27.05.2012

Klimawandel VII


Vashtu?"
Die Antikerin blieb im Gang zum Konferenzraum stehen und drehte sich um.
Sie hatte gestern noch ein wenig mit Anne Stross gesprochen, ehe sie sich zurückzog in ihr Quartier, um über das nachzudenken, was ihre Verbindung mit John Sheppard ihr an neuen Informationen gebracht hatte. Wirklich weit war sie nicht gekommen, doch sie hoffte, daß sich bald ein richtiges Bild für sie ergeben würde - irgendwann vielleicht auch eine Rückkehr.
Daß die Apollo jetzt tatsächlich in Atlantis war, bereitete ihr nicht geringe Magenschmerzen, wenn sie an das Angebot dachte, das ihr damals unterbreitet worden war. Was, wenn sie es angenommen hätte? Was, wenn sie tatsächlich als Erster Offizier unter diesem Colonel gedient hätte? John schien nicht so genau zu wissen, was er von ihm halten sollte, doch Ellis hatte wohl auch mit ihm gesprochen und ihm auch gesagt, daß sie damals abgelehnt hatte.
Vashtu, geht es Ihnen gut?" Peter Babbis' Stimme riß sie aus ihren Gedanken.
Sie blinzelte, schüttelte dann den Kopf. Später würde irgendwann einmal Zeit sein. Dann konnte sie auch immer noch entscheiden, ob sie Dorn und Peter von dem erzählen sollte, was mittlerweile geschehen war in Pegasus und in der Milchstraße.
Ein wenig gezwungen lächelte sie den jungen Wissenschaftler an, der sie besorgt musterte. „Alles in Ordnung", sagte sie, bemerkte den Hefter, den er unter dem Arm trug. „Sind das Ihre Berechnungen?" Sie staunte. „Da waren Sie aber wirklich schnell, Peter."
Der zuckte mit den Schultern, reichte ihr die Unterlagen. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Daten wirklich stimmen. Außerdem sollten sie noch mit den Aussagen abgeglichen werden", erklärte er. „Aber ich habe es mehrmals durchgerechnet, eine gewisse Drift miteinbezogen. Trotzdem ..." Er winkte ab. „Lesen Sie es selbst."
Das werde ich tun." Vashtu blätterte kurz durch den Hefter. Doch sie würde Ruhe brauchen, um diese Informationen richtig zu verarbeiten und vielleicht zu kontrollieren - sofern letzteres in ihrer Macht stand.
Spitzbart kam die Treppen hinauf. Vashtu runzelte die Stirn und fragte sich, warum der Physiker nicht die Lifte benutzte. Aber das war seine Entscheidung.
Gut, dann sollten wir jetzt hören, was Markham und Danea uns mitzuteilen haben." Etwas ungeduldig klopfte sie mit dem Hefter gegen ihre freie Hand, nickte dem Wissenschaftler mit dem gewaltigen Schnurrbart kurz grüßend zu, ehe sie sich noch einmal an ihr Teammitglied wandte: „Wir werden in den nächsten Wochen wenigstens einen Einsatz haben, Peter. Sie sollten sich darauf vorbereiten. Und wir müssen den Schild nicht abschalten, wenn Sie raus müssen. Sie können, wenn Sie sich das zutrauen, durch das große Tor fliegen. Der Schild ist dort von beiden Seiten durchlässig."
Seine Augen hinter den Brillengläsern wurden groß. „Durchlässig?"
Vashtu nickte, folgte Spitzbart jetzt in den Konferenzraum. „Von außen aber nur für bestimmte Dinge", fuhr sie fort. „Danea und ich haben das gestern überprüft. Schaffen Sie das?" Sie blieb vor den, in U-Form aufgestellten Tischen stehen und drehte sich noch einmal zu ihm um.
Peter zögerte, unsicher musterte er sie.
Vashtu nickte. „Wir legen noch eine Flugstunde vorher ein. Und Ihre zweite Lektion in antikisch müssen wir auch noch durchgehen. Sie sollten meine Sprache so schnell wie möglich lernen."
Damit ich Ihre Flüche endlich verstehe?" Peter brachte irgendwie ein leichtes Grinsen zu stande.
Das auch." Vashtu wandte sich ihrer Seite der Tische zu und ging zu ihrem Platz.
Danea und Markham erwarteten sie bereits. Der junge Erethianer wirkte etwas aufgeregt, der Lieutenant dagegen, zumindest äußerlich, recht ruhig.
Vashtu schob sich ihren Stuhl zurecht, nachdem sie den Hefter vor sich hingelegt hatte. Der freie Platz neben ihr behagte ihr wenig, aber ändern würde sie es wohl erst einmal nicht können. Zudem, das mußte sie zugeben, machte es ihr ein bißchen Spaß, einen Teil der Verantwortung zu tragen. Ob Dorn ihr auch nach seiner Rückkehr noch das eine oder andere zugestehen würde?
Ich hörte, Sie hatten gestern Schwierigkeiten auf P1V-125?" wisperte sie Markham zu.
Der nickte, wirkte etwas überrascht, dann verlegen. „Die Devi scheinen kurz vor uns dort gewesen zu sein. Aber ein Auftrieb war das nicht, eher ein Gemetzel", antwortete er leise und erschauderte.
Vashtu nickte sinnend, lehnte sich zurück und schürzte kurz die Lippen, während ihr Blick zum Tisch gegenüber glitt, an dem Spitzbart und Babbis nebeneinander saßen, offensichtlich ebenfalls in eine leise Diskussion vertieft.
Seien Sie nur vorsichtig, Mam. Da draußen scheint wirklich etwas vorzugehen", fuhr Markham fort.
Die Devi machen sich zum Schwärmen bereit", entgegnete sie. „Hoffen wir, daß sie nicht mehr an diese Stadt denken. Andererseits ..." Sie wechselte einen Blick mit dem Lieutenant und fand dort etwas, was sie stutzen ließ. „Was ist los?" zischte sie.
Anne Stross betrat, in Begleitung von Andrea Walsh, den Raum. Die Wände schlossen sich hinter den beiden Frauen.
Das werden Sie gleich hören, Mam. Und es ist nicht gut, wirklich nicht." In Markhams Gesicht stand ein Teil des Schreckens, den er wohl selbst erfahren hatte.
Vashtu musterte ihn von der Seite, nickte dann aber und setzte sich wieder auf, als Anne und Walsh sich am Kopfende niederließen.
Ich weiß, diese Unterredung ist überfällig." Die zivile Leiterin Vinetas hob entschuldigend die Hände in Daneas Richtung. „Aber es gab, wie Sie wissen, Komplikationen, mit denen wir nicht rechnen konnten."
Vashtu biß sich auf die Lippen, drehte sich dann zu dem jungen Erethianer um.
Danea schien alles andere als frustriert oder enttäuscht von seinen neuen Mitbewohnern, fiel ihr auf. Eher wirkte er gerade wie jemand, der eine positive Überraschung geheimhält und auf den richtigen Moment wartete, um sie endlich loszuwerden. Und hoffentlich war es auch so nach den ganzen Fehlschlägen, die sie jetzt schon zu verzeichnen hatten.
Lieutenant Markham, Sie und Danea Il'Eskanar waren auf dem Mond, auf dem wir zunächst gestrandet sind. Die Frage war, würde er sich als eine Übergangsfarm für uns eignen."
Markham räusperte sich vernehmlich, nickte dann. „Eindeutig ja, Mam", antwortete er. „Das Klima ist gut, wenn wir im Moment auch ... Dazu kommen wir später! Die Vegetation läßt teilweise darauf schließen, daß dieser Mond schon früher ... äh, belebt gewesen ist und eine ähnliche Nutzung erfahren hat, wie wir sie jetzt planen."
Vashtu hob überrascht die Brauen und ließ ihren untergebenen Piloten nicht mehr aus den Augen.
Das hörte sich wirklich interessant an. Es stand zu hoffen, daß sie nicht noch eine böse Überraschung erleben würden, die er bis jetzt zurückhielt.
Wir fanden einige Ruinen, schon sehr alt", fuhr Markham fort, räusperte sich wieder. „Einige wirkten ... anders. Wir sind davon überzeugt, daß sie von früheren Erethianern stammen."
Vashtu holte tief Atem.
Dann hatte es diese Zeit, von der der alte Cornyr sprach, tatsächlich gegeben. Die Erethianer waren früher eine raumfahrende Rasse gewesen, selbst wenn sie vielleicht nicht allzu weit gekommen waren.
Andere allerdings ... stammen von den Devi." Markham kniff kurz die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf, als alle Blicke direkt an ihm zu kleben schienen. „Es handelte sich wohl um einen Außenposten, der aber schon seit ewigen Zeit aufgegeben ist. Wir schätzen, daß die Devi bei ihrer Rückkehr von sonstwoher erfuhren, daß sich auch Erethianer auf dem Mond angesiedelt hatten und sie dort ... ausrotteten, um anschließend wieder hierher zurückzukehren."
Vashtu hob die Hand. „Diese Ruinen würde ich mir gern einmal ansehen. Haben Sie irgendwelche Aufnahmen gemacht?"
Markham warf ihr einen bedauernden Blick zu und schüttelte den Kopf. „Leider nicht, Mam", antwortete er, ehe er mit seinem Bericht fortfuhr: „Wir fanden noch etwas heraus. Nämlich, daß der Mond, wie wohl auch Erethia selbst, über Jahreszeiten verfügt. Er scheint allerdings schon weiter zu sein als der Planet. Dort oben ist es Herbst."
Vashtu nickte. Das hatte sie gewußt, wie wohl auch die anderen Teilnehmenden an dieser Versammlung.
Wenn wir uns dafür entscheiden, den Mond zu nutzen, sollten wir vielleicht so schnell wie möglich dorthin zurückkehren und beginnen, Felder anzulegen. Selbst wenn wir noch nichts aussähen können, könnte der Winter uns bei dem ganzen Wildwuchs dort helfen", sagte Markham, sank dann zurück in seinen Stuhl und lächelte entschuldigend. „Das war die Meinung der Erethianer."
Einhelliges Nicken.
Gut, das ist doch zumindest schon einmal eine Aussicht", sagte Anne jetzt, blätterte in ihren Unterlagen und nickte Walsh stumm zu, die daraufhin begann, die Kopien der Berichte der Expedition an die Anwesenden zu verteilen.
Dank Sergeant Williams besitzen wir jetzt auch einiges an Saatgut", fuhr Anne fort, lächelte Vashtu entschuldigend an. Doch die ließ die Worte an sich abprallen. Sie hatte auf dem Planeten der Sa'tianker gerettet, was sie hatte retten können.
Um ein bißchen mehr Auswahl zu bekommen, vielleicht sogar mögliche winterharte Sorten, sollten wir unsere Bemühungen, in Verhandlungen mit anderen Völkern zu treten, nicht aufgeben."
Wir brauchen auch Verbündete gegen die Devi, Dr. Stross", warf Vashtu ein und blickte auf. „Handel ist gut, Saatgut auch. Aber irgendwann sind sie wieder hier, davon bin ich überzeugt. Und ich würde dann nicht so gern vollkommen allein dastehen."
Anne seufzte schwer. „Da haben Sie allerdings ebenfalls recht, Major", sagte sie mit leicht belegter Stimme.
Da ist noch etwas." Markham zögerte etwas, warf Danea einen langen und forschenden Blick zu. „Es ... äh, gibt da noch eine Information, über die wir während des Angriffs nicht verfügten."
Vashtu fühlte, wie ihr Argwohn wieder erwachte. „Was für eine Information?" fragte sie.
Markham warf ihr einen flehenden Blick zu, zog dann die Schultern hoch. „Die Devi dieses Planeten waren offensichtlich damit beschäftigt, ein Raumschiff zu bauen, Major. Es soll auch schon so gut wie einsatzfähig gewesen sein."
Mit einem Ruck saß Vashtu aufrecht. „Was?" Ihre Augen wurden groß.
Markham zuckte mit den Schultern.
Ist dieses Schiff zerstört worden?" fragte Anne in ihrem Rücken.
Ich ..." Markham zuckte mit den Schultern.
Es war nach unserer Rückkehr nicht mehr hier", meldete sich jetzt Danea zu Wort. „Wir haben nachgesehen. Ich denke, es ist zerstört worden."
Vashtu atmete tief ein und zwang sich zur Ruhe. „Sie wissen, daß uns einige Devi entwischt sind mit Rochen?" fragte sie dann.
Der junge Erethianer sah interessiert in ihre Richtung und nickte. „Aber sie werden wohl nicht weit gekommen sein. Diese ... Rochen sind nicht für längere Strecken geeignet", antwortete er. „Zumindest, soweit wir es aus unseren Überlieferungen wissen."
Und wenn das Schiff nicht zerstört wurde?" warf Anne in den Raum. „Wissen Sie, worum es sich dabei handelte, Danea?"
Ein ziemlich großes Schiff. Lieutenant Markham meinte, es sei ein ... ?"
Nach den Beschreibungen könnte es sich um ein Mutterschiff gehandelt haben." Markhams Stimme klang dumpf.
Vashtu saß plötzlich stocksteif da.
Warum war ihnen das entgangen? Wie hatten sie das übersehen können? Wenn die Devi es tatsächlich geschafft hatten, mit einem Mutterschiff von hier zu entkommen, würden sie mehr als nur Ärger haben, und das wußte sie. Und vielleicht würde sich damit auch erklären, warum die Sa'tianker so schnell Antwort erhalten hatten von ihren Handelspartnern.
Wir stechen nicht nur, wir beißen", murmelte sie, sich an einen anderen Gedanken erinnernd.
Was meinen Sie, Major?" fragte jetzt plötzlich Spitzbart, der sich bis jetzt deutlich zurückgehalten hatte.
Wir müssen diese Stelle analysieren, an der das Schiff gestanden hat." Vashtu blickte auf und musterte den Physiker. „Wenn diese Mutterschiffe ähnlich aufgebaut sind wie die Städte, hätte es den Feuersturm überstehen müssen, wenn auch ausgebrannt. Wenn es verbrannt ist, müßte die Erde dort Rückstände aufweisen."
Spitzbart nickte anerkennend. „Das ist wahr, aber keine Antwort auf meine Frage. Was meinten Sie vorher, Major?"
Auch Anne sah sie jetzt interessiert an, wie sie aus den Augenwinkeln wahrnahm. Es blieb ihr wohl wirklich nichts anderes übrig als zu erklären.
Soweit wir inzwischen wissen, gibt es diversen Widerstand gegen die Devi. Auf fast jedem Planeten gibt es mindestens eine Gruppe, die gegen sie arbeitet, wenn nicht sogar die gesamte Bevölkerung", sagte sie. „Aber die Devi waren bis jetzt die fortgeschrittenste Rasse auf dieser Seite der Galaxie. Wie es auf der anderen aussieht, wissen wir noch nicht, zugegeben. Aber wir wissen, daß sämtlicher Widerstand bisher nicht allzu viel gebracht hat. Die Devi haben sich die Angreifer aus dem Pelz geschüttelt wie ein Hund die Flöhe aus seinem Fell. Die einzige Ausnahme, von der wir wissen, sind wir selbst. Wir haben sie wütend gemacht, wir haben ihre eigene Technologie gegen sie eingesetzt und sind mit einer Schöpferin und zwei Männern mit deren Erbe hier aufgetaucht. Wir stechen nicht nur, wir beißen und vernichten. Wenn die Devi auch nur im entferntesten ähnlich wie die Wraith oder die Goa'uld denken, werden sie das nicht auf sich sitzen lassen und hierher zurückkehren. Vor allem, wenn die Überlebenden es irgendwie geschafft haben, Kontakt zu anderen Völkern herzustellen, sich vielleicht sogar zu Verbündeten zu retten. So oder so, wir sitzen in der Patsche. Vielleicht können wir uns hier einigeln, dank der Höhle, auch wenn sie nicht mehr wirklich stabil zu sein scheint. Aber sie werden bestimmt nachsehen, was hier geschehen ist. Wenn sie dann die Prometheus über uns finden ..."
Spitzbart lehnte sich mit großen Augen zurück, Anne atmete tief ein.
Noch wissen wir nicht, ob die anderen Devi informiert sind, Vashtu", warf Peter ein und schüttelte den Kopf. „Sonst sind Sie doch immer so optimistisch."
Sonst habe ich auch keine sechsarmigen Hybridwesen, um die ich mir Sorgen machen muß", entgegnete sie. „Und denken Sie daran, wie schnell die Devi auf P1V-112 auftauchten, Peter. Selbst wenn sie es noch nicht wissen, sie ahnen es. Irgendetwas geht in diesem Teil der Galaxie vor, und ich möchte wetten, es braut sich etwas gegen uns zusammen. Und genau darum brauchen wir Verbündete, vielleicht sogar einen Alpha-Stützpunkt, wohin wir evakuieren können, sollte es zum schlimmsten kommen."
Sie halten diese Gefahr für sehr akut, Major", wandte Anne ein. „Bis jetzt wissen wir noch nicht wirklich, ob die Devi zurückkommen werden."
Die Devi werden kommen, sie kommen immer." Vashtu fixierte die Leiterin mit toternstem Blick. „Und im Moment können wir auch nicht mit irgendeiner Hilfe aus bekannten Teilen des Universums rechnen, selbst wenn die Erde oder Atlantis wissen würden, wo wir uns befinden. Beide sind momentan ... sagen wir, etwas eingespannt mit eigenen Problemen."
Woher wollen Sie das denn wissen?" brauste Peter auf. „Wir wissen doch nicht einmal, in welcher Dimension wir uns befinden!"
Ich weiß es! Wir sind in unserer Zeit und Dimension, Peter. Die Ori halten die Erde im festen Griff und Atlantis bereitet sich auf einen Angriff der Replikatoren vor. Und zumindest letztere suchen nach uns, weil sie wissen, daß wir noch leben. Auf der Erde dagegen gilt SG-27 als im Krieg gefallen." Ihre Stimme klang hart bei diesen Worten, in ihren Augen blitzte es auf. „Vergessen Sie nicht, wer ich bin, Peter. Ich habe Möglichkeiten, über die Sie nicht verfügen."
Wenn Atlantis nach uns sucht, dann können sie uns auch Hilfe schicken!" wetterte Peter los. „Oder, noch besser, sie aktivieren ihr Tor und wir hauen hier ab, wenn es brenzlig wird."
Haben Sie nicht verstanden? Die Replikatoren der Pegasus-Galaxie bereiten einen Angriff auf die Stadt vor! Und selbst wenn Atlantis mehr als ein ZPM hätte, zweifle ich wirklich, ob sie bis hierher einwählen könnten! Wir sind auf uns allein gestellt, Peter, ob Sie es nun glauben oder nicht. Wir können hier nicht weg, es sei denn, Ihnen ist ein Weg eingefallen, wie wir uns mit Pendergast einigen und den Hyperraumantrieb der Prometheus reparieren können. Erinnern Sie sich noch an Ihre Worte? Er gehört auf den Schrottplatz, das haben Sie zu mir gesagt! Und ich kann Ihnen da nur recht geben."
Die Prometheus ist keine Option. Die Devi könnten das Schiff orten und uns verfolgen. Und dann hätten wir genau das Chaos, das Sie verhindern wollten", entgegnete er hitzig. „Wenn Sie, wie auch immer, an diese Informationen gelangt sind, dann geben Sie McKay einen Tip, verdammt!"
Und wie, wenn ich selbst unsere Position nicht kenne?"
Sie waren auf Antarktica, nicht ich!"
Dort waren nur die Daten und Baupläne gespeichert, nicht einmal alles und vieles vom Zahn der Zeit oder der gewaltigen Entfernung zerstört. Ich haben nirgends die Eintragung gefunden, die wir brauchen. Ich weiß nicht einmal, in welcher Galaxie wir uns befinden."
Dann müssen wir es herausfinden!"
Viel Glück, Peter! Ich habe es versucht, aber nichts gefunden."
Sie sagten, die Verbindung zur Erde fand über Atlantis statt. Dann muß die Adresse in den Speichern sein."
Wenn sie nicht in irgendeiner Datei steckt, die nur über einen Steuerkristall zu öffnen ist. McKay hat soviele Daten aus den Speichern gezogen, wie er nur konnte. Und ich habe stets davor gewarnt, achtstellige Adressen herauszufiltern!"
Ein Fehler, wie wir jetzt sehen."
Ja, ein Fehler, das gebe ich zu. Aber John läßt McKay suchen. Vielleicht finden sie irgendwann einmal etwas, wer weiß?"
Und wenn wir selbst versuchen, herauszuwählen?" wandte Spitzbart plötzlich ein.
Vashtu sank seufzend gegen die Rückenlehne. „Dazu brauchen wir mehr Energie und die Möglichkeit, ein achtes Chevron zu fixieren. Außerdem habe ich die Adresse von Atlantis nicht. Möglich, daß wir sie irgendwo in den verdammten Speichern finden. Aber Sie wissen selbst, wieviele Daten im Hauptrechner stecken. Außerdem ..." Sie zögerte einen Moment, atmete dann tief ein. „Die Verbindung von Vineta nach Atlantis fand über eine GateBridge statt. Üblicherweise wählte der Rat von dort aus ein. Suchte Vineta nach Kontakt, mußten sie aber die Torbrücke nutzen."
Dann sollten wir sie suchen. Irgendwo muß sie doch noch sein."
Vashtu schüttelte den Kopf. „Sie wurde vor zehntausend Jahren von den Wraith zerstört, Dr. Spitzbart", antwortete sie wie auf eine Frage.
Wollt ihr jetzt etwa wieder gehen?" mischte Danea sich unversehens in diesen Dispens.
Vashtu seufzte wieder, schüttelte dann den Kopf. „Nein, wollen wir nicht. Aber es wäre beruhigend, wenn wir einen Funkspruch absetzen und auf Hilfe hoffen könnten, Danea. Unsere Waffen werden nicht für immer halten, von der Munition gar nicht zu sprechen." Unter ihren Ponyfransen sah sie auf und lächelte entschuldigend. „Wir lassen euch nicht hängen, glaube mir."
Wir können hier im Moment nicht weg. Ob Atlantis nun nach uns sucht oder nicht, ehe sie nicht die Adresse gefunden haben, werden wir hier nicht fortkommen. Und selbst dann ..." Anne sah sie auffordernd an.
Vashtu nickte. „Ich gehe hier nicht weg, ehe nicht der letzte Devi vernichtet ist." Ihre Kiefer mahlten und sie überkreuzte die Arme, während sie vor sich hinbrütete.
Gut." Danea sah sie zweifelnd an, zuckte dann mit den Schultern. „Denn ich habe noch etwas auf dem Mond gefunden. Und das könnte uns vielleicht helfen."
Als sie aufblickte, lächelte er sie an, griff dann nach der Tasche, die schon die ganze Zeit über seiner Stuhllehne hing, legte diese vorsichtig vor sich auf den Tisch und öffnete sie.
Markham beugte sich interessiert vor. Vashtu runzelte die Stirn und wartete.
Plötzlich schien der Raum von erwartungsvoller Stille erfüllt, wo sie gerade noch gestritten hatten. Eine eigenartige Atmosphäre, die so plötzlich umschwingen konnte.
Vashtu biß sich auf die Lippen, während sie beobachtete, wie konzentriert Danea begann, etwas aus der einfachen Stofftasche zu holen, dabei sehr vorsichtig vorging.
Was ist das?" ließ Peter sich vernehmen.
Vashtu sah sich jetzt doch genötigt, sich vorzubeugen, reckte den Hals und blinzelte dann überrascht. „Blätter?"
Danea lächelte sie an, dann hob er eines der Blätter an. An der Unterseite klebte etwas, das wie ...
Ich habe Irion-Spinnen gefunden", sagte er, nicht ohne Stolz in seiner Stimme. „Sie stellen die Seide her, mit der mein Volk früher Handel getrieben hat."
Seide?" fragte Anne hinter der Antikerin verständnislos.
Vashtu nickte. „Diese Seide scheint sehr begehrt zu sein in dieser Galaxie", antwortete sie für Danea, der damit beschäftigt war, das kleine achtbeinige Wesen, das auf der Unterseite des Blattes saß, etwas von seiner seidigen Umhüllung zu befreien, damit sie alle es sehen und bestaunen konnten.
Auf dem Mond gibt es viele von ihnen", erklärte er. „In der Nähe der Ruinen der Dämonen. Wenn wir schnell sind und noch vor dem Winter zurückkehren, könnten wir eine Zucht aufbauen und hätten in wenigen Wochen schon die erste Seide. Wir brauchen nur ein ausgewachsenes Exemplar."
Vashtu sah, daß Markham etwas zurückwich, als die winzige Spinne sich an einem Faden von dem Blatt löste und über den Tisch kroch, direkt auf ihn zu. Geschickt fing Danea sie wieder ein und lächelte, als er aufblickte.
Wir könnten den Seidenhandel also wieder aufnehmen", sagte Vashtu nachdenklich. „Habt ihr das besprochen, Danea? Ich möchte keinen Ärger mit den Ältesten."
Es ist alles geklärt, Major Uruhk. Wir leben hier zusammen und ihr tut auch viel für uns. Es ist nur fair, wenn wir gemeinsam den Handel wieder aufnehmen. Wir brauchen nur Farbstoff. Und für den ... habe ich die Tor-Adresse, von der wir gestern sprachen."
Eine Adresse?" ließ Anne sich nun vernehmen.
Danea blickte lächelnd auf und nickte. „Die Banthilner waren früher Handelspartner von uns und lieferten uns die Farbstoffe für die Seide. Als wir den Handel einstellten, kamen auch ihre Schiffe nicht mehr. Aber sie hinterließen uns eine Tor-Adresse, damit wir mit ihnen in Kontakt treten konnten, sollten wir jemals wieder Seide herstellen."
Vashtu musterte die kleine, farblose Spinne, die über die Hand des Erethianers krabbelte, skeptisch. Sie sah anders aus als die, die sie aus der Milchstraße kannte. Und möglicherweise ...
Sie begann, an ihrer Unterlippe zu nagen und lehnte sich wieder zurück. „Damit hätten wir ein Handelsgut, das sogar begehrt zu sein scheint. Wir hätten endlich eine echte Verhandlungsbasis." Noch immer ging ihr diese Spinne nicht aus dem Kopf. Die Art, wie sie, so schnell wie möglich, in Richtung Markham gekrabbelt war. Und hatte Danea nicht gerade ...
Ein ausgewachsenes Exemplar?" fragte sie und nickte zu seiner Hand. „Soll das heißen, die ist noch ein Kind?"
Eine ausgewachsene Irion-Spinne ist ungefähr so groß wie eure Laptops", antwortete er. „Sie sind gefährlich, aber sehr fruchtbar. In einem Wurf kann sie tausende von Spinnen zur Welt bringen. Genug, um daraus mehr als genug Seide herzustellen."
Gefährlich?" fragte Anne in ihrem Rücken.
Irgendetwas sagte Vashtu, sie sollte dieses kleine Wundertier ja nicht aus den Augen lassen. Das war merkwürdig, denn ansonsten hatte sie keine Angst vor Insekten, vor Spinnen erst recht nicht. Litt sie unter Halluzinationen wegen der Herkunft der Devi? Würde sie demnächst auch noch eine Panikattacke erleiden, stolperte sie auf irgendeinem Planeten über Termiten?
Ihr Gift lähmt und sie klammern sich fest und versuchen, in den Körper zu kommen. Sie mögen das Draußen nicht sonderlich. Darum spinnen die Kleinen sich ja auch ein. Sie sind noch zu schwach, um im Inneren von irgendeinem Lebewesen zu überleben. Dazu müssen sie erst größer werden." Danea sonnte sich offensichtlich darin, einmal mehr zu wissen als der Rest dieser Versammlung.
Vashtu riß sich endlich von der Spinne los und drehte den Kopf. Fragend sah sie die zivile Leiterin an, nickte dann kaum merklich.
Anne lächelte zur Antwort. „Das klingt doch vielversprechend", sagte sie.

TBC ...

29.04.2012

Klimawandel VI


Es war später Abend geworden, als Anne endlich aus ihrem Büro herauskam. Im Kontrollraum tat ein Techniker Dienst, aber eher, um eine mögliche Einwahl von außen zu kontrollieren als irgendetwas anderes zu tun. Etwas überrascht war sie allerdings, als sie auch einen sich träge bewegenden Schatten im Gateroom selbst ausmachen konnte. Ein Marine schien offensichtlich neuerdings auch zur Nachtschicht zu gehören - zumindest seit die Antikerin die Leitung von Dorn übernommen hatte. Ein überraschender, aber auch beruhigender Zug an ihr.
Anne nickte dem Techniker zu und wollte den Kontrollraum gerade verlassen, als sie auf einen weiteren Schatten aufmerksam wurde, der sich draußen auf dem Balkon befand. Die Wissenschaftlerin stockte mitten im Schritt und beobachtete die inzwischen recht vertraut wirkenden Bewegungen. Es war Vashtu Uruhk. Aber was tat sie da draußen?
Kurzentschlossen trat Anne an die Tür und dann auf den Balkon nach draußen.
Das leichte, bläuliche Schimmern des Schildes, der sich über Nacht zurückzudimmen schien, wirkte beruhigend und hatte irgendetwas von einem Nachthimmel auf der Erde, wenn sie auch nicht sagen konnte was.
Leise trat Anne um die Kurve, blieb dann stehen.
Die Antikerin blickte zur Höhlendecke hinauf, wie sie es schon des öfteren getan hatte. Das sanfte Glühen des Schildes zeichnete die Konturen ihres Gesichtes nach und ließ das Weiß ihrer Augen sanft leuchten. Sie schien voll konzentriert auf etwas zu lauschen, schüttelte dann plötzlich den Kopf.
Schön, wenn McKay denkt, er hätte vielleicht die Adresse gefunden. Er soll trotzdem seine Finger davon lassen", wisperte sie in die Luft als spräche sie mit sich selbst. Und - Anne sah sich um, entdeckte aber außer sich niemanden - war sie das nicht auch?
John, ihr bleibt, wo ihr seid, hast du verstanden? Ich komme hier auch allein klar. Es wird gehen", wisperte die Antikerin eindringlich.
Anne hatte plötzlich das Gefühl, als sei sie eine ungeliebte Zeugin bei einem sehr privaten Gespräch, selbst wenn es für sie eher ein Monolog war.
Was war mit der Antikerin los? Waren das noch Nachwirkungen der Drogen? Oder hatte sie den Verstand verloren?
Anne wußte nicht so recht, was sie jetzt tun sollte, blieb einfach stehen und beobachtete und lauschte, während sie immer deutlicher fühlte, daß sie hier Zeuge von etwas wurde, das es sonst nicht mehr gab.
Ich weiß, ich vermisse dich auch", flüsterte Vashtu leise mit bebender Stimme. „Aber ... Nein, es kann nicht die Adresse sein. Ich bin in einer anderen Galaxis, John, schon vergessen? Es müssen acht Symbole sein, nicht sieben. Weiß sonstwer, wo Rodney diesen Einfall her hat." Sie schien zu lauschen, richtete sich dann langsam auf. „Ja, das ist mir klar geworden, als ich nachrechnete. Aber ich hoffe, ich kann das Problem irgendwann lösen ... Nein, es sollte besser noch niemand wissen, John ... Es ist ziemlich viel hier passiert, ich erzähle es dir irgendwann, aber dazu sollten wir das jetzt nicht nutzen, es ... Hör mir zu, Colonel! Hör mir einmal zu! ... Ja, das weiß ich, aber daran werden wir nichts ändern können ... Was heißt, die Apollo ist in Atlantis? ... Ellis hat ... ? ... Ja, ich erinnere mich. Schön, daß er es auch tut. Ich ... John? John?" Unvermittelt schloß Vashtu den Mund, ihre Schultern sanken mutlos herab. Noch immer starrte sie zu einem bestimmten Punkt an der Höhlendecke hinauf, dann aber ließ sie den Kopf sinken, ihre Schultern hoben sich wieder, aber höher als normal.
Anne biß sich auf die Lippen.
Was sie da gerade belauscht hatte, hatte etwas von einem sehr privaten Telefongespräch gehabt. Aber irgendwie ... Wo sollte denn hier ein Telefon sein? Und welcher John? Wer war Ellis? Und hatte die Antikerin nicht auch den Namen McKay erwähnt?
Vashtu?" fragte sie leise, allen Mut zusammennehmend, den sie irgendwie aufbringen konnte.
Die zuckte sichtlich zusammen, ihre Schultern schienen sich noch etwas zu heben, sanken dann langsam wieder herab. „Anne", sagte sie. Ihre Stimme klang belegt.
Ich ... Es sollte nicht ... Es tut mir leid." Anne trat zögernd näher.
Vashtu drehte sich unvermittelt zu ihr um und sah sie an. Ihr Gesicht lag nun im Schatten des Gebäudes, doch das Weiß ihrer Augen glitzerte immer noch im wenigen Licht, das von drinnen zu ihnen hinaus schimmerte.
Sie haben es gehört", stellte die Antikerin fest. Keine Frage, nein, sie stellte es wirklich fest.
Ich dachte, Sie hätten hier irgendetwas ..." Anne schloß den Mund, lehnte sich jetzt ihrerseits gegen das Geländer und blickte auf die Stadt hinunter.
Wir sind in meiner Dimension. Ich weiß es schon länger", sagte Vashtu an ihrer Seite, nahm jetzt auch wieder ihre vormalige Position ein.
Anne nickte. „Das dachte ich mir bereits. Sie schienen eigentlich immer recht sicher zu sein, was das angeht."
Vashtu atmete tief ein. „Was Sie da gerade gehört haben ist ... Es besteht ein Band zwischen mir und jemanden in Atlantis. Eine Art geistiges Band. Eigentlich müßte ich nicht sprechen, wenn ich in ... Kontakt mit ihm trete, aber es fällt mir dann leichter, mich zu konzentrieren."
Lt. Colonel Sheppard, ich weiß. Wir redeten einmal darüber." Ein entschuldigendes Lächeln erschien auf Annes Lippen als sie jetzt aufsah.
Vashtu nickte ernst. „Es geht nicht oft, aber ab und an. Dann scheinen wir Pegasus näher zu sein als sonst. Dann können wir ... kommunizieren, wenn auch nie für lange", fuhr sie fort.
Er sucht nach Ihnen. Das ist ein sehr großer Liebesbeweis."
Vashtu stützte die Unterarme auf das Geländer und faltete die Hände. „Wir sind auf der Erde für tot erklärt worden", sagte sie nach einer kleinen Weile. „Er ... John war mein Erbe. Ich habe ja keine Angehörigen mehr. Also erhielt er einen Brief vom Ministerium. Ich habe sogar einen Orden bekommen." Bei dem letzten Satz klang ihre Stimme sarkastisch.
Sie haben die Milchstraße gerettet, so wie Sergeant Dorn das erzählte. Sie haben ein Supergate zerstört", entgegnete Anne.
Vashtu nickte nachdenklich, hob den Kopf wieder Richtung Höhlendecke. „Was Peter da angestellt hat ..."
Lassen Sie es gut sein, Vashtu. Die Sache ist geklärt. Ich hoffe nur, Sie halten nicht noch mehr zurück, was letztendlich gefährlich für uns werden würde", fiel Anne ihr ins Wort.
Die Antikerin an ihrer Seite seufzte schwer. „Nicht wirklich", sagte sie nach einer Weile.
Anne nickte nachdenklich. „Dieses Band ... kann es uns vielleicht etwas nutzen? Können wir irgendwie unseren Standort auf diese Weise ermitteln?"
Vashtu schüttelte den Kopf. „Nein, nichts", antwortete sie. „Es ist eher ... es sind Gefühle und Gedanken, die nicht von mir kommen. Manchmal ist es so stark, daß ... Manchmal ist es, als würde John neben mir stehen in diesen Nächten. Deshalb möchte ich dann lieber allein sein."
Anne kniff kurz die Lippen aufeinander, richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Stadt unter ihnen beiden. „Würden Sie zurück wollen?" fragte sie nach einer Weile. „Sie haben einen Partner, sind verliebt. Sie arbeiten für das SGC, haben sicher einige Freunde im Cheyenne-Mountain."
Ich weiß es nicht", antwortete Vashtu zögernd und schüttelte den Kopf. „Zu John würde ich sicher wollen, wenn ich könnte. Aber ... Wir beide sind uns zu ähnlich, wir sind zu starke Persönlichkeiten. Lange würden wir es wahrscheinlich nicht miteinander aushalten. Und was das SGC angeht ... Cheyenne-Mountain gab es schon, ehe ich in Atlantis aufwachte. Ich denke, man kommt dort auch ganz gut ohne mich zurecht. Zur Erde allerdings ... Ja, zumindest für ein paar Tage um ... einige Dinge zu erledigen. Unangenehme Dinge."
Ihr viertes Mitglied." Anne hob den Kopf wieder und blickte sie von der Seite an. Sie sah, wie die Antikerin die Lippen aufeinanderkniff, dann aber nickte.
Wallace hatte eine Familie, eine gute Familie, wenn Sie mich fragen", antwortete sie. „Sie hätten eine Erklärung verdient." Jetzt drehte auch sie den Kopf. „Und Sie? Würden Sie 'meine' Erde besuchen wollen? Dort ein neues Leben aufbauen?"
Anne lächelte. „Vielleicht, ich weiß es nicht. Ich weiß ja nicht einmal, ob es dort eine Anne Stross gibt oder gegeben hat", antwortete sie. „Wir stehen hier am Anfang, und diese Stadt ist faszinierend und beängstigend zugleich. Wenn ich den Räten vorsprechen könnte ..."
Den Räten?" Vashtu sah sie wieder an, fragend dieses Mal. „Meinen Sie das IOA?"
Diese Internationale Gemeinschaft, von der Sie gesprochen haben?" Anne schüttelte den Kopf. „Das ist in meiner Dimension anders. Ich denke, es würde eine ziemliche Umgewöhnung sein. Und ich weiß nicht, ob ich Vineta aufgeben möchte."
Vashtu nickte nachdenklich, ließ jetzt ihren Blick ebenfalls über die Stadt wandern. „Ich kann verstehen, was Sie sagen wollen", sagte sie nach einer kleinen Weile.
Sie wollten doch erst gar nicht hierher." Anne lächelte, richtete sich wieder auf und drehte sich zum Zentralturm um. Sie steckte die Hände in ihre Hosentaschen. Dann gab sie einen überraschten Laut von sich, bis ihr etwas einfiel und sie den kleinen Gegenstand aus der Tasche zog.
Was ist?" Die Antikerin hatte sich sofort aufgerichtet bei ihrem Ausruf.
Anne lächelte und hielt hoch, was Markham ihr von einem seiner Flüge mitgebracht hatte. „Die hat der Lieutenant gefunden", sagte sie und hielt das kleine Schmuckstück Vashtu hin.
Die schien kurz zu stutzen, sich dann zu konzentrieren. Ein feiner, indirekter Lichtstrahl begann sie beide zu umfloren, umspielte schließlich den ganzen Balkon.
Anne war verblüfft. „Das ist wie in ..."
Atlantis?" beendete die Antikerin den Satz, grinste und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Schmuck. „Eine Brosche. Hat wohl jemand verloren, oder?"
Keine Ahnung. Auf P1V-125 hat Sullivans Team nur Tote gefunden. Die Devi scheinen kurz vor uns da gewesen zu sein", antwortete Anne mit einer leisen Trauer in der Stimme.
Wir kommen ihnen näher." Vashtu griff nach dem Schmuck und betrachtete ihn sorgsam, während sie ihn in ihren Händen drehte. „Ein schönes Schmuckstück. Markham hält viel von Ihnen." Sie gab die Brosche zurück.
Anne lächelte bitter. „Jetzt, wo Elizabeth tot ist ..." Sie schloß den Mund.
Vashtu nickte mitfühlend. „Ich verstehe. Markham war wohl auch in Atlantis ziemlich einsam."
Anne nickte und fühlte noch immer diesen Kloß in ihrem Hals. Mühsam schluckte sie ihn herunter, steckte die Brosche wieder ein und blickte auf. „Jede von uns scheint ihr Päckchen zu tragen haben, oder?"
Die Antikerin nickte mit niedergeschlagenen Lidern. „Aber irgendwie schaffen wir das schon", fügte sie hinzu.
Anne lehnte sich wieder mit dem Rücken gegen das Geländer und musterte das Metall des Turms, das matt im indirekten Licht schimmerte. „Mir ist bei der Auflistung der Außenwelteinsätze aufgefallen, daß Sie zwar fliegen, aber nicht selbst hinaus gehen mit Ihrem Team."
Vashtu seufzte. „Danea fragte mich heute das gleiche. Und Ihnen gebe ich die gleiche Antwort. Ich habe noch keinen vierten Mann."
Dann gehen Sie zu Dritt. Das letzte Mal hat es ja auch geklappt. Nur sollten Sie sich nicht darauf versteifen, Vashtu", entgegnete Anne. „Wenn Sie hinaus wollen, dann gehen Sie. Aber wenn ein vierter Mann auftaucht, dann sollten Sie ihm auch eine Chance geben."
Ein überraschter Blick traf sie, dann begann Vashtu zu lächeln. „Danke."
Anne nickte nur stumm.

TBC ...

23.04.2012

Klimawandel V


Vashtu bremste das Board geschickt ab und sprang von dem umgebauten Brett herunter. Es mit einem Fuß hochkickend, klemmte sie sich ihr selbstgebasteltes Skateboard unter den Arm und trat näher an das große Tor von Vineta heran. Dort lehnte sie das umgebaute Brett gegen den Schutzschild und grinste. Dann aber wurde sie wieder ernst, als sie sich den beiden gewaltigen Bögen zuwandte.
Der Schild hier flimmerte und schien ihr nicht ganz so undurchlässig wie in Rest der Stadt. Und genau das war es, was Anne Stross Sorgen bereitete.
Aufmerksam musterte sie die beiden hohen Säulen, die sich gen Höhlendecke wölbten, trat langsam näher an den ersten Bogen heran und betrachtete ihn von oben bis unten.
Das Tor war riesig, und sie hatte sich schon von Anfang an gewundert, warum es so gewaltig zu sein schien. Jetzt kam ihr allmählich ein gewisser Verdacht, mußte sie sich eingestehen. Es mußte doch einen Grund für diese überdimensionalen Ausmaße geben. Ihr Volk hatte nichts gebaut, das nicht irgendeinen Sinn ergab.
Major Uruhk!"
Vashtu, die gerade die Hand ausgestreckt hatte, um das Metall der einen Torhälfte zu berühren, zuckte zurück und drehte sich um.
Danea kam die Straße heruntergelaufen, ein Lächeln auf dem offenen Gesicht.
Vashtu nickte dem jungen Erethianer zu, richtete ihre Aufmerksamkeit dann wieder dem Bogen zu, besser der hohen Säule und legte ihre flache Hand auf das Metall. Sie meinte, ein feines Vibrieren wahrnehmen zu können. Das würde bedeuten, das Tor wurde mit Energie versorgt.
Ich dachte, ich würde Sie gar nicht mehr treffen." Danea war bei ihr angekommen.
Vashtu runzelte die Stirn. „Wieso?" Sie drehte sich um und musterte den Erethianer aufmerksam. „Ich bin im Moment beschäftigt, aber ein bißchen Zeit habe ich immer. Gibt es etwas bestimmtes?" Sie hob die Brauen.
Ich ..." Danea senkte etwas verschämt den Blick und zuckte mit den Schultern, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Naja, ich dachte ... Ich habe gehört, daß in den nächsten Tagen viele, die sich den Sternentor-Teams angeschlossen haben, auch hindurchgehen werden. Da wollte ich fragen, ob ... ?" Er blickte etwas verschämt auf.
Vashtu begriff und stutzte. „Sie dachten, ich wolle sie nicht mehr dabei haben? Das ist doch lächerlich!" Sie winkte ab. „Ich will Sie in meinem Team. Nur, äh, gibt es da kleine Schwierigkeiten, was die Größe des Teams angeht." Jetzt war sie es, die entschuldigend lächelte.
Weil wir nur drei sind?" fragte der Erethianer erstaunt.
Vashtu nickte. „Ich habe noch keinen vierten Mann gefunden, der mir zusagen würde. Und aus genau diesem Grund ... werden wir wohl noch etwas warten müssen, bis wir wieder rausgehen."
  Danea nickte nachdenklich. „Das ist schade", gab er dann zu.
Vashtu blinzelte verständnislos. „Wie bitte?" Hatte er vergessen, was das letzte Mal passiert war, nachdem sie durch das Tor geflogen waren? Es hätte nicht viel gefehlt und sie wären irgendwelchen Devi ausgeliefert worden.
Es war abenteuerlich und spannend. Ich würde das gern wiederholen. Naja, nicht alles."
Sie nickte, sah sich einen Moment lang wieder das Flimmern an, drehte sich dann zu ihm um und musterte ihn. „Ich werde mit Dr. Stross sprechen, ob sie uns noch eine Chance gibt, auch wenn wir nur drei sind. Einverstanden?"
Danea nickte. „Und die Versammlung?"
Vashtu dachte einen Moment lang nach. „Die findet morgen statt, wenn ich mich nicht irre."
Darum geht es. Ich würde gern durch das Tor und ... nach der Versammlung, mit einigen Leuten Kontakt aufnehmen. Ich habe da eine Adresse, so nennt ihr das doch."
Vashtu stutzte wieder. Woher sollte ein Erethianer eine Gate-Adresse haben? Das Volk hatte doch, nach eigener Aussage, nie das Sternentor benutzt, es gar nicht benutzen können, da es zu diesem Zeitpunkt nicht mit Energie versorgt wurde.
Sie haben eine Adresse?" wiederholte sie.
Danea nickte. „Nabuck hat sie mir gegeben. Sie stammt von einem Volk, mit dem wir früher zusammengearbeitet haben. Normalerweise kamen sie mit Schiffen, aber dann ... Das werden Sie morgen erfahren."
Vashtu nickte mit scheelem Blick.
Irgendwie beschlich sie gerade das Gefühl, daß hier irgendetwas nicht so ganz stimmte. Aber gut, es sollte ihr recht sein. Wenn Danea Gefallen an Torreisen gefunden hatte, konnte ihr das nur nützen, wenn sie ihn weiter in ihrem Team behalten wollte.
Was tun Sie hier?" erkundigte er sich, betrachtete jetzt selbst das eigenartige Flimmern zwischen den gewaltigen Torsäulen.
Gute Frage ..." Vashtu stemmte die Hände in die Hüften und blickte wieder auf. „Ich will herausfinden, warum der Schild ausgerechnet hier flackert."
Der Erethianer nickte sinnend. „Wissen Sie vielleicht, wann Sergeant Dorn wieder aus der Krankenstation entlassen wird."
Ein Grinsen erschien auf Vashtus Gesicht. „Das wird wohl noch eine Weile dauern. Er lernt, mit einer Prothese für sein Bein zu laufen." Sie konnte sich denken, worum die Frage ging. Die Kinder der Erethianer schienen einen Narren an dem Marine gefressen zu haben. Wußte wer wollte, was er ihnen immer erzählte, aber offensichtlich gefielen die Geschichten ihnen.
Die Gute-Nacht-Geschichte fehlt wohl, was?" fragte sie im scherzhaften Tonfall.
Die Kinder weigern sich, ins Bett zu gehen, wenn der Sergeant ihnen nichts erzählt", erklärte Danea mit resignierter Stimme.
Vashtu nickte sinnend. Dann kam ihr ein Einfall. Sie drehte sich zu dem Erethianer um und sah ihn auffordernd an. „Wie steht's? Sie helfen mir und ich komme vorbei und erzähle eine Geschichte?"
  Danea sah sie groß an. „Das würden Sie tun?"
Vashtu winkte ab. „Klar, warum denn nicht?" Sie zuckte mit den Schultern. „Und wie sieht es aus? Haben Sie gerade Zeit?"
Danea nickte eifrig. „Natürlich. Das wird die Kinder freuen, wenn Sie vorbeikommen, Major."
Schön." Vashtu trat an den zweiten Bogen und betrachtete jetzt diesen. Dabei fiel ihr eine kleine Schaltung auf, die ihr bisher offensichtlich immer entgangen war. Sie drückte darauf und eine Klappe fuhr ein.
Vashtu stutzte, beugte sich dann vor und betrachtete das leuchtende Feld im Inneren genau. „Interessant ..." Sie legte ihre Hand auf die Fläche. Ein Summen erklang, dann erlosch das Feld.
  Und jetzt?
Vashtu hob den Blick wieder zum Tor, doch das Flimmern war geblieben.
Gut, daran lag es nicht ... mh."
Danea war direkt vor das blaue Flimmern getreten, streckte jetzt die Hand aus. Diese und auch sein Arm ... glitten durch das Licht hindurch.
Vashtu erstarrte, holte dann tief Atem und trat näher, als der Erethianer Arm und Hand wieder zurückzog und aufmerksam musterte.
Irgendetwas gespürt?" fragte sie.
Danea schüttelte den Kopf. „Wissen Sie jetzt, warum es flimmert?"
Ich habe einen Verdacht." Ein Lächeln schlich sich wieder auf ihre Lippen. „Gehen Sie doch bitte einmal ganz hindurch."
Der Erethianer warf ihr einen Blick zu, zuckte dann aber mit den Schultern und trat ... durch das Tor nach draußen.
Vashtus Augen leuchteten auf. Sie nickte befriedigt. „Können Sie auch wieder zurück?" fragte sie, trat selbst einen Schritt beiseite.
Danea tat wie ihm geheißen und befand sich wieder innerhalb des Kraftfeldes.
Ein Durchlaß!" Vashtu grinste breit. „Damit dürfte dann auch die Größe erklärt sein. Selbst ein Puddlejumper paßt durch dieses Tor. Wir müssen den Schild nicht abschalten, wenn jemand aus der Höhle hinaus will."
Ist das gut?" erkundigte Danea sich.
Kommt drauf an." Vashtu trat an den Rand der Straße und hob einen Stein auf. „Treten Sie bitte noch einmal durch das Tor nach draußen. Ich werfe Ihnen den Stein zu und Sie versuchen ihn zurückzuwerfen."
Danea tat, wie sie ihn geheißen hatte.
Vashtu wog nachdenklich den Stein, offenbar hatte er sich irgendwann aus der zerschundenen Höhlendecke gelöst, in der Hand, warf ihn dann locker durch das Flimmern. Der Erethianer auf der anderen Seite fing ihn geschickt auf und warf ihn zurück. Doch dieses Mal prallte er an dem Flimmern ab. Danea sah überrascht aus.
Vashtu grinste befriedigt. „Sehr schön. Der Durchlaß funktioniert mit bestimmten Dingen offenbar nur einseitig. Wäre interessant herauszufinden, was er nicht durchläßt."
Danea trat wieder durch das Tor und sah sie forschend an. „Sie sind zufrieden mit dem Ergebnis."
  Vashtu nickte, fummelte ihr Funkgerät aus dem Ohr und reichte es ihm. „Falls etwas schiefgeht, melden Sie es bitte sofort an Miss Walsh. Die soll kurz den Schild abschalten, so schnell wie möglich."
Aber ..."
Vashtu hörte schon nicht mehr zu, sondern sprang mit Schwung durch das Flimmern in die Höhle hinaus. Dann drehte sie sich um und hob die Hände. „Ganz einfach." Sie lachte, wurde dann aber wieder ernst und trat zurück.
Der Schild ließ sie durch.
Sie atmete hörbar aus, drehte sich wieder um und musterte wieder das Tor. „Wäre interessant herauszufinden, was nicht durch kann außer Steinen."
Ist das gut?" erkundigte Danea sich etwas naiv.
Die Antikerin nickte. „Das bedeutet, ich kann die Stadt auf diesem Wege verlassen, sollte etwas passieren und wir müssen hier verschwinden." Ihr fiel etwas ein. „Dr. Babbis würde übrigens gern mit jemandem von Ihrem Volk wegen dem Wetter sprechen."
Das ist kein Problem. So viel Regen hatten wir noch nie."
Kann ich mir denken." Vashtu nahm ihr Funkgerät wieder entgegen und befestigte es erneut an ihrem Ohr, um es zu aktivieren. „Doc?" fragte sie.
Major, hatte ich mich nicht klar und deutlich zur Benutzung Ihres Skateboards geäußert?" wetterte es prompt zurück.
Vashtu runzelte die Stirn. Sie war doch vorsichtig gewesen und hatte das Board in den bewohnten Teilen der Stadt unter dem Arm getragen statt zu fahren. Woher wußte Anne denn jetzt wieder, daß sie es mitgenommen hatte?
Jaja, ich weiß. Aber dieses Mal war ich sehr vorsichtig."
Es macht Lärm, Major! Man kann es durch die ganze Höhle hören, wenn Sie fahren."
Okay, daran hatte sie jetzt nicht gedacht.
Vashtu warf den Metallrollen, die sie unter das einfache Brett geschraubt hatte, einen Blick zu. Vielleicht fand sie irgendwo noch etwas, womit sie den Krach etwas abdämpfen konnte. Wäre doch gelacht, wenn sie sich nicht würde durchsetzen können mit ihrem neuen Fortbewegungsmittel.
Lassen wir das jetzt. Ich sollte mir doch das Tor ansehen", wechselte sie wenig geschickt das Thema. „Das habe ich getan. Es ist sehr interessant, Doc. Sieht aus, als wären wir etwas übervorsichtig gewesen. Der abschließende Test steht zwar noch aus, aber ich schätze, wir können den Schild von jetzt an wirklich im Dauerbetrieb laufen lassen, selbst wenn Babbis raus muß. Der Schild hier ist durchlässig."
Was?" Annes Stimme klang entgeistert. „Sie sollen nicht ablenken, Major! Diese Sache ist ernst genug. Und was erzählen Sie da für einen Unsinn?"
Vashtu tauschte einen Blick mit Danea und grinste breit. „Sie haben mich schon richtig verstanden. Der Schild ist durchlässig. Und das Tor ist groß genug, daß ein Puddlejumper durchfliegen kann", wiederholte sie.

***

Peter geriet langsam ins Schwitzen.
Was er da gerade berechnet hatte, sah wirklich alles andere als gut aus. Es war eine Katastrophe, wenn er genau sein wollte. Wenn auch nur ein Teil der Werte von vor zehntausend Jahren stimmten, und wenn er eine natürliche Drift abzog, selbst dann blieb diese Katastrophe noch gigantisch.
Er lehnte sich zurück und starrte auf die Anzeigen.
Er würde das ganze noch einmal berechnen, am besten so schnell wie möglich. Vielleicht hatte er auch irgendwo einen Fehler gemacht, zumindest hoffte er das. Denn wenn alles stimmte, hatten sie nicht nur den Planeten um einen guten Grad in seiner Bahn verschoben, sondern auch den Mond verloren, den sie eigentlich als Farm nutzen wollten. Und wohin der abgetrieben werden würde, von verschiedenen Anziehungskräften mitgerissen, das wollte er gar nicht wissen.
Peter stöhnte auf und verbarg sein Gesicht, nachdem er die Brille abgenommen hatte, hinter seinen Händen.
Das konnte doch nicht sein! Sie hatten tatsächlich einen sehr viel größeren Schaden angerichtet, als sie jemals hatten erreichen wollen.
Hätte er doch irgendwie einige PKs an die Seite schaffen können. Hätte er doch ...
Entschlossen setzte er die Brille wieder auf und konzentrierte sich auf den Bildschirm.
Er mußte sich einfach irgendwo verrechnet haben. Anders war das nicht zu erklären. Er mußte! Selbst ein Genie konnte sich ab und an einmal irren!

TBC ...

15.04.2012

Klimawandel IV


Als Vashtu ihr Büro betrat, war sie zumindest insofern beruhigt, daß sie den Gesuchten hier fand, also nicht noch die ganze Stadt abklappern mußte. Mit kleinen, verschlafenen Augen hinter seinen Brillengläsern blinzelte er sie an, eine Tasse in der Hand.
Ich dachte, ich wiederhole noch einmal", murmelte Peter wie zur Entschuldigung.
Vashtu nickte. „Das ist wirklich eine gute Idee gewesen von Ihnen", lobte sie ihn, schwang sich hinter ihren Schreibtisch und ließ den Laptop hochfahren. Aus den Augenwinkeln sah sie, daß er verschämt lächelte, während sie das gesuchte Programm startete.
Kommen Sie bitte zu mir." Sie winkte ihm und wartete, bis er an ihrer Seite stand, ehe sie den Rechner so herum drehte, daß auch er sehen konnte, was der Bildschirm zeigte. Peter klappte der Kiefer herunter.
Das ist ... das ist ... ?"
Die Prometheus", beendete Vashtu gelassen den Satz.
Das Erdenschiff war nur undeutlich gegen die Schwärze des Alls auszumachen. Vashtu hatte zwar versucht, die Darstellung zu verdeutlichen, aber nach zehntausend Jahren war der Satellit ihres Volkes alles andere als auf dem neuesten Stand. Irgendetwas schien sich auf seiner Kameralinse abgesetzt zu haben, das sie nicht entfernen konnte. Sie konnte nur hoffen, daß er zumindest solange Bilder lieferte, bis die Prometheus endlich verschwinden würde. Aber vorher hatte diese Kamera noch eine zweite Aufgabe, die mindestens ebenso wichtig war.
Wo kommt der her?" fragte Peter endlich, immer noch baff erstaunt.
Der war schon hier, als wir landeten. Er war nur inaktiv. Ich habe das, so gut es ging, geändert", antwortete die Antikerin.
Peter warf ihr einen etwas hilflosen Blick zu. „Sie haben von hieraus einen Satelliten wieder online geschaltet?"
Sie nickte, begann mit einer Reihe von Eingaben. „Ganz genau. Und ich möchte, daß Sie für mich etwas überprüfen. Es könnte sehr wichtig sein."
Konzentriert bestätigte sie den Befehl und konnte beobachten, wie die Prometheus aus der Kameralinse verschwand, als der Satellit sich drehte. Erst konnte sie nichts als einen der Monde ausmachen, dann tauchte die Helle der Sonne verwaschen auf dem Bildschirm auf. Sie wartete, bis sie ungefähr die Position gefunden hatte, in der der künstliche Himmelskörper sich befunden hatte, als sie ihn aufspürte, dann brach sie die Drehung ab und gab einen anderen Befehl ein. Das Bild verlosch, statt dessen ratterten Zahlenreihen über den Bildschirm. Vashtu speicherte sie ab, dann erhob sie sich und trat an den militärischen Hauptrechner, um dort einige Kristalle zu vertauschen.
Was ist los?" fragte Peter hinter ihr.
Sie startete eine Suchabfrage und betete, daß sie nicht mit tausenden von Daten von anderen Satelliten rechnen mußte, ehe sie sich umdrehte.
Sie hätten mir auch sagen können, was Sie gestern auf Ihrem Flug mit Dr. LeDunde gefunden haben, Peter", warf sie ihm vor. „Ich lasse mich nicht gern überraschen, erst recht nicht, wenn die Überraschung unangenehm für uns werden könnte."
Er blinzelte einen Moment lang verständnislos, dann trat deutliches Begreifen in seine Miene. „Der Ozean!"
Vashtu nickte. „Und nicht nur der", fuhr sie fort. „LeDunde hat mit Carpenter gesprochen, diesem Chef-Geologen. Die beiden zusammen sind zu Spitzbart und haben ihre Daten durchrechnen lassen. Laut den Berechnungen haben wir Erethia aus der Bahn geworfen und müssen mit einer Eiszeit rechnen."
Was?" Peters Augen wurden groß, sein Gesicht verlor alle Farbe. „Aber ..." Er schloß den Mund und runzelte die Stirn.
Sie wußten also nichts von diesen Berechnungen?" Vashtu neigte leicht den Kopf.
Peter schüttelte stumm den Kopf und sah plötzlich sehr leidend aus.
Die Antikerin kniff die Lippen aufeinander, drehte sich wieder zum Hauptrechner um, als dieser ihr mit einem Laut die Ergebnisse mitteilen wollte. Und sie hatte Glück. Es schienen tatsächlich nicht allzu viele Satelliten gegeben zu haben während der Zeit ihres Volkes, zumindest nicht über diesem Planeten selbst.
Kein Wunder, was hatten sie denn auch überwachen sollen? Vineta lag damals schon unter einer schützenden Gesteinsschicht. Es brachte also herzlich wenig, die Stadt zu überwachen. Auch wenn die Daten ihr bei einer ihrer Fragen sicherlich weitergeholfen hätten.
Vashtu suchte eine Darstellung des Planeten, die ungefähr der entsprach, die sie gerade mittels des Satelliten herbeigeführt hatte, dann wandelte sie die Daten um und leitete diese zu ihrem Rechner.
Was können wir tun?" ließ Peter sich endlich vernehmen. Offensichtlich hatte er bemerkt, daß sie mit ihren Bemühungen weitergekommen war.
Wir können gar nichts tun. Ich möchte, daß Sie die Daten überprüfen." Vashtu drehte sich wieder um und nickte zu ihrem Laptop. „Wir haben nämlich etwas, was weder LeDunde noch Carpenter vorweisen konnten: Vergleichsdaten. Vielleicht nicht ganz auf dem neuesten Stand, aber immerhin."
Peter drehte sich wieder zu dem Rechner um und betrachtete die Anzeigen. „Ich soll überprüfen, ob wir den Planeten aus seiner Bahn gebracht und uns einer Gefahr ausgesetzt haben damit? Mit Daten, die zehntausend Jahre alt sind als Vergleichswerten?"
Ganz genau. Denken Sie, Sie schaffen das?"
Peter begann, an seinem Ohrläppchen zu zupfen. Unwillkürlich stieg Vashtu die Frage in den Sinn, wann dieses ausleihern würde. Allerdings war diese Übersprunghandlung wesentlich ... leiser als sein vorheriges Herumgetrommle und Fingerschnippen.
Wenn ich noch die Aussagen der Erethianer über das Klima miteinbeziehe ... vielleicht", antwortete er nach einer Weile.
Vashtu grinste. „Dann machen Sie sich daran. Ich brauche die Ergebnisse."
In diesem Moment meldete sich ihr Funkgerät. Sie aktivierte es und wandte sich unwillkürlich von ihm ab. „Ja?"
Die Meldung der Eingesperrten, Major. Major Barnes bat darum, eine Konferenz zu schalten", sagte Andrea Walshs Stimme in ihrem Ohr.
Vashtu runzelte die Stirn, nickte dann aber, nachdem sie Peter noch einen Blick zugeworfen hatte. Mit langen Schritten ging sie hinüber zu dem Tisch, an dem sie gestern ihr Pilotenbriefing durchgeführt hatte und ließ sich dort nieder. „Gut, schalten Sie durch."
Beinahe sofort hatte sie das statische Rauschen der nicht ganz sauberen Leitung von der Prometheus im Ohr. Unwillkürlich verzog sie das Gesicht. Aus der Stadt war sie wirklich anderes gewohnt.
Major?" fragte sie zögernd.
Major Uruhk?" kam prompt die Antwort zurück.
Gut, daß Sie zugeschaltet sind", meldete sich auch Annes Stimme zu Wort.
Vashtu atmete tief ein.
Wenn es ihr möglich war, versuchte sie, den täglichen Berichten der Eingeschlossenen aus dem Weg zu gehen. Selten genug gelang es ihr. Sie fühlte sich schuldig an deren Lage, da sie nicht wirklich wußte, was sie Pendergast unter dem Einfluß der Wahrheitsdroge mitgeteilt hatte. Und die Erinnerungen an ihren letzten Aufenthalt auf dem Schiff verschwammen immer mehr, was die Sache für Sie nicht leichter machte.
Ich ... kann mithören. Major, was gibt es?" fragte sie, nachdem sie einige Male tief eingeatmet hatte.
Wir haben das Leck, das wollte ich Ihnen mitteilen", antwortete die tiefe Stimme des Marines. „Sie waren es nicht, die das Netzwerk hat auffliegen lassen, Major. Pendergast hat wohl wirklich Verdacht geschöpft und uns eine Laus in den Pelz gesetzt. Lieutenant Conrad, falls Sie sich an ihn erinnern."
Vashtu hätte vor Freude einen Luftsprung machen können. Gleichzeitig aber fühlte sie sich absolut niedergedrückt. „Conrad?"
Er war bei den beiden letzten Einsätzen dabeigewesen, erinnerte sie sich. Er war mit im PK-Lager gewesen, als sie die letzten überlebenden Devi töteten und sie ...
Vashtu biß sich auf die Lippen, als sie sich an noch etwas erinnerte im Zusammenhang mit dem jungen Marine.
Dann weiß Pendergast von der Therapie", sagte sie einfach nur.
Vashtu?" Annes Stimme klang plötzlich besorgt.
Sind Sie sicher, daß er es inzwischen nicht ohnehin weiß?" erkundigte Barnes sich. „Er hat Ihnen mindestens zehn Tage lang Drogen geben lassen, Major. Das sollten Sie nicht vergessen."
Vashtu atmete tief ein und drehte sich auf dem Stuhl herum. Stumm fixierte sie Peter, bis der von seinen Daten aufsah und ihr einen fragenden Blick sandte.
Nicht von meiner", sagte sie dann mit fester Stimme. „Er weiß von der ATA-Therapie, der Dr. Babbis sich unterzogen hat. Er war in der Nähe, als ich mich einmal mit ihm darüber unterhielt."
Das Gesicht des jungen Wissenschaftlers wurde fahl vor Entsetzen.

***

Warum haben Sie nicht mit mir darüber gesprochen? Major Uruhk! Dr. Babbis! Ich kann das einfach nicht glauben!" Anne sah von einem zur anderen, die Hände in die Hüften gestemmt. „Was denken Sie sich dabei, gerade eine solche Information zurückzuhalten?"
Gerade war sie hereingekommen und hatte sie so vorgefunden, wie sie auch jetzt noch verharrten: Babbis am Schreibtisch und die Antikerin auf einem Stuhl. Vor wenigen Minuten erst war der Funkkontakt mit der Prometheus wieder beendet worden. Es war ein sehr bedrücktes Gespräch gewesen nach der Offenbarung der Antikerin.
Vashtu lehnte sich zurück, die Arme vor der Brust gekreuzt. Nachdenklich nickte sie. „Ich hätte es ... Ich wollte sowieso mit Ihnen darüber sprechen, Anne", sagte sie dann.
Wollten Sie, ja? Und warum haben Sie das nicht?" Anne glaubte, noch nie so enttäuscht von irgendjemandem gewesen zu sein wie von diesen beiden. Gerade diese Zwei, in die sie so große Hoffnungen gesetzt hatte, zu denen sie in der letzten Zeit einen immer besseren Draht bekommen hatte. Das schmerzte sie unglaublich, mußte sie zugeben.
Vashtu sah auf, suchte wieder ihren Blick. „Ich denke, es war Ihre erste Reaktion auf meine Therapie", antwortete sie mit ruhiger Stimme, richtete sich auf. „Peter hatte Angst, daß Sie ihn ablehnen könnten, wenn Sie es erfahren."
Meine Reaktion?" Anne starrte die Antikerin groß an.
Ich denke ..."
Lassen Sie mich das regeln, Peter!" Vashtus Stimme klang scharf. Nur kurz unterbrach sie den Augenkontakt, um ihn anzufunkeln.
Peter Babbis saß noch immer hinter dem großen Schreibtisch, einen aufgeklappten Laptop vor sich. Und gerade jetzt wirkte er wie die Maus, die einer Schlange gegenübersteht. Er schluckte sichtlich. „Aber ..."
Ich habe gestern mit Lieutenant Markham darüber gesprochen. Ich würde gern versuchen, die Gentherapie, die Dr. Beckett in unserer Dimension entwickelt hat, mit der Hilfe von Dr. Babbis neu herzustellen und eventuell die Fehler zu vermeiden, die in unserem Atlantis geschehen sind." Vashtu ignorierte den Einwurf ihres Teammitgliedes vollkommen.
Jetzt reicht es mir!" Babbis richtete sich unversehens auf und funkelte die Antikerin an. „Ja, ich wollte nicht, daß alle mich für einen Freak halten, damit haben Sie verdammt recht, Vashtu! Und genau darum wollte ich diese Sache geheimhalten. Ich habe nicht vergessen, was damals beinahe geschehen wäre, als ich mir die Spritze habe geben lassen. Aber das ist jetzt meine Sache, meine!" Er holte tief Luft und wandte sich Anne zu.
Die sah etwas verwirrt von einem zum anderen.
Sie war unter anderen Voraussetzungen hergekommen. Sie hatte geglaubt, die beiden würden etwas hinter ihrem Rücken aushecken und hätten sich deshalb ausgeschwiegen. Aber sie erinnerte sich auch noch an das erste Treffen, daran, wie Markham reagiert hatte, als die Sprache auf die veränderten Gene der Antikerin gekommen war. Und sie erinnerte sich an den beinahe panischen Ausruf von Babbis.
Dr. Stross, ich denke ..."
Einen Moment, Dr. Babbis." Anne hob die Hand, sah die Antikerin offen an. „Denken Sie wirklich, Sie könnten diese Therapie neu herstellen?"
Vashtu zögerte einen Moment, nickte dann aber. „Mit der richtigen Hilfe, ja. Aber ich brauche ein Labor, Zeit und müßte mich mit einem Mediziner absprechen, den wir zur Zeit noch nicht hier haben."
Sie könnten sich vorstellen, daß es funktioniert?"
Wieder ein deutliches und entschlossenes Nicken. „Ich müßte einige Fehler vermeiden, die Dr. Beckett unterlaufen sind, um selbst nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Aber das müßte relativ leicht zu beheben sein mit den Geräten meines Volkes. Ich bin Genetikerin, Dr. Stross. Meine ganze Familie hat auf diesem Gebiet gearbeitet. Die Doppelhelix habe ich fast eher gelernt als das Sprechen."
Anne zögerte noch immer.
Mehr ATA-Träger. Mehr Menschen, die mit den Gerätschaften eines verschwundenen Volkes umgehen konnten. Keine Sorgen mehr über das Wohlergehen gerade der drei, die ihr jetzt zur Verfügung standen. Es war verlockend, sehr verlockend sogar.
Andererseits gehörte sie einer Welt an, in der das Arbeiten am Genom verboten war. Die Regierungen aller Länder ihrer Erde hatten sich zu einem Pakt zusammengeschlossen, um etwas, wie es Major Uruhk darstellte, zu verhindern. Sicher, die Vereinigten Staaten hatten garantiert irgendein geheimes Labor, in dem an ähnlichen Dingen geforscht wurde. Aber ...
Blieb nicht die Humanität auf der Strecke, wenn sie hier zulassen würde, wogegen sie im allgemeinen selbst war? Es war ihre Überzeugung, daß es nicht richtig war, in den Gang der Dinge, gerade in einen so entscheidenden wie den Genstrang, einzugreifen und eine neue Menschenrasse heranzuzüchten. Würde sie aber nicht genau das zulassen, wenn sie jetzt ihre Einwilligung gab.
Ihr Blick glitt von Vashtu ab zu Babbis hin.
Er sah nicht verändert aus. Und nach allem, was die Antikerin und auch Sergeant Dorn ihr gesagt hatten, war er schon immer so wie jetzt gewesen. Er war nicht mutiert oder zu etwas geworden, was ihr gefährlich werden konnte. Im Gegenteil schien er sogar fast so gut mit den Gerätschaften umgehen zu können wie die Antiker selbst. Sicher würde das ein Paradebeispiel sein, sie wußte es nicht, aber es würde ihnen allen das Überleben erheblich erleichtern.
Anne wandte sich wieder der Antikerin zu und sah sie wieder an. Forschend, durchdringend, als könnte sie anhand ihrer Augen sehen, was diese vielleicht verborgen hielt. Doch da gab es kein Geheimnis mehr, nicht in dieser Sache. Und was auch immer sonst noch hinter den dunklen Augen lauern mochte, im Moment betraf es sie noch nicht.
Anne nickte. „Also gut, Sie erhalten Ihr Labor, Major. Sie können an dieser Gentherapie arbeiten. Wenn Sie mir zusagen, daß es nicht gefährlich für die Beteiligten und Bewohner dieser Stadt sein wird."
Das wird es nicht. Mein Wort darauf." Vashtus Gesicht war ernst bei diesen Worten, sehr ernst. Und in ihren Augen konnte Anne lesen, daß sie die Wahrheit sagte.
Gut, dann ..." Sie wandte sich jetzt endlich Babbis zu und sah ihn an. „Ich kann verstehen, Dr. Babbis, daß Sie dachten, wir würden Sie vielleicht für einen Freak halten, wie Sie sich selbst gerade ausdrückten. Aber eine solche Möglichkeit unter den Tisch kehren zu wollen war ein schwerer Fehler, den ich nur zum Teil nachvollziehen kann. Und ich kann nur hoffen, daß Sie nicht noch etwas zurückhalten, das eine solche Tragweite besitzt."
Babbis schluckte sichtlich. „Ich hätte mich ja geäußert", wandte er ein. „Aber ..."
Ich verstehe." Und das tat sie wirklich. Sie konnte beide verstehen, daß sie so lange geschwiegen hatten. Zwar war Vashtu eher mit der Wahrheit herausgerückt, aber auch nur, weil sie unter Druck stand und sich keinen Rat mehr wußte.
Wie mußten sie damals auf SG-27 gewirkt haben? Warum hatten beide so lange geschwiegen?
Anne senkte den Kopf und seufzte.
Wenn Sie nichts dagegen haben ... Das Tor", sagte Vashtu leise zu ihr.
Anne nickte stumm und trat von der Tür weg, um die Antikerin vorbei zu lassen.
Auf was hatte sie sich eingelassen, als sie sich für diese kleine Gruppe aussprach, sie sogar in ihren Stab aufnehmen wollte? Wenn es jetzt am Anfang dieses Unternehmens schon solche gravierenden Geheimnisse gab, wollte sie gar nicht wissen, was sie noch tun mußte, um das Vertrauen der Drei endgültig zu erlangen. Sie konnte nur hoffen, Babbis und Uruhk in den Griff zu bekommen, ehe noch eine Katastrophe eintreten konnte.
Ich ... es tut mir leid", meldete Babbis sich wieder.
Anne nickte. „Tun Sie das nur nie wieder, Dr. Babbis. Nie wieder!" Sie wandte sich ab und wollte das Büro wieder verlassen, dann aber fiel ihr noch etwas ein und sie drehte den Kopf und sah den jungen Wissenschaftler streng an. „Ich hoffe, Sie wissen, daß Sie nun ebenfalls interessant für Pendergast sind, Dr. Babbis. Ihr Schweigen hat Sie in Gefahr gebracht, und das sollte Ihnen durchaus bewußt werden. Vielleicht hätten wir irgendwie verhindern können, daß der Colonel es erfährt, wären Sie nicht ganz so bedacht darauf gewesen, diese wichtige Sache zu verschweigen. Ich kann nachvollziehen, warum Sie geschwiegen haben, aber ich kann es nicht wirklich verstehen. Reicht Ihnen das Beispiel von Major Uruhk noch nicht? Spätestens als sie in der Zelle saß, hätten Sie zu mir kommen müssen, selbst wenn da das Geheimnis schon heraus war. Jetzt bleibt uns nur zu hoffen, daß Pendergast es wirklich eher darauf abgesehen hat, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden."
  Der Blick, der sie traf, hätte wirklich von einem Kaninchen stammen können. Und irgendwie beruhigte er sie wieder ein wenig.
Babbis hatte verstanden und würde sich in der Zukunft hoffentlich mehr zusammenreißen.






TBC ...


08.04.2012

Klimawandel III


Das war nicht fair von Ihnen!" beschwerte Peter sich nach der Besprechung, als Markham mit seinen Unterlagen gegangen war. „Sie wissen verdammt genau, daß diese Leute Gentherapierte nicht mögen! Sie habe es doch gerade selbst erlebt, als Sie wegen dieser verdammten Drogen zu einem Wraith geworden sind!"
Vashtu schob ihre Flugunterlagen für die nächste Woche zusammen, ließ seine Worte an sich abprallen und erhob sich.
Ich habe das bis jetzt aus gutem Grund keinem gesagt, verdammt! Und dann kommen Sie und teilen das auch noch einer der wahrscheinlich größten Klatschbasen in dieser Stadt mit. Haben Sie denn vollkommen den Verstand verloren?"
Noch immer ruhig legte sie den Stapel auf ihrem Schreibtisch ab, trat dann an den militärischen Hauptrechner und verschob einige Kristalle. Auf dem Bildschirm las sie aufmerksam mit, dann drehte sie sich um und sah den jungen Wissenschaftler auffordernd an.
Was?" Peter saß noch immer, stur vor sich hinbrütend und mit vor der Brust verschränkten Armen, an seinem Platz und blitzte sie wütend an.
Würden Sie vielleicht kurz zu mir kommen, Dr. Babbis?" fragte sie mit ruhiger und freundlicher Stimme.
Peter stutzte. Wann hatte sie ihn das letzte Mal mit seinem Familiennamen angeredet? Das mußte doch schon ... definitiv war das nicht mehr vorgekommen, seit ... der Sache mit Kolya garantiert. Er meinte sogar, schon wesentlich eher.
Kommen Sie bitte her!" In ihren Augen loderte es kurz auf.
Peter schob seinen Stuhl zurück, zögerte noch einen Atemzug, dann aber erhob er sich und trat an ihre Seite. Die Antikerin wies auf den Bildschirm. „Lesen Sie mir bitte vor, was dort geschrieben steht", forderte sie ihn auf.
Peter starrte sie entgeistert an, sah dann kurz auf die fremdartigen Schriftzeichen. Nur einen Bruchteil konnte er lesen, und das lag eindeutig nicht an seinen schlechten Augen oder einer zu kleinen Schrift.
Vashtu nickte. „Ich hatte eigentlich mit Dr. Jackson ausgemacht, daß er Ihnen zumindest die Grundbegriffe in Antikisch beibringt", sagte sie. „Und er meinte, er habe das auch getan."
Peter zuckte mit den Schultern. „Wer konnte denn auch ahnen, wo wir irgendwann einmal landen", verteidigte er sich lahm.
Darum geht es nicht!" Vashtu funkelte ihn wieder an. „Sie wollen irgendwann zu den Spitzenwissenschaftlern der Erde gehören, wenn ich mich nicht irre. Alles, was Sie bisher hier getan haben, deutet daraufhin, ebenso wie vieles, was Sie in SG-27 getan haben. Aber, Peter, und das sollten Sie sich sehr gut merken, jeder Spitzenwissenschaftler, den das Stargate-Programm bisher hervorgebracht hat, war zumindest in der Lage, rudimentär die Schrift meines Volkes zu lesen. Wenn sie es nicht von vorn herein lernten, mußten sie hart dafür kämpfen, wie beispielsweise Dr. Jackson. Er hatte einen guten Teil der Worte und Begriffe bereits übersetzt, ehe ich zu ihm stieß und ihm half. Denn genau das habe ich in den letzten Monaten in Cheyenne-Mountain getan, wenn ich nicht unterwegs war. Jackson und ich arbeiteten an einem Wörterbuch." Mit einem Ruck wandte sie sich ab und marschierte zu dem Schreibtisch hinüber.
Peter schluckte hart, betrachtete weiter die Anzeige auf dem Bildschirm.
Für ihn sahen diese merkwürdigen Zeichen aus, als seien Ameisen über ein Blatt Papier gelaufen. Aber manch einer würde das vielleicht auch von der lateinischen Schrift behaupten, ging ihm auf.
  „Er hat mir aber sehr wenig beigebracht", verteidigte er sich lahm. „Ich war doch nur ein billiger Aktivator!"
Sie haben kein Interesse gezeigt", entgegnete Vashtu, wandte ihm noch immer ihren Rücken zu.
Peter musterte wieder den Bildschirm. Auf seinen geistigen Befehl änderte sich die Anzeige, was ihn einen Moment lang erstaunt zurückweichen ließ.
Und genau das ist es, was Sie an Potenzial verschenken", bemerkte Vashtu gelassen.
Als Peter wieder den Kopf drehte sah er, daß sie sich nun doch umgedreht hatte und zu dem Bildschirm nickte. „Das kann heute kaum noch jemand, wissen Sie das? Darum werde ich immer so merkwürdig angesehen", fuhr Vashtu mit ruhiger Stimme fort. „Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber bei Ihnen scheint sich die Natur, ähnlich wie bei John Sheppard, einen kosmischen Scherz erlaubt zu haben. Nur bin ich mir bei ihm nicht sicher, ob es da nicht doch eine Verbindung zu meinem Volk gibt. Bei Ihnen dagegen ..." Sie trat näher, funkelte ihn wieder an. „Verdammt, Peter, Sie haben hier schon so viel geschafft! Sie sind anstrengend, Sie halten verdammt viel von sich selbst und überschätzen sich leicht, viel zu leicht! Aber Sie haben dieses Potenzial!"
Kosmischer Scherz?" echote er verständnislos.
Vashtu nickte. „Ich habe Sie sehr genau im Umgang mit Gerätschaften meines Volkes beobachtet, Peter. Alles, was für Sie davon abhängt, sie ebenso selbstverständlich zu gebrauchen wie ich ist schlicht Ihre Unfähigkeit zu verstehen, weil Sie meine Sprache nicht sprechen und sich weigern, irgendjemanden um Hilfe zu bitten." Sie reckte ihren Hals, um seinem Gesicht näherzukommen. „Statt dessen regen Sie sich über Dinge auf, die zweitrangig sind und uns vielleicht helfen können. Haben Sie schon einmal soweit gedacht? Ich hätte meine Therapie auch lieber für mich behalten, aber die Fremdzellen sind so tief in mir verankert, daß ich manchmal vollkommen vergesse, wann ich sie einsetze und wann nicht. Für andere kann das sehr befremdlich wirken. Ich erinnere Sie nur an unseren ersten Einsatz - und Sie waren über mich informiert!"
Aber Sie wissen doch auch, wie diese ... wie die Stadt ... wie Stross ... Verdammt, wir haben uns alle Sorgen um Sie gemacht, als Sie da in der Zelle gehockt haben! Ihre Anweisungen ... die waren so ... so ..."
Endgültig?" Ihre dunklen Augen loderten wieder auf. Sehr resolut nickte sie. „Ja, das waren sie. Und sie sollten es auch sein. Ich war ein Wraith, Peter, ich war sogar noch mehr als das: ich war eine Wraith-Königin!"
Peter zuckte zurück.
Warum sagte sie ihm das? Warum noch darauf herumreiten? Die Sache war doch hoffentlich ausgestanden, oder? War da vielleicht immer noch ... ?
Ich werde Ihnen sagen, was ich tun werde, Peter." Vashtu wandte sich ab und konzentrierte sich wieder auf den Bildschirm. Die Datei wechselte, ohne daß sie einen der Kristalle hatte berühren müssen. Was statt dessen dort plötzlich aufleuchtete ... hatte verdammte Ähnlichkeit mit ... Lehrbüchern?
Er staunte.
Ich werde Ihnen die Sprache meines Volkes beibringen. Und ich bin sicher keine so geduldige Lehrerin wie Daniel Jackson", fuhr sie endlich fort. „Und dafür werden Sie mir Ihr Blut zur Verfügung stellen und mir bei Stross helfen. Wir brauchen mehr ATA-Träger hier, und das wissen Sie verdammt genau!"
Peter mußte ihr leider zustimmen, so ungern er das auch tat.
Und Ihre erste Unterrichtsstunde beginnt jetzt." Ungeduldig tippte sie auf den Bildschirm und begann, laut vorzulesen, während sie mit dem Finger die einzelnen Begriffe entlangfuhr.

***

Es war früh am nächsten Morgen, und Anne drehte sich um und atmete erleichtert auf, als sich die Tür zu ihrem Büro öffnete.
Die Antikerin war ihrem Ruf umgehend gefolgt, sah sie jetzt stirnrunzelnd an. „Was gibt es?" fragte sie, reckte dann den Hals und nickte den beiden anderen Anwesenden zu.
Major Uruhk, das sind Dr LeDunde und Dr. Carpenter. Ich weiß nicht, ob Sie sich schon kennen", stellte Stross ihre beiden Gäste vor.
Meines Wissens nicht." Major Uruhk, Vashtu, rief Anne sich ins Gedächtnis, trat lächelnd näher und reichte erst der dunkelhaarigen Frau, dann dem hochgewachsenen Geologen die Hand. Anne nutzte diese kurze Zeit, um sich hinter ihrem Schreibtisch zu verschanzen.
Vashtu warf ihr einen irritierten Blick zu. „Um was geht es jetzt?" erkundigte sie sich.
Anne bedeutete ihren drei Gästen, sich einen Sitzplatz zu suchen. Ihre, hoffentlich baldige militärische Leiterin hockte sich kurzerhand auf den Rand ihres Schreibtisches, überließ die beiden Stühle den Wissenschaftlern.
Carpenter sah die Antikerin fasziniert an, sagte aber nichts, sondern zog einige Ausdrucke unter seine Jacke hervor, die er ihr reichte. „Ich ... äh ... denke, das wird die Lage besser erklären", sagte er dabei.
Vashtu nahm die Unterlagen und blätterte etwas darin. Ihre Stirn umwölkte sich dabei und sie begann, nachdenklich an ihrer Unterlippe zu knabbern. „Das Gestein ist marode, okay", sagte sie schließlich, hob den Blick zur gläsernen Decke und schien einen Moment lang wirklich bis zu den zerbröselnden Felsen dieser Höhle zu blicken. „Der Schutzschild läuft im Dauerbetrieb. Das dürfte im Moment also ein eher kleines Problem sein", fügte sie im leicht fragenden Tonfall hinzu.
Das ist nicht das ganze Problem, Major", wandte Anne ein, nickte dann LeDunde zu.
Die dunkelhaarige Frau lächelte und musterte die Antikerin nun ihrerseits aufmerksam. „Ich weiß nicht, ob Sie sich mit Meterologie auskennen, Major."
Vashtu drehte sich halb zu Anne um, die Stirn weiter gerunzelt, wandte sich dann der jungen Französin zu und zuckte mit den Schultern. „Ich kann einen Wetterbericht im Fernsehen ansehen und weiß, wovon die Rede ist. Reicht das?"
Anne hüstelte hinter vorgehaltener Hand. Das war sicher nicht die Antwort gewesen, auf die LeDunde gehofft hatte. Zumindest starrte sie den Major einen Moment lang verblüfft an. Dann atmete sie tief ein und richtete sich auf ihrem Stuhl auf.
Das wird dann wohl reichen müssen, Major", sagte sie mit etwas unterkühlter Stimme.
Vashtu nickte, legte die Unterlagen von Carpenter auf den Tisch neben sich und kreuzte die Arme vor der Brust. „Und was sagt der Wetterbericht außer Dauerregen?"
Daß wir ein Problem bekommen werden - zumindest ist das sehr wahrscheinlich", wandte Dr. Carpenter ein. „Bei Ihrem Kontrollflug gestern entdeckte Jaqueline ... Dr. LeDunde ... einen Ozean, der bisher unbekannt gewesen ist."
Wir haben einen Ozean auf Erethia?" Vashtu riß die Augen auf.
Ja, Major", mischte Anne sich nun ein. „Und offensichtlich ... Dr. Carpenter?"
Der nickte mit einem leichten Stirnrunzeln, strich sich über seinen weit zurückliegenden Haaransatz. „Offenbar gab es diesen Ozean schon immer, Major. Allerdings lag er bisher unter einer oberen, zugegebenermaßen porösen Gesteinsschicht."
Die Antikerin nickte, wechselte wieder einen fragenden Blick mit Anne. „Und das bedeutet?" erkundigte sie sich schließlich.
Daß entweder während oder kurz nach dem verheerenden Brand die Höhle eingestürzt ist, die den Ozean bis jetzt verbarg, Major", fuhr Carpenter fort.
Wieder flogen die Brauen der Antikerin gen Haaransatz und sich blinzelte unter ihren Ponyfransen zur gläsernen Decke hinauf. Diesmal allerdings verzog sich ihr Gesicht leicht zu einer Grimasse. „Okay, die Decke hier ist auch nicht mehr sonderlich stabil. Das ist mir schon beim ersten Besuch aufgefallen", bemerkte sie und erntete einen überraschten Blick des Geologen.
Anne nickte, beugte sich vor.
Sie wußte nicht ganz, was für eine Rolle die Antikerin jetzt gerade spielte, doch sie schien keineswegs so absolut ahnungslos, wie sie tat. Das zu beobachten, könnte noch interessant werden. Ob sie den Zusammenhang selbst herstellen konnte? Anne wußte es nicht, doch in ihr klang eine leise Stimme, die dieses nur allzu kräftig bejahen wollte.
Dr. LeDunde hob nun das Kinn und lächelte leicht. „Wir beobachten seit unserer Ankunft hier das Wetter und das Klima, Major", begann sie nun zu erklären. „Und wir können sicher sein, daß sich beides ganz offensichtlich verändert hat."
Vashtu nickte bedächtig und wartete schweigend, die Hände jetzt locker in ihrem Schoß gefaltet. Ein Bild der Entspannung. Doch irgendetwas an ihrer Haltung wirkte dabei falsch.
Die Temperatur sinkt immer weiter ab. Daß wir unter einem Dauerregen zu leiden haben, ist leider aus der Katastrophe zu erklären, die die Devi auf diesem Planeten ausgelöscht hat."
Auf die Schnelle fiel uns leider nichts anderes ein. Tut mir leid." Wieder ein Schulterzucken, doch der Blick, mit dem die Antikerin die Meterologin bedachte, war eindeutig lauernd.
Das sagt ja auch niemand. Wir haben durchaus Verständnis für Ihre damalige Entscheidung", wandte LeDunde sofort ein. „Aber, so wie es aussieht, haben wir ein Problem. Und dieses Problem wird nicht kleiner, sondern wächst immer mehr an."
Vashtu drehte sich wieder zu Anne um und sah sie fragend an. Die Leiterin hob in einer hilflosen Geste die Hände.
Und was für ein Problem haben wir?" fragte die Antikerin schließlich, als man ihr sonst keine echte Antwort geben konnte.
Anne fiel auf, daß in ihren großen, sprechenden Augen deutlich Sorge zu lesen stand. Vashtu begriff durchaus den Ernst der Lage, sogar die Konsequenzen. Aber sie schien noch nicht so ganz verstanden zu haben, worum es wirklich ging und was der eigentliche Auslöser für dieses Problem war.
Wir haben unsere Daten an Dr. Spitzbart weitergegeben", erklärte nun wieder Carpenter. „Er hat das ganze von seinem Team durchrechnen lassen."
Vashtu nickte aufmerksam, schien sich zu wappnen vor dem Urteil, das auf sie niederkommen würde.
Es sieht alles danach aus, als hätte die Großzündung dieser ... PKs den Planeten aus seiner Umlaufbahn gerissen", beendete Carpenter seinen Bericht.
In der nächsten Sekunde stand die Antikerin stocksteif neben dem Schreibtisch, die Augen weit aufgerissen und das Gesicht kalkweiß. „Was?" Sie fuhr zu Anne herum und starrte diese groß an.
Die nickte bedauernd. „Es ist so, Major. Sie hatten keine andere Wahl, soviel ist klar. Aber es bleibt wie es ist. Als das Lager mit den Planetenkillern explodierte, hat die bloße Wucht Erethia aus seiner eigentlichen Bahn gerissen."
Was wir zu erwarten haben, ist ein atomarer Winter", berichtete jetzt LeDunde mit einem zufriedenen Lächeln. „Vielleicht sogar eine Eiszeit. Wir werden mit Stürmen zu kämpfen haben, und ganz sicher wird es Jahrzehnte dauern, bis das Klima sich wieder halbwegs eingependelt hat."
Vashtu atmete tief ein. Anne glaubte mitansehen zu können, wie es in ihrem Hirn zu arbeiten begann, um eine annehmbare Lösung zu finden.
Eine Eiszeit! Soetwas hatte es wohl noch auf keiner Welt gegeben. Und sie saßen auch noch hier in einer Antikerstadt, unter der Oberfläche, über den Köpfen eine morsche Decke, die ihnen ohnehin irgendwann auf den Kopf fallen würde, glaubte man den Prognosen der Geologen.
Das war die Art Information, die Vashtu wohl noch wesentlich öfter erwarten würde, sobald sie endlich nicht nur interimsweise ihren Posten annahm und an ihrer Seite zur Leiterin der Stadt werden würde. Anne fragte sich, ob sie die Antikerin nach dieser Hiobsbotschaft überhaupt noch dazu würde überreden können. Andererseits war ihr aber auch keine andere Wahl geblieben. Immerhin war Vashtu im Moment Dorns Stellvertreterin und dafür zuständig, sich um solche Angelegenheiten zu kümmern.
Die Frage ist jetzt, was sollen wir tun, Major?" wandte sie ein, beobachtete die Antikerin weiter.
Die stand jetzt, mit geballten Fäusten, da, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Nachdenklich knabberte sie wieder an ihrer Unterlippe und starrte blicklos durch die Fenster in den Gateroom hinaus.
Dann hob sie plötzlich den Kopf. „Haben wir irgendwelche Vergleichsdaten?" erkundigte sie sich. „Wissen wir, ob Erethia wirklich aus der Bahn ist?"
Dafür sind wir noch nicht lange genug hier", entgegnete Anne.
Genau die Frage, die auch sie als erstes gestellt hätte.
Vashtu nickte nachdenklich, kreuzte jetzt die Arme vor der Brust und fixierte die Meterologin. „Wie lange, sagten Sie, führen Sie die Messungen jetzt durch?"
Seit unserer Ankunft. Knapp vier Monate." LeDunde zuckte mit den Schultern.
Die Antikerin sah Anne wieder an, eine leise Forderung in den Augen. Die Leiterin nickte. „Danke, Dr. LeDunde, Dr. Carpenter, für Ihr Kommen." Sie neigte leicht den Kopf.
Die beiden Wissenschaftler erhoben sich zögernd, offensichtlich hatten sie mehr erwartet, vielleicht sogar, an der folgenden Konferenz teilnehmen zu dürfen, dann aber gingen sie.
Vashtu atmete einige Male tief ein, nachdem die Tür sich geschlossen hatte. „Ich werde das noch einmal von Peter kontrollieren lassen", sagte sie, lehnte sich gegen eine Scheibe und sah Anne auffordernd an.
Die lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und nickte. „Die Frage ist, was sollen wir jetzt tun?"
Vashtu nagte wieder an ihrer Unterlippe. „Erst einmal ... gar nichts. Wir können im Moment keine Panik riskieren. Außerdem sind die Werte zu kurzfristig gesetzt. Wir haben keine Vergleiche." Sie suchte Annes Augen und sah hinein. „Einen atomaren Winter hätte ich auch vorhersagen können nach diesem Brand. Dazu reicht schon wesentlich weniger Wucht als die eines Lagers voller Planetenkiller."
Anne nickte, erwiderte den Blick. „Wir sollen also gar nichts tun? Sind Sie sich da wirklich sicher?"
  Vashtu zögerte, wandte kurz den Kopf und blickte in den Kontrollraum hinein, dann nickte sie wieder. „Solange die Prometheus noch über unseren Köpfen hängt, können wir uns keine Panik leisten, Anne. Wenn wir Pendergast los sind, was hoffentlich nicht mehr allzu lange dauern wird, ist es immer noch früh genug, um die Leute zu informieren. Vielleicht fallen uns auch noch Lösungen ein, wer weiß?"
Sie trauen sich nicht zu, die Bahn zu kontrollieren?"
Die Antikerin schüttelte sofort den Kopf. „Auch ich habe meine Schwächen. Und eine davon ist Astrophysik." Ein zerknirschtes Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Bis jetzt habe ich mich, was solche Dinge anging, immer auf Peter verlassen können. Ich denke, ich kann es auch jetzt."
Anne nickte nachdenklich, ließ jetzt selbst den Blick schweifen. „Es gefällt mir nicht, die Leute im unklaren zu lassen, Major. Es gefällt mir ganz und gar nicht."
Wir können aber auch keine Panik riskieren, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Abwarten ist im Moment wirklich die beste Lösung, glauben Sie mir!" Vashtu schüttelte den Kopf. „Wir legen die Hände ja nicht in den Schoß. Wir überprüfen die Daten, sofern wir sie überprüfen können."
Anne seufzte. „Sie vertrauen Dr. Babbis wohl blind, wie?"
Nicht in allem, aber in seinen Fachgebieten ja."
Anne zögerte, dann nickte sie. „Dann lassen Sie ihn die Sache überprüfen, Major. Und lassen Sie uns hoffen, daß die beiden sich geirrt haben."
Den nächsten Blick hätte sie liebendgern ignoriert oder gar nicht wahrgenommen. Doch er war zu eindringlich. Und ihr wurde klar, daß Vashtu nicht an dem Ergebnis zweifelte - an dem bestehenden Ergebnis, das sie noch einmal überprüfen lassen wollte!

TBC ...