23.03.2010

Becketts letzter Dienst II

John stemmte sich auf einen Ellenbogen und sah auf die Antikerin neben sich hinunter. Sacht legte er ihr einen Finger an die Stirn und begann, mit diesem ihr Gesicht nachzuzeichnen.

Vashtu öffnete die Augen halb und beobachtete ihn.

Er lächelte, ließ seinen Finger über ihr Kinn gleiten. Sie hob den Kopf in den Nacken, so daß er ihre Kehle streicheln konnte. Dann harkte er den Finger in die Kette ihrer Hundemarken und schob die beiden ID-Kärtchen unter ihrem Rücken hervor, um sie aufmerksam zu studieren. Dabei spürte er die ganze Zeit ihren Blick auf sich, einen inzwischen ziemlich zufriedenen Blick, nach dem ersten Schrecken am Morgen.

„Du bist immer noch nicht damit einverstanden", sagte sie plötzlich.

John schüttelte wortlos den Kopf, beugte sich ein wenig vor und ließ seine eigene Kette gegen ihre klimpern.

„Es ging nicht anders, glaube mir", fuhr sie fort.

John ließ die Hundemarken los und richtete seinen Blick wieder auf ihr Gesicht. „Wenn du meinst ..." Seine Hand lag locker auf ihrem Decoleté, knapp unter ihren Schlüsselbeinen. Ihre Haut war weich und noch ein wenig erhitzt von ihrem Liebesspiel.

Vashtu sah ihn wieder an, dann hob sie langsam ihren Arm und fuhr seine Wange entlang. Er hörte, wie seine Bartstoppeln an ihrer Handfläche kratzten. „Soll ich mich rasieren?"

Unwillig schüttelte sie den Kopf. „Das stört mich nicht."

Sie ließ ihre Hand wieder sinken, rollte sich statt dessen auf die Seite und kam in der gleichen Position zu liegen wie er, den Oberkörper auf einen Ellenbogen gestützt. „John, ich ... da ist etwas, was du wissen solltest", sagte sie.

Er legte ihr einen Finger auf die Lippen und schüttelte den Kopf. „Es gibt nichts, was ich nicht weiß, Vash", korrigierte er sie. „Es ist mir nicht entgangen, daß du ..." Den Rest des Satzes ließ er offen, zwinkerte ihr nur zu. „Ich kann nur hoffen, dir keine allzu großen Schmerzen bereitet zu haben. Ist schon eine Weile her bei mir."

„Schmerzen?" Sie küßte seinen Finger. In ihre Augen trat ein spitzbübisches Glitzern. Nachdenklich schürzte sie die Lippen. „Ich kann mich an gar nichts erinnern."

Er stieg sofort auf ihr Spiel ein und rückte näher. „Tatsächlich nicht?"

Vashtu beugte sich vor und küßte ihn liebevoll. „Tatsächlich nicht."

Blitzschnell zog er sie wieder an sich und rollte sich auf den Rücken. „Dann sollten wir, nur zur Sicherheit, das ganze noch einmal wiederholen. Oder was denkst du?" Ihre Brüste drückten sich gegen seinen Körper, er holte tief Luft, als ihre Hände über seine Seiten abwärts strichen. Ihre Daumen drückten sich in seine Beckenknochen, doch nicht wirklich schmerzhaft.

„Damit ich es nicht vergesse?" wisperte sie in seine Kehle, bedeckte seinen Hals mit kleinen Küssen.

„Ja ..."


***


John schlüpfte in seine Boxershorts, richtete sich dann auf und sah sich um. Stirnrunzelnd bemerkte er die Kerzen in der einen Ecke des Raumes. Vorher war ihm das schlicht entgangen, aber da ... war er auch anderweitig beschäftigt gewesen.

Viel gab es in Vashtus Schlafzimmer nicht zu entdecken. Das Bett stand unter einem Fenster, das in den Innenhof hinausging. Von hieraus hatte man wahrscheinlich einen relativen Blick auf mögliche Besucher. Dann in der Ecke ein breites Sitzkissen und einige Kerzen. Jetzt war es ihm auch, als könne er einen Hauch von Räucherstäbchenduft wahrnehmen. In der Ecke ein wuchtiger Kleiderschrank mit zwei Türen, an einer hing ihre Uniform. Vier Paar Schuhe standen neben dem Glaskasten, einem Terrarium, in dem sein Hemd halb hineinhing. Der Boden war mit einem dicken Teppich bedeckt, in dem seine Zehen zu versinken schienen.

John schürzte nachdenklich die Lippen, erhob sich dann aber und griff nach seinem Hemd.

„Autsch!"

Rasch zog er seine Finger wieder zurück und starrte irritiert auf eine kleine Schildkröte, die sich in seinen Mittelfinger verbissen hatte.

„Was ... ?"

„Was ist los?"

Er blickte leidend auf. „Wo hast du denn die Biester her?"

Vashtu starrte ihn einen Moment lang verblüfft an, dann begann sie zu glucksen und kam näher. Vorsichtig entfernte sie die kleine Schildkröte wieder von seinem Finger und ließ sie zurück in das Terrarium gleiten.

„Offensichtlich wissen sie sehr genau, wer sie zu Suppe verarbeiten wollte." Sie drehte sich wieder zu ihm um und nahm seine Hand. Sanft küßte sie seinen geröteten Finger.

„Hä?" John sah etwas hilflos auf das Terrarium. „Wer wollte die denn ... ?" Seine Augen wurden groß. „Oh!"

Vashtus Gesicht wurde ernst. „Es sind ... es waren Carsons Schildkröten."

Er starrte sie an. Dieses kleine Intermezzo hatte er inzwischen fast vergessen. Umso heftiger arbeitete es jetzt in ihm.

Vashtu sah ihn an, doch diesmal waren keine Tränen mehr in ihren Augen. Sie atmete tief ein, drängte sich dann an ihn. Unwillkürlich umarmte er sie wieder, legte seine Wange an ihr kurzes Haar. Gerade jetzt kam plötzlich alles wieder hoch in ihm. Und er wollte nicht daran denken. Der Tag war zu schön gewesen, einfach nur zu schön. Er wollte das jetzt nicht einfach so beiseite schieben.

„John, ich habe dich so vermißt." Vashtu preßte sich eng an ihn, hatte ihr Gesicht an seiner Brust vergraben.

Die Erinnerung verblaßte zu einem Bild: Carsons sanftes Gesicht, wie es wissend lächelte.

„Ich habe dich auch vermißt, Vash", wisperte er in ihr Haar. Ein trauriges Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.

Ihm war gar nicht klar gewesen, wie sehr er sie vermißt hatte. So hatte er noch nie für irgendjemanden empfunden in seinem Leben. Als er sich im Streit von Vashtu getrennt hatte, war es ihm gewesen, als habe er sich ein Stück aus seinem Körper geschnitten. Ein scharfer Schmerz, heftiger als jeder, den er vorher bei jeder ihrer Trennungen erlebt hatte. Doch in den letzten Wochen hatte er diesen Schmerz vergraben, so tief in seinem Innern, daß er ihn beinahe hätte vergessen können. Wenn nicht ausgerechnet sie durch das Gate gekommen wäre, gerade als sie ...

Sein Magen knurrte.

Vashtu rückte ein bißchen von ihm ab, gerade weit genug, daß sie den Kopf heben konnte. Amüsiert betrachtete sie sein Gesicht. „Hattest du nicht schon genug?"

Er beugte sich über sie und küßte sie sanft. „Laß uns eine Kleinigkeit essen. Dann ..." Seine Lippen küßten ihre Stirn. „Wir haben noch viel Zeit, du und ich."

„Nimmersatt." Lachend löste sie sich von ihm, erntete einen liebevollen Klaps von ihm für dieses Sticheln.

„Wie wäre es mit ein paar Eiern? Die sind schnell gemacht." John trat an ihr vorbei, während sie begann, sein Hemd aus dem Terrarium zu retten, ehe die Schildkröten es für ein saftiges Salatblatt halten konnten. „Und ich müßte irgendwann ins SGC. Lorne wollte mir meine Tasche nachschicken."

Damit war er draußen auf dem Flur.

Auch hier sah er sich aufmerksam um.

Vashtus Apartment gefiel ihm, mußte er zugeben. Vielleicht etwas klein insgesamt, aber für eine Person mehr als genug Platz. Der Flur war ein bißchen eng, was vielleicht auch an dem etwas ausladendem Siteboard lag, daß neben der Schlafzimmertür stand. Eine alte Wandgarderobe barg neben seiner Uniformjacke noch drei andere: eine dünne Windjacke, eine dick gefütterte Winterjacke im sportlichen Schnitt, wie es aussah, und eine lederne Fliegerjacke.

John blieb stehen und musterte die letzte aufmerksam, nahm sie schließlich vom Haken und zog sie sich über. Sie paßte!

„Steht dir."

Er drehte sich zu der Antikerin um, die im Türrahmen lehnte und ihn amüsiert musterte.

„Deine?"

Vashtu nickte. „Ich muß allerdings die Ärmel umkrempeln. Kleiner kriegte ich sie nicht." Sie trat näher, stellte sich vor ihm auf und rückte die Jacke zurecht. „Doch, schick. Jetzt siehst du wirklich wie ein Pilot aus."

„Sagt Han Solo." Wieder umfing er sie, spürte ihre Hände, wie sie sich hinter seinem Rücken unter der Jacke verschränkten. „Wollten wir nicht etwas essen?"

Sie sah zu ihm hoch, dann kuschelte sie sich an seine nackte Brust. „Ich habe genug mit dir hier."

John war nun wirklich überrascht.

Gut, es war ihm nicht entgangen, daß sie nicht gerade viel Erfahrung besaß, am Anfang war sie viel zu passiv gewesen. Aber das jetzt ... ?

Er räusperte sich vernehmlich und machte sich wieder von ihr los. „Falls du sie irgendwann nicht mehr brauchst, weißt du, wem du sie vererben kannst." Damit schlüpfte er wieder aus der Jacke und hängte sie zurück an den Haken.

„Wie wäre es mit Pizza?" schlug Vashtu vor. „Dann könnten wir uns noch ein bißchen die Zeit vertreiben?"

„Wer ist hier der Nimmersatt?" Einen Moment überdachte er doch tatsächlich ihren Vorschlag. Doch irgendwie hatte er das sichere Gefühl, der arme Pizzabote würde vor einer sehr verschlossenen Tür stehen, wenn sie jetzt nicht irgendwann eine Pause einlegten. Außerdem, das mußte er zugeben, wollte er ihr etwas gutes tun. Und was gab es schon besseres als ein gutes Rührei, nach Möglichkeit mit Speck, zum Früh... okay, zum Abendessen, wenn er die Tageszeit bedachte?

Vashtu sah ihn erwartungsvoll an. Dann verzog sich ihr Gesicht ein bißchen. „Bin gleich wieder da", sagte sie, verschwand hinter der zweiten Tür.

John seufzte, doch er lächelte dabei.

Nie hätte er sich vorstellen können, was heute geschehen war. So weit waren seine Gedanken mit Vashtu wirklich nie gekommen. Gut, nach ihrem Aufenthalt in der Krankenstation hatte er eine gewisse Sehnsucht verspürt, hatte ihr nahe sein wollen. Vielleicht auch, weil er endlich zu seinen Gefühlen gestanden hatte. Aber dann war mit ihrer Entscheidung etwas in ihm ... Er hatte sich an seine eigene Entscheidung erinnert, damals, vor unendlich langer Zeit. Als Fehler hatte er seinen Eintritt in das Militär bis zu dem Zeitpunkt nie verstanden, als er Vashtus Brief erhielt. Danach war ihm allerdings der ein eine oder andere Gedanke gekommen, mußte er zugeben. Ihr gegenüber hatte er seinen Kopf durchsetzen wollen, obwohl er sehr genau wußte, daß sie selbst lernen mußte.

Er betrat wieder den Wohnraum, sah sich um. Auf dem Sofa lag noch ihre Jogginghose. Die Decke, unter der er gelegen hatte, war zerknüllt und halb auf den Boden geworfen. Der Fernseher lief immer noch.

Aufmerksam sah er sich um, betrachtete die Einbauküche hinter dem Tresen und nickte nachdenklich. Doch, so ähnlich könnte auch seine Wohnung aussehen, wenn er denn eine hätte. Der Stil gefiel ihm, wie Vashtu alles eingerichtet hatte. Man merkte deutlich, daß sie sich Zeit mit ihren Entscheidungen gelassen hatte, immerhin sollten die Möbel auch eine Weile halten.

John runzelte die Stirn.

Von seinen zehn waren noch neun Tage übrig. Viel zu kurz, wie es ihm im Moment erschien. Und niemand würde zulassen, daß sie mit ihm nach Atlantis kam, zumindest nicht für immer. Und er auf der Erde? Ehrlich gesagt, behagte ihm dieser Gedanke gar nicht mehr.

Er trat um den Tresen herum und öffnete den Kühlschrank.

Seine Augen wurden groß, als er in eine gähnende Leere blickte, nur unterbrochen von drei Dingen: eine große Sektflasche, einem Karton Eier und etwas, das entfernt an eine vollkommen durchweichte und inzwischen mit Schimmel überzogene Schachtel von einem asiatischen Imbiß erinnerte.

Mit spitzen Fingern fischte er letzteres aus dem Fach und suchte nach einem Mülleimer. Das Zeug da drin lebte ja wieder!

Unter der Spüle fand er endlich das gesuchte und entsorgte die Schachtel sofort mit einem angeekeltem Gesichtsausdruck.

Gut, zumindest Eier.

Er nahm die Schachtel heraus. Sein Blick blieb an dem Haltbarkeitsdatum hängen. Stirnrunzelnd sah er auf den großen Wandkalendar, den Vashtu an die Tür zum Wohnraum geheftet hatte, dann wieder auf das aufgedruckte Datum.

Viel Zeit schien sie in ihrer Wohnung wirklich nicht zu verbringen. Die Eier waren seit fünf Monaten abgelaufen. Ihn würde es nicht wundern, wenn inzwischen Küken geschlüpft wären.

John stellte die Schachtel auf die Arbeitsfläche neben dem Kühlschrank und betrachtete sinnend die vollkommene Leere. Irgendwie erinnerte ihn diese an etwas, besser an jemanden - an sich selbst.

Eilig schloß er die Kühlschranktür wieder.

Es konnte doch nicht sein, daß Vashtu nicht irgendetwas eßbares in ihrer Wohnung hatte. Der Reihe nach öffnete er eine Schranktür nach der anderen. Hier fielen ihm zusammengepappte Cornflakes in die Hände, dort ein Päckchen Pasta, über die sich schon die Motten hergemacht hatten.

Das gab es doch gar nicht! Wovon ernährte die Antikerin sich eigentlich?

„Und?"

Im nächsten Schrank fand er nichts als Teebeutel und einer Dose Instant-Kaffee. Resignierend drehte er sich zu ihr um. „Bist du sicher, daß du hier wohnst?" fragte er.

Vashtu hatte sich über den Tresen gebeugt, das Kinn auf ihre Unterarme gestützt, und blinzelte ihn verständnislos an. „Da sind doch noch Eier." Sie nickte zu dem Pappkarton hinüber.

John seufzte. „Die sind seit Monaten abgelaufen. Selbst mit einem Pferdemagen würde ich die nicht mehr runterbringen."

„Oh!" Vashtu richtete sich stirnrunzelnd wieder auf. „Ich dachte, ich hätte noch was im Schrank. Mh, kann sein. In der letzten Zeit bin ich nicht sehr viel zu Hause gewesen."

„Das merkt man", kommentierte John seufzend, ließ erst die Eier, dann die Cornflakes und die verseuchte Pasta im Mülleimer verschwinden.

„Pizza?"

„Oder wir gehen einkaufen."

Vashtu seufzte. „Ich bin wohl keine besonders gute Hausfrau, was?"

John beugte sich über den Tresen und sah ihr tief in die Augen. „Pizza", entschied er.


***


Vashtu war gerade im Schlafzimmer verschwunden, als es an der Tür klopfte.

„John, kannst du eben aufmachen?" rief sie ihm zu.

Er grinste und knöpfte sein Hemd zumindest ansatzweise zu. Dann schnappte er sich ihre Geldbörse vom Siteboard im Flur und drehte den Schlüssel um. Als aber die Tür aufschwang, erwartete ihn nicht der diensteifrige Pizzabote, sondern eine hochgewachsene, hagere Gestalt, die ihn mit großen Augen anstarrte.

John hob ein wenig den Kopf, um dem anderen in die Augen sehen zu können.

War das nicht ... ?

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Doktor, was führt Sie denn her?" Der Name fiel ihm nicht ein, aber er erkannte ihn wieder. Das war einer der beiden Wissenschaftler aus SG-27, besser gesagt der, in den Vashtu gelaufen war, als sie gerade ...

„Colonel!" Der magere Riese riß die Augen noch mehr auf. Seine Kiefer klappten hörbar aufeinander. „Ich ... ich ..."

John nickte. „Guten Abend. Kann ich Ihnen helfen?" Plötzlich war er sich seiner relativen Blösse bewußt, er hatte noch immer keine Hosen an.

Der andere starrte ihn nur weiter groß an, schluckte dann sichtbar.

Hinter John öffnete sich die Schlafzimmertür.

„Das ... ist für Sie abgegeben ... durch das Gate ... Sergeant Dorn meinte ..."

„Wallace?"

John blickte auf eine schwarze Sporttasche, die sein Gegenüber ihm plötzlich wie einen Schutzschild entgegenstreckte. „Meine Tasche!" Er griff danach. Und in diesem Moment ließ der junge Wissenschaftler die Griffe los.

„Was tun Sie denn hier?"

Ein deutliches und durchdringendes Klirren, als die Tasche auf dem Boden aufschlug. John starrte auf seine Füße hinunter, hob dann entgeistert den Kopf wieder.

Wallace lief puterrot an. „Ich muß weg!"

„Was ... ?"

Ein durchdringender Geruch breitete sich im Flur aus.

„Oh nein!"

„Wallace?" Vashtu drängte sich halb an ihm vorbei, begann dann zu schnuppern und rümpfte die Nase. „Was ist das denn?"

Von der Außentreppe kam ein deutliches Poltern, dann ein Schmerzenslaut.

John und Vashtu wechselten einen vielsagenden Blick, dann trat die Antikerin auf den Außengang hinaus und joggte zur Treppe, um im Dämmerlicht nach unten zu sehen.

„Geht es Ihnen gut?" rief sie.

John starrte seine Tasche an. Undeutlich konnte er eine Pfütze wahrnehmen, die sich langsam über den Fließen ausbreitete. Und diese Pfütze stank penetrant nach Alkohol und Parfumstoffen.

Er seufzte und packte die Griffe. Angewidert rümpfte er die Nase. Daß After Shave so stinken konnte!

Vashtu kam wieder zurück, wedelte sich mit einer Hand Luft zu. „Was riecht hier so?" fragte sie angewidert.

John seufzte und schüttelte seine Tasche. Ein leises, aber deutliches Klirren war die Antwort auf seine Bemühungen. „Ich würde sagen, dein Wallace hat gerade meine letzte After Shave-Flasche zerbrochen."

„Oh." Vashtu schnupperte noch einmal. „An dir riecht es aber besser als so."

„Da hast du auch nicht die geballte Ladung in der Nase." John hielt die Tasche weit von sich und trug sie in den Flur hinein. Etwas hilflos sah er sich um. „Irgendwo ..."

„Ins Bad. Anderswo werden wir das wohl nicht aushalten können", erklärte die Antikerin, die jetzt die Tür wieder schloß.

John öffnete die zweite Tür im Flur und fand sich in einem geräumigen Bad wieder. Auch hier war ein Fenster, wenn auch deutlich kleiner und aus Milchglas. Zwei Maschinen standen in einer Ecke übereinander. Das Waschbecken war in einem dezenten Farbton gehalten, der die der Wände aufnahm. Eine große Eckbadewanne und eine geräumige Duschkabine vervollständigten die Einrichtung, neben einem hübschen, geflochtenen Wäschekorb, auf dem er jetzt seine Reisetasche abstellte und öffnete, um sich die Bescherung genauer anzusehen.

Unwillkürlich wich er von der geballten Duftwolke zurück, seufzte dann und begann, seine Sachen, eines nach dem anderen, aus der Tasche zu räumen.

Vashtu öffnete das Fenster, um etwas frische Luft hereinzulassen.

„Das muß man deinem Wallace lassen, wenn er etwas anrichtet, dann richtig." John starrte auf den Berg seiner Sachen, dann auf die leere Tasche, in der noch die Scherben der After Shave-Flasche lagen. „Sieht aus, als hätte ich keine Kleidung mehr, abgesehen von meiner Uniform." Er seufzte ergeben.

„Ich sagte doch, Wallace hat zwei linke Hände und Füße." Vashtu betrachtete das Debakel ebenfalls, sah dann auf. „Ab in die Waschmaschine mit den Sachen, dann in den Trockner. Morgen früh dürfte sich dieser Duftangriff erledigt haben."

John sah ihr belustigt in die Augen. „Immer eine Lösung parat, wie?"

Vashtu zuckte mit den Schultern. „Wenn du seit knapp einem halben Jahr mit Wallace zusammenarbeiten würdest, würdest du auch improvieren, glaube mir." Sie hockte sich hin und begann, die Wäsche zu sortieren.


***


Früh am nächsten Morgen wachte John auf. Noch herrschte ein blaßes Zwielicht um ihn her. Vashtu schien in diesem Dämmer geradezu zu leuchten.

Sein Arm kribbelte unangenehm von der Art, wie er auf ihm lag. Doch er wagte auch nicht, sich zu bewegen, den sie lag dicht neben ihm, den Kopf ebenfalls auf seinem ausgestrecktem Arm.

John lächelte und beschloß, sie sich wirklich genau anzusehen.

Diese Frau hatte ihn von Anfang an wahnsinnig gemacht. Sei es, wie alle vermuteten, daß es an ihrer Rasse lag, sei es irgendetwas anderes. Es hatte lange gedauert, bis er sich selbst seine Gefühle für sie eingestand, dafür ... Jetzt war es umso schöner.

Dabei mußte er auch zugeben, seine Gefühle hatten sich mehrmals geändert. Aus dieser absoluten Faszination, die er zu Anfang empfunden hatte, war damals, noch während ihres Aufenthaltes in Atlantis, etwas tieferes gewachsen, das an sich gesehen aber noch recht schwach war. Dennoch hatte es ausgereicht, ihr mitten in das Hive-Schiff nachzujagen, mit einer Wut im Bauch, die ihn beinahe das Leben gekostet hatte. Sie dann zu sehen, mit aktivierten Fremdzellen, wie sie ihm hinterher gebeichtet hatte, so tief in diesen fremden Genen, daß ihr Körper zu mutieren begann ... es hatte ihm nicht wirklich etwas ausgemacht.

War es damals bereits Liebe gewesen?

John wußte es nicht wirklich.

Vashtu bewegte sich leicht im Schlaf, kuschelte sich näher an ihn heran, so daß er nun doch endlich seinen Arm bewegen konnte. Er verzog ein wenig das Gesicht. Seine Finger kribbelten, als er sie bewegte, vorsichtig über ihren Rücken streichen ließ. Vashtu gab einen leisen, zufriedenen Laut von sich, kuschelte sich an seine Schulter. Mit der freien Hand zog er, so gut es ging, die Decke etwas höher.

Als sie fortging damals hatte er geglaubt, sein Herz müsse zerreißen, doch danach ... Sie war ihm die erste Zeit immer im Kopf herumgespukt, doch dann ließ das allmählich nach. Seine Briefe wurden kameradschaftlicher. Er wußte, wie sehr sie ihre Heimat liebte, also schrieb er ihr mehr vom Alltag, weniger von dem, was man vielleicht als seine Empfindungen bezeichnen konnte - obgleich er sich damals noch lange nicht eingestanden hatte, was er tatsächlich für sie empfand.

Doch dann ... Sie als Geisel seines ärgsten Feindes zu sehen, hilflos mitansehen zu müssen, wie sie schwächer und schwächer wurde, vergiftet durch eine teuflische Impfung, wie die fremden Gene in ihr versagten ... und sie schließlich besinnungslos zu finden, kaum mehr als einen noch gerade lebenden Leichnam, vertrocknet und überaltet - Er hatte sich nicht abgewandt damals, er war nicht einmal versucht gewesen, es zu tun. Für ihn war klar, wen er da vor sich hatte, auch wenn sie kaum noch zu erkennen war in diesem Moment. Zehntausend Jahre alt, wenn man ihn gefragt hätte, er hätte sie höchstens auf die Hälfte geschätzt, so unschön sich das auch anhörte.

Er war bei ihr niedergekniet, als sie wieder zu sich gekommen war. Er hatte den Haß auf Kolya in ihren Augen brennen sehen, er hatte das Funkgerät gehalten, als sie dem Genii seinen Tod vorhersagte. Und er hatte gewußt, wenn er nicht schneller war, würde sie ihm diesen Part abnehmen - und sie hätte Kolya wesentlich langsamer getötet als er.

Damals hatten seine Gefühle sich wieder gewandelt, zu dem, was er auch heute noch empfand. Und er hatte nicht lange gebraucht, um diese Gefühle zu benennen. Eine tiefe, dankbare Liebe, daß es da noch jemanden gab, jemanden, der war wie er. Jemanden, dem er absolut und aufrichtig vertrauen konnte. Jemanden, von dem er jetzt wußte, daß er ihn sein ganzes Leben lang gesucht und vor ihr nie gefunden hatte.

Wenn er sich nur vorstellte, sie durch irgendetwas für immer zu verlieren ... Nein! Das konnte und wollte er nicht! Wenn es nach ihm gegangen wäre, sie beide hätten sich für den Rest ihres Leben hier einschließen können, fern von der Welt, fern von allen Welten. Und wenn er sich vorstellte, sie in Zukunft wenigstens eine Woche lang im Monat bei sich zu haben ...

Sacht streichelte er ihre Wange und betrachtete sie zärtlich.

Auch wenn sie nicht viel Erfahrung gehabt hatte, und ihm das recht bald aufgefallen war bei ihrem ersten Mal, sie lernte schnell. Noch immer war es, als könnten sie gegenseitig ihre Gedanken lesen, als wüßte der eine sehr genau, was der andere mochte. Wenn er sich nur an ihr Intermezzo mit der Pizza erinnerte.

Ein Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht.

Eine Woche im Monat, wenn einer von ihnen Urlaub hatte, vielleicht ein bißchen mehr. Es war nicht der Rest ihrer beider Leben, wobei er nicht einmal sicher war, wie lange Vashtu überhaupt leben konnte, aber es war, zumindest zunächst, ausreichend.

Er kannte die Bedenken, die andere ihnen gegenüber hegten. Sie waren sich zu ähnlich, beide etwas chaotisch, beide Dickköpfe, beide wollten sie gern einmal mit dem Kopf durch die Wand. Aber es gab auch Unterschiede zwischen ihnen. Vielleicht waren sie tatsächlich in den eineinhalb Jahren entstanden, in denen sie voneinander getrennt gewesen waren, vielleicht hatte es sie aber auch schon immer gegeben. Er hatte Vashtus Büro im SGC gesehen, nun, seines sah ein wenig anders aus, mußte er zugeben.

„Zwei von meinem Schlag ..." wisperte er leise, sich an Elizabeth Weirs Worte erinnernd, damals, kurz bevor die Antikerin zur Erde gegangen war.

Das waren sie wirklich, hatte er sich inzwischen selbst eingestehen müssen. Sie beide waren sich ziemlich ähnlich, aber eben nicht in allem. Und diese kleinen Unterschiede würden eine Beziehung vielleicht auch gerade ermöglichen, wer konnte das schon sagen?

„Was?" Vashtu blinzelte, hob die Brauen, als könne sie auf diese Art auch ihre Lider besser heben, und sah ihn verschlafen an.

John lächelte wieder. „Guten Morgen, Schlafmütze", wisperte er ihr zärtlich zu.

Vashtu kuschelte sich mit einem schnurrenden Laut enger an ihn. „Guten Morgen", antwortete sie, sah dann wieder auf. In ihren Augen begann wieder ein gewisses Licht zu funkeln. Ihre Hände strichen über seinen Körper, ihre Linke umschlang ihn dann.

John küßte sie auf die Stirn. „Gut geschlafen?"

Sie nickte, reckte sich ihm entgegen und zog ihn in einen leidenschaftlichen Kuß.

Ein Schauer durchrieselte seinen Körper, als ihre Rechte über seine Lenden strich. „Du bist unersättlich, Vash!" stöhnte er auf und reckte den Kopf in den Nacken.

„Ich liebe dich, John."

John schloß zufrieden die Augen und drückte sie noch enger an seinen Körper. Mit ihr in seinen Armen fühlte er sich wie ein vollständiges Wesen, so, wie es eigentlich sein sollte, nicht, wie es wirklich war.


***


Einige Stunden später blinzelte Vashtu in das dämmrige Licht, das durch die Rolläden in ihr Schlafzimmer fiel. Noch immer an John gekuschelt, war sie wohl erneut eingeschlafen - und ihm schien es nicht anders gegangen zu sein.

Sie schmiegte sich an ihn und schloß die Augen, doch einzuschlafen wollte ihr nicht mehr gelingen. Und, wenn sie ehrlich war, hatte sie ein bißchen Hunger.

Vorsichtig stupste sie ihn mit dem Kopf an, um zu sehen, ob er inzwischen auch wach war.

„Mh?" machte er leise, lockerte seine Umarmung ein wenig.

Vashtu hob den Kopf und blinzelte ihn an. „Bist du auch wach?"

„Mhm." Er nickte mit geschlossenen Augen, blinzelte dann plötzlich. Ein zärtliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Und du?"

Sie küßte seine Nasenspitze und streckte sich in seinen Armen. „Ich habe Hunger. Du auch?"

Er nickte, drückte sie kurz an sich. „Ziemlich. Du hast mir ja fast die ganze Pizza weggegessen, du Vielfraß."

„Ich muß ja auch für Drei essen", kicherte sie, ließ sich wieder von ihm küssen, machte sich dann aber entschlossen los und setzte sich auf. Seine Hand lag locker auf ihrem Schoß, doch diesmal machte er keine Anstalten, sie wieder auf die Matratze zurückzuziehen.

„Wie wär's mit Frühstück?" schlug sie vor.

Er zog seine Hand zurück. „Gibt es auch irgendein Antikergerät, das für einen vollen Kühlschrank sorgen kann?" fragte er, vergrub sein Gesicht im Kissen und stöhnte. Dann richtete er sich auf, rieb sich mit einer Hand das Haar.

„Ja, die gab es. Aber zum Glück habe ich soetwas nicht hier." Grinsend sah sie ihn von der Seite an. „Wir könnten um die Ecke in den Coffee-Shop gehen. Die haben klasse Bagels."

„Dann sollten wir uns vielleicht erst einmal ... mh, fein machen?" Er schnupperte an sich. „Ich mag ja deinen Duft, aber ich weiß nicht, ob wir für andere so verführerisch riechen."

Vashtu hob eine Hand und zerzauste sein Haar. „Du hast recht." Sie schwang sich unternehmungslustig aus dem Bett. „Wer als erster unter der Dusche ist ..." Damit war sie auch schon aus dem Schlafzimmer heraus.

John sank stöhnend wieder ins Bett zurück. Doch als er das Wasser laufen hörte, öffnete er ein Auge. Ein verschmitztes Lächeln glitt auf sein Gesicht und er stand nun doch auf und verließ eiligen Schritts das Schlafzimmer.


TBC ...

22.03.2010

1.15 Becketts letzter Dienst

TV-Serie: Stargate general
Reihe: SG-V (SG-27)
Genre: ship, leichtes PWP
Rating: M
Author's Note: Wie einige andere auch, so war diese Story eigentlich als Versuchsballon für mich selbst gedacht. Nennen wir es Autoren-Ergeiz. Da ich üblicherweise jemand bin, der seinen Figuren gerade beim Thema Sex sehr viel Privatsphäre läßt, ich andererseits aber von sämtlichen Lesern eines meiner Manuskripte für eine seehr kurze Sexszene nur Lob erntete, wollte ich mich denn einmal an einer Geschichte versuchen, deren Hauptaspekt eben auf diesem Thema beruht. Zur Veröffentlichung war die Story eigentlich nicht gedacht gewesen, allerdings hatte ich sie damals einigen Lesern zugeschickt, u.a. auch einem Jugendlichen unter 18 Jahren. Für ihn strich ich damals rigoros so viel wie möglich an Sex heraus, wie es eben ging, so daß die Version entstand, die ich jetzt hier posten werde.
Als zusätzliche Anmerkung sollte ich erwähnen, daß während des Schreibens die Figuren ... nennen wir es, entglitten und Vashtu damit das einzige Mal tatsächlich eine Mary Sue wurde. Zu meiner eigenen Rettung allerdings sei angemerkt, daß der gute John sich in meinen Ex verwandelte, und damit dann wohl unter Gary Stu laufen dürfte *zwinker*.
Zeitleiste: Diese Fanfic spielt am Ende der SGA-Episode 3.17 Sunday.


Vashtu Uruhk nickte Chry'sha'c zu. „Danke nochmals für die rasche Hilfe", sagte sie mit einem Lächeln.

Der Jaffa verbeugte sich vor ihr. „Einer Freundin meines Volkes werde ich immer helfen. Die Jaffa haben dir zu danken."

„Das werden wir noch sehen." Vashtu seufzte, drehte sich dann zu ihren Männern um. „Wallace, einwählen", befahl sie. „Jedenfalls ging es schneller als wir gehofft hatten. Die Jaffa sind tapfere Krieger und haben den Respekt von anderen mehr als nur verdient." Sie zog das kleine Gerät aus ihrer Hosentasche und wartete, bis sie hörte, daß das Wurmloch sich etabliert hatte. „Also dann. Ich wünsche euch Frieden und Freiheit, Chry'sha'c." Sie aktivierte das GDO und wandte sich erneut an ihr Team: „Abrücken!"

Dorn trat als erstes durch den Ereignishorizont, dicht gefolgt von Wallace. Peter Babbis zögerte noch einen Atemzug, dann verschwand auch er.

Der Jaffa nickte der Antikerin noch einmal zu, dann joggte auch sie zum Wurmloch und trat hindurch.

Nur um auf der anderen Seite fast in Wallace langgezogene Gestalt zu prallen.

Erschrocken trat der junge Wissenschaftler einen Schritt zur Seite.

„Können Sie denn nicht einmal ..." Vashtu stockte, als sie begriff, was sie da gerade aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte.

Dorn drehte sich zu ihr um und sah sie mit einem langen, mitleidigen Blick an. Babbis stand beim Geländer, eine Hand um das Metall gekrallt. Wallaces Gesicht war bleich.

Vashtu fühlte, wie ihre Beine weich werden wollten. Einen Moment lang weigerte sie sich noch zu akzeptieren, was ihr da gerade aus den Augenwinkeln aufgefallen war, dann aber trat sie entschlossen einen Schritt vor, das Gesicht angespannt.

Ein Sarg. Und die Flagge auf diesem Sarg ...

Vashtus Lippen bebten. Sie preßte sie fest aufeinander und atmete flach. Ihre Augen begannen zu brennen.

Landry blickte zu ihnen hoch, sah sie an. Und bei dem General stand, in einer Uniform der Air Force, Lt. Colonel John Sheppard. Ihre Blicke trafen sich, und Vashtu konnte die Antwort, die sie befürchtet hatte beim Anblick der Flagge, deutlich in seinen Augen lesen.

„Major Uruhk", wandte Landry sich mit sanfter Stimme an sie.

Vashtu streckte die Hand aus und packte das Geländer. Das Metall stöhnte unter ihrem Griff. Noch immer starrte sie John an. Die anderen, die den Gateroom gerade hatten verlassen wollen, sah sie nicht wirklich. Nur ihn und ... den Sarg!

„Major, ich muß Ihnen leider mitteilen ..."

John trat entschlossen an Landry vorbei und setzte einen Fuß auf die Rampe.

Noch immer starrten die beiden sich an, in einem stummen Verständnis, das eigentlich keine Worte brauchte. Doch jetzt weigerte sich eine von ihnen beiden schlichtweg zu akzeptieren, was sich da vor ihren Augen abspielte.

„Vash ..." Johns Stimme klang belegt.

Die Antikerin schüttelte kurz und abgehackt immer wieder den Kopf. Sie wagte nicht, den Mund aufzumachen, und sie wollte nicht hören, was er ihr zu sagen hatte. Doch er hielt ihren Blick weiter gefangen, während er langsam näherkam.

„Vashtu ..." wiederholte er, als sie bereits zu ihm aufsehen mußte. Sanft legte er seine Hand auf ihre, hielt noch immer ihren Blick gefangen.

Vashtu bat ihn, flehte ihn in Gedanken an, nicht das auszusprechen, was sie so deutlich hatte erkennen müssen. Sie wollte es nicht hören. Nicht jetzt, niemals!

„Carson ist tot."


***


Vashtu schloß leise die Tür hinter sich, tappte dann auf blossen Füßen zu ihrem Wohnraum und blieb im Durchgang stehen. Mit zusammengepreßten Lippen betrachtete sie den Mann, der auf ihrem Sofa lag und schlief. Der Fernseher tauchte den Raum in verwaschene Farben, der Ton lief leise und war kaum verständlich.

Sie konnte nicht schlafen. Ihr Bett schien ihr plötzlich viel zu groß und unbequem. Und das leise Summen des Terrariums einfach nur nervtötend. Ob sie wollte oder nicht, sie war sich nur allzu deutlich bewußt, wer da noch in ihrem Apartment war.

Langsam trat sie in den Wohnraum, betrachtete die hochgewachsene Gestalt unter der Decke.

John hatte einen Arm ausgestreckt und seinen Kopf darauf gebettet. Er paßte gerade auf das Sofa, so daß seine Beine leicht angewinkelt waren. Sein Gesicht war entspannt, doch ein Zug lag um seine Lippen, den sie noch nicht kannte - oder besser erst seit der Trauerfeier kannte.

Vashtu wandte ihr Interesse dem Bildschirm zu. Irgendein Dokumentarsender. Bilder einer Unterwasserexpedition.

Wie in Trance schlich sie zu ihrem Ohrenbackensessel und ließ sich darauf nieder, die Beine angezogen und die Arme um die Schenkel geschlungen. Blicklos verfolgte sie das Treiben auf dem Bildschirm vor sich, während sie in Erinnerungen versank ...


***


„Ich weiß natürlich, daß Sie mit Dr. Beckett befreundet gewesen sind", wandte Landry sich an sie. Seine Stimme klang mitfühlend.

„Sir, ich ..." Sie stockte und sah sich hilflos in ihrem Büro um. Irgendwie wirkte der Raum auf sie plötzlich überdimensional und leer, als wolle er sie verschlingen.

„Sie möchten mit nach Schottland, ich verstehe." Landry nickte.

Sie blickte auf, die Lippen wieder zusammengepreßt, und nickte.

„Ich werde sehen, was sich machen läßt, Major. Dr. Beckett und Sie haben gut zusammengearbeitet während des einen Projektes. Und ich weiß, daß er Sie immer aufgesucht hat, wenn er auf der Erde gewesen ist. Aber Sie müssen auch verstehen ... nach den jüngsten Entwicklungen ..."

„Der Trust ist nicht wirklich gefährlich für mich, Sir", entgegnete Vashtu mit gepreßter Stimme. „Außerdem werde ich doch wohl nicht die einzige Militärangehörige sein, die ... die ... die nach Schottland fliegt."

Landry schien zu überlegen.

„Carson war einer der ersten, die mir Vertrauen schenkten nach meinem Erwachen, Sir. Er war ... Ich habe immer noch seine Schildkröten." Sie preßte die Augen fest zusammen, um die Tränen zu unterdrücken. Ihre Schultern bebten.

„Beruhigen Sie sich, Major." Landrys Stimme klang hilflos. Dann seufzte er. „Wir organisieren gerade noch den Flug. Haben Sie Ihre Uniform?"

Vashtu schüttelte hilflos den Kopf.

„Ich werde sie Ihnen bringen lassen. Ich denke, in Begleitung von Colonel Sheppard und Major Lorne sollten Sie relativ sicher sein. Für alle Fälle aber ..."

„Die MP, Sir, ich verstehe." Wieder ein Nicken.

„Anders wird es wohl nicht gehen. Tut mir leid."


***


John bewegte sich leise im Schlaf. Sein Handrücken rutschte an der Armlehne des Ohrenbackensessels entlang.

Vashtu sah kurz zu ihm hinüber.

Wenn es doch nur nicht soweit zwischen ihnen gekommen wäre! Wenn doch nur ...

Sie atmete tief ein und wandte sich wieder ab. Konzentriert starrte sie auf den Bildschirm.

Sie bemerkte nicht, wie ein Augenpaar sie aus schmalen Schlitzen musterte, denn wieder war sie in ihren jüngsten Erinnerungen versunken.


***


„Lorne, die Anweisungen stehen. Ich denke, Sie werden ..." John zuckte mit den Schultern.

Vashtu, die gerade den Hügel hinabgekommen war und die letzten Worte mitangehört hatte, runzelte die Stirn.

Der Colonel drehte sich zu ihr um und musterte sie kurz und scheinbar ohne jede Emotion. Unwillkürlich straffte sie sich und ging betont langsam auf ihn zu.

„Du hast es also tatsächlich getan", wandte John sich an sie. „Major Lorne, erinnern Sie sich noch an Vashtu Uruhk ... Major Vashtu Uruhk." Die Betonung lag eindeutig und vollkommen übertrieben auf ihrem Rang.

Sie nickte dem jungen Offizier zu und lächelte gequält. „Major."

Lorne betrachtete sie aufmerksam von Kopf bis Fuß, erwiderte dann ihr Lächeln. „Sie bleiben also wirklich die nächsten Tage noch auf der Erde?" wandte er sich dann wieder an seinen Vorgesetzten.

John seufzte, wandte sich von ihr ab. „Landry meinte, die drei Tage könnten auch vorgezogen werden. Es liegt momentan auch nichts vor, zumindest nichts, wovon ich weiß. Sie werden wohl ruhige zehn Tage erleben, Lorne."

Der Major nickte.

„Du bleibst auf der Erde?" fragte Vashtu.

„Ich habe Urlaub." Die Antwort war knapp und emotionslos.

„Ich auch. Landry hat ihn mir zugestanden."

John warf ihr einen kurzen Blick zu. „Und?" fragend hob er eine Braue.

Lorne räusperte sich und drehte sich um, um sich den anderen Militärangehörigen anzuschließen, die jetzt zu den Wagen zurückgingen.

Vashtu zuckte mit den Schultern. „Ich dachte ... Wir könnten ..." Sie stockte.

„Ich habe einiges zu erledigen, Major", entgegnete John mit betont ruhiger Stimme.

„Das ist mir klar. Ich dachte nur ..."

„Nein." Jetzt drehte auch er sich um und marschierte mit strammen Schritt zurück zu den wartenden Fahrzeugen.

Vashtu sah ihm hilflos nach.


***


John Sheppard war aufgewacht. Aufmerksam beobachtete er seine Gastgeberin aus schmalen Augenschlitzen. Er wollte nicht, daß sie bemerkte, daß er wach war. Statt dessen versank er in ihrem Anblick.

Vashtu hockte mit angezogenen Beinen da, in ein überlanges T-Shirt und Jogginghosen gekleidet. So, wie sie da saß, wirkte sie auf ihn wie ein hilfloses kleines Mädchen. Angestrengt starrte sie auf den Bildschirm, schien beinahe durch ihn hindurchzusehen.

Er zwang sich, sich nicht zu bewegen, auch wenn beinahe jede Faser seines Körpers danach schrie, sie zu berühren, zu streicheln und zu küssen. Er liebte diesen zehntausend Jahre alten Sturkopf und wollte sie auf keinen Fall verlieren. Aber trotzdem ...

Er beobachtete sie weiter, und auf sein Gesicht trat ein zärtlicher Ausdruck, als er sich an den Rückflug aus Schottland erinnerte.


***


John saß, vor sich hinbrütend, auf seinem Platz und starrte vor sich hin, als sich plötzlich jemand neben ihm niederließ.

„Kann es sein, daß diese Frau etwas ... irre ist?" fragte Lorne.

Er runzelte die Stirn und drehte sich um. „Was?" Sich reckend warf er einen Blick über die Schulter und hob eine Braue.

Vashtu saß allein auf einem Sitz und starrte vor sich hin. Dabei zupfte sie mit ihren Händen an dem dünnen Material ihrer Strumpfhosen herum. Diese wies schon einige unschöne Löcher und Laufmaschen auf.

„Wieso?" John drehte sich wieder zu Lorne zurück.

Der zuckte mit den Schultern. „Ich hab kurz mit mit einem der MPs gesprochen, die sie bewachen sollen. Der sagte da etwas von einem Banküberfall, bei dem sie ... naja, zwei der Bankräuber waren tot, die anderen hatte sie irgendwie im Schließfachraum eingesperrt. Und ihr war nicht ein Haar gekrümmt worden."

Johns Kopf ruckte wieder zu der Antikerin hinüber. „Vashtu!" flüsterte er, dann drängte er sich an seinem Stellvertreter vorbei und ging zu ihr hinüber.

Die Antikerin saß noch immer so da wie vorher, zupfte an ihrer Strumpfhose herum und starrte ins Leere. Dann, plötzlich, klärte sich ihr Blick und sie sah auf. Eine leise Hoffnung trat in ihre Augen, als er sich auf dem Sitz vor ihr niederließ und zu ihr umdrehte.

Stirnrunzelnd sah er sie an. „Du warst in einen Banküberfall verwickelt?" fragte er unumwunden.

Sie blinzelte, neigte dann leicht den Kopf und nickte. „Ja, aber das war kein ... Es war nicht normal", antwortete sie, drehte sich dann halb um und warf einen langen Blick auf die beiden Militärpolizisten, die hinten im Flugzeug saßen und Karten spielten. „Seitdem habe ich diese Anhängsel."

John sah sie besorgt an. „Was meinst du damit? Warum sollte man dich überwachen? Ich dachte, du hast dein Leben auf der Erde inzwischen relativ im Griff."

Sie zögerte, zog dann die Schultern hoch. „Der Trust ist auf mich aufmerksam geworden, ist schon eine Weile her", erklärte sie. „Jetzt sind sie plötzlich wieder da."

Er ruckte ein bißchen näher an sie heran. „Der Trust? Was wollen die von dir?"

In ihrem Gesicht zuckte es, als sie verstohlen unter ihren Ponyfransen aufblickte. „John, ich bin die letzte erreichbare Antikerin, schon vergessen?"

Das war ihm tatsächlich einen Moment lang entfallen, mußte er zugeben. Er sah sie schon lange nicht mehr als lebendes Relikt, sofern er das je getan hatte. Er sah nur ... Ja, was?

Er sah die interessanteste und schönste Frau, die ihm je in seinem Leben über den Weg gelaufen war, mußte er sich selbst eingestehen. Sie beide hatten noch nie viele Worte gebraucht, sie verstanden sich auch so. Immer schienen sie vom anderen zu wissen, was er empfand - naja, meistens. Wenn da nur nicht diese Sache geschehen wäre ...

„Was hast du vor, wenn wir wieder in den Staaten sind?" fragte sie unvermittelt.

Er blinzelte, aus seinen Gedanken gerissen, und sah sie an. „Was?"

Vashtu zuckte mit den Schultern. „Ich dachte nur. Es wird schon spät sein, zu spät, um dir ein Zimmer in Colorado Springs zu suchen. Was hast du also dann vor? In den Mannschaftsquartieren übernachten?"

Er runzelte die Stirn, schwieg jetzt aber.

Wenn er genau sein wollte, seit ihrem Streit vor einem Monat hatte er kaum noch einen Gedanken an seinen Urlaub verschwendet. Vorher war es für ihn klar gewesen, daß er seine Zeit mit ihr verbringen wollte, sofern sie nicht gerade arbeiten mußte. Aber jetzt?

„In den Bergen liegt der erste Schnee. Ich dachte, wenn du Lust und Zeit hast, könnten wir vielleicht skifahren gehen." In ihren Augen las er ein kleines bißchen Hoffnung.

„Ich ..."

„Du kannst bei mir übernachten. Mein Apartment ist groß genug. Und morgen ... oder wann du willst ..." Sie verstummte, das leise Licht verglomm.

John brach es fast das Herz, sie so resignierend zu sehen. Irgendwie kam ihm der unwahrscheinliche Gedanke, daß sie nicht wirklich Erfahrung mit dem Umgang in einer Beziehung hatte. Aber ... Das war Unsinn!

„Du könntest auf meiner Maschine fahren, wenn du magst."

„Maschine?" Irritiert sah er sie wieder an.

Vashtu nickte. „Mein Motorrad. General O'Neill hat es mir geschenkt."

„Ich habe keinen Motorradschein."

Wieder dieses stille Flehen in ihren Augen.

Er nagte an seiner Unterlippe, fühlte sich plötzlich einfach nur schlecht. Hatte er am Ende überreagiert auf ihren Eintritt in die Army? War er ... ?

Nein, rief er sich zur Ordnung, nein, er hatte keinen Fehler begangen. Da war er sich sicher. Vashtu war nicht geeignet für die Air Force, um genau zu sein, sie war überhaupt nicht für das Militär geeignet. Warum O'Neill und die anderen Stabsmitglieder das nicht hatten einsehen wollen, war ihm nicht klar, doch er vermutete, man wollte sie noch enger an die Erde binden, als sie es nach mehr als einem Jahr bereits war.

„John, ich ..." Ihre Brauen schoben sich zusammen und in ihren Augen schwammen plötzlich Tränen. „Ich ... können wir denn nicht einfach reden?"

Er zögerte, wandte den Kopf ab und sah zur Pilotenkanzel nach vorn. Dann nickte er endlich. „Also gut, ich übernachte heute nacht bei dir. Aber morgen suche ich mir ein Hotel."


***


Vashtu starrte weiter auf den Bildschirm, holte dann plötzlich tief Atem.

Eine große Schildkröte kämpfte sich durch hohes Gras. Die wispernde Stimme aus dem Off erklärte gerade etwas über eine Sendung, die gleich auf diesem Sender laufen sollte.

Unwillkürlich stiegen ihr wieder Tränen in die Augen.

Carson!

Nach seiner Rückkehr nach Atlantis war Landry an sie herangetreten, mit der dringenden Bitte des Mediziners, sich um seine kleinen Schildkröten zu kümmern. So war das Terrarium schließlich in ihrem Schlafzimmer gelandet. Sie war zur Ziehmutter für seine Haustiere geworden.

Und jetzt war Carson tot.

Vashtu schluchzte laut auf und barg ihr Gesicht zwischen den Knien, während über den Bildschirm weiter über Schildkröten gesprochen wurde. Vor ihrem inneren Auge sah sie das offene und freundliche Gesicht von Carson Beckett, wie er auf ihrem Sofa saß und Kaffee trank und sich mit ihr unterhielt.

So viele Briefe hatte er ihr gebracht, so oft hatten sie beide miteinander geschwatzt. Mit der Zeit waren sie Freunde geworden, und sie hatte gewußt, ihr erster Eindruck von ihm hatte sie nie getäuscht.

Und jetzt gab es diesen netten Mann in ihrem Leben einfach nicht mehr. Jetzt würde sie endgültig den Kontakt nach Atlantis verlieren, ohne Beckett und ohne John. Nie wieder würde Carson unvermutet vor ihrer Tür stehen und ihr irritierte Blicke zuwerfen. Nie wieder würde sie seine akzentschwere Stimme hören und sich fragen, warum ausgerechnet dieser Mann, der sie immer wieder an ein riesiges Kuscheltier erinnert hatte, so einsam in seinem Inneren war.

„Vash ..."

Arme umfingen sie plötzlich und hielten sie fest und sicher.

Vashtu drängte sich an den anderen Körper und weinte und schluchzte und klammerte sich an ihn.

„Es ist schon gut", wisperte ihr Johns angenehme Stimme zu. „Alles ist gut. Scht."

Sie drängte sich noch dichter an ihn heran, ließ es zu, daß er sie schließlich auf seine Arme nahm und auf dem Sofa ablud. Noch immer klammerte sie sich an ihn, noch immer barg sie ihr Gesicht an seiner Brust.

Sie konnte einfach nicht mehr aufhören zu weinen. Carson war ihr Freund gewesen. Er hatte für sie und John getan, was er konnte, als ihre Beziehung zueinander noch auf wackeligen Beinen stand und von den oberen Stellen nicht gern gesehen war.

„Er ist tot, John", wimmerte sie plötzlich und hob den Kopf. Ihr Blick war verschwommen von all den Tränen, und sie mußte blinzeln.

Sacht strich er ihr die salzige Nässe von den Wangen. „Es ist gut, Vash, es ist alles gut." Seine Stimme klang erstickt.

Als sie wieder zu ihm hochblickte sah sie, daß auch er weinte, es aber nicht zeigen wollte. Die Tränen gruben feuchte Bahnen in seine Wangen, seine Lippen bebten leicht. Unvermittelt hob sie den Kopf und küßte eine der Tränen weg.

John schloß die Augen und preßte die Lippen aufeinander. Noch immer streichelte seine Hand ihre Wange, noch immer brach auch bei ihm die Trauer ihre Bahn.

„John ..." Sie flüsterte seinen Namen tonlos.

Langsam öffnete er die Augen wieder und sah sie an. Und sie ertrank in diesem Blick, ihre Persönlichkeit, ihr ganzes Selbst, alles was sie ausmachte, wurde von seinen Augen davongetragen und löste sich auf.

Das letzte, an das sie sich erinnerte, war der Kuß ...


***


„Asche zu Asche, Staub zu Staub ..." Der Priester sah auf die Trauergemeinde, die sich um das Loch in der dunklen Erde versammelt hatte. Nach einer kleinen Weile fuhr er fort mit seiner Rede.

Vashtu stand am offenen Grab und starrte darauf nieder. Überdeutlich spürte sie Johns Anwesenheit, er stand direkt neben ihr. Das hatte sich so ergeben, vermutete sie, denn viele Worte hatten sie bis jetzt nicht gewechselt seit ihrem unvermuteten Treffen im Gateroom. So wurde sie nun aber von ihm auf der einen und seinem jungen Stellvertreter auf der anderen Seite flankiert, stand einen Schritt weiter vorn als sie.

Vashtu hob langsam den Kopf.

Es war das erste Mal, daß sie bei einer irdischen Beerdigung anwesend war. Sie hatte keine Ahnung, wie das Zeremoniell ablief, versuchte einfach dadurch, daß sie die anderen Anwesenden beobachtete, sich normal zu geben.

Neben dem Priester stand eine ältere, kleine Frau mit grauem, weiß meliertem Haar. Vashtu kannte sie von einem Foto. Es war Carsons Mutter.

Schnell wandte sie den Blick ab. McKay sah sie über den Rand des Grabes aus an, die Lippen zusammengekniffen. Auch in seinen Augen sah sie Tränen, wie sie auch in den ihren brannten. Und irgendwie tröstete sie der Gedanke, daß ausgerechnet Rodney McKay, der egozentrische Spitzenwissenschaftler, um den lieben Mediziner trauerte, über den er früher immer seine Scherze gemacht hatte.

Bewegung kam in die Trauergemeinde.

Vashtu atmete tief ein, reihte sich dann, vor John und hinter seinem Stellvertreter, gehorsam ein und wartete.

Einer der Trauergäste trat vor, nahm eine kleine Schaufel und warf Erde in das Grab.

Vashtu atmete tief ein und schluckte dann.

Wenn sie sich vorstellte, das ... Nein, besser nicht!

Geduldig wartete sie, bis sie der Schaufel am nächsten war, und griff danach. Eine andere Hand legte sich über ihre und ließ sie den Kopf heben. John sah sie nur an, die Lippen zusammengepreßt und etwas in seinen Augen, das sie bisher noch nie bei ihm gesehen hatte. Unmerklich nickte sie, und gemeinsam warfen sie etwas Erde in das Grab, blieben dann einen Moment lang noch stumm nebeneinander stehen und starrten in diesen finsteren Abgrund, in dem sich jetzt die sterblichen Überreste des freundlichen Mediziners befanden für alle Zeit.

Johns Hand streifte ihre Schulter, als sie sich umdrehten und zu Mrs. Beckett gingen, um ihr ihr Beileid auszusprechen.

Die alte Frau sah unwillkürlich auf, als sie das Paar auf sich zukommen sah. Trotz der Tränen in ihren Augen und der Trauer, die sich tief in ihr Gesicht gegraben hatte, lächelte sie.

Vashtu nickte ihr zu, hob dann die Rechte. „Mrs. Beckett ... ich ..." Sie atmete tief ein.

„Miss ... Uruhk?" Die alte Frau drückte ihre Hand. „Es freut mich, Sie endlich kennenzulernen." Sie blickte zu John hinauf. „Colonel. Carson hat immer sehr viel von gerade Ihnen beiden gesprochen. Ich bin sicher, es würde ihn freuen, sie ..." Nun brach sie ab und schluchzte.

Johns Hand krallte sich hilflos in Vashtus Schulter.


***


Als sie erwachte, fühlte Vashtu sich zum ersten Mal seit Wochen ... wohl! Sie wußte selbst nicht genau warum, sie fühlte nur eine Behaglichkeit, die sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespürt hatte. So, als wäre sie zum ersten Mal seit langer Zeit wieder vollständig.

Blinzend gähnte sie und streckte sich. Dabei stießen ihre Füße auf ... Füße?

Vashtu riß die Augen auf und drehte sich um. Entgeistert starrte sie auf die Gestalt, die neben ihr in ihrem Bett lag.

Was? Wie? Wann?

Dann fiel ihr die letzte Nacht wieder ein, zumindest ...

Oh nein! Sie hatte doch nicht mit John ... ?

Vashtu holte tief Atem und lüftete die Decke ein Stück weit, nur um sie dann sofort wieder hochzuziehen und sich verlegen umzusehen.

Sie war nackt. Und, wie sie gesehen hatte, war sie da nicht die einzige.

Wieder starrte sie John an, der entspannt neben ihr lag und offenkundig schlief - zumindest hatte er die Augen geschlossen.

Was sollte sie jetzt tun? Wie sollte sie sich verhalten? Wenn er etwas bemerkt hatte ...

Vashtu schluckte.

Am besten, sie tat, als sei nichts geschehen. Als sei alles völlig normal und ... und ...

Erst einmal raus aus dem Bett und irgendwas überziehen!

Entschlossen schlug sie die Decke wieder zurück und richtete sich auf. Wenn sie schnell war, würde er vielleicht sogar noch schlafen und gar nichts ...

Eine Hand umschloß ihren Unterarm, sanft aber auch kräftig.

Vashtu sah an sich hinunter, drehte sich dann um.

John hatte die Augen einen Spaltweit geöffnet und lächelte.

„Ich ... wir ... das ..." Vashtu schloß den Mund und fühlte sich einfach nur hilflos.

„Komm wieder ins Bett." Seine Stimme hatte etwas von einem zufrieden schnurrenden Kater, fand sie.

„Äh ... soll ich uns nicht ... würdest du bitte ... ich meine ..."

Langsam schob er sich näher und musterte sie amüsiert. „Was soll ich? Ich denke, es gibt nichts, was ich letzte Nacht nicht schon gesehen hätte, oder?" Seine andere Hand strich vorsichtig ihre Wirbelsäule entlang. Ein wohliger Schauer durchrieselte sie.

Vashtu schluckte, sah sich nervös um, doch ihr fiel nichts ein, was sie hätte darauf erwidern können. So jedenfalls war das ganze in ihren Gedanken nie passiert. So hatte sie sich niemals ...

John küßte ihren Arm, richtete sich dann auch auf und umfaßte sie zärtlich von hinten. „Laß die Welt und ihre Sorgen draußen, Vash", wisperte er ihr ins Ohr, küßte ihren Halsansatz. „Komm wieder ins Bett."

Vashtu stöhnte leise auf, als seine Hand ihre Brustwarze streifte. Unwillkürlich hob sie den Kopf in den Nacken und schloß die Augen.

„Oder hat es dir nicht gefallen?" gurrte er ihr zu und knabberte an ihrem Ohrläppchen. Seine Hände schienen plötzlich überall auf ihrem Körper zu sein, und seine Berührungen waren ... elektrisierend.

Vashtu gab ihren Widerstand auf, ließ sich gegen ihn sinken und begann, seine Küsse zu erwidern.


TBC ...

12.03.2010

Die Einzelkämpferin II

"Sie dürfen mir nicht erzählen, wer und was Ihre Major Uruhk ist?" Hernan stemmte die Arme in die Hüften und funkelte Babbis wütend an. „Wollen Sie mich hochnehmen, Doc?"

Der junge Mann wirkte plötzlich sehr entschlossen. „Sie sollten wissen, daß Cheyenne-Mountain ein streng geheimer Militärstützpunkt ist, Detective. Wir alle arbeiten dort, Mi...ajor Uruhk ist unsere Vorgesetzte und Leaderin. Wir dürfen Ihnen nicht mehr erzählen, es sei denn, Sie möchten, daß Dorn Sie erschießt."

Hernan holte gerade tief Atem, um dem jungen Mann - der Kerl war vielleicht halb so alt wie er, verdammt! - die passende Antwort zu geben, als er seinen Namen hörte und sich wieder umdrehte.

Da drinnen geht irgendetwas vor sich, Detective. Die Ziele haben plötzlich den Kontakt abgebrochen." Der FBI-Agent war aus dem Überwachungswagen geklettert und winkte ihm.

Hernan warf den drei Männern noch einen zornigen Blick zu. „Wir reden später weiter", knurrte er, dann joggte er wieder hinüber. Dabei bemerkte er nicht, wie Babbis ihm folgte und seinen Kopf in den Wagen steckte.

Sehen Sie, sie haben eine der Geiseln von den anderen getrennt." Der Agent wies auf eine Wärmebildkamera, die seine Leute mitgebracht hatten.

Hernan starrte mit verkniffener Miene auf den Bildschirm.

Was hatte dieser Agent Barrow angerichtet? Angeblich sollte er doch nur Kontakt zu den bösen Jungs herstellen. Da mußte aber noch etwas ...

Wer ist denn das?" Er beugte sich dichter an den Bildschirm heran, als er eine Gestalt erkannte, die offensichtlich ungesehen am Rande der Aufnahme entlanghuschte.

Major Uruhk, da gehe ich jede Wette drauf ein."

Hernan und Barrow fuhren gemeinsam herum und sahen einen sehr zufrieden wirkenden Peter Babbis, der sie beide angrinste.

RAUS!" brüllte Hernan den jungen Wissenschaftler an. „Das hier geht Sie nichts an!"

Babbis zog sich, noch immer triumphierend grinsend, wieder zurück und schloß sogar die Tür hinter sich.

Hernan atmete tief ein, um sich wieder zu beruhigen. Dann beugte er sich wieder über den Bildschirm und wartete auf ein erneutes Auftauchen der merkwürdigen Gestalt. Hatte er sich gerade geirrt, oder hatte es tatsächlich so ausgesehen, als liefe diese die Wand hinauf?


***


Vashtu hatte ihre Iratus-Käfer-Zellen aktiviert und hing wie eine Spinne im Netz unter der Decke.

Ihr war aufgefallen, daß die Bankräuber überall hinsahen, nur nicht nach oben. Solange sie ihnen nicht ins direkte Blickfeld geriet, würde dies wahrscheinlich die einfachste Methode sein, an sie heranzukommen.

Vorsichtig, sich auf Händen und Knien fortbewegend, kam sie voran, näher an den nächsten der Kerle heran. Dabei zwang sie sich, keinen Gedanken an Tom zu verschwenden.

Verdammt, der Psychologe würde doch wohl fünf Minuten ohne sie auskommen! Schließlich war es sein Job, sich mit ... naja, merkwürdigen Leuten zu unterhalten. Da würde er doch wohl diese Kerle ein bißchen beschwatzen können.

Vashtu machte sich dennoch Sorgen. Aber sie wußte auch, sie würde kaum eine Chance haben, selbst wenn sie einen dieser Kerle ausgeschaltet hatte. Sie mußte für ein relatives Gleichgewicht sorgen, sonst ... Sie wagte gar nicht weiterzudenken.

Woher kannten sie nur ihren Namen? Und wieso kannten sie offensichtlich auch Tom?

Das war jetzt egal. Es ging hier darum, Gerechtigkeit zu üben, wenn die Polizei offensichtlich lieber draußen stand und abwartete. Und sie war noch nie jemand gewesen, der warten konnte. Außerdem erhoffte sie sich von ihrem nächsten Opfer ein paar Antworten.

Sie kroch weiter, bis sie direkt über dem nächsten Mann an der Decke hing. Zum Glück war die Schalterhalle zwar ziemlich groß, aber, zumindest was ihre Position anging, auch recht unübersichtlich. Eine breite Stuckverzierung verbarg sie im Moment vor anderen Blicken, und Ziersäulen, die sich bis in die Decke schraubten, boten ihr zusätzlich Schutz vor unerwünschten Blicken.

Sie konnte nur hoffen, daß nicht eine der Geiseln auf die tolldreiste Idee kommen würde, zur Decke zu sehen, für diese war sie nämlich wirklich sichtbar. Aber ob derjenige wirklich glauben würde, was er sah? Menschen konnten schließlich nicht, wie Insekten, unter der Decke hängen, zumindest nicht ohne spezielle Hilfsmittel.

Vashtu positionierte sich und reckte kurz den Hals, um sich umzusehen. Dann ließ sie sich blitzschnell fallen und sprang direkt in das Gesicht des Mannes unter ihr, um ihn am Schreien zu hindern. Ein kurzes Keuchen und ein dumpfer Schlag waren leider unvermeidlich. Aber sie hoffte, beides würde nicht weiter auffallen.

Der Kampf war vorbei, ehe er überhaupt begonnen hatte. Der Bankräuber, wenn er denn einer war, war unglücklich aufgekommen und hatte die Besinnung ohne ihr weiteres Zutun verloren.

Vashtu fluchte leise, erhob sich auf die Knie und sah sich noch einmal um, ehe sie ihr zweites Opfer im Schatten der Geldschalter nach hinten zerrte, um es, wie schon das erste, im Keller einzuschließen.

Vielleicht war der andere Kerl inzwischen wieder wach und konnte ihr ihre Fragen beantworten.


***


Tom starrte direkt in den Lauf einer Waffe und schluckte hart. „Was ... was wollen Sie von mir?" wisperte er.

Der Maskierte nickte ungeduldig mit der Waffe. „Da rüber. Dann unterhalten wir uns ein bißchen ... über Ihre Bekannte, Doktor."

Tom fühlte jetzt auch die Blicke einiger anderer Geiseln auf sich gerichtet. Er schüttelte nur stumm den Kopf, sicher, daß, wenn er den Mund aufmachen würde, er sich übergeben müßte.

Der Maskierte drückte ihm die Mündung der Waffe an die Stirn. „Auf die Beine! Aber schnell!" befahl er hart.

Tom atmete flach und hektisch, als müsse er ersticken. Seine Knie waren weich, dennoch gelang es ihm irgendwie, aufzustehen.

Der Anführer der Bankräuber packte ihn grob an der Schulter und riß ihn herum. Dann verstärkte sich sein Griff plötzlich.

Verdammt, Hank! Wo ist er?"

Tom fühlte die Waffe in seinem Rücken, wagte nicht, sich zu bewegen. Da sah er etwas in dem Gang hinter den Schaltern, einen kurzen Lichtschimmer.

Vashtu!

Sieh nach, wo er steckt", befahl der Anführer seinem einem der beiden anderen. Erst jetzt schien ihm aufzugehen, daß da noch jemand fehlte. „Wo sie stecken", berichtigte er sich. „Sehr wahrscheinlich wirst du auch unseren kleinen Major dort finden. Also sei vorsichtig."

Einer der verbliebenen zwei Männer nickte stumm und zog ab, in Richtung auf den Gang, aus dem der Lichtstrahl gekommen war.

Toms Mut sank.

Und wir, Doc, wir beide unterhalten uns jetzt einmal."


***


Vashtu hatte ihr zweites Opfer gerade in ihrer improvisierten Zelle abgelegt, als sie hörte, wie sich über ihr die Tür wieder öffnete.

Verdammt!

So schnell sie konnte huschte sie aus dem Raum für die Schließfächer hinaus und hechtete hinter die Treppe, in der vagen Hoffnung, daß man sie nicht bemerken würde. In der Dunkelheit in dem schmalen Hohlraum fühlte sie sich etwas sicherer als in dem gleißenden Licht der Leuchtstoffröhren.

Hey! Rauskommen! Ich habe dich gesehen, Mädchen!"

Vashtu hielt den Atem an und blickte nach oben.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Sie zwang sich zur Ruhe, drückte sich weiter in die Dunkelheit hinein.

Ich sagte, du sollst rauskommen!" befahl die harte Stimme ihr erneut.

Vashtu tastete nach ihrer Beretta, dann kniff sie entschlossen die Lippen aufeinander, beugte die Knie und holte sich so genug Schwung für einen Sprung. Neben ihr peitschten einige Kugeln über die Betonwand.

Vashtu zog schnell die Beine an und krabbelte die Treppe von unten hinauf, bis es nicht mehr ging. In der Ecke unter der Decke klebend wartete sie angespannt und lauschte nach oben.

Na gut, wenn du kleine Schlampe es so haben willst ..."

Schritte!

Ein leises Lächeln stahl sich auf ihr angespanntes Gesicht. Vorsichtig kroch sie ein Stück nach vorn und lugte unter der Treppe hervor. Dann nahm sie wieder Schwung und sprang mit einem Salto hinter ihrem Angreifer auf die Stufe dicht über ihm.

Der Mann drehte sich mit vor Überraschung geweiteten Augen zu ihr um. Die Antikerin erkannte ihren Vorteil sofort, er war aus dem Gleichgewicht. Mit einem Fuß trat sie zu, nicht einmal heftig. Rückwärts stürzte ihr Angreifer den Rest der Treppe hinunter und blieb unten liegen.

Vashtu huschte hoch zur Tür und lugte kurz hinaus, dann drehte sie sich wieder um und wandte sich ihrem dritten Opfer zu.

Die Kräfte erschienen ihr jetzt mehr als ausgeglichen.

Mit kalt-glitzernden Augen trabte sie die Stufen in den Keller hinunter.


***


Jetzt sind zwei verschwunden." Der FBI-Agent runzelte die Stirn.

Hernan nickte.

Noch immer fragte er sich, ob die Wärmebildkamera vielleicht irgendeine Fehlfunktion aufwies. Was sich vor gut zehn Minuten abgespielt hatte, konnte einfach nicht wahr sein! Es hatte tatsächlich so ausgesehen, als wäre eine Gestalt von oben auf eine andere hinuntergesprungen und hätte diese zu Boden gerissen. Aber das widersprach allen Naturgesetzen, die er kannte, wahrscheinlich sogar noch einigen mehr.

Ein ungeduldiges Klopfen an die Wagentür.

Hernan runzelte unwillig die Stirn, wandte sich dann widerstrebend ab und öffnete die Seitentür, nur um in einen weiteren Ausweis zu starren.

Was, zum Teufel, ging hier vor?

Captain Storm, Militär-Polizei", stellte der Neuankömmling sich vor. Dann blinzelte er und beugte sich etwas vor. „Agent Barrow, schön, Sie einmal wiederzusehen."

Storm ..." Die Stimme des Agent klang emotionslos.

Was wollen Sie denn jetzt noch?" ereiferte sich Hernan.

Allmählich fühlte er sich in seinem eigenen Bezirk überflüssig. Wieviele Kompetenzen konnte dieser verdammte Banküberfall denn noch überschneiden? Das konnte doch alles nicht wahr sein!

Storm zückte einen Umschlag aus seiner Uniformjacke und hielt ihn Hernan hin. „Neue Order, Sir. Wir übernehmen von jetzt an. Unseren Hinweisen zufolge ist das kein Banküberfall, sondern ... Nun, etwas, was in unseren Kompetenzbereich fällt."

Wir sind hier nicht auf einem Army-Stützpunkt!" wetterte Hernan los.

Storm wechselte einen Blick mit dem FBI-Mann, sah ihn dann wieder an. „Sir, wir können zusammenarbeiten, oder Sie ziehen Ihre Männer ab. Ich bin sicher, mit Agent Barrow werde ich mich gütlich einigen können."

Ich weiß schon, ich habe nichts gesehen und nichts gehört, Captain", sagte dieser mit einem leicht amüsierten Unterton in der Stimme.

Storm nickte. „Ganz genau. Und das gleiche gilt für Sie, Detective."

Hernan zerknüllte den Umschlag, den der MP ihm gereicht hatte, vor Wut in seiner Faust.

Der hob die Brauen, sah ihm dann wieder in die Augen und lächelte zuckersüß. „Sie sollten das vielleicht erst lesen, ehe Sie es zum Altpapier werfen, Sir", schlug er vor.

Der Detective versuchte immer noch, den Militär niederzustarren, gab dann aber unvermittelt auf und wandte sich statt dessem dem Umschlag zu.

Seine Augen wurden groß, als er die Prägung auf der Vorderseite sah. Der Brief kam direkt aus dem Weißen Haus!

Wenn Sie jetzt bitte ein bißchen Platz für mich machen würden, damit wir uns über das weitere Vorgehen austauschen können, Sir?" Storm lächelte immer noch.


***


Babbis beobachtete mit gemischten Gefühlen, wie Storm in dem Transporter mit dem Equipment verschwand, die Tür sich hinter dem MP schloß.

Haben Sie ihn gerufen?" wandte er sich dann unvermittelt an Dorn.

Der blinzelte einen Moment lang verständnislos, dann schüttelte er den Kopf. Auf seine Stirn gruben sich plötzlich Sorgenfalten. „Sieht übel aus."

Babbis runzelte die Stirn. „Hoffentlich sieht es nur so aus und wird es nicht", kommentierte er.

Was meint ihr?" mischte Wallace sich aufgeregt ein.

Die MP", antwortete Dorn.

Storm und ein paar Männer von Cheyenne-Mountain sind vor ein paar Minuten gekommen", fügte Babbis hinzu. „Wenn du sie nicht gerufen hast, James, dann weiß ich nicht, warum sie hier auftauchen sollten. Es sei denn ..." Er sah wieder zu Dorn, der seinen Blick erwiderte.

Der Trust!"


***


Als Vashtu endlich wieder aus dem Keller kam, war sie keinen Deut schlauer als zuvor. Aber zumindest hatte sie die Bankräuber auf ein erträgliches Maß reduziert, wie sie fand. Den letzten beiden würde sie sich wohl offen stellen können und mußte nicht wieder über Wände und Decken kriechen.

Doch dann erstarrte sie plötzlich, kaum daß sie die Tür geschlossen hatte. Einen Moment lang atmete sie tief ein, dann drehte sie sich unvermittelt um und stieß einen Fluch in ihrer Muttersprache aus.

Der vorletzte der Bankräuber hatte hinter der Tür auf sie gelauert, hielt seine Waffe jetzt direkt auf sie gerichtet.

Wie dumm konnte sie sein, daß sie an diese Möglichkeit nicht gedacht hatte? Warum hatte sie nicht, bevor sie den Keller verließ, die Lage sondiert?

Jetzt war es zu spät, sich Vorwürfe zu machen, kam ihr in den Sinn, während sie langsam die Hände hob.

Stumm deutete der Maskierte die Richtung zum vorderen Saal. Sie nickte und drehte sich um. Sofort spürte sie durch ihre Jacke den Lauf seiner Waffe und biß sich auf die Lippen.

Hände im Nacken verschränken", befahl der Bankräuber ihr.

Die Antikerin zögerte. Wenn sie das tat, würde ihre Jacke weit genug aufklaffen, damit der Kerl die Beretta nicht nur sehen, sondern auch greifen konnte. Und ihre einzige Handfeuerwaffe wollte sie nach Möglichkeit so lange wie möglich behalten.

Hände im Nacken verschränken! Wird's bald!" Ein unsanfter Stoß mit dem Lauf der Maschinenpistole folgte.

Vashtu biß sich auf die Lippen und tat wie ihr geheißen. Sofort drückte die Mündung sich tiefer in ihren Rücken, als der Mann sich vorbeugte und zielgerecht unter ihre rechte Achsel griff. Die Antikerin spannte alle Muskeln in ihrem Gesicht an, als sie fühlte, wie die Beretta ihr abgenommen wurde. Dann folgte ein weiterer unsanfter Stoß, um sie nach vorn zu treiben.

Schon gut", murmelte sie.

Maul halten und langsam gehen!" wurde ihr befohlen.

Immer noch die Mündung der Waffe zwischen ihren Schulterblättern fühlend und die Arme in dieser unbequemen Haltung verschränkt ging sie los, während sie sich den Kopf darüber zerbrach, wie sie wieder aus dieser Lage herauskommen konnte. Aber sie wagte nicht, eine Wunde zu riskieren, so nahe an Unwissenden, wie sie jetzt war. Sie konnte eine mögliche Verletzung zwar überleben und sie sogar ziemlich schnell heilen lassen, aber die Geiseln vorn im Kassenraum würden wohl kaum davon zu überzeugen sein, daß eine so schwere Schußwunde dermaßen schnell überwunden wäre.

Im Durchgang zum Kassenraum angekommen, hieß ihr Häscher sie stehenzubleiben.

Vashtu blinzelte. Nach der Dunkelheit im Gang war es hier beinahe taghell, so daß sie tatsächlich geblendet war.

Major Uruhk, wenn ich mich nicht irre", wandte sich die Stimme des Anführers an sie. „Nett, daß ich Sie endlich doch antreffe. Ich dachte schon, Sie wollten unsere kleine Party verpassen, die wir doch extra für Sie geben."

Vashtu richtete ihre Aufmerksamkeit auf den hochgewachsenen, muskulösen Mann mit der schwarzen Skimaske. Unwillkürlich spannte sie sich an, als sie Tom bei ihm auf einem Stuhl sitzen sah, eine Waffe an der Schläfe.

Bring unseren Fang her!"

Wieder wurde sie vorwärts gestoßen. Mit kaltem Blick fixierte sie den Anführer der Bankräuber. Und jetzt war sie endgültig davon überzeugt, hier nicht in einen normalen Bankraub verwickelt worden zu sein.


***


Das sieht wirklich nicht gut aus", kommentierte Storm die letzten Bilder der Wärmebildkamera und kniff nachdenklich die Lippen zusammen. „Stürmen, Barrow?"

Hernan saß auf einem Stuhl bei der inzwischen fast vergessenen Telefonanlage und brütete vor sich hin.

Der Präsident der Vereinigten Staaten befahl ihm, mit der MP zusammenzuarbeiten, um einem unbedeutenden, kleinen Major der Air Force zu helfen. Das war doch einfach nur lächerlich! Das roch doch geradezu nach irgendeiner geheimen Regierungssauerei!

Und doch waren ihm die Hände gebunden. Er konnte nichts anderes tun als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und zu hoffen, daß er zumindest mit einem blauen Auge aus dieser Sache wieder herauskam.

Würde ich noch nicht in Erwägung ziehen", antwortete Barrow. „Sind noch zu viele Zeugen dabei. Wir müssen den Großteil der Geiseln da herausbekommen, ehe der Rest der Truppe über sie herfallen und ein Blutbad anrichten kann."

Werden sie ohnehin tun, wie ich diese Kerle kenne", brummte Storm unwillig, das Kinn auf die Hände gestützt. „Aber vielleicht ist noch nicht alles vorbei. Unser Major ist klever. Gut möglich, daß sie trotzdem noch den Tag rettet. In der Haut dieser Typen will ich allerdings nicht stecken."

Barrow sah den MP von der Seite an. „Wieder Ex-NID?"

Hernan horchte auf und sah zu den beiden hinüber.

Storm nickte nur stumm.

Scheiße!" knurrte Barrow.

Hernan runzelte die Stirn.

Endlich schien er einen Ansatz zu haben. Stand nur zu hoffen, daß das so bleiben würde und er bald wieder zu seiner gewohnten Routine zurückkehren konnte.


***


Jetzt habt ihr mich, dann könnt ihr die anderen auch gehen lassen." Vashtu starrte ihren Gegenüber kalt und berechnend an.

Der betrachtete sie von Kopf bis Fuß. „Durchsucht?" wandte er sich dann an ihren Häscher. Sie konnte die Antwort nicht hören, also schien er wohl nur genickt zu haben.

Der Anführer hob seine Waffe und drückte sie ihr auf die Stirn. „Dann haben wir jetzt wohl die Beute, die wir wollten. Oder gibt es noch einen Plan, den Sie durchführen wollen, Major?"

Vashtu ließ sich nicht von der Bedrohung aus der Ruhe bringen, zumindest äußerlich nicht. Sie hatte bereits zuviel erlebt, seit sie erwacht war in dieser Zeit. Und ihre Situation war wenigstens einmal wesentlich hoffnungsloser gewesen.

Keinen Plan, zumindest noch nicht." Sie lächelte kühl. „Lassen Sie die Geiseln frei, dann gehe ich freiwillig mit Ihnen mit."

Was ist mit den anderen?" Der Anführer ignorierte sie vollkommen.

Die zweite Waffe, die sich immer noch in ihren Rücken gebohrt hatte, verschwand und sie hörte gedämpfte Schritte, die sich rasch entfernten. Ein kurzer Seitenblick sagte ihr, daß der zweite ihre Beretta auf den Schreibtisch knapp außerhalb ihrer Reichweite abgelegt hatte.

Der Anführer richtete seine Aufmerksamkeit nun wieder auf sie. Erneut musterte er sie von Kopf bis Fuß. „Erstaunlich, wieviel Kraft und was für ... Geheimnisse doch in so einem zierlichen Körper stecken können. Wüßte ich nicht, was es wirklich mit Ihnen auf sich hat, ich würde es nicht glauben."

Danke für das Kompliment." Wieder ein kühles Lächeln, das augenblicklich wieder erlosch. „Dann steht zu hoffen, daß Sie es mir diesmal etwas schwerer machen werden als beim ersten Mal? Könnte interessant sein sich anzusehen, was der Trust sich jetzt wieder ausgedacht hat."

Sie werden sicherlich wenig begeistert sein, Major, darauf können Sie sich verlassen. Wir sind keine solchen Stümper wie die, denen Sie das letzte Mal begegnet sind, glauben Sie mir."

Vashtu nickte. „Was noch zu beweisen wäre, nicht wahr?"

Die Waffe klickte leise, als der Maskierte sie entsicherte. „Sie sollten auf Ihre Wortwahl achten, Major. Lernt man das denn nicht bei der Army?"

Ich bin noch nicht lange dabei. Und, ehrlich gesagt, bei Leuten wie Ihnen ist die richtige Wortwahl alles andere als ... sinnvoll."

Wir werden sehen, Major Uruhk, wir werden sehen. Ich bin sicher, Ihnen wird ganz und gar nicht gefallen, was Sie vorfinden werden. Und auf eines können Sie sich verlassen, es wird sehr unangenehm für Sie werden, kooperieren Sie nicht mit uns."

Erneut ein kühles Lächeln, doch diesmal ließ sie ihm das letzte Wort.

Sie sind im Schließfachraum eingesperrt", meldete der zweite Mann.

Dann hol sie raus. Wir sollten sehen, daß wir hier allmählich verschwinden, um unseren Fang ... in trockene Tücher zu bringen." Wieder ein prüfender Blick. Dann trat der Anführer näher und streckte die Hand aus.

Auf diesen Moment hatte Vashtu gewartet.

Sie warf sich herum und ging sofort zu Boden. Nur um zur anderen Seite wieder hochzuschnellen und ihre Beretta an sich zu bringen.

Der Maskierte starrte sie entgeistert an, während sie die Waffe seelenruhig auf ihn richtete.

Ich bin immer noch im Vorteil, Major", der Anführer richtete seine Waffe wieder auf sie. „Ich brauche nur zu rufen."

Warum bin ich denn wohl in Ihre stümperhafte Falle gelaufen, mh? Im Kellerraum hört man nichts." Vashtu entsicherte die Beretta. „Finger von der Waffe!"

Der Maskierte lächelte dünn. „Jason? Schieß auf sie. Sie wird es überleben, solange du keine wichtigen Organe triffst."

Vashtu warf sich herum und drückte ab.


***


Schüsse!" Babbis erstarrte. „Verdammte Scheiße!"

Ruhig." Dorn sah nun ebenfalls zur Bank hinüber, doch nur kurz. Dann richtete sich seine Aufmerksamkeit wieder auf den Lieferwagen. Doch dort rührte sich noch nichts. Aber lange würde er wohl nicht mehr warten müssen.


***


Vashtu schnellte wieder herum und kniff die Lippen aufeinander.

Der Anführer hatte Tom vom Stuhl hochgerissen und hielt ihn jetzt wie einen Schutzschild vor sich. „So nicht, Major", sagte er jetzt, drückte dem Psychologen die Waffe an den Hals. „Schön ruhig bleiben und die Waffe wegwerfen. Dann werde ich mir überlegen, was ich am besten mit Ihnen anstellen kann, um Sie vor weiteren Dummheiten zu bewahren."

Vashtus Augen wurden schmal. Sie tat einen Schritt nach vorn und fixierte sehr sorgsam ihren Gegenüber.

Tom wurde blaß, als er ihr Gesicht sah. So hatte sie noch nie ausgesehen, wirklich noch nie! Das hier war wieder eine andere Vashtu als die Versionen, die er schon von ihr gewohnt war.

Waffe weg!" befahl der Maskierte wieder. „Wollen Sie wirklich Ihren neuen Schatz töten, Major?"

Wieder dieses kühle, berechnende Lächeln. „Ich ziele nicht auf ihn." Noch ein Schritt nach vorn.

Waffe weg, aber schnell! Sonst können Sie Dr. Finnigans Kopf wieder an den Körper nähen."

Tom holte stockend Atem, wagte nicht, sich zu rühren.

Dieser eiskalte, berechnende Blick. In diesem Moment, das begriff er, hatte er einen Killer vor sich, einen kaltblütigen Killer, der nur auf seine Chance wartete.

Und dann löste sich der einzelne Schuß.

Tom konnte fühlen und hören, wie die Kugel an seinem Ohr vorbeizischte und dann, mit einem dumpfen Laut, den Geiselnehmer traf.

Tom, weg da!" Vashtus Stimme klirrte wie Eis bei diesem Befehl.

Der Anführer des Trupps gab einen röchelnden Laut von sich. Tom konnte fühlen, wie seine Muskeln sich verkrampften. Mit dem Mut der Verzweiflung warf er sich nach vorn.

Keine Bewegung!" schrie eine Stimme von der Eingangstür her.

Vashtu hob sofort die Hände. „Keine Gefahr", antwortete sie, als sei das ganze so eine Art Textspiel zwischen zwei Parteien.


***


Der Trust hat Sie immer noch überwacht, Mam", erklärte Storm der Antikerin, die auf der Stoßstange eines Polizeiwagens hockte und mit einem Becher in ihrer Hand spielte. Gedankenverloren nickte sie, sagte aber nichts.

Stümper, so hatte der Anführer der Bande ihre vormaligen Entführer genannt. Sollte das bedeuten ... ?

Vashtu seufzte.

Es mußte wohl innerhalb des Trustes eine Splittergruppe geben, die sich von den anderen abgegrenzt hatte. Zu welcher Gruppierung die erste Truppe zählte, die sie in ein im Bau befindliches Bürogebäude gebracht hatte damals, das konnte sie allerdings nicht sagen.

General Landry gab sofort die Order aus, Sie so schnell als möglich wieder ins SGC zu bringen, Major. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen?" Storm sah sie fragend an.

Vashtu zögerte, dann schüttelte sie den Kopf und stellte den Becher mit Kaffee auf die Motorhaube. „Ich habe nichts dagegen, Captain. Ehrlich gesagt, ist mir in den letzten zwei Stunden der Appetit gründlich vedorben worden."

Storm nickte verstehend, sagte aber nichts.

Vashtu starrte an ihm vorbei. Ihr Körper versteifte sich kurz, dann richtete sie sich auf und ließ den MP einfach stehen.

Storm seufzte schicksalsergeben und folgte ihr.

Tom?" fragte die Antikerin den Mann, der ihr den Rücken zugewandt hatte und das Bankgebäude mit einem Schauder betrachtete. Beim Klang seines Namens drehte er sich sich zu ihr um.

Hast du mich an den Trust verraten?" fragte sie.

Nein." Tom schüttelte den Kopf. „Und das hätte ich auch nie. Dafür schätze ich dich zu sehr, Vash."

Die Antikerin nickte. „Gut, dann ... Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich unsere Verabredung für heute streiche."

Major!" kam es in diesem Moment aus drei Kehlen gleichzeitig.

Vashtu drehte sich zu ihren Männern um und lächelte, so wie sie sonst nur ihm gegenüber tat. Tom fühlte einen Stich im Herzen.

Mam? General Landry möchte Sie so schnell wie möglich wegen des Berichtes sehen", wandte Storm ein.

Vashtu nickte, wechselte noch einen Blick mit dem Psychologen.

Wenn du dich wieder gefangen hast, bin ich gern bereit, dir zuzuhören."

Tom zuckte etwas hilfos mit den Schultern. „Wenn du meinst."

Eilige Schritte näherten sich, blieben dann abrupt kurz vor ihr stehen.

Vashtu richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Neuankömmlinge, und wieder lächelte sie. „Dorn, Peter, Wallace." Sie nickte ihrem Team aufmunternd zu. „Meine Herren, danke für die Hilfe", wandte sie sich an die drei Männer.

Dorn grinste und wandte sich ab, um endlich in sein Auto steigen und losfahren zu können.

Sollen wir Sie mitnehmen, Major?" erkundigte Storm sich.

Vashtu drehte sich wieder zu dem MP um und nickte stumm.

Vash?" ließ Tom sich endlich vernehmen.

Die Antikerin wandte den Kopf. „Ja?"

Es tut mir leid", sagte ihr neuer Bekannter.

Vashtu blickte zu den Bäumen auf, die den Parkplatz der Bank begrenzten, runzelte die Stirn. „Tom, ich denke, wir beide sollten uns einmal dringend unterhalten ... sobald ich wieder einmal ein bißchen Zeit habe", sagte sie dann endlich, drehte sich um und folgte Storm zu dessen Wagen.

Tom Finnigan schluckte hart.