern gab, Herrgottnochmal! Er sollte das wirklich noch einmal Vashtu vortragen.
Er tippte kurz auf das Empfangsteil des winzigen Funkgerätes. „Wir haben da etwas gefunden und nehmen gerade eine Probe. Ansonsten ..." Er warf LeDunde einen fragenden Blick zu und wartete auf ihre Reaktion. Als sie nickte, fuhr er fort: „Wir sind gleich auf dem Weg zurück."
Gut, Major Uruhk hat ein Treffen der Piloten einberufen, um die Aufgaben für diese Woche zu verteilen", erklärte Walsh. „Da Sie mit dazu gehören, wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn Sie so schnell wie möglich zurückkämen. Packen Sie den Turbo aus, Dr. Babbis. Vineta Ende."
Ein deutliches Klicken in der Leitung.
Den Turbo?" Peter atmete tief ein, zog den Jumper wieder hoch. „Hast du einen Turbo?" fragte er den Gleiter ernsthaft und achtete nicht auf den verwirrten Blick, den LeDunde ihm zuwarf.

TBC ...

18.03.2012

Kalter Entzug VII


Drei Tage vor der Rückkehr:
Major?"
Vashtu blickte verschlafen auf und blinzelte einige Male. Sie fühlte sich so unendlich müde, so ... sie wußte es selbst nicht wirklich zu sagen, was da eigentlich in ihr vor sich ging.
Pendergast ließ sie inzwischen immer öfter zu sich bringen. Die Leistungstests schienen abgeschlossen zu sein, aber auch an die erinnerte sie sich nicht mehr wirklich, ebenso wie an die Gespräche mit dem Colonel. Alles schien ihr eigenartig weit entfernt zu sein. So weit entfernt, daß sie es kaum greifen konnte.
Major Uruhk?" hörte sie die Stimme wieder, die sie aus dem Schlaf gerissen hatte.
Vashtu gähnte herzhaft, setzte sich nun doch auf und blinzelte wieder zur Tür.
Bates war weg!
Was ... ?"
Benommen schüttelte sie den Kopf, rieb sich die Nasenwurzel mit zwei Fingern.
Seit wann war ihr persönlicher Schatten verschwunden? Irgendwie wußte sie, es sollte sie interessieren. Auf der anderen Seite aber ... Es war soviel bequemer, sich diesem Wissen nicht zu stellen, sondern sich einfach wieder auf die Pritsche sinken zu lassen und weiter zu schlafen.
Major Uruhk, sind Sie da?" zischte die Stimme nun zum dritten Mal.
Okay, offensichtlich wollte wohl doch jemand etwas von ihr.
Stöhnend setzte Vashtu die Füße, warum ging sie mit Stiefeln ins Bett?, auf den Boden. Schwankend kam sie auf die Beine und tapste etwas hilflos zur Tür. Verschlafen drückte sie den Türöffner, doch nichts rührte sich.
Mit einem Mal war sie wacher, wenn auch lange noch nicht wach genug.
Blinzend berührte sie erneut den Öffner, doch das Schott glitt nicht zurück.
Vashtu sah sich irritiert um, drückte dann ihr Ohr an das Metall. „Die Tür ist zu", sagte sie und wartete.
Ich weiß", kam die Antwort von der anderen Seite.
Endlich war es ihr, als würde sie die Stimme erkennen. Einer der anderen Majors ... Barnes? Aber wieso?
Hören Sie, Major", zischte es von der anderen Seite. „Wir haben nicht viel Zeit. Bates wird bald mit Ihrem Abendessen zurück sein. Ich wollte Ihnen mitteilen, daß wir vielleicht eine Möglichkeit gefunden haben, wie wir Sie in die Stadt zurückbringen können, möglicherweise mit Heimdahl zusammen."
Vashtu versuchte sich zu konzentrieren, doch so recht wollte ihr das nicht gelingen.
Was war denn nur los mit ihr?
Sie fühlte etwas eigenartiges und sah auf ihre Hände hinunter. Die zitterten leicht.
Verblüfft und fasziniert zugleich hob sie den linken Arm und betrachtete, wie ihre Hand leise im Gelenk bebte. Was war das?
Major Uruhk? Sind Sie noch da?" flüsterte Barnes von der anderen Seite der Tür.
Vashtu riß sich von dem Anblick ihrer zitternden Hand los, drückte ihr Ohr wieder an das kühle Metall. „Ja ... ja, ich bin noch da."
Pendergast hat irgendetwas mit Ihnen vor, Major", zischte Barnes. „Bates hat da etwas in der Messe verlauten lassen, aber wir wurden nicht so recht schlau daraus. Aber wir wußten, es ist besser für Sie, wenn Sie so schnell wie möglich verschwinden vom Schiff."
Vashtu nickte sinnend, schüttelte dann den Kopf, als ihre Konzentration wieder abzugleiten begann. „Gut", flüsterte sie. „Wann geht es los?"
Frederics wird Sie holen. Erinnern Sie sich noch an ihn? Jung, rot-braunes Haar und vorlaut - paßt zu Ihnen", beschrieb Barnes.
Ein kleines Lächeln umspielte Vashtus Mundwinkel. „Okay. Ich ... ich bin bereit."
Sie hörte eine zweite Stimme, die ihr ebenfalls bekannt vorkam, doch die sie nicht zuordnen konnte. Ebensowenig wie sie die Worte verstehen konnte. Aber zumindest die letzte Frage wurde ihr schnell beantwortet.
Bates kommt zurück. Wir sehen uns."
Ein letzter Rest ihres Verstandes sagte ihr, sie solle so schnell wie möglich wieder zurück auf die Pritsche. Halb taumelnd, halb schlurfend schaffte sie den Weg sogar, ließ sich einfach fallen und vergrub ihr Gesicht in dem Kissen.
Was Barnes sich da wohl dachte? Es war doch alles in Ordnung, oder?

***

Jetzt:
Dr. Stross, ein Funkspruch", meldete Andrea Walsh mit einem eigenartigen Unterton in der Stimme.
Anne, die an ihrem Schreibtisch gesessen und mit sorgenvoller Miene die neuesten Berichte von Dorn studiert hatte, blickte auf. „Ja? Was für ein Funkspruch?"
Wieder begann ihr Herz schneller zu schlagen. War die Abschirmung des militärischen Hauptgebäudes doch nicht so hundertprozentig, wie sie bisher angenommen hatten? Oder spielte vielleicht sogar die Verwandlung von Major Uruhk eine Rolle dabei? Mutierte nicht nur ihr Aussehen und wurde ihr mehr Kraft verliehen? Sorgte diese körperliche Veränderung vielleicht auch dafür, daß der ID-Chip unter ihrer Haut besser erreichbar war für die Scanner der Prometheus? Denn wer sonst sollte sie anfunken? Den Torbetrieb hatte sie erst einmal aussetzen lassen, damit sie ihre anderen Probleme in den Griff bekamen. Es befanden sich keine Teams mehr auf anderen Planeten, und innerhalb der Stadt? Dann würde Andrea sicher nicht so irritiert klingen.
Wer ist es? Pendergast?" fragte sie.
Äh, nein, Doktor", antwortete die Technikerin. „Es ist ... Major Barnes."
Anne richtete sich stocksteif auf.
Barnes? Aber der sollte doch unter Arrest stehen nach allem, was sie wußte.
Stellen Sie durch!" keuchte sie.
Es knisterte augenblicklich in ihrem Ohr. Die Funkeinrichtung, die der Major benutzte, war offensichtlich alles andere als sonderlich modern und neu.
Major? Wo sind Sie? Ich hörte ..." Anne stand unvermittelt auf und begann, ihr Büro mit Schritten zu durchmessen.
Alles in Ordnung, Doc", antwortete der Air Force-Offizier mit ruhiger Stimme. „Machen Sie sich keine Sorgen um uns. Es geht uns gut - allen. Sie sollten das wissen, ehe Sie oder Major Uruhk irgendein Himmelfahrtskommando planen."
Ein erleichtertes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Aber wie ist das möglich?" fragte sie.
Indem Pendergast auch einen Teil der Techniker in Gewahrsam nehmen ließ", antwortete Barnes prompt. „Die haben sich in die Funkleitungen eingeklinkt. Allerdings wird uns wohl nicht allzu viel Zeit bleiben, wenn wir diese Leitung weiter benutzen wollen."
Anne nickte und fühlte sich einfach nur erleichtert.
Ist Major Uruhk gut bei Ihnen angekommen? Und Heimdahl?"
Anne verhielt im Schritt. „Heimdahl geht es gut", antwortete sie ausweichend. „Im Moment arbeitet er mit Dr. Babbis zusammen, damit wir den Schild der Stadt wieder hochziehen können."
Das klingt gut", sagte Barnes. „Sehr gut sogar. Hilft Major Uruhk mit?"
Diese herrliche Unbekümmertheit in der Stimme des gestandenen Mannes!
Anne wünschte sich einen Moment lang wirklich, ebenso ahnungslos wie er sein zu können und nicht einen halben Wraith in einer der Zellen zu wissen.
Major Uruhk ist ... Der Colonel setzte sie unter Drogen, Major. Sie ... kämpft zur Zeit mit den Entzugserscheinungen", antwortete sie endlich.
Ein scharfes Einatmen. „Das ist übel", sagte Barnes. Dann wechselte unvermittelt die Stimme.
Anne? Hier ist Peter", meldete sich der Arzt Dr. Peter Grodin.
Peter!" Dieser Name entwich ihren Lippen wie ein Gebet. „Was würde ich darum geben, dich jetzt hier unten zu haben!"
Wie geht es Major Uruhk?" kam der sofort auf den Punkt.
Anne atmete tief ein und zögerte plötzlich. Sie wußte nicht, ob es der Antikerin recht war, daß ihre Probleme offen von allen mitgehört werden konnten auf der Prometheus. Zumindest von denen, die sich offensichtlich irgendwo eingesperrt befanden.
Wir sind unter uns. Keiner hört mit, dafür sorgen schon Barnes und Frederics", beruhigte Grodin sie mit sanfter Stimme.
Major Uruhk verwandelt sich zur Zeit ... in einen ... Wraith", antwortete Anne endlich.
Wieder ein scharfes Einatmen. „Sicher?"
Ich war gestern bei ihr, Peter. Und ich habe genug Wraith in meinem Leben gesehen. Ja, ich bin mir sicher!" antwortete sie, plötzlich aggressiv geworden.
Steuert sie es?"
Was?" Anne blinzelte verblüfft.
Grodin seufzte. „Soweit ich das verstanden habe, als wir miteinander darüber redeten, steuert sie die Fremdzellen zu einem Gutteil selbst und bewußt, Anne. Vielleicht hilft es ihr, über die Drogen hinwegzukommen. Was hat man ihr gegeben?"
Valium und Skopolamin", antwortete sie mechanisch.
Konnte das tatsächlich sein? War das möglich? Aber ... der Major hatte gestern nicht gewirkt, als habe sie wirklich über alle ihre Handlungen die Kontrolle.
Skopolamin?" Grodin schien bestürzt. „Wo kommt das Zeug denn her?"
Das wußte Marc auch nicht zu sagen", antwortete sie mechanisch. „Wahrscheinlich hatte Pendergast es irgendwo versteckt für den Fall, daß er es brauchen könnte."
Würde zu diesem Kerl passen nach dem, was er mit Heisen angestellt hat." Grodin atmete einige Male tief ein. „Was meint Marc dazu?"
Er sagt, sie muß den kalten Entzug durchstehen. Und sie war, zumindest zu Anfang, auch bereit dazu."
Dann laß Marc machen. Was Drogenmißbrauch angeht gehört er zu den besten, die du kriegen kannst. Sobald das ganze etwas nachgelassen hat, soll er noch einmal ihr Blut untersuchen, damit auch wirklich nichts zurückbleibt. Gerade dieses Teufelszeug ist verflixt anhänglich. Das sollte sie auch wissen, hörst du?"
Anne nickte. „Was können wir für euch tun?"
Uns geht es im Moment gut. Und wenn wir jetzt diese Leitung nicht überstrapazieren, werden wir auch in Kontakt bleiben können. Tut nichts unüberlegtes, Anne", warnte Grodin. „Im Moment sieht es ganz gut für uns aus, so unwahrscheinlich das für dich auch klingen mag. Pendergast läßt uns weitestgehend in Ruhe, wir erhalten genug Nahrung und Wasser. Und, dank dir, wissen wir jetzt auch, worauf wir zu achten haben. Major Uruhk soll sich erst einmal auskurieren, hörst du? Dann reden wir weiter."
Anne nickte, auch wenn sie sich am liebsten, auch wenn sie nicht über das seltene ATA-Gen verfügte, einen Puddlejumper genommen und zur Prometheus geflogen wäre, um ihre restlichen Leute da herauszuholen.
Dr. Stross?" meldete sich Barnes wieder. „Hören Sie, lassen Sie uns erst einmal selbst machen. Vielleicht kommen wir auch ohne Hilfe hier heraus. Wir werden sehen, okay? Barnes Ende."
Es klickte in der Leitung.
Anne stand am Fenster und starrte in den Gateroom hinaus.
Hoffentlich ging alles gut, hoffentlich!

***

Peter beobachtete mit scheelem Auge den Asgard, der voll konzentriert an einem der Planetenkiller herumbastelte.
Irgendwie fiel es ihm schwer, diesem kleinen Wesen wirklich zu vertrauen, vor allem, wenn er bedachte, daß Heimdahl von sich selbst behauptete, quasi noch ein Kind zu sein. Der erste Asgard, der seit Jahrhunderten - oder waren es bereits Jahrtausende? - geboren worden war. Geboren, wie auch immer. Vielleicht aus der Retorte? Zumindest nicht geklont, soviel stand fest.
Peter konzentrierte sich wieder auf seine eigene Arbeit.
Doch da war noch etwas anderes, was an ihm fraß. Etwas, was ihn persönlich sehr belastete: Die Sache mit Vashtu.
Was, wenn es ihr nicht gelang, sich wieder zurückzuverwandeln? Was, wenn sie jetzt für immer dieses ... dieser Wraith bleiben würde, den er gestern gesehen hatte? Was, wenn die Drogen in ihrem Blut sich nicht abbauten, sondern sie noch tiefer in ihre Fremdzellen stürzen ließen?
Als er sie gestern gesehen hatte, war ihm beinahe das Herz stehengeblieben. Er hätte sich nie vorstellen können, nach allem, was sie schon durchgemacht hatte, sie dermaßen verändert vorzufinden. Er hatte sie als unendlich alte Frau gesehen, er hatte gesehen, wie sie ihre Augen in die eines Käfers verwandelte, wie sie ihre Wraith-Kräfte einsetzte und damit stärker wurde als die meisten Männer. Aber nie hätte er angenommen, daß sie sich dermaßen verwandeln konnte, nie!
Kann ich den Laptop haben?" brach Heimdahls emotionslose Stimme plötzlich das Schweigen.
Peter zuckte zusammen, als habe der Asgard ihn geschlagen. „Was?"
Heimdahl blinzelte vertrauensvoll. „Den Laptop brauche ich, wenn du ihn erübrigen kannst, Dr. Babbis", wiederholte er seine Frage.
Peter fiel erst jetzt auf, daß der Planetenkiller, an dem der Asgard bis jetzt gearbeitet hatte, wieder vollständig zusammengesetzt war und leise funkelte, gelblich funkelte. Ungläubig blinzelte er. „Was ... ?"
Brauchst du den Rechner noch?"
Peter schüttelte abwehrend den Kopf. Eilig schob er dem kleinen Alien seinen Laptop hinüber und beobachtete, wie Heimdahl einige Kabel mit dem Planetenkiller verband, dann sinnend den Bildschirm betrachtete.
Unwillkürlich breitete sich wieder Neid in ihm aus, doch er bekämpfte ihn.
Er war einfach abgelenkt, punktum. Wenn es Heimdahl tatsächlich gelungen sein sollte, die Wirkung dieser Raummine umzukehren, dann ...
Es funktioniert." Der Asgard blickte wieder auf und blinzelte.
Es funktioniert?" Peter riß die Augen auf. „Aber ..."
Wer war jetzt der führende PK-Forscher, höhnte eine kleine Stimme in ihm, während er um den Tisch herumhetzte und ungläubig staunend die Anzeigen ablas.
Das war einfach unglaublich! Der Asgard schien ja sogar noch schneller als Vashtu zu arbeiten! Das war ...
Peter richtete sich unvermittelt auf und tippte auf das Empfangsteil seines Funkgerätes. „Wir sind soweit. Wir können den Schild hochfahren", meldete er, nachdem Stross ihn nach seinem Begehr gefragt hatte.

***

Eine Woche später:
Ein wenig unsicher betrat sie das große Büro in der obersten Etage des militärischen Kontrollturms. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie wußte nicht, ob sie wirklich bereits bereit war für das, was sie möglicherweise erwartete. Doch schließlich trat sie über die Schwelle und atmete tief ein.
Willkommen in Vineta, Major!" Anne Stross trat ihr entgegen, hielt ihr einen Becher hin.
Vashtu sah die andere einen Moment lang an, dann breitete sich ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. „Danke", sagte sie leise und nahm den Becher.
Im Gedenken an Atlantis, Major, und natürlich für Ihre Genesung." Anne hielt noch einen zweiten Becher in der Hand, nickte ihr auffordernd zu.
Vashtu zögerte einen Moment, dann stieß sie mit der zivilen Leiterin der verbotenen Stadt an und nahm einen Schluck von dem kribbelnden Alkohol, der etwas ... mehr Geschmack verdient hätte, hätte man sie gefragt. Aber wenn man schon einmal Champagner bekam ...
Anne lächelte, legte ihr vertraulich eine Hand auf die Schulter. „Ich freue mich, daß ich Sie jetzt doch endlich in Vineta willkommen heißen kann, Major. Sie können sich gar nicht denken, wie sehr ich mich über Ihre Entscheidung freue."
Vashtu nickte, atmete tief ein und sah sich um. Über der Stadt, durch die großen Fenster nach draußen sehr gut zu sehen, leuchtete blaß der Schutzschild in einem beinahe träumerischen Blau. Der Schutzschild, der ihr Sicherheit versprach, Sicherheit vor ...
Sie zwang sich, nicht weiter zu denken, trat an der Wissenschaftlerin vorbei an eines der, bis zum Boden reichenden Fenster und gab gedanklich den Befehl.
Das hatte sie sich schon lange gewünscht, so lange!
Ein Lächeln erschien auf Vashtus Lippen, als die verborgene Tür aufschwang und sie hinaus auf den Balkon treten konnte. Sinnend lehnte sie sich an das Geländer, betrachtete weiter den Schutzschild, Stross neben sich wissend. Die Wissenschaftlerin war ihr gefolgt.
Wie lange hält ein PK?" fragte sie leise.
Babbis schätzt, in etwa zwei bis drei Wochen", antwortete Stross, lehnte sich neben sie und blickte zur Höhlendecke hinauf. „Genau werden wir das wohl erst feststellen können, wenn es soweit ist."
Vashtu nickte, spielte mit dem Becher in ihren Händen.
Vineta, die Chance ... War sie das wirklich? Oder hatte sie Pendergast am Ende doch mehr verraten als sie eigentlich gewollt hatte?
Sie wußte es nicht mehr. Wie so vieles in den letzten vierzehn Tagen auf der Prometheus verblaßte auch diese Erinnerung, die Erinnerung an die Fragespielchen des Colonels, solange sie sein willenloses Opfer gewesen war.
Den Eingesperrten geht es offensichtlich gut", fuhr Stross an ihrer Seite fort. „Sie melden sich regelmäßig und erkundigen sich auch nach Ihnen, Major."
Vashtu nickte wieder, betrachtete nun die beleuchteten Bereiche der verbotenen Stadt. Vineta zeigte sich von einer freundlichen Seite, doch selbst all das Licht in den Fenstern konnte nicht über den letzten Bereich, den Bereich der dunklen Schatten und finsteren Geheimnisse hinwegtäuschen.
Vashtu nahm noch einen Schluck von dem Champagner, rollte ihn ein wenig im Mund, ehe sie ihn hinunterschluckte.
Es war, wie sie es zu Anfang erwartet hatte. Diese Galaxie forderte alles von ihr, oder zumindest mehr, als sie bisher hatte geben müssen. Aber, im Gegensatz zu dem, was sie angenommen hatte, war es weniger Vineta selbst, sondern die Erben ihres Volkes, die ihr übel mitspielten und sie in ihre allerletzten Reserven trieben. Die Stadt wurde für sie dagegen immer mehr zu etwas ... zu einer Art ... Heimat? Zumindest aber eine feste Anlaufstelle und erfüllt von Menschen, die zu ihr standen und sich selbst von ihren dunkelsten Seiten nicht schrecken ließen, wie sie in der vergangenen Woche wieder einmal erlebt hatte.
Was denken Sie, Major?" wandte Stross sich unvermittelt an sie.
Vashtu seufzte, richtete sich wieder auf und runzelte die Stirn, während sie die Leiterin dieser Stadt sinnend betrachtete. „Sind wir jetzt im Dienst?" fragte sie schließlich.
Stross schmunzelte und warf ihrem Becher einen langen Blick zu. „Wenn wir es wären, würden wir wohl gerade gegen eines der ehernsten Gesetze verstoßen: Kein Alkohol am Arbeitsplatz."
Vashtu lächelte und senkte den Blick. Dann blickte sie wieder auf, in die Augen der anderen. Ihr Gesicht wurde ernst. „Was Sie mir erzählt haben in den letzten Tagen ..." Sie stockte und runzelte wieder die Stirn. Dann schüttelte sie den Kopf und holte tief Atem. „Nennen Sie mich Vashtu, Doc. Zumindest, wenn wir nicht im Dienst sind."
Stross' Augen weiteten sich überrascht, dann breitete sich ein Lächeln in ihrem Gesicht aus. Sie richtete sich auf und hielt ihr die Rechte hin. „Anne für Sie, Vashtu", sagte sie leise.
Die Antikerin schlug ein, gerade als sich hinter ihnen die Tür zum großen Büro wieder öffnete und die anderen den Raum betraten.

ENDE

11.03.2012

Kalter Entzug VI


Sieben Tage vor der Rückkehr:
Vashtu ließ sich von Bates zum Quartier von Pendergast bringen. Dabei fühlte sie sich eigenartig gleichgültig. Sie spürte selbst, irgendwo tief in sich drin, daß es nicht gleichgültig sein sollte, was mit ihr geschah, aber ... irgendetwas hinderte sie daran, etwas anderes zu empfinden.
Der Sergeant öffnete die Tür, ließ ihr den Vortritt.
Vashtu sah sich mit halbem Auge um, wartete, bis Bates sie am Arm nahm und zu dem großen Tisch dirigierte, der bereits gedeckt war. Auf seine stumme Aufforderung ließ sie sich nieder, sank gegen die Rückenlehne und schloß die Augen.
Sie war so müde. Wirklich müde. Sie konnte sich gar nicht erinnern, sich jemals dermaßen nach Schlaf und Ruhe gesehnt zu haben. Nie! Zwar mochte sie schon an Punkte gekommen sein, an denen sie geglaubt hatte, nicht mehr weiterzukönnen. Doch jetzt begriff sie erst wirklich, was es bedeutete, dermaßen die Kontrolle zu verlieren.
Schön, daß Sie gekommen sind, Major", begrüßte Pendergasts Stimme sie. „Bleiben Sie ruhig sitzen. Sie sind jetzt nicht im Dienst."
Mühsam öffnete sie die Augen wieder. Kurz zuckte sie zusammen, als sie den Colonel direkt über sich gebeugt fand, dann aber kehrte diese eigenartige Gleichgültigkeit wieder zurück und ließ sie zurücksinken in das Polster.
So ist es schon sehr gut, Major", lobte Pendergast sie. Vom Tisch nahm er ein Glas und hielt es ihr an die Lippen. „Trinken Sie, Sie sind durstig, nicht wahr?"
Nein, das war sie an für sich nicht, aber wenn er meinte.
Vashtu nahm einen Schluck. Die Flüssigkeit schmeckte bitter, erinnerte sie an etwas. Irgendwo, ganz tief in sich, fühlte sie, wie eine winzige Alarmglocke anschlagen wollte. Doch es war zu anstrengend, sich darum zu kümmern.
Vashtu konzentrierte sich auf ihren Atem, weil sie glaubte, wenn sie das nicht tun würde, würde sie schlicht vergessen, daß selbst sie Luft zum Leben brauchte. Sie schluckte und schloß die Augen wieder halb.
Pendergast hatte sich offensichtlich neben ihr niedergelassen. Saß sie nicht am Kopfende seines Tisches? Egal!
Wir waren gestern bei Ihrem Kampf gegen die Wraith vor zehntausend Jahren, Major", begann der Colonel jetzt wieder. „Aber Sie haben mir nicht erklärt, wie Sie, von einer einfachen Lantianerin, zu dem wurden, was Sie jetzt sind. Wie konnten Sie zehntausend Jahre überstehen?"
Vashtu öffnete den Mund, wollte antworten. Doch ihre Stimme versagte ihr den Dienst. Benommen begann sie den Kopf zu schütteln. „Kann nicht ..." murmelte sie.
Trinken Sie noch einen Schluck, das wird helfen."
Wieder wurde ihr das Glas an die Lippen gehalten, wieder trank sie diese bittere Flüssigkeit. Allmählich versank alles um sie her in einem Nebel, die Müdigkeit wurde immer größer, schien sie aufzusaugen.
Was sind Sie, Major?"
Die Lider fielen ihr über die Augen. Wieder mühte sie sich, den Kopf zu schütteln.
Sie verstand es ja selbst nicht. Pendergast schien plötzlich sehr freundlich ihr gegenüber zu sein, vielleicht hatte er tatsächlich begriffen, daß sie sich sträuben würde, bis ... Ja, bis was? Er war ihr Vorgesetzter. Sie sollte ihm gehorchen. Aber sie konnte nicht.
Was sind Sie?" kehrte die Frage zurück.
Unwillig stöhnte sie auf, wandte den Kopf ab, als sie wieder fühlte, wie das kühle Glas ihre Lippen berührte.
... geistige Sperre, Sir ..." hörte sie Bates undeutlich sagen, brachte es fertig, die Augen jetzt doch wieder einen Spalt weit zu öffnen, um sich konzentrieren zu können. Das Gesicht des Marines wirkte, als habe er Seidentücher über dem Kopf. „ ... stärkeres Mittel ... reicht nicht!"
Unsinn!"
Unsanft wurde sie plötzlich gepackt und geschüttelt, bis sie mühsam den Kopf hob und mit verschleierten Augen zu dem Colonel aufsah.
Warum wirkte er plötzlich so wütend?
Was haben Stross und Sie ausgeheckt, Major? Was geht hier auf meinem Schiff vor sich? Antworten Sie!" herrschte er sie hart an.
Vashtu runzelte benommen die Stirn. „Weiß nicht ..." nuschelte sie, ihr Kopf sank auf ihre Brust.
Mit einem Fluch wurde sie zurückgestoßen, sank gegen die gepolsterte Rückenlehne.
Sie war so müde ...

***

Jetzt:
Vashtu hockte wieder auf der Pritsche, horchte tief in sich hinein und stemmte sich mit aller Macht gegen eine noch weitere Verwandlung. Sie war froh um die Schatten und die Dunkelheit, in denen sie sich verstecken konnte. Das letzte Mal, und da war die Verwandlung noch lange nicht soweit gegangen, als sie ähnlich aussah, war es heller Tag gewesen und sie hatte geglaubt, den Verstand verlieren zu müssen, als sie ihr eigenes Spiegelbild sah.
Wie lange war das jetzt her? Knapp drei Jahre mußten es wohl sein, rief sie sich ins Gedächnis. Drei Jahre, von denen sie eines noch relativ verschlafen hatte, in der Hoffnung, die Fremdgene auf diese Weise wieder unter Kontrolle zu bringen und sich John stellen zu können. Und vor ungefähr zwei Jahren hatte sie andere getötet, die ihr in diesem Moment noch ähnlicher waren als die Menschen auf Atlantis.
Vashtu ballte die Hände zu Fäusten.
Sie hatte sich teils bewußt in die Wraith-Zellen gestürzt, um das schlimmste abwenden zu können. Doch daß die Verwandlung soweit ging, damit hätte sie niemals gerechnet. Sie besaß einen Saugmund, sie fühlte den schmerzenden Hunger in ihren Eingeweiden. Dabei fragte sie sich allerdings auch, ob sie tatsächlich fähig war ...
Kleines?"
Vashtu hob den Kopf, hielt ihr Gesicht aber weiter abgewandt und starrte die Wand an. Dabei aber fühlte sie den dringenden Wunsch, sich in Dorns Arme zu stürzen, sich von ihm halten zu lassen wie ein kleines Mädchen. Wie ihr Vater es damals getan hatte, nachdem die Wraith ...
Vashtu stöhnte auf und schloß die Augen.
Ich weiß, daß du dich verwandelt hast", fuhr Dorns Stimme sanft fort. „Du kannst dich mir ruhig zeigen. Ich bin außerhalb der Reichweite."
Sie nickte stumm.
Die zusätzlichen Zahnreihen, die sie mit aller Macht zurückhielt, aber doch ihren Kiefer zu verformen begannen und das Zahnfleisch schmerzen ließen, ließen ihre Stimme selbst in ihren Ohren undeutlich klingen. Es strengte sie an, zu sprechen.
Ich wollte dir sagen, daß die Wachen ausgetauscht und verstärkt wurden. Ich habe sie ein wenig von der Zelle abgezogen, damit du nicht ... in Versuchung kommst."
Wieder nickte sie.
Wir hatten tatsächlich einige Stunner. Denkst du, das wird reichen?" fragte Dorn leise und mit sanfter Stimme.
Wieder ein Nicken, während sie weiter die Wand fixierte. Dann setzte sie sich aufrecht hin und schluckte. „Könnt ihr das Gitter unter Spannung setzen?"
Es ist unter Spannung, Vashtu", antwortete Dorn.
Die Hoffaner-Paradoxe! Sie schloß die Augen.
Nach ihrer Geiselhaft hatte Dr. Weir ihr die Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt, die Carson hatte sammeln können während der kurzen Partnerschaft mit dem Volk der Pegasus-Galaxie. Sie wußte, daß etwas in ihrem Inneren dafür sorgte, daß der Energieschirm nicht auf sie ansprang. Eine Chance weniger für die Wachen. Aber vielleicht ...
Du wirkst ruhiger. Geht es dir besser?"
Sie schüttelte den Kopf.
Brauchst du irgendetwas?"
Habt ihr noch etwas von der Prometheus gehört?" fragte sie unvermittelt.
Bis jetzt nicht. Es herrscht Funkstille", antwortete Dorn. „Babbis arbeitet mit diesem Heimdahl an den Planetenkillern. Weiß er, wie er den Schild verändern muß?"
Vashtu zögerte. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm mitgeteilt hatte, was er tun mußte, um den Schild abzugleichen und die ID-Chips damit für jeden Scanner außerhalb der Stadt unsichtbar zu machen.
Frag ihn", antwortete sie. „Wenn nicht ... Ich werde versuchen, einen kurzen Winterschlaf zu halten, dann könnt ihr mir einen Laptop hereinschieben."
Wird es noch lange dauern?"
Ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel. „Ich weiß es nicht", antwortete sie, zögerte noch einen Moment, dann drehte sie sich um und sah Dorn, der in seinem Rollstuhl auf der anderen Seite des Gitters saß und sie musterte. Im Gegensatz zu Peter schien er nicht zu erschrecken, oder es sich wenigstens nicht annmerken zu lassen.
Der Entzug dürfte noch das kleinste Problem sein", gab sie zu. „Die Rückverwandlung ... könnte etwas länger dauern."
Dorns schattenumspielte Gestalt nickte. „Aber du schaffst das, nicht wahr?"
Ich hoffe es." Sie erhob sich, plötzlich ruhelos geworden. „Im Moment hätte ich nicht übel Lust, zur Prometheus zurückzufliegen und Bates und Pendergast ein bißchen ... auszusaugen!" Ihre Augen glühten bei dem letzten Wort gierig auf.
Kann ich mir vorstellen. Würde mir nicht anders gehen." Dorn nickte bedächtig. „Stross sagte, du wüßtest, was man dir gegeben hat?"
Ich bin Genetikerin, George. Ich kenne mich mit Pflanzen aus, sie waren mein Spezialgebiet." Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Sie schmeckte Blut auf der Zunge, konzentrierte sich sofort wieder. „Ich habe mich mit der Flora der Erde beschäftigt nach meiner Ankunft dort. Über halluzinogene Pflanzen gibt es eine Menge. Aber ich wußte nicht, daß mein Körper so darauf reagieren würde." Sie sah an sich hinunter, ein tiefes Knurren in der Kehle.
Dann hast du diese Verwandlung nicht selbst ausgelöst?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich bemerkte, daß die Fremdzellen es mir erleichterten, die Schmerzen auszuhalten. Aber soweit habe ich nicht gedacht. Ich bin weiter mutiert als je zuvor." Sie blickte wieder auf. „Ich bin eine Bedrohung für euch, wenn der nächste Schub kommt. Der Hunger wird immer schlimmer. Ihr solltet euch so weit wie möglich von mir entfernt halten."
Ich werde dich nicht allein lassen, Kleines. Vor allem nicht, wenn du mich brauchst", entgegnete Dorn. „Wenn du mir Lebenskraft entziehen willst, dann tu es. Ich bin bereit."
NEIN!" Vashtu wich bis an die rückwärtige Wand zurück, funkelte den Marine an. „Sag soetwas niemals wieder, George! Nie wieder!"
Dann bist du auch kein Wraith, Vashtu. Selbst wenn du den Hunger spürst. Peter hat mir erzählt, du hättest ihn angegriffen. Aber du wolltest ihn nur erschrecken, habe ich recht? Er sollte verschwinden und an die Arbeit gehen."
Ich weiß nicht, ob ich könnte", gab sie zu. „Es ist wie ... damals auf Atlantis, als ich mit John zusammen das Mutterschiff in die Luft jagte. Von ihm hätte ich mich auch nähren können - einen Moment lang."
Dorn nickte bedächtig. „Aber du hast es nicht getan, und du würdest auch jetzt nicht tun." Sie meinte, allein in seinen Worten ein Lächeln zu hören. „Du bist zu menschlich, Vash, selbst für einen Wraith."
Vielleicht sollte ich mich das nächste Mal in einen Iratus-Käfer verwandeln." Sie schloß die Augen, als eine neue Schmerzwelle durch ihren Körper fuhr. Unwillkürlich umschlang sie mit ihren Armen ihren Brustkorb, lehnte sich an die Wand.
Vashtu?" Dorn klang besorgt.
Geh jetzt!" ächzte sie, schlug ihren Hinterkopf hart gegen die Wand. „Geh, George!"
Kurz darauf hörte sie, wie sein Rollstuhl den langen Gang wieder hinauffuhr. Vor Schmerz krümmte sie sich zusammen und ächzte wieder leise.
Sie fühlte sich unendlich allein in einem beinahe grenzenlosen Haß.
Pendergast!" stieß sie zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. „Irgendwann ..."

TBC ...