28.07.2009

Das Artefakt III

„Haben Sie eigentlich noch Verstand im Schädel?" brauste Mitchell auf, kaum daß die Tür des Motelzimmers, das sie gemietet hatten, sich geschlossen hatte. Wie ein Racheengel baute er sich vor Vashtu auf, die ihn wenig beeindruckt musterte. „Sie geben einfach so Geheimnisse preis, die wir alle uns zu schützen verpflichtet haben, Miss Uruhk! Auch wenn Sie von 'draußen' kommen, die Geheimhaltungsklausel haben Sie genauso wie ich oder Ihr Freund Sheppard unterschrieben!"
John lehnte sich an eine Kommode und lockerte seine Krawatte. Seufzend öffnete er schließlich auch noch den obersten Knopf seines Uniformhemdes und zog eine Grimasse, als die Antikerin ihm einen weiteren Blick zuwarf.
„Statt das zu tun, dessentwegen wir hergekommen sind, gehen Sie beide zu diesem Grissom und plaudern munter aus, was Sie wissen. Wir kommen ins Teufels Küche, und zwar allesamt!" schimpfte Mitchell weiter.
John wandte sich ab und schüttelte resignierend den Kopf.
Sollten die beiden es untereinander ausmachen, er hatte schon genug damit zu tun, so schnell wie möglich Landrys Okay zur Dazuziehung Vashtus zu besorgen. Noch mehr Ärger konnte er sich im Moment nun wirklich nicht leisten.
„Ich habe getan, was getan werden mußte", entgegnete Vashtu jetzt endlich. „Nicht jeder ist bereit, den vollkommen Ahnungslosen zu spielen wie Sie, Colonel Mitchell. Wenn Ihnen einmal ein Iratus-Käfer am Hals gesessen und versucht hat, Ihnen das Leben auszusaugen, dann können Sie meinetwegen mitreden. Solange das nicht der Fall ist ..."
John stutzte, drehte sich wieder um. „Du hattest auch einen Iratus am Hals?" fragte er verblüfft.
Er wußte noch soviel über Vashtu nicht, ging ihm auf. Und da sie kaum Quellen besassen, die mehr über sie erzählten, waren sie auf ihre eigenen Berichte angewiesen. Dabei würde er liebendgern um einiges mehr über sie erfahren - vor allem einige private Details und Vorlieben ...
Vashtu nickte. „Ja, hatte ich. Ich hab's damals noch so gerade eben zum Jumper zurück geschafft und den Autopiloten zugeschaltet, der mich nach Atlantis brachte. Dort wurde der Iratus dann entfernt. Es waren seine Gene, die ich später für die Therapie nutzte."
„Wow! Moment!" Mitchell hob die Hände. „Wollen Sie mir jetzt etwa erzählen, Sie hätten diese komischen Viecher doch erschaffen? Haben Sie das CSI angelogen, DOKTOR Uruhk?"
Diese übertriebene Betonung auf den Titel zeigte, was den SG-1-Leader wohl am meisten ärgerte: Daß die Antikerin Grissom nicht berichtigt hatte, als dieser sie mit dem Titel ansprach, der ihr bisher von allen Stellen verweigert wurde.
Es zeigte aber auch, daß man Mitchell über Vashtu nicht informiert hatte. Er wußte ganz offensichtlich nicht, mit wem er es zu tun hatte. War da nicht auch ein deutliches Stutzen gewesen, als John ihn auf das Drittel Iratus in Gen-Code der Antikerin hinwies?
„Nein, habe ich nicht", entgegnete die sofort. „Ich habe Grissom die Informationen gegeben, die ich für wichtig halte, immerhin will die hiesige Polizei ja wohl den Kampf gegen die eingeschleppten Iratus aufnehmen. Da brauchen sie wirklich jedes bißchen Hilfe und Glück, das sie kriegen können, glauben Sie mir."
„Schön, und was haben wir? Nichts!" Mitchell starrte die Antikerin wütend an. „Weil Sie diesem Grissom ja sagen mußten, daß da draußen noch ein Iratus-Käfer herumkrabbelt. Allmählich begreife ich, warum Sam und Jackson so schlecht auf Sie zu sprechen sind, Miss Uruhk!"
Vashtu schüttelte den Kopf, ein humorloses Lächeln auf den Lippen. „Nicht nur ein Käfer, Colonel", entgegnete sie. „So viel Glück haben wir nicht. Irgendwo in dieser Stadt befindet sich ein Brutkokon. Und wenn der aufbricht ..." Den Rest mußte sie nicht laut aussprechen, er stand John so klar vor Augen als sähe er auf einen Bildschirm.
„Was?" Mitchell starrte sie an.
Das war es also, über das Vashtu seit ihrem Aufbruch aus dem Präsidium gebrütet hatte, ging John auf. Sie suchte den Anhaltspunkt, den sie brauchten, um das Nest zu finden.
„Bist du dir da sicher?" fragte er zur Sicherheit nach.
Die Antikerin zögerte nicht eine Sekunde, sondern nickte sofort. „Absolut", antwortete sie. „Als ich vor dem Terrarium stand, habe ich gewisse Hormone abgesondert. Ein normaler Iratus-Käfer hätte mich als seinesgleichen akzeptiert und nicht angegriffen. Dieses Weibchen tat es - und sie war ziemlich aggressiv!"
„Sie haben was gemacht?" Mitchell war nun vollkommen verwirrt, was John ihm nachsah. Wenn der Leader von SG-1 wirklich nicht über diesen Anschluß aus längst versunkenen Zeiten Bescheid wußte ... es fiel ja sogar ihm schwer zu glauben, was sie ihnen da gerade zu schlucken gegeben hatte.
„Dann gibt es diesen einzelnen Iratus gar nicht?" Irrige Hoffnung keimte in John auf, wurde aber gleich wieder durch einen Blick gelöst.
„Doch, es gibt ihn. Es muß ihn geben. Allerdings wage ich zu bezweifeln, daß er sich noch im Haus oder auf dem Grundstück befindet", antwortete sie, warf Mitchell einen triumphierenden Blick zu. „Soviel dazu, daß ich zuviele Informationen preis geben wollte. Mit ein bißchen Glück können wir der Spur des Iratus folgen und ihn selbst einfangen. Und vielleicht führt uns dieser eine Käfer zu dem Kokon."
Mitchell sah sie beide abwechselnd scheel an. „Sie wollen damit sagen, es gibt beides und Sie haben das CSI auf die falsche Fährte geführt, damit wir eben beides suchen können? Und woher wissen Sie, und damit auch wir, daß dieser Kokon tatsächlich existiert?"
Vashtu seufzte schwer.
„Ich denke, du solltest ihn aufklären über dich", schlug John vor, warf dem Telefon einen langen, begehrlichen Blick zu. Vielleicht konnte er sich so lange abseilen, bis sie zumindest das grobe berichtet hatte. Die Feinheiten interessierten ihn selbst, da er das sichere Gefühl hatte, sie nicht alle zu kennen.
Die Antikerin verzog das Gesicht, zuckte dann aber mit den Schultern und suchte sich das nächste der beiden Betten, um sich wenig elegant daraufplumpsen zu lassen.
„Ich bin kurz im Bad." John schnappte sich das Telefon vom Nachttisch und betete, daß die Schnur lang genug wäre. Landry sollte auf keinen Fall als erstes im Hintergrund Vashtus Stimme hören, ehe er überhaupt wußte, daß sie nicht mehr in AREA 51 war.
Das Kabel reichte, es war sogar noch mehr da. John wagte den Verdacht, daß er dieses Telefon notfalls sogar bis zur Eismaschine draußen schleppen konnte, wenn ihm der Sinn danach stand. Er schloß die Tür und wählte ein Amt, um dann die Nummer einzugeben, die man ihm gegeben hatte, ehe sie aufbrachen. Mitchell würde sehr wahrscheinlich die gleiche bei sich haben.
Es klickte in der Leitung, dann hörte er eine Stimme: „NORAD, Air Force-Base, Cheyenne-Mountain, Colorado. Diese Einrichtung ist leider geschlossen. Bitte wenden Sie sich an die zuständigen Stellen ... 'KLICK' ..."
„Landry?"
John stutzte einen Moment lang, dann holte er tief Atem. „Sir, hier Sheppard, Sir", meldete er sich. „Ich möchte einen ersten Bericht erstatten und ... da steht noch eine Genehmigung aus, Sir."
„Eine Genehmigung? Sheppard, was reden Sie da? Wie läuft es in Vegas?"
John kniff die Lippen zusammen. „Leider nicht ganz so gut, wie wir uns das vorgestellt haben, Sir", antwortete er dann. „Wie es aussieht, haben wir einen Ausbruch zu verzeichnen. Darum brauchten Colonel Mitchell und ich ... Verstärkung. Sozusagen eine zusätzliche Stimme, Sir."
„Waren Sie wieder mit McKay zusammen, Sheppard?" Landry klang amüsiert. „Ich verstehe nicht ganz. Was für einen Ausbruch?"
Trotz der auf vollen Touren laufenden Klimaanlange wurde es John immer wärmer. „Wir haben hier einen Iratus-Käfer-Befall, Sir", antwortete er endlich.
Landry schwieg.
„Wie es aussieht, ist irgendetwas übersehen worden in der Quarantäne. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gern McKay an die Auswertung der Inventar-Listen setzen, vielleicht kriegt er etwas heraus. Ansonsten ... Ich habe Vashtu Uruhk als Expertin dazugeholt." Damit war es heraus und John erwartete das Urteil wie ein Damoklesschwert, das jederzeit auf ihn hinunterstürzen konnte.
„Kann Miss Uruhk weiterhelfen?" kam statt dessen die besorgte Frage.
John erleichterte. „Ja, Sir, sie hilft bereits und hat das CSI auf eine falsche Fährte gesetzt, damit wir einen kleinen Vorsprung erhalten."
„Das IOA wird das nicht gern hören, Colonel. Sie drei sollten lieber dafür sorgen, daß sie erfolgreich sind, sonst wird ihnen mit Sicherheit die Hölle heiß gemacht. Und das könnte vor allem für Miss Uruhk im Moment fatale Folgen haben."
John runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht, Sir", sagte er.
„Das sollten Sie sich auch besser von Miss Uruhk persönlich erklären lassen, Colonel. Ich gestatte die Zusammenarbeit ... für die Dauer Ihres Einsatzes in Nevada. Danach werden sie beide sich tunlichst wieder trennen und auch keinen wie auch immer gearteten Kontakt mehr zueinander suchen. Ist das klar?"
John war verwirrt, doch er war auch erleichtert. Sie durften Vashtu weiter mitarbeiten lassen. Das war schon einmal das wichtigste. Wie es dann weitergehen würde, darüber konnten sie sich dann immer noch den Kopf zerbrechen.
„Ja, Sir, ich habe verstanden."
„Dann richten Sie Miss Uruhk von mir aus, sie soll sich nur nicht noch so einen Blödsinn wie zu Silvester leisten. Ich lasse sie von der Leine, für jetzt. Sie hat da noch etwas wiedergutzumachen."
„Ich werde es ausrichten, Sir."
„Dann erstatten Sie mir so schnell wie möglich wieder Bericht. Ich habe dafür gesorgt, daß die Daedalus bereitsteht, sollten Sie Hilfe benötigen. Colonel Mitchell hat ein entsprechendes Funkgerät dabei."
„Ja, Sir." Mitchell schleppte also eine Direktverbindung mit und er wußte nichts davon? Andererseits aber sollte er die ganze Zeit mit offenen Karten spielen? Na, darüber war das letzte Wort noch nicht gesprochen.
„Bis zum nächsten Bericht. Und passen Sie auf, Sheppard, auf sich und auf Miss Uruhk. Sie werden beide noch gebraucht."
Es knackte in der Leitung. John blieb einen Moment lang mit dem Hörer in der Hand an die Wand gelehnt stehen, dann legte auch er auf.
Er war einerseits erleichtert, andererseits angespannt. Er war bereit zur Jagd!

***

Cheyenne-Mountain Basis:

Landry legte den Hörer auf die Gabel und sah zu seinem Gast auf. „Haben Sie es gehört?"
Der unvermutete Besucher grinste frech von einem Ohr zum anderen. „Ich hätte mir denken können, daß Sheppard Kontakt zu Uruhk sucht. Wußten Sie, daß er in der ganzen Basis nach ihr fragt, Hank?"
Landry nickte. „Ist mir nicht entgangen. Aber was machen wir mit dem IOA? Die bestehen weiterhin auf der Kontaktsperre."
„Lassen Sie das mal meine Sorge sein." Der Gast lehnte sich auf dem Stuhl zurück und streckte sich. „Ich vertraue auf meine Menschenkenntnis ebenso wie auf die der alten Recken. Und selbst Daniel Jackson muß zugeben, daß Miss Uruhk ein Glücksfall für uns ist ... sobald sie sich die Hörner abgestoßen hat, heißt es. Teal'c schwärmt von ihr als eine antikische Hak'tyl und Sam ist beeindruckt durch das Wissen und überzeugt, daß sie uns weiterhelfen kann. Demnächst muß sie irgendwann nach Antarktica ... sobald wir dort wieder Saft haben. Ich möchte wissen, wie sie mit dem Stuhl umgeht. Die Flugtests waren sehr beeindruckend."
„Das ist aber nicht das, was das IOA hören will. Die wollen pflegeleichte Antiker, keinen Sonderfall wie Miss Uruhk", wandte Landry ein.
Sein Gast beugte sich wieder vor. „Wußten Sie übrigens, daß sie immer noch Kinder kriegen kann? Stellen Sie sich das doch einmal vor ... Noch dazu, wenn der Vater Sheppard wäre."
„Dann würde das IOA den beiden sofort das Sorgerecht entziehen." Landry stöhnte. „Was sollte dieser Schachzug eigentlich, Jack?"
Jack O'Neill strahlte wieder breit. „Ich sichere nur die Zukunft der Menschheit", antwortete er. „Wenn dabei Opfer gebracht werden müssen ... Ich bin sicher, Miss Uruhk und Colonel Sheppard werden diese nur zu bereitwillig auf sich nehmen." Er erhob sich, rieb sich kurz das Knie. „Alte Kriegsverletzung", gestand er dem Leiter des SGC zu wissen, sah dann hinunter in den Gateroom. „Wenn ich wiederkomme unterhalten wir uns darüber, wann wir Miss Uruhk ihr eigenes SG-Team zugestehen. Führungsqualitäten jedenfalls hat sie. Sie ist den meisten nur etwas zu autoritär. Aber wir finden da schon was."
„Wir lehnen uns ein bißchen sehr weit für diese Antikerin aus dem Fenster, denken Sie nicht?" wandte Landry ein. „Obwohl sie an für sich ein netter Zeitgenosse ist. Sie versteht nur nicht immer alles, was wir tun."
O'Neill nickte. „Und darum hat sie auch unser Vertrauen verdient ... mehr verdient als diese Helia auf jeden Fall. Also, wir sehen uns."
Damit verließ er das Büro des Leiters des SGC und trabte hinunter in den Gateroom.
Landry sah ihm ein kleines Weilchen nach, dann seufzte er. „Hoffentlich geht bei Ihrer kleinen Intrige auch alles glatt, Jack", murmelte er, während er sich wieder in seinen Akten vergrub.

***

Motelzimmer, Las Vegas, Nevada:

Vashtu beendete ihre grobe Lebensgeschichte, als John mit dem Telefon unter dem Arm wieder zurück ins Zimmer kam. „Alles erledigt?" fragte sie.
John nickte, stellte das Telefon wieder auf seinen Platz zurück. „Schönen Gruß von Landry. Ich soll dir ausrichten, du möchtest bitte solchen Blödsinn wie zu Silvester unterlassen, ansonsten gibt er uns Dreien freie Hand, inklusive Diektverbindung zur Daedalus." Bei den letzten Worten sah er auffordernd zu Mitchell hinüber.
Vashtu rappelte sich wieder auf und rieb sich den Nacken. „Silvester wird mir wohl noch eine Weile anhängen", seufzte sie ergeben.
„Was hast du da denn angestellt, daß man es dir nach nach über einem Dreiviertel Jahr noch unter die Nase reibt?" John schmunzelte.
„Sagte ich doch. Sie hat versucht, das SGC in die Luft zu jagen." Mitchell richtete sich wieder auf. Nach dem Bericht von Vashtu hatte er nachdenklich brütend neben der Tür an der Wand gelehnt und war diese ein gutes Stück hinuntergerutscht.
„Das war ein Mißverständnis, wie es sicher nicht wieder vorkommen wird." Vashtu fühlte, wie ihr wieder das Blut ins Gesicht schoß, wenn sie sich nur an diesen Lapsus erinnerte. Gott, war ihr das peinlich gewesen, als sie begreifen mußte, daß Feuerwerk nicht gleich Feuerwerk war. Und daß die Menschen unter „Blei" durchaus etwas anderes verstanden als die Vollmantelgeschosse, die das Militär verwendete.
„Okay, wieder zum Thema zurück." Mitchell klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit seiner beiden Begleiter zu erregen.
Vashtu seufzte, warf John einen leidenden Blick zu.
„Was können wir im Moment unternehmen?" fragte der Leader von SG-1 in die kleine Runde.
Johns Aufmerksamkeit richtete sich sofort auf die Antikerin. „Du bist unsere Expertin, wenn es um Iratus-Käfer geht. Also?"
Vashtu fühlte sich auf der einen Seite sehr stolz darüber, daß zumindest John ihr einiges mehr zutraute als die Allgemeinheit, auf die sie bis jetzt gestoßen war. Andererseits aber war sie nicht wirklich Expertin, wenn es um diese Insekten ging. Sie hatte ihre Erfahrungen gemacht, ja, vor zehntausend Jahren. In der jetzigen Zeit dagegen ...
„Was den Käfer angeht, können wir im Moment gar nichts tun", begann sie endlich. „Es ist zu heiß und zu hell da draußen. Wir haben hier ein Wüstenklima. Warm ist in Ordnung, aber nicht diese trockene Hitze. Unser Freund wird sich in irgendeiner Nische oder Ecke versteckt haben und bis zum Abend warten, wenn es ein bißchen kühler wird. Und dann sollten auch wir losziehen."
„Und in der Zwischenzeit? Soll ich zusehen, wie Sie beide kuscheln?" fragte Mitchell.
Johns Miene sprach deutliche Bände, die Vashtu nur unterstreichen konnte.
„Wir könnten McKay an die Listen setzen und unser weiteres Vorgehen planen. Wenn es tatsächlich einen Kokon gibt, wird der an anderer Stelle zu finden sein, denn ein Iratus-Käfer kann ihn nicht mitschleppen", schlug John vor.
„Ach, und woher wissen Sie, daß dieser Käfer sein Gelege nicht huckepack durch die Gegend trägt?"
„Weil ein üblicher Kokon ungefähr mannshoch ist und einige hundert Kilo wiegt", antwortete Vashtu. Allmählich, mußte sie zugeben, ging ihr Mitchell auf die Nerven. So war er schon während ihres Berichtes über sich selbst gewesen, ständig hatte er sie in Frage stellen müssen. Vashtu hatte an für sich nichts dagegen, wenn man sie forderte, aber Mitchells Art grenzte für sie allmählich an Unverschämtheit.
John nickte zustimmend. „Wir müssen nach einem dunklen Platz suchen, einer Höhle oder etwas höhlenartigem", erklärte er.
Woher wußte er plötzlich so viel über Iratus-Käfer? Vashtu war irritiert. Wozu wurde sie überhaupt noch hinzugezogen, John kannte die Antworten doch fast alle selbst.
„Also müssen wir doch in das Haus der Minneons", stellte Mitchell fest. „Dann wollen wir mal hoffen, daß dieser Grissom ein bißchen mehr Zeit braucht als wir, ehe er hinter den Trick mit der halben Info kommt."
„Die wird er schon geknackt haben", entgegnete Vashtu ruhig und schüttelte den Kopf. „Und ins Haus müssen wir nicht, das wurde bereits vom CSI durchsucht. Die werden alles auf den Kopf gestellt haben. Ein so riesiges Gelege wäre aufgefallen, zumal ja wohl noch niemand auf der Erde einen Brutkokon des Iratus-Käfers gesehen hat. Ich schätze, hätte Minneon davon gewußt, hätte er es gemeldet. Nein, das Haus ist eine Sackgasse, höchstens durch das Grundstück noch interessant."
„Wir haben frühen Nachmittag, Miss Uruhk", wandte Mitchell ein und tippte auf seine Uhr. „Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich hätte im Moment noch gern etwas zu tun."
„Wir müssen noch die Listen durchgehen", schlug John vor. „Irgendwo im Inventar müßte doch zu finden sein, wonach wir suchen."
Vashtu stand endlich vom Bett auf. „Ganz genau. Und deswegen müssen wir zurück nach AREA 51. Es sei denn, einer von euch war so klever, einen Laptop mitzubringen?" Sie sah von einem zum anderen und seufzte. „Okay, ich wollte mich sowieso noch duschen und umziehen. Und eine Waffe brauche ich auch."
„Wofür?" Mitchells Stimme klang lauernd.
Vashtu drehte sich erstaunt zu ihm um. „Ich werde nicht auf die Suche nach einem ausgewachsenen Iratus-Käfer gehen und keine Waffe mitnehmen. Ich bin nicht lebensmüde."
„Wie gehen wir vor, wenn wir den Käfer gefunden haben?" warf John ein. „Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen."
„Ich dachte, das wäre einfach", antwortete Mitchell. „Ihre kleine Freundin hier nimmt das Vieh und wir schicken beide hoch zur Daedalus, die sie sofort nach Groom Lake weitersendet."
„Ich 'nehme' einen Iratus-Käfer." Vashtu schüttelte wieder den Kopf und drängte sich mit einem entschuldigenden Lächeln an John vorbei, um in dem kleinen Bad zu verschwinden.
„Sie wird ganz sicher keinen Iratus-Käfer einfach so nehmen. Das kann keiner!" John starrte seinen Gegenüber durchdringend an. „Wir markieren das Vieh und schicken es hoch, damit die Daedalus ihn weiterleitet. Aber von uns wird keiner sein Leben riskieren, wenn es auch anders geht."
„Was denn? Ich dachte, sie hätte gerade gesagt, sie sei unsterblich." Mitchell winkte in Richtung Bad.
„Ist sie nicht. Nur durch die Iratus- und Wraithzellen sehr langlebig. Wenn ein Käfer sie anfällt kann sie genauso sterben wie wir beide. Wenn man sie erschießt, blutet sie ebenso wie wir. Sie muß essen und trinken wie wir. Sie ist nur kräftiger und zäher als die meisten von uns. Und sie ist gut. Sie hat jemanden wie Ronon im Handstreich auf die Bretter geschickt." John funkelte seinen Gegenüber warnend an.
„Ich weiß, Teal'c schwärmt von ihr, seit ihr sie durch das Gate geschickt habt. Die beiden trainieren regelmäßig." Mitchell stemmte die Hände in die Hüften. „Dann also markieren."
John mochte sich irren, doch irgendwie meinte er, der Leader von SG-1 würde enttäuscht klingen.

***

CSI-Labor:

Grissom wollte gerade Nick Stokes und Greg Saunders nach, die noch einmal zum Haus der Minneons gefahren waren, um dort nach dem von Uruhk vermißten Käfer zu suchen, als unvermutet sein Pieper ihm mitteilte, daß man ihn in der Pathologie benötigte. Also änderte er seinen Weg und ging hinüber zum Leichenschauhaus, das sich mit im gleichen Gebäude befand.
Dort fand er neben Catherine Willows, die offiziell noch immer die Ermittlungen leitete, den Pathologen Robbins vor, der offensichtlich auf ihn wartete.
„Gil, gut, daß ich Sie noch erwischt habe", begrüßte der ihn.
Grissom nickte Catherine zu, die ihn schmunzelnd beobachtete. „Wir haben endlich die Todesursache", klärte sie ihn dann auf und wies auf die Tische. Unter den Laken zeichneten sich deutlich die wie blutleer erscheinenden Körper der beiden Minneons ab.
Grissom wartete. Er war sicher, er würde eine weitere Überraschung erleben, nach dem Auftritt der drei Air-Force-Mitarbeiter.
Robbins humpelte zum ersten Tisch und wischte das Laken vom oberen Teil des mumienhaften Körpers. „Todesursache in allen drei Fällen: Energieverlust und dadurch bedingter vegetativer Schock. Mit anderen Worten, ihre Herzen haben einfach aufgehört zu schlagen, ihre Lungen fielen zusammen und dadurch versagten so ziemlich alle inneren Organe eines nach dem anderen."
Grissom runzelte die Stirn. „Das klingt fast wie ... Altersschwäche?" sagte er.
„Es ist auch mit Altersschwäche vergleichbar. Was auch immer das angerichtet hat, es saugte ihnen schlichtweg die Lebensenergie aus dem Körper, bis dieser versagte", erklärte Robbins.
„Wir haben einen Vampir." Catherine schien allein die Vorstellung zu amüsieren.
Grissom nickte nachdenklich, forderte sein über die Jahre angelesenes Wissen und wurde auch fündig. „So unrecht hast du nicht", pflichtete er seiner Kollegin bei. „Die ältesten Vampirsagen berichten nicht von Blutorgien. Die Vampire sollen ihren Opfern das Leben entzogen haben mittels Küssen oder Bissen. Der Ritus des Bluttrinkens kam tatsächlich erst sehr viel später in den Zusammenhang mit den Vampiren. Davor waren sie vergleichbar mit den Legenden über Sukkubi oder Inkubi. Nur tauchten Vampire immer im Wachzustand auf und forderten während des Entzuges auch keine geschlechtliche Vereinigung."
Catherine schmunzelte nun erst recht. „Womit hast du dich eigentlich nicht beschäftigt, Gil?" amüsierte sie sich.
„Aber die Sache mit dem Vampir ist nicht so weit hergeholt. Hier, sehen Sie." Robbins hatte sich über die Leiche gebeugt und wies auf zwei punktförmige Male an der Seite des Halses.
Grissom beugte sich über den Leichnam und inspizierte die Stelle. „Wenn es ein Vampir war, war er nicht sehr treffsicher", kommentierte er. „Weder Schlagader noch Drosselvene verletzt."
„Aber die Barsilia", fügte Robbins hinzu.
Catherine wechselte mit Grissom einen Blick.
„Sie haben richtig gehört. Die direkte Zuleitung zum Gehirn der Opfer, und zwar aller drei Opfer, wurden auf diese Weise beschädigt. Ich denke, der oder die Mörder 'saugten' mittels Hormonen das Leben aus ihren Opfern."
Grissom hob die Hand. „Die Mörder? Sie denken wirklich, es war mehr als einer?"
Damit würde dann die Aussage dieser Uruhk bestätigt werden. Insofern es denn Käfer gewesen waren ...
„Oh!" Robbins lachte. „Ich bin durch die Sektion des Hundes darauf gekommen. Seine Wunden waren lange nicht so präzise wie die der Minneons", erklärte er. „Es sah aus, als habe der Mörder bei ihm noch geübt. Durch die Bisse bin ich darauf gekommen und habe mir die Überreste des zweiten Käfers besorgt. Bei dem Test kam das heraus." Er humpelte zu einem Bestecktisch und nahm zwei Abgüsse, einer offensichtlich vom Hals des Hundes, ein zweiter von den Klauen des zertretenen Käfers. Sie paßten!
Grissom sah wieder zu der Leiche hinunter.
„Der zertretene Käfer hat sich offensichtlich an dem Hund der Minneons schadlos gehalten. Die Abdrücke passen nicht zu den beiden menschlichen Opfern. Aber sie weisen darauf hin, daß es im Artverhalten die gleiche Spezies war", fuhr Robbins fort.

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Die beiden zu Mundwerkzeugen umgewandelten Beine des Käfers bohrten sich durch die Haut seines Opfers. Die messerscharfe Chitinschicht schnitt das Fleisch wie Butter, bis der Käfer fest verankert war an seinem neuen Wirt.
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Grissom beugte sich über die Leiche. „Was ist das?" fragte er und wies auf den langen, dünnen Strich, der sich gerade über die vom scheinbaren Alter verfärbte Haut zog.
Robbins trat wieder näher und beugte sich ebenfalls vor. „Spuren von etwas, was sich um den Hals des Opfers geschlungen hat. Leider sind bei allen Dreien die Spuren nicht gut sichtbar, auch nicht unter UV-Licht, so daß wir keine nähere Bestimmung machen können, um was es sich gehandelt haben könnte."
„Möglicherweise ... ein langer, peitschenartiger Schwanz?" fragte Grissom.

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Der Käfer schoß vor. Noch ehe er jeden weiteren Angriff startete, umschlang der lange Schwanz den Hals seines Opfers und drückte ihm die Luft ab.
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„Du traust deinem neuen Freund aber eine Menge Gemeinheiten zu", bemerkte Catherine. „Aber ... wenn es Unterblutungen unter der Haut gegeben hat, hat es da auch zu Einblutungen in die Schleimhäute geführt?"
„Damit wären die Opfer dann erdrosselt worden", schlug Grissom zu.
„Es gibt perichale Einblutungen in Schleimhäute und Netzhaut", antwortete Robbins. „Aber sie wurden nicht zu Tode stranguliert, sondern lediglich ruhig gestellt. Es weist nichts darauf hin, daß auch nur eines der drei Opfer auf diese Weise getötet wurde."

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Durch den Blutstau und die Anstrengung des Überlebenskampfes platzten die winzigen Blutgefäße in Augen und Schleimhäuten von Mund und Nase. Die weißen Augenbälle färbten sich blutig rot als sichtbares Zeichen für den nahenden Erstickungstod.
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Grissom dachte über das nach, was die drei ihm erzählt hatten - oder besser dieser Colonel Sheppard und diese Dr. Uruhk. Der dritte im Bunde, Colonel Mitchell, hatte sich ja mehr als bedeckt gehalten während der beiden Treffen.
Irgendetwas stimmte da nicht, ging ihm auf. Er war sich wirklich sehr sicher, daß man ihm nicht die volle Wahrheit mitgeteilt hatte, wenn er auch nicht wußte, warum ihm dieser Verdacht kam. Es waren einfach Kleinigkeiten, die ihm während des Gespräches nicht wirklich aufgefallen waren. Und, das ging ihm erst jetzt richtig auf, es war die Tatsache, daß diese Dr. Uruhk allein mit dem Käfer gewesen war. Er hatte sie nicht richtig sehen können durch das Glas, aber er war sicher gewesen, daß sie irgendetwas tat, ehe sie vor das Terrarium trat.
„Also, wenn keine Drogen im Spiel sind und wir auch sonst nichts finden ..." Catherine klang nachdenklich.
„Nach Ausschluß aller Wägbarkeiten, muß das, was am Ende übrig bleibt, so unglaublich es auch klingt, die Wahrheit sein", zitierte Grissom die bekannteste Figur des Kriminalliteratur. „Wie es aussieht, haben wir einen Käfer, der Menschen tötet auf eine Art, die an Vampire erinnert. Und die Luftwaffe weiß offensichtlich mehr, als sie uns zu sagen bereit ist."
„Wann wäre das einmal nicht so gewesen, wenn Regierung oder Militär in einen Fall verwickelt sind?" seufzte Catherine ergeben.
Im stillen pflichtete Grissom ihr bei.

***

Kurz vor Sonnenuntergang, im Haus der Minneons:

„Nick, sag mal, was machen wir hier eigentlich?" Greg Saunders schob zum dritten Mal das Sofa zur Seite, um den schmalen Zwischenraum zwischen diesem und dem Boden zu inspizieren. Wieder nichts!
„Grissom verläßt sich auf die Aussage dieser Militär-Experten", antwortete Nick Stokes wie automatisch. „Laut denen müßte sich noch einer dieser Käfer hier irgendwo aufhalten."
Greg verzog unwillig das Gesicht, schob das Sofa wieder an seinen Platz zurück und richtete sich auf, um das Wohnzimmer noch einmal zu inspizieren.
Mittlerweile hatten Nick und er das Haus der Minneons mindestens zweimal auf den Kopf gestellt, doch fündig waren sie nicht geworden. Ehrlich gesagt, bezweifelte er inzwischen mehr als stark, daß die Information, die Grissom bekommen hatte, tatsächlich der Wahrheit entsprach. War es nicht viel wahrscheinlicher, daß das Militär etwas vertuschen wollte? Wäre schließlich nicht das erste Mal.
„Hast du sie gesehen?" fragte er endlich, beugte sich vor und zog das Polster vom Sofa.
Nick erschien im Durchgang zur Küche und lehnte sich gegen den Türrahmen. „Wen?" fragte er amüsiert.
„Na, die Typen vom Militär." Greg sah wieder auf und zog eine Grimasse. „Tauchten plötzlich auf, geschniegelt und gestriegelt in feiner Uniform. Der eine hatte sogar noch seine Sonnenbrille auf. Die nahm er auch nicht ab, als sie ins Labor kamen."
Nick lachte. „Mir ist nur die dritte im Bunde über den Weg gelaufen. Von Uniform war bei der allerdings wenig zu sehen. Sah eher aus, als käme sie direkt vom Übungsgelände."
„Sie?"
Nick nickte. „Ja, Grissom sagte, erst seien nur diese beiden Offziere da gewesen, dann hätten sie noch eine Frau dazugeholt." Er runzelte die Stirn. „Merkwürdig, daß dir die entgangen ist. Klein, schlank, kurze schwarze Haare."
„Nicht gesehen." Greg runzelte die Stirn.
„Naja, suchen wir weiter." Nick wandte sich einer Kommode zu, die an der gegenüberliegenden Wand stand - und damit entgegen der Fenster.
Greg seufzte ergeben, wollte sich gerade wieder seiner Aufgabe widmen, als irgendetwas seine Aufmerksamkeit erregte. Er blickte zu den beiden Fenstern, die in den Garten hinauslagen, und riß die Augen auf, als plötzlich ein greller Lichtblitz die Dämmerung erhellte und eine Gestalt entließ.
„Das gibt's nicht!" Greg bekam einen langen Hals, die Augen schienen ihm gleich aus den Höhlen zu fallen.
Recht klein geraten, sie mußte irgendwo zwischen 1,60 und 1,70 m groß sein, mit verstrubbeltem, kurzem schwarzem Haar stand da unvermittelt eine schlanke Frau auf dem wenigen Rasen, eine Waffe in der Hand.
„Was ist los?" fragte Nick.
„Da ... da ..." Greg wies mit dem ausgestrecktem Arm zum Fenster.
Jetzt erschienen auch zwei Männer. Doch im Gegensatz zu der Frau kamen sie um das Haus herum und waren nicht unvermittelt da.
Nick trat an seine Seite, musterte die drei Gestalten.
„Wahrscheinlich die Nachbarn, die kurz vor der Panik stehen", mutmaßte er und zuckte mit den Schultern. Dann aber beugte er sich vor. „Moment. Das ist sie doch!"
Die Frau hielt den beiden Männern ebenfalls Waffen hin, drehte sich dann um und schien ihre Umgebung genau zu scannen, als suche sie etwas ganz bestimmtes.
„Mist, das sind die drei von der Air Force! Und die haben Waffen dabei, als wollten sie hier einen Krieg anfangen!" Nick sog zischend Luft in seine Lungen.
Greg schnaufte, und endlich gelang es ihm, wieder einen klaren Satz im Geiste zu bilden. Also mußte dieser Versuch auch gleich in die mündliche Tat umgesetzt werden:
„Diese ... diese Frau ... Die ist ... die war ... Da war ein Licht!"
Nick sah ihn aufmerksam von der Seite an. „Geht's gleich wieder?" fragte er mitfühlend.
Greg schluckte hart. „Diese Frau ist plötzlich mit einem Lichtblitz aufgetaucht", sagte er dann mit fester Stimme.
„Sag das nicht zu laut, sonst glaubt dich noch jemand am Rande des Wahnsinns." Nick zückte sein Handy. „Ich rufe Grissom an und sage ihm, daß seine drei neuen Freunde hier auf der Matte stehen, gerüstet wie zur Großwildjagd."
„Aber ... ich hab das gesehen!" verteidigte Greg sich, erntete einen mitleidigen Blick des erfahreneren Tatortermittler.
„Schon klar ..." Nick wandte seine Aufmerksamkeit seinem Handy zu. „Grissom? Ich hab da eine interessante Entwicklung zu melden."
Greg beobachtete angespannt, wie die drei nach hinten hinaus das Grundstück verließen und zum nächsten Garten wechselten. Dabei waren sie wohl offensichtlich mehr als nur vorsichtig.
Was wußten die Militärangehörigen mehr als das CSI?

***

St. Lucas Unfallkrankenhaus:

Dr. Timothy Hartnett rechnete zu dieser frühen Abendstunde nun wirklich nicht mit einem Massenauflauf in seiner Notaufnahme. Nein, die üblichen Gebrechen in Form von verstauchten Gliedern oder Platzwunden, vielleicht einmal ein Schädeltrauma oder gar ein ausgekugeltes Gelenk, stellten sich erst später am Abend ein. Dann nämlich, wenn die Hemmschwelle sank, die Menschen genug Alkohol getrunken hatten und unvorsichtig wurden.
Nicht, daß es nicht immer etwas zu tun gab in seiner Notaufnahme, das beileibe nicht! Doch für die spektakulären Unfälle und prominenten Patienten waren die anderen Krankenhäuser zuständig, die sich weiter in der Peripherie befanden. Hartnett wußte nicht einmal, wann er das letzte Mal einen Autounfall hatte bedienen müssen. Ihre kleine Unfallklinik war eben genau das: klein! Zu klein, um genauer zu sein. Die großen Krankenhäuser, diese Glaspaläste, die sich von außen eher wie Hotels gaben, ließen das baufällig wirkende, zweigeschossige Allgemeinklinikum aus den Siebzigern langsam untergehen. Es war schon ein Wunder, wenn seine Mannschaft einmal Zuwachs der nicht freiwilligen Art erhielt.
Hartnett selbst arbeitete für den Bruchteil dessen, was er in einem der großen Krankenhäuser hätte verdienen können. Er arbeitete mit Geräten, die ihm teilweise älter schienen als er selbst es war. Wenn sich einmal ein anderer Arzt hierher verirrte, dann meist ein AIPler, der so schnell wie eben möglich das Weite suchte, sobald sein Praktikum abgelaufen war.
Hartnett lehnte sich an den Tresen und ließ sich von der Ordensschwester Emily einen großen Becher Kaffee reichen.
„Das Kind von den Websters war heute morgen hier", berichtete die ältere Frau, nachdem sie sich wieder hinter ihren Computer gesetzt hatte. „Ich denke, nächste Woche können wir den Gips entfernen."
„Gut." Hartnett nickte in seinen Becher hinein und blätterte in den Unterlagen, die der im Moment hier arbeitende Assistensarzt Clouwney, der diese Woche die Tagschicht übernommen hatte, hinterlassen hatte. Unwillig verzog der ältliche Chefarzt das Gesicht. Die wenigen Blätter, die ihn über Neuaufnahmen und Kontrolluntersuchungen informieren sollten, waren wieder einmal vollkommen unleserlich ausgefüllt. Diese neue Hilfsschwester, nun ja, ganz freiwillig kam sie nicht hierher, das Jugendgericht hatte sie dazu verurteilt, brachte ungefähr soviel Enthusiasmus für die Arbeit mit wie er, wenn es um die täglichen Schnapsleichen ging, die irgendwann vor ihrer Tür landeten.
In diesem Moment klickte das Funkgerät und eine Stimme meldete sich:
„Hier Einsatzwagen 115. Haben drei verwirrte Teenager. Sprechen auf die übliche Behandlung nicht an. Wir bringen sie euch vorbei."
Hartnett und Emily tauschten einen Blick, dann stellte er seine Tasse hart auf den Tresen.
„Notfall! Alle verfügbaren Kräfte zur Rampe!" Emily hatte die Sprechanlage aktiviert. Ihre Stimme hallte jetzt durch die Gänge, im gleichen Moment als sich das Funkgerät erneut meldete, um einen weiteren Krankentransport anzukündigen.
Hartnett übernahm die erste Fuhre. Die Jugendlichen, drei an der Zahl, wie der Rettungssanitäter es ihnen ja bereits mitgeteilt hatten, waren vollkommen außer sich. Brüllend und geifernd suchten sie einen Weg aus der Klinik heraus, so daß dem Chefarzt nur die Fixierung übrig blieb.
„Was sollen wir tun?"
Hartnett blickte auf und sah Emily, die mit kreideweißem Gesicht in der Tür zum Behandlungsraum stand. „Holen Sie Clouwney, er muß mithelfen. Wieviele kommen noch?"
„Es haben sich noch einmal drei Wagen angemeldet. Alle mit den gleichen Symptomen."
Hartnett rang mit sich.
Eigentlich sollte er besser abwarten, bis die Bluttests ausgewertet waren, andererseits aber ...
Das junge Mädchen, das die ganze Zeit über wimmernd auf ihrer Trage gelegen hatte und als einzige nicht hatte angeschnallt werden müssen, begann sich plötzlich zu kratzen. Immer und immer wieder die gleiche Stelle an ihrem Unterarm. Sie fuhr mit ihren manikürten Fingernägeln über die Haut, ritzte sie auf. Und als sie endlich einen Zugang zum Unterhautgewebe gefunden hatte ...
Hartnett warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf das Mädchen und zerrte seine Arme auseinander. Und in diesem Moment begann die Kleine zu brüllen, als würde sie hier geschlachtet werden.
„Es ist da! Oh Gott, es ist hier! Das Monster ..."
Hartnett sah wieder zu der Ordensfrau hinüber. „Rufen Sie die Polizei!"

***

Grundstück der Familie Minneon:

Vashtu hatte noch Caldwells Ratschläge im Ohr, als sie bereits im Garten der Getöteten stand und sich langsam einmal um die eigene Achse drehte.
Der Kommandant der Daedalus hatte ihr und John beigepflichtet, als es darum ging, den flüchtigen Käfer zu markieren. Auf keinen Fall sollte sich einer von ihnen Dreien dem Insekt mehr nähern als nötig war. Wenn es nicht anders ging sollten sie den Fangschuß ausführen. Aber keinesfalls durfte jemand von ihnen mehr gefährdet werden als unbedingt notwendig.
Himmel, was war denn mit Caldwell los?
Vashtu sortierte sich erst einmal selbst, schüttelte dabei leicht den Kopf, als sie an den Colonel dachte, der da oben irgendwo über ihnen in seinem Raumschiff darauf harrte, daß sie ihm die hoffentlich erlösende Mitteilung machen konnten, daß sie den Käfer markiert hatten. So allerdings kannte die Caldwell gar nicht. Bisher war er ihr bei den wenigen Malen, die sie sich begegnet waren, eher wie ein Bürokrat vorgekommen, vielleicht die militärische Ausgabe ihres persönlichen Lieblings Woolsey. Aber keinesfalls hatte sie angenommen, Caldwell werde sich um irgendjemanden sorgen, es sei denn um sein Schiff.
Hatte das vielleicht mit dem Gerücht zu tun, die Air Force würde ein neues bauen? Fürchtete Caldwell um seine Position und hatte sich darum entschieden, sich dem Rest der Truppe anzuschließen?
„Da bist du ja!"
Vashtu wandte den Kopf und lächelte John entgegen, der, Mitchell im Schlepptau, der gerade mit angesäuerter Miene mit einem Zettel kämpfte, den Garten von der anderen Seite betrat.
„Rodney sitzt an den Listen, hat bis jetzt aber noch nichts gefunden", erklärte Vashtu, reichte John eine P-90 mit Spezialmunition. „Caldwell läßt euch ausrichten, daß wir alle drei vorsichtig sein sollen. Die Waffen sind mit Spezialmunition mit Zündverschiebung versehen. Wir sollen den Iratus damit markieren. Sollte er uns trotzdem noch angreifen, können wir die Kugeln zur Detonation bringen. Ansonsten dient das Phospor als Markierung."
John nickte beeindruckt. „Wow! Da werden aber wirklich besondere Geschütze aufgefahren." Fachmännisch lud er die Waffe durch, während Vashtu nun auch Mitchell eine P-90 aushändigte. Der Leader von SG-1 kämpfte immer noch mit dem Zettel, der wohl an seinen Fingern klebte, nahm aber mit der freien Hand die Waffe.
„Tatsächlich steckt die Iratus-Forschung auf der Erde noch in den Kinderschuhen", fuhr Vashtu fort. „Da es bisher kein lebendes Exemplar durch das Tor geschafft hat. In AREA 51 wird gerade ein eigenes Labor eingerichtet. Einen Experten läßt man kommen. Ich habe schon mit ihm zusammengearbeitet. Auch wenn er von außen kommt, das Unternehmen, für das er tätig ist, arbeitet bereits seit Jahren mit der Armee zusammen, allerdings erst seit kurzer Zeit mit der Air Force."
„Und wer kommt jetzt, um den Käfer zu untersuchen, wenn Sie sich das nicht zutrauen?" fragte Mitchell.
Vashtu zupfte ihm das lästige Papier von den Fingern und lächelte ihn zuckersüß an. „Dr. Cooper. Er ist Kryptozoologe und arbeitet für das OSIR. Er hat bereits mit einigen Wissenschaftlern und den Tok'ra zusammen an der Erforschung der Goa'uld-Königinnen gearbeitet und dabei herausgefunden, daß diese ihren eigenen Erfahrungsschatz nutzen, um ihn an ihren Nachwuchs weiterzugeben." Stirnrunzelnd sah sie auf den Zettel hinunter, knüllte ihn dann zusammen und stopfte ihn in ihre Hosentasche.
John grinste breit, als sie den Namen des Unternehmens nannte, mit dem AREA 51 zusammenarbeitete. „Die gibt's echt?" entfuhr es ihm.
Vashtu warf ihm einen irritierten Blick zu. „Bitte?"
„Das OSIR", antwortete er. „Da gab es in den Neunzigern eine Fernsehserie, die angeblich auf wahren Fällen beruhte."
„Ja, weil das OSIR einige seiner Akten geöffnet hat", ergänzte Mitchell. „Das wurde doch zu Beginn oder Ende jeder Folge erklärt."
„Muß man alles glauben, was im Fernsehen gesagt wird?" John grinste frech.
Vashtu wurde auf eine Bewegung im Haus aufmerksam. „Oh Mist, die sind noch hier!" Sie nickte ihren beiden Begleitern zu. „Wir sollten verschwinden. Das CSI ist noch hier."
John warf einen Blick über die Schulter. „Wir haben keinen Wagen gesehen."
„Im Haus ist jemand", beharrte Vashtu und drehte sich um. „Außerdem sollten wir uns ans Werk machen. Je länger wir brauchen, desto munterer wird der Iratus werden, und desto schwerer wird es sein, ihn auch nur zu markieren."
Gemeinsam gingen sie los, hinüber zum nächsten Grundstück, und blieben erst stehen, als sie sicher waren, daß man sie vom Haus der Minneons aus nicht mehr sehen konnte.
„Okay, wir sollten uns nicht trennen." Mitchell sah sie beide durchdringend an.
Vashtu nickte. Wow! Wurde er plötzlich erwachsen, oder hatte er ihr wirklich zugehört, daß er jetzt auf einmal zur Vorsicht mahnte?
„Auffächern wäre allerdings nicht schlecht", schlug John vor. „So können wir einen breiteren Streifen absuchen. Allerdings sollten wir in Sichtweite von einander bleiben."
„Wir haben alle drei Funkgeräte", entgegnete Mitchell.
„Schon, aber wenn der Käfer einen von uns anfällt, müssen die anderen beiden so schnell wie möglich bei ihm sein", ergänzte Vashtu. „Nicht mehr als höchstens fünfzehn Meter. Der Streifen wird schon ziemlich breit sein."
„Fünfzehn Meter? Das ist lächerlich!"
Vashtu drehte sich um und betrachtete die Umgebung, die im letzten Sonnenlicht wie dunkles Gold schimmerte.
Die Straße, an der diese Häuser gebaut worden waren, war die letzte vor der Wüste Nevadas. Am Horizont erhob sich eine Wand aus Gestein - die Berge, die das Tal, in dem Las Vegas lag, zu der trockenen Gegend machten, die es nun einmal war. Zwischen den halb versandeten Gärten mit der vertrockenden Vegetation und den Bergen lag ein Halbwüstenstreifen, der alles andere als freundlich auf sie wirkte. Andererseits dürften sich in dieser Einöde bessere Tagverstecke finden lassen als in der Nähe der Häuser mit ihren menschlichen und tierischen Bewohnern.
Nicht weit entfernt strich eine sandfarbene Katze um einen Zaun herum und trabte dann wie die Miniaturausgabe eines Löwen, in die Steppe hinaus.
„Gibt es da draußen viele Tiere?" fragte Vashtu, während sie mit den Augen weiter die Katze verfolgte.
„Keine Ahnung", antwortete John. „Ich könnte mir vorstellen, daß es da draußen einige Kaninchen gibt, vielleicht Füchse und Koyoten."
Vashtu nickte. „Dann sollten wir die Häuser Häuser sein lassen und lieber dort draußen suchen", erklärte sie. „Solange der Iratus genug Energie hat, solange wird er nicht unbedingt auf die Jagd gehen. Und dieser dürfte recht satt sein, nachdem er sich an einem Menschen gütlich getan hat."
„Ich dachte, Sie wären keine Expertin?" ließ sich Mitchell wieder vernehmen.
Vashtu warf ihm einen Blick zu. „Im Moment bin ich wohl doch eine. Jedenfalls weiß ich zumindest, wie die Biester ticken. Und wenn wir noch länger hier stehen und abwarten, haben wir gleich wieder das CSI an den Fersen. Ich dachte, wir sollten diesen Iratus für die irdische Wissenschaft einfangen und ihn nicht auch noch der Polizei von Las Vegas überlassen?"
Mitchell schnaufte, folgte ihr und John aber, als sie den Rand des fremden Grundstückes verließen.
Vashtu fühlte ein kleines hohles Gefühl in ihrer Magengegend, ihr Herzschlag hatte sich etwas beschleunigt.
Endlich wieder auf der Jagd! Sie hatte das mehr als nur vermißt, seit sie auf die Erde gekommen war. Zwar ließ man sie mit einem SG-Team durchs Tor oder schickte sie ab und an nach AREA 51, um antikische Technologie zu aktivieren oder zu deaktivieren oder schlicht den Sinn von etwas bestimmten zu erklären, aber wirkliche Abenteuer hatte sie nicht mehr erlebt, seit sie mit Johns Team unterwegs gewesen war und diesen Intimfeind „ihres" Colonels getroffen hatte. Ob dieser Kolya noch lebte? Vielleicht sollte sie John nach ihm fragen. Wäre spaßig sich vorzustellen, wie er gerade jetzt nach Atlantis kam und sich Helia und ihrem Haufen ratstreuer Speichellecker gegenübersah ...
„Alles in Ordnung?" fragte John leise.
Vashtu nickte, sah zu ihm auf. „Wieso weißt du plötzlich so viel über Iratus-Käfer?" flüsterte sie zurück, obwohl das gar nicht nötig war. Mitchell hatte sich einige Meter weit abgesetzt und erkundete jetzt allein das Gelände.
John verzog das Gesicht. „Hat keiner dir davon erzählt?" fragte er.
Vashtu schüttelte den Kopf. „Seit ich von Atlantis weg bin, habe ich kaum noch etwas mitbekommen. Als Dr. Weir kurz im SGC war, ja, da sind wir uns über den Weg gelaufen und haben kurz zwei oder drei Worte gewechselt. Ansonsten aber ..." Sie zuckte mit den Schultern.
John zog eine weitere Grimasse. „Ich war letztes Jahr, kurz nachdem du weg bist, zum Riesen-Iratus mutiert. Carson hatte da eine Impfung entwickelt, die eigentlich Wraith-Mutationen unterdrücken sollte. Tja, das hat sie eindeutig ... allerdings nicht die Instinkte und Gene der Iratus-Käfer."
Vashtu starrte ihn groß an.
John ein zweiter Enkil? Sie konnte sich das kaum vorstellen, und wollte es auch nicht wirklich. Sie erschauderte allein bei der Vorstellung.
„Ein bißchen was scheint zurückgeblieben zu sein", fuhr John leise fort. „Ich erinnere mich nicht mehr an viel, aber ... Weiß nicht genau. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich könnte die Viecher inzwischen besser verstehen."
Vashtu schüttelte sich wider Willen. „Du hast dich übrigens geirrt", sagte sie nun leise. „Meine Genstruktur besteht nicht aus einem Drittel Iratus. Die Käfer-Zellen sind sehr instabil und neigen zu Mutationen. Darum sind sie höchstens ... sagen wir ein Sechstel meines jetzigen Codes."
„Damals meintest du, es seien gleiche Teile."
„Bei Enkil waren es gleiche Teile", berichtigte sie ihn prompt. „Bei mir nicht. Mir reicht es, daß ich dank der Zellen tun kann, was ich tun kann."
„Wände hochkriechen." John grinste breit.
„Oder Aliens erschrecken", fuhr Vashtu fort und lachte leise.
„Hey, Leute. Könntet ihr vielleicht aufhören mit eurem Rumgegurre? Ich glaube, ich habe unseren Patienten gefunden!" rief Mitchell ihnen in diesem Moment zu.
Vashtu drehte sich um, und erstarrte, als sie kurz zu der Wohnsiedlung zurückblickte. Zwei kleine, einsame Lichter schwankten leise in ihre Richtung.
„Scheiße!"
Auch John wirbelte herum, kniff dann die Lippen aufeinander.
„Jede Wette, das ist das CSI", knurrte Vashtu.
„Dann sollten wir uns beeilen."
Seite an Seite hasteten sie zu Mitchell hinüber, der breitbeinig über einem halb eingestürzten Kaninchenbau stand. Die Lampe seiner Waffe leuchtete in das Dunkel unter seinen Füßen hinein und wurde von dem schwarzen Chitin des Iratus reflektiert.
Jetzt war es an Vashtu, wütend die Lippen zusammenzupressen, als sie erkannte, was Mitchell da gefunden hatte.
„Er ist tot!"

***

„Da vorne sind sie!" Greg schien vom Jagdfieber gepackt zu sein, befand Nick und folgte seinem jüngeren Kollegen im Eilschritt.
Tatsächlich meinte auch er, mehrmals kleine runde Lichter aufflackern zu sehen, kleiner als die ihrer beider Taschenlampen, dafür aber wohl umso stärker, wie es schien.
Wo auch immer die Militärtypen auch wieder hergekommen waren, es stand außer Frage, daß sie nach etwas suchten - und es vielleicht auch gefunden hatten, jedenfalls versammelten sich die drei Lichtpunkte an einem Ort.
Ob dort dieser zweite Käfer war, nach dem Grissom sie beide hatte suchen lassen?
Nick fluchte leise, beschleunigte seine Schritte.
Er hatte im Kriminallabor niemanden vom Außenteam erreichen können. Offenbar war der Rest der Nachtschicht auf mehrere Krankenhäuser und Kliniken verteilt, weil da irgendetwas unvermutetes aufgetaucht war in der Stadt.
Hoffentlich nicht auch noch eine Epidemie!
In diesem Moment war es Nick, als zöge ihm unvermutet jemand den Boden unter den Füßen weg, als er sich wieder auf die drei Lichtpunkte konzentrierte und versuchte, zu Greg, der einige Meter vor ihm lief, aufzuholen. Die diesem Moment erschien ein grellhelles Licht, hüllte die drei Personen ein, die er vorhin auch schon im Garten gesehen hatte, und verschwand wieder.
„Das gibt's nicht!" Nick blieb keuchend stehen und starrte entgeistert auf die Stelle, an der die Drei sich gerade noch befunden hatten.
„Ich hab's doch gesagt! So ist vorhin auch diese Frau im Garten aufgetaucht!" Greg wirbelte zu ihm herum, in seinen Augen lag ein fiebriger Glanz. „Und den Käfer haben die bestimmt auch mitgenommen."
Nick glaubte immer noch, seinen Augen nicht mehr trauen zu dürfen. Um ehrlich zu sein, im Moment traute er nicht einmal seiner Zunge.
Das gab es doch gar nicht! Menschen konnten doch nicht einfach so in einem Licht verschwinden! Davon hatte er noch nie etwas gehört. Und er war sicher, auch sonst noch niemand vom CSI Las Vegas.
Greg lief bis zu der Stelle, an der die drei verschwunden waren, kehrte dann zurück. „Da ist ein halb eingestürzter Kaninchenbau, genau dort, wo die Militärs gestanden haben. Jede Wette, daß dadrin der Käfer sich versteckt hatte?"
Nick kämpfte immer noch um Selbstbeherrschung, setzte aber sein Pokerface auf. „Das werden wir jetzt wohl nie mehr herausfinden", antwortete er so kühl wie möglich. „Wir sollten besser Grissom Bescheid geben, daß die drei weg sind und vielleicht sogar Beweismittel entwendet haben."
„Wenn das Aliens sind, haben wir noch Glück, wenn uns die beiden anderen Exemplare erhalten bleiben", fiel Greg ihm ins Wort. „Die werden doch keine Experimente herumliegen lassen auf der Erde."
„Du hast zuviel 'Akte X' gesehen." Nick schüttelte den Kopf und drehte sich zur Siedlung um. Er wollte wieder zurück in die Zivilisation und hoffen, daß sich das hier alles als schlechter Traum erweisen würde.
„Das guckt doch seit Jahren keiner mehr", entgegnete Greg abwertend. „Ich entwickle nur eine Theorie."
„Aliens, die mit einem Mietwagen kommen?" Nick schüttelte erneut den Kopf. „Tut mir leid, aber ich denke, wir hatten eine Halluzination und nicht mehr. Wer weiß, was wir wirklich gesehen haben? Vielleicht das Licht einer Lampe oder Sumpfgas ..."
„In der Wüste?"
Das allerdings war ein Problem, das er noch lösen mußte.
Himmel, warum hatten die drei sich denn auch vor ihrer beider Augen in Luft, oder respektive Licht, auflösen müssen? Kein Wunder, wenn Greg dabei durchdrehte. Dieser ganze Fall war mehr als makaber. Wenn jetzt auch noch wirklich Scully und Mulder in Vegas auftauchen würden ... ihn wunderte allmählich gar nichts mehr.
Allerdings ... Wie sollte er Grissom erklären, was hier passiert war? Er war sich ziemlich sicher, Gil würde ihnen beiden nicht glauben. Verdammt, würde ihm jemand anderes eine solche Story erzählen, er würde sie selbst nicht glauben!
Nick sollte sich jedoch irren ...

TBC ...

27.07.2009

Das Artefakt II

Einen Tag später, Las Vegas:

Als John aus dem Wagen stieg, traf ihn die Hitze der Wüste, die Sonne brannte augenblicklich auf jeden Quadratzentimeter seiner Haut, der sichtbar war. Sein dunkles Haar schien plötzlich zu einer glühenden Masse zu mutieren und die Uniform an seinem Körper zu kleben. Doch er war solche Klimazonen gewöhnt, er kannte sie noch aus seinen verschiedenen Einsätzen für die Air Force, und natürlich auch aus seiner Zeit in der Pegasus-Galaxie.
Mitchell trat um den Wagen herum, die Sonnenbrille bereits auf der Nase. „Oh Mann, was für eine Sauna!" stöhnte er, als er bei John angekommen war.
Der ließ seine Sonnenbrille in der Tasche und begann den Aufstieg.
Hoffentlich würde Cam Mitchell dicht halten, wie er es versprochen hatte. John hatte keine Lust auf noch mehr Ärger, ganz zu schweigen davon, daß er vielleicht sogar aus dem Stargate-Programm fliegen konnte für das, was er nach hoffentlich erledigter Berater-Tätigkeit tun wollte. Während Mitchell nämlich dem einen oder anderen Casino einen Besuch abstatten wollte, wollte er lieber rausfahren nach Groom-Lake und dort McKay und seine neue Assistentin besuchen. Er mußte diese Chance einfach nutzen, die ihm das Schicksal so unverhofft hinhielt.
„Wird sicher schnell gehen. Keine Ahnung, was eines Ihrer Ex-Schäfchen da angerichtet hat. Unfall klingt nach Blechschaden", kommentierte Mitchell den mageren Bericht, den Landry ihnen beiden gegeben hatte.
Die Polizei von Las Vegas hatte die Air Force angefordert Berater zu schicken aufgrund der Papiere, die dieser immer noch namenlose Wissenschaftler bei sich gehabt hatte. Mitchell war offensichtlich ausgewählt worden, um ein Auge auf ihn zu haben, sagte John sich ebenfalls zum wiederholten Male. Und Landry ließ ihn von der Leine, weil er nun einmal nicht nur der einzige höhere Militär aus Atlantis war, der auch erreichbar war, sondern weil er nun einmal die Verantwortung in der Pegasus-Galaxie gehabt hatte.
John hatte tunlichst vermieden, Landry auf einen kleinen Fehler in seinem Schlachtplan hinzuweisen: nämlich die Tatsache, daß sich in AREA 51 eben die Person befand, die sich sehr wahrscheinlich noch besser mit möglicher, amoklaufender Technologie aus Antikerhand auskannte und auf die er, laut IOA, auf gar keinen Fall stoßen durfte. Möglicherweise war das aber auch so geplant von Landry, der sehen wollte, wie weit er ihm vertrauen konnte ... John wies diesen Gedanken weit von sich.
Statt dessen betrat er als erster die Polizeizentrale der Spielerstadt und fühlte augenblicklich Erleichterung, als der erste kühle Hauch des Klimaanlage ihn streifte.
Die Hitze draußen war doch ein wenig mehr als er erwartet hatte, ging ihm auf, während er hinüberging zu einem Empfangstresen, hinter dem eine weibliche Polizeibeamtin wartete. Er setzte sein charmantestes Lächeln auf und lehnte sich gegen das kühle Metall der Arbeitsfläche.
„Lt. Colonel John Sheppard und Lt. Colonel Cameron Mitchell von der Air Force. Ein ... Captain J. Brass hat um Hilfe durch uns gebeten", stellte er sich und seinen Begleiter vor.
Die junge Frau sah auf, erwiderte sein Lächeln. Ein Leuchten trat in ihre Augen. „Sie sind ..." Sie schloß den Mund, warf Mitchell einen Blick zu, wandte sich dann abrupt wieder ihrem Terminal zu.
„Dr. Grissom erwartet Sie in seinem Büro." Sie hob den Kopf wieder und wies auf eine Glastür, hinter der reges Treiben herrschte. „Einfach da durch und dann die vierte links. Nicht zu verfehlen, Colonel. Das Büro mit den ganzen toten Tieren."
John stutzte, nickte aber.
„Danke." Mitchell blinzelte der jungen Polizistin zu, übernahm jetzt die Führung.
Ein Summer öffnete ihnen die Tür zu dem wohl ansonsten nur für Bedienstete des Sheriffs zugänglichen Bereich des Präsidiums.
John kamen eigenartigerweise Erinnerungen an das, was vor gut eineinhalb Jahren in New York geschehen war. Damals war er kurzfristig Hauptverdächtiger in einer brutalen Mordserie gewesen. Ganz war nie geklärt worden, was genau mit dem echten Täter geschehen war. Sie wußten nur, daß er von Naniten verseucht worden war und seine, Johns, Gestalt angenommen hatte.
Wie es wohl Mac Taylor jetzt erging? War er immer noch der Leiter der Tatortermittler?
Vielleicht sollte er sich einmal wieder bei dem Ex-Marine melden, überlegte John. Immerhin waren sie beide sich damals sehr sympatisch gewesen und als Freunde auseinandergegangen. Mac Taylor hatte sich sogar als eine Art Hellseher erwiesen, als er ihm prophezeite, er werde sein Glück finden. John war sich sicher, er hatte es gefunden - und wieder verloren.
Die Labore in Las Vegas waren größtenteils vollverglast und von allen Seiten einsehbar. Im Gegensatz zu den kathedralenartigen Hallen in New York war es hier um einiges heller, auch wenn es kaum Außenfenster gab. Es wirkte moderner als das, was er hatte in Big Apple bewundern dürfen.
„Oh Mann, der Typ ist wohl ein Käferfreak!" stöhnte Mitchell auf, als sie beide das beschriebene Büro erreichten. Schon von draußen waren all die Nadelsammlungen und Gläser mit verschiedenen organischen Inhalten sichtbar. Regale um Regale verhinderten einen direkten Blick auf den Schreibtisch, zumindest solange, bis sie die Tür zu diesem Büro gefunden hatten. Von dort aus nämlich schlängelte sich ein schmaler Gang bis ans andere Ende des Raumes, wo ein großer, massiv wirkender Schreibtisch stand. Allerdings hatte das ganze einen Haken: Der Besitzer dieses Büros war wohl nicht anwesend.
John drehte sich wieder zu den anderen Laboren hin um. Suchend blickte er sich um, ob er wohl irgendjemand erkennen konnte, der mehr oder weniger eilig in ihre Richtung kam. Aber durch das reichliche Gewusel in den anderen Abteilungen war nicht wirklich etwas ausmachbar.
„Ist das da etwa ein siamesisches Schwein?" fragte Mitchell halb angeekelt, halb fasziniert. „Das sieht da drin ja aus wie in einem Panoptikum."
John hob eine Braue, sagte aber nichts, sondern seufzte, während er die Arme vor der Brust kreuzte.
Jetzt war wohl Warten angesagt. Die Frage war wohl, wie lange würden sie warten müssen, bis dieser Dr. Grissom für sie Zeit hatte.
Eigenartig, dabei hatte die Polizei Las Vegas doch wohl sie angefordert und nicht sie hatten sich aufgedrängt - oder?
„Schuß!" rief jemand aus einem der anderen Räume. Eine Sekunde später donnerte tatsächlich etwas, was beinahe wie eine Detonation klang, durch das Labor.
„Wow!" entfuhr es Mitchell.
„In einen Metallkasten abgegeben", kommentierte John ruhig, sah den Gang, den sie gekommen waren, wieder hinauf. Erleichtert beobachtete er, wie jetzt ein schlanker Mann mit graumeliertem Haar auf sie beide zuhielt. Er trug Bundfaltenhosen, und während er sich bewegte, war deutlich der leichte Ansatz zu O-Beinen sichtbar, die er sonst wohl durch den Schnitt zu verbergen suchte. Beim Näherkommen fühlte John sich von zwei lebhaften, grauen Augen gemustert, während das Gesicht weitestgehend unbewegt blieb, die Miene sogar beinahe von Desinteresse sprach.
„Sie sind die Berater der Air Force?" fragte der Neuankömmling.
John richtete sich wieder auf und ließ die Arme an seinen Seiten herabfallen, um die Rechte dann wieder zu heben und dem Fremden hinzuhalten. „Lt. Colonel John Sheppard, USAF", stellte er sich vor. „Und Sie sind Dr. Grissom?"
Sein Gegenüber nickte, ergriff seine Hand zögernd und erwiderte den Druck. Ein fester Händedruck, der John überraschte. Irgendwie war sein erster Eindruck von diesem Grissom eher der eines Bücherwurmes und Misantropen gewesen. Da schien er sich wohl geirrt zu haben.
„Lt. Colonel Cameron Mitchell", stellte sich nun auch der Leader von SG-1 vor.
„Das ging ja erstaunlich schnell dafür, daß Sie erst aus Colorado kommen mußten", bemerkte Grissom und öffnete seine Bürotür. „Ich hatte auch nicht unbedingt mit Offizieren gerechnet, eher mit Kollegen des Verstorbenen."
„Verstorbenen?" echote John. Augenblicklich schwante ihm nichts gutes.
„Hat man Ihnen noch nichts mitgeteilt?" Grissom schien erstaunt, während er an den Reihen von Regalen vorbei auf seinen Schreibtisch zuhielt.
John warf den schmalen Gängen und verschiedenen Ablagen nur kurze Blicke zu. Was er hatte von außen sehen können war schon mehr als genug für seinen Geschmack gewesen. Dieser Dr. Grissom schien im wahrsten Sinne des Wortes in seiner Arbeit aufzugehen. Jedenfalls hatte Mitchell mit einem recht gehabt: Dieses Büro/Labor war wirklich das reinste Panoptikum aus verschiedenen Kuriositäten und Versuchsreihen, mal offenbar abgeschlossen und auf ihrem jeweiligen Regalbrett vergessen, mal wohl noch im Gange.
„Uns wurde mitgeteilt, daß das Sheriffbüro Las Vegas Berater braucht, weil es einen Unfall gegeben hat", antwortete Mitchell endlich.
Grissom schob eine eigenartige Kiste zur Seite, die John erst auf den zweiten Blick als eine detailreiche Miniatur eines Raumes erkannte (offensichtlich wohl eine Küche), und ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder. Ihnen beiden bot er erst zögernd die Stühle auf der anderen Seite an.
„Einen Unfall?" fragte er dann und runzelte die Stirn. „Eher doch wohl nicht. Wir wissen nicht genau, was geschehen ist. Es hat einen Einbruch in ein Haus gegeben und später wurden zwei Leichen und der Kadaver eines Hundes gefunden, nachdem die Polizei sich dort umgesehen hat."
John lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „Ist der Tatverdächtige derjenige, dessentwegen Sie uns kommen ließen?" erkundigte er sich.
Grissom zog einen Stapel Fotos unter einem Haufen Papieren hervor. „Nein, einer der Toten ist ein Dr. Harvey Minneon. Unseres Wissens war er gerade in Ihre Einrichtung bei Groom Lake versetzt worden."
Minneon?
Irgendwie meinte John, einen Nachhall auf diesen Namen zu haben. Allerdings war er sich nicht so ganz sicher. Er beugte sich vor. „Haben Sie ein Foto?"
Grissom zog einen laminierten Ausweis unter einem weiteren Stapel Papieren hervor und schob ihn ihm hin. John nahm ihn und betrachtete das paßbildgroße Foto eines hageren Mannes.
Das war einer von McKays Assistenten aus Atlantis!
John holte tief Atem und nickte. „Ich kenne ihn, wenn auch nicht sonderlich gut." Er legte den Ausweis zurück auf den übervollen Schreibtisch. „Allerdings werde ich Ihnen da nicht so wirklich weiterhelfen können. Ich könnte Sie höchstens an seinen Vorgesetzten vermitteln."
„McKay?" fragte Mitchell.
John nickte stumm.
Grissom sah von einem zum anderen. „Sie wissen nichts von den Forschungen des Toten? War er vielleicht Entomologe?"
John stutzte, schüttelte dann den Kopf. „Nein, er war Physiker und hatte kein eigenes Forschungsgebiet - noch nicht. Aber, wie gesagt, ich kann Sie an seinen Vorgesetzten verweisen und sehen, ob ich vielleicht die letzte Beurteilung von Dr. Minneon faxen lassen kann. Ansonsten kann ich recht wenig sagen."
Grissom nickte wieder, reichte ihm dann den Stapel Fotos, den er bis jetzt in der Hand gehalten hatte. „Wissen Sie vielleicht, was das angerichtet haben könnte, Colonel?"
John wollte in dem Moment, in dem er diese Frage hörte, seine Hand wieder zurückziehen.
Nein, nicht das, betete er im Stillen, während er sich zwang, das erste Bild anzusehen. Doch diese höhere Macht, die sich offenbar gern einmal in sein Leben einmischte, stellte sich wieder einmal taub.
„Ist das Dr. Minneon?" fragte Grissom unbarmherzig.
Johns Finger zitterten, er konnte nichts daran ändern. Zu frisch waren seine eigenen Erinnerungen. Am liebsten hätte er diesem Dr. Grissom die Fotos ins Gesicht geschleudert. Statt dessen konzentrierte er sich, so wie es Dr. Heightmeyer und auch Dr. Mackenzie es ihm geraten hatten, fokussierte sich auf einen Punkt und versuchte an etwas anderes zu denken, während er jetzt noch einmal sehr bewußt das Foto musterte.
Nein, die charakteristischen Wunden fehlten, es war kein Wraith gewesen.
John holte noch einmal tief Atem.
Kein Wraith, aber etwas, was es mit ihnen aufnehmen konnte ...
„Kann ich mal sehen?" Mitchell beugte sich vor.
John war nur zu froh, die Fotos wieder loszuwerden und sah auf, während er sie an den Leader von SG-1 weitergab. Augenblicklich glaubte er sich als Forschungsobjekt auf den Seziertisch unter Grissoms forschenden Blick.
Verdammt, warum mußte er immer so viel verraten über sich selbst!
„Sie kennen diese Symptome also." Das war keine Frage, das war eine Feststellung.
Grissom erhob sich wieder von seinem Stuhl, sah immer noch auf ihn hinunter. „Wir haben da noch etwas im Haus der Minneons gefunden. Vielleicht hilft Ihnen das weiter, Colonel Sheppard."
Mitchell legte die Fotos mit einem deutlich angeekelten Gesichtsausdruck zurück auf den Schreibtisch, stand ebenfalls auf. Nur John mußte sich geradezu zwingen, sich wieder zu erheben. Seine Beine schienen sein Gewicht nicht mehr tragen zu wollen, seine Knie bestanden plötzlich aus Gummi.
Er AHNTE, was die Minneons getötet hatte. Und wenn er recht hatte, hatte dieser Einbrecher mehr als nur ein bißchen Glück gehabt, da lebend wieder rauszukommen.
Grissom führte sie aus seinem Büro heraus in eines der angrenzenden Labore, schaltete dort das Licht ein, nachdem sie vor einem Glaskasten standen, einem Terrarium, worin sich etwas regte.
Als die Neonröhren unter der Decke aufflammten und den Raum in grelle Helle tauchten, mußte John blinzeln, wandte sich halb ab. Dann drehte er sich doch um und sah auf das nieder, was sich da in dem Terrarium befand - und glaubte sich in einem Alptraum gefangen.
Ein riesiger Iratus-Käfer hockte in der Mitte eines Gespinstes und ließ seinen Schwanz langsam pendeln.
„Was ist das?" Mitchell beugte sich vor.
John riß den anderen geistesgegenwärtig zurück, gerade als der Käfer gegen das Glas sprang. „Nicht!"
Dann drehte er sich um und verließ wortlos das Labor, Mitchell im Schlepptau.
John wußte, was er jetzt zu tun hatte. Er kannte nur zwei andere auf der Erde, die zumindest ansatzweise etwas über diese Insekten wußten. Und eine dieser beiden „Experten" befand sich in AREA 51!
Grissom mußte zugeben, die Reaktion dieses Colonel Sheppard hatte ihn überrascht. So schnell hatte er wirklich noch niemanden sein Labor verlassen sehen wie den Luftwaffenoffizier.
„Was war das denn gerade?" Unbemerkt war Catherine aus einem der anderen Labore auf den Gang getreten und stand jetzt neben ihm.
Grissom schürzte nachdenklich die Lippen, nickte dann. „Ich würde sagen, da hat jemand sehr viel Respekt vor unserem Gast - zurecht, wie wir inzwischen wissen." Er warf dem eigenartigen Insekt in dem Terrarium einen langen Blick zu.
„Vernünftig", kommentierte die Tatortermittlerin.
Grissoms Augen wurden schmal. „Ich gehe jede Wette darauf ein, daß die beiden wiederkommen werden. Und daß sie dann noch jemanden mitbringen. Jemanden, den wir eigentlich von Anfang an hier wollten."

***

AREA 51:

Vashtu legte den Schraubendreher zur Seite und betrachtete ihr Werk skeptisch. Sicher war sie sich wirklich nicht, ob das halten würde. Hatte die Datenbank auch nur einen Schwachpunkt, würde sie sie vielleicht in Krämpfen von der Wand reißen - und sich dabei das Genick brechen. Sie wagte nicht zu glauben, daß ihre Fremdzellen so schnell reagieren würden auf die Gefahr, die ihr möglicherweise drohte.
„Scheint jetzt zu halten", kommentierte McKay. Als sie ihm einen Blick zuwarf sah sie ihn mit überkreuzten Armen auf der anderen Seite des Arbeitstisches stehen und leise nicken.
Vashtu verzog unwillig das Gesicht. „Nächster Versuch?" fragte sie.
McKays Gedanken murmelten in ihrem Kopf über die Ungerechtigkeit des Lebens, der es ihm untersagte, diese spezielle Maschine zu gebrauchen.
Und so war es auch. Ähnlich wie die Kontrollstühle reagierte offensichtlich auch die mobile Datenbank nur auf natürliche Genträger. Dabei sollte derjenige, der seinen Kopf in diese Maschine steckte, nach Möglichkeit nicht nur das Gen tragen, sondern auch die nötige Gehirnkapazität aufweisen. Oder, vereinfacht ausgedrückt: Es sollte ein Antiker sein, der detailliert nach dem Wissen forschte, das McKay offensichtlich mal wieder so dringend suchte.
Bei der ganzen Sache gab es allerdings zwei Knackpunkte: Man benötigte einen Steuerkristall mit der Ratsfreigabe und es gab nur noch sehr wenige Lantianer (oder Antiker, wie Vashtu meist bevorzugte), die für einen solchen Versuch auch noch zur Verfügung standen. Um ehrlich zu sein, außer ihr war keiner in der Nähe, Aufgestiegene ausgeschlossen.
„Wenn ich gleich loslege, schalten Sie bitte nicht wieder den Strom ab. Es sei denn, Sie wollen, daß mein Hirn gegrillt wird. Damit allerdings wäre Ihnen wohl wenig geholfen, Rodney." Vashtu ließ den Kopf auf ihren Schultern kreisen und verzog erneut das Gesicht.
„Ich weiß Bescheid!" McKay klang alles andere als begeistert.
Nun ja, damit dürften sie beide gleich motiviert sein, befand Vashtu und trat an das Gerät heran. Tief holte sie Atem und warf dem Kanadier noch einen Blick zu. „Keine Energieunterbrechung, solange ich online bin! So wie wir dieses Ding modifiziert haben, könnte ich nach einem solchen Fall mit dem IQ eines Schokoriegels wieder rauskommen", wiederholte sie.
McKay war genervt, seinen Gedanken zufolge, die in ihrem Kopf murmelten, war sie einfach nur übervorsichtig - wie jede Frau eben. Inwieweit irgendjemand sie als etwas besonderes empfand, konnte er nicht nachvollziehen.
Wenn das sein einziges Problem mit ihr war ...
„Aktivieren!"
Vashtu atmete noch einmal tief ein, dann steckte sie ihren Kopf in die Höhlung. Der Retinastrahl flimmerte auf ihrer Netzhaut, die prankenartigen Sicherheitsbügel umschlossen ihren Kopf und zogen sie dichter an das Eingabefeld heran.
Bitte jetzt keinen Fehler machen, war ihr einziger Gedanke, während sie blind begann, die Statusbefehle abzurufen, die McKay für seine weitere Forschung brauchte.
Vielleicht hätte sie doch vorschlagen sollen, daß man den Stuhl von Antarktica holte, ging ihr durch den Kopf. Augenblicklich interpretierte das Programm ihren Gedanken falsch und fand den falschen Abzweig.
Vashtu fluchte und konzentrierte sich wieder auf ihre eigentliche Arbeit.
„Was war das für ein Ding?" Cameron Mitchell kam hinter John her, als habe der ihn an die Leine gelegt.
John seufzte schwer. Auf der Fahrt hierher hatte er versucht, Landry zu erreichen, aber dabei keinen Erfolg gehabt. Also handelten sie von jetzt an auf eigene Faust. Und das hieß, kehrten sie nicht ins SGC unter Triumpf zurück, würde man ihnen die Hölle heiß machen, davon war er überzeugt. Andererseits aber blieb ihnen wohl kaum eine andere Wahl. Wenn es darum ging, sich in einen Iratus-Käfer einzufühlen, okay, das war eine Sache, denn verschwommen erinnerte John sich durchaus noch an seine Zeit als mutierender Riesenkäfer. Wenn es aber um konkretes Wissen ging, da war er wirklich überfragt. Auch Beckett wußte kaum mehr, erinnerte er sich. Aber da gab es noch jemanden, dessen Genstruktur zu einem Drittel aus Iratus-Zellen bestand und dementsprechend doch wohl besser als jeder andere Bescheid wissen sollte. Immerhin hatte diejenige das Mittel, daß sie zu einem eindritteligen Käfer machte, auch selbst erfunden.
„Ein Iratus-Käfer, nach den Wraith wohl so ziemlich das gefährlichste in der Pegasus-Galaxie", antwortete John endlich und marschierte strammen Schrittes weiter an der gewaltigen, halb unterirdisch gelegenen Halle entlang, um zum nächsten Aufzug zu kommen.
„Und wir sind auf dem Weg ... ?"
„Wir holen die Antikerin Vashtu Uruhk mit dazu. Erst einmal dürfte sie mit zehntausend Jahren auf dem Buckel heutzutage als Koryphäe gelten, zum anderen trägt sie selbst Zellen des Iratus-Käfer in sich", erklärte John, warf seinem Begleiter einen langen Blick zu. „Ich sehe keine andere Möglichkeit. Wenn Sie eine Antwort wissen, ich bin für alles offen."
Mitchell zuckte mit den Schultern. „Wenn die Kleine nicht wieder irgendwas in die Luft jagt wie Silvester." Er grinste breit.
Vashtu hatte was?
John öffnete die Tür, die zum Aufzugsschacht führte und folgte dem Leader von SG-1.
„Scheint ja ziemlich durchgeknallt zu sein, Ihre Expertin, Sheppard", fuhr Mitchell fort zu berichten. „Sie hat sich da seit letztem Jahr einiges geleistet, was gerade das IOA zu ärgern scheint. Woolsey war eine Zeitlang wirklich Dauergast im SGC - wegen ihr."
John preßte die Lippen aufeinander.
Warum teilte ihm niemand mit, wenn Vashtu in Schwierigkeiten steckte? Wozu die ganze Zeit diese dämliche und überflüssige Kontaktsperre? Fürchtete man, Vashtu würde ihn anstecken mit ihren unvernünftigen Aktionen?
Mitchell schien in seinem Element zu sein. Breit grinsend lehnte er sich an die Rückwand des Liftes, der sie einige Stockwerke tief in das Innere der Erde bringen würde.
„Hatte sich auch schon gut eingeführt, als man sie aus Atlantis hier herüber schickte", fuhr er fort. „Ich war nicht da, darum weiß ich es nur durch Hörensagen. Aber als sie eigentlich befragt werden sollte durch O'Neill, gab es einen feindlichen Angriff durch die Lucian Alliance. Die Typen hatten sich als SG-Team verkleidet und waren durchs Gate gekommen. Ihre Vashtu Uruhk hat sich einfach ne Waffe gegriffen und den Trupp quasi im Alleingang ins Reich der Träume geschickt. Seitdem hat sie wohl einen ziemlichen Stein bei O'Neill im Brett."
Ja, das hörte sich schon eher nach der Vashtu an, die er damals kennengelernt hatte vor knapp einem Jahr. Er erinnerte sich noch sehr lebhaft daran, wie sie gemeinsam durch die Gänge eines Hives gejagt waren, das sie dann in die Luft sprengten ... besser, Vashtu hatte es in die Luft gejagt.
„Aber was sie sich seitdem geleistet hat ... Junge, Junge!" Mitchell schüttelte den Kopf. „Meine Großmutter sagte immer: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Im Falle von Vashtu Uruhk hat er inzwischen wohl schon ziemliche Sprünge, wenn Sie mich fragen. Allein die Sache zu Silvester ... da hat sie sich sicher keine Freunde bei der Air Force gemacht."
Die Lifttüren öffneten sich wieder. John trat hinaus und blickte sich einen Moment lang suchend um, ehe er fand, was er suchte.
McKays Labor war wirklich recht einfach zu finden, genau wie der Kanadier es ihm am Telefon gesagt hatte.
Was, zum Kuckuck, hatte Vashtu geritten, daß sie das SGC in die Luft sprengen wollte, wie Mitchell behauptete?
John war bereit, den Kampf aufzunehmen und sie sich einmal richtig vorzunehmen. Es wäre doch gelacht, wenn er nicht herauskriegen würde, was sie sich dabei gedacht hatte.
Der einsame Wachsoldat vor der Tür zu McKays Labor öffnete ihnen ohne Aufforderung mit seiner Sicherheitskarte die Tür, als sie bei ihm angekommen waren. Er grüßte zackig und ließ sich diesen Gruß von ihnen beiden abnehmen.
Schleimer, war das erste, was John dabei durch den Kopf ging.
Als sie die Tür durchschritten hatten, befanden sie sich in einem kleinen, abgeteilten Büro, das mit einer Metall- und Glaswand vom Rest des Labors abgeteilt war.
John staunte nicht schlecht über das Chaos, das der Kanadier schon jetzt hier hinterließ. Überall standen leere Kaffeetassen herum. Zwischen diversen Berichten und Artefakten fanden sich Reste von Schoko- und Energieriegeln.
Da fehlte eindeutig seine ordnende Hand, urteilte John fachmännisch.
„Können Sie nicht lesen, daß gerade ein Versuch ..." McKay, der an einem antikischen Panel stand, das sie schon vor einer Weile aus Atlantis zur Erde gebracht hatten, blieb der Mund offen stehen, als er erkannte, wer ihm da einen Besuch abstatten wollte. „Sheppard?"
John grinste breit, ließ seine Augen noch einen Moment lang durch den Raum gleiten. Doch den eigentlichen Grund für seinen unverhofften Besuch fand er erst einmal nicht.
„Hallo, Rodney", grüßte er endlich, trat auf den Wissenschaftler zu.
„Weil sie nicht mit Ihnen reden wollte, kommen Sie extra von Colorado hierher? Mann, muß Liebe schön sein!" McKays Stimme trof vor Sarkasmus.
„Halb richtig", kommentierte John ganz automatisch. „Wir brauchen Vashtu, aber nicht aus dem Grund, den Sie meinen. Sie muß uns in Las Vegas helfen."
„Wobei? Soll sie Schlammcatchen?" McKay grinste. „Ich bin mir nicht sicher, ob veränderliche Gene nicht doch unter Doping fallen."
John schüttelte unwillig den Kopf und sah aus dem Fenster nach draußen. Erleichtert seufzte er. Da draußen stand eine kleine, schlanke weibliche Gestalt und hantierte offenbar mit irgendetwas herum, während ihr Kopf in irgendeinem Gerät steckte.
„Wo haben Sie denn das Ding her?" Mitchell war unbemerkt herangetreten und betrachtete fasziniert, was sich auf der anderen Seite in der großen Halle gerade abspielte.
John fand währenddessen die Tür, nach der er Ausschau gehalten hatte, und schlüpfte durch sie hindurch nach draußen, wo sich die Gesuchte eben befand und wohl irgendetwas ... machte.
„Colonel, lassen Sie das bleiben! Das ist gefährlich!" hörte er McKays Stimme über Lautsprecher, doch er achtete nicht weiter darauf. Immerhin hatte er inzwischen selbst so seine Erfahrungen, was diese fremde, so hoch entwickelte Technologie betraf.
Er trat hinter die Antikerin und tippte ihr erst mit einem Finger auf die Schulter.
„McKay, nerven Sie nicht!" kam es prompt gedämpft unter dem eigenartigen Kopfputz hervor.
John mußte wider Willen grinsen, betrachtete das ganze jetzt näher in der Hoffnung, irgendwo einen Ein-Ausschalter zu finden. In Ermangelung eines solchen, tippte er eben noch einmal, während er sich, eine Grimasse ziehend, zum Kontrollraum umdrehte und McKay ein Zeichen gab, damit dieser den Versuch abbrach.
„Rodney!" Unterschwellig waren da tatsächlich noch zwei Worte, wenn sie auch nicht ausgesprochen wurden.
John rätselte weiter über dieses Ding, das Vashtu auf dem Kopf saß. Vielleicht hätte er Mitchell doch gezielter befragen sollen. Immerhin hatte der das ganze ja wohl erkannt.
In diesem Moment gab das eigenartige Gerät vollkommen abrupt den Kopf der Antikerin wieder frei. Sie schwankte einen Moment, bis John sie auffing und vorsichtig unter dem Gerät hervorzog.
„Ich habe doch gesagt, Sie sollen die Energie laufen lassen, bis ich das Zeichen gebe." Vashtu murmelte benommen und fühlte sich an wie ein nasser Sack - ein sehr attraktiver nasser Sack zugegeben.
„Geht's wieder?" fragte John, nachdem er selbst wieder zu Atem gekommen war.
Sie stöhnte ein bißchen, machte noch keinerlei Anstalten, sich aus seinen Armen befreien zu wollen. Und John mußte zugeben, ihm gefiel es eigentlich immer noch recht gut, sie zu halten, wenn auch dieses Mal aus einem deutlich anderen Grund.
„Vashtu, ich bräuchte dich leider im Hier und Jetzt", sagte er nach einigem Zögern.
Augenblicklich riß sie die Augen auf, ihr Körper versteifte sich.
„Hallo ..." John lächelte unschuldig, als sie den Kopf in seine Richtung drehte.
Vashtus Augen wurden wirklich kugelrund. Mit einem Ruck machte sie sich los und taumelte tatsächlich einige Schritte rückwärts, bis sie sich gefangen hatte. Dabei ließ sie ihn nicht eine Sekunde aus den Augen.
„Du?" ächzte sie schließlich.
John hob die leeren Hände. „Sieht so aus."
Wenn es möglich war, wich auch noch das letzte bißchen Farbe aus ihrem Gesicht. „Was ... was machst du denn hier?" stotterte sie.
Tja ...
John beschloß, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern brav das zu sagen, was er sich auf der Fahrt hierher zurechtgelegt hatte.
„Wir haben ein kleines Problem in Las Vegas, der Stadt, die in der Nähe liegt", erklärte er also. „Und bei der Lösung dieses Problems könnten wir deine Hilfe und deinen Sachverstand gebrauchen."
Vashtu starrte ihn baff erstaunt an. „Du willst meine Hilfe bei irgendetwas, was in Las Vegas geschehen ist?"
„Genau so ist."
Vashtu gewann allmählich ihre Selbstbeherrschung wieder. Sie kreuzte die Arme vor der Brust und hob stolz das Kinn. „Bedaure, aber Rodney braucht mich."
John atmete tief ein.
„Außerdem dürftest auch du darüber informiert sein, daß das IOA einen Kontakt zwischen uns strengstens untersagt hat. Wenn man uns zusammen erwischt, hat das verdammt üble Folgen für uns beide", fügte sie hinzu.
„Und wenn wir nicht aufhalten, was da möglicherweise durch Las Vegas geistert, haben wir bald eine Totenstadt", entgegnete John und hob beschwichtigend die Hände. „Hör zu, ich habe mir von Landry das Okay geben lassen. Wir sind abgesichert und dürfen in diesem Fall zusammenarbeiten. Ich brauche dich, Vashtu", schwindelte er.
Die Antikerin stutzte. „Du hast das mit Landry geklärt? Ist das wahr?"
John kreuzte zwei Finger und nickte. „Ich schwöre!"
Vashtu seufzte und sah ihn weiter forschend an.
Himmel, sie hatte noch immer diese schönen, braunen Augen ... Allerdings war das Haar sehr kurz geraten, befand er. Sah nicht mehr wirklich weiblich aus, ihre Frisur.
„Worum geht's?" Noch immer zögerte sie.
John kniff die Lippen aufeinander. Bis hierher hatte es ja relativ geklappt. Die Frage war jetzt, ob ...
„Wir haben ein kleines Ungeziefer-Problem in der Stadt", meldete sich Mitchell zu Wort.
Hätte der denn nicht bei McKay bleiben können?
John fluchte im stillen, nickte aber. „So ist es."
Vashtu sah etwas hilflos von einem zum anderen. „Und was soll ich dabei, wenn ein paar Anwohner neue Hausgäste haben?" fragte sie irritiert.
„Weil es keine normalen Feld-Wald-und-Wiesen-Käfer sind", antwortete John, ehe Mitchell es tun konnte.
Wieder ein deutliches Stutzen. „Ihr sucht ... Käfer?" kommentierte sie trocken.
„Sie haben's erfaßt! Besondere Käfer, die so groß werden können wie ein Männerkopf, vielleicht noch größer!" Mitchell gestikulierte übertrieben, um ihre Aufmerksamkeit zu erringen.
Doch Vashtu ließ sich jetzt nicht beirren. „Käfer, die so groß wie ein Männerkopf werden? John, ihr redet hier doch wohl nicht von ..."
„Iratus-Käfer sind irgendwie von Pegasus mit hierher gekommen." John nickte schicksalsergeben.
Vashtus Augen wurden wieder groß. „Iratus-Käfer auf der Erde?" fragte sie.
„Stimmt genau. Übrigens ... Cam Mitchell, Leader von SG-1." Mitchell hielt der Antikerin seine Rechte hin.
Vashtu zögerte wieder, ehe sie einschlug. Doch sie ließ kaum einen Blick von John.
„Was genau soll ich denn dabei?" fragte sie schließlich.
John atmete tief ein. „Du bist die einzige, die weiß, was das für Viecher sind", erklärte er. „Du bestehst selbst aus einem Drittel Iratus. Und darum denke ich, du könntest uns sogar sehr gut weiterhelfen."
Vashtu verzog unwillig das Gesicht. „Wenn Iratus-Käfer mit von der Partie sind, dann wünsche ich euch viel Glück. Aber das mache ich nicht!" Entschieden schüttelte sie den Kopf.
„Vashtu, ich bitte dich! Alles, was wir brauchen, sind ein paar Tipps von dir, wie wir eine mögliche Plage verhindern können."
„Plage? Bisher haben wir zwei Tote und einen verendeten Wuffi. Das kann man doch wohl kaum Plage nennen", bemerkte Mitchell.
Vashtu stutzte. „Sekunde!" Sie drehte sich wieder zu John um und sah ihn an. „Du redest von einem Käfer, aber drei Leichnamen. Wenn der Käfer jetzt aber erst mit euren Sachen aus Atlantis kam, kann er schlichtweg noch nicht so viel verspeist haben, ganz zu schweigen davon, daß der Hund bei einem ausgewachsenen Käfer nicht mehr gefährdet gewesen wäre."
„Na bitte, Sie können es ja!" Mitchell tat, als wolle er in die Hände klatschen.
„Wieviele Käfer?" fragte Vashtu, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
John schüttelte den Kopf. „Wir wissen es nicht. Die Polizei von Las Vegas hat einen gefangen, mehr sind bisher wohl noch nicht aufgetaucht."
Vashtu sah ihn noch einen Moment lang an, dann holte sie tief Atem und schnappte sich ein kleines Schraubendreher-Set, das auf dem Tisch gelegen hatte.
„Rodney, ich fahre mit den beiden Colonels nach Vegas", war alles, was sie noch zu sagen hatte.

***

Grissom staunte nicht schlecht, als er die beiden Luftwaffenoffiziere nur etwas mehr als zwei Stunden nach ihrem spektakulären Abgang wiedersah, dieses Mal in Begleitung einer kleinen, schwarzhaarigen Frau, die sich offensichtlich nicht einmal die Zeit genommen hatte, sich umzuziehen. Statt, wie ihre beiden Begleiter, in Uniform zu kommen, trug sie eine grüne Armeehose, entsprechende Stiefel und ein schwarzes T-Shirt. Aufmerksam und neugierig sah sie sich um, während dieser Colonel Sheppard neben ihr stand mit einem Blick, als müsse er mit Argusaugen auf sie achten. Mitchell verhandelte mit dem Beamten, der mittlerweile den Empfang übernommen hatte.
Grissom beschloß, seiner eigenen Neugier nachzugeben und den Dreien entgegenzukommen, ehe sie sich die Zähne am wachhabenden Beamten ausbeißen konnten. Ihn interessierte vor allem die junge Frau, die doch wohl die angeforderte Expertin sein mußte, auf die er gewartet hatte. Er war allerdings sehr gespannt, wer sie sein mochte, gesehen hatte er sie zumindest noch auf keinem Kongreß.
Grissom öffnete die Tür zu den Laboren und forderte seine Gäste auf, ihm zu folgen.
Sheppard wirkte weiterhin angespannt und ein wenig nervös, wenn er sich auch recht gut im Griff hatte. Die Fremde schien beunruhigt, kam sofort seiner Aufforderung nach mit beherzten Schritten. Mitchell folgte neugierig. Was war das nur für ein Gespann ... ?
Grissom führte seine Gäste zum zweiten Mal an diesem Tag in sein Büro und Labor, hieß sie, sich zu setzen. Allerdings hatte er nicht mehr daran gedacht, daß es nur zwei Stühle gab, so daß Sheppard und Mitchell kurzfristig einen kleinen Disput darüber ausfochten, wer von ihnen der Neuen seinen Platz anbieten durfte. Die allerdings schien das wenig zu stören, sie beugte sich über den Schreibtisch und reichte Grissom die Hand.
„Uruhk, Vashtu Uruhk. Ich arbeite als wissenschaftliche Beraterin für die Air Force", stellte sie sich vor.
Viel Federlesens machte sie schon einmal nicht, was Grissom durchaus gefiel. Er erwiderte ihren festen Händedruck. „Gil Grissom, Leiter der Nachtschicht."
Diese Dr. Uruhk nickte, richtete sich wieder auf und kreuzte die Arme vor der Brust. „Colonel Sheppard teilte mir mit, daß Sie an einem Tatort etwas eingefangen hätten, was möglicherweise gefährlich sein könnte. Ein Insekt."
Sie machte keine großen Umstände und schien auch durchaus bereiter, etwas mitzuteilen und zusammenzuarbeiten als die beiden Offiziere.
Grissom reichte ihr den laminierten Ausweis. „Wir fanden die Leichen von Dr. Minneon und seiner Mutter, sowie den Kadaver eines Hundes", erklärte er.
Uruhk nickte nachdenklich mit gerunzelter Stirn. „Das Fehlen von Dr. Minneon ist noch nicht aufgefallen, da er seinen Dienst in Groom Lake noch nicht antreten mußte", erklärte sie, legte den Ausweis zurück auf den Tisch. „Eine Basis wurde aufgelöst und dadurch ist einiges Chaos entstanden. Dr. Minneon war Assistent von Dr. McKay, mit dem ich zur Zeit in Groom Lake zusammen an einer Forschungsreihe arbeite. Er sollte erst Anfang der kommenden Woche seinen Dienst wieder antreten." Ihr Blick fiel auf das Modell der Küche. Interessiert beugte sie sich etwas vor, rief sich dann aber offensichtlich selbst zur Ordnung.
„Sie kannten Dr. Minneon also nicht selbst?" fragte Grissom.
Uruhk schüttelte den Kopf. „Er mag mir über den Weg gelaufen sein, als ich kurz in der gleichen Basis arbeitete. Aber mein ... Forschungsgebiet ist ein vollkommen anderes. Ich bin keine Physikerin."
„Aber Minneon und dieser McKay sind es."
Allmählich tauchte ihm der Name McKay einmal zu oft in dieser Ermittlung auf, befand Grissom. Dabei allerdings gab es auch keinen Hinweis, daß dieser Physiker, von dem er noch nie etwas gehört hatte, irgendwie in die Angelegenheit verwickelt war.
Uruhk nickte. „Wie gesagt, Minneon war Assistent von McKay. Ich helfe im Moment nur aus." Sie zuckte mit den Schultern.
„Wenn ich fragen darf, was ist Ihr Forschungsgebiet? Entomologie?"
Um ihre Mundwinkel begann es zu zucken. „Insektenforschung?" fragte sie nach, schüttelte dann den Kopf. „Ich bin Genetikerin."
Grissom musterte sie mit neuerwachtem Interesse.
Eine Genetikerin, die offenes Interesse an ihrem Käferfund hegte und als Expertin von zwei hohen Offizieren hinzugezogen wurde bei dieser Sache. Da machte ihn doch etwas stutzig, mußte er zugeben.
„Hören Sie, Dr. Grissom", fuhr Uruhk fort. Sie hatte tatsächlich einen Akzent, der ihm erst jetzt auffiel und den er noch nie zuvor gehört hatte. Wo kam diese Frau her?
„Ich weiß, wir alle kennen uns nicht, sind uns noch nie begegnet. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, daß vielleicht nicht viel Zeit bleibt."
Grissom horchte auf. „Wie meinen Sie das?"
Uruhk spannte kurz die Kiefer an, nickte dann. „Haben Sie Fotos vom Tatort?"
Er wies auf den Stapel, der noch immer dort lag, wo Mitchell ihn abgelegt hatte.
„Dr. Grissom, es ist durchaus möglich, daß wir uns auf unsere Geheimhaltungspflicht berufen müssen", wandte jetzt Sheppard ein. Der hatte sich schließlich doch niedergelassen und sich nun vorgebeugt, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt. „Es tut uns leid, aber ich denke, Sie wissen, daß Groom Lake zum größten Teil unter präsidiale Sicherheitsstufe fällt."
Grissom nickte, beobachtete die Frau.
Uruhk war deutlich blasser geworden, wie schon Sheppard vor ihr. Doch sie hatte sich mehr im Griff. Aufmerksam studierte sie die Fotos der Leichen, ehe sie den Stapel auf den Tisch zurücklegte. Ihr Gesicht war ernst geworden.
„Wie viele dieser Insekten haben Sie gefunden?" fragte sie.
Grissom war überrascht. Im Gegensatz zu der offensichtlichen Unwissenheit von Mitchell oder der deutlichen Phobie bei Sheppard hielt Uruhk sich gefaßt und sachlich, dabei war ihr allerdings auch deutlich Respekt vor diesen eigenartigen Insekten anzumerken. Und, vor allem, schien sie tatsächlich mehr zu wissen als die beiden Männer.
Grissom lehnte sich zurück und sah sie weiter an. „Zweien meiner Kollegen gelang es, ein Exemplar lebend zu fangen. Dabei allerdings setzten sie deutlich ihr Leben aufs Spiel."
Uruhk nickte. „Kann ich mir denken. Wenn es das ist, was ich vermute und was Colonel Sheppard mir bereits sagte, hatten Ihre Leute mehr als nur Glück."
Sie wußte tatsächlich mehr als sie zugeben wollte - oder konnte. Sheppard hatte ja gerade selbst auf die extem hohe Sicherheitsstufe hingewiesen.
Hatte Dr. Uruhk am Ende diese Käfer irgendwie mit ihrer genetischen Forschung erschaffen? Wenn man Mäusen menschliche Ohren anzüchten konnte, oder gar menschliche Organe in Schweinen, warum dann nicht einen Monsterkäfer? Zumal er noch nichts von dieser Spezies gehört hatte ...
„Wieviele?" wiederholte sie ihre Frage, ihre Augen wurden eisig.
Wer war diese Frau? Warum hatte er noch nie etwas von ihr gehört, wenn sie doch offensichtlich gut genug war, unter präsendialer Sicherheitsstufe zu arbeiten?
„Woher wissen Sie, daß es sich nicht nur um das eine Exemplar gehandelt hat, das wir einfangen konnten?" Grissom erwiderte ihren intensiven Blick.
„Weil das da", sie tippte mit dem Finger auf den Fotostapel, „nicht von einem Exemplar allein angerichtet werden konnte, dazu reichte die Zeit nicht. Wir wissen, wann Dr. Minneon hier eintraf, Dr. Grissom, und wir wissen, wann seine Leiche gefunden wurde."
„Vashtu, vielleicht solltest du dir ..." Sheppard verstummte, als sie ihm einen Blick zuwarf.
Grissom nickte. „Einer der Beamten, die zuerst am Tatort eintrafen, fand ein Exemplar und zertrat es. Es war vielleicht ... halb so groß wie das lebende."
Uruhk nickte. „Wo ist der lebende?" Sie richtete sich wieder auf.
Sofort war auch Sheppard auf den Beinen. „Nebenan. Da ist ein leerstehendes Labor."
„Dr. Uruhk!" Grissom hatte sich ebenfalls erhoben und sah diese eigenartige Frau jetzt wieder forschend an. „Wollen Sie mir vielleicht mitteilen, daß diese Insekten Ihr Werk sind?"
Sie und Sheppard wechselten einen Blick, dann begann sie zu kichern. „Mein Werk? Um Gottes Willen! Dann hätte ich mich schon längst in Grund und Boden geschämt!" Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Iratus-Käfer sind eine natürlich vorkommende, sehr seltene Art, die erst vor kurzem entdeckt und noch nicht groß erforscht wurde. Wir wissen nur, daß diese Tiere extrem gefährlich sind."
Iratus-Käfer? Diesen Namen hatte Grissom noch nie gehört.
„Und woher kommen sie?"
„Sie sind dort beheimatet, wo unsere aufgegebene Basis liegt." Sheppard gelang ein schiefes Grinsen. Er zuckte die Schultern. „Deshalb kam Minneon ja erst so spät hier an. Er war noch in Quarantäne."
„Sie beantworten meine Frage nicht", wandte Grissom ein.
Uruhk und Sheppard tauschten einen Blick, dann ging sie, wahrscheinlich wollte sie sich den Käfer ansehen, den sie eingefangen hatten.
„Tut mir leid, aber ich fürchte, dafür reicht Ihre Sicherheitsstufe nicht." Sheppard wandte sich ihm wieder zu und zuckte mit den Schultern.
„Wollen Sie mir jetzt erzählen, diese Iratus-Käfer kämen vom Mars?" Grissom schmunzelte allein über die Vorstellung.
„Ne, da ist es zu unwirtlich", wandte jetzt Mitchell toternst ein und erhob sich ächzend.
„Hören Sie, Dr. Grissom, wir helfen Ihnen so gut wie möglich. Aber leider sind uns in bestimmten Belangen die Hände gebunden", erklärte Sheppard.
Grissom sah durch die Scheibe eine Bewegung. Diese Dr. Uruhk war allein nebenan.

Vashtu trat vor das Terrarium und sah auf das Wesen hinunter, das sich darin befand. Glücklicherweise besaß der Käfer weder den Verstand noch die Mittel, wirklich aus seinem Gefängnis auszubrechen, anders als dieses Ding in dem Film, den sie gestern abend zusammen mit einigen Wissenschaftlern aus AREA 51 gesehen hatte ... Alien!
Daß sie hier allerdings etwas vor sich hatte, was sie nicht vor sich haben dürfte, war ihr nur zu klar. In dem großen Terrarium, das sonst sicher anderweitig genutzt wurde, saß ein ausgewachsener weiblicher Iratus-Käfer und wartete nur darauf, daß sie seine Angriffszone betrat.
Vashtu konzentrierte sich auf die fremden Zellen in ihrem Inneren und erzeugte bewußt die Hormone, die dem Weibchen vorgaukelten, sie gehöre zur gleichen Art. Dann beugte sie sich langsam vor - nur um augenblicklich zurückzuweichen, als der Schwanz des gewaltigen Käfers gegen das Glas schlug und das ganze Terrarium erbebte.
„Wir haben ein Problem ..." Vashtu atmete tief ein, dann drehte sie sich um und verließ das leerstehende Labor wieder.
Ja, sie hatten ein Problem, ein ziemlich großes sogar. Und wenn sie nicht schnell etwas unternahmen, würde sich das ganze zu einer Katastrophe ausweiten.
Sie ging eiligen Schrittes wieder zurück in das Labor dieses Dr. Grissom und fand ihn in eine rege Diskussion mit John verwickelt.
„Wir müssen Minneons Haus durchsuchen", sagte sie mitten in den Disput über Geheimhaltung und Offenlegung der Fakten hinein. „Wir brauchen Zugang zu Haus, Garage und Garten."
Grissom sah sie irritiert an. „Warum?"
Vashtu kniff kurz die Lippen aufeinander, atmete noch einmal tief ein und rang mit sich. Dann entschied sie sich für das vorläufig kleinere Übel: „Es gibt noch einen Käfer da draußen."
TBC ...

26.07.2009

Das Artefakt I

TV-Serien: CSI - Den Tätern auf der Spur, Stargate: Atlantis, Stargate SG-1, PSI Factor
Genre: adventure, scifi
Rating: M
Reihe: Stargate vs. CSI: Drei Fälle für drei Teams
Zeitleiste: Diese Fanfiktion spielt für Stargate: Atlantis innerhalb der Episode 3.10 The Return I, für CSI zu Beginn der 7. Staffel und für Stargate SG-1 nach 10.11 The Quest II.


Vashtu Uruhk drückte sich an einer Reihe von Kisten vorbei, schlängelte sich dann durch eine Gruppe Militärangehöriger, die gerade damit beschäftigt waren, weitere Kisten den Gang entlang zu tragen, mußte einer Ameise ausweichen, die eine vollbeladene Palette mit noch mehr Kisten transportierte, rannte fast einen bebrillten Wissenschaftler um, dessen Namensschild sich eigenartigerweise in ihr Gehirn einbrannte, bis sie schließlich vor der Bürotür des Leiters des SGC, Maj. Gen. Hank Landry, stand und leise anklopfte. Als sich niemand meldete, wurde die Antikerin mutiger, öffnete die Tür etwas und schob ihren Kopf in den Spalt.
„Ah, Miss Uruhk. Ich habe gar nicht gehört, daß Sie schon da sind." Landry winkte sie in sein Büro.
Vashtu warf dem Chaos auf dem Gang noch einen langen und nachdenklichen Blick zu, dann trat sie schließlich doch in den Raum und blieb unverrichteter Dinge stehen. Irgendwie waren ihre beiden Hände plötzlich entschieden zwei zuviel für sie, sie wußte zumindest nicht so recht, wohin mit ihnen, wie meist, wenn sie in Landrys Büro zitiert wurde.
„Setzen Sie sich", forderte der General sie auf, sah aber dabei nicht einmal auf, sondern war offensichtlich gerade sehr mit irgendwelchen Listen beschäftigt, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten.
Vashtu schob sich auf einen der beiden Besucherstühle und wartete. Dabei sah sie hinaus in den Gateroom und konnte beobachten, wie ein neues Wurmloch sich etablierte. Weitere Kisten auf Rollwagen kamen auf der Erde an.
„Ziehen wir um?" fragte sie, als sie es nicht mehr aushielt.
Landry reagierte einen Moment lang nicht, blickte dann aber irritiert auf. „Wie bitte?"
Vashtu nickte zum Gate hinunter. „Die Kisten, Sir." Sie zog eine Grimasse.
Die letzten Tage war sie mit SG-15, dem Team, dem sie als wissenschaftliche Beraterin zugeteilt worden war vor etwa einem halben Jahr, unterwegs auf einem Planeten gewesen, dessen Bewohner der Fall der Systemlords nicht unbedingt als positiv empfanden. Tatsächlich stand die Bevölkerung kurz davor, in Chaos zu versinken. Da es auf einigen Nachbarplaneten zu Priorsichtungen gekommen war, hatte ein Team von der Erde dort nach dem Rechten sehen sollen.
Vashtu kniff die Lippen aufeinander. Jennings, der Leader des Teams, hatte sich über sie beschweren wollen bei Landry. Vielleicht hatte er das auch getan, sie wußte es nicht. Immerhin war sie damit beschäftigt gewesen, einen Widerstand gegen die Ori zu organisieren und den Menschen ein bißchen Selbstständigkeit einzubleuen, während der Rest des Teams lieber hatte abwarten wollen.
„WIR ziehen nicht um, nein." Landry legte den Ordner zur Seite, in dem er die Listen gelesen hatte, faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und seufzte. „Aber es wird gerade umgezogen, das ist richtig und betrifft auch Sie", fuhr er fort.
Vashtu schluckte und wartete, angespannt auf ihren Stuhl sitzend.
„Atlantis wird aufgegeben."
Allein dieser eine Satz war wie ein Keulenschlag.
Atlantis, ihre Heimat. Der Ort, an dem sie fast ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hatte. Und jetzt sollte ...
„Was ist mit Pegasus?" wagte sie zu fragen.
Die Atlantis-Expedition hatte dort in die bestehenden Machtverhältnisse eingegriffen und für einigen Wirbel gesorgt. Die Erde konnte sich doch nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen! Immerhin ging es um die Wraith ...
„Wir verhandeln deswegen ... und wegen Atlantis", antwortete Landry zögernd, lehnte sich jetzt zurück und sah sie an.
„Miss Uruhk, vielleicht möchten Sie jetzt zurückkehren in Ihre Heimat? Es sind andere wie Sie aufgetaucht."
Vashtus Augen wurden groß.
Andere wie sie? Andere Lantianer? Aber ...
Ein Verdacht keimte in ihr.
„Andere wie ich?" fragte sie vorsichtig.
Landry nickte. „Sie möchten erst einmal allein dort bleiben und sich ordnen", fuhr er fort. „Möglicherweise könnte jemand wie Sie Einfluß auf künftige Verhandlungen nehmen. Vielleicht kennen Sie diese Antiker ja. Sagt Ihnen der Name Helia etwas?"
Mit einem Schlag wich Vashtu das Blut aus dem Gesicht und sie überkam ein alles überwältigender Schluckreflex.
Ausgerechnet Helia! Verdammt, es gab doch noch mehr vermißte Schiffe! Aber nein, ausgerechnet Helias Schiff mußte gefunden werden. Und ausgerechnet diese Lieblingsschülerin von Moros mußte es auch geschafft haben, zehntausend Jahre zu überstehen.
Vashtu überlegte fieberhaft. Wenn irgendjemand ihren Namen Helia gegenüber erwähnt hatte, sah es übel für sie aus. Die Kommandantin würde sie nicht frei herumlaufen lassen - ach was, Helia würde sie gar nicht herumlaufen lassen. Wie hatte sie damals bei der Verhandlung vorgeschlagen? Waffe an die Schläfe und Abzug drücken, damit wäre das Problem gelöst. Zumal, nachdem sie sich den heutigen Menschen nicht nur angeschlossen, sondern ihnen auch noch Teile des Zentralspeichers zur Verfügung gestellt hatte. In Helias Augen war Vashtu damit eine Verräterin an ihrem Volk geworden. Und die Strafe für dieses Vergehen war auch schon vor zehntausend Jahren der Tod gewesen.
„Sir ... ?" Ihre Stimme klang klein und unsicher in ihren Ohren. Unbewußt hatte sie den Kopf eingezogen, während sie fieberhaft nachgedacht hatte.
Landry hatte ihre Reaktion mit einigem Interesse verfolgt, nickte jetzt stumm und wartete.
„Ich ... ich beantrage hiermit politisches Asyl auf der Erde, Sir", platzte es auch Vashtu heraus.
Damit allerdings schien Landry so gar nicht gerechnet zu haben. Er stutzte sichtlich, richtete sich wieder auf. „Sie wollen Asyl?" fragte er irritiert.
Vashtu nickte heftig.
Alles war besser als ausgerechnet jetzt nach Atlantis zurückzukehren. Einwirken würde sie zumindest nicht auf Helia können, ganz im Gegenteil würde sie schneller in der Brick landen, als sie auch nur ihren Namen aussprechen konnte.
Landry seufzte, zog dann einen Umschlag unter einem Stapel Akten hervor. „Ich werde sehen, was sich machen läßt und Ihren Antrag weiterleiten. Für Sie spricht, daß Sie sich bisher als recht kooperativ erwiesen haben. Allerdings haben Sie auch noch keiner Nation wirkliches Interesse gezeigt. Es ist gut möglich, daß man einer möglichen positiven Antwort ein entsprechendes Gesuch vorausschicken wird. Damit müßten Sie dann Staatsbürgerin eines Landes werden, Miss Uruhk. Haben Sie da einen bestimmten Staat im Auge?"
Wenn sie ehrlich war, hatte Vashtu sich bisher nicht wirklich für die Staatenordnung der Erde interessiert. Als sie hergekommen war, hatte sie nur so schnell wie möglich ein Ladegerät finden wollen. Daraus allerdings war recht schnell ein bloßer Überlebenskampf geworden, der schließlich darin mündete, daß sie ein eigenes, kleines Apartment ihr eigen nannte und vom Versuchskaninchen hochgestuft wurde zur wissenschaftlichen Beraterin. Einen möglichen Titel dagegen enthielt man ihr vor, da sie mit ihrem Wissen um Genetik nicht wirklich herausrückte. Das zumindest hatte sie interessiert und sie recherchiert, wie weit man hier in ihr Fachgebiet vorgedrungen war. Erschüttert hatte sie dann sofort begonnen zu mauern. Auf keinen Fall wollte sie ein Fiasko auslösen, wie es vielleicht eintreffen würde, würde sie ihr Wissen unter Beweis stellen. Allerdings verbaute sie sich auf diese Weise auch allerlei Möglichkeiten, die man ihr geboten hatte.
„Nein, Sir." Vashtu schüttelte bedauernd den Kopf.
Landry schob ihr den Umschlag zu. „Dann habe ich Sie hiermit darüber in Kenntnis zu setzen, daß Sie aus dem SG-Team Nummer 15 auf unbestimmte Zeit versetzt werden, zumindest bis dieses wieder einsatzbereit ist. Ihr geänderter Dienstplan sieht vor, daß Sie sich um siebzehnhundert zur Einsatzbespechung bei SG-11 melden. Als Beraterin werden sie dieses Team für die nächsten fünf Tage nach P7X-999 begleiten. Bei Ihrer Rückkehr schließen Sie sich dann umgehend SG-4 für weitere vier Tage an und untersuchen mit ihnen zusammen einen Wasserplaneten. Danach steht noch ein Kurzeinsatz mit SG-7 auf Ihrem Dienstplan. Es geht um die Evakuierung der Bevölkerung von P5X-156. Sie werden davon gehört haben. Zudem hat General O'Neill Sie zur Jefferson Airbase verlangt, um dort einige Testflüge durchzuführen. Wenn Sie fliegen wollen, dann dort. Ich habe diese Anfrage genehmigt für den 15. Ich hoffe, das ist in Ihrem Sinne."
Vashtu blieb der Mund offen stehen bei diesem Dienstplan. Damit dürfte sie für mindestens vierzehn Tage im Dauerdienst sein, ob nun hier oder auf fremden Planeten.
Grundsätzlich hatte sie ja eigentlich nichts dagegen einzuwenden, aber ...
„Wieso ist SG-15 außer Dienst gestellt?" fragte sie baff erstaunt.
„Colonel Jennings hat um Versetzung in eine andere Einheit gebeten und damit fehlt dem Team der Leader", antwortete Landry wenig bereitwillig. „Übrigens nannte er, mal wieder, Ihren Namen, als es um den Grund für die Versetzung ging. Miss Uruhk, Sie müssen allmählich lernen, sich unterzuordnen, sonst endet das noch übel für Sie."
Vashtu senkte schuldbewußt den Kopf. Dann aber ging ihr plötzlich etwas auf, was sie in dem ganzen Chaos in ihrem Inneren bisher vollkommen unterdrückt hatte.
„Was ist mit Colonel Sheppard?" Hoffnungsvoll blickte sie auf.
Landry sah auf den Umschlag hinunter, den er immer noch in der Hand hielt, schob ihn ihr dann schließlich zu. „Ich habe Sie darüber in Kenntnis zu setzen, daß das IOA sich weiterhin für eine Kontaktsperre zwischen ihnen beiden ausspricht. Da Sie sich bisher noch zu keiner Staatsangehörigkeit durchgerungen haben und somit mehr oder weniger in die Zuständigkeit der Internationalen Kommission fallen, können Sie diese Maßnahme auch nicht anfechten. Zudem hat die Air Force sich bis auf weiteres verpflichtet, diesen Konsens zu unterstützen. Sie haben ein bißchen zuviel Chaos angerichtet, Miss Uruhk."
Vashtu nahm den Umschlag mit gesenktem Kopf. Damit dürfte sich auch eine mögliche Zusammenarbeit zwischen ihr und John Sheppard auf der Erde gerade in Luft aufgelöst haben. Dabei, auch wenn sie alles tat, um davon abzulenken, sie vermißte ihn und wollte unbedingt wieder zu ihm zurück. Da konnte ihr fast noch Atlantis gleichgültig werden - auch wenn sie das niemals offen zugeben würde.
„Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Miss Uruhk." Landry lehnte sich wieder zurück, faltete jetzt die Hände über seinem Bauch. „Sie haben sich alles andere als positiv eingeführt auf der Erde, das ist auch den höheren Stellen nicht verborgen geblieben. Wenn ich Sie nur an den Unsinn erinnern darf, den Sie Silvester angerichtet haben ... an dieser Sache dürften Sie in der Tat noch einiges zu knabbern haben, denken Sie nicht?"
Wieder nickte sie, wagte nicht einmal mehr aufzublicken.
„Andererseits haben Sie sich seitdem nichts mehr zu Schulden kommen lassen. Vielleicht ist die Spitze des Eisbergs damit erreicht worden, daß Sie fast Ihren Arbeitsplatz in die Luft gesprengt hätten, ich zumindest hoffe es. Sie arbeiten inzwischen konzentrierter, wenn Sie sich auch immer noch nicht wirklich Ihren Vorgesetzten im Feld gegenüber mässigen. Dr. Lee schwört auf Sie als Assistentin und auch Dr. Lam hat sich in letzter Zeit etwas positiver über Sie geäußert. Vielleicht befinden Sie sich auf dem Weg der Eingliederung, es steht zumindest zu hoffen." Landry holte tief Atem. „Allerdings sollten Sie bedenken, daß gerade mit dem jetzigen Hintergrund jeder Patzer als doppelt gefährlich für Sie erweisen kann. Im Moment schulden Sie der Air Force einiges, jetzt müssen Sie dafür sorgen, daß diese Schulden nicht noch künstlich in die Höhe getrieben werden. Und das bedeutet: Sie werden tun, was man von Ihnen verlangt. Suchen Sie keinen Kontakt zu Colonel Sheppard, Miss Uruhk, und nehmen Sie sich in nächster Zeit nichts mehr heraus. Je pflegeleichter Sie sich im Moment betragen, desto besser für Ihren Asylantrag. Man hat Vertrauen in Sie gesteckt, nun müssen Sie sich dieses Vertrauens für würdig erweisen. Verstanden?"
Vashtu nickte, halb erleichtert, halb allerdings auch am Boden zerstört.
„Dann gehen Sie jetzt. Wir sehen uns beim Briefing." Landry seufzte schwer. „Und hoffen wir, daß Sheppard sich als ebenso verständnisvoll wie Sie erweist."
Vashtu schlich geradezu aus dem Büro heraus, nur um in den nächsten Wissenschaftler zu laufen. Mit krebsrotem Gesicht entschuldigte sie sich und suchte ihr Heil in der Flucht.

***

3 Wochen später, Las Vegas, Nevada:

„Ma, ich bin zuhause!" Dr. Harvey Minneon schloß die Haustür hinter sich und blinzelte kurzsichtig in die Helligkeit der Deckenlampe hinein. „Ma?"
„Ach, mein Junge!"
Eine Sekunde nach diesem Ruf fand der Physiker sich unvermittelt in einer schwitzigen Umarmung wieder und erntete einen feuchten Schmatzer auf die Wange, ehe er sein Gesicht hatte in Sicherheit bringen können.
„Harvey, mein armer, armer Junge!" Misses Minneon, eine übergewichtige, ältliche Frau mit freundlichem Gesicht und graumelierter Dauerwelle, strahlte ihren Sohn glücklich an. „Komm doch erst einmal richtig rein."
Minneon nickte erleichtert, kramte jetzt doch seine Brille aus der Brusttasche seines Hemdes und folgte seiner Mutter schicksalsergeben in die Küche hinein.
„Daß sie dir aber sowas antun mußten! Also wirklich! Du warst doch so glücklich, daß deine Bewerbung für diesen neuen Stützpunkt angenommen wurde", plapperte seine Mutter vor sich hin. „Und dann auch noch sowas! Die Army sollte sich doch einmal überlegen, ehe sie Stellen ausschreibt, die sie dann nicht einhalten kann. Bertha meinte, vielleicht könntest du sie sogar verklagen, weil sie dich ja unter Vorspiegelung falscher Tatsachen von deinem Posten weggelockt hätten."
Minneon verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Ma, das waren keine Vorspiegelungen", wandte er ein, betrat hinter ihr die Küche im siebziger-Jahre-Retro-Stil (nur das eben noch alles eben aus dieser Periode stammte) und ließ sich auf einem verrosteten Metallstuhl mit sattrotem Kunstlederbezug nieder. „Und es ist nicht die Army, sondern die Air Force. Der Stützpunkt wurde geschlossen, vielleicht nur vorübergehend, Dr. Weir äußerte sich nicht näher dazu. Jedenfalls wird weiter verhandelt und man hat mir in Aussicht gestellt, daß ich zurück kann, sobald man ihn wieder eröffnet. Außerdem habe ich meinen alten Job ja wieder dank Dr. McKay. Und Groom Lake ist so schlimm nun auch wieder nicht."
Mrs. Minneon rührte in ihren Töpfen, aus denen heißer Dampf aufstieg. „Dieser ... dieser McKay! Wie kannst du nur für einen Kanadier arbeiten? Wieso holt die Army sich überhaupt einen Kanadier in ihre Forschungseinrichtungen? Wir haben doch selbst genügend gute Wissenschaftler. Immerhin haben wir als erste die Bombe geworfen." Stolz hob sie den, vor Tomatensoße kleckernden Kochlöffel und hielt ihn hoch wie eine übergewichtige, in die Jahre gekommene Parodie der Freiheitsstatue in New York.
Minneon seufzte. „McKay ist unausstehlich, aber er ist schlichtweg genial", beteuerte er. „Ich kenne auf dieser Welt nur zwei, die mit ihm mithalten können ... nun ja, der kleine Babbis ist noch nicht ganz so weit, wird es aber sicher in einigen Jahren sein. Und Dr. Carter ist schlichtweg ein Genie, ihr kann so schnell keiner das Wasser reichen."
Er fühlte einen gewissen Stolz in sich, wenn er daran dachte, daß er immer noch mit wahrscheinlich dem Trio von Wissenschaftlern zusammenarbeiten durfte, das irgendwann die Erde in ein neues Zeitalter katapultieren würde. Ob nun hier oder auf Atlantis, er hatte einen wahren Glücksgriff getan, als er sich bei der Air Force bewarb.
„Groom Lake!" Seine Mutter schnaubte, drehte sich wieder um und blitzte ihn an. Die Liebe und Güte in ihrem Gesicht war Abscheu gewichen. „Du weißt doch, was diese UFO-Gläubigen darüber sagen. Ich war froh, daß du dort nicht mehr gearbeitet hast. Und jetzt willst du wieder dahin zurück?"
Minneon zuckte mit den Schultern. „Ich bin weiterhin in McKays Forschungsgruppe." Er runzelte die Stirn. „Da fällt mir ein, sind meine Sachen schon geliefert worden?"
Seine Mutter nickte. „Ich habe die Männer angewiesen, alles in dein Zimmer zu bringen, bis auf diese große Kiste. Die steht in der Garage."
Er strahlte. „Großartig! Ich habe dir nämlich etwas mitgebracht, Ma." Er erhob sich wieder. „War gar nicht so einfach, das am ... Zoll vorbeizuschmuggeln. Aber ... du wirst staunen!"
Das würde sie sicherlich, davon war er überzeugt. Es war schwer genug gewesen, das schwere Ding durchs Tor zu schmuggeln. Aber damit und mit ein bißchen Glück würde er vielleicht sogar irgendwann sein eigenes Labor eröffnen können.
„Harvey, du mußt doch erst einmal etwas essen!" Seiner Mutter schien allein der Gedanke, ihn ausgerechnet jetzt wieder vom Tisch abrücken zu sehen, schon ein wahrer Alptraum zu sein.
„Ich bin doch gleich wieder da." Minneon strahlte sie an, entwischte schon wieder durch die Tür auf den Flur hinaus und eilte diesen zum Hauseingang der Garage hinunter.
Wenn dieses Ding wirklich, wie er glaubte, das enthielt, was er annehmen mußte, dann ...
Minneon öffnete die Tür zur Garage, tastete kurz nach dem Lichtschalter und wartete, bis die Neonröhre unter der Decke knackend ansprang, ehe er den Raum betrat.
Der alte Kombi seiner Mutter stand als einziges Fahrzeug hier, auch wenn genug Platz für einen zweiten Wagen da war. Diesen Stellplatz nahm im Moment eine mannshohe Kiste ein, an deren Seite noch das Emblem der Air Force eingebrannt war.
Minneon seufzte erleichtert, trat dann näher. Und da hörte er es ... ein durchdringendes Brummen und Zischen - eine Sekunde, ehe seine Welt in Schmerz versank ...

***

Nachts, gleiches Haus:

Die Schatten lösten sich aus den vertrockneten Sträuchern des Gartens und pirschten sich, als seien sie auf der Jagd, an das Gebäude heran.
„Bist du sicher, Josh?" wisperte eine Stimme. „Da ist doch noch Licht!"
„Die rühren sich nicht mehr. Haben wahrscheinlich nur vergessen, das Licht zu löschen", entgegnete die zweite Stimme. „Und ich habe dieses Megading wirklich gesehen. Wird krass werden, wenn wir die da rausholen können."
Die Schatten traten an die Garage heran. Ächzend und stöhnend, aber so leise wie eben möglich, schoben sie an dem schweren Tor, bis es schließlich nachgab.
Das Garageninnere war hell erleuchtet. Ein bräunlicher, alter Kombi stand ordentlich geparkt auf dem rechten Stellplatz, der linke dagegen wurde von einer mannshohen Kiste eingenommen, an deren Seite das Emblem der Air Force prankte.
„Cool!"
Die beiden Schatten lösten sich aus der Nacht und betraten die fremde Garage. Als das weißliche Licht der Neonröhre unter der Decke sie traf, enthüllten sie ihr Geheimnis: zwei männliche Teenager, schlacksig und mit akneverseuchtem Gesicht der eine, breitschultrig und durchtrainiert der andere.
„Hilf mir, na los!" Der Durchtrainierte hatte sich augenblicklich der Kiste zugewandt, dem Objekt seiner Begierde.
Der andere zögerte noch, ehe auch er herantrat, nach der Kiste griff und sie hochstemmte. „Scheiße, ist die schwer!" ächzte er.
„Halt die Klappe. Wir müssen weg, ehe man uns bemerkt", zischte der erste.
Und da sahen sie beide die Beine, die unter dem Kombi hervorlugten. Einen Moment lang wollten sie die Kiste fallenlassen, als sie die Zuckungen bemerkten. Immerhin waren sie beide erfahrene Horrorfilm-Fans, sie wußten, was dieses Zucken bedeutete. Doch es schien, als seien ihre Hände mittlerweile mit der Kiste verwachsen. Statt sie fallenzulassen, schleppten sie sie so eilig wie möglich weg.

***

Einige Minuten später, Notrufzentrale:

„Hallo?"
„Sie wollen einen Notfall melden?"
„Ja, äh, da ... Oh Mann, ich glaube, der Typ ist richtig tot. Der zuckte so komisch!"
„Sir? Sir? Können Sie das bitte präzessieren?"
„Hören Sie, da draußen, Washington Street. Da liegt ein Toter in der Garage!"
„Ist das jetzt ein verfrühter Halloweenscherz? Wer ist da?"
„Mann, Lady, ich will doch nur ..."
Stimme im Hintergrund, dann wird aufgelegt.
„Hallo? Hallo?"

***

Eine Stunde später, Haus der Minneons:

Als Gil Grissom am Tatort eintraf, erwartete ihn bereits ein sichtlich amüsierter Captain Jim Brass, der schmunzelnd sein Notizbuch zückte und wartete, bis der Team-Leader der Nachtschicht die Einfahrt der Minneons heraufgekommen war.
„Ein Tatort für den Käfermann", begrüßte der Polizist ihn mit breitem Grinsen.
Grissom, seines Zeichens von Berufswegen Entomologe, hob die Brauen, warf dem Haus, und damit dem Tatort, einen langen Blick zu. „Catherine hat mich bestellt", bemerkte er dann.
„Auf mein Dazutun. Es wird Sie sicherlich freuen, Grissom." Dieses Grinsen schien tatsächlich in Brass' Gesicht wie festgetackert zu sein. „Ein paar Jugendliche haben sich wohl einen Scherz erlauben wollen. Im Moment ermitteln wir gerade den Aufenthaltsort der echten Bewohner, einer Mrs. Georgina Minneon und ihrem Sohn, Doktor Harvey Mineon. Ich schätze, die beiden feiern gerade am Strip eine Willkommensparty und wollen, wenn sie nach Hause kommen, bestimmt nicht dieses Chaos vorfinden. Die Jugendlichen waren so klever, auf einem Handy anzurufen, auch da sitzt schon jemand dran und sucht den Besitzer. Ich schätze, das wird ein klarer Fall von gemeinnütziger Arbeit an soundsovielen Wochenenden. Man kennt ja unsere Jugendrichter ..."
Grissom betrat jetzt an der Seite des betagten Polizisten den vermeintlichen Tatort, das Haus der Familie Minneon, und suchte seine Brille aus der Brusttasche. „Und was genau haben diese Jugendlichen getan, daß ihr mich braucht?" erkundigte er sich.
„Zuviel zu tun?" Brass schmunzelte wieder, winkte einem Officer zu und ging voran, in Richtung der Küche. „Die Kids haben sich irgendwoher ein paar Leichen besorgt und sie hier im Haus dekorativ positioniert. Wenn die Minneons keine Anzeige erstatten, wird's wohl wirklich auf gemeinützige Arbeit hinauslaufen. So recht frisch sehen die Leichen nämlich nicht mehr aus. Hier." Brass trat zur Seite und ließ dem Tatortermittler den Vortritt in die Küche hinein.
Grissom erfaßte mit beinahe computerhafter Genauigkeit die Details des Raumes. Die verlebten Möbel, das Spritzmuster, das Töpfe und hintere Wand bedeckte, das Geschirr auf dem einfachen Eßtisch - und den vertrocknet wirkenden Leichnam, der vor dem Herd lag.
Catherine Willows, seine Stellvertreterin, war gerade dabei, den Tatort zu dokumentieren mittels ihrer Kamera, sah jetzt auf. „Ich schätze, da ist mal wieder jemand über einen alten Indianerfriedhof in der Wüste gestolpert", sagte sie. „Andererseits gibt es da einige Ungereimtheiten. Warum sollten die Jugendlichen hier Essen kochen, da das Haus doch bewohnt ist, zum Beispiel."
Grissom nickte schweigend, die Augen starr auf einen grünlichen, schimmernden Fleck auf dem schachbrettfarbenen Linoleumboden gerichtet. Langsam trat er um den Tisch herum und erstarrte, als er sah, was dort auf dem Boden lag.
„Wie es scheint, ein weiteres Opfer", kommentierte er trocken, ging dann aber in die Knie, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen.
„Darum brauchen wir dich ... den Käfermann", erklärte Catherine lächelnd, ließ die Kamera langsam an dem Band um ihren Hals hängen und nahm neben ihrem Kollegen Aufstellung.
„Haberman, einer der beiden Kollegen, die hier als erstes eintrafen, hat das Vieh gefunden und zertrampelt. Er schwört Stein und Bein darauf, daß es ihn angreifen wollte", erklärte Brass nach einem weiteren Kontrollblick in seinen allwissenden Notizblock.
Grissom neigte leicht den Kopf, betrachtete forschend weiter, was da auf dem Küchenboden klebte.
„Mächtig große Kakerlaken dieses Jahr", beendete Brass seinen Bericht und klappte sein Büchlein zu, um es dann in seiner Brusttasche verschwinden zu lassen.
„Sag mir, wer ich bin, und ich sage dir, was ich kann", murmelte Grissom endlich, beugte sich vor. Mit einem Stift stocherte er in dem grünlichen Brei herum, dessen Ränder noch von vier Beinen und einem sehr langen, peitschenartigen Schwanz begrenzt wurden.
„Wie bitte?" Catherine warf ihm einen langen, fragenden Blick zu.
Grissom nickte. „Das hier ist ein Problem." Er richtete sich wieder auf und drehte sich zu Brass um. „Ich brauche den Rest dieses Käfers, um eine Analyse vornehmen zu können. Haberman soll seine Schuhe abgeben. Und jeder einzelne hier sollte sich so ruhig und still wie möglich verhalten. Möglicherweise war das nicht der einzige, der hier ist."
Catherine sah ihn einen Moment lang mit stummer Verwunderung an, dann blinzelte sie. „Du denkst tatsächlich, das ist eine neue Art?"
Grissom nickte, gerade in dem Moment, in dem sich Willows' Funkgerät meldete.
„Leute, das solltet ihr euch vielleicht mal ansehen ... und wenn Grissom da ist, dann soll er sehr schnell in die Garage kommen", sagte die Stimme von Warrick Brown.
Grissom warf noch einen Blick auf die mumienhafte Leiche vor dem Herd, dann folgte er den anderen wieder zurück in den Flur.

***

Sara Sidle und Warrick Brown befanden sich allein in der Garage, als die anderen diese betraten. Beide standen in einer schlecht ausgeleuchteten Ecke auf der anderen Seite des Kombis und schienen sich bis zum Eintritt von Grissom, Catherine und Brass angeregt unterhalten zu haben.
„Grissom", begrüßte der Afroamerikaner seinen Chef. „Sieh dir mal dieses Vieh an." Damit trat er einen Schritt zur Seite und gab den Blick frei auf etwas, was im wenigen Licht weißlich schimmerte. „Welche Spinne auch immer ihr Netz hier gesponnen hat, sie dürfte für die nächsten Jahre Festbankette geben dürfen."
Ein brodelndes Zischen war zwischen Warricks Worten zu hören.
Sara hob langsam und vorsichtig die Hand. „Ich wäre mir da noch nicht ganz so sicher, ob der wirklich im Netz festhängt", sagte sie. „Das klang zumindest ziemlich sauer."
Grissom war während dieses kurzen Schlagabtausches nähergekommen und blieb jetzt sichtlich fasziniert stehen.
In der Ecke befand sich, vom Boden bis zur Decke reichend, ein silbrig-weißes Gespinst, das wirklich fast wie ein Spinnennetz wirkte. Und in der Mitte dieses Netzes hing der gewaltigste Käfer, den der Tatortermittler je in seinem Leben zu sehen bekommen hatte. Es schien sich um ein ähnliches Exemplar zu handeln wie das zertretene in der Küche, nur ungleich größer. Grissom bezweifelte ernsthaft, ob hier eine Schuhsohle noch würde ausreichen, um den Panzer zu sprengen. Der lange Schwanz zuckte unregelmäßig mit peitschenden Bewegungen durch die Luft. Und noch immer gab dieses gewaltige Insekt, es besaß wenigstens die Größe eines Männerkopfes, dieses brodelnde Zischen von sich.
„Was war zuerst da, das Netz oder der Käfer?" wandelte er die allseitsbekannte Urfrage der Wissenschaft zu seinen Gunsten ab.
Grissom mußte zugeben, er war von diesem eigenartigen Wesen fasziniert, doch gleichzeitig riet ihm sein gesunder Menschenverstand, diesem eigentümlichen Insekt auf keinen Fall näherzukommen als unbedingt nötig. Andererseits aber benötigte er dieses Exemplar zur näheren Erforschung der Spezies - und zur Beweissicherung.
„Hey, Leute, wir haben noch was gefunden", bemerkte die nächste, vermißte Stimme des Teams. Nick Stokes hatte die Garage betreten. „Diese Kids scheinen ja mächtig von der Rolle gewesen zu sein. Hinten im Flur liegt die mumifizierte Leiche eines Hundes."
Grissoms Hirn nahm die Arbeit auf. Er wandte sich von dem eigentümlichen Käfer ab und sah zu der zweiten Leiche hinüber, die halb unter dem Kombi lag. Auch diese war deutlich mumifiziert und schien schon recht alt zu sein. Andererseits aber ...
Grissom trat näher, hockte sich dann hin und betrachtete den Leichnam.
Die Mumie trug moderne Männerkleider. Dabei wirkte die Haut so trocken und spröde, daß es ihm unmöglich schien, sie nachträglich eingekleidet zu haben. Das war ein Punkt, den er auch schon an der ersten Mumie festgestellt hatte. Allerdings war er auch zu abgelenkt gewesen durch den Fund dieses eigenartigen Käfers, daß er schlichtweg die Fakten beiseite geschoben hatte.
Er richtete sich wieder auf und warf Brass einen Blick zu. „Sie meinten, die Minneons seien auf dem Strip zum Feiern?" fragte er, nickte dann zu dem Kombi. „Warum nehmen sie dann nicht ihren Wagen mit?"
Catherine drehte den Kopf zu dem in der Ecke verharrenden Käfer, sah dann wieder ihn an. „Du meinst ... ?"
Grissom nickte. „Ich schätze, wir haben die Leichen von Mrs. Minneon und von ihrem Sohn. Und irgendetwas scheinen diese Käfer damit zu tun zu haben." Er wies in die Ecke hinein.
Sara wich deutlich schaudernd noch einen Schritt zurück. „Du denkst, diese Käfer sind dafür verantwortlich, daß die Leichen mumifiziert sind?"
Es war die logische Konsequenz, wenn er seinen Verdacht weiter verfolgte. „Es ist unmöglich, eine Trockenmumie anzukleiden, ohne sie zu beschädigen", erklärte er. „Wir müssen den Käfer mitnehmen, und die Überreste des zweiten."
Von diesem Vorschlag allerdings schien keiner wirklich begeistert zu sein.

***

Zwei Tage später, SGC:

Er hatte sie wieder verpaßt! Es war ja wirklich allmählich zum Auswachsen. Dabei hätte er jetzt, da sie beide endlich wieder gemeinsam zumindest doch wohl auf einem Planeten weilten, sich gern wieder mit ihr getroffen. Vielleicht wäre sogar ein Dinner drin gewesen, wenn nicht sogar mehr.
Lt. Colonel John Sheppard hatte sich brütend hinter der Akte verborgen, die er eigentlich hatte lesen wollen. Seinen Gast ignorierte er weitestgehend, für ihn hatte er inzwischen mehr als genug Zeit geopfert, um sich seine Meinung bilden zu können.
John fühlte sich zum wohl tausendsten Mal übergangen, seit er wieder auf der Erde weilte. Nicht genug damit, daß man ihn hatte über Tage schmoren lassen, jetzt setzte man ihm ein fertiges Stargate-Team vor die Nase, bei dem er aber auch nicht das leiseste Mitspracherecht gehabt hatte. Nun ja, er war sich ziemlich sicher, mit diesem Captain Horowitz relativ gut auskommen zu können. Die Streitfrage waren da eher die beiden Wissenschaftler, die er mitschleppen sollte. Ein gewisser Dr. James-Robert Wallace und der gerade anwesende Peter Babbis. Dessen Redezeit war seit mindestens fünf Minuten abgelaufen, was ihn allerdings wenig zu stören schien. Wie ein Maschinengewehr rasselte er weiter seine Tirade darüber herunter, daß er, Babbis, schließlich derjenige war, der dem neu aus dem Boden gestampften SG-Team mit der nicht gerade kleinen Nummer 27 zu seinem Ruf verhelfen würde, während er, John Sheppard, gefälligst auf die Genialität des jungen Wissenschaftlers Rücksicht zu nehmen hatte.
Irgendwie kamen John Teile dieser Tirade denn doch bekannt vor. Bekannt genug, um eine andere Sehnsucht in ihm zu wecken. Also hatte er irgendwann beschlossen, Babbis reden zu lassen, sich dessen nicht gerade dünne Akte zu schnappen und sich in seinen eigenen Gedanken zu vergraben.
Seit zwei Wochen war er jetzt auf der Erde, doch wohl fühlte er sich beileibe immer noch nicht. Es war, als sei er zurückgekehrt zu einem vollkommen fremden Planeten, dessen Entwicklungsstufe und Bevölkerung er zwar kannte, aber mit dem er nicht wirklich etwas anfangen konnte. Und die, mit denen er etwas hätte anfangen können, saßen entweder in Nevada, hatten sich wußte-der-Himmel-wo verkrochen, wurden mit Arbeit zugeschüttet oder schlichtweg von ihm ferngehalten. Er hatte zu kaum jemanden der Atlantis-Mission noch wirklichen Kontakt. Nur Rodney und er telefonierten fast jeden Tag, ansonsten herrschte Funkstille. Selbst Carson Beckett und er waren zu beschäftigt, um sich mehr als einen guten Tag zu wünschen, liefen sie sich wider Erwarten einmal im Cheyenne-Mountain über den Weg. Elizabeth hatte John seit ihrer Rückkehr nicht mehr gesehen, Lorne war auf eine der Außenbasen versetzt worden, Radek spukte irgendwo in Europa herum.
Doch das war es alles nicht, was tief in John nagte. Er vermißte jemand ganz bestimmten und hatte gehofft, sich seine Rückkehr zur Erde zumindest mit ihr ein wenig versüßen zu können. Die Antikerin Vashtu Uruhk, die letztes Jahr plötzlich aus einem versiegelten Bereich der Stadt aufgetaucht war, sie fehlte ihm.
Dabei hatte Landry ihn, kaum daß er auf der Erde angekommen war, einmal ins Gebet genommen und ihm eine Streitschrift des IOA übergeben, in dem auch weiterhin an dem strikten Kontaktverbot zwischen ihm und der Antikerin festgehalten wurde.
Das letzte Jahr über war das kein großer Hinderungsgrund für sie beide gewesen, über Carson Beckett hatten sie mehr oder weniger regelmäßig Briefe getauscht, ab und an hatte sich auch Hermiod bereit gefunden, die eine oder andere Nachricht zu transportieren. John hatte also eigentlich gehofft, daß die ganze Sache einfacher werden würde, wenn er erst auf der Erde war. Da aber hatte er ganz offensichtlich die Rechnung ohne IOA und SGC gemacht ...
Ihm war es gelungen, zumindest Einsicht in Vashtus Dienstplan zu erhaschen, und war überrascht gewesen, daß sie offensichtlich die ganze Zeit im Dauerdienst unterwegs war, teils in diversen SG-Teams, teils aber auch auf der Erde. So war sie vor drei Tagen nach Nellis abkommandiert worden, um einen Flugtest durchzuführen. Seitdem herrschte Schweigen im Rechner.
John seufzte ton- und lustlos.
Daß ihm seine eigene Heimatwelt einmal fremd werden würde, daß man ihm ständig Knüppel zwischen die Beine warf, nein, mit nichts davon hatte er wirklich gerechnet. Im Gegenteil hatte er gehofft, daß seine Anstrengungen auf fruchtbarem Boden gefallen waren und man seine Verdienste anerkannte. Irgendwo tief in sich spürte er, daß Landry das auch durchaus tat, dem General aber auch die Hände gebunden waren und er, wie sie alle, Befehle ausführte.
John ging auf, daß plötzlich Schweigen sein Büro füllte, wagte einen Blick hinter der Akte hervor auf den jungen Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches.
Peter Babbis war gerade einmal aus den Teenager-Jahren heraus. Letzte Aknespuren zierten seine Stirn, Augen und Mund wirkten verkniffen und zu ernst für sein Alter. Er war schlacksig und irgendwie wirkte er einfach wie zu hoch geschossen, dabei hatte er eine relative Durchschnittsgröße. Dennoch wirkte seine Kleidung an ihm, als sei sie ihm mindestens zwei Größen zu groß.
„Haben Sie mir überhaupt zugehört?" beschwerte Babbis sich in diesem Moment.
Was sollte er tun? Tatsächlich hatte er schon eine ganze Weile nicht mehr wirklich zugehört. Sollte er das wirklich zugeben oder sollte er lieber pokern?
John entschied sich für letzteres, legte die Akte auf den Schreibtisch zurück und musterte seinen Gegenüber.
„Sie lassen sich bereits mit Doktor anreden, auch wenn Sie offiziell noch keinen Doktortitel tragen", begann er seine Aufzählung und hoffte einfach nur das beste - nämlich auf irgendeine Art von göttlicher Fügung. „Desweiteren glauben Sie, daß Sie für das Gelingen des neu entstandenen Teams zuständig sind, während Horowitz und ich auf Ihre Sicherheit zu achten haben. Sie haben sich bei der Endfertigung der Prometheus Ihre Sporen verdient und sind interessiert an Antiker-Technologie ..." John stockte.
Babbis arbeitete schon einige Monate im SGC, bisher als Assistent für irgendeinen der anderen Wissenschaftler. Er hegte offensichtlich reges Interesse an jeglicher Antikertechnik und somit ...
John neigte den Kopf ein wenig und sah seinen Gegenüber fragend an. „Dr. Babbis, kennen Sie eigentlich Vashtu Uruhk?"
In diesem Moment klingelte sein Telefon.
John zuckte zusammen, während Babbis auf der anderen Seite des Schreibtisches krebsrot anlief. Wenn Blicke töten konnten, die des Nachwuchswissenschaftlers taten es in diesem Moment sicher, befand der Luftwaffenoffzier, während er zum Hörer griff.
„Sheppard, Sie werden nie erraten, wer mir hier bei dieser Datenbankverbindung hilft, die wir in diesem merkwürdigen Labor gefunden haben", platzte Rodney McKays Stimme mitten in das Chaos in Johns Kopf hinein.
Was?
„Rodney?"
„Nein, so gut bin ich nun auch wieder nicht, daß ich mich klonen kann. Obwohl das natürlich schon recht schmeichelhaft wäre für mich. Sheppard, Ihre kleine Freundin ist hier bei mir - und sie hat den verfluchten Steuerkristall, den Sie ja angeblich verloren haben."
Vashtu war ... John riß die Augen auf.
Vashtu war in Nevada bei McKay und half dem, die Antikerdatenbank weiter zu entschlüsseln? Wie kam sie denn jetzt ... ?
Das war nicht wichtig, rief er sich sofort zur Ordnung, während Babbis' Gesicht immer ungesünder wirkte. Der junge Mann blähte die Wangen auf, daß er aussah wie ein vollbeladener Hamster.
„Ist sie da?" platzte es aus John heraus.
Endlich hatte er die Möglichkeit, auf die er jetzt schon lauerte, seit er durch das Tor zurückgekommen war.
„Wenn sie nicht hier wäre, hätte ich Sie wohl kaum angerufen", entgegnete Rodney prompt und zauberte damit ein breites Grinsen auf Johns Gesicht.
Babbis' Hautfarbe war mittlerweile bei dunkelrot angekommen. Es sah aus, als würde der Nachwuchswissenschaftler gleich vor unterdrückter Wut platzen.
„Sie vermissen mich doch, sonst würden Sie nicht ständig mit mir telefonieren", behauptete John.
„Ich tue was? Soll das ein Witz sein?" brauste Rodney am anderen Ende der Leitung auf.
Johns Grinsen wurde noch breiter. „Geben Sie sie mir bitte. Sie werden es doch wohl aushalten, wenn ich einmal nicht stundenlang mit Ihnen turtele, oder?"
„Spielen wir jetzt wieder den Kirk?" Ein undeutlicher Stimmwechsel. Rodney hielt wohl die Sprechmuschel mit der Hand zu, so daß John nicht verstehen konnte, was sie da im einzelnen diskutierten. Doch sein Herz tat unwillkürlich einen Hüpfer, als er ihre Stimme hörte. Sie klang immer noch so, wie er sie in Erinnerung hatte, weiblich aber dunkel, mit einem leichten Akzent. Wenn sie sprach klang es, als täte sie das in einer Art Singsang.
Augenblicklich war es, als stünde sie vor ihm. Er würde jede Wette darauf eingehen, daß er sie haargenau beschreiben könnte, wenn er jetzt die Augen schließen würde.
„Sie will nicht." Rodneys Stimme klang trocken.
Johns kurzer Höhenflug endete abrupt. „Sie will was nicht?"
„Mit Ihnen sprechen." McKay war eindeutig zu wortkarg für sich selbst.
„Warum nicht?"
„Woher soll ich das wissen?"
„Dann fragen Sie sie doch."
„Sie ist weggegangen und kontrolliert noch einmal die Anschlüsse."
„Dann fragen Sie sie, wenn sie wieder zurückkommt."
„Warum sollte ich das tun?"
„Weil Sie mir damit einen Gefallen tun würden, Rodney."
„Und warum sollte ich Ihnen einen Gefallen tun, Sheppard?"
Weil wir Freunde sind, schoß es John augenblicklich durch den Kopf, doch er schwieg. Es fiel ihm schwer, über seine Gefühle zu sprechen, gleich ob es nun seine Freundschaft mit jemandem wie McKay anging oder das, was er für Vashtu empfand.
Himmel, er hatte diese Frau im Arm gehalten, sie an sich gedrückt, als wolle er mit ihr verschmelzen. Warum hatte er damals seine Chance nicht genutzt? Warum ... ?
Die Tür öffnete sich und ein Mann trat ein.
„Tut mir leid, wir reden später."
Ohne auf McKays Einwand zu warten legte John auf und wandte sich seinem neuen Gast zu:
Lt. Colonel Cameron Mitchell, der ihn kumpelhaft angrinste.
Sein Büro schien zum Taubenschlag zu mutieren, mutmaßte John, als er dem Leader von SG-1 grüßend zunickte.
„Sheppard?"
„War's das jetzt?" nörgelte Babbis in diesem Moment.
John hatte die Anwesenheit des jungen Mannes fast vergessen. Jetzt zuckte er tatsächlich zusammen, als er plötzlich seine Stimme hörte. „Ja, sicher." Irgendwie brachte er denn doch ein Lächeln zustande. „Wir sehen uns beim Briefing, Doc."
Babbis warf ihm einen deutlich unterkühlten Blick zu, während er sich erhob. So würdevoll es ihm offensichtlich möglich war schritt der junge Mann zur Tür, sah Mitchell noch kurz an, ehe er das Büro verließ.
John atmete tief ein. „Colonel, was kann ich für Sie tun?" fragte er und erhob sich so unauffällig wie möglich.
„Landry schickt mich", erklärte der Leader von SG-1 und kreuzte die Arme vor der Brust.
John runzelte die Stirn. „Was will der General?"
„Es geht wohl um einen Unfall, in den ein Mitglied der Atlantis-Mission verwickelt ist. Die Polizei weiß offensichtlich nicht weiter und hat um Berater gebeten." Mitchells Grinsen wurde noch breiter. „Wir beide fahren also nach Las Vegas!"
John riß ungläubig die Augen auf, dann erwiderte er das breite Grinsen, wenn auch aus einem anderen Grund.
Las Vegas und AREA 51 lagen beide nicht sonderlich weit von einander entfernt in Nevada. Wenn das also kein Wink des Schicksals war ...

TBC ...
(Comments sind wie immer willkommen)