19.02.2010

Tom III

An Babbis' Seite, Theorim im Schlepptau, hetzte sie zurück zum Gate. In ihr staute sich alle Wut, die sie je empfunden hatte. Sie wußte selbst nicht, warum sie plötzlich Grenzen überschritt, die für sie bisher immer tabu gewesen waren. Und, ehrlich gesagt, im Moment wollte sie es auch nicht wissen.
„Dorn, Rückzug zum Gate und Einwahl zur Erde!" befahl sie. „Könnte heiß werden. Uns ist ein Mutterschiff direkt auf den Fersen."
„Mam, ein Problem", antwortete der Marine.
Vashtu stieß Theorim vor sich her und verlangsamte ein wenig ihre Schritte. „Problem, Dorn? Was für ein Problem?"
„Wie es aussieht, ist der Steuerkristall für das DHD weg, Mam", meldete Dorn. „Wallace wollte schon einwählen, aber es klappt nicht."
Das war so ziemlich der längste Satz, den sie je von dem alternden Marine gehört hatte. Und das bereitete ihr mehr Sorgen als sie vermutet hätte.
Unvermittelt blieb sie stehen und zwang auch den Warlord zum Halten. Babbis lief noch ein paar Schritte, dann drehte er sich um.
„Sie laufen zum Gate, Peter", befahl sie, wandte sich dann Theorim zu: „Und du, du schmieriger kleiner ... Du wirst mir jetzt sofort verraten, wo der Steuerkristall ist." Eiskalt legte sie auf den Mann der Lucian Alliance an.
Der starrte sie entgeistert an, schrumpfte dann wieder in sich zusammen. „Bestimmt hat Rodirhc ihn", flüsterte er heiser.
„Rohdirhc also, soso ..."

***

„Dieser Dorn ... das ist nicht ganz zufällig Ihr Vater, oder?" Tom aß jetzt weiter.
Vashtu stutzte. „Dorn? Nein, er ist nicht mein Vater." Sie grinste. „Ich bin seine Vorgesetzte. Er ist ein netter Kerl."
Tom sah wieder auf. „Wenn er Sie besuchen kommt, wenn sie krank sind, Sie sogar zu einem Baseballspiel einlädt, dann müssen Sie aber eine gute Vorgesetzte sein, Vashtu."
Sie runzelte die Stirn. „Ich verlasse mich gern auf meine Leute. Und sie verlassen sich wohl auch auf mich ..."

***

„SG-27, Sie haben grünes Licht."
Vashtu stand vor dem Wurmloch und starrte es an. Ihr Herz klopfte hart gegen ihre Rippen.
Was erwartete sie auf der anderen Seite dieses Tores? Wo würde sie sich wiederfinden? Würde wieder ... ?
„Alles in Ordnung, Mam?" fragte Dorn an ihrer Seite.
Sie dachte an die Gespräche mit Dr. Heightmeyer, die sie auf Atlantis des öfteren auf der Krankenstation besucht hatte. Wenn sie weiter für das SGC arbeiten wollte, so hatte die Psychologin ihr gesagt, müßte sie sich ihren Ängsten stellen und sie auf diese Weise bekämpfen.
Das klang einfach, sehr einfach. Aber jetzt das erste Mal vor dem geöffneten Gate zu stehen und nicht zu wissen, ob sie auf der anderen Seite nicht wieder eine Falle erwartete ... Zweifel nagten an ihr.
Sie hatte es John versprochen! Sie würde weitermachen, so wie auch er weitergemacht hatte.
„Alles in Ordnung, Serge." Sie richtete sich stocksteif auf und atmete tief ein. „SG-27, wir rücken ab!"
Dann trat sie durch das Wurmloch.

***

„Klingt logisch." Tom wischte sich den Mund mit der Serviette ab und richtete sich wieder auf. „Sie scheinen eine gute Vorgesetzte zu sein, Vashtu, eine verdammt gute sogar."
Sie lächelte schüchtern. „Danke. Ich versuche es zumindest."
Tom sah sie weiter interessiert an. „Was ist wohl für ein Leben, das Sie führen? Das frage ich mich die ganze Zeit."
„Kein sehr aufregendes, denke ich", antwortete sie.

***

„Dorn, Sie und Wallace bleiben in der Nähe des Tores", befahl sie dem Marine. „Sorgen Sie für eine rasche Heimkehr."
Der Marine nickte. Doch anders als sonst schien ein wenig Sorge in seinem Blick zu liegen.
„Und was wollen Sie tun?" wandte Babbis sich an sie.
Vashtu verzog das Gesicht, als sie wieder ungebremst die Gedanken des Wissenschaftlers empfangen konnte. „Sie kommen mit mir. Wir beide statten dem guten alten Theorim einen Besuch ab. Los!" Sie schlich sich durch die Büsche, mit ihrer P-90 den Weg sichernd.
Babbis kroch hinter ihr her, so tief gebeugt, wie es nur ging. Seine Gedanken schrien sie weiter an.
Bis zu Theorims Hauptquartier war es nicht sonderlich weit. Sie brauchten nicht mehr als ein paar Minuten, ehe sie dort eintrafen.
Vashtu gab dem Wissenschaftler Zeichen. Der zögerte, und seine Gedanken verrieten ihr, daß er sehr genau nachdenken mußte, dann nickte er aber und nahm neben ihr Aufstellung, immer noch geduckt.
Gemeinsam sprangen sie auf und rannten los, hechteten in eine neue Deckung. Vashtu zog ihren Lebenszeichendetektor hervor und betrachtete ihn. Zwölf Männer, bedeutete sie Babbis schließlich und nickte ihm die Richtung.
Er nickte wieder, Entrüstung in seinen Gedanken.
Vashtu biß die Zähne fest aufeinander, um nicht laut loszubrüllen.
Warum hatte Carson ihm nur die Gentherapie verabreicht? Soweit sie wußte, hatte niemand ihm eine derartige Anweisung gegeben. Im Stillen beschloß sie, den Arzt bei ihrem nächsten Treffen zu fragen - und ihm auch von ihrem Problem mit dem künstlichen Gen zu berichten.
Neben der Eingangstür nahmen sie Aufstellung. Vashtu konzentrierte sich, gab ihrem Begleiter wieder Zeichen. Babbis nickte und richtete seine Automatik auf die Tür. Vashtu löste sich von der Wand, mühte sich kurz mit ihren Fremdzellen ab, bis diese endlich beschlossen, ihren Dienst doch aufzunehmen, und trat mit aller Wucht gegen die Tür. Diese barst nach innen.
Sofort setzten Babbis und sie nach. Ohne genau zu sehen, was vor ihr war, drückte ihr Finger bereits den Abzug der P-90 durch. Sie schwang den kurzen Lauf, sprang vor und schlüpfte in das Langhaus. Babbis folgte ihr dicht auf.
Seine Gedanken wisperten, daß es ihm unheimlich war, wie sie sich verhielt. Und sie mußte ihm recht geben. Doch sie konnte die Aggression nicht aufhalten, sie brach sich einfach Bahn. Keine Gefangenen!
Sie schoß sich den Weg frei, um zu Theorims Wohnstatt zu kommen. Und dabei spürte sie, wie ihre Wut sich immer mehr steigerte.

***

„Nicht besonders aufregend also ..." Tom nickte, stützte sein Kinn wieder auf beide Hände. „Und wie ist das mit dem Arm passiert? Ein Arbeitsunfall wird es doch wohl nicht gewesen sein, oder?"
Vashtu lächelte schwach. „Doch, war es."

***

„Rückzug!"
Sie raste ihrem Team entgegen, warf Wallace den Kristall zu, dann wirbelte sie herum und sah das pyramidenförmige Raumschiff direkt auf sich zukommen.
Rodirhc hatte also immer noch nicht aufgegeben. Sie konnte es kaum glauben!
„Ihr Arm, Mam", ließ Dorn sich vernehmen.
„Keine Zeit. Geben Sie Ihren Code durch, Serge." Sie trat wieder vor und hob ihre Waffe. Sie wußte wahrscheinlich mindestens ebensogut wie Dorn, wie sinnlos es war, auf ein Goa'uld-Mutterschiff zu schießen, dennoch versuchte sie es. Und dabei trat sie immer weiter vom Tor weg.
„Der Weg ist frei!" rief Babbis ihr zu.
„Dann ab nach Hause!" Sie schickte eine letzte Salve in die Luft, dann warf sie sich herum, als sie eine der Energiewaffen aufflammen sah.
Babbis sicherte nach hinten, während er das Wurmloch betrat, von Dorn war schon nichts mehr zu sehen.
„Durchs Tor, Wallace, aber schnell!" brüllte sie ihr letztes verbliebenes Mitglied an und nahm Schwung.
Wallace vor ihr stolperte gerade vor dem Tor. Vashtu, die sich mit einem Hechtsprung vor der Entladung hatte in Sicherheit bringen wollen, stieß er zur Seite.
Sie stöhnte auf, als sie mit voller Wucht gegen die Innenkante des Tores prallte - mit dem ohnehin schon verwundeten rechten Oberarm. Sie konnte fühlen, wie die Knochen unter Haut und Fleisch knirschten.
Dann wurde sie in das Wurmloch gezogen und raste in atemberaubender Geschwindigkeit zurück zur Erde.
Nur um dort im falschen Winkel durch das Tor zu fliegen. Hart landete sie nochmal auf ihrem rechten Arm, rollte sich ab und knallte gegen das Geländer. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blieb sie am Boden liegen, während die Iris sich hinter ihr schloß. Letzte Gesteinstrümmer regneten auf sie hinunter.
„Mann verletzt!" rief Babbis. „Notfallteam sofort in den Gateroom!"

***

Tom starrte sie ungläubig an. „Ein Arbeitsunfall? Wie das denn?" Sie lächelte gequält. „Ungeschicklichkeit", antwortete sie. Staunend nickte er.

***

„Wie haben Sie das nur geschafft? Ein vierfacher Bruch und noch eine im Knochen steckende antiquierte Pistolenkugel?" Dr. Lam schüttelte den Kopf, stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete nochmals die Röntgenaufnahmen. „Das kann doch alles nicht wahr sein!"
Vashtu hockte auf dem Untersuchungstisch und hielt ihren verletzten Arm. „Ungeschicklichkeit. Erst bin ich zweimal gegen eine Metallwand, dann gegen die Innenkante des Sternentores und schließlich noch zweimal gegen die Rampe geprallt."
Dr. Lam nickte und drehte sich zu ihr um. „Sie wissen, daß Sie eigentlich noch nicht wieder für einsatzfähig erklärt worden sind. Sie müssen noch ein abschließendes Gespräch mit unserem Psychologen führen, Miss Uruhk. Das ist eigentlich Pflicht. Wie auch immer Sie sich davor gedrückt haben ... Es hätte sehr böse Folgen haben können."
Vashtu senkte den Kopf.
Irgendwie beschlich sie das Gefühl, daß die Folgen sehr böse waren. Was auch immer sie getrieben hatte, sie hatte unter den Männern von Theorim und Rodirhc aufgeräumt, als hätte sie einen Wraith-Kreuzer niedermetzeln wollen. Und sie wurde das Gefühl nicht los, daß das irgendwie mit ihrer jüngsten Erfahrung zusammenhing. Dr. Heightmeyers Worte hallten in ihrem Kopf nach:
„Es ist vollkommen normal, wenn Sie in der nächsten Zeit Alpträume haben oder zu gewissen Aggressionen neigen. Sie sollten aber zumindest letzteres genau im Auge behalten und versuchen, unter Ihre Kontrolle zu zwingen, sonst könnte es übel enden. Suchen Sie sich auf der Erde Zerstreuung, neue Freunde, irgendein Hobby. Etwas, was Sie bisher noch nicht getan haben, Miss Uruhk. Sie müssen wieder Vertrauen fassen."

***

„Es war ein sehr schöner Abend, Vashtu." Tom lächelte sie im Licht der Straßenlaternen an. Sie nickte. „Es hat mir auch sehr gut gefallen. Nochmals danke für die Einladung." Er sah sie an, als erwarte er noch irgendetwas von ihr. Als aber nichts kam klopfte er ein wenig ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad. „Tja, ich schätze, ich muß los."
Die Antikerin kletterte aus dem Wagen, lehnte sich dann nochmal hinein und sah ihrem neuen Freund ins Gesicht. „Sie haben mir sehr geholfen, Tom. Ich meine das ernst, glauben Sie mir."
Überrascht sah er sie an, dann breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht aus. „Das freut mich zu hören."
Sie erwiderte sein Lächeln. „Ich würde mich sehr freuen, wenn wir dieses Treffen wiederholen könnten, Tom. Aber, und das müssen Sie mir versprechen, das nächste Mal bezahle ich."
Ein merkwürdiges Strahlen lag in seinen Augen. Er nickte. „Schon klar. Rufen Sie mich an?"
Vashtu nickte. „Mache ich ganz sicher." Sie richtete sich auf, dann runzelte sie die Stirn. „Irgendwie haben wir den ganzen Abend nur über mich gesprochen. Aber, was mich interessieren würde, was machen Sie eigentlich?"
Verblüfft sah er sie an. „Haben Sie meine Karte nicht gelesen?"
„Doch ..." Sie runzelte die Stirn. „Sie sind Doktor in irgendetwas."
„In irgendetwas!" Tom grinste und schüttelte den Kopf. „Sie sind einmalig, Vashtu! Ich bin Doktor der Psychologie. Und ich hatte heute abend das Gefühl, als müßten Sie sich etwas von der Seele reden, also habe ich Sie ein wenig ausgefragt."
Vashtu lachte. „Genau das, was ich brauchte. Danke, Tom. Bis zum nächsten Mal." Sie trat von seinem Wagen zurück und sah zu, wie er davonfuhr. Sein letzter Blick irritierte sie.

***

Sie betrat zögernd die Jumper-Base auf Atlantis, drehte sich dann noch einmal um und seufzte. Aber ändern würde sie sowieso nichts können. Die Hälfte ihres Teams saß auf der Erde und erwartete ihre Rückkehr. Und General Landry hatte offensichtlich soviel Zeit herausgeschunden wie er nur konnte. Dennoch wäre es schön gewesen, wenn John sich verabschiedet hätte von ihr.
Langsam und zögernd betrat sie den vorn stehenden Puddlejumper und sah sich um.
Wieder zurück zur Erde. Wieder allein sein für wer weiß wie lange Zeit.
Sie seufzte und stellte ihre Tasche auf den Sitz.
„Vashtu?"
Sie drehte sich zum Cockpit um und erstarrte. Unter seinem verwuschelten Haar hervor blitzte er sie spitzbübisch an. „Willkommen auf der Gatebridge Atlantis-Erde. Würde die Co-Pilotin vielleicht ins Cockpit kommen?"
Sie lachte leise, trat zu ihm und ließ sich nur zu gern von ihm einfangen und an seinen Körper drücken.
„Elizabeth hat zugestimmt. Ich bringe Babbis und dich zur Erde", flüsterte er ihr ins Ohr. „Allerdings kann ich nicht bleiben."
Sie nickte, hob den Kopf und ließ sich von ihm sanft küssen. „Und ich dachte schon, du wolltest dich wieder drücken", flüsterte sie und suchte dann seine Lippen.
„Ich bin nicht gut darin, das habe ich dir doch schon beim letzten Mal gesagt. Laß uns uns hier voneinander verabschieden", murmelte er zwischen ihren Küssen. Spielerisch schob er ihr Ohr zwischen seine Vorderzähne und nagte zärtlich an ihm, bis sie kichernd zurückwich.
Ein Räuspern von hinten.
Als sie beide gemeinsam die Köpfe drehten, sahen sie Babbis vor der Heckluke stehen und sie beleidigt mustern.
„Bitte einsteigen, der Herr. Nächster Halt, SGC, Cheyenne-Mountain." John blinzelte ihr zu. Sie verstand und konzentrierte sich kurz.
Die Verbindungstür zwischen Passagierraum und Cockpit glitt zu.

***

Früh am nächsten Morgen klopfte es an ihrer Wohnungstür.
Vashtu erhob sich unwillig, fuhr sich mit der Hand durch ihr kurzes Haar und gähnte. Im nächsten Moment aber war sie hellwach, als sie erkannte, wer da vor ihrer Tür stand.
„Nicht am frühen Morgen!" knurrte sie. Aber dann, nach einem neuen, ungeduldigen Klopfen, erhob sie sich doch. Besser, die Sache jetzt ein- für allemal aus der Welt schaffen, als sich noch länger zu quälen.
Sie tappte auf blossen Füßen zur Tür, schloß auf und schob ihren Kopf in den Spalt. „Morgen", murmelte sie unwirsch.
Babbis hatte die Arme vor der Brust gekreuzt und sah sie mit vorgeschobener Unterlippe an.
Nein, dieser Tag begann definitiv nicht sonderlich gut.
„Kann ich jetzt vielleicht reinkommen, oder haben Sie Besuch?" Seine Stimme klang ätzend.
Vashtu hob die Brauen, als sie die offene Eifersucht in seinen Gedanken las. Eifersucht? Wieso denn das?
„Erwarten Sie nicht zuviel von mir. Wie spät ist es eigentlich?" Wieder gähnte sie, während sie die Tür ganz öffnete.
„Sechs." Babbis stolzierte an ihr vorbei in den Wohnraum.
Sechs Uhr am Morgen? So früh stand sie ja nicht einmal auf, wenn sie einen Außenwelteinsatz hatte!
Kopfschüttelnd folgte sie ihm in ihren Wohnraum, ließ sich in den alten Ohrenbackensessel fallen und zog die Beine an. „Was wollen Sie, Peter?"
Er begann ruhelos den Raum abzuschreiten.
Vashtu bemerkte, daß sie vergessen hatte, den Fernseher auszuschalten. Sie beugte sich über die Lehne und angelte nach der Fernbedienung.
„Warum gehen Sie mir plötzlich aus dem Weg?" brauste Babbis in diesem Moment auf. „Ich dachte, nach dieser ... dieser Sache in der Pegasus-Galaxie ... Verdammt, ich habe mich um Sie gekümmert, Vashtu! Und als Dank zeigen Sie mir die kalten Schulter und machen erst mit Sheppard und dann mit diesem ... diesem ... diesem anderen herum!"
Sie verharrte mitten in der Bewegung, setzte sich dann wieder auf. „Ich mache herum?" fragte sie irritiert.
Babbis nickte heftig. „Im Moment benehmen Sie sich wie ein Flittchen! Entschuldigung. Reicht Ihnen denn einer noch nicht?"
„Ich mache herum?" wiederholte sie ungläubig. In seinen Gedanken las sie etwas von einer läufigen Hünden und runzelte die Stirn.
Babbis stellte sich vor dem, immer noch laufenden, Bildschirm auf und kreuzte die Arme vor der Brust. „Ja, Sie machen herum. Das wirft kein gutes Licht auf das Team, ist Ihnen das nicht klar?"
Vashtu hob die Hand. „Moment, bitte, Peter." Sie blinzelte verwirrt, schüttelte dann den Kopf. „Ich mache nicht herum. Ich suche mir neue Freunde auf der Erde. Das hat nichts mit Lt. Colonel Sheppard zu tun."
„Das sah gestern aber ganz anders aus."
Vashtu runzelte die Stirn und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Was sah bitteschön anders aus? Ich habe jemanden kennen gelernt, den ich interessant fand. Es ist gar nichts passiert." Sie stockte, blickte wieder auf. „Und ich wüßte nicht, was Sie mein Privatleben überhaupt angeht, Peter."
„Wenn es ein schlechtes Licht auf SG-27 wirft, geht es mich durchaus etwas an!" entgegnete er.
„Ich werfe ein schlechtes Licht auf das Team?" Sie lachte humorlos. „Wer hat sich denn eine Gentherapie geben lassen, ohne vorher zu fragen? Und jetzt kommen Sie bitte nicht auch noch damit, daß ich auch eine bekommen habe. Bei mir war das etwas anderes."
„Ich ... ich ..."
Vashtu sah ihn an und er verstummte.
„Erst einmal", sagte sie sehr ruhig und betont, „steht meine Beziehung zu Lt. Colonel Sheppard mit keinem einzigen Wort zur Diskussion. Was sich zwischen ihm und mir abgespielt hat, geht allein uns etwas an, sonst niemanden. Zweitens bin ich dabei, einen medizinischen Rat zu befolgen. Ich bin beileibe keine läufige Hündin, Peter. Und diesen Ausdruck sollten Sie sehr schnell wieder vergessen. Ihnen ist ebenso wie mir aufgefallen, was bei der letzten Mission passiert ist. Und ich möchte das nicht zu einem Dauerzustand erheben, verstanden? Also suche ich mir neue Betätigungsfelder und neue Freunde außerhalb des SGC. Der Mann, den ich gestern getroffen habe, gehört dazu. Aber, und das werde ich Ihnen nur einmal sagen, es ist nicht mehr als eine Freundschaft. Eine Freundschaft, die erst noch wachsen muß, zugegeben. Aber immerhin." Sie holte tief Atem und fixierte ihn sehr genau. „Und drittens wollte ich ohnehin noch ein Wörtchen mit Ihnen wechseln, Peter. Was Sie ohne mein Wissen getan haben, gehört mit zu den gröbsten Verstößen überhaupt. Sie haben mein Vertrauen mißbraucht und sich etwas injizieren lassen, von dem Sie nicht wissen, wie es auf andere wirkt. Ich mag die einzige Antikerin sein, die es im ganzen Universum noch gibt und die über einen Körper verfügt. Aber das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, sich mutwillig einer Gentherapie zu unterziehen, die noch in der Testphase ist. Das kann nämlich Auswirkungen haben, mit denen Sie nicht rechnen. Und mit diesen Auswirkungen muß ich fertig werden!"
Babbis' Gesicht war ein einziges großes Fragezeichen. „Hä?" machte er.
Vashtu nickte. „Ich kann Ihre Gedanken hören, Peter", erklärte sie. „Und das ziemlich laut und ziemlich aufdringlich. Das ist eine Nebenwirkung, wenn das Gen künstlich zugeführt wurde, das ist mir in meiner Zeit auf Atlantis vor einem Jahr bereits aufgefallen. Sie hätten mich vorher fragen können. Wenn Sie so unbedingt das ATA-Gen tragen wollen, hätten wir uns mit Dr. Beckett zusammensetzen und über diese Nebenwirkung für mich sprechen können. So muß ich jetzt nicht nur Ihre gesprochenen Worte anhören, sondern auch noch Ihre Gedanken. Und das ist nicht sonderlich angenehm für mich."
Babbis wurde blaß. Endlich schien er zu verstehen. „Oh mein Gott! Sie können tatsächlich meine Gedanken lesen?"
Sie nickte. „Ja, das kann ich, aber ich möchte es nicht. Also werden wir beide, wenn wir weiter in einem Team arbeiten wollen, uns wohl etwas einfallen lassen müssen."
Babbis keuchte. Sein Blick irrte ziellos umher. „Können Sie das bei allen ... Ich meine, können Sie das auch bei Menschen, die das Gen auf natürliche Weise tragen?"
„Nein, das kann ich nicht", antwortete sie wahrheitsgemäß. „Ich kann spüren, wenn jemand dieses Gen in sich hat, aber mehr auch nicht." Den Rest ließ sie aus, das mußte niemand wissen.
„Was habe ich da angerichtet!" Babbis stöhnte auf.
„Ganz meine Meinung."

17.02.2010

Tom II

Babbis stieg aus seinem Wagen und blickte sich kurz um.
Die Gegend war wirklich sehr ruhig. Kein Wunder, daß damals die Nachbarn ...
Er schüttelte den Kopf und schlug die Autotür zu, dann marschierte er den gepflasterten Weg hinauf zum Durchgang in den Innenhof.
Er mußte zugeben, er beneidete die Antikerin. In einer solchen Wohngegend würde er auch gern leben. Aber statt dessen hauste er inzwischen in einem kleinen Apartment am anderen Ende der Stadt und ... Naja, so schlimm wie seine vorhergehende Wohnung war es nicht mehr. Zumindest hatte er nicht ständig den Geruch der Mülltonnen in der Nase und der Verwalter kümmerte sich um einen guten Hausmeisterdienst.
Vashtu kam ihm gerade entgegen die Treppen hinunter, als er diese in Angriff nehmen wollte. Die Antikerin stockte kurz und runzelte die Stirn, ehe sie den Kopf senkte und zu ihm hinuntersah. Diese Reaktion kannte er zwar inzwischen, aber er konnte sie sich nicht erklären.
„Peter, schön, Sie zu sehen", sagte sie, doch ein Unterton in ihrer Stimme verriet, daß es ihr lieber gewesen wäre, wäre er nicht hier.
Was war denn nur los? Seit er sich die Gentherapie hatte geben lassen, angeblich mit ihrem Einverständnis, wie er Beckett angegeben hatte, verhielt sie sich ihm gegenüber sehr distanziert. Zunächst, solange sie noch auf Atlantis gewesen waren, glaubte er die Antwort in ihrem innigen, und nervtötenden!, Verhältnis zu Colonel Sheppard finden zu können. Doch auch nach ihrer Rückkehr zur Erde ging sie auf Abstand. Dabei hatte er vorher geglaubt, das Eis zwischen ihnen sei endgültig gebrochen.
„Ich wollte nach Ihnen sehen", sagte er und runzelte die Stirn. „Sollten Sie nicht zu Hause bleiben?"
„Ich habe mir den Arm gebrochen, nicht das Bein", entgegnete sie, drückte sich mit einer Grimasse an ihm vorbei.
„Und wo wollen Sie hin? Jetzt, um diese Uhrzeit?" Er folgte ihr wieder zurück zur Straße.
Vashtu blieb stehen und seufzte, dann drehte sie sich zu ihm um. „Das geht Sie nichts an, Peter. Aber wenn Sie es so unbedingt wissen wollen: Ich treffe mich mit jemandem."
Babbis stutzte. „Sie treffen sich mit jemandem?" Aufmerksam sah er sie von Kopf bis Fuß an. Sie trug normale Straßenkleidung, eine Windjacke hatte sie sich locker umgehängt, da der Abend doch etwas kühl geworden war.
Zumindest war der Colonel nicht hier. Also konnte es wohl nicht so ernst sein. Aber trotzdem. Warum und mit wem traf sie sich denn jetzt schon wieder?
„Es ist schön, daß Sie mich besuchen wollten, Peter, aber im Moment habe ich wirklich keine Zeit." Sie sah ihn streng an. „Wenn Sie an einem anderen Tag kommen würden ... Ich hätte da ohnehin noch eine Kleinigkeit mit Ihnen zu klären."
Babbis stutzte. „Und was?"
Ein Sportwagen hielt am Straßenrand und hupte einmal kurz.
Vashtu drehte sich um und winkte.
Babbis sah vom Fahrtwind zerzauste dunkle Haare und ein Gesicht, das ihn einen Moment lang stutzen ließ. War das nicht? Aber der befand sich doch auf ... ? Er schüttelte den Kopf.
„Ich muß los." Vashtu wandte sich ab.
Da fiel ihm etwas ein. „Warten Sie! Ich soll Ihnen noch etwas geben."
Widerstrebend blieb sie stehen und drehte sich wieder zu ihm um. „Ja?"
Er holte die Schriftrolle aus seiner Jackentasche und hielt sie ihr hin. „Teal'c hat sie für Sie abgegeben. Er sagte, es ginge um irgendeinen Wettkampf."
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Dann ziehen die Jaffa es tatsächlich durch! Hätte ich nicht gedacht. Richten Sie ihm meinen Dank aus und ... Ich melde mich bei ihm."
Babbis blinzelte. "Und was ziehen die Jaffa durch?"
Vashtu grinste, stopfte die Schriftrolle in ihre Jackentasche. "So eine Art Olympische Spiele", erklärte sie. "Nur eben für Jaffa und mit Sportarten und Techniken der Jaffa. Bis dann!" Damit joggte sie zu dem wartenden Wagen hinüber und stieg ein.
Babbis blieb stirnrunzelnd am Straßenrand stehen und sah ihr nach, bis der Wagen verschwunden war.
Woran lag das bloß? Warum nahm sie ihn einfach nicht wirklich wahr?
Er ging zu seinem Wagen zurück, blieb an der Fahrertür stehen und beugte sich über den Außenspiegel. Mit beiden Händen begann er, sein Haar zu bearbeiten, bis es verwuselt war und etwas von seinem Kopf abstand.
Nachdenklich betrachtete er sich einen Moment lang, dann zuckte er sichtlich zusammen, verzog das Gesicht und kämmte sich, ebenfalls beide Hände einsetzend, die Haare wieder in seine vormalige Frisur zurück.
Das fehlte noch!
Über sich selbst wütend stieg er in seinen Wagen und fuhr los.

***

Vashtu nippte an ihrem Rootbeer und stellte die Flasche wieder ab, während sie sich aufmerksam in dem Lokal umsah. „Mexikanisch essen war ich noch nie", gab sie dann zu und sah ihren Gegenüber lächelnd an. „Danke für die Einladung."
Tom nickte. Er schien sie nicht eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Sein Mienenspiel glitt zwischen Lächeln und Staunen hin und her. „Sie kommen wohl nicht aus den Staaten, oder?"
Vashtu senkte den Blick und betrachtete den knallbunten Platzteller vor sich. „Nicht richtig, nein", antwortete sie.
Wie sollte sie denn erklären, woher sie kam, wenn er fragte? Plötzlich ging ihr auf, daß sie keine Ahnung von seiner Sicherheitsstufe hatte. Es könnte peinlich werden, auf jeden Fall aber ziemlich unglaubwürdig, wenn sie ihm auch nur ansatzweise die Wahrheit erzählen wollte.
„Dachte ich mir. Ihr Name klingt irgendwie ... asiatisch?"
Asiatisch? Okay, sie mochte chinesisches Essen. Das war doch schon mal was.
„Ja, stimmt. Ich komme aus Asien. Gebürtig, versteht sich."
Jetzt sah er sie irritiert an, beugte sich vor. „Ich trete Ihnen doch nicht zu nahe, oder? Wenn es für Sie zu ... Lassen wir das Thema." Er machte eine kurze, wegwerfende Geste und richtete sich wieder auf.
„Wo kommen Sie denn her, Tom?" fragte sie.
„Atlanta. Das war zumindest eine der Stationen, wo ich länger hängengeblieben bin." Er verzog unwillig das Gesicht. „Mein Vater war bei der Army."
Sie nickte. „Aber Sie sind es nicht."
Auf Atlantis war das früher etwas anders gewesen. Wer in das Militär eintrat, schaute meist auf eine ziemliche Ahnenreihe zurück, ebenso wie es den Wissenschaftlern ergangen war. Wahrscheinlich hatte sie deshalb den bequemen Weg eingeschlagen ...
„Nein, ich bin es nicht. Sie haben ja meine Karte." Er beugte sich wieder vor, stützte die Ellenbogen auf den Tisch, faltete die Hände und legte sein Kinn darauf. Sinnend musterte er sie. „Bei Ihnen allerdings ... Was machen Sie beruflich?"
„Oh!" Vashtu lehnte sich zurück und knabberte an ihrer Unterlippe. „Ich ... ich bin in der Forschung."

***

„Können Sie das testen?" Dr. Caylep hielt ihr etwas hin.
Vashtu runzelte die Stirn. „Das ist ..."
„Bitte, nehmen Sie es in die Hand, ja? Können Sie es aktivieren?"
Der Wissenschaftler erntete einen verächtlichen Blick von ihr. Sie griff nach dem kleinen würfelförmigen Gerät, das auf der Stelle aufleuchtete, sobald sie es berührte.
„Und weiter?" fragte sie genervt.
„Was ist es?" Caylep beugte sich fasziniert vor.
Vashtu verzog das Gesicht, konzentrierte sich kurz und ließ das Gerät anspringen. Eine einlullende Melodie erklang und Lichtreflexe schimmerten auf den Wänden des Labors.
„Das ist ein Nachtlicht für Kinder."

***

„Forschung? Interessant. Ihre Visitenkarte gab ja leider nicht allzu viel her. Ich konnte gerade herausfinden, daß Sie wohl für eine Regierungsbehörde arbeiten. Was machen Sie denn genau?" Vashtu zögerte, nagte weiter an ihrer Unterlippe. „Oh, eigentlich bin ich im aktiven Bereich, Kundenrequirierung sozusagen."

***

„Jetzt reicht es!" Drohend hob sie die P-90 und hielt sie dem Warlord direkt vor die Nase. „Du pfeifst sofort deine Leute zurück, sonst kannst du dir ein neues Gehirn bestellen. Klar?"
Theorim nickte und sah sie flehend an, während er die Hände hob.
„Wir sind hergekommen, um mit dir zu verhandeln. Und du lockst uns in eine Falle? Ich dachte, wir seien Geschäftspartner."
„Das war die Anweisung von Rodirhc", wisperte er.
„Rodirhc?" Ihre Augen glänzten kalt. „Wer ist Rodirhc? Wieso kenne ich diesen Namen nicht?"
„Er ist der, dem ich mich angeschlossen habe." Theorim schien vor ihren Augen immer mehr zusammenzuschrumpfen.
„Dann wirst du jetzt diesen Rodirhc kontaktieren und ihm sagen, daß Vashtu Uruhk von der Erde ihm das nächste Mal sein verdammtes Mutterschiff unter seinem beschissenen Arsch wegschießt, wenn er das noch einmal versucht. Klar? SG-27 ist ein Handelspartner für die Lucian Alliance, ich lasse mir das von einem durchgeknallten Vollidioten nicht vermasseln! Bisher hat es doch zwischen uns gut geklappt, oder, Theorim?"
Er nickte nur mit großen, feuchten Augen.
„Alles verstanden?"
Wieder ein Nicken.
Durchdringender Uringeruch stieg Vashtu in die Nase. Sie richtete sich mit noch immer verhärtetem Gesicht auf, hielt die Waffe aber weiter im Anschlag.

***

„Also im Außendienst? Klingt interessant." Tom lächelte.
Vashtu zog eine Grimasse. „Naja, manchmal", antwortete sie. „Aber meist ... äh, doch eher Innendienst, sozusagen. Man schätzt meine ... Überredungskunst."

***

Sie krachte mit der Schulter gegen die Wand und mußte einen Schmerzenslaut unterdrücken. Ihre Schmerzschwelle war auf jeden Fall noch nicht wieder auf dem alten Standard, mußte sie zugeben. Als sie sich umdrehte, schmierte ihr Blut über die Wand.
„Jetzt hörst du mir zu!" Ihre Linke glitt um den Griff der Beretta. „Ich habe keine Ahnung, was das alles soll. Bis jetzt sind wir keine Feinde gewesen. Und ich, an deiner Stelle, würde das auch nicht wollen!"
Rodirhc starrte sie an. Sein kantiges Gesicht verdüsterte sich noch weiter. „Auf die Erdmenschen können wir getrost verzichten! Wir brauchen euch nicht!"
Die Sicherung klickte. „Noch einmal so ein Versuch, mein Lieber", knurrte sie und hob die Waffe. Ihr rechter Arm schmerzte noch immer.
Wo hatte dieser Kerl nur eine Handfeuerwaffe her? Und warum war sie auf diesen dämlichen alten Trick hereingefallen?
„Herr, mein Herr. Wir sollten auf Vashtu Uruhk hören. Sie hat bis jetzt noch keinen schlechten Handel mit uns geschlossen." Theorim, der immer noch auf den Knien kauerte, hatte flehendlich die Hände gehoben.
Die Antikerin nahm Rodirhc ins Visier. „Das willst du nicht wirklich, mein Lieber", zischte sie. Ihre Pupillen wurden groß.
Der Warlord zuckte zurück, als er in ihre Augen sah. Dann spuckte er vor ihr auf den Boden. „Verdammtes Weib. Es ist ein Kopfgeld auf solche wie dich ausgesetzt. Wir wollen nichts mehr mit euch zu tun haben. Packt euren Kram und macht, daß ihr verschwindet. Das nächste Mal ..."
„Das bestimme ich!" Ihre Stimme klirrte wie Eis. Noch immer zielte sie sehr sorgfältig auf einen Punkt zwischen seinen Augen. „Und du wirst mir zuhören, du kleiner Idiot. Für wen hälst du dich, hä? Du bist doch nur ein kleines Licht, noch dazu eines, das sich mit den falschen Leuten anlegen will." Sie trat näher, hob den anderen Arm, auch wenn das schmerzte. Sichernd legte sie ihre rechte Hand um das Handgelenk der Linken. „SG-1 ist es, die du willst. Ich leite SG-27. Kannst du überhaupt zählen? Dann benutz doch mal deine zehn Finger. Ich gebe dir einen Tip: Zweimal alle und dann noch sieben. Meinetwegen kannst du auch gern deine Zehen dazunehmen, Rodirhc."
Der knurrte. Irgendetwas mit ihm stimmte nicht. Er wirkte wie hochgeputscht. Und er hatte verdammt viel Kraft.
„Ich kann mich auch an deinen Boß wenden, mein Lieber. Der kann dir anhand deiner ausgeschlagenen Zähne vorzählen, um wieviel du dich verschätzt hast. Noch einmal, ich bin eine Handelspartnerin, und meine Männer ebenso. Wir sind eure Verbindung zur Erde. Was andere Teams machen, geht mich nichts an!"
„Das ist so, Herr!" heulte Theorim.
Rodirhc fixierte sie noch immer. „Wenn ich dich für deine Beleidigungen am Leben lasse, Weib, werde ich dich in Einzelteilen zurück zu deiner geliebten Erde schicken." Mit einem tiefen Wutgebrüll stürzte er unvermittelt auf sie zu.
Sie schoß, doch sie verriß die Beretta. Wieder knallte sie gegen die Wand. Sterne leuchteten kurz vor ihren Augen, als erneuter Schmerz durch ihren rechten Arm zuckte, dann ging sie zum Gegenangriff über und wuchtete dem Warlord den Lauf ihrer Waffe ins Gesicht.
Rodirhc ächzte, wich jedoch nicht zurück. Wie Windmühlenflügel ratterten seine Arme, seine Fäuste prasselten auf sie nieder. Vashtu blieb nichts anderes, als ihm ihren ohnehin verwundeten Arm hinzuhalten, um mit der stärkeren Linken zuschlagen zu können.
Sie ballte die Faust um die Beretta und aktivierte die Wraith-Zellen. Das fiel ihr immer noch schwer, aber es ging. Allerdings drückten die Schmerzen in ihrem Arm sie immer weiter nieder. Sie legte alle Kraft in ihren Verteidigungsschlag und wuchtete Waffe mit Faust nach oben an sein Kinn.
Rodirhc taumelte einen Schritt zurück. Vashtu setzte einen wuchtigen Tritt hinterher, traf seine edelsten Teile und sah, wie er vor ihr zusammensackte.
Breitbeinig stellte sie sich über ihn und starrte auf ihn nieder. „Noch so ein Versuch und du bist Geschichte, mein Bester", knurrte sie und entsicherte die Waffe wieder. Die Beretta bellte eine Kugel aus. Rodirhc heulte getroffen auf und schlug lang hin.
„Das ist jetzt ein Vorgeschmack dessen, was dich erwartet, solltest du dich noch einmal mit mir anlegen wollen", sagte sie, zielte auf die andere Schulter. „Typen wie dich habe ich in letzter Zeit mehr als genug gehabt, Rodirhc. Das solltest du dir merken. Ich gebe gern weiter, wenn du eine Nachricht für SG-1 hast. Aber verwechsle mich niemals wieder mit ihnen, klar? Hast du ein Problem damit?"
Sie sah den Schlag kommen, riß die Waffe hoch und drückte ab.
Der Leibwächter taumelte zurück und sank in sich zusammen. Ein blutiges Loch war in seine Brust gestanzt.
Sofort senkte sie die Waffe wieder. „Ich bin ein wenig ungeduldig, Rodirhc, und ich hätte gern sofort eine Antwort. Willst du weitermachen?"
Endlich schien er von seinem Trip herunterzukommen, starrte sie keuchend an. Dann schüttelte er den Kopf.
Vashtu sah ihn immer noch sehr genau an. Sie traute diesem Mann nicht, sie traute ihm ganz und gar nicht. Die nächste Kugel traf den Metallboden direkt neben seinem Ohr, dann stieg sie von ihm herunter, die Beretta noch immer im Anschlag.
„Und jetzt gibst du mir den Steuerkristall des Gates und wir gehen", befahl sie kalt.
Rodirhc ächzte und schob sich mühsam hoch bis in eine halbsitzende Position. Er murmelte irgendetwas.
Theorim eilte herbei und kramte in einer Kiste.
Vashtu sicherte den Warlord weiterhin. „Noch so ein Versuch, Rodirhc, und das nächste Mal sind es nicht nur deine Männer, für die du Gräber schaufeln kannst. Ich bin im Moment ein bißchen mißgestimmt und möchte nur noch nach Hause. Wenn du ein weiteres Problem hast, dann klär das mit deinen Mittelchen, nicht mit mir."
Theorim brachte ihr den Kristall. Katzbuckelnd wartete er auf weitere Anweisungen. Doch Vashtu wandte sich nur ab und ging, ihre P-90 wieder vom Boden aufsammelnd.

***

„Was ist passiert?" Tom klang plötzlich mitfühlend.
Vashtu schüttelte den Kopf. Gern hätte sie jetzt die Arme überkreuzt, aber das verhinderte der Gips. „Nichts weiter", sagte sie und lächelte ein wenig gequält. „Etwas, was ich nicht erwartet hatte. Aber es hat sich bereits geklärt."

***

Kaum war sie auf der anderen Seite des Wurmlochs angekommen, lag sie auch schon unter Beschuß. Fluchend warf sie sich zur Seite und eröffnete das Sperrfeuer, um ihrem Team die Möglichkeit zu geben, Deckung zu suchen.
Was war denn nur in Theorim gefahren?
Dorns Sturmgewehr knallte hart auf der anderen Seite des Tores.
„Rückzug zum Gate, SG-27", hörte sie Landrys Stimme. Und unvermittelt kochte kalter Zorn in ihr hoch.
„Negativ, Sir. Wir bleiben hier!"
„Miss Uruhk, Rückzug, sofort!"
Sie lächelte kalt. „Verzeihung, Sir, aber das wird nicht gehen. Wir liegen unter schwerem Beschuß."
Das Wurmloch fiel in sich zusammen.

***

„Sicher? Sie sehen nicht so aus, als wäre es für Sie wirklich vorbei." Tom schob seine Hand über den Tisch, als wolle er sie berühren.
Vashtu blickte auf, zögerte einen Moment, dann nickte sie. „Es ist vorbei. Es geht mir besser."

***

General Landry trat in das Labor, als sie gerade das Nachtlicht mit einem verächtlichen Blick wieder auf den Labortisch zurückstellte. Forschend sah er sie an, als sie sich zu ihm umdrehte.
„Miss Uruhk, wie geht es Ihnen?" fragte er.
Sie warf dem Wissenschaftler noch einen langen Blick zu, dann nickte sie. „Bereit, Sir. Ich kann mit meinem Team ausrücken, sobald Sie mir einen Einsatzbefehl geben."
„Dr. Beckett schrieb in seinem Bericht, daß Ihre Fremdgene vielleicht noch nicht ihre alte Stärke erreicht haben", wandte Landry ein.
„Ich denke, ich komme damit klar, Sir. Ich will ja nicht gleich in den Krieg ziehen." Sie lächelte gequält und schickte ihm gedanklich die flehentliche Bitte, sie aus diesem Irrenhaus herauszuholen.
„Ich weiß, eigentlich sollte ich die abschließenden Tests, vor allem die psychologischen, abwarten", fuhr Landry fort, „aber es hat sich da etwas ergeben. Einer Ihrer Kontaktmänner zur Lucian Alliance hat sich bei uns gemeldet und behauptet, er hätte da einen besonderen Handel für uns. Theorim, Warlord auf Sikema."
„Theorim?" Sie kreuzte die Arme vor der Brust. „Meines Wissens wollte er sich, als wir uns das letzte Mal sahen, einem höheren Lord anschließen, Sir. Es kann gut sein, daß man dort an einem Handel mit der Erde interessiert ist."
Landry winkte ihr mit einer Hand und trat hinter ihr aus dem Labor in den Gang hinaus. „Ja, Theorim. Er will nur mit Ihnen sprechen. Sie scheinen wieder einmal ein Händchen für Außenweltkontakte zu haben, Miss Uruhk", antwortete er. „Dennoch bleibt die Frage, ob Sie schon wieder einsatzfähig sind."
„Das bin ich, Sir." Sie wanderte neben ihm den Gang hinunter. „Ich denke, Dr. Heightmeyer wird das bestätigt haben. Was passiert ist, mag zwar ... hart sein für mich, aber je eher ich wieder durch das Gate gehe, desto besser. Das meinte sie auch."
„Ich habe den Bericht gelesen, Miss Uruhk." Landry seufzte, musterte sie von der Seite. „Trotzdem bin ich besorgt. Sie sind die einzige hier, die den Stuhl auf Antarktica vollständig bedienen kann. Und wer weiß, was Sie noch können, wovon Sie und wir noch keine Ahnung haben. Ich würde ungern auf Sie verzichten, Miss Uruhk."
„Danke, Sir." Sie lächelte. „Und ich hoffe, meine Nützlichkeit bezieht sich nicht nur auf den Kontrollstuhl."
Landry blieb stehen und öffnete die Tür zu einem Büro. Kurz blickte er hinein, um sicherzugehen, daß es leer war, dann winkte er sie herein und wartete. Noch einmal unterzog er sie einer kritischen Musterung. „Sie sind eine ausgezeichnete Pilotin, das gebe ich auch gern zu. Um ehrlich zu sein, der Kontakt nach Atlantis soll in den nächsten Monaten noch weiter ausgebaut werden. Sie haben doch sicher die Midway Station gesehen auf Ihrem Rückweg."
Sie nickte. Unwillkürlich tastete sie nach der Kette um ihren Hals. Die Kette, an der der Steuerkristall hing.
Landry hob die Brauen. „Ja, auch deshalb. Dr. McKay versicherte mir glaubwürdig, daß man Sie ab und an auf Atlantis braucht - ab und an, Miss Uruhk, nicht für immer." Er hob die Hand und sah sie eindringlich an. „Ihre Aufgaben werden sich also in den nächsten Monaten erweitern, wie es aussieht. Sobald ein regelmäßiger Verkehr über die Gatebridge eingerichtet wird, sind Sie mit dabei. Ihr Dienst wird sich dann wochenweise nach Atlantis verschieben."
Sie nickte strahlend. Ihr Herz tat einen Hüpfer.
„Wohl gemerkt wochenweise", wiederholte Landry. „SG-27 wird halb in den Innendienst verlegt, zur Auswertung und Katalogisierung der Fundstücke, und zwar solange, bis Sie jeweils wieder zurück hierher kommen." Er zögerte, sah sie noch einmal sehr genau und eindringlich an. „Außerdem besteht eine dringende Anfrage von General O'Neill, was Sie betrifft. Offensichtlich haben Sie Colonel Caldwell mit ihren Fähigkeiten in den F-302 sehr beeindruckt. Sie werden also ebenfalls ein Pilotentraining absolvieren." Wieder zögerte er, diesmal wurde sein Gesicht jedoch starr. „Es gibt nur eine Voraussetzung, Miss Uruhk, und auf die muß ich leider im Namen aller beteiligten Regierungen bestehen."
Vashtu sah den General fragend an. „Was?" Ihre Stimme klang tonlos.
So nahe an der Erfüllung ihrer Träume. Endlich ein richtiges Leben, und doch eine Chance für John und sie. Lange genug hatten sie gezögert, über ein Jahr lang hatten sie zwar um ihre Gefühle zueinander gewußt, sie jedoch immer wieder von sich geschoben. Und auch das SGC hatte es ihnen nicht einfach gemacht durch die Unterbindung des Kontaktes zwischen ihnen. Aber jetzt schien sich das plötzlich zu ändern.
„Sie müssen in die Streitkräfte eintreten, Miss Uruhk", antwortete Landry endlich. „Wenn Sie einwilligen, steigen Sie sofort in den Rang eines Majors bei der USAF auf, weit genug sind sie dafür. Aber mit Ihren Eskapaden wird es dann so nicht mehr weitergehen."
„In die Streitkräfte, Sir?" Ihre Augen weiteten sich. „Aber ... bisher bin ich Beraterin, und ich bin damit zufrieden."
„Sie vielleicht, aber nicht die Regierung." Landry seufzte. „Wir haben uns schon sehr weit aus dem Fenster gelehnt, als es darum ging, Ihnen ein Team zu geben, Miss Uruhk. Das SGC ist eine militärische Einrichtung, das dürfte Ihnen auch klar sein. Was jetzt aber geschieht, geht weit über einige, entschuldigen Sie, aber relativ unbedeutende Einsätze hinaus. Natürlich weiß ich, daß Sie sich und Ihr Team zu etwas gemausert haben, was durchaus gegen bisher stärker eingeschätzte Teams Bestand hat. Aber sollten Sie wirklich, kommt es zu einem Krieg mit den Ori, an der Front kämpfen, können wir uns das rechtlich nicht mehr leisten. Wollen Sie fliegen, müssen Sie in die Air Force, so die Entscheidung. Es ist nicht die meine, das können Sie mir glauben."
Vashtu schluckte und senkte den Blick. „Was würde sich ändern, Sir?" fragte sie nach einer kleinen Weile.
Landry kniff kurz die Lippen zusammen. „Es dürfte Ihnen klar sein, daß dann gewisse Regeln für Sie gelten, die ich bislang ... sagen wir, sehr weit ausgelegt habe. Manche Dinge, die Sie sich geleistet haben, sind nicht vertretbar für das Militär. Auf der anderen Seite wissen wir durchaus zu schätzen, was Sie sind und was Sie leisten können. Sie behaupten zwar, keinerlei militärische Kenntnisse zu besitzen, Miss Uruhk, aber, ehrlich gesagt, glaube ich Ihnen das bis heute nicht."
Etwas hilflos zog sie die Schultern hoch, antwortete aber nicht.
„Überlegen Sie es sich, Miss Uruhk. Das Angebot ist nicht schlecht. Sie haben die richtigen Leute von Ihrem Können überzeugt. Aber niemand drängt Sie, sich jetzt und hier zu entscheiden."
Sie nickte nachdenklich und sah wieder auf. „Wann wird die Gatebridge letztendlich eröffnet?"
„Sobald die Midway Station fertig ist. Das wird noch ein paar Monate dauern."
Sie spannte die Kiefer an. „Bis dahin haben Sie meine Entscheidung ganz sicher, Sir."
Landry nickte. „Gut. Was jetzt Ihren Kontaktmann bei der Lucian Alliance angeht ..."
„Ich bin bereit, Sir. Sobald ich mein Team zusammengetrommelt habe, können wir abrücken." Ihre Stimme klang fest.
Landry sah sie wieder nachdenklich an, dann nickte er. „Meines Wissens sind Dr. Wallace und Dr. Babbis in der Einrichtung. Sergeant Dorn muß noch informiert werden. Bereiten Sie alles vor, Miss Uruhk. Sobald Ihr Team beieinander ist, rücken Sie aus."
„Ja, Sir." Sie lächelte.

***

Das Essen kam.
Vashtu gingen die Augen über, interessiert schnupperte sie, nahm dann ihren Löffel und tauchte ihn in die leicht supprige Masse. „Ich habe noch nie Chili gegessen", sagte sie.
Tom musterte sie wieder. Ein leichtes Schmunzeln lag auf seinem Gesicht.
Vashtu probierte. Es schmeckte scharf und würzig. Nachdenklich kaute sie darauf herum und fragte sich, woran der Geschmack sie erinnerte.
„Schmeckt es?"
Sie nickte und schob sich einen weiteren Löffel in den Mund. „Köstlich."
Tom beobachtete sie, während sie aß. Irgendwie irritierte sie das ein wenig und sie kontrollierte sich selbst plötzlich sehr genau. Schließlich richtete sie sich auf. „Was ist?" fragte sie.
„Es ist selten, daß eine Frau so ... Sie sind die erste Frau, die ... Sie haben Hunger", stammelte er schließlich.
Vashtu runzelte die Stirn, nippte wieder an ihrem Rootbeer. „Ja, und?"
„Das ist selten. Normalerweise bestellen Frauen sich Salate und knabbern ein wenig daran", versuchte er zu erklären. „Aber Sie ... sind anders."
Vashtu sah stirnrunzelnd auf ihren Teller hinunter, dann legte sie den Löffel zur Seite und griff sich die Gabel, um vorsichtig ein Salatblatt der Beilage aufzuspießen. „So besser?"
„Um Gottes Willen, essen Sie ruhig, wenn es Ihnen schmeckt!" Tom lachte plötzlich über ihr verdutztes Gesicht. „Es tut gut, einmal eine Frau in seiner Nähe zu haben, die nicht jede Kalorie zählt."
Vashtu war verwirrt und ließ die Gabel sinken. Das Salatblatt versank im Chili. „Scheinen merkwürdige Frauen zu sein, mit denen Sie sich sonst treffen", bemerkte sie.
Hilflos hob er die Schultern. In seinen Augen lag noch immer ein Lachen. „Oder Sie sind merkwürdig, Miss Uruhk. So genau kann ich das noch nicht sagen. Aber es ist mir gleich zu Anfang aufgefallen an Ihnen. Haben Sie nicht bemerkt, daß Sie so ziemlich die einzige Frau waren, die am Stadion einen Hotdog mit sämtlichen Beilagen gegessen hat?"
Sie runzelte die Stirn. „Dorn hat ihn mir ausgegeben, weil er der Meinung war, es sei der beste Hotdogstand im ganzen Land. Ich konnte ihm nur recht geben."
„Sie sind einfach köstlich, Vashtu, wenn ich Sie so nennen darf!" Wieder lachte er.
Sie zuckte mit den Schultern. „Warum sollte ich etwas dagegen haben." Sie bemerkte ihren Fauxpas mit dem Salatblatt und zog es aus dem Chili. Kritisch musterte sie es, steckte es sich dann in den Mund und kaute.
„Sie bewegen sich wohl sehr viel, daß Sie so zuschlagen können, wie? Outdoor-Fan?" erkundigte Tom sich.
Sie schluckte das Salatblatt mit dem Chili und sann dem Geschmack nach. „Könnte man sagen. Ich bewege mich zumindest viel."

TBC ...

14.02.2010

1.11 Tom I

TV-Serie: Stargate general
Reihe: SG-V (SG-27)
Genre: action, drama, scifi
Rating: PG


„Das ist wirklich der beste Hotdog, den ich je gegessen habe." Vashtu Uruhk kaute hingebungsvoll. Ihr Kinn war mit der Soße beschmiert, in ihren Mundwinkeln glänzte es fettig.
Sergeant George Dorn nickte zufrieden. „Der beste Hotdog in den ganzen verdammten Staaten." Auch er biß ab.
Vashtu blickte sich interessiert um, während sie weiter ihre Fastfood verspeiste.
Dorn hatte sie zu einem Baseballspiel eingeladen. Jetzt standen sie vor dem Stadion und warteten darauf, daß der größte Andrang vorbei war. Der alte Marine hatte dies für besser befunden, als sich mitten in das Gedränge zu stürzen.
Vashtu wäre das unter normalen Umständen zwar vollkommen gleich gewesen, aber im Moment schien es ihr auch sicherer, ein wenig Abstand zu halten, denn noch hatte sie sich nicht ganz erholt von ihrem merkwürdigen Abenteuer in der Pegasus-Galaxie.
Acastus Kolya, einem Genii und dem Erzfeind von Lt. Colonel John Sheppard, war es gelungen, ein Wurmloch in der Milchstraße so zu manipulieren, daß sie und ihr Team plötzlich auf einem verlassenen Planeten in dieser fernen Galaxis landeten. Dorn und Wallace hatten sich noch zurück zur Erde retten können, doch Peter Babbis und sie waren von Kolya gefangengenommen und als Geiseln eingesetzt worden. Der Genii hatte versucht, sie zu vergiften mit einer Impfung, die auf Wraith tödlich wirkte. Vashtus veränderte Gene waren beinahe abgestorben, ehe es John Sheppard gelang herauszufinden, wo sie und Babbis sich befanden. Es war fast zu spät für eine Heilung gewesen, und darum trug sie jetzt auch ihren rechten Arm in Gips.
Beim letzten Fremdwelteinsatz vor zwei Tagen hatte sie sich den Oberarm gebrochen. Da die Wraith- und Iratus-Käfer-Zellen in ihrem Inneren noch längst nicht wieder den alten Standard erreicht hatten - und selbst da hätte sie einige Tage gebraucht, um gebrochene Knochen zu heilen - wurde sie von der Oberärztin des SGC krankgeschrieben und nach Hause geschickt. Ein tödlicher Irrtum, wie die Antikerin fand.
Sie haßte nichts mehr, als untätig herumsitzen zu müssen. So war ihr schon nach einem halben Tag die Decke fast auf den Kopf gefallen in ihrem Apartment. Und dann war plötzlich Dorn aufgetaucht und hatte sie zu diesem Spiel eingeladen.
Der Sergeant hatte sich jetzt abgewandt und musterte die Schlange am Eingang.
„Entschuldigung?" hörte Vashtu eine Stimme hinter sich, drehte sich um und blickte hoch.
Hinter ihr stand ein hochgewachsener, schlanker Mann in legerer Kleidung und sah sie interessiert und neugierig an. Er hatte ein offenes, freundliches Gesicht mit grauen Augen, sein dunkles Haar war recht kurz geschnitten und wies mit einigen wild abstehenden Strähnen auf Wirbel hin, die sich nicht bändigen lassen wollten.
Er sah sie freundlich an, dann wies er auf ihren eingegipsten Arm. „Das hört sich jetzt vielleicht wie eine billige Anmache an, aber ... Sind Sie vielleicht ... ?"
Vashtu stutzte. „Kennen wir uns?" Einen Moment lang war ihr gewesen, als ... Doch als sie genauer hinsah, merkte sie, sie hatte sich geirrt.
In den Augen des Fremden spiegelte sich etwas, was sie nicht näher benennen konnte. „Ich gehe nicht davon aus, daß Sie die Anzeige in die Zeitung gesetzt haben, oder?" Etwas im Timbre seiner Stimme klang eigenartig.
Vashtu begriff, ließ sich jedoch nichts anmerken. „Was für eine Anzeige?"
Der Fremde wirkte nervös, doch ein kleines Licht begann in seinen Augen zu schimmern. „Die, auf die ich geantwortet habe. Es hieß, wir wollten uns vor dem Stadion treffen. Und erkennen würde ich sie an ... an ... an dem Gipsarm."
„Mam, wir sollten gehen", sagte Dorn. Seine Stimme klang kühl.
Vashtus Interesse war geweckt. Jetzt fiel ihr ein, daß sie den Mann schon vorher gesehen hatte, während Dorn anstand, um ihnen beiden die Hotdogs zu besorgen. Er war in der Nähe gewesen und hatte sie verstohlen beobachtet.
„Mam?"
„Ich komme gleich. Sekunde." Sie wandte sich wieder dem Fremden zu, grinste ihn frech an. „Tut mir leid, aber da muß dann wirklich eine Verwechslung vorliegen. Ich habe keine Anzeige in einer Zeitung geschaltet."
Das Licht in seinen Augen erlosch und er nickte.
„Ich muß jetzt los. Vielleicht finden Sie diese andere Frau ja noch." Sie neigte leicht den Kopf und wandte sich ab.
„Ich ... Warten Sie!"
Vashtu, die einige Schritte gegangen war, drehte sich wieder um und sah ihn an. „Ja?"
Der Fremde trat näher. Jetzt wirkte er wirklich sehr unsicher auf sie. „Ich ... Es tut mir leid."
Sie nickte. „Schon gut. Kann passieren."
„Nein, ich ... Ach, verdammt, könnte ich Ihre Nummer haben?" Ein Ruck war durch seinen Körper gegangen vor dieser Frage. Plötzlich schien er sehr entschlossen zu sein.
„Mam!" Dorns Stimme klang ungeduldig.
„Sofort", rief sie ihm zu, fummelte an der Innenseite ihrer Jacke herum, um an ihre Brieftasche zu kommen. Ungeduldig rupfte sie das Lederetui schließlich aus der Brusttasche. Die Jacke glitt von ihrer rechten Schulter.
„Darf ich?" Die Hand des Fremden zog den leichten Stoff wieder zurecht. Er hatte schmale Hände, fiel ihr auf. Schmale Hände mit langen, schlanken Fingern.
„Ist noch ungewohnt", murmelte sie unwillig, kämpfte jetzt mit dem Etui. Endlich gelang es ihr, eine der Visitenkarten herauszuziehen, die das SGC ihr zur Verfügung gestellt hatten. Sie reichte sie ihm und blickte auf. „Die unterste Nummer ist mein privater Anschluß. Über die anderen werde ich im Moment wohl nicht zu erreichen sein."
Interessiert las er das Kärtchen, blickte dann auf. „Vashtu Uruhk, ein ungewöhnlicher Name."
Um weiteren Ärger zu vermeiden schob sie das Etui einfach in die Gesäßtasche ihrer Jeans. „Und Sie sind?"
„Oh, ja, natürlich." Jetzt zog er eine Visitenkarte aus seiner Jackentasche, offensichtlich hatte er sie sich schon vorher bereit gelegt. Ein interessanter Zug an ihm.
Vashtu überflog kurz die Buchstaben, dann nickte sie. „Alles klar, Dr. Finnigan. Einen schönen Tag noch!" Sie winkte fröhlich mit der Visitenkarte und joggte Dorn nach, der zum Eingang des Stadions stapfte.
„Nennen Sie mich einfach Tom!" rief er ihr nach.

***

Triumphierend hielt Dr. Peter Babbis das Antikergerät hoch. In seinem Inneren leuchtete es. „Was habe ich gesagt?" Er drehte sich zu seinem Begleiter um und grinste breit und überlegen.
Dr. James Wallace nickte nachdenklich. „Und was, wenn es eine Waffe ist?" fragte er skeptisch.
„Ich habe jetzt schon mehrmals gesehen, wie Miss Uruhk dieses Ding in der Hand hatte. Muß irgendetwas sein, womit man ... was auch immer macht." Babbis runzelte die Stirn, legte das Gerät vorsichtig wieder zurück auf den Schreibtisch seiner Teamleaderin. Sofort erlosch das Licht in seinem Inneren.
„Eben drum", murmelte Wallace, schürzte die Lippen. „Also hat diese Gentherapie bei dir angeschlagen. Toll, jetzt haben wir zwei mit dem ATA-Gen im Team. Wird einiges einfacher machen."
Babbis nickte, rieb sich seine Armbeuge, als könne er den Stich immer noch spüren. Nachdenklich runzelte er die Stirn. „Hatte doch was gutes, diese zwei Wochen auf Atlantis. Merkwürdig, daß Landry uns so lange zugestand."
Wallace zuckte mit den Schultern. „Ich fand schade, daß Dorn und ich nicht hinterherkommen durften. Atlantis muß doch klasse sein", in seiner Stimme schwang ein schwärmerischer Ton mit.
„Nicht, wenn man die ganze Zeit zwei gurrende Turteltauben um sich hat." Babbis' Gesicht verdüsterte sich.
Wallace lächelte. „Miss Uruhk und der Colonel? Ich habe gehört, die beiden seien sehr eng miteinander befreundet."
„Befreundet?" Babbis erinnerte sich da an eine Szene aus der Krankenstation, die er mitangesehen hatte. „Die haben sich schon allein mit ihren Blicken fast gegenseitig aufgefressen! Das wurde schon langsam richtig peinlich. Immer, wenn er dienstfrei hatte, kam der Colonel, saß an ihrem Bett und hielt Händchen."
In Wallaces Gesicht trat ein schwärmerischer Ausdruck. „Sicher sind sie ein schönes Paar. Wie romantisch!" Er seufzte.
„Wie nervend! Ein paar Mal sind sie sich auch um den Hals gefallen und haben sich geküßt." Babbis sah aus, als habe er gerade in eine Zitrone gebissen. Er schüttelte sich. „Kein Wunder, daß das SG-Command sie getrennt hat. Wenn die beiden zusammen wären ... Sie haben sich benommen, als sei der Rest der Welt nicht mehr existent."
„Und trotzdem ist es ihnen letztes Jahr gemeinsam gelungen, ein Wraith-Mutterschiff zu zerstören", wandte Wallace ein. „Ich habe den Bericht gelesen."
Es klopfte.
Die beiden Wissenschaftler wechselten Blicke. Eigentlich sollten sie gar nicht hier sein, fiel ihnen gleichzeitig ein. Eigentlich hatten sie sich um ihre jeweiligen Forschungsgebiete zu kümmern. Vashtu Uruhk hatte ihnen mehr als einmal gesagt, daß ihr Büro tabu sei, wenn sie sich nicht im Cheyenne-Mountain aufhielt.
Wieder klopfte es.
Babbis riß sich zusammen. Seit ihrem gemeinsamen Abenteuer in der Pegasus-Galaxie hielt er sich für etwas wie den Stellvertreter der Antikerin. „Ja?" fragte er so leger wie möglich.
Die Tür öffnete sich und ein muskulöser, farbiger Mann trat ein. Eine goldene Tätowierung prangte in der Mitte seiner Stirn. Mit einem fragenden Blick sah er die beiden Wissenschaftler an, ehe er mit tiefer Stimme fragte: „Ist Vashtu Uruhk nicht hier?"
Babbis richtete sich stocksteif auf. Der Jaffa aus SG-1! „Nein, sie ist zur Zeit krankgeschrieben. Aber ich kann ihr etwas ausrichten, wenn Sie möchten."
Teal'c sah ihn einen Moment mit hochgezogenen Brauen an, dann nickte er, trat vor und reichte ihm eine zusammengebundene Rolle. „Übergeben Sie ihr das bitte. Es ist eine Einladung zu einem Wettkampf. Vielleicht besteht Interesse ihrerseits."
Babbis nickte. „Klar, mache ich." Seine Hand zitterte leicht, sofort legte er die Schriftrolle auf den Schreibtisch, neben das Antikergerät.
Der Jaffa sah ihn noch einen Moment an, dann drehte er sich um. An der Tür blieb er noch einmal stehen und musterte sie beide stumm. Wieder hob sich eine seiner Brauen, doch dann ging er.
Babbis sank in sich zusammen und holte tief Luft.
„Das war ... das war ..." Wallace keuchte.
Babbis nickte. „Ja, das war er." So würdig wie möglich richtete er sich auf und griff sich wieder die Schriftrolle. „Wir sollten gehen."

***

Vashtu schaltete ihren Flachbildfernseher ein, legte die Fernbedienung zurück auf den Tresen und holte eine Tasse hervor. Ein Teebeutel landete darin, während sie sich schon ihrem Wasserkocher zuwandte und einschaltete. Wenigstens war Dorn so nett gewesen und hatte das Gerät bis obenhin aufgefüllt. Damit würde sie wohl über den Abend kommen.
Aus den Augenwinkeln nahm sie das Auftreten zweier Menschen in futuristischer Kleidung wahr und grinste.
Sie hatte die Science-Fiction-Serien entdeckt, die regelmäßig über den Äther gingen. Und sie fand sie sehr amüsant, mußte sie zugeben. Als jemand, der in gewisser Weise eine mögliche Zukunft der Menschen erlebt hatte, genoß sie die teils sehr weit hergeholten Ideen, die manche auf der Erde wohl hatten. Und warum auch nicht? Vielleicht gab es ja in der einen oder anderen Serie noch etwas, was sie irgendwann würde nutzen können.
Der Wasserkocher schaltete sich aus. Sie griff das Gerät und goß sich das heiße Wasser in die Tasse. In diesem Moment klingelte ihr Telefon.
Stirnrunzelnd stellte sie den Kocher auf die Arbeitsfläche. Wer konnte das sein?
Das Telefon lag auf dem niedrigen Wohnzimmertisch, neben ihrem Laptop, der ausgeschaltet und zusammengeklappt auf ihre nächste Sitzung wartete.
Wieder klingelte es.
Vashtu nahm ihre Tasse, umrundete den Tresen und ließ sich auf ihrem Sofa nieder. Den Tee stellte sie vor sich auf den Tisch.
Wieder dieses durchdringende Schrillen. Die Leuchtanzeige des schnurlosen Gerätes blinkte.
Vashtu seufzte und nahm das Telefon, drückte auf den entsprechenden Knopf und hielt es sich ans Ohr. „Ja?"
„Miss Uruhk?" fragte eine dunkle Stimme am anderen Ende der Leitung, die ihr vage bekannt vorkam.
„Ja?" Sie zog das Wort fragend in die Länge.
Ein tiefes Atemholen. „Ich bin es, Tom Finnigan. Sie erinnern sich?"
Vashtu schmunzelte und nickte. „Ja. Ist Ihre Bekannte noch aufgetaucht?"
„Meine Be... ?" Ein Stocken.
Also hatte sie von Anfang an richtig gelegen. Das Schmunzeln wurde zu einem breiten Grinsen. „Sie wissen schon, Ihre Verabredung mit dem eingegipsten Arm", warf sie ihm den Brocken hin.
„Oh ... äh ... nein, ich fürchte nicht." Er schwieg verlegen.
Vashtu fischte den Teebeutel aus der Tasse und warf ihn auf den Teller, auf dem schon mehrere seiner Art in verschiedenen Zuständen der Austrocknung lagen. „Das tut mir leid für Sie." Sie griff sich die Tasse und setzte sie an die Lippen.
Ein Raumschiff flog durch den Weltraum.
„Kann man nichts machen, fürchte ich", sagte er verlegen. „Aber darum rufe ich nicht an."
Sie nickte und wartete.
Schweigen auch am anderen Ende.
Worauf wartete er? Sollte sie jetzt etwas sagen? Sie wußte es nicht. Ebensowenig wie sie wußte, was sie eigentlich getrieben hatte, ihm ihre Karte zu geben.
„Wie war das Spiel?" fragte er schließlich.
„Interessant", antwortete sie. „Ich war das erste Mal bei einem Baseballspiel. Normalerweise sehe ich mir lieber Football an."
„Sie mögen Football?" Jetzt klang seine Stimme irritiert.
War das ungewöhnlich?
Sie zuckte mit den Schultern, was ihr gleich von einem rasenden Schmerz in ihrem gebrochenen Arm gedankt wurde. „Warum nicht? Ist ein interessanter Sport", antwortete sie ein wenig gepreßt.
„Verzeihen Sie, ich wollte nicht ... Ich meine ..."
„Das war mein Arm. Tat einen Moment lang weh", sagte sie. „Hatte nichts mit Ihnen zu tun."
„Oh!"
Ein Mann unterhielt sich mit einer Frau, die offensichtlich eine Außerirdische darstellen sollte. Vashtu seufzte, senkte den Kopf. „Weswegen rufen Sie an? Doch nicht wegen des Spiels, oder?"
„Äh, nein." Er zögerte. „Ich wollte ... Sie sind ziemlich direkt, wissen Sie das?"
„Das hat mir so noch niemand gesagt", antwortete sie, lehnte sich zurück, nachdem sie die Tasse wieder auf dem Tisch abgestellt hatte. „Ist das schlimm für Sie?"
„Ich würde sagen, es ist ungewöhnlich", sagte er. „Aber auch interessant. Ich wollte sagen, ich ... Naja, irgendwie ... Wollen Sie mit mir essen gehen?"
Vashtu stutzte. „Bitte?"
Ein Seufzen. „Wollen Sie mit mir essen gehen, Miss Uruhk? Vielleicht morgen abend?"
Ihr Blick glitt kurz ab, nachdenklich nagte sie an ihrer Unterlippe. Dann nickte sie. „Gut, warum nicht?"
„Ehrlich?" Er klang jetzt wirklich überrascht.
Wieder nickte sie, beobachtete das Treiben auf dem Bildschirm vor sich. Eine wilde Schießerei mit irgendwelchen nachgemachten Energiewaffen war gerade im Gange. „Klar, wieso denn nicht? Sie scheinen ja ganz nett zu sein. Warum sollte ich mich dann nicht mit Ihnen treffen?" Den letzten Grund ließ sie aus, den brauchte er nicht zu kennen.
„Das ist ... Ich freue mich! Um Halb acht?" Jetzt überschlug sich seine Stimme fast.
Irgendwie wurde sie nicht so recht schlau aus diesem Tom Finnigan. Aber ... nun ja, sie würde ihn näher kennenlernen. Dann würde sich vielleicht das eine oder andere klären.
„Gut, um halb acht. Wo treffen wir uns?"
„Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, hole ich Sie ab." Er klang wirklich aufgeregt.
Vashtu zögerte jetzt doch, beschloß dann aber, daß sie schon zu weit gegangen war. Und warum sollte sie sich nicht abholen lassen? Ihr Motorrad konnte sie im Moment nicht bedienen, und Autofahren ... ? Naja, es behagte ihr nicht so sehr, auch wenn sie inzwischen einen Führerschein hatte.
„37 Park Street", sagte sie. „Ich warte draußen."
„Park Street?" Er klang überrascht. „Die Apartmentanlage? Wow! Wie sind Sie denn daran gekommen? Die Warteliste ist doch meilenlang."
Sie schmunzelte. „Ich habe Glück gehabt."
„Sehr viel Glück und sehr gute Verbindungen, scheint es mir." Er schien jetzt wirklich beeindruckt. „Gut, dann bis morgen abend. Ich freue mich."
„Bis morgen." Sie wartete, bis er aufgelegt hatte, dann schaltete sie den Apparat ab und legte ihn stirnrunzelnd zurück auf den Tisch.
Hatte sie tatsächlich eine Verabredung?

TBC ...

06.02.2010

Inhuman VII

Fünf Tage später

Carson Beckett stand schon eine Weile in der Nähe und betrachtete seine unfreiwillige Patientin.
Vashtu lag in einem der schmalen Betten der Krankenstation und las in einem Buch, das ihr irgendjemand gebracht hatte.
Das Schlüsselbein war glücklicherweise nicht gebrochen gewesen, erinnerte der Arzt sich. Dafür aber hatte er mit seiner Einschätzung der Schußwunde am rechten Knie recht gehabt, so daß die Antikerin selbst noch fünf Tage später ans Bett gefesselt war, damit die Kniescheibe, die er operativ zusammengefügt hatte, ausheilen konnte. Ansonsten verheilten ihre Verletzungen allmählich, wenn auch längst nicht so schnell, wie er es in Erinnerung hatte.
Vashtu trug noch immer Zeichen der Alterung. Einige letzte Falten zierten ihr Gesicht um die Mundpartie und die Augen herum, letzte, verblassende Altersflecken waren noch auf der Stirn auszumachen. Die Haut ihres Halses war noch extrem trocken, ebenso wie auch stellenweise auf ihrem Körper. Am schlimmsten sah nach wie vor der linke Arm aus, in den ihr die Impfung verabreicht worden war.
Am interessantesten im Moment war allerdings ihr „Kopfschmuck". Letzte graue Strähnen durchzogen die wild abstehenden Haare an den Schläfen und am Hinterkopf. Das allein wäre vielleicht noch nicht wirklich spektakulär gewesen, es sei denn, wie sehr diese Farbe doch von ihrem normalen Farbton abstach. Was allerdings noch mehr auffiel waren die immer noch weißen Spitzen, die ihr gerade in ihrer Struwwelfrisur ein eigenartiges, beinahe geschecktes Aussehen verlieh. Und Beckett war sich ziemlich sicher, daß sich an diesem Fehlen von jeglicher Farbe auch nichts mehr ändern würde. Entweder irgendjemand erbarmte sich und stutzte dieses auffällige Weiß heraus, oder aber sie würde wohl oder übel damit leben müssen, wollte sie sich die Spitzen nicht färben.
Beckett trat nun langsam an das Bett heran und räusperte sich vernehmlich.
Vashtu blickte von ihrem Buch auf und sah ihn einen Moment lang an, ehe sie es zur Seite legte und fragend blinzelte.
„Was gibt es?" fragte sie zögernd.
Beckett senkte lächelnd den Kopf, richtete seine Aufmerksamkeit dann auf das Klemmbrett, das er mitgebracht hatte und begann in ihrer Krankenakte zu blättern.
„Die Werte sehen inzwischen ganz gut aus, Vashtu", erklärte er dann, wieder aufsehend. Er las die Erleichterung in ihrem Gesicht. „Allerdings solltest du dich in nächster Zeit etwas schonen. Die erneute Gentherapie ist noch nicht auf dem Stand wie die alte. Zudem habe ich mir erlaubt, sie ein wenig zu verfeinern, damit du gegen weitere Vergiftungen immun wirst."
Vashtu runzelte die Stirn. „Sagtest du nicht ... ?"
Beckett hob die Hand, um ihr Einhalt zu gebieten. „Was mir Sorgen bereitet ist dein seelischer Zustand. Du mußt diese Sache verarbeiten. Dr. Heightmeyer ist da mit mir einer Meinung."
Vashtu sah auf die Decke ihres Bettes hinunter. Ihre Hand begann an dem Stoff zu zupfen. „Es geht mir gut", behauptete sie.
„Noch. Du bist bisher nicht wieder durch das Tor getreten. Was aber passiert, wenn du wieder in einen Einsatz ziehst, werden wir erst dann sehen. Dr. Mackenzie auf der Erde hat sich spezialisiert auf traumatische Erfahrungen. Du solltest ihn aufsuchen, wenn du wieder zurück bist."
Vashtu verzog unwillig das Gesicht. „Wir werden sehen", antwortete sie ausweichend. Dann sah sie auf, ihr Blick wurde weich.
Beckett schüttelte den Kopf. „Ich kann dir da nicht helfen. Tut mir leid", beantwortete er ihr stumme Frage.
„Aber ..."
Er schüttelte wieder den Kopf, diesmal aber mit einem gütigen Lächeln. „Versuch es zumindest, Vashtu", bat er dann, gerade als sich Schritte näherten und eine hochgewachsene Gestalt an seiner Seite auftauchte.
Dieses Timing war geradezu ... perfekt!
Becketts Lächeln vertiefte sich. „Colonel." Er nickte Sheppard zu, der sich auf der Bettkante niederließ und ihn etwas ratlos musterte.
Vashtus Augen wurden schmal. „Was willst du noch?" fragte sie mißtrauisch.
Beckett sah auf die Akte hinunter, auch wenn dort sicher nicht zu lesen stand, was er beiden noch zu sagen hatte.
Sheppard richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf ihn. „Carson?"
Beckett betrachtete das Paar, sah sie beide aufmerksam an.
Wie mußte es sein, seinen eigenen Gegenpart zu lieben? Er wußte es nicht, er wußte nicht einmal, ob das eine Erfahrung war, die er gern mit ihnen teilen würde. Doch ihm war von Anfang an klar gewesen, daß sie beide zusammengehörten. Und jetzt ...
Er war einer der ersten gewesen, die sie beide damals zusammen erlebt hatten, nachdem die Antikerin aus den Tiefen der Zeit aufgetaucht war, erinnerte er sich. Und er hatte sofort gesehen, was zwischen ihnen vorging. Keiner von ihnen konnte sich wirklich gegen das wehren, was da gewachsen war. Selbst nach mehr als einem Jahr der Trennung war ihr Verhältnis nur noch inniger geworden statt abzukühlen.
Und er hatte jetzt auch noch eine Überraschung für sie.
„Mir fällt da noch etwas ein, was ..." Beckett stockte, versteckte sich hinter seinem Klemmbrett und versuchte alles, um das breite und sehr zufriedene Grinsen aus seinem Gesicht zu wischen. „Nun, General Landry und General O'Neill sind sich einig, daß die Kontaktsperre zwischen euch aufgehoben werden sollte. Um bei den Worten Landrys zu bleiben:Es hatte sowieso von Anfang an keinen Zweck."
Jetzt starrten ihn wieder zwei Augenpaare ungläubig an. Dann, er konnte es wirklich sehen, schalteten sie beinahe zeitgleich und die Sehnsucht, die einen Moment lang wieder so deutlich in ihren Gesichtern zu lesen gewesen war, wich einer tiefen Befriedigung und Erleichterung.
Kein Versteckspiel mehr. Keine, auf Umwegen geschmuggelten Briefe zwischen Erde und Atlantis. Wenn er zukünftig noch Briefe transportieren mußte, nun, dann konnte er das offen tun und mußte sich nicht für jeden Besuch ein neues Versteck ausdenken.
„Carson, das warst du!" Vashtu gluckste in sich hinein.
Ein breites Grinsen erschien auf Sheppards Gesicht. Er nahm die Rechte der Antikerin und drückte sie. Und für Beckett sah es wirklich einen Moment lang so aus, als gäbe es nicht zwei Hände, so eng umschlangen die Finger der beiden sich.
Plötzlich wurde er sehr verlegen, räusperte sich wieder. „Ich ... muß noch zu anderen Patienten", entschuldigte er sich, drehte sich abrupt herum und marschierte davon.
Zurück blieben Vashtu und Sheppard, der sich jetzt wieder zu ihr umdrehte und sie genau musterte. „Ich habe im Moment wenig Zeit, aber ... Du siehst besser aus", sagte er dann unvermittelt.
Vashtu nickte. „Ich fühle mich auch besser." Ihre Augen strahlten ihn an. Wieder fühlte sie dieses Prickeln in ihrem Inneren, wie schon vor einem Jahr. Das Band bestand immer noch zwischen ihnen. Es war nicht abgerissen, soviel Mühe andere sich auch gegeben haben mochten.
„Ich wollte mich noch bei dir bedanken für dein rasches Handeln. Das hättest du nicht zu tun brauchen."
Sheppard verzog das Gesicht. Dann zwinkerte er ihr zu. „Ich hatte auch noch ein Wörtchen mit Kolya zu wechseln."
Ihr Lächeln erlosch. Zögernd hob sie die Hand, ließ sie dann wieder sinken. „Kolya hat es mir erzählt, und Dr. Weir dann bestätigt. Ich wußte davon nichts." Ihre Augen verdunkelten sich. „Es muß schlimm für dich gewesen sein."
Sanft drückte er ihre Hand in seiner. „Es ist wieder gut, glaube mir. Was Kolya dir antun wollte ..."
„Es war schlimmer, was er mit dir getan hat! Spiele es nicht herunter, John." Sie senkte den Blick. „Ich war viel zu beschäftigt mit allem möglichen, ich habe nicht so schnell geschaltet. Babbis hat mich wieder auf den rechten Weg gebracht. Sonst wäre ich dort wirklich ..."
„Nicht dran denken, verstanden?" Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Sein Daumen streichelte sacht ihren Handspann.
Sie nickte, sah ihn wieder an. Ein schüchternes Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Es muß wohl mehr sein, wenn du mich noch ansehen kannst, nachdem du mein wahres Alter ..." Sie stockte, als er sich vorbeugte und sie genau musterte.
„Ich sehe nichts als eine hübsche Frau. In meinen Augen bist du immer schön", sagte er sanft.
Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, senkte verlegen den Blick.
„Die neue Frisur steht dir gut."
„Ich hatte eine gewisse Anregung." Sie war froh über diesen Themenwechsel. „Carson muß wohl ziemlich geschockt gewesen sein, als er mich das erste Mal sah."
„Kann ich mir denken. Ich mußte auch zweimal hinsehen. Aber es steht dir."
Ihre freie Hand strich nervös die Decke glatt. Sie wußte nicht, wohin sie sehen sollte. Nur nicht in sein Gesicht. Nur nicht dahin!
Er schien zu bemerken, in welche Verlegenheit er sie brachte, jedenfalls richtete er sich langsam wieder auf, hielt aber immer noch ihre Hand. „Wie seid ihr eigentlich auf den Gedanken gekommen, diese Wundsalbe als Stift zu verwenden?" fragte er.
Jetzt wagte sie doch einen Blick und sah, wie seine Augen spöttisch blitzten. „Babbis sagte mir, er habe das aus irgendeiner Fernsehserie, die er als Kind gern gesehen hat. Es war sein Einfall. Mir hatte er nichts gesagt, nur den Code von mir verlangt."
Sheppard nickte. „Klever, der Kleine. Hätte ich nie gedacht."
Vashtu grinste. „Ja, SG-27, das Team, das keiner wollte."
Er sah sie wieder an, dann nickten sie beide im stillen Einklang. „Das beste Team der Milchstraße", sagten sie im Chor und lachten leise.
„Es war harte Arbeit", gestand sie ihm zu wissen, „aber inzwischen denke ich, ich muß nicht immer alles allein machen."
„Und der andere?" Sheppard hob die Brauen.
„Wallace?" Sie seufzte. „Seine Stärken haben wir mittlerweile auch entdeckt. Aber ihn von allen Fettnäpfchen der Milchstraße entfernt zu halten ist ein Fulltime-Job. Er hat einfach zwei linke Hände und Füße."
Sheppard nickte amüsiert.
Vashtu wurde plötzlich wieder ernst. „Du hast mir gefehlt, John."
In seinen Augen leuchtete es auf, sein Gesicht wurde wieder ernst. Langsam nickte er. „Ich kann dir noch einen ganzen Stapel Briefe mitgeben. Carson dürfte sonst die nächsten Jahrzehnte damit beschäftigt sein, sie dir zu geben."
„Meine Antworten liegen leider auf der Erde."
Er schüttelte den Kopf. „Das ist nicht wichtig, Vashtu. Du bist hier."
„Es würde wahrscheinlich nicht gutgehen", wandte sie ein.
„Wer kann das sagen, ehe es nicht ausprobiert ist?"
„Niemand."
Keiner der beiden bemerkte den hochgewachsenen, schlacksigen jungen Mann, der den Gang hinuntergewandert kam.
Babbis blieb wie angewurzelt stehen, als er den Gast bemerkte, der sich bei seinem Teamleader aufhielt. Und ihm entging auch nicht, wie ihre Blicke immer intensiver wurden. Lt. Colonel John Sheppard hielt Vashtu Uruhks Hand wie einen kostbaren Schatz. Beide lächelten und unterhielten sich leise.
Der junge Wissenschaftler fühlte einen leisen Stich der Eifersucht in seiner Herzgegend. Also hatte sie ihn doch angelogen! Es war deutlich zu sehen, wie sehr sie sich gegenseitig anzogen. Sie verschlangen sich ja fast mit ihren Blicken.
Babbis kniff die Lippen aufeinander und wollte sich abwenden, als er Dr. Beckett neben sich bemerkte, der, die Arme vor der Brust gekreuzt, schmunzelnd dastand und das Paar ebenfalls beobachtete. Die beiden bemerkten noch immer nichts von ihren heimlichen Zuschauern.
„Halten Sie das für einen guten Weg zur Heilung?" fragte Babbis den Mediziner.
Der sah ihn lächelnd an, ehe er seinen Blick wieder auf das Paar richtete. „Sie mußten schon seit einem Jahr auf diesen Moment warten, Peter. Lassen Sie ihnen das Vergnügen", antwortete er. „Außerdem sollten Sie sich noch schonen. Die Gentherapie kann ein folgenschwerer Eingriff sein."
Babbis verzog das Gesicht und kreuzte die Arme vor der Brust. Wieder sah er zu dem Paar hinüber.
Sheppard beugte sich erneut über Vashtu, sah sie forschend an. Sie erwiderte seinen Blick mit einer leisen Frage in ihren Augen.
„Wir sollten das nicht tun", wisperte sie.
Er neigte leicht den Kopf. „Was?"
Sacht hob sie die Hand, strich über seine Wange. „Was wir jetzt gerade tun wollen. Das sollten wir nicht tun." Seine Haut war ein wenig kratzig. Der Bart wuchs wohl schneller als er sein Rasierzeug zur Hand hatte.
Er rückte noch ein kleines Stück näher. „Und was wollen wir jetzt tun?"
Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. Ihre Haut prickelte. „Ich weiß nicht." Ihre Stimme klang rauh.
Er lächelte sanft und ließ ihre Hand los. „Wir werden es nie herausfinden ..." Seine Finger schoben sich zwischen Kissen und ihren Rücken.
„... wenn wir es nicht probieren", ergänzte sie, ließ ihre Hand über seine Schulter streichen, nach hinten zu seinem Nacken.
Seine andere Hand fand ebenfalls den Weg in ihren Rücken. Sanft zog er sie aus dem Kissen, sah sie immer noch an, doch sein Gesicht war plötzlich ernst geworden.
Sie blickte ihn an, wagte nicht, den Mund wieder zu öffnen. Angenehme Schauer durchrieselten ihren Körper. Sie ließ sich von ihm hochhieven, leistete keinen Widerstand. Ihre Hände hatte sie mittlerweile hinter seinem Nacken verschränkt. Sie roch seinen Duft, sah noch immer in seine Augen und fühlte, wie die Welt um sie her immer mehr versank.
Sacht senkte er den Kopf, seine Lippen öffneten sich leicht, und sie fühlte, wie die ihren das gleiche taten. Sie reckte sich ihm entgegen und schloß die Augen. Und dann schien das Universum um sie her in einem Funkenregen zu explodieren, während er sie an sich drückte und küßte. Und dieser Kuß war das Universum, ihrer beider eigene kleine Welt, die nur sie teilten.
Vashtu spürte, wie etwas in ihr reagierte. Etwas, von dem sie geglaubt hatte, es existiere nicht mehr, sei in all den Jahrtausenden langsam aber stetig verkümmert und schließlich ganz eingegangen. Doch jetzt erblühte es wieder, kräftiger und voller als je zuvor. Und noch während sie sich küßten fühlte sie bereits die wieder erwachende Sehnsucht dieses Pflänzchens.
Sie würden wieder getrennt werden, und wer konnte schon sagen, wann und ob sie sich jemals wiedersehen würden?
Nicht daran denken! Nur dieser Moment zählte. Nur dieses Erforschen des anderen, diese Zärtlichkeit, dieses Erleben.
Doch dann trennten ihre Lippen sich. Atemlos sahen sie beide sich an, hielten sich noch immer fest umschlungen. Und in Sheppards Augen konnte sie das gleiche lesen, was sie empfand. Es war ...
„Vashtu, ich liebe dich", flüsterte er heiser.
Sie lächelte. Ja, das war es. „Ich liebe dich auch, John."

ENDE

03.02.2010

Inhuman VI

Beckett erwartete sie mit ernstem Gesicht in Weirs Büro, als die Expeditionsleiterin sie rufen ließ.
Sheppard wurde es unwohl. Die nächste Übertragung würde nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Und das hieß, vielleicht würden sie etwas mehr über Vashtus Plan erfahren.
„Was ist?" McKay wirkte nervös, unruhig schnippte er mit den Fingern.
„Wir sind überein gekommen, daß wir diesmal verhindern, daß irgendjemand hier mit Vashtu Uruhk spricht", erklärte Weir, lehnte sich mit überkreuzten Armen zurück. „Wir können es nicht riskieren."
„Aber sie könnte uns weitere Infos darüber geben, was wir tun sollen!" entfuhr es Sheppard. Dann rief er sich zur Ordnung. „Wir wissen nicht, was wir tun sollen, Elizabeth. Irgendwie ... Ich gehe davon aus, daß Vashtu uns auch dieses Mal wieder einen Brocken hinwerfen wird."
„John, denken Sie wirklich, Kolya wird sich einen solchen Lapsus zweimal leisten?" Weir sah ihn skeptisch an.
„Colonel Sheppard kommt nicht in alle Unterprogramme hinein, Elizabeth", argumentierte McKay jetzt. „Der Hauptrechner ist dermaßen überfüllt mit allen möglichen Daten, daß wir Jahrzehnte suchen könnten, ohne etwas wirklich hilfreiches zu finden. Wir brauchen nähere Informationen, so ungern ich das auch zugebe."
„Jede Verletzung schwächt ihr Immunsystem." Becketts Stimme klang ruhig, doch sein Gesicht wirkte bleich vor Anspannung. „Wird sie noch einmal angeschossen, könnte das Auswirkungen darauf haben, wie schnell die Vergiftung fortschreitet. Bisher war ... Nun die Wunden waren relativ vertretbar. Aber nach der letzten ... Und wir wissen nicht, was danach noch mit ihr geschehen ist."
„Kolya hat sie wohl geschlagen", murmelte Sheppard leise und ballte die Hände zu Fäusten. „Offene Wunden bis auf die am Knie habe ich nicht sehen können. Und um die hat dieser Babbis sich notdürftig gekümmert."
Beckett sah ihn zweifelnd an.
„Wie auch immer, wir können es nicht vertreten, daß sie noch einmal verletzt wird", entschied Weir. „Also werden wir uns weigern, noch einmal mit ihr zu sprechen."
Sheppard verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. „Und wer sagt uns, daß Kolya sie nicht doch wieder verletzen wird? Sie wissen doch, was von seinem Wort zu halten ist, Elizabeth."
„Wenn sie uns noch eine Information zukommen lassen kann, wird sie das tun", erklärte McKay in die folgende Stille hinein. „Ich mag sie nicht so gut kennen wie der Colonel, aber ich kenne ihn."
Sheppard warf dem Wissenschaftler einen irritierten Blick zu.
„Wir können es nicht verantworten", wiederholte Weir.
„Was sagt Landry?" Sheppard blickte auf.
„Er wartet immer noch auf eine Adresse", antwortete die Expeditionsleiterin. „Sind wir damit weiter gekommen?"
McKay schüttelte den Kopf.
Weir senkte den Blick.
„Sie wird sprechen wollen, wenn sie noch etwas zu sagen hat", warf Sheppard ein. „Wir werden sie nicht daran hindern können. Sie haben sie bei der letzten Übertragung gesehen, Elizabeth. Ich wollte nicht mit ihr reden."
„Leider ist das so", murmelte Beckett. „Ich kann nur hoffen, daß sie selbst weiß, wie weit sie gehen kann. Es steht nicht gut um sie."
„Sie lag nur noch an der Wand, bis zum Ende der Übertragung. Babbis hat sie mit seiner Jacke zugedeckt." Sheppard runzelte die Stirn. Er wünschte sich ... Nein, das nicht!
„Kommen wir überein, daß wir ihr die Entscheidung überlassen, meine Herren." Weir hatte endlich wieder den Blick gehoben. „Aber ich glaube nicht, daß sie uns noch weitere Informationen zukommen lassen kann. Kolya wird aufpassen."
„Ich weiß ..." Sheppard nickte nachdenklich. Er wollte lieber nicht wissen, was Vashtu sich noch ausgedacht haben mochte, um sie näher an die Lösung zu bringen. Er konnte nur hoffen, daß es nicht allzu schmerzhaft für sie werden würde.

***

Der Genii riß sie auf die Beine, daß sie einen Schmerzensschrei nur mühsam unterdrücken konnte. Am Rande nahm sie wahr, daß Babbis sofort seine Jacke an sich brachte und fest umschlang, dann wurde sie auch schon aus dem Raum gezerrt.
Vashtu zwang sich, die Schmerzen zu unterdrücken, die das Knie ihr bereitete. Aber vielleicht würde ihr gerade diese Verletzung jetzt helfen. Mühsam schleppte sie sich vor dem Wächter her, die wenigen Schritte bis zur Tür. Dabei sammelte sie alle Kraft, die sie noch irgendwo in sich aufbieten konnte und machte sich zu einem letzten, aktiven Dienst ihrer Fremdzellen bereit. Sie mußte kurz das Bein belasten und hoffte, daß es nicht wieder unter ihr wegbrechen würde.
Dann waren sie bei der Tür.
Plötzlich, zu plötzlich für ihre Wächter, warf sie sich herum, ächzte mit zusammengepreßten Kiefern vor Schmerz, und rammte ihre Schulter brutal gegen diese. Das Bein brach unter ihr weg, so daß sie erst recht gegen das Holz gedrückt wurde. Die zusätzliche Kraft der Wraith-Zellen erlahmte viel zu schnell, doch es reichte. Die Tür brach auf und sie konnte einen kurzen Blick auf das Innere des schmalen Verschlages werfen.
Der Spiegel. Sie konnte Babbis sehen, der an die Wand gelehnt dastand. Und da stand die Kamera!
Im nächsten Moment traf sie ein grausamer Schlag, ließ sie endgültig zusammensacken. Die Schmerzen waren beinahe zu heftig. Sie konnte das Dunkel der Bewußtlosigkeit am Rande ihres Blickfeldes wahrnehmen.
Brutal riß man sie wieder auf die Beine. Die beiden Genii packten sie unter den Armen, daß sie sich hilflos aufbäumte. Der Kolben eines Gewehres landete in ihrem Bauch, ließ sie sich zusammenkrümmen und hilflos würgen.
Zwischen den beiden Wächtern eingekeilt wurde sie den Gang entlang geschleppt und in den schlecht beleuchteten Raum gebracht. Neben dem Stuhl ließ man sie los und stieß sie grob zu Boden, daß ihr Kinn gegen die Sitzfläche knallte.
Halb ohnmächtig blieb sie zusammengesunken vor dem Stuhl hocken, das verletzte Knie so weit wie möglich ausgestreckt. Sie fühlte, wie warmes Blut über ihr Bein rann, die Schußwunde war wieder aufgeplatzt. Keuchend wartete sie, hörte die undeutlichen Stimmen und kämpfte um ihr Bewußtsein.
Dann wurde sie im Nacken gepackt und wieder hochgerissen.
„Allmählich werden Sie lästig, Ahnin!" herrschte Kolya sie an. „Dachten Sie, Sie könnten so einfach entkommen? Oder was wollten Sie damit erreichen?"
Er quetschte ihr die Adern zum Gehirn ab. Ein stechender Schmerz breitete sich in ihrem Genick aus.
„Was sollte das?" wiederholte er und schüttelte sie.
„Ihre Gastfreundschaft läßt zu wünschen übrig, Kolya", würgte sie irgendwie hervor. „Natürlich wollte ich gehen. Ich habe genug von Ihnen."
Ein Tritt traf ihr verletztes Knie, dann wurde sie brutal über den Stuhl geworfen, dessen Sitzfläche sich jetzt in ihren Unterleib grub.
„Passen Sie nur auf, Vashtu Uruhk. Bis jetzt steht mein Angebot noch, aber ich kann es auch sehr schnell rückgängig machen."
Die beiden Genii zerrten an ihr und setzten sie wieder aufrecht hin, um sie an den Stuhl zu fesseln. Vashtu ließ es über sich ergehen, hielt den Kopf gesenkt.
Sie konnte beinahe spüren, wie die Injektion jetzt mit rasender Geschwindigkeit wirkte und durch ihren Körper jagte. Aber sie hatte keine andere Wahl gehabt. Sie hatte die Wraith-Zellen einsetzen müssen, sonst wäre es ihr wahrscheinlich nicht lange genug gelungen, die Schmerzen zu unterdrücken und die Tür zu öffnen.
Es gab eine Kamera! Sie konnten den zweiten Teil der Nachricht absenden. Hilfe würde kommen, hoffte sie zumindest.
Mit einem Ruck wurde ihr Kopf gehoben, um sie wieder zu knebeln. Müde, aber auch voller Zorn sah sie zu Kolya, der sich abgewandt hatte.
Sie haßte diesen Mann inzwischen so sehr. Wenn sie nur eine Möglichkeit erhalten würde, sie würde ihm jeden Knochen im Leib brechen, ehe sie ihn langsam, sehr langsam, tötete.
Ihre Kiefer spannten sich an, ihr von Schmerz und Fieber verschleierter Blick wurde kalt wie Eis.
Wenn sie nur eine Waffe hätte! Irgendetwas, ihretwegen reichte schon ein Nagel. Sie würde ihm das Leben zur Hölle machen, wie er es auch mit ihr getan hatte. Sie würde ihn foltern, und es würde ihr wirklich Vergnügen bereiten.
Sie schloß die Augen und ließ den Kopf auf ihre Brust sinken. Das Schlüsselbein schmerzte, aber lange nicht so schlimm wie das Knie oder die frischen Prellungen.
„Sie werden keine weiteren Anweisungen geben, ist das klar?" wandte Kolya sich plötzlich an sie. „Noch so ein Versuch und ich jage Ihnen eine Kugel in den Kopf. Dann dürften Sie tot sein. Es wäre zwar schade, aber läßt sich wohl nicht vermeiden."
Sie nickte mühsam, hielt den Kopf gesenkt.

***

Sheppard mußte ein Stöhnen unterdrücken, als Kolya zur Seite trat. Die Gestalt, die da auf dem Stuhl hing, schien nur noch wenig mit der Vashtu gemein zu haben, die er vor einem Jahr kennengelernt hatte. Eines fiel ihm sofort auf, ihr Haar war grau, nicht mehr dieses tintige Schwarz wie früher. Sie ließ den Kopf hängen, hatte offensichtlich Mühe, sich bei Bewußtsein zu halten.
Ein zischender Laut entwich Becketts zusammengebissenen Zähnen neben ihm.
„Wollen Sie mit der Ahnin sprechen?" fragte Kolyas Stimme.
Mühsam hob sie den Kopf, sah mit verschleierten Augen in die Kamera.
Sheppard schluckte und wartete.
Vashtu blinzelte und ließ den Kopf wieder sinken. Es war, als habe sie schlichtweg nicht mehr genug Kraft, um überhaupt noch irgendetwas zu tun.
„Ja, ich will mit ihr sprechen." Sheppards Stimme klang belegt.
Dieses Mal aber geschah etwas anderes als sonst. Kolya nahm ihr selbst den Knebel ab und stellte sich neben sie. Seine Waffe klickte, dann hielt er sie ihr an die Schläfe.
Sheppard biß sich auf die Lippen.
„John?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein rauhes Flüstern.
„Ich bin da", sagte er, versuchte so viel Gefühl wie möglich in seine Stimme zu legen.
Wieder hob sie ein wenig den Kopf, sah unter ihren Brauen herauf in die Kamera. „Ich ... ich wollte das nicht", flüsterte sie. „Es tut mir leid."
„Du mußt dich nicht entschuldigen."
Es schien, als würde sie kurz lächeln. „Laß es gut sein, ja? Es ist gut, daß du nicht hergekommen bist. Das wollte ich dir noch sagen."
Sheppard preßte die Lippen aufeinander. „Du wirst mir noch eine Menge mehr sagen, hörst du? Gib jetzt nicht auf. Die Erde hat Hilfe genehmigt. Eine Einsatztruppe ist auf dem Weg hierher. Wir holen dich da heraus, glaube mir."
Sie ließ den Kopf wieder sinken. „Es geht nicht mehr. Es ist zu spät." Ihre Schultern hoben sich, sanken dann wieder herab. „Ich wollte dir noch sagen ..."
„Spar es dir für später, Vashtu. Wir werden darüber reden, hörst du? Du darfst jetzt nur nicht aufgeben. Du mußt weiterkämpfen! Hilfe ist unterwegs." Sheppard bemerkte, daß ihre Schläfen plötzlich weiß wurden. Sie alterte rapide vor seinen Augen.
„Vashtu, hören Sie. Bleiben Sie ruhig, es wird schon ..."
Der Schuß knallte.
Sheppard schloß die Augen und wandte sich ab.
„Zwei Stunden ... falls die Ahnin sie noch hat", sagte Kolya, dann schaltete das Bild um.

***

Babbis stand mit dem Rücken zum Spiegel und wartete, als sich die Tür öffnete und die Antikerin in den Raum gestoßen wurde.
Einen Moment lang erschrak er über ihren Anblick, dann sah er das mühsame Nicken und tat einen Schritt nach vorn, den Rücken immer noch zum Spiegel. Um Aufmerksamkeit zu erregen sprang er wie ein Hampelmann herum, hob die Arme und wies mit den Händen auf seine Jacke. Erst als er hörte, wie die Tür wieder geöffnet wurde, stürzte er zur nächsten Wand und rieb in rasender Schnelle die Salbe von dem Stoff herunter. Noch während er das tat, sah er in die Mündungen zweier Waffen, hob die Hände.
„Lockerungsübungen", brachte er mit einem entschuldigenden Grinsen hervor, als ihn auch schon der erste Schlag in die Magengrube traf und ihn zusammenklappen ließ.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie Vashtu sich mühsam auf den Bauch wälzte. Falten zeichneten ihr Gesicht, ihr Haarschopf war weiß. Eine neue Wunde in ihrem linken Oberschenkel verhinderte jetzt wohl endgültig, daß sie wieder auf die Beine kommen konnte. Dennoch kroch sie auf ihn zu. Er sah einen unsäglichen Schmerz in ihren Augen brennen.
Immer neue Schläge prasselten auf ihn ein. Schützend hielt er sich die Hände vor den Kopf, dennoch mußte er auch dort einige Treffer verzeichnen.
Dann setzte die Prügel plötzlich aus. Babbis, der sich so klein wie möglich gemacht hatte, wagte einen Blick unter seinen Händen hervor. Sein Herz sank, als er sah, wer gerade den Raum betreten hatte.
Unsanft trat der Genii die Antikerin mit dem Fuß zur Seite. Er hörte Vashtu röcheln. Langsam ließ er seine Hände sinken, richtete sich ein wenig auf und sah sich unvermittelt Kolya gegenüber.
Der pockennarbige Genii betrachtete die Wand, an der Reste der Salbe klebten. Dann richtete sich sein intensiver Blick auf ihn.
„Was hat das zu bedeuten?" Seine Stimme klang voll und dunkel.
„Sagen Sie ihm nichts, Peter!" Vashtus Stimme war kaum noch zu erkennen. Sie hustete inzwischen immer wieder, holte schwer Luft.
Kolya starrte ihn weiter an, schob seine Hand aus seiner Manteltasche und richtete eine gefährlich aussehende Pistole auf die Antikerin.
Babbis atmete hektisch.
„WAS hat DAS zu bedeuten?" Kolyas Stimme war die ein drohender Donnerschlag.
Vashtu sah ihn verzweifelt an, schwieg jetzt aber. Die Falten gruben sich immer tiefer in ihr Gesicht.
„Ich habe Atlantis einen Code übermittelt, mit dessen Hilfe sie uns finden werden. Wahrscheinlich sind sie sogar schon auf dem Weg hierher." Babbis reckte sich ein wenig, versuchte dem kalten Blick des Genii so stolz wie möglich zu begegnen.
Kolya starrte ihn stumm an, dann richtete er seine Waffe auf ihn.
„NEIN!"

***

„Sie hat keine zwei Stunden mehr." Beckett schüttelte immer wieder den Kopf, durchmaß die Kommandozentrale mit seinen Schritten. Die Hände hatte er hinter dem Rücken gefaltet. „Wenn ihr die Gentherapie nicht innerhalb der nächsten Stunde verabreicht wird, wird sie sterben."
„Wie ist das möglich? Sie ... sie alterte vor unseren Augen!" Sheppard schluckte.
„Sie muß die Fremdzellen eingesetzt haben." Beckett blieb plötzlich stehen. „Der Hoffanerstamm hatte die letzten Stunden Zeit, sich in ihrem Kreislauf festzusetzen. Aber sie hat ihm so wenig Angriffsfläche wie möglich geboten. Jetzt ist das anders."
„Was macht der da?" ließ sich einer der Techniker irritiert vernehmen.
Sheppard drehte sich zu dem Bildschirm um und sah Babbis, der einen wilden Veitstanz aufführte. Auf seinem Rücken glänzte es.
„Was ... ?" Er stockte. Zahlen, das waren Zahlen!
In diesem Moment hastete der Wissenschaftler zur nächsten Wand und rieb seinen Rücken daran.
Sheppard begriff. „Aufnahme stoppen, sofort!" befahl er, wirbelte herum und hetzte zum Hauptcomputer. „Sehen Sie zu, daß wir ein klares Bild von Babbis' Rücken kriegen. Und ich brauche eine Leitung zur Erde. Sobald das Wurmloch abreißt, wählen Sie uns ein."
Er bemerkte am Rande einen irritierten Blick von Weir, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Gespannt wartete er auf die Übermittlung der letzten Bilder. Seine Augen huschten über den Bildschirm.
Das waren tatsächlich Zahlen. Ein Code! Der Code, den er brauchte. Er mußte die Kristalle verschieben.
Sheppard las:
7 <->3
0<->17
15<->5
9<->1
So schnell er konnte, wechselte er die Kristalle in der Reihenfolge, die Babbis ihm mitgeteilt hatte, trat dann vom Panel zurück, als plötzlich ein Laut ertönte, und hob die Hände.
„Die Tiefraumscanner!" McKays Augen wurden groß.
Sheppard fuhr herum und starrte auf die Anzeige. Zwei kleine Punkte leuchteten in den Tiefen des Alls. Zwei Punkte mit Nummern. ID-Nummern.
„Vashtu!"
„Verbindung reißt ab. Einwahl läuft", meldete der Techniker am DHD.
McKay trat näher. „Das ist ein verlassener Außenposten der Genii. Da waren wir schon einmal. Die Gate-Adresse ist gespeichert."
„Suchen Sie sie heraus, Rodney. Und machen Sie schnell." Sheppard klopfte auf sein Funkgerät, um es zu aktivieren. „Lorne, steht die Mannschaft bereit? Dann ab mit ihnen in die Jumper. Wir haben nicht viel Zeit!"
„John!" Weir starrte ihn an.
„Wir haben keine Zeit, auf die Erde zu warten, Elizabeth!" Er fuhr zu Beckett herum. „Haben Sie diese Gentherapie?"
Der Mediziner nickte.
„Dann holen Sie sie so schnell wie möglich. Sie kommen mit."
„Verbindung mit dem SGC steht", meldete der Techniker.
„General, Sir, wir haben die Adresse." Sheppard trat endlich hinter dem Hauptrechner hervor und stellte sich an den Bildschirm, über den die Bilder von Vashtu und Babbis geflimmert waren.
„Gut, ich werde gleich einen Jumper über die Gate-Bridge schicken", Landrys Stimme klang erleichtert.
Sheppard preßte die Kiefer aufeinander und faltete die Hände hinter seinem Rücken. „Sir, bei allem Respekt, aber soviel Zeit haben wir nicht mehr", entgegnete er. „Dr. Beckett bestätigte uns gerade, daß es noch maximal eine Stunde dauern würde, bis Vashtu nicht mehr zu retten wäre, wahrscheinlich sogar weniger. Wir können keine halbe Stunde warten, wir wissen nicht, auf wieviel Widerstand wir stoßen werden."
„Entspricht das auch der Wahrheit, Colonel?" Landrys Stimme klang mißtrauisch.
„Dr. Beckett ist zur Zeit nicht anwesend, da er Medikamente zusammenstellen muß, Sir. Wenn Ihnen mein Wort nicht reicht ... Dr. McKay wird Ihnen das sicher bestätigen können." Sheppard atmete tief ein. „Ich habe mir erlaubt, ebenfalls ein Rettungsteam zusammenstellen zu lassen. Die Männer betreten gerade die Puddlejumper, Sir. Wir brauchen nur Ihr Einverständnis, dann fliegen wir los."
„Colonel ... Dr. McKay, entsprechen diese Angaben der Wahrheit?"
„Hier Weir, General."
Sheppard drehte sich zu der Expeditionsleiterin um und sah sie an. „Sie haben selbst gesehen, wie Sie aussah, Elizabeth. Uns bleibt keine Zeit!" zischte er.
Weir erwiderte seinen Blick, dann nickte sie. „Ich kann diese Angaben bestätigen. Miss Uruhk altert in unglaublicher Geschwindigkeit. Dr. Beckett meinte, sie müsse ihre Fremdgene aktiviert haben. Die Impfung zerstört diese Zellen. Ihr normaler Genstrang allein ist nicht fähig ..."
„Ich habe verstanden." Landrys Stimme klang plötzlich gehetzt. „Colonel, Sie haben meine Erlaubnis, zu dieser Rettungsmission zu starten. Aber Sie werden sich aus allem heraushalten. Haben Sie verstanden?"
Sheppard atmete erleichtert auf und nickte. „Ja, Sir."
„Sir, wir müssen Sie jetzt leider abwürgen. Es sah gerade nicht gut aus, als wir die Aufnahme stoppen ließen", sagte Weir. Noch einmal wechselte sie einen Blick mit Sheppard, dann nickte sie wortlos.
Der ließ sich das nicht zweimal sagen. Er hastete die Treppe zum Jumper-Hangar hinauf.

***

„Commander, wir haben eine Aktivierung des Sternentors von außen!"
Kolya starrte noch immer auf Babbis hinunter. In seinem Gesicht zuckten die Muskeln. Dann hob er unvermittelt die Waffe und wirbelte herum.
„Rückzug, sofort!" befahl er, blieb bei der Antikerin stehen, die hektisch atmend auf dem Boden lag. Kurz begegneten sich ihre Blicke, dann ging der Genii wortlos.
Babbis wagte kaum zu atmen, bis Kolya verschwunden war. Er zögerte noch einige Sekunden, dann kroch er auf allen Vieren zu Vashtu hinüber.
„Nicht aufgeben!"

***

Sheppard landete den Jumper und öffnete die Hecklucke. „Alle raus! Rein in den Bunker und durchsuchen. Bei Widerstand wird scharf geschossen!" befahl er den Marines im Passagier- und Laderaum.
Die verteilten sich sofort. Er sah, wie sie in die Anlage eindrangen, zog seine Beretta und entsicherte sie. Der zweite Jumper spuckte gerade ebenfalls seine Ladung aus.
„Sie wissen doch, was Elizabeth gesagt hat, Colonel", sagte Beckett.
Sheppards Blick war kalt und starr wie Eis. „Vashtu braucht unsere Hilfe, so schnell wie möglich. Packen Sie Ihre Sachen, Doc!"

***

Vashtu fühlte, wie das Leben aus ihrem Körper entwich. Das Atmen fiel ihr immer schwerer, dafür nahmen die Schmerzen immer mehr zu. Sie konnte sich kaum mehr rühren.
Nie würde sie diesen Blick vergessen, mit dem Kolya sich von ihr verabschiedet hatte. Nie würde sie überhaupt irgendetwas vergessen, was sie in den letzten Stunden erlebt hatte.
Babbis bettete ihren Kopf in seinen Schoß und wischte ihr ungeschickt den Schweiß vom Gesicht. „Das wird wieder, hören Sie? Nur nicht aufgeben. Sie haben doch gehört, das Tor wurde aktiviert. Atlantis ist unterwegs hierher."
Aus weiter Ferne hörte sie Schüsse hallen, schloß die Augen.
Sie war so müde!

***

Sheppard hörte die einzelnen Statusberichte mit, während er an Becketts Seite in den Bunker eindrang.
Wo, zum Teufel, steckten Vashtu und Babbis? Er konnte nicht glauben, daß Kolya sie bei einer möglichen Flucht mitgeschleppt hatte. Zumindest die Antikerin nicht.
„Halte durch, wir sind unterwegs!" wisperte er.

***

Babbis blickte auf, als er Schritte vor der Tür hörte. Erleichtert atmete er auf, als er einen Mann in der Uniform der Marines den Raum betreten sah. „Gott sei Dank! Schnell, sie braucht sofort medizinische Behandlung."
Der Marine sah sie beide einen Moment lang groß an, dann machte er Meldung über sein Funkgerät.

***

Sheppard zerrte Beckett hinter sich her in die Zelle, sobald er wußte, wo die Gesuchten sich befanden.
Er erstarrte, als er die am Boden liegende Gestalt sah.
„Oh mein Gott!" hörte er Beckett entsetzt flüstern.
„Sie lebt noch. Bitte, wenn Sie ihr helfen können, dann helfen Sie ihr schnell!" Babbis hob vorsichtig den Kopf mit dem schlohweißen Haar von seinem Schoß, bettete ihn sanft auf seiner zusammengeknüllten Armeejacke und kam auf die Beine.
Ja, an diese Stimme erinnerte Sheppard sich.
Beckett kniete sich neben die in Embriohaltung am Boden liegende Gestalt, die kaum noch Ähnlichkeit hatte mit der vitalen, jungen Vashtu, die er kannte, und drehte sie auf den Rücken.
Sheppard trat näher, als er den Arzt stocken sah. Und unwillkürlich verkrampfte auch er sich kurz, als er jetzt seine Aufmerksamkeit auf das richtete, was ...
Er schluckte mühsam, während Beckett nun doch die Arbeit aufnahm. Er hatte Vashtu auf den Rücken gerollt, so gut es ging, untersuchte sie jetzt. Aber ... war das überhaupt noch Vashtu?
Sheppard trat näher, die Augen noch immer auf die Gestalt am Boden gerichtet. Dieses Wesen trug die Kleider der Antikerin, es wies die Wunden, respektive die Verbände, auf, die er kannte. Und doch ...
Das war ... Das konnte ... So schnell konnte sie doch unmöglich gealtert sein! Nein, das konnte einfach nicht geschehen! Es konnte nicht, nicht mit ihr.
Sheppard brach fast in seine Knie, beugte sich über das Gesicht, konnte seine Augen einfach nicht von der brüchigen Gestalt wenden. Der Brustkorb wirkte eingefallen, der Rippenbogen zeichnete sich deutlich unter dem Stoff des T-Shirts ab, die Kleidung hing lose am Körper und die Haut wirkte ... wie mumifiziert, pergamenten und brüchig.
Wie Norman Bates' Mutter aus Hitchcocks Thriller-Klassiker „Psycho", ging es ihm endlich auf, während er vorsichtig den an einen Totenschädel erinnernden Kopf anhob, ihn nun auf seinen Schoß bettete. Ein tiefer, röchelnder Atemzug löste sich aus der Brust. Wie das vollkommen ausgesaugte Opfer eines Wraith ... wie eine Mumie!
Und trotzdem war da noch immer ... Da war Leben in diesem Leib!
Die pergamentenen, tief in die Höhlen gesunkenen Lider hoben sich etwas, nur ein kleines bißchen. Und aus dem eingefallenen, verschrumpelten Gesicht mit der hakenförmigen Nase, den scharf umrissenen Wangenknochen, den zurückweichenden, spröden Lippen und der, von fast schwarzen Altersflecken gezeichneten Haut sah ihn ein Paar dunkelbraune Augen an. Augen, die immer noch die gleichen waren. Augen, wie er sie nur von einem Wesen kannte: Vashtus Augen!
Und plötzlich war ihr Aussehen, dieses erschreckende Alter, die unmittelbare Nähe des Todes, dessen Schwelle sie vielleicht gerade in diesem Moment überschritt, nicht mehr wichtig. Es war einfach nicht mehr da ...
Vashtu war es, die hier lag und um ihr Leben kämpfte. Und für ihn war sie plötzlich wieder die, die er kannte.
Nur allein der Blick dieser Augen, das Erkennen in ihnen, machte diese mumienhafte Gestalt wieder wett. Sie war schön - für ihn. Und sie würde immer schön sein in seinen Augen.
In ihrem Gesicht zuckte es, während sie ihn noch immer unter halbgeschlossenen Lidern ansah. Und dann lag der Hauch einer kratzigen, mühsamen Stimme über ihr, erreichte ihn: „So ... jung ... ?" Es war, als werde ihr Blick fragend, doch der nächste Atemzug schien wieder der letzte zu sein, sie kämpfte darum. Und es schien, als würde sie den Kampf allmählich verlieren.
Sheppard strich ihr liebevoll über die eingefallenen Wangen und lächelte traurig. „Bleib bei mir", wisperte er sanft und zärtlich, gerade als ihre Augen sich schlossen. Er betrachtete sie weiter, sah ihr ins Gesicht, während Beckett sich wieder aufrichtete, mit sorgenvoller Miene und einem resignierenden Blick. Er konnte sich einfach nicht von ihr lösen, es gelang ihm nicht.
Dann aber war es, als wispere ihre Stimme in seinem Geist, als bäte sie ihn um einen letzten Dienst, den er ihr nicht verweigern konnte.
Sheppard atmete einige Male tief ein, blickte auf und setzte zum Sprechen an: „Dr. Babbis?"
Der sah zu ihm hinunter und kniff die Lippen zusammen. Erkennen trat in seine Augen. Sein Gesicht, nicht gerade ein schöner Anblick im Moment, verhärtete sich.
Sheppard zwang sich zu einem Lächeln. „Gut gemacht."

***

Acastus Kolya trat aus dem Wäldchen heraus und sah sich kurz um. Die meisten seiner Männer folgten ihm dicht auf. Rasch huschten sie zum Sternentor und warteten, bis sich ein Wurmloch aufgebaut hatte, dann flohen sie hindurch.
Kolya blieb allein zurück und drehte sich noch einmal um.
Fast hätte sein Plan funktioniert, davon war er überzeugt. Fast hätte er Sheppard und Uruhk erledigen können, nacheinander oder zusammen. Aber statt dessen ...
„Kolya?" meldete sich eine Stimme über sein Funkgerät.
Er runzelte die Stirn und hob seinen Arm, sagte aber nichts.
„Kolya? Wo sind Sie? Kolya?"
Sie war doch so gut wie tot gewesen, er hatte es in ihrem Gesicht gesehen! Er hätte danebenstehen und zusehen können, wie sie verfaulte. Aber jetzt?
Vashtu Uruhks Stimme hatte noch nicht ihre alte Kraft zurückgewonnen, doch er konnte sie durchaus erkennen. Sie lebte!
„Wenn ich noch einmal irgendwo etwas von Ihnen höre, Kolya, werde ich Sie jagen und töten! Haben Sie mich verstanden? Kolya? Ich bringe Sie um, laufen Sie mir noch einmal über den Weg!"
Er zuckte vor diesem Haß zurück.
Allmählich ging ihm auf, was er angerichtet hatte. Statt einen Feind zu beseitigen, hatte er sich einen neuen geschaffen. Noch dazu einen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.
Er hatte eine Ahnin gegen sich aufgebracht! Eine Ahnin, die vielleicht Dinge gegen ihn einsetzen konnte, von deren Existenz er nicht einmal etwas ahnte - ebensowenig wie er etwas von diesem eigenartigen Gerät geahnt hatte, mit dem er sie hergeholt hatte. Wenn sie jemals erfuhr, wie er hatte herausfinden können, daß sie gerade in der Heimatgalaxie der neuen Atlanter unterwegs gewesen war ...
„Kolya!"
Er trat durch das Wurmloch.

TBC ...