17.04.2010

Die Falle III

"Du kannst es, kleine Schwester", wisperte Enkils heisere Stimme ihr zu.
Vashtu stand vor dem Käfig und starrte die Gestalt an, die ehemals ihr Bruder gewesen war. Dabei nahm sie das undeutliche Wispern des Goa'ulds wahr.
"Das hier war nicht echt! Es waren ihre Erinnerungen, in die dieses fremdartige Schlangenwesen eindringen wollte. Er zwang sie, sich zu erinnern. Warum, das konnte sie noch nicht sagen. Aber sie wußte, sie würde irgendwann den Verstand verlieren, wenn es so weiter ging.
"Du kannst es, kleine Schwester."
Vashtu schloß die Augen und lehnte sich vor.
Irgendwie war es ihr gelungen, in dieser Erinnerung eine Schleife zu erzeugen, doch es kostete sie Unmengen ihrer Kraft. Verzweifelt klammerte sie sich an diesen einen Satz, hoffte, auf diese Weise den Goa'uld in die Irre führen zu können. Doch er war aufmerksam geworden. Das Gerät, das er benutzte, bohrte sich immer tiefer in ihr Hirn und verursachte inzwischen selbst in ihrer Erinnerung Schmerzen.
"Du kannst es, kleine Schwester."
Vashtu sah wieder auf.
Enkil!
Wenn er noch leben würde, wenn er hier wäre, oder wenn er wenigstens wissen würde, was gerade mit ihr geschah.
"Du kannst es, kleine Schwester."
Aus diesem Satz schöpfte sie Kraft. Sie durfte nicht noch mehr verraten. Und irgendwie mußte ihr auch die Flucht gelingen, ehe man ihr diese verdammte Schlange einpflanzen konnte. Ihr war mehr als klar, was geschehen würde, würde ein Goa'uld sie übernehmen. Dabei aber zweifelte sie auch, ob das überhaupt möglich war.
"Du kannst es, kleine Schwester."
Mit einem abschließenden Schmerz, der Sterne vor ihren Augen leuchten ließ, wurde das Gerät deaktiviert. Vashtu sank erschöpft zurück, in die stützenden Arme ihres Peinigers.
Sie war zu Tode erschöpft und hätte sich liebendgern der Bewußtlosigkeit ergeben, die deutlich an ihr nagte. Aber das konnte sie nicht wagen. Sie mußte durchhalten, irgendwie. Wenn er weiter in ihr bohrte, würden Geheimnisse ans Licht kommen, die besser ungesagt blieben. Sie wußte zuviel, sie kannte zuviele Geheimnisse.
"Du bist erschöpft", sagte er mit sanfter Stimme.
Vashtu keuchte immer noch.
Irgendwie mußte sie ihn von ihren richtigen Erinnerungen ablenken, ihm aber gleichzeitig genug bieten, damit er befriedigt war. Viel mehr konnte sie nicht ertragen. Irgendwann würde ihr Widerstand erlahmen, nachdem sie einmal begriffen hatte, wie sie sich selbst und auch ihn in eine Sackgasse führen konnte.
Vashtu zuckte zusammen, als er sie wieder berührte.
Sie hatte eine verdammte Angst und konnte sich nicht dagegen wehren. Wenn sie nur ... bittere Galle stieg in ihren Mund. Hinter dem Knebel stöhnte sie auf.
"Bald, Itar", sagte er mitfühlend. „Bald ist es überstanden. Dann teilen wir beide wieder das gleiche Wissen. Und dann ..."
Sie erschauderte.
Irgendetwas mußte ihr einfallen! Sie mußte hier heraus, verdammt! Wenn das noch lange so weiterging, würde sie wirklich den Verstand verlieren. Es würde sie besser töten als jede Impfung, wenn er nicht bald nachließ.
Vashtus Augen weiteten sich, als er wieder die Hand mit dem Gerät hob. Entsetzt schüttelte sie den Kopf. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen.
Nein! Nicht jetzt! Nicht diese Erinnerung!
Doch dann fühlte sie bereits die Schmerzen. Sie wurde auf einen Stuhl gefesselt, befand sich in einem schlecht beleuchteten Raum. Und aus dem Schatten trat Acastus Kolya ...

***

"Major Uruhk ist die letzte lebende Angehörige eines Volkes, das man ... Nun, sie waren wohl etwas wie unsere Vorfahren. Wir nennen sie Antiker, sie selbst sich Lantianer", erklärte der General. „Sie ist ... zu einer Zeit, als unsere Vorfahren gerade begannen, die Zivilisation zu entdecken, kehrten die Antiker zur Erde zurück. Major Uruhk aber blieb in der fliegenden Stadt ihres Volkes. Sie war dort eingesperrt worden für etwas, daß sie selbst entwickelt hatte. Sie war ursprünglich Wissenschaftlerin für ihr Volk. Sie selbst spielt ihre Rolle zwar gern herunter, aber sie muß schon etwas besser als der Durchschnitt gewesen sein, nach allem, was wir wissen. Sie begab sich in Stasis und überlebte auf diese Weise rund zehntausend Jahre, bis sie erwachte, als eine Expedition von der Erde die Stadt ihres Volkes betrat."
Hernan nickte nur stumm und starrte auf das riesige Metallrund, das sich in dem anschließenden Raum befand. Er hatte mitangesehen, wie es aktiviert wurde und eine Gruppe Männer durch etwas gekommen waren, das wie ein vertikaler Teich ausgesehen hatte. Jetzt war es wieder nur ein eigenartiger Reifen, der da aufrecht in dem Raum stand.
"Major Uruhk schloß sich der Erde an", fuhr Landry mit ruhiger Stimme fort. „Wir gaben ihr die Möglichkeit, sich hier und heute ein Leben aufzubauen. Schließlich erhielt sie ihr eigenes SG-Team, mit dem sie fremde Planeten besucht."
Wie betäubt nickte Hernan.
"Das ganze hörte sich für ihn einfach nur wie Science Fiction an. Wenn ihm das jemand erzählt hätte, er hätte nicht ein Wort geglaubt. Hatte es da nicht eine kurzlebige Fernsehserie gegeben namens „Wormhole Extreme"?
"Nach außen wirkt sie wie ein normaler Mensch", erklärte Landry weiter. „Aber tatsächlich arbeitet ihr Gehirn mit einer höheren Kapazität als unseres. Sie verfügt über leichte telepatische Gaben und ... Nun, der Grund, aus dem ihr eigenes Volk sie zurückließ in Atlantis war der, daß sie sich selbst einer Gentherapie unterzogen hat in einem Selbstversuch. Sie trägt in sich Zellen von zwei nicht- oder nur bedingt humanen Spezies, die ihr zusätzliche Kräfte verleihen. Durch diese Zellen ist sie auch jung und vital geblieben während ihrer langen Stasis."
"Dann ist sie wirklich in der Bank die Wand hinaufgelaufen!" Das war tatsächlich der erste Satz, den Hernan zu sagen hatte nach einer, ihm unendlich vorkommenden Zeit, in der er nur dem General gelauscht und das Stargate angestarrt hatte.
"Ja, das ist ihr möglich. Sie verfügt auch über wesentlich mehr Körperkraft als ein Mensch, kann sogar bedingt ihr Erscheinungsbild etwas verändern", antwortete Landry. „Und Wunden heilen extrem schnell bei ihr und hinterlassen keine Narben."
Hernan schluckte hart.
Das ganze hörte sich für ihn eher wie eine Superheldenfigur aus einem der Comics an, die er als Kind verschlungen hatte. Unbesiegbar und unsterblich. Fehlte nur noch Kryptonit!
"Dieser Nisroch, über den Sie gestolpert sind, Detective, ist ein Goa'uld", begann Landry jetzt mit einer neuen Erklärung. „Auch er sieht menschlich aus, ist es wahrscheinlich irgendwann auch gewesen. Aber er trägt einen schlangenähnlichen Parasiten in sich, der die Kontrolle über sein Denken und Fühlen hat. Nisroch ist schon früher in Erscheinung getreten, immer gemeinsam mit einem anderen Goa'uld namens Itar. Die beiden sind ein Paar, was bei den Goa'uld sehr selten vorkommt, da es sich bei diesen Parasiten um extreme Egomanen handelt. Der menschliche Körper von Itar wurde vor einiger Zeit getötet, das hatte Captain Storm ja vorhin erwähnt. Aber offensichtlich ist es Nisroch gelungen, den Goa'uld zu bergen und ihm irgendwie eine Möglichkeit zu geben, bis jetzt zu überleben."
Hernan schluckte.
Was er hier gerade erfuhr, stellte nicht nur sein Leben auf den Kopf, nein, es ging gegen jede Spur seines Verstandes. Wie sollte er damit umgehen? Wie sollte er mit diesem Wissen weiterleben? Er wußte es nicht. Aber ihm war klar, Landry würde ihm all das nicht erzählen, wenn es nicht irgendwelche Pläne für ihn geben würde.
"Nach dem, was Sie ermittelt haben, sieht es aus, als habe Nisroch Major Uruhk in eine Falle gelockt, um sie in einen Goa'uld zu verwandeln und Itar wieder einen menschlichen Körper zu geben. Sollte ihm das gelingen, werden wir mehr als eine unbedeutende Militärangehörige verlieren. Major Uruhk ist in der Lage, eine geheime Waffenplattform ihres Volkes auf unserem Planeten zu bedienen. Außerdem besitzt sie unschätzbares Wissen über Dinge, die wir uns nicht einmal erträumen können. Ganz zu schweigen von der Gefahr, die von einer genveränderten Antikerin mit einem Goa'uld in ihrem Inneren ausgehen könnte."
Hernan versteifte sich. „Diese Geschichte über die Antarktis ist wahr?" Seine Augen wurden groß.
Landry nickte. „Ja, sie ist wahr. Es gab einen Krieg gegen außerirdische Invasoren."
Hernan schluckte hart.
Das alles war kaum zu glauben. Wenn er es nicht mit eigenen Augen sehen würde, er würde dafür sorgen, daß dieser General und seine ganze Mannschaft hier in die geschlossene Anstalt eingeliefert würden. Aber so, wie die Dinge lagen ...
"Was wollen Sie von mir?" Endlich wandte er sich von dem Stargate ab und erwiderte Landrys Blick. „Sie haben mir das alles doch nicht erzählt, wenn Sie nicht irgendwelche Pläne hätten."
"Wir brauchen Ihre Spürnase, Detective. Was Sie herausgefunden haben, und das ohne jede Autorisation, ist mehr, als wir wußten."
Hernan verzog das Gesicht zu einem gequälten Lächeln. „Und was dann? Sie werden mich wohl kaum einfach laufen lassen, oder?"
"Das kann ich in der Tat nicht. Aber ich kann Ihnen etwas anbieten. Ein Angebot direkt aus Washington. Wenn Sie uns helfen, wird das Ihrer Karriere einen gewissen Schub in eine gewisse Richtung geben, wenn Sie verstehen."
Der Detective nickte stumm.
Landry lächelte. „Gut, dann hoffe ich auf Ihr Einverständnis. Wir brauchen einen Sicherheitschef für eine unserer internationalen, nichtmilitärischen Einrichtungen. Dieser Posten wäre ideal für Sie, Detective."
Hernan atmete tief ein.

***

Vashtu erkannte ihre Chance.
Babbis beugte sich über sie, einen Verband in der Hand.
"Erwürgen Sie mich nur nicht, Kolya wird das nicht sehr gefallen."
Sie konzentrierte sich auf seine Augen.
"Ich will nur helfen", entgegnete Babbis.
Vashtu biß sich auf die Lippen, um die Entgegnung, die ihr auf der Zunge lag, hinunterzuschlucken. Sie spürte noch immer das fragende Wispern des Goa'ulds in sich. Er wollte nähere Angaben zu Kolya. Er wollte wissen, wer dieser Feind war und wie es ihm gelungen war, das Tor zu manipulieren.
Vashtu stemmte sich mit aller Macht dagegen, dachte an alles mögliche, nur nicht an diese Sache. Sie durfte nicht verraten, daß sie wußte, was der Genii gegen sie eingesetzt hatte und warum das Tor plötzlich in zwei Richtungen funktionierte. Sie mußte sich auf Babbis konzentrieren. Sie mußte diese eine Chance nutzen, ehe sie verstrich.
"Wir müssen hier heraus, Peter", sagte sie unvermittelt und richtete sich trotz der Schmerzen auf. „Der Spiegel. Dahinter befindet sich eine Kamera. Atlantis nimmt alles auf, was Kolya während der achtunddreißig Minuten sendet. Wir müssen John einen Code durchgeben! Er muß wissen, wo wir uns befinden. Nur er und ich haben relativ unbeschränkten Zugang zum Hauptrechner."
"Was?" Babbis starrte sie entgeistert an.
Vashtu wußte, auch der Goa'uld wurde aufmerksam, und gerade das hatte sie erreichen wollen. Er wußte ohnehin von dem Steuerkristall, sie hatte es ihm bereits verraten müssen. Aber auf keinen Fall durfte er nähere Angaben zu Atlantis bekommen. Und das bedeutete, sie mußte ihre Erinnerungen verändern.
"Was sollen wir tun?"
Vashtu konzentrierte sich.
Das hier waren ihre Erinnerungen. Und sie allein hatte die Macht, diese zu verändern. Sie brauchte nur genug Geschick, damit der Goa'uld nicht aufmerksam wurde. Sie mußte ihn in die Irre führen, und sie war gerade auf dem besten Weg dazu, genau dies zu tun.
"Helfen Sie mir hoch", sagte sie, stemmte sich gegen die Wand.
Babbis kam ihr sofort zu Hilfe. In ihrem Inneren wisperte der Goa'uld und verlangte nach mehr. Er wollte die Zeit beschleunigen, doch das ließ sie noch nicht zu. Sie mußte sich überlegen, wie diese Erinnerung verlaufen sollte, sonst hatte sie ein Problem.
"Nehmen Sie die Salbe und schreiben Sie den Code auf", befahl sie Babbis, starrte zu dem Spiegel hinüber.
Wie lange blieb ihr noch? Konnte sie ihren Geist davon überzeugen, eine weitere Anomalie zuzulassen? Sie mußte es riskieren.
Babbis zog sich gehorsam die Jacke aus.
Vashtu starrte weiter auf den Spiegel. Dann begann sie, irgendeinen willkürlichen Code zu nennen. Sie konnte nicht riskieren, daß der Goa'uld den richtigen erhielt. Sie mußte ihre Phantasie spielen lassen und sie mit ihren Erinnerungen verknüpfen. Sonst hatte sie wirklich schlechte Karten.
"Und, Peter, kommen Sie in Atlantis ja nicht auf dumme Gedanken. Eine Impfung reicht vollkommen, Sie brauchen nicht auch eine", warnte sie ihr Teammitglied mit einer kryptischen Äußerung.
Der junge Wissenschaftler starrte sie groß an. „Woher ... ?" Er schloß den Mund und zog die Jacke an.
"Man sieht es Ihrer Nasenspitze an, Peter, daher weiß ich es." Vashtu grinste.
Im nächsten Moment zuckte wieder der Schmerz durch ihr Hirn, als das Gerät deaktiviert wurde. Qualvoll stöhnte sie auf, doch gleichzeitig fühlte sie einen gewissen Triumpf in sich wachsen.
Sie hatte ihn auf eine falsche Fährte geführt! Es war ihr gelungen, aktiv in ihre Erinnerungen einzugreifen und so hoffentlich zu verhindern, daß er noch mehr erfuhr, als er bis jetzt wußte.
Keuchend ließ sie das Kinn auf ihre Brust sinken und schloß die Augen. Ihr Kopf schmerzte von der ganzen Anstrengung. Sie war es nicht mehr gewohnt, ihr Hirn dermaßen zu verdrehen, wie sie es jetzt schon seit ... ja, seit wann? ... tat.
"Ruh dich aus, Itar. Ich werde über deinen neuen Körper wachen. Es ist spät geworden."
Vashtu versteifte sich unwillkürlich wieder, als er sie berührte. Diesmal kontrollierte er den Sitz des Knebels, dann die Fesseln, ehe er sich erhob.
Unter ihren Ponyfransen blickte sie auf und beobachtete, wie er hinter ihr verschwand. Die Tür fiel wieder ins Schloß, ein Schlüssel wurde herumgedreht.
Sie ließ sich erschöpft zur Seite fallen und schloß die Augen wieder.
Sie war so unendlich müde!

***

"Ein schwarzer Sportwagen, Marke BMW, Kennzeichen ..." Hernan blätterte kurz in seinem Notizbuch, gab dann auch dieses durch. „Gemeldet auf einen gewissen Tom Finnigan, Doktor der Psychologie. Sollte heute gegen elf Richtung Denver unterwegs gewesen sein. Habt ihr da was?"
"Scheiße, und ob wir was haben! Die Karre hat sich einem anderen Wagen ein Rennen geliefert. Ein Wunder, daß dabei niemand zu schaden kam", antwortete die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Finnigan, sagst du? Oh Mann, das ist übel!"
Dorn richtete sich auf. Landry hatte ihn abgestellt, mit Hernan zusammenzuarbeiten. Jetzt wartete er darauf, daß es endlich losging.
"Wieso?" Der Detective warf ihm einen fragenden Blick zu.
"Melicent geht zu ihm, hält sogar große Stücke auf diesen Finnigan", erklärte die Stimme. „Daß der so austickt ... hätte ich nie gedacht. Der kann doch keiner Fliege was zuleide tun."
Dorn sah den Polizisten starr an.
"Dieser Finnigan ist da in eine Sache geraten ... Naja, du kennst das ja, Huck", begann Hernan zu erklären.
"Verstehe ... Was willst du wissen?"
"Habt ihr irgendetwas genaueres als Richtung Denver?"
Ein Seufzen. „Joe, du weißt ..."
"Ich arbeite wieder." Hernans Stimme klang entschieden.
"Du hast deine Marke zurück? Na, herzlichen Glückwunsch. Laß die Bestätigung rüberfaxen, dann ..."
"Detective Hernan arbeitet unter Code Alpha", mischte sich Dorn plötzlich ein. „Nationale Sicherheit, Status orange."
Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann eine Frage: „Und mit wem spreche ich jetzt?"
"George Dorn, US-Marine-Corps."
"Joe?"
"Das ist wahr, Huck", bestätigte Hernan und warf Dorn einen bitterbösen Blick zu. „Ich kann dir nichts faxen. Dieser Fall ist streng geheim."
"Scheiße!"
Dorn erwiderte den Blick des Polizisten regungslos und wartete.
"Der BMW ist vom Highway runter an der Ausfahrt Waldercreek. Danach habe ich nichts mehr von ihm", antwortete Huck am anderen Ende endlich. „Von da aus kommt man auch nach Denver, wenn auch auf Umwegen."
"Das ist ein Waldgebiet ..." Hernan runzelte die Stirn.
Dorn nickte, beugte sich vor. „Kennen Sie da jemanden?"
Hernan zögerte, dann nickte er, wandte sich wieder seinem Gesprächspartner am Telefon zu. „Danke, Huck. Du hast mir schon sehr weitergeholfen."
"Sieh nur zu, daß du keinen Fehler machst, Joe. Nationale Sicherheit! Mann!"
"Grüß Melicent von mir." Hernan drückte eine Taste und die Verbindung wurde unterbrochen.
Dorn nickte und lehnte sich zurück, den anderen noch immer im Auge behaltend.
Hernan verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Okay, Waldercreek. Das Gebiet ist riesig, da können wir wochenlang suchen." Er lehnte sich über Landrys Schreibtisch und starrte das Telefon an. „Die Frage ist, hat die Forstverwaltung irgendetwas bemerkt."
"Anrufen."
Hernan warf dem Marine einen amüsierten Blick zu. „Klar, aber das ist jetzt zu spät. Die sind nur tagsüber im Dienst."
Dorn runzelte unwillig die Stirn.

TBC ...

14.04.2010

Die Falle II

Als Vashtu zu sich kam, fühlte sie sich wie erschlagen. Zwar waren es nicht mehr die Schmerzen wie beim ersten Mal, als sie von einer ZAT getroffen worden waren, doch sie wußte sofort, was an ihr nagte: verletzter Stolz!
Sie hatte es mit dem Trust aufnehmen wollen, in der festen Überzeugung, daß es, ebenso wie bei den anderen Malen, gut für sie ausgehen würde. Daß es einmal anders sein würde, daß sie wieder in eine Falle lief - nein, damit hatte sie niemals gerechnet. Und erst recht nicht mit ...
Tom!
Vashtu riß die Augen auf und hob den Kopf.
Sie lag auf dem dreckigen Boden der Hütte, und ein Stück entfernt konnte sie ...
Vashtu schloß die Augen und ließ den Kopf wieder sinken.
Tom war tot. Sie wußte nicht, warum, wer auch immer sie hergelockt hatte, ihn nicht gleich mit einem dritten Schuß endgültig beseitigt hatte, aber sie hatte noch deutlich die beiden Schüsse, die auf den, der sie getroffen hatte, gefolgt waren, gehört. Wenn der Psychologe zweimal getroffen worden war, war er tot. Und sie war sich ziemlich sicher, daß der Schütze eben dies gewollt hatte.
Langsam öffnete sie die Augen wieder, sah sich von ihrem Standort aus um, richtete schließlich ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst.
Sie lag in einer eigenartigen Position auf dem Boden und konnte die Metallschellen fühlen, die ihre Handgelenke umwanden. Als sie kurz an ihnen ruckte, wußte sie, daß diese mit ihren Knöcheln verbunden waren. Sie konnte, wenn sie die Finger ausstreckte, fast ihre Schuhe berühren. In dieser Position blieb ihr nicht viel, was sie tun konnte, zumal sie nicht irgendwo festgemacht worden war wie beim letzten Mal. Wenn sie sich vorsetzlich ein Glied abriß, um aus den Fesseln zu kommen, würde es nicht nachwachsen. Es wäre verloren. Zumal ...
Wieder ruckte sie an ihren Fesseln.
Das linke Handgelenk war mit dem rechten Knöchel verbunden, beziehungsweise umgekehrt. Zusätzlich umwand noch irgendetwas, wahrscheinlich ein Klebeband, ihre Handgelenke, wahrscheinlich war es ihr auch um die Knöchel gewickelt worden, um so auch ihre Glieder zu fixieren. Und sie war geknebelt. Irgendetwas, was leicht nach Gummi roch, war fest um ihren Kopf gebunden, wahrscheinlich auch wieder Klebeband. Es schnitt in ihre Wangen und preßte ihre Lippen gegen die Vorderzähne. Ihre Gesichtsmuskeln fühlten sich an, als hätte sie bereits erste Krämpfe hinter sich.
Gut, sie lag hier, relativ unbeweglich, weil die Art ihrer Fesselung keine großartigen Bewegungen zuließ und sie sich im Moment auch noch nicht befreien konnte. Auch konnte sie nicht schreien, solange sie geknebelt war. Aber vielleicht ...
Vashtu versuchte, den Knebel irgendwie zu lockern, doch das wollte ihr nicht gelingen. Ihre Wangenmuskeln konnte sie im Moment nicht einsetzen, ebensowenig die Fremdzellen, es sei denn, sie wollte riskieren, sich selbst zu verstümmeln. Und das wäre wirklich der letzte Ausweg.
Die Tür öffnete sich, jemand betrat die Hütte. Sie konnte die Schritte hören, reckte den Hals in den Nacken.
Ein Mann. Ein Fremder. Sie kannte ihn nicht, das war sie sich ...
Seine Augen leuchteten in einem gelblichen Licht auf.
Vashtu zuckte zusammen, als sie sich erinnerte.
Doch sie kannte ihn, zumindest hatte sie ihn einmal kurz gesehen. Und zwar, als der Trust sie das erste Mal entführte und in dieses leerstehende Bürogebäude gebracht hatte. In der Tiefgarage hatte sie ihn gesehen, nur kurz, ehe sie geflohen war.
Ein Goa'uld!
Vashtus Atem beschleunigte sich unwillkürlich.
Der Mann blieb stehen, sah auf sie hinunter. Dann beugte er sich über sie und packte sie unter den Achseln.
"Ganz ruhig", sagte er mit diesem tiefen, eigenartigem Timbre. „Du bist in Sicherheit, Itar."
Itar?
Vashtu verkrampfte sich unwillkürlich, als er begann, sie zu der hinteren Tür zu schleifen. Wirklich zu wehren vermochte sie sich nicht, dazu war ihr Körper zu unbeweglich durch die Fesselung. Aber vielleicht konnte sie es ihm etwas schwerer machen.
Doch ähnlich wie ein Wraith, der sich gerade genährt hatte, schien auch dieser Goa'uld unter übersteigerten Kräften zu stehen. Als sie sich verkrampfte und zu winden versuchte, um sich von ihm loszumachen, packte er einfach fester zu, hob sie schließlich ganz vom Boden und schleppte sie unsanft durch die Tür in den hinteren Raum.
Dieses Zimmer war nur unzureichend beleuchtet, sah Vashtu sofort. Einige Lichtkugeln auf dem Boden sandten weiches Licht aus. Und nahezu in der Mitte des Raumes befand sich etwas, was entfernt an einen Kessel erinnerte, nur daß er durchsichtig wie Glas oder Kristall war. Und in diesem Bottich bewegte sich etwas.
Vashtu sträubte sich noch erbitterter und stieß unterdrückte Rufe aus, doch es half ihr nichts. Solange sie ihre Fremdzellen nicht einsetzen konnte, war sie hilflos wie eine normale Menschenfrau. Und sie konnte es nicht wagen, sich am Ende noch einer Hand oder eines Fußes selbst zu berauben.
Der Goa'uld zerrte sie an dem Bottich vorbei, so daß sie ihn im Rücken hatte. Dann ließ er sie wieder zu Boden und begann akribisch, sie richtig zu positionieren. Augenblicklich protestierten ihre Muskeln, als er sie zwang, sich hinzuknien. Ihre Schultern spannten, ihr gesamter Körper wurde ein Stück nach hinten gerissen durch die Fesseln. Aber es war die einzige Art, wie sie schließlich irgendwie hocken konnte. Unwillkürlich spreizte sie ihre Knie ein wenig, um eine festere Position zu erreichen.
"So ist es gut, Itar. Bleib so, dann ..." Er richtete sich wieder auf.
Vashtus Atem kam keuchend.
Was hatte er vor? Warum ließ er sie in einem Raum mit einem Goa'uld? Und warum nannte er sie die ganze Zeit Itar? Wer war das?
Dann hörte sie das Zischen und schloß die Augen.
Tom war fort. Erst hatte der Goa'uld ihn getötet, seinen Körper aber liegenlassen. Jetzt aber war auch der gegangen.
Die Tür schloß sich.
"Dann sind wir beide jetzt endlich ungestört, meine Liebe", wandte der Goa'uld sich an sie. Sie hörte, wie er irgendetwas hinter ihr tat. Es klirrte leicht und leise.
Vashtu schluckte, ihr Atem beschleunigte sich wieder.
"Ich werde dich jetzt vorbereiten, Itar. Du bist auserwählt worden, eine große Ehre zu tragen und meine Gemahlin zu werden - nach einer Vorbereitungszeit, versteht sich. Wir beide werden wieder alles teilen, wie früher schon."
Er näherte sich ihr.
Vashtus Körper versteifte sich.
Was hatte er vor mit ihr?
Er beugte sich über sie, seine Hand strich durch ihr kurzes Haar. Etwas war daran befestigt, an dieser Hand.
Vashtu blickte auf, sah ihn forschend an. Er lächelte.
"Du wirst die schönste der Göttinnen sein, Itar. Ich habe gut gewählt", sagte er, hob die Hand.
Vashtu starrte auf diesen eigenartigen Schmuck, den er sich darüber gestreift hatte. Sie hatte soetwas schon gesehen, im SGC. Man hatte ihr auch erklärt, wofür der kleine Kristall in der Mitte der Handfläche ...
Der Kristall leuchtete auf und gab diesen Lichtstrahl gebündelt an sie weiter. Wie ein Laser schien dieser sich durch ihre Stirn in ihr Hirn zu fressen.
Vashtu keuchte vor Schmerz.

***

"... tja, so war das. Am Ende durfte ich meine Marke abgeben. Und ich habe nicht die blaßeste Ahnung, ob ich die jemals wiedersehen werde." Hernan kreuzte die Arme vor der Brust und ließ sich gegen die Rückenlehne des Sofas sinken.
Dorn nickte sinnend. Sein Blick war auf das Foto einer blonden jungen Frau geheftet, das auf der Anrichte stand. Auf Laurie, seine Tochter.
Wenn er ehrlich war, erinnerte ihn Major Uruhk oft genug an sie, und genau darum hatte er sie schon vom ersten Moment an ins Herz gefaßt. Sie wußte das inzwischen auch, und sie nahm seine Empfindungen für sie gern an. Offensichtlich hatte sie in ihrer Zeit ... Nun, ihre Familie schien damals sehr eng miteinander verknüpft gewesen zu sein.
Dorn wußte, er war der einzige in SG-27, der die Antikerin nicht nur mit ihrem Vornamen anreden, sondern auch duzen durfte. Doch zumindest im Dienst machte er davon keinen Gebrauch. Da war sie seine Vorgesetzte, seine Leaderin. Und sie machte ihre Sache vielleicht nicht immer nach den Regeln, aber immer so, daß ihr Team mit relativ heiler Haut zurückkehrte, selbst wenn sie Schaden nahm. Und sie wußte, sie konnte sich auf den Rest ihres Teams verlassen.
Dorn erhob sich, verließ das Wohnzimmer wieder und nahm den Hörer von seinem Telefon, um eine andere Nummer zu wählen. Aufmerksam lauschte er, dann betätigte er die Gabel und versuchte wieder eine andere. Doch auch hier meldete sich niemand.
Sollte der Major irgendetwas mit Babbis geplant haben? Aber warum war sie dann nicht zum Dienst erschienen? Sie war nie unpünktlich, sie tat ihre Arbeit, mal mit mehr, mal mit weniger Elan.
"Sie können mir also nicht weiterhelfen?"
Dorn richtete sich auf. Und wieder wählte er eine Nummer, fast die gleiche, die er schon einmal gewählt hatte. Doch diesmal meldete sich jemand am anderen Ende.
"General, Sir. Ich schätze, wir haben ein Problem", sagte Dorn emotionslos. „Und jemanden, der uns helfen kann." Bei diesen Worten traf sein Blick auf den des Polizisten.

***

Die Verbindung brach urplötzlich ab und ließ sie in sich zusammensacken. Vashtu keuchte und hielt die Augen weiter geschlossen.
Das war ... Sie hätte niemals geglaubt, daß irgendjemand dermaßen auf sie zugreifen konnte! Ihre Erinnerungen, ihr ganzes Selbst, alles lag offen wie eine blutende Wunde vor ihr, und der Goa'uld konnte darin lesen, wenn er dieses eigenartige Gerät benutzte.
Und dabei wurden ihr beinahe unmenschliche Schmerzen zugefügt und sie erlebte alles noch einmal mit. Sie fühlte, sie dachte, sie war da.
Ihr wurde übel. Was hatte sie verraten? Wieviel wußte er jetzt?
Sie konnte es nicht sagen, sie wußte es nicht mehr. Die Erinnerung war wie ausgebrannt aus ihrem Geist. Sie wußte nur eines, dieses Gerät war gefährlich! Würde er es noch öfter einsetzen ... Sie würgte, hustete dann hinter dem Knebel.
"Pst, ganz ruhig." Jemand wischte ihr den Schweiß vom Gesicht.
Vashtu öffnete nun doch die Augen wieder, nur einen spaltweit, und beobachtete ihn. Der Goa'uld musterte sie stirnrunzelnd.
"Was für eigenartige Erinnerungen du hast", wisperte er ihr schließlich zärtlich zu. „Ich wußte, was du bist, Itar, eine der Alten, die letzte der Alten. Ich wußte, daß es für dich der größte Wunsch war, noch einmal einen solchen Körper zu besitzen. Aber ... gibt es tatsächlich diese Stadt im Ozean? Wo ist sie?"
Vashtu riß die Augen auf, ihr Atem stockte.
Sie hatte Atlantis verraten!

***

Hernan sah sich interessiert um, während der Sergeant ihn die Gänge entlang führte. So sah also eine streng geheime Anlage des Militärs aus. Irgendwie etwas enttäuschend, wie er fand. Man merkte dem ausgehöhlten Berg an, daß er im letzten Jahrtausend angelegt worden war.
"... vollkommen übergeschnappt? Was wollt ihr sein? Ihr wart abgestellt, um sie zu überwachen und zu beschützen! Das ist das zweite Mal, daß ihr versagt habt!" wütete eine bekannte Stimme hallend durch den Gang.
Hernan mußte einen Moment lang überlegen, dann erinnerte er sich. Es war dieser MP-Captain, der während des Banküberfalls die Leitung der Ermittlungen an sich gerissen hatte. Storm, so der Name.
Dorn ließ sich nichts anmerken, noch immer nicht. Wie konnte dieser Mann so stoisch sein? Angeblich sorgte er sich doch um die beiden vermißten Mitglieder seines Teams. Was für ein Team eigentlich?
Hernan hatte mehr oder minder ins Blaue geschossen, als er den Sergeant aufsuchte. Bei seinen Ermittlungen zum Thema NID war er immer wieder gegen Mauern gerannt, die ihm schließlich sogar seine Marke kosteten. Dabei aber war er auch auf etwas gestoßen, zumindest dachte er das. Und Dorn schien das ebenfalls zu denken.
"Ihr werdet die nächste Zeit Dienst am Tor verrichten", wütete Storms Stimme weiter hinter irgendeiner offenen oder angelehnten Tür. „Ich kann nur hoffen, daß nicht irgendein Prior auf den Gedanken kommt, uns ausgerechnet dann anzugreifen. Vielleicht sollte ich das aber auch, verdammt! Dann wäre ich euch endlich los. Noch so ein Schnitzer und ihr landet als Hilfskräfte in AREA 51, verstanden?"
AREA 51? Was sollte das denn bedeuten?
Dorn bog in einen Seitengang ab, blieb kurz darauf vor einer Tür stehen und klopfte an. Dann öffnete er nach einem Atemzug des Wartens und ließ seinem Gast den Vortritt.
Hernan machte einen langen Hals, ehe er das Büro des Leiters dieser Anlage betrat. Der General, Landry sein Name, erhob sich, als er sich schließlich entschloß, den Raum zu betreten.
"Detective Hernan, ich hoffe, Sie hatten keine Schwierigkeiten?" Der Militär reichte ihm die Hand.
Sympatisch, war das erste, was der Polizist dachte. Dieser Mann war ihm wirklich sympatisch, wenn er auch immer noch nicht begriff, was hier eigentlich gespielt wurde.
"Nein, hatte ich nicht. Sergeant Dorn hat offensichtlich ein sehr überzeugendes Wesen." Er lächelte.
Der alternde Marine nickte und schloß die Tür hinter sich, ehe er salutierte.
"Setzen Sie sich. Dorn, Sie auch. Vielen Dank für Ihr rasches Schalten." Landry bot seinen beiden Gästen die Stühle an, die vor seinem Schreibtisch standen, ehe er sich ebenfalls wieder niederließ.
"Sir?" Dorn richtete sich auf und warf dem Leiter dieser Anlage einen fragenden Blick zu.
Landry nickte und faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. Hernan erinnerte das irgendwie an seinen Commissioner.
"Wie es aussieht, ist Major Uruhk tatsächlich verschwunden. Was mit Dr. Babbis passiert ist, wird gerade geklärt. Es gibt da eine offizielle Kündigung. Doch diese wurde nicht unterschrieben."
Dorn runzelte die Stirn.
Die Tür öffnete sich und ein ziemlich verärgerter Captain Storm trat in das Büro. „Sir?"
Landry nickte seinem Sicherheitschef zu. Storms Kiefer mahlten immer noch, sein Gesicht war gerötet.
"Major Uruhk war offensichtlich mit ihrem neuen Bekannten, diesem Dr. Finnigan, unterwegs Richtung Denver", berichtete der MP nun. „Leider wissen wir nichts genaues, weil ... Nun, diese beiden Flaschen sind ab sofort in den Innendienst versetzt."
Landry seufzte. „Wir alle kennen Major Uruhk. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, wird sie das auch durchführen, und wenn sie dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel setzt." Er lehnte sich zurück, doch er wirkte angespannt. „Mit diesem Arzt sagen Sie?"
Hernan spürte den Blick des MPs auf sich und drehte sich halb zu ihm um. Storm musterte ihn stirnrunzelnd, sagte aber nichts.
"Detective Hernan hat Infos", sagte Dorn einfach.
Storm nickte, wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem General zu.
Landry beugte sich vor. „Und was für Informationen haben Sie, Detective?" fragte er.
Hernan atmete tief ein. „Ich weiß, ich hätte nicht weiter forschen sollen, nachdem ich den Befehl des Präsidenten erhielt", begann er zu erklären. „Aber irgendetwas an dieser Sache stank gewaltig. Und damit meine ich nicht nur die Tatsache, daß dieser ganze Überfall mehr oder weniger fingiert war, General."
Landry nickte. „Ich hoffe auch, Sie wissen, daß Sie zukünftig über alles werden schweigen müssen, was Sie hier sehen, Detective."
Hernan zuckte mit den Schultern. „Wenn ich überhaupt noch ein Leben habe, Sir." Er sah wieder zu Storm. „Der Captain unterhielt sich mit dem FBI-Agent während des Überfalls. Dabei fiel ein Begriff, eine Abkürzung: NID", fuhr er mit seinem eigentlichen Thema fort. „Ich forschte nach, was es damit auf sich hat. Nun, die eigentlich Organisation ist inzwischen sauber, das dürften Sie auch wissen. Aber da gibt es eine Splittergruppe, die immer noch als NID-Agenten auftreten. Und diese ... Bei den Bankräubern handelte es sich um Mitglieder dieser Splittergruppe. Sie unterstanden einem gewissen ... Baal."
"Das ist uns bekannt", warf Storm ein.
"Es geht weiter", brummte Dorn stirnrunzelnd.
Hernan nickte, beugte sich vor. „Ich forschte weiter, auch über Ihren Major. Dabei stieß ich auf jemanden, der sich ... Moment." Er zog seinen Notizblock aus der Jackentasche und blätterte darin herum, bis er auf eine Seite stieß, die ihm offensichtlich etwas sagte. „Er nennt sich Nisroch, General. Und, nach allem, was ich herausfinden konnte, war er es wohl, der zuerst auf Ihren Major aufmerksam wurde."
Storm richtete sich plötzlich steif auf und wechselte einen Blick mit Landry. „Itar!" entfuhr es ihm. „Verdammt! Der Kerl hat immer noch nicht aufgegeben!"
Landry wurde unruhig. Seine Augen waren leicht geweitet, als er sich wieder an den Detective wandte: „Was haben Sie noch? Hat Nisroch es auf Major Uruhk abgesehen aus einem bestimmten Grund?"
Hernan zögerte, blickte etwas hilflos auf. „Er hat sich aus dem ... .dem Trust zurückgezogen, so die Deckorganisation, der er und auch dieser Baal, sowie der NID, unterstehen. Er arbeitet auf eigene Faust. Die Informationen, die ich ... äh ... sie sind etwas merkwürdig, General. Irgendetwas von einem Körper."
Landry wurde blaß. Er schien sehr genau zu wissen, um was es ging.
"Itar ist tot", warf Storm ein. „Ich habe sie selbst erschossen, Sir. Aber der Goa..." Hörbar klappten seine Kiefer wieder aufeinander, als Landry ihm einen warnenden Blick zuwarf.
"Er hat noch mehr", kommentierte Dorn mit tiefer Stimme. Irrte er sich, oder bebte sie jetzt doch etwas.
Sofort richteten sich die zwei Augenpaare von Landry und Storm auf den Polizisten.
Hernan schluckte, nickte aber. „Ganz genau. Dieser Dr. Finnigan, mit dem Ihr Major des öfteren ihre Zeit verbringt, ist nicht, was er zu sein vorgibt. Meine Nachforschungen ergaben, daß er vor gut fünfzehn Jahren in einen Drogenfall verwickelt war und in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde."
Storm wechselte wieder einen Blick mit seinem Vorgesetzten. „Das ist ..."
"Dann ist Nisroch über Finnigan an Major Uruhk herangekommen." Landry lehnte sich wieder zurück und starrte vor sich hin.
"Sir, ein Schiff in der Nähe?" ließ Dorn sich plötzlich vernehmen.
Landry sah den Marine stirnrunzelnd an. „Was?"
"Ein Schiff in der Umlaufbahn?" wiederholte Dorn ruhig.
"Der ID-Chip!" Storm schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Vielleicht kann uns die ISS wieder aushelfen?"
"Das wird nicht möglich sein. Und, Sergeant, nein, die Schiffe sind im Moment alle unterwegs. Frühestens in drei Tagen wird die Daedalus uns wieder zur Verfügung stehen", antwortete Landry, ließ dabei den Polizisten nicht aus den Augen. „Wenn Nisroch Major Uruhk hat, haben wir keine drei Tage. Wenn es ihm gelingt, sie in eine neue Itar zu verwandeln, haben wir Chaos auf der Erde - und vielleicht auch in ... Atlantis."
Hernans Augen wurden groß.
Wohin war er hier geraten? Was sollte das bedeuten? Wie ... ?
"Detective, folgen Sie mir." Landry erhob sich.
Hernan nickte und stand ebenfalls auf. Irgendwie beschlich ihn unversehens das Gefühl, noch nie so nahe an der Lösung vieler Rätsel gewesen zu sein.

TBC ...

12.04.2010

1.16 Die Falle

TV-Serie: Stargate general
Reihe: SG-V (SG-27)
Genre: adventure, whump, CD
Rating: PG


"Du hast was? Tom!" Vashtu Uruhk stand, die Arme vor der Brust gekreuzt, mit geweiteten Augen und starrem Gesicht, vor ihrem Küchentresen und starrte ihren Gast mit einer Mischung aus Schrecken und Begreifen an.

Tom Finnigan, der hochgewachsene, schlanke Mann mit den kurzen dunklen Haaren, ließ seufzend die Schultern hängen. „Ich hatte keine andere Wahl", entgegnete er. „Es gibt da Dinge, von denen du nichts weißt."

Vashtu schüttelte den Kopf. In ihren Augen flammte Wut auf. „Das gibt dir nicht das Recht, mich an irgendwen zu verraten. Tom! Ausgerechnet ... Das sind gefährliche Männer!"

Das ist mir klar." Der Psychologe nickte. „Und ich habe ihnen so gut wie nichts gesagt. Aber bei dem Überfall ... Da ..." Hilflos hob er die Hände.

Vashtu atmete tief ein und preßte die Lippen aufeinander. Dann stieß sie sich vom Tresen ab und wollte an ihm vorbei zum Tisch, und damit an ihr Telefon.

Tom hielt sie auf. „Bitte, Vash! Wenn du ... Die werden mich umbringen!" In seinem Blick war pure Verzweiflung.

Sie sah ihn starr an, wollte ihm schon eine geharnischte Antwort geben. Dann aber wich sie zurück.

Tom seufzte erleichtert. „Vash, ich habe ihnen wirklich so gut wie nichts verraten ... ich weiß doch nicht einmal etwas über dich außer dem, was du mir erzählt hast. Und das fällt unter die Schweigepflicht. Es gibt da etwas in meinem Leben ... Ich habe früher einmal mit ziemlich üblen Leuten zusammengehangen, Vash. Und diese Leute ..." Hilflos zuckte er mit den Schultern.

Vashtu nagte an ihrer Unterlippe. Einerseits hatte sie John Sheppard versprochen, daß sie nichts tun würde, sollte der Trust noch einmal versuchen, an sie heranzukommen. Andererseits ... zweimal hatten sie versucht, sie zu entführen, und beim ersten Mal hatten sie zumindest einen Teilerfolg zu verbuchen gehabt. Beim letzten Mal aber ...

Tom schien ihr wirklich verzweifelt zu sein. Er wußte nicht mehr ein noch aus. Darum war er zu ihr gekommen und hatte ihr gebeichtet, was in den letzten Wochen geschehen war. Zwar noch kein echter Vertrauensbeweis, aber immerhin.

Außerdem, und das mußte sie offen zugeben, reizte es sie, dem Trust ein drittes Mal zu zeigen, daß sie kein hilfloses Frauchen war, für das sie von ihnen offensichtlich immer wieder gern gehalten wurde. Um genau zu sein, es ärgerte sie sogar, daß man soetwas von ihr annehmen konnte.

Also gut." Sie straffte sich. „Wo ist dieser Treffpunkt?"

Tom erbleichte. „Was?" fragte er mit weit aufgerissenen Augen.

Vashtu sah ihn starr an. „Wohin solltest du kommen mit den Sachen über mich?" wiederholte sie ungeduldig ihre Frage.

Aber ... Vash, was hast du vor?"

Ihnen ein für allemal klar machen, daß ich nicht zur Verfügung stehe, das habe ich vor!" In ihren Augen blitzte kalte Wut. „Wenn sie es aus dem letzten Mal immer noch nicht gelernt haben, müssen sie es eben anders begreifen. Dann komme ich zu ihnen und erkläre ihnen meinen Standpunkt selbst."

Das ... das ..." Er schloß den Mund.

Vashtu schüttelte ungeduldig den Kopf, trat jetzt doch an ihm vorbei, ging aber in ihren Flur hinaus und öffnete eine Lade ihres Sideboards, um einen Umschlag herauszunehmen.

Du kannst doch nicht allein ..."

Ich kann und ich werde, Tom Finnigan. Und du kommst mit!" entschied sie.

Sie würde sich nicht wie eine dumme Gans einfach so einfangen lassen! Das würde dem Trust so passen. Sie würde ihnen klar machen, mit wem sie sich da hatten anlegen wollen. Es reichte allmählich! Sie wollte ihr Leben wieder leben, ohne die Schatten, die Storm ihr angehängt hatte. Sie wollte sich endlich wieder frei bewegen können, verdammt!

Sie nahm sich die Kette mit dem Steuerkristall ab und steckte sie in den Umschlag, dann verschloß sie ihn und dachte kurz nach, ehe sie ihn in die Tasche ihrer Fliegerjacke stopfte. Unten war ein Briefkasten, dort konnte sie ihn einwerfen. Peter Babbis würde wissen, was zu tun war und ihr den Kristall zurückgeben. Andererseits, sollte etwas passieren, hatte sie die Sicherheit, daß zumindest Atlantis vor den Goa'uld weiterhin geschützt war. Außer ihr und John Sheppard gab es niemanden ganzen Universum, der den Kristall gebrauchen konnte.

Sie nahm ihre Jacke und streifte sie über. Aus einer anderen Schublade nahm sie ihre Beretta, kontrollierte sie kurz und steckte sie dann ein.

Und jetzt fährst du mich zu diesem Treffpunkt, Tom!" Mit einem kalten Funkeln in den Augen drehte sie sich um und sah den Psychologen an.


***


Als Dr. Peter Babbis die Tür öffnete, klappte ihm unvermittelt die Kinnlade herunter, als er die Gestalt sah, die vor seiner Wohnung stand. Dann erst ging ihm auf, wen er da vor sich hatte und er trat einen Schritt zur Seite.

Vater", begrüßte er den Mann, der vor ihm stand, machte eine einladende Handbewegung. „Komm doch rein, bitte."

Professor Alastair Babbis sah seinen Sohn einen Moment lang mit einer undeutbaren Miene an, dann überschritt er die Schwelle. Naserümpfend sah er sich in dem Ein-Zimmer-Apartment um.

Babbis zögerte, schloß dann die Tür wieder und drehte sich um. „Wo ist Mum?" fragte er.

Der Professor winkte ab. „Wo soll sie schon sein? Im Vollrausch vor ein Auto gelaufen, das ist sie und liegt jetzt mit diversen Verletzungen im Krankenhaus."

Der junge Wissenschaftler runzelte die Stirn, sagte aber nichts.

Nicht einen Moment denkt dieses Weib daran, was ihre Eskapaden mir antun können." Der Professor drehte sich wieder um und sah sich noch einmal kritisch um. „Ebensowenig wie du, Peter. Hast du eigentlich eine Ahnung, was deine ... deine Arbeit für das Militär für mich bedeutet? Und was soll dieser Quatsch? Was für Unmöglichkeiten hast du denn noch geplant? Maschinenbau, Mathematik und Astrophysik? Wie soll dir das jemals weiterhelfen?"

Und wie sollte mir englische Literatur und Philosophie weiterhelfen?" erdreistete Babbis sich zu fragen. Er kreuzte die Arme vor der Brust und funkelte seinen Vater an. „Und ich arbeite gern für das Militär. Man bietet mir dort Möglichkeiten, die ich sonst niemals hätte nutzen können. Nur allein ... Ich bin inzwischen wichtig, Vater. Ich!"

Der Professor hob eine Braue. „Du und wichtig? Das ist lächerlich! Wärst du in Boston geblieben, wo du auch hingehörst, dort hättest du es zu etwas bringen können - als mein Sohn! Aber du ziehst es ja vor, dich beim Militär lächerlich zu machen. Streng geheim, uuh!" Er schüttelte sich. „Mit tumben Waffennarren zusammenarbeiten, die den Verstand einer Amöbe haben? Und ich soll da nicht einschreiten?"

Genau das ist der Grund, aus dem Mum trinkt und ich weggegangen bin, Vater. Genau das!" fuhr Babbis seinen Gegenüber an. „Wie geht es ihr?" Leichte Sorge zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.

Wem?"

Mum!" Babbis atmete tief ein, schüttelte dann den Kopf und ging an seinem Vater vorbei.

Wo willst du hin?" bellte der Professor ihn an.

Ich packe meine Sachen zusammen und fahre nach Boston, Vater", antwortete Babbis mit konzentriert ruhiger Stimme. „Ich will selbst sehen, wie es Mum geht. Vielleicht können die Ärzte ..."

Quacksalber! Stümper! Von denen hat noch keiner irgendetwas zu stande gebracht." Der Professor schnaubte. „Aber gut, daß du zumindest soviel Verstand hast. Ich bin gekommen, um dich zurück zu holen. Deine Arbeit für das Militär ist beendet. Ich habe da meine Beziehungen spielen lassen."

Babbis hielt inne in seinem Packen und blickte auf. „Was?" Sein Gesicht war blaß geworden.

Ausgerechnet jetzt tauchte sein Vater wieder in seinem Leben auf! Ausgerechnet jetzt, da er endlich auf dem richtigen Weg war und seine Zusammenarbeit mit Vashtu Uruhk Fortschritte machte. Und dann ...

Der Professor nickte befriedigt. „War gar nicht so schwer. Senator Watts schuldete mir noch einen Gefallen."

Hast du den Verstand verloren?" Babbis richtete sich wieder auf. In seinem Gesicht war Schrecken und Unglauben zu lesen. „Ich habe doch gerade gesagt ..."

Du, ein Hochbegabter, mit zweiundzwanzig schon drei Titel, soll beim Militär versauern? Das konnte ich doch nicht zulassen!"

Ich bin dreiundzwanzig, Vater!" bellte Babbis wütend los. „Und ich werde das SGC nicht verlassen, hast du das verstanden? Du magst denken, was du willst. Ich gehe nicht hier weg. Ich bin froh, daß ich es bis hierher geschafft und endlich den Posten inne habe, den ich von Anfang an wollte. Ich arbeite in einem Team, zusammen mit anderen Wissenschaftlern, Vater! Meine Vorgesetzte ist ebenfalls hochintelligent, und was sie ... Ich kann von ihr lernen, und ich bin der Meinung, jeder könnte von ihr lernen, wenn man sich auf sie einläßt. Ich werde das jetzt nicht aufs Spiel setzen!"

Professor Babbis sah seinen Sohn hochmütig an. „Ich habe von deiner Vorgesetzten gehört, diesem Major Vashtu Uruhk. Watts überließ mir Teile ihrer Personalakte. Und was ich dort gelesen habe, klingt für mich alles andere als intelligent."

Babbis' Gesicht wurde aschfahl. „Du hast was? Du hast doch gar nicht die nötige Autorisation dazu!" Seine Stimme kippte. „Major Uruhk hat mir mehr als einmal das Leben gerettet, Vater. Ich werde sie jetzt nicht im Stich lassen!"

Du wirst tun, was das beste für dich ist, Sohn. Ich habe mir deine dummen Ideen schon länger als nötig gefallen lassen. Pack endlich deine Sachen, damit wir von hier verschwinden können. Deine ... Militärlaufbahn ist vom heutigen Tage an beendet."


***


Da vorn ist es." Tom wies auf einen dunklen Schatten zwischen den Bäumen.

Vashtu fuhr den Wagen zwischen einige niedrige Büsche und hielt dort. Sinnend überlegte sie noch einmal, ehe sie die Beretta wieder aus der Jackentasche holte.

Der Herweg hatte es denn doch erforderlich gemacht, daß sie sich hinter das Steuer setzte, da Tom die MP, die ihnen die ganze Zeit über auf den Fersen gewesen war, nicht abhängen konnte. Also hatten sie irgendwann, zwischen Colorado Springs und Denver, die Plätze getauscht und sie den sie verfolgenden Wagen abgeschüttelt, wenn auch nicht ohne Kommentare ihres Beifahrers. Aber sie konnte Storms Männer im Moment nicht gebrauchen. Sie wollte diese Sache allein klären, und sie würde das auch tun!

Sie öffnete die Fahrertür. „Komm mit", sagte sie und stieg aus. Draußen sah sie sich erst einmal aufmerksam um und lauschte. Jetzt konnte sie sich verfluchen dafür, daß sie ihren Energiedetektor im Cheyenne-Mountain gelassen hatte. Aber wer hatte denn auch denken können, daß sie sich ausgerechnet heute mit dem Trust anlegen wollte? Außerdem ... wie hätte sie Tom erklären sollen, was das für ein Gerät war, das zwar funktionierte, solange sie es in ihren Händen hatte, aber sobald er es nahm, sich komplett abschaltete?

Bist du sicher? Ich meine ... Es könnte auch eine Falle sein", sagte er mit leicht bebender Stimme.

Vashtu schüttelte unwillig den Kopf und marschierte mit strammen Schritten los.

Natürlich konnte das eine Falle sein, alles konnte eine Falle sein! Sie konnte auch einen Morgen aufwachen und sich in irgendeiner Zelle wiederfinden. Manchmal zweifelte sie wirklich an ihrer eigenen Menschenkenntnis, wenn es um Tom ging.

Was er ihr auf der Fahrt hierher erzählt hatte, nagte immer noch an ihr. Er, der ihr so sympatisch gewesen war von Anfang an, dem sie Vertrauen geschenkt hatte, besaß selbst ein düsteres Geheimnis - ein sehr viel düstereres Geheimnis als sie je vermutet hätte. Als Jugendlicher war Tom, damals noch unter einem anderen Namen und mit einem etwas anderem Aussehen, irgendwie in die Machenschaften eines Drogenkartells hineingestolpert. Als Kronzeuge hatte er gegen die Bosse ausgesagt, und dafür eine neue Identität erhalten, neben einem sehr guten Job in der Spezialklinik in Colorado Springs.

War es das gewesen, das sie von Anfang an gespürt hatte bei ihm? War es dieser verlockende Widerspruch, den sie wahrgenommen hatte an ihm? Er, der sich meilenweit von jedem Streit entfernt hielt, der offenbar nicht einmal sonderlich mutig war, er war auf seine Weise gegen sehr gefährliche Männer angetreten und hatte, zumindest für eine gewisse Zeit, gewonnen.. Bis ihm der Trust auf die Schliche kam und ihn zu erpressen begann.

Ich werde diese Sache ein für allemal klären, Tom. Du wirst keine Angst mehr zu haben brauchen", antwortete sie entschlossen. Noch einmal sah sie sich aufmerksam um, dann hielt sie auf den Schatten zu, der sich beim Näherkommen in eine Holzhütte verwandelte.

Vashtu blieb wieder stehen, sah sich aufmerksam um und lauschte. Doch bis auf ihren eigenen Atem und Toms ungelenke Schritte konnte sie nichts hören. Also richtete sie ihr Interesse auf die Hütte.

Eine Waldhütte, wie man sie im Fernsehen sehen konnte. Ein kleines Blockhaus, das in Western von irgendwelchen Trappern aufgesucht wurde für den Winter. Nur wirkte diese Hütte um einiges mitgenommener. Moos hatte sich auf den roh zusammengezimmerten Balken festgesetzt, wenigstens ein Fenster war erst kürzlich ersetzt worden, die Tür wirkte alles andere als stabil. Vor die anderen Öffnungen waren schwere Läden geschoben worden.

Vashtu trat an das eine offene Fenster und spähte in die Hütte hinein.

Leer, aber nur unsicher beleuchtet. Licht schien wirklich nur durch dieses Fenster hineinzufallen, was große Teile des einen Innenraums in ein schattiges Zwielicht tauchte.

Wir sollten gehen. Das war keine gute Idee von dir, Vash", bemerkte Tom unsicher.

Vashtu warf ihm einen kalten Blick zu und drückte die Klinke herunter. Die Tür ließ sich problemlos öffnen und gab keinen Laut von sich.

Vorsichtig lugte sie durch die Öffnung, konnte aber immer noch nichts wahrnehmen. Die Beretta im Anschlag tat sie einen großen Schritt in die Hütte, sicherte sofort nach allen Seiten. Dann hob sie ihre Waffe.

Leer", kommentierte sie und drehte sich wieder um. Aufmerksam forschte sie in die Schatten hinein.

Der eine Raum war relativ gut einsehbar. Altes Laub lag auf dem Boden, neben einigen zerbrochenen Möbeln. An einer Wand war eine große Waschwanne aus Metall aufgehängt, unter einem provisorischen Wasserhahn, eine andere wurde von einem großen Kamin eingenommen, in dem sich halb verkohltes Holz stapelte. Der Geruch nach feuchter Erde, schimmligem Holz und altem Rauch hing in der Luft.

Hier ist nichts." Tom seufzte erleichtert. „Dann war es wahrscheinlich doch ein übler Scherz."

Vashtu schüttelte den Kopf.

Da, weit hinten, gab es noch eine Tür. Vielleicht würde sie dort Antworten finden. Mit langen Schritten ging sie darauf zu.

Vash?"

Gleich", sagte sie unwillig.

Dann hörte sie es, den leisen Laut, der entstand, wenn man eine ZAT-Waffe entsicherte. Als sie herumwirbeln wollte, traf die Energieentladung sie voll, ließ sie zu Boden stürzen. Doch im Gegensatz zum ersten Mal, als sie von einer dieser Goa'uld-Waffen getroffen worden war, war da noch ein Funke Bewußtsein in ihr, an den sie sich klammern konnte. Und dieser Funke teilte ihr noch zwei Feuerstöße mit, ehe auch er verlosch.


***


Sergeant George Dorn öffnete stirnrunzelnd seine Wohnungstür. Überrascht hob er die Brauen, als er Detective Hernan vor sich stehen sah. „Sir?" fragte er.

Der Polizist, der sich offensichtlich gerade etwas umgesehen hatte, drehte sich wieder zu ihm um und nickte ihm zu. „Sergeant Dorn. Es gibt da noch ein paar Fragen ... wegen des Überfalls vor einigen Wochen", erklärte er.

Dorn runzelte die Stirn. Soweit er wußte, war dieser „Überfall" komplett unter die Geheimhaltung gefallen. Warum also sollte Hernan sich noch darum kümmern? Er durfte es an für sich nicht, und das sollte ihm auch klar sein.

Darf ich reinkommen?" fragte der Polizist jetzt.

Dorn überlegte.

Eigentlich sollte er sofort seinen alten Kampfgefährten Jeffrey Storm anrufen, damit dieser Hernan noch einmal ins Gebet nahm und ihm klar machte, daß es so nicht ging. Auf der anderen Seite aber war er auch neugierig, warum dieser Mann sich dermaßen in den Fall festgebissen zu haben schien, daß es ihm selbst Wochen später noch keine Ruhe ließ.

Dorn trat zur Seite und ließ seinen unverhofften Gast in sein Haus. Dann schloß er die Tür und folgte dem Polizisten in das Wohnzimmer.

Dorn bot Hernan einen Platz an, während er sich noch einmal prüfend umsah. Seit seine Frau Cindy vor knapp einem Jahr Selbstmord begangen hatte, hatte er nichts mehr im Haus verändert. Alles erinnerte noch immer an seine kleine, glückliche Familie, die mit einem Schlag ausgelöscht worden war durch einen grausamen Krieg.

Hernan ließ sich auf dem Sofa nieder, knetete mit den Händen seine Knie. „Ich denke, Sie wissen, daß ich diese Ermittlungen ... nun, eigentlich bin ich gar nicht hier", begann er.

Dorn, aus seinen Erinnerungen gerissen, nickte und sah seinen Gast aufmerksam an.

Um die Wahrheit zu sagen, ich bin suspendiert worden nach dieser Sache", fuhr Hernan fort.

Dorn hob eine Braue, äußerte sich aber noch immer nicht.

Ich ... ich habe versucht, mit Ihrer Vorgesetzten in Kontakt zu treten, weil ich ... nun, ich habe einige Fragen." Hernan zuckte mit den Schultern. „Aber ich habe sie nicht erreichen können."

War in Urlaub für zehn Tage", antwortete Dorn und lächelte.

Hernan sah überrascht zu ihm hoch. „Seit wann? Man sagte mir am Telefon, daß sie im Dienst sei."

Dorn richtete sich unvermittelt auf und drehte sich um.

Im Flur griff er nach seinem Telefon, tastete die Nummer des SGC ein und wartete. „Major Uruhk", sagte er dann einfach nur, als eine Stimme sich meldete. Dann nickte er verstehend und legte wieder auf.

Einen Moment lang mußte er gegen seine innere Unruhe ankämpfen, während er ins Wohnzimmer zurückkehrte, dann hatte er sich aber schon wieder gefaßt. „Sie ist nicht zum Dienst erschienen", sagte er einfach nur. „Sieht übel aus."


TBC ...

07.04.2010

Becketts letzter Dienst VIII

„Vash?" Der fragende Ruf erklang über die angeblich beruhigende Dudelei in der Mall, die die Kunden zum Kauf animieren sollte. Vashtu hatte diese Musik bisher eigentlich eher als abschreckend empfunden. Ein Grund mehr, der Einkaufs-Mall so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Die Antikerin drehte den Kopf und begann zu lächeln. „Marnie!" Sie sah hoch zu John, der ebenfalls einen Blick über die Schulter warf, sie dann fragend ansah. „Marnie Evans, eine Ärztin aus dem SGC, und eine Freundin von mir", erklärte Vashtu, löste sich dann widerstrebend von ihm.

Die blonde Ärztin musterte sie von oben bis unten. „Wo hast du denn gesteckt die letzten Tage? Ich habe mehrmals versucht, dich zu erreichen." Fragend sah sie zu John, nickte anerkennend. „Ist er das?" zischte sie dann.

Vashtu lächelte glücklich. „John und ich waren unterwegs. Ein bißchen Snowboarden und ... mehr", antwortete sie, dann wurde sie ernst. „Ich habe unsere Meditationsstunde vergessen! Oh nein!"

Marnie nickte. „Stimmt", sagte sie, begann dann aber zu lächeln. „Aber bei einem solchen ... Naja, dir sei verziehen."

Vashtu lachte leise auf. „Johns Urlaub ist leider fast vorbei. Heute abend wollten wir es uns noch einmal in meinem Apartment gemütlich machen, morgen bringe ich ihn dann nach Cheyenne-Mountain."

„Gemütlich machen ... soso." Marnie nickte vieldeutig. „Ich hatte da irgendetas am Rande gehört, aber ... Du hast einen guten Geschmack, Vash, das muß man dir lassen." Wieder ein anerkennender Blick auf die hochgewachsene Gestalt.

Vashtu kicherte. „SG-1 und mein Team haben zusammengelegt und uns einen Präsentkorb geschenkt, damit wir ... naja, ich denke, du weißt, was ich meine." Unvermittelt wurde sie ernst. „Sag mal, was sind Verhütungsmittel?"

Die Ärztin starrte die Antikerin einen Moment lang mit großen Augen an, dann faßte sie sich. „Verhütungs... ?" Sie atmete tief ein. „Vash, du hast doch nicht etwa ohne ... Du bist doch noch immer fähig ..." Sie schloß den Mund, musterte die andere entschlossen von Kopf bis Fuß. „Okay, wenn du deinen Colonel morgen gut durch das Tor gebracht hast, meldest du dich bitte umgehend bei mir. Wir werden da einige Tests durchführen."

Vashtu blinzelte verständnislos. „Warum denn das?" fragte sie. „Es geht mir doch gut."

„Ihr zwei werdet doch nicht nur Händchen gehalten haben die letzten Tage, oder?" Marnie kreuzte die Arme vor der Brust.

Die Antikerin runzelte die Stirn. „Das ist zwar ... Nein, haben wir nicht. Und?" fragte sie herausfordernd.

Marnie nickte. „Komm einfach zu mir morgen, dann erkläre ich es dir", sagte sie, warf noch einen Blick auf John. „Aber das muß man dir lassen. Einen ausgesucht guten Geschmack hast du. Allerdings, ein bißchen mehr Verstand sollte man zumindest ihm zutrauen." Sie schüttelte den Kopf, wandte sich dann wieder ihrer Freundin zu. „Bis morgen dann. Und ich bitte um einen genauen Report."

Vashtu hatte ihren Argwohn schon wieder vergessen. Breit und zufrieden grinsend schüttelte sie den Kopf. „Privatsache, Doc."

„Und ich bin deine Ärztin und unterstehe der Schweigepflicht. Machs gut! Bis morgen!" Marnie drehte sich um und verschwand in einem anderen Gang.

Vashtu fühlte sich nun doch etwas verunsichert.

Was hatte das zu bedeuten? Warum bestand Marnie so vehement auf ihrem morgigen Besuch? Hatte sie am Ende irgendetwas nicht richtig begriffen?

„Kommst du?" Johns Stimme klang zärtlich.

Vashtu drehte sich um und kehrte zu ihm zurück, um sich liebevoll von ihm in seine Arme schließen zu lassen. „Ich will doch heute für dich kochen, damit du nicht eine ganz so schlechte Meinung von mir mitnimmst", sagte sie, reckte sich ihm dann für einen Kuß entgegen.

„Wie könnte ich?" Johns Lippen streiften die ihren. „Du bist das beste, was mir je passiert ist."

„Mal sehen, was du heute abend von mir hälst." Vashtu fühlte sich sehr zufrieden mit sich selbst. Marnie und ihre kryptischen Äußerungen waren vergessen.


***


Vashtu blickte ein wenig verzweifelt auf die Uhr, dann wieder auf den Backofen. Schließlich preßte sie die Lippen fest aufeinander, um einen Fluch zu unterdrücken.

Wieder hatte sie alles falsch gemacht. Dabei hatte sie es doch nur gut gemeint. Einmal war es ihr sogar gelungen, als sie den Frauen-Poker-Abend ausrichtete, hatte sie auch gekocht, das gleiche. Und da war es perfekt gewesen.

John lehnte sich über den Tresen und runzelte die Stirn. „Okay, es wird allmählich spät", sagte er und hielt plötzlich den Flyer eines Lieferservice in der Hand. „Vielleicht sollten wir ..."

Vashtu drehte ihm demonstrativ den Rücken zu und schraubte an der Temperaturanzeige.

Dieser dämliche Vogel würde doch wohl kleinzukriegen sein! So leicht jedenfalls würde sie sich nicht geschlagen geben.

John mußte ein Lachen unterdrücken, als er ihre angespannte Gestalt betrachtete. „Vorführeffekt", kommentierte er schließlich.

„Was?" Jetzt drehte sie sich doch wieder um und sah ihn stirnrunzelnd an.

Er wies auf den Backofen. „Man nennt es Vorführeffekt, wenn etwas nicht klappen will", erklärte er, wieder ernst werdend. „Hör zu, Vash, ich glaube dir auch so, daß du kochen kannst. Und ich glaube dir auch, daß du deinen Haushalt im Griff hast. Irgendwie standen wir beide ihm gegenüber nur von Anfang auf dem falschen Fuß. Aber ich habe deine Wohnung gesehen, als ich reinkam. Reicht dir das nicht?"

„Nein!" Entschieden öffnete sie jetzt doch die Ofenklappe und starrte den Truthahn an, als könnten allein ihre Blicke dafür sorgen, daß er endlich fertig war. Dabei fiel ihr endlich etwas auf. „Oh nein!" entfuhr es ihr. Sie hielt die Hand in den Backofen, zog sie dann wieder zurück und musterte genau und streng die Einstellungen.

„Was ist los?"

Sie hatte den Herd eingeschaltet. Die Platten funktionierten auch, daran gab es keinen Zweifel. Zumindest die Beilagen waren fertig. Aber der Backofen ...

Wieder hielt sie ihre Hand hinein, richtete sich dann seufzend wieder auf.

Dabei hatte sie sich diesen Abend als etwas vorgestellt, was John in positiver Erinnerung bleiben sollte, nicht als die Katastrophe schlechthin. Einmal zumindest hatte sie etwas richtig machen wollen. Und ausgerechnet an diesem Abend streikte ihr Backofen!

„Er heizt nicht." John war nun doch endlich um den Tresen herumgekommen und hatte ebenfalls eine Hand in das Rohr gesteckt. „Kein Wunder, daß der Vogel nicht gar wird. Aber ..." Er tippte den gefüllten Braten mit dem Finger an. „Naja, zumindest lauwarm, aber nicht durch."

„Das habe ich auch schon bemerkt." Vashtu seufzte, als müsse sie die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern tragen. „Dabei hatte ich diesen Abend doch als etwas ganz besonderes geplant. Du ißt doch gern Truthahn."

John richtete sich wieder auf und schnüffelte über den Töpfen, die die Beilagen zum Braten beinhalteten. „Zumindest der Rest riecht doch sehr verführerisch. Also, ich brauche nicht unbedingt Truthahn. Mir würden die Beilagen reichen."

„Aber ..."

John richtete sich wieder auf und sah sie streng an. „Wir essen die Beilagen, das reicht. Du hast hier sowieso für ein ganzes Regiment gekocht, Vash. Das würden wir beide nie im Leben heute abend allein vertilgen." Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich. „Wenn der Ofen kaputt ist, kannst du doch nichts daran ändern, mh? Mach dir jetzt keine Vorwürfe." Mit einem Finger hob er ihr Kinn und küßte sie sanft.

„Aber ..."

„Ich habe Hunger - und zwar auf mehr als die Beilagen, wenn wir genau sein wollen. Heute nacht hatte ich nicht vor, viel zu schlafen. Nicht in unserer letzten Nacht."

Ein leises Licht stieg in ihre Augen. „Du denkst nicht, ich bin eine Niete?" fragte sie.

„Wie könnte ich? Ich habe deine Wohnung gesehen, als wir hier ankamen", entgegnete er. Dann begann er spitzbübisch zu lächeln. „Andererseits ... wenn ich da an deinen Kühlschrank denke ..."

„Ich war die letzten Wochen sehr beschäftigt und habe im SGC gegessen!" warf sie entrüstet ein.

Wieder küßte er sie. „Ich mag es, wenn du wütend wirst, Vash", gurrte er ihr zärtlich ins Ohr.

„Und du bist immer noch ein Schuft." Ihr Ärger war gespielt, das sah er sofort.

„Stimmt. Dann laß uns jetzt endlich essen, ehe die ganze Nacht herum ist und wir zu gar nichts mehr kommen."

Vashtu sah zu ihm hoch. Wieder war da eine gewisse Leidenschaft in ihren Augen, etwas, was er die letzten Tage sehr zu schätzen gelernt hatte. „Ich liebe dich, John", flüsterte sie endlich, drängte sich dann an ihn.

Er atmete tief ein und drückte sie fest an sich. „Ich liebe dich auch, Vashtu. Ich liebe dich mehr als mein Leben", antwortete er mit geschlossenen Augen. Und wieder stieg in ihm eine Erinnerung auf. Eine Erinnerung an ihrer beider Liebesboten.

Als er die Augen öffnete, sah er den gleichen Schimmer in ihren Augen, und er wußte, diese Erinnerung an Carson Beckett teilten sie gemeinsam.

Der Arzt hatte sein Versprechen gehalten, wenn auch auf andere Art, als er vielleicht geglaubt hatte. Er hatte sie beide wieder zusammengeführt, sie ihren albernen Streit vergessen lassen. Er war wirklich zu ihrem Armor geworden, zu ihrem Liebesboten. Carson Becketts letzter Dienst war erfüllt ...


***


John saß an Vashtus Bett, hielt ihre Hand in seiner. Ihre Blicke waren ineinander verschlungen, und sie schwiegen. Sie brauchten keine Worte für das, was sie sich mitzuteilen hatten.

Carson Beckett stand schon eine Weile in der Nähe, lächelte über das Paar. Nun trat er an das Bett heran und räusperte sich vernehmlich.

Beide zuckten zeitgleich zusammen und blinzelten, richteten dann ihre Aufmerksamkeit auf ihn. John drehte sich zu dem Mediziner um, Vashtu holte tief Atem.

„Colonel, schön, daß Sie wieder Zeit gefunden haben. Vashtu ..." Beckett nickte.

Wenn das Zusammenspiel zwischen der Antikerin und dem Colonel nicht so innig wäre, wenn sie nicht so gut zueinander passen würden - zumindest in seinen Augen -, er hätte vielleicht ein bißchen eifersüchtig werden können auf ihr Verhältnis.

Andererseits aber ... Er war einer der ersten gewesen, die sie beide damals zusammen erlebt hatten, nachdem die Antikerin aus den Tiefen der Zeit aufgetaucht war. Und er hatte sofort gesehen, was zwischen ihnen vorging. Keiner von ihnen konnte sich wirklich gegen das wehren, was da zwischen ihnen gewachsen war. Selbst nach mehr als einem Jahr der Trennung war ihr Verhältnis nur noch inniger geworden statt abzukühlen.

„Was gibt es?" fragten beide zeitgleich.

Beckett schüttelte lächelnd den Kopf, richtete seine Aufmerksamkeit dann auf das Klemmbrett, das er mitgebracht hatte und begann in Vashtus Krankenakte zu blättern. Dann aber wurde er wieder ernst und seufzte. „Leider muß ich euch beiden mitteilen, daß das SGC allmählich seine vermißten Teammitglieder zurückhaben möchte. Ich habe mich für eine Rekonvaleszenzzeit ausgesprochen, aber Landry meint, die könntest du auch auf der Erde absolvieren."

Beide starrten sich groß an, doch gleichzeitig sah der Arzt auch, daß sie von Anfang an gewußt hatten, daß sie irgendwann wieder getrennt werden würden.

„Wann?" Wieder fragten sie zeitgleich, ließen sich nicht aus den Augen.

„Ich habe noch drei Tage herausschlagen können", erklärte Beckett. „Nutzt die Zeit, alle beide. Wer weiß, wann ihr euch wiedersehen werdet." Er klappte die Akte zu und betrachtete beide wieder.

Ein tiefer Schmerz war jetzt auf ihren Gesichtern zu lesen, der auch ihm ins Herz stach.

Wie mußte es sein, seinen eigenen Gegenpart zu lieben? Er wußte es nicht, er wußte nicht einmal, ob das eine Erfahrung war, die er gern mit ihnen teilen würde. Doch ihm war von Anfang an klar gewesen, daß sie beide zusammengehörten. Und jetzt ...

Er betrachtete das eigenartige Paar. Und plötzlich war es ihm, als könne er die stummen Worte hören, die ihre Gedanken waren. Es war, als gäbe es da etwas, was ihn mit ihnen beiden verband, etwas, was er noch nie empfunden hatte. Doch es erschien ihm gerade zwischen ihnen als richtig - und auch als wichtig. Und ihm wurde klar, daß sie in Wirklichkeit nicht mehr getrennt werden konnten. Vashtu Uruhk und Colonel John Sheppard waren etwas eingegangen, mit ihm als Zeugen, was sie drei miteinander verband und sie aneinanderschweißte.

Carson Beckett fühlte eine tiefe Zufriedenheit in sich wachsen. Einen Moment lang betrachtete er das Paar noch, an dessen Erfüllung er so lange und behaarlich mitgearbeitet hatte, dann wandte er sich ab und ging.


***


„Ja, Sir, ich verstehe." John nickte ein wenig steif. Er wußte noch immer nicht so recht, was er von General Landry zu halten hatte. Auf der einen Seite war er ihm dankbar für das eine oder andere, auf der anderen Seite aber ...

„Gut, dann können Sie allmählich los. Atlantis wird Sie schon vermissen, Colonel." Der General lächelte.

„Eingehendes Wurmloch", meldete der bereitsitzende Techniker.

John sah unwillkürlich in den Gateroom hinaus, der so ganz anders war als der, den er gewohnt war. Tief unter der Erde, keine Fenster, durch die buntes Licht hereinströmen konnte, und statt eines Energieschirmes die metallene Iris.

Seine Augen wurden groß, als er die Gestalt sah, die auf der Rampe stand, spitzbübisch zu ihm hochlächelte.

„Vash ..." flüsterte er, drehte sich um und verließ die Kommandozentrale.

„SG-1 Code, Sir", hörte er den Techniker noch hinter sich sagen, dann eilte er den Gang hinunter zum Torraum.

Landry blickte in gerade diesem Moment zum Fenster hinaus. Etwas ratlos starrte er auf die Antikerin hinunter, die unverrichteter Dinge vor der noch geschlossenen Iris stand. „Was ... ?" In diesem Moment bemerkte er die zweite Gestalt, hochgewachsen und schlank, die vor der Rampe stehenblieb.

„Was haben die beiden denn vor?" fragte Walter, der Techniker.

„Gute Frage ..." Landry runzelte die Stirn. „Iris öffnen. Abhauen können sie ja schließlich nicht."


John blieb wie angewurzelt vor der Rampe stehen. Die Marines, die sich als Wache im Torraum befanden, wechselten ratlose Blicke, zuckten dann aber mit den Schultern.

Vashtu stand oben vor dem Tor und sah zu ihm hinunter, ein zärtliches Lächeln auf den Lippen und Worte in den Augen, die nur er lesen konnte.

Langsam stieg er die Rampe hinauf, die so ungewohnt für ihn war. Dabei ließ er sie nicht eine Sekunde aus den Augen, ebensowenig wie sie ihn.

Bilder der letzten Nacht stiegen in beiden auf. Diese süße Liebe, gepaart mit dem Abschiedsschmerz, stand in ihren Gesichtern geschrieben. Um sie herum versank die Welt.

Vashtu sah ihn auf sich zukommen. Erwartungsvoll hob sie den Kopf. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Noch einmal, ein letztes Mal, bevor sie beide wieder voneinander getrennt waren, wollte sie ihm nahe sein. Ein allerletztes Mal seinen Körper spüren.

John blieb dicht vor ihr stehen, sah sie noch immer an. Und in seinem Blick las sie etwas, das sie erst jetzt zu verstehen begann.

Die Iris hinter ihr wurde eingefahren.

Noch immer standen sie einander gegenüber, so dicht, daß sie nur ihre Hände auszustrecken brauchten, um sich zu berühren. Noch immer waren ihre Blicke ineinander verschlungen und die Welt um sie her einfach nicht mehr da. Nur sie beide zählten - und das, was ein Dritter für sie getan hatten.

„Ich liebe dich", flüsterte sie schließlich, ließ ihren Mund nach diesen Worten leicht geöffnet.

John sah sie immer noch an, öffnete seine Lippen jetzt ebenfalls. Und dann ... Der magere Rest ihrer Umgebung schien zu explodieren in der gewaltigen Leidenschaft, mit der sie sich in die Arme fielen und ihre Lippen sich berührten.

Hinter Vashtu trat als erster der Jaffa Teal'C aus dem Tor. Mit einer fragend gehobenen Braue sah er das Paar an, während er mit sicheren Schritten die Rampe hinunterschritt. Dr. Daniel Jackson folgte ihm dicht auf, stutzte kurz, schüttelte dann den Kopf und blieb wartend stehen, während Vala Mal Doran nun aus dem Wurmloch trat, die beiden Liebenden mit großen Augen anstarrte. Jackson wechselte einen Blick mit der Außerirdischen. Sie lächelte verführerisch. Er schüttelte nur den Kopf und marschierte endlich weiter, Vala hinter sich wissend. Dann trat Colonel Samantha Carter aus dem hellen Gleißen hervor. Ein leises Lächeln bildete sich auf ihren Lippen und sie drehte sich im Gehen etwas um, während nun auch Colonel Cameron Mitchell das Wurmloch verließ. Einen Moment lang riß er die Augen auf, dann war es, als senke sich ein düsterer Schleier über sein Gesicht. Angespannt und konzentriert nach vorn starrend marschierte er an dem Paar vorbei.

Und, sich noch immer fest und sicher haltend, standen Colonel John Sheppard und Major Vashtu Uruhk vor dem geöffneten Wurmloch. Sie blickten sich einen Moment lang an, ein leises, wissendes Lächeln nach dem ersten, ehe sie nun den letzten sehnsüchtigen Kuß tauschten.


04.04.2010

Becketts letzter Dienst VII

Vashtu seufzte, lehnte sich gegen die Tür und wartete ein wenig mißmutig. Dabei blickte sie den Gang hinauf und hinab, bis ihre Augen an einem gerahmten Plakat kleben blieben. Interessiert trat sie näher und las es sich aufmerksam durch, um schließlich breit zu grinsen.

Da war ihr doch glatt gerade noch ein Einfall gekommen ...


***


„Was hälst du von Wellness?"

John blinzelte. Er war schon fast eingeschlafen. Der Tag war lang und, zugegebenermaßen, auch ein wenig anstrengend gewesen. Wenn auch nicht wie in der Pegasus-Galaxie oder die letzten Tage in ihrer Wohnung. Er schätzte, allein die Herfahrt und dann der späte Nachmittag auf der Piste an der frischen Luft ließen ihn ein wenig schläfrig werden.

„Von was?" Er bewegte leicht den Kopf. Ihr strubbeliges Haar kitzelte an seiner Kehle.

„Wellness. Was hälst du von Wellness?" wiederholte Vashtu sanft, hob jetzt den Kopf und drehte sich leicht, um ihm in die Augen zu sehen.

John blinzelte. „Mit dir?" fragte er schließlich.

Vashtu grinste. „Denkst du, ich lasse dich auch nur fünf Minuten allein, John Sheppard? Damit die nächste Frau dir den Kopf verdrehen kann?"

Er schürzte die Lippen, begann dann aber zu lächeln. „Warum eigentlich nicht?" sagte er dann. „Wann?"

Sie löste sich aus seinen Armen, beugte sich über ihn und griff nach dem Telefon, das auf einem der beiden kleinen Nachttische stand. „Morgen? Das Wetter soll sowieso nicht besonders werden."

John streckte sich. „Warum nicht." Seine Hand kam auf ihrem Becken zu liegen, strich sacht über die weiche Haut.

Vashtu drückte eine Taste und wartete dann, bis sich offensichtlich jemand am anderen Ende der Leitung meldete. Dann bestellte sie, für den morgigen Tag, was sie wollte, legte schließlich wieder auf.

Johns Hand streichelte sie leise weiter und er beobachtete sie in dem wenigen Licht, das durch die Fenster hereindrang. Schneelicht, so hatte er das auf MacMurdo immer genannt. Die Nacht schien nicht ganz so dunkel in seinen Augen, wenn Schnee und Eis zu leuchten schienen. Und auch ihre Silhouette leuchtete, ging ihm auf. Zumindest erschien es ihm so.

Die Formen ihres Gesichtes, ihres strubbeligen Haares, alles schien scharf umrissen von etwas, was ihm erst jetzt auffiel. Und als er seine Hand kurz hob, war es hier das gleiche.

„Schneelicht ..." murmelte er.

Vashtu richtete sich wieder auf, beugte sich über ihn. „Was?" fragte sie. Das Weiß ihrer Augen schimmerte leicht.

John lächelte. „So habe ich das auf MacMurdo genannt, wenn die Nacht nicht wirklich finster werden wollte. Schneelicht."

Sie nickte verstehend, kroch zu ihm hoch und küßte ihn sanft. „Manchmal hast du wirklich sehr interessante Einfälle, John", wisperte sie ihm zu.

„Manchmal?" Ein verschmitztes jungenhaftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Sie schien dieses Lächeln zu erwidern. Dadurch, daß sie ihn jetzt ansah, lagen ihre Züge vollkommen im Dunkeln. „Für mich immer", wisperte sie sanft, küßte ihn wieder.


***


John lehnte sich entspannt gegen die Wand zurück und schloß die Augen.

Dieser Urlaub war einfach ... unvorstellbar! Nie hätte er es sich träumen lassen, daß sie beide zusammen so viel Spaß haben konnten. Und jetzt bedauerte er fast, wie schnell es vorbei ging.

So gern würde er sie mit sich nehmen. Für ihn gehörte Vashtu zu Atlantis, mochten die Bestimmenden noch so sehr dagegen wettern. Dort lag ihre Heimat, dort war sie zu Hause. Was sie sich auf der Erde aufgebaut hatte, spielte zwar eine Rolle, doch er glaubte nicht so wirklich daran, daß man sie würde halten können, wenn sie die Wahl hätte.

Die Antikerin lehnte sich an seinen Arm und atmete tief ein. „Sauna ist was feines", murmelte sie.

„Stimmt." John hob den Arm und legte ihn ihr um die Schultern.

Die Zeit im Sporthotel in den Rocky Mountains verflog unglaublich schnell.

Wie konnte nur irgendjemand denken, ihre Beziehung könne irgendetwas zerstören? Bis jetzt kam sie ihm mehr als nur fruchtbar vor, mußte er sich eingestehen. Wenn vielleicht auch nicht alles, wie immer, regelgerecht vor sich ging - wie mit den Hundemarken, die sie nun ja beide zu tragen hatten.

Irgendwie hatte Vashtu am Morgen einen Weg gefunden, die groben Ketten zu öffnen. Auch wenn es nicht erlaubt war, hatten sie je eines der beiden Metallschildchen getauscht, daß jetzt ihrer beider Namen an jeder Kette hing.

John war sich nicht so ganz sicher, was er von diesem Spaß halten sollte, auf der anderen Seite war er nur zu gern darauf eingestiegen.

Die Tür öffnete sich, ein anderes Paar kam in die Sauna, setzte sich zu ihnen.

John drückte Vashtu zärtlich an sich. „Es war ein selten guter Gedanke, vor deinem nervenden Nachbarn hierher zu fliehen", wisperte er ihr zu. „Hätte von mir stammen können."

Sie lächelte zufrieden und glücklich. Ihre Hand lag entspannt auf seinem flachen Bauch.

So sollte es sein, fand er, so sollte es immer sein. Doch er war sich auch allzu bewußt, daß es nicht so bleiben konnte.

Konnte eine Beziehung so auf Dauer halten?

Bei jedem anderen Paar hätte er das weit von sich gewiesen. Bei ihnen beiden allerdings ...

Ihm war wirklich nicht entgangen, wie ähnlich sie sich tatsächlich waren. Es war mehr als nur dieser perfekte Gleichklang während ihrer Liebesspiele. Früher hatte er nie darauf geachtet, inzwischen aber tat er es ab und an. Gut, Vashtu dachte nicht in allem gleich wie er, aber zumindest die Richtung stimmte meist auf beinahe unheimliche Weise überein. Wenn zwei aber zueinander fanden, sie sich so ähnlich waren wie sie, konnte eine Wochenbeziehung vielleicht die Lösung für die sonst unvermeidlichen Reibereien sein.

Wer konnte das sagen?

Beckett hatte es ihm gesagt. Carson hatte mehr als einmal auf ihn eingeredet, vor allem, nachdem er sich wirklich hatte von Vashtu trennen wollen, wenn sie nicht von ihrem Vorhaben mit der Air Force abrückte. Beckett hatte ihm gründlich den Kopf gewaschen - und inzwischen mußte er dem Mediziner auch recht geben.

Das andere Paar sah etwas mißtrauisch zu ihnen hinüber.

Ein breites Grinsen stahl sich auf Johns Gesicht. Er tippte Vashtu mit einem Finger an und wartete, bis sie zu ihm hochsah, ehe er ihr zuzischte: „Wollen wir den beiden mal ... ?"

Die Antikerin grinste und beugte sich, ihm ihre Arme um den Hals legend, zu ihm vor, um ihn in einen leidenschaftlichen Kuß zu ziehen.

Das Paar starrte sie an, zwei Augenpaare wurden noch größer, als John begann, Vashtus Hinterteil zu befühlen und ihre Hand zu seinen Lenden glitt. Aufgeregt zischend und flüsternd erhoben die anderen sich und verließen so schnell wie möglich die Sauna wieder.

Vashtu drehte den Kopf und sah ihnen sinnend nach.

„Machen wir so weiter, landen wir tatsächlich noch hinter Gittern", bemerkte John grinsend.

„Und wenn schon. Dann ziehe ich die Gitter auseinander und wir können fliehen."


***


Nach Massagen und einem, beinahe unangenehm kalten Bad saßen sie beide jetzt, wieder eng umschlungen, wie es Vashtu nach immer sein sollte, in einem großen Whirlpool. Johns Hand streichelte sanft ihren Arm, während sie ihren Kopf wieder auf seine Brust gesenkt hatte und das blubbernde Wasser sanft betrachtete.

Ein wunderschöner Tag, so wunderschön, das sie es kaum glauben konnte, das sie das bisher nicht ausprobiert hatte. Allerdings, und da kamen ihr ehrliche Zweifel, war sie sich nicht sicher, ob sie allein ebenso empfunden hätte. Mit John zusammen ließ sie sich eine Menge gefallen, an seiner Seite wurde sie ruhiger - wie auch er ruhiger zu sein schien. Zumindest ruhiger, als sie ihn während ihres Auftauchens in Atlantis erlebt hatte.

„Gefällt es dir?" Sie hob leicht den Kopf und sah ihn von unten herauf an.

John hatte eine nachdenkliche Miene aufgesetzt. Jetzt blinzelte er und blickte sie an. „Was?"

Vashtu richtete sich auf, hielt seine Augen gefangen und runzelte die Stirn. „Was ist los mit dir?" fragte sie.

John atmete tief ein, schüttelte dann den Kopf. „Das war eine ausgezeichnete Idee, Vash", sagte er als wolle er ihr auf ihre eigentliche Frage antworten. Allerdings wagte sie zu behaupten, daß das nur ein Schuß ins Blaue von ihm war.

„Was ist los?" fragte sie, rückte langsam wieder näher.

Johns Stirn runzelte sich jetzt ebenfalls. Der Blick aus seinen Augen glitt wieder ab, die Lippen kniff er nachdenklich zusammen. „Nichts", wagte er schließlich zu antworten.

Vashtu legte ihm einen Arm um die Schultern und suchte wieder seinen Blick. „Das kannst du mir doch nicht erzählen, John. Allmählich kenne ich dich gut genug. Du ..." Sie schloß den Mund. Sie wollte jetzt nicht aussprechen, was sie eigentlich hatte sagen wollen.

„Laß gut sein, ja?" Ein sehr zerknirschtes Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Du denkst an Carson", behauptete sie schließlich, nachdem sie noch etwas gezögert hatte.

Er atmete einige Male tief ein, dann nickte er schließlich. „An seinen Todestag", antwortete er leise. „Wir hatten zusammen gefrühstückt."

Vashtu schluckte, drängte sich wieder an ihn. Doch sie spürte, diese Erinnerung mußte er allein durchleben.


***


„Guten Morgen, Colonel. Darf ich mich dazu setzen?"

John blickte von seinem Frühstück auf und nickte überrascht.

Carson Beckett ließ sich ihm gegenüber am Tisch nieder, ein Tablett vor sich abstellend, auf dem sich allerlei Nahrungsmittel befanden.

John runzelte die Stirn und griff nach seiner Kaffeetasse.

„Wie ich hörte, wollen Sie Ihren Urlaub nun doch auf der Erde verbringen?" wandte Beckett sich vollkommen unvermutet an ihn.

John verschluckte sich fast, stellte die Tasse wieder ab. „Äh, ja, hatte ich vor. Warum auch nicht? Das Command besteht ja darauf, daß wir einen Teil unseres Jahresurlaubes auf der Erde verbringen."

Beckett nickte, wandte sich seinem Joghurt zu. „Und was haben Sie vor?"

„Woher soll ich das wissen? Keine Ahnung, dies und das erledigen. Vielleicht ein bißchen Bergsteigen. Wäre mal was interessantes." John musterte den Arzt mit einem scharfen Blick. „Oder sollte ich etwas tun, von dem ich nichts weiß?"

Beckett nickte. „Vashtu", sagte er nur, mümmelte weiter von seinem Joghurt.

Johns Brauen schoben sich unwillig zusammen. „Über dieses Thema haben wir schon einmal geredet. Meine Meinung dazu hat sich nicht geändert."

Der Schotte sah auf, zuckte dann mit den Schultern. „Ich kann mich da noch an ein Gespräch zwischen uns beiden erinnern, John", erklärte er, scheinbar unvermittelt das Thema wechselnd. „Damals sagte ich, glaube ich, etwas davon, daß Sie ihr besser niemals wehtun sollten, sonst würden Sie mich als Freund verlieren. Nun, wenn es so weitergeht mit Ihrer beider Dickschädel, verlieren Sie auch beide - und nicht nur mich."

John versuchte, seinen Gegenüber niederzustarren.

Warum begriff der Arzt das denn nur nicht? Warum konnte niemand verstehen, daß er es einfach nicht erleben wollte, wie Vashtu sich in irgendeiner hirnrissigen Mission selbst richtete? Er würde es nicht ertragen können, die Nachricht von ihrem Tod zu erhalten. Umso schlimmer wäre es, wenn auch noch das Militär sich dazwischenschalten würde.

„Ich denke, Vashtu hat sich das ganze gut überlegt, John. Sie wollte Sie an ihrer Entscheidung teilhaben lassen, sie hätte Sie auch vor vollendete Tatsachen stellen können", fuhr Beckett mit ruhiger Stimme fort. „Wir haben bereits darüber geredet, und wir werden es wohl, denke ich, noch des öfteren tun, bis Sie endlich verstehen, daß sie beide füreinander geschaffen worden sind. Ich glaube nicht, daß es ein Zufall war, daß Vashtu sich ausgerechnet Ihnen offenbarte damals. Und ich glaube auch nicht, daß Kolya so falsch mit ihrer Geiselnahme gelegen hat. Was da zwischen ihnen beiden vor sich geht ist stärker als alles, was ich bisher in meinem Leben erlebt oder gesehen habe."

„Dann sollte sie allmählich zur Vernunft kommen!" John beugte sich wieder vor. „Wissen Sie, warum Sie in die Air Force eintreten will? Aus Schuldgefühlen ihrem toten Volk gegenüber! Aus keinem anderen Grund als diesem. Als sie in Antarktica gewesen ist, hat sie etwas entdeckt, darüber aber Stillschweigen bewahrt. Und genau das ist der Grund, aus dem sie jetzt zur Army will. Und aus genau diesem Grund fürchtet sie auch den Kontrollstuhl."

„Dann sollten Sie Verständnis zeigen", entgegnete Beckett.

„Das habe ich ja versucht!" John sah sich um, doch noch waren sie beide die einzigen Gäste der Cafeteria, sie konnten also keine Aufmerksamkeit erregen.

„Und was ist mit Ihnen und dem Erwachen der Wraith? Haben Sie da nicht auch Schuldgefühle?" bohrte Beckett unbarmherzig weiter.

John wich zurück. „Das ist etwas anderes."

„Ist es nicht. Und wenn sie ehrlich sind, begreifen Sie das auch." Nun war es der Mediziner, der sich vorbeugte. „Ich sage Ihnen jetzt etwas als Freund, John, und als Bote zwischen Ihnen und Vashtu über eine sehr lange Zeit: Denken Sie einmal richtig nach und handeln Sie dann! Ich biete Ihnen gern meine Hilfe an, aber dieses Angebot ist nur noch einmalig. Und wenn ich sie beide zusammen in einen fensterlosen Raum sperren und den Schlüssel in den Ozean werfen muß, sie beide werden sich wieder vertragen! Wenn es je ein Paar gegeben hat, das so zusammenpaßte wie Sie und Vashtu, dann wird dieses diese Chance sicher nicht so einfach fortgeworfen haben wie Sie es jetzt wollen! Sie beide haben von Anfang an zusammengehört, und daran werden Sie auch nie etwas ändern können, ob Sie nun wollen oder nicht."

Still vor sich hinbrütend lehnte John sich wieder zurück, die Arme vor der Brust gekreuzt.

„Wissen Sie denn überhaupt, was Sie sich da entgehen lassen wollen?" fuhr Beckett fort. „Haben Sie auch nur die blaßeste Ahnung von einer Beziehung, wie Sie sie jetzt haben könnten? Warum wollen Sie das so einfach wegwerfen aus falsch verstandenem Stolz?"

„Ich kann es nicht ertragen." Dieser Satz war ihm einfach entschlüpft, er hatte ihn nicht aussprechen wollen.

„Was? Sie in einer Uniform zu sehen? Vashtu selbst wird schon dafür sorgen, daß sie sie nicht allzu oft zu tragen braucht, glauben Sie mir. Wie oft tragen Sie denn Ihre?"

John atmete tief ein. „Sie wird sich für die Erde verheizen lassen."

„Wird sie nicht. Sie hat selbst den Hoffaner-Stamm überlebt - dank Ihnen. Sie wird das auch überleben."

John starrte ins Leere.

Wenn er ehrlich zu sich selbst war, konnte er sich nicht mehr vorstellen, wie ein Leben ohne die Antikerin aussehen sollte. Selbst wenn sie nicht allzu oft aufeinandertrafen, sie war da, irgendwo im hintersten Winkel seiner Gedanken. Seit er Vashtu getroffen hatte, damals in den unteren Ebenen von Atlantis, war sein Leben auf den Kopf gestellt worden, selbst wenn sie nicht bei ihm war. Irgendwo lauerte immer der Gedanke an sie, selbst bei den harmlosesten Dingen. Und seit der Sache mit Kolya ...

John biß sich auf die Lippen.

Er wollte nicht mehr daran denken. Der Genii hatte bezahlt für das, was er ihnen beiden angetan hatte. Es spielte keine Rolle mehr.

Aber das tat es doch, wenn er daran dachte, was Vashtu ihm erzählt hatte. Sie mochte es herunterspielt haben, aber er kannte sie gut genug, um die Wahrheit in ihren Augen lesen zu können - noch so eine merkwürdige Sache zwischen ihnen beiden. Er hatte sie genau beobachtet, als er ihr vom Tod des Genii erzählt hatte, und er hatte den Haß und die blanke Wut in ihren Augen deutlich lesen können. Erst einmal vorher hatte er etwas ähnliches in ihrem Gesicht gesehen, und da waren sie beide auf der Flucht vor einer Wraith-Königin durch ein Basis-Schiff gehetzt und die Antikerin hatte Sprengladungen in den Wänden installiert.

Er wußte, was sie hatten mitansehen müssen war nur die Spitze eines Eisbergs, an dem auch er lange zu knabbern gehabt hatte, oft genug immer noch in ihm arbeitete. Aber wie mochte es einer Frau gehen, die vor zehntausend Jahren von ihrem eigenen Volk verraten, weggesperrt und vergessen wurde, die niemals eine echte Chance erhalten hatte und jetzt, in dieser Zeit, auf ein Leben hoffte? Was mochte in einer nahezu Unsterblichen vor sich gehen, die plötzlich hilflos miterleben mußte, wie sie langsam und qualvoll starb?

Vashtu hatte es ihm gegenüber heruntergespielt, aber das hatte auch er getan, eine viel zu lange Zeit sogar. Aber man merkte trotzdem noch immer, daß es in ihr arbeitete.

„Werfen Sie diese Chance nicht weg, John. Lassen Sie sie tun, was sie will."

John riß sich aus seinen Gedanken, blickte wieder auf. „Wie könnte es denn überhaupt klappen zwischen uns - Vashtu auf der Erde, ich hier in Atlantis. Eine Woche im Monat, vielleicht meine Heimaturlaube. Das kann auf Dauer nicht funktionieren."

„Vielleicht aber ist gerade das der Punkt, auf dem Sie eine Beziehung aufbauen könnten, John. Sie beide sind sich zu ähnlich, um eine längere Zeit zusammenleben zu können. Aber wenn Sie Abstand zueinander halten, gelingt es vielleicht und wird Sie beide ausfüllen." Beckett lächelte wieder versonnen. „Denken Sie zumindest darüber nach."

Johns Blick glitt wieder ab. Stirnrunzelnd dachte er nach.

Als eine gewisse Betriebssamkeit auf der anderen Seite des Tisches ausbrach, sah er stirnrunzelnd auf. „Wollen Sie schon gehen?" fragte er irritiert.

Beckett hatte sein Tablett genommen und wollte sich offensichtlich gerade umdrehen. Jetzt sah er auf ihn hinunter. „Die Pflicht ruft", antwortete er. „Da ist etwas merkwürdiges aufgetaucht. Wir kommen mit den Proben nicht so recht weiter."

„Ich habe davon gehört. Tut mir leid für ..." John brach ab, als Beckett den Kopf schüttelte.

„Lassen Sie es mal gut sein. Heute ist Sonntag. Ich will nur kurz nach den Patienten sehen. Dann hatte ich mich zum Angeln mit Rodney verabredet." Damit ging er.


***


„Sag mal, woher kennst du eigentlich Faustus?" John starrte in die Flammen des Kaminfeuers, fühlte sich wieder eigenartig müde, aber auch vollkommen entspannt. Wellness schien zum Teil wohl auch ... nun ja, sie hatten beide keine große Lust mehr gehabt, sich irgendwie zu betätigen, nachdem sie aus dem Wellnessbereich des Hotels gekommen waren. Statt dessen hatten sie sich auf ihr Zimmer zurückgezogen und den Kamin angezündet.

„Sagte ich doch: Als ich mit Dr. Jackson in Antarktica war, flog Faustus uns von MacMurdo rüber zu der Forschungsanlage."

John nickte versonnen.

„Und er sagte, wenn du mir wehtust, brauchst du ihm gar nicht mehr unter die Augen zu treten." Jetzt hob die Antikerin doch den Kopf und blinzelte ihn spitzbübisch an. „Und auch, daß deine verlorene Wette noch nicht vergessen ist."

John stöhnte unwillig auf. „Dieser Kerl vergißt aber auch nie etwas!" Er schüttelte den Kopf, seufzte dann. „Du warst also, während deines Besuchs in Antarktica, auch in MacMurdo. Wie geht's den faulen Hunden?"

„Wir saßen einige Tage in einem Schneesturm fest. Da bin ich in Kontakt mit ihnen gekommen", erklärte Vashtu. „Für dich ist übrigens ein Captain Higgins nach MacMurdo gekommen. Aber die anderen ... waren klasse! Ich hätte es mir nicht so vorgestellt. Nach allem, was ich wußte, ist MacMurdo doch der letzte Posten vor dem Rauswurf."

John gluckste und erwiderte ihren fragenden Blick. „Was soviel bedeutet wie: Die Piloten auf MacMurdo sind alle nicht sonderlich regelkonform für die Air Force", sagte er.

Vashtu blinzelte. „Oh!" Sie sah nachdenklich aus. „Also könnte ich irgendwann auch auf MacMurdo landen - und davor fürchtest du dich."

John seufzte. „Ich fürchte eher, daß du ... dich in eine F-302 setzt und ein Himmelfahrtskommando durchziehen willst", entgegnete er. „Wenn die Zeiten für die Erde anders wären, würdest du wahrscheinlich in Rekordzeit auf MacMurdo landen. Aber so? Man wird dir ein bißchen mehr ... äh, zugestehen als normal, denke ich, und auf die alles entscheidende Schlacht warten. Denk an Mitchell."

Ihre Brauen zogen sich zusammen.

„Ich weiß, daß du ihn nicht magst." Wieder seufzte er, sah sie eindringlich an. „Aber in der Schlacht gegen Anubis hat er mitgekämpft und hätte beinahe sein Leben verloren. Und genau davor habe ich bei dir Angst. Du würdest es eiskalt durchziehen, Vash, und du weißt das auch selbst. Ich habe dich schon in Aktion erlebt, vergiß das nicht."

„Ich werde vorsichtig sein", versprach sie ihm.

John hatte da seine ehrlichen Zweifel, doch er sagte dazu nichts mehr, sondern blickte wieder ins Feuer. „Und was habt ihr während des Schneesturms so getrieben, du und die Jungs?"

„Jede Menge im Simulator gesessen und Gefechte geflogen. Die wußten nicht, was man in einer F-16 so anstellen kann - ich habe es ihnen gezeigt."

Jetzt lachte John leise. „Kann ich mir vorstellen", gluckste er, zog sie wieder an sich. „Den Trick mit dem Jumper mußt du mir unbedingt noch verraten. Den habe ich immer noch nicht heraus."

„Beschleunigen, beschleunigen, beschleunigen. Jumper sind schneller als ihr alle denkt", erkärte sie. „Und dann ziemlich schnell abschalten und die Richtung ändern. Ist zwar nicht sonderlich angenehm für die Beteiligten, aber ..."

„Effektiv. Der Stunt ist unvergessen, Vash! Einige Techniker erzählen immer noch, wie die Nummer 13 rückwärts durch das Tor kam."

Er fühlte, wie sie jetzt ihrerseits ein Kichern unterdrückte, während ihr Kopf wieder auf seiner Brust lag.

„Kannst du eigentlich auch Hive-Schiffe fliegen?"

Vashtu atmete tief ein, nickte dann. „Ja, aber besonders mag ich die nicht. Das merkten diese Kisten auch schnell."

John schüttelte verständnislos den Kopf und seufzte.

Was hatte dieses Mädchen eigentlich noch nicht geflogen? Irgendwie fühlte er sich ... naja, er fragte sich ehrlich, wer von ihnen beiden die größere Begabung hatte.

„Am Wochenende waren wir skifahren", sagte Vashtu unvermittelt.

„Was?"

„Die Jungs von MacMurdo und ich, als ich auf Antarktica war. Der General hatte uns einen Apache gegeben und wir sind losgezogen. Hat Spaß gemacht. Ich hoffe nur, die Bewaffnung wurde nicht komplett durchgezählt. Ich bin ... äh, einmal kurz an den Schalter gekommen."

John atmete tief ein. „Du bist was?" Er schmunzelte. Daß sie aus Versehen an einen Schalter gekommen war, glaubte er ihr nicht eine Sekunde. Aber gut, vielleicht war es wirklich nicht weiter aufgefallen.

„Was macht ein Apache in MacMurdo?" Er stutzte. „Das Klima ist doch viel zu kalt."

„Der kam mit einem Geheimauftrag für Mitchell und stand dann nur in den Hangars herum. Wir hatten dem General in den Ohren gelegen, bis er ihn uns für den Trip gegeben hat."

„Ist Quint inzwischen der Leiter?"

Sie nickte. „Der kennt dich auch noch sehr gut. Er vermißt eure Schachspiele." Vashtu kicherte.

John fiel ein. „Laß mich raten. Aus lauter Mitleid hast du mit ihm gespielt und ihn ziemlich ratlos zurückgelassen."

„So ungefähr. Faustus und er waren sich einig, daß es ... etwas gruselig wäre, mir gegenüberstehen."

John drückte sie liebevoll an sich.

Naja, zumindest jemand, der seine Fahne in der alten Heimat hochhielt und ihn unvergessen machte. Vashtu war einfach unmöglich! Er konnte sich wirklich das Gesicht seines alten Vorgesetzten vorstellen, nachdem er eine Partie mit ihr gewagt hatte. Wahrscheinlich hatte sie seine Figuren ebenso über das Schachbrett gejagt wie er zu seiner Zeit.

„Also, nach MacMurdo würde ich schon mal gern wieder", bemerkte Vashtu plötzlich. „Da könnte ich mir, wenigstens eine zeitweilige Versetzung, zumindest sogar vorstellen. Die Jungs da sind alle cool!"

John gluckste wieder. „Sind sie auch. Aber du würdest dich wahrscheinlich sehr schnell dort langweilen. Rate mal, warum Quint so ... ruhig ist? Der hat genug mit den üblen Scherzen zu tun, die man ihm ständig spielt." Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht, als er an seine kurze Zeit in der eisigen Kälte der Antarktis dachte. „So wie den Wissenschaftlern, wenn neue kommen."

„Das habe ich bemerkt. Aber so leicht lasse ich mich nicht hochnehmen."

„Nein, du hast es ihnen, wie ich, wahrscheinlich mit gleicher Münze heimgezahlt, was?" Er senkte den Kopf und suchte ihren Blick.

„Ach daher!" Sie kicherte und reckte den Hals.

„Was daher?" Er küßte sie kurz.

„Darum brauchte ich gar nichts zu sagen oder anderes zu tun. Als wir ankamen, hatte jemand mein Quartier in eine Eishöhle verwandelt und die Heizung heruntergedreht. Ich verzog mich und baute ein Iglu."

„Okay, der wäre selbst mir nicht eingefallen!" Kopfschüttelnd sah er ihr in die Augen.

Vashtu runzelte die Stirn. „Wieso? Die anderen meinten, du hättest etwas ähnliches getan, wenn du da gewesen wärst."

„Etwas ähnliches, aber nicht das gleiche!" Er stibizte sich einen Kuß von ihren Lippen. „Du bist unglaublich!"

„Dann habe ich die Türen mit Sekundenkleber verstopft", fuhr sie andächtig fort.

„DEN habe ich auch durchgezogen."

„Weiß ich seitdem." Sie grinste breit.

John wurde wieder nachdenklich. „Was hast du ihnen von mir erzählt?" fragte er.

Vashtu blinzelte. „Daß du jetzt einen verantwortungsvollen Posten hast, mehr nicht."

Er kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. „Und das hast du Faustus gesagt? Der hat dir doch kein Wort geglaubt."

„Er meinte, wenn man dir genug Freiheiten lassen würde, würde es vielleicht gut gehen."

Er öffnete die Augen wieder und sah sie nachdenklich an. „Grüß sie von mir, wenn du noch einmal nach Antarktica ..."

Unwillkürlich spannte sich ihr Gesicht an.

John seufzte ergeben. „Falls du noch einmal einen irgendwie gearteten Kontakt zu ihnen kriegen solltest", sagte er.

Sie nickte, ließ ihren Kopf wieder an seine Brust sinken. Ihre Hand strich über seinen Körper, doch ohne jedes Verlangen, einfach eine liebevolle Geste.

John biß sich auf die Lippen.

Da hatte er wirklich noch Schwerstarbeit vor sich, wenn sie es nicht endlich selbst einsah.


***


„Hey, guck dir das mal an!" Vashtu war vor einem kleinen Souvenierladen stehen geblieben und blinzelte in das Schaufenster. „Was sind das denn für Dinger?"

John, der schon einige Schritte weitergegangen war, kehrte jetzt um und drückte sich ebenfalls die Nase am Schaufenster platt. „Kuckucksuhren", kommentierte er und erntete einen scheelen Blick. „Alle Stunde springt da ein kleines Vögelchen heraus und gibt mechanisch Laut. Wenn du deinem nervenden Nachbarn ..." Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht und er blickte zu ihr hinunter.

Vashtu sah ihn einen Moment lang an, dann erwiderte sie sein Grinsen und nickte. „Laß uns reingehen", schlug sie vor.

„Ich wollte sowieso noch ein paar Souveniers mitbringen, wenn ich wieder zurück muß", sagte John. „Sieht aus, als hätte ich zumindest das erste Mitbringsel gefunden."

Vashtu drückte sich an ihm vorbei und öffnete die Tür.

Im Laden war es dämmrig und eng. Die Regale waren mit allem möglichen vollgestellt, zum größten Teil mit unsinnigen Dingen wie kleinen Mickey-Mouse-Figuren auf Skiern oder merkwürdigen zotteligen Plüschtieren, die einen Bigfoot darstellen sollten.

Vashtu hielt direkt auf den kleinen Abschnitt Wand zu, an dem die Kuckucksuhren hingen. „Welche meinst du?" fragte sie, sich halb umdrehend.

John betrachtete die Auswahl sinnend. „Nach Möglichkeit eine, die nur anschlägt, wenn Rodney schlafen will." Er grinste breit.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?" Eine junge Frau war hinter den Tresen an der, dem Schaufenster am entferntesten gelegenen Wand.

„Wir suchen einige Mitbringsel für ... äh, Bekannte?" Vashtu blickte wieder zu John hoch. Der nickte, wies dann auf die Kuckucksuhren.

„Eine von denen wäre nicht schlecht. Eine besonders große mit einem besonders lauten Kuckuck."

In diesem Moment öffneten drei der Uhren eine kleine Klappe und winzige Vögel auf Schienen kamen heraus.

Vashtus Augen wurden groß. Sie konzentrierte sich auf eine der Uhren, die irgendwie ... besonders kitschig auf sie wirkte.

Das Uhrwerk schlug leise an. Der Vogel schien sich vorzubeugen und öffnete dabei seinen Schnabel.

„Kuckuck!"

Sie begann zu lachen. „Süß!"

Die junge Angestellte kam dienstbefließen um den Tresen herum und stellte sich bei ihnen auf. „Wir haben hier original Schwarzwälder-Kuckucksuhren. Die sind allerdings um einiges teurer als die taiwanesischen."

Vashtu und John tauschten einen Blick. „Eine Schwarzwälder!" entschieden sie dann einhellig nickend.

Die Angestellte lächelte und wies auf das Modell, das die Antikerin gerade genau betrachtet hatte. „Diese?"

„Klar!" Wieder ein einhelliges Nicken.

Dann richtete John sich auf. „Was haben Sie denn noch so?" Er sah sich aufmerksam um, ob nicht doch noch das eine oder andere interessante zu finden war. Dabei blieb sein Blick an einem Ständer mit Mützen hängen.

Die Angestellte verschwand wieder hinter dem Tresen und ließ ihre beiden Kunden im Verkaufsraum allein zurück, um eine verpackte Uhr zu holen.

Vashtu wandte ihre Aufmerksamkeit jetzt auch den anderen Dingen hier zu. „Suchst du für noch jemandem etwas?" erkundigte sie sich, beugte sich über einen, in eine durchsichtige Masse eingebetteten Stein.

„Für Elizabeth, Teyla und vielleicht Ronon. Eventuell noch Radek. Gefällt dir hier etwas?" John war nachdenklich näher an den Mützenständer herangetreten.

„Ziemlich kitschig, die Auswahl hier." Vashtu sah sich wieder um.

„Andenkenläden." John zuckte mit den Schultern und hob eine Baseballkappe von dem Ständer, betrachtete sie aufmerksam von allen Seiten. „Wäre vielleicht was für Radek. Was meinst du?"

Vashtu trat näher, nahm ihm die Mütze ab und sah sie sich jetzt ebenfalls an. „Irgendwie kann ich ihn mir nicht mit einer Mütze vorstellen", wandte sie schließlich ein.

Im nächsten Moment wurde etwas auf ihren Kopf gedrückt. Entgeistert sah sie auf und fand John, der sie breit grinsend betrachtete. Vashtu hob die Brauen, schielte zu dem breiten Schirm hoch und schürzte die Lippen.

„Sieht interessant aus an dir." John beugte sich vor und sah ihr ins Gesicht.

Vashtu grinste sehr zufrieden und stülpte ihm jetzt ihrerseits die Baseballmütze über.

„Hey!" beschwerte er sich, nahm sich die Mütze gleich wieder ab und fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar.

Vashtu nahm sich jetzt auch wieder die Kappe ab und hielt sie ihm hin. „Nimm sie mit. Wenn nicht für Radek, dann für deinen Stellvertreter ... Lorne?"

„Wäre auch eine Möglichkeit." John betrachtete wieder die Auswahl an Mützen, sah dann sie wieder an. „Jetzt siehst du erst recht zum Schießen aus!"

Vashtu griff sich eine andere Mütze, eine mit einem eigenartigen ... Bommel? ... und stülpte sie sich über ihr Haar.

John wandte sich glucksend ab. „Nimm das Ding wieder ab, Vash!"

„Wieso?" Sie hatte einen Spiegel mit einer Werbung für irgendein Getränk gefunden und stellte sich davor. Mit großen Augen starrte sie sich an, dann riß sie sich die Mütze wieder vom Kopf. „Sowas trägt hier doch keiner, oder?"

„Eigentlich doch." John hatte eine ander Variante vom Ständer geholt und warf sie ihr hin. „Probier die mal."

Vashtu legte die Bommelmütze zur Seite und drehte die neue Kopfbedeckung in ihren Händen. Auch wieder aus Wolle, wenn sie sich nicht irrte. Extrem bunt, mit merkwürdigen Mustern versehen, und zwei lange Bänder hingen zu den Seiten herab.

Vorsichtig stülpte sie sich auch diese über, betrachtete sich dann im Spiegel. Sofort riß sie sich die Mütze wieder vom Kopf. „Ich sehe aus wie eine Idiotin!" entfuhr es ihr.

John lachte laut und schallend.

Als sie jetzt ihr Haar betrachtete, seufzte sie nur ergeben. Auch die zweite Mütze wurde zur Seite gelegt. Statt dessen bearbeitete sie ihren Schädel mit beiden Händen, bis sie mit dem Ergebnis halbwegs zufrieden war. Ihr Haar würde sich ohnehin nicht lange in einer Form halten lassen, das wußte sie.

„Haben Sie noch etwas gefunden?"

Die Angestellte war wieder nach vorn gekommen, einen Karton auf den Tresen abstellend musterte sie ihre beiden Kunden mit leicht irritiertem Gesichtsausdruck.

„Diese Mütze dann noch." John legte die Baseballmütze auf den Tresen, während Vashtu die beiden Mützen wieder an den Ständer hängte.

Wer machte sich denn auf diesem Planeten freiwillig zum Narren?


***


„Jetzt sollten wir die Sachen noch kurz zum Hotel zurückbringen, was meinst du? Wir können sie schließlich nicht mit auf die Piste nehmen", schlug John vor, als sie den Laden verließen und er mit zwei doch recht gefüllten Tüten bepackt war. Er trat auf die Straße und schlug die Richtung zum Hotel zurück ein. Da traf ihn etwas zwischen die Schulterblättern.

„Was ... ?" Er wollte sich umdrehen, doch dazu kam es gar nicht mehr.

Der nächste Schuß war ein Treffer. Ein Schneeball knallte hart gegen seinen bloßen Nacken. Schnee rieselte in seinen Kragen.

„Argh!" Unwillkürlich zog er den Kopf ein, wirbelte herum, gerade als ein dritter Schneeball auf ihn abgefeuert wurde.

Vashtu hatte ihn geworfen. Sie stand mit funkelnden Augen an einem Auto, das an der Straße geparkt war und ballte bereits den nächsten Ball zusammen.

„Nie wieder wirst du mir irgendetwas auf den Kopf setzen, John Sheppard!" drohte sie ihm.

Er richtete sich auf, sah sie groß an. „Was?"

Wie ein Baseballspieler holte sie aus, wirbelte dann nach vorn. Der weiße, halbwegs runde Schneeball traf seine Brust, ließ ihn unwillkürlich ächzen und einen Schritt zurückweichen.

Donnerwetter, hatte diese Frau einen harten Wurf!

„Na warte!" John schüttelte sich. Kälte und Nässe tropften innen seinen Kragen entlang seinen Rücken hinunter und ließen ihn erschaudern. Trotzdem setzte er mit weiten Schritten zu ihr zurück, während sie sich bereits eine neue Waffe zulegte.

„Nie wieder wirst du mir irgendetwas auf den Kopf setzen!" wiederholte sie und warf erneut. Doch diesmal ging der Schneeball daneben.

„Ich kriege dich!"

Vashtu packte noch eine Handvoll Schnee, dann raste sie los, auf die Straße und hetzte in einem weiten Bogen um ihn herum. John schlitterte, als er die Richtung ändern wollte, verlor fast das Gleichgewicht und warf sich im letzten Moment herum. Die Taschen noch immer in den Händen hetzte er ihr nach.

War diese Frau schnell!

Doch dann rutschte Vashtu ebenfalls weg, konnte sich nicht richtig auffangen und schlug lang hin.

John blieb fast das Herz stehen. Er konnte sich noch so oft sagen, daß Vashtu nahezu unsterblich war, dennoch schien sie sich etwas getan zu haben.

„Vash!" Hart bremste er ab, schlitterte noch ein paar Meter weiter, um sofort herumzuwirbeln und bei ihr niederzuknien, die Tüten jetzt vollkommen vergessend.

Sie hob den Kopf. Ein bißchen Schnee klebte an ihrer Nasenspitze.

„Geht's dir gut?" fragte er.

Vashtu rappelte sich wieder auf. „Klar." Sie grinste sehr zufrieden und bewarf ihm mit lockeren Schnee.

John wich unwillkürlich zurück, als das kalte Naß seine Haut berührte. Dann bekam er ebenfalls etwas Schnee in die Hand. Er warf sich nach vorn und drückte es ihr ins Gesicht.

Vashtu schrie spitz auf, während er sie sehr genüßlich mit noch mehr Schnee einrieb. Dann warf sie sich plötzlich auf ihn und drückte ihm ihrerseits wieder Schnee ins Gesicht.

„Hör sofort auf!" rief er, mehr erschrocken. Seine Wangen glühten.

„Wirst du noch einmal versuchen, mir irgendetwas auf den Kopf zu setzen?" Mit langem Hals und roten Wangen beugte sie sich über ihn.

John ging erst jetzt auf, daß sie wohl von der Straße abgekommen und in einen Park gelaufen waren.

Er prustete, wischte sich mit einer Hand über das Gesicht. „Ich hab dir die letzte Mütze nur gegeben", beschwerte er sich. „Aufgesetzt hast du sie allein."

„Du hast sie ausgesucht. Und die Baseballkappe hast du mir aufgesetzt!" beschwerte sie sich.

John zwinkerte. „Aber nur, weil du die andere ausprobiert hast und zum Schießen ausgesehen hast!"

Diese Worte wurden ihm mit einer weiteren Handvoll Schnee gedankt, das sie ihm ins Gesicht klatschte.

John holte Schwung, als es ihm reichte, packte sie unversehens und wirbelte herum, so daß er jetzt auf ihr saß. Sehr konzentriert begann er, ihr etwas Schnee in den Kragen rieseln zu lassen.

Vashtu kreischte und lachte gleichzeitig, strampelte mit den Beinen und schlug mit den Händen um sich.

„Hörst du jetzt endlich auf?" fragte er schließlich, sich dicht über sie beugend.

Ihr Gesicht glühte in der Kälte und war vollkommen naß.

Ihm ging auf, daß sie sich besser ins Warme verziehen sollten, ehe sich einer von ihnen beiden noch eine Erkälung holte.

„Hörst du auf?" wiederholte er seine Frage.

„Gibst du mir einen Kuß?" Sie sah ihn unschuldig an.

Johns Augen wurden schmal.

Irgendetwas plante sie, das war klar. Aber was?

„Wenn du aufhörst", sagte er schließlich.

Sie grinste zufrieden. „Gut, dann höre ich auf", antwortete sie, reckte ihm die gespitzten Lippen entgegen.

John beugte sich tiefer zu ihr hinab und drückte seinen Mund auf den ihren. Nur um unterdrückt loszubrüllen, als sie ihm mit beiden Händen fleißig Schnee in den Kragen stopfte.

Wie eine Schlange wand sie sich von ihm los, kam wieder auf die Beine, während er immer noch damit beschäftigt war, die Eiseskälte aus seinem Nacken zu wühlen.

„Bis später!" Er hörte ihre leichten Schritte im Schnee. Als er aufblickte, waren seine Tüten verschwunden - und mit ihnen Vashtu.

„Na warte!" drohte er, öffnete den Reißverschluß, um auch die letzten Reste Schnee loszuwerden.

Das würde sie ihm büßen, schwor er sich.


***


„Eigentlich hat das doch keinen Sinn, oder?" Vashtu blickte zu ihm auf, schob sich die Sonnenbrille wieder auf die Nasenwurzel zurück.

„Was?" John sah die Abfahrt hinunter. Es war wenig los, kein Wunder, es war ein Wochentag. Und ihr vorletzter hier. Für morgen mußten sie sich noch irgendetwas ganz besonderes einfallen lassen, fand er.

„Na, wir heizen die ganze Zeit den Hang runter, um ihn dann wieder hochzuklettern und das ganze immer und immer zu wiederholen", sagte Vashtu.

„Es macht Spaß", kommentierte er, setzte die Stöcke auf den festen Schnee.

„Trotzdem ist es eigentlich sinnlos."

„Wieso? Man kommt schnell von A nach B." Er grinste sie an, dann holte er Schwung und stieß sich ab.

Leider hatte der Snowboard-Verleih heute geschlossen. Irgendwie hatte er sich in den letzten Tagen daran gewöhnt, mit nur einem „Ski" unter den Füßen die Abfahrt hinunterzusausen. Vashtus Vorschlag war einfach grandios gewesen, mußte er zugeben. Irgendwie kamen ihm zwei Skier plötzlich sehr langsam vor.

Eine kleine Gestalt, tief über den Skiern gebeugt, die Stöck an den Seiten nach hinten geneigt, raste im atemberaubenden Tempo an ihm vorbei den steilen Abhang hinunter.

War diese Frau denn wahnsinnig?

Die Abfahrt war heute extrem glatt und rutschig, darum war auch der Snowboard-Verleih geschlossen. Und sie beide hatten sich natürlich nicht den Anfängerhügel ausgesucht.

John stieß die Stöcke in den vereisten Schnee, um mehr Tempo zu gewinnen, krümmte sich dann über den Skiern zusammen und raste ihr nach.

Eines mußte er ihr lassen, sie hatte offensichtlich auf MacMurdo mehr getan, als nur mit einem Apache irgendwelchen Unsinn zu bauen. Die Jungs schienen sie ja richtig in ihr Herz geschlossen zu haben. Und so wirklich wunderte ihn das nicht. Für Vashtu gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man liebte sie oder man haßte sie. Etwas anderes kam einfach bei dieser Frau nicht in Frage.

Die kleinere Gestalt richtete sich etwas auf, um Schwung zu verlieren. Die Abfahrt wurde etwas flacher.

John kam ein böser Gedanke. Wieder holte er mit den Stöcken Schwung, krümmte sich noch mehr über seinen Skiern zusammen. Dann versuchte er, so dicht wie möglich an ihre Läupe zu gelangen.

Vashtu war inzwischen zum Stillstand gekommen, drehte sich gerade um, als er den Schwung wegnahm und sich aufrichtete. Absichtlich stellte er einen Skier quer. Schnee spritzte unter den Kufen und traf die Antikerin voll.

Mit offenem Mund prustete und pustete sie.

John kam zum Stehen, drehte sich etwas schwerfällig zu ihr um.

Mit beiden Händen wischte sie sich den Schnee vom Gesicht, richtete sich schließlich wieder auf. Er meinte, durch die dunklen Gläser ihrer Sonnenbrille hindurch das wütende Funkeln ihrer Augen zu hören.

„Was war das denn?" begehrte sie zu wissen.

„Da hatte ich wohl ein bißchen viel Schwung", bemerkte er unschuldig.

Vashtu schnaubte, wischte sich die letzten Eiskristalle aus ihrer Sturmwindfrisur.

John grinste zufrieden.

Er hatte seine Rache gehabt.

„Hey!" Vashtu hatte sich abgewandt, schien jetzt etwas sehr genau zu mustern.

John drehte sich in die Richtung, in die auch sie starrte, blinzelte dann. „Schneemobile?" fragte er irritiert.

Und tatsächlich, hinter dem Auslauf standen, in Reih und Glied ein halbes Dutzend Schneemobile und warteten unschuldig auf ihre nächsten Piloten.

Vashtu hob den Kopf, drehte sich wieder zu ihm um. Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.

John erwiderte es. „Du hast recht. Eine klasse Idee!"

Sie nickte stumm.


TBC ...