18.03.2012

Kalter Entzug VII


Drei Tage vor der Rückkehr:
Major?"
Vashtu blickte verschlafen auf und blinzelte einige Male. Sie fühlte sich so unendlich müde, so ... sie wußte es selbst nicht wirklich zu sagen, was da eigentlich in ihr vor sich ging.
Pendergast ließ sie inzwischen immer öfter zu sich bringen. Die Leistungstests schienen abgeschlossen zu sein, aber auch an die erinnerte sie sich nicht mehr wirklich, ebenso wie an die Gespräche mit dem Colonel. Alles schien ihr eigenartig weit entfernt zu sein. So weit entfernt, daß sie es kaum greifen konnte.
Major Uruhk?" hörte sie die Stimme wieder, die sie aus dem Schlaf gerissen hatte.
Vashtu gähnte herzhaft, setzte sich nun doch auf und blinzelte wieder zur Tür.
Bates war weg!
Was ... ?"
Benommen schüttelte sie den Kopf, rieb sich die Nasenwurzel mit zwei Fingern.
Seit wann war ihr persönlicher Schatten verschwunden? Irgendwie wußte sie, es sollte sie interessieren. Auf der anderen Seite aber ... Es war soviel bequemer, sich diesem Wissen nicht zu stellen, sondern sich einfach wieder auf die Pritsche sinken zu lassen und weiter zu schlafen.
Major Uruhk, sind Sie da?" zischte die Stimme nun zum dritten Mal.
Okay, offensichtlich wollte wohl doch jemand etwas von ihr.
Stöhnend setzte Vashtu die Füße, warum ging sie mit Stiefeln ins Bett?, auf den Boden. Schwankend kam sie auf die Beine und tapste etwas hilflos zur Tür. Verschlafen drückte sie den Türöffner, doch nichts rührte sich.
Mit einem Mal war sie wacher, wenn auch lange noch nicht wach genug.
Blinzend berührte sie erneut den Öffner, doch das Schott glitt nicht zurück.
Vashtu sah sich irritiert um, drückte dann ihr Ohr an das Metall. „Die Tür ist zu", sagte sie und wartete.
Ich weiß", kam die Antwort von der anderen Seite.
Endlich war es ihr, als würde sie die Stimme erkennen. Einer der anderen Majors ... Barnes? Aber wieso?
Hören Sie, Major", zischte es von der anderen Seite. „Wir haben nicht viel Zeit. Bates wird bald mit Ihrem Abendessen zurück sein. Ich wollte Ihnen mitteilen, daß wir vielleicht eine Möglichkeit gefunden haben, wie wir Sie in die Stadt zurückbringen können, möglicherweise mit Heimdahl zusammen."
Vashtu versuchte sich zu konzentrieren, doch so recht wollte ihr das nicht gelingen.
Was war denn nur los mit ihr?
Sie fühlte etwas eigenartiges und sah auf ihre Hände hinunter. Die zitterten leicht.
Verblüfft und fasziniert zugleich hob sie den linken Arm und betrachtete, wie ihre Hand leise im Gelenk bebte. Was war das?
Major Uruhk? Sind Sie noch da?" flüsterte Barnes von der anderen Seite der Tür.
Vashtu riß sich von dem Anblick ihrer zitternden Hand los, drückte ihr Ohr wieder an das kühle Metall. „Ja ... ja, ich bin noch da."
Pendergast hat irgendetwas mit Ihnen vor, Major", zischte Barnes. „Bates hat da etwas in der Messe verlauten lassen, aber wir wurden nicht so recht schlau daraus. Aber wir wußten, es ist besser für Sie, wenn Sie so schnell wie möglich verschwinden vom Schiff."
Vashtu nickte sinnend, schüttelte dann den Kopf, als ihre Konzentration wieder abzugleiten begann. „Gut", flüsterte sie. „Wann geht es los?"
Frederics wird Sie holen. Erinnern Sie sich noch an ihn? Jung, rot-braunes Haar und vorlaut - paßt zu Ihnen", beschrieb Barnes.
Ein kleines Lächeln umspielte Vashtus Mundwinkel. „Okay. Ich ... ich bin bereit."
Sie hörte eine zweite Stimme, die ihr ebenfalls bekannt vorkam, doch die sie nicht zuordnen konnte. Ebensowenig wie sie die Worte verstehen konnte. Aber zumindest die letzte Frage wurde ihr schnell beantwortet.
Bates kommt zurück. Wir sehen uns."
Ein letzter Rest ihres Verstandes sagte ihr, sie solle so schnell wie möglich wieder zurück auf die Pritsche. Halb taumelnd, halb schlurfend schaffte sie den Weg sogar, ließ sich einfach fallen und vergrub ihr Gesicht in dem Kissen.
Was Barnes sich da wohl dachte? Es war doch alles in Ordnung, oder?

***

Jetzt:
Dr. Stross, ein Funkspruch", meldete Andrea Walsh mit einem eigenartigen Unterton in der Stimme.
Anne, die an ihrem Schreibtisch gesessen und mit sorgenvoller Miene die neuesten Berichte von Dorn studiert hatte, blickte auf. „Ja? Was für ein Funkspruch?"
Wieder begann ihr Herz schneller zu schlagen. War die Abschirmung des militärischen Hauptgebäudes doch nicht so hundertprozentig, wie sie bisher angenommen hatten? Oder spielte vielleicht sogar die Verwandlung von Major Uruhk eine Rolle dabei? Mutierte nicht nur ihr Aussehen und wurde ihr mehr Kraft verliehen? Sorgte diese körperliche Veränderung vielleicht auch dafür, daß der ID-Chip unter ihrer Haut besser erreichbar war für die Scanner der Prometheus? Denn wer sonst sollte sie anfunken? Den Torbetrieb hatte sie erst einmal aussetzen lassen, damit sie ihre anderen Probleme in den Griff bekamen. Es befanden sich keine Teams mehr auf anderen Planeten, und innerhalb der Stadt? Dann würde Andrea sicher nicht so irritiert klingen.
Wer ist es? Pendergast?" fragte sie.
Äh, nein, Doktor", antwortete die Technikerin. „Es ist ... Major Barnes."
Anne richtete sich stocksteif auf.
Barnes? Aber der sollte doch unter Arrest stehen nach allem, was sie wußte.
Stellen Sie durch!" keuchte sie.
Es knisterte augenblicklich in ihrem Ohr. Die Funkeinrichtung, die der Major benutzte, war offensichtlich alles andere als sonderlich modern und neu.
Major? Wo sind Sie? Ich hörte ..." Anne stand unvermittelt auf und begann, ihr Büro mit Schritten zu durchmessen.
Alles in Ordnung, Doc", antwortete der Air Force-Offizier mit ruhiger Stimme. „Machen Sie sich keine Sorgen um uns. Es geht uns gut - allen. Sie sollten das wissen, ehe Sie oder Major Uruhk irgendein Himmelfahrtskommando planen."
Ein erleichtertes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Aber wie ist das möglich?" fragte sie.
Indem Pendergast auch einen Teil der Techniker in Gewahrsam nehmen ließ", antwortete Barnes prompt. „Die haben sich in die Funkleitungen eingeklinkt. Allerdings wird uns wohl nicht allzu viel Zeit bleiben, wenn wir diese Leitung weiter benutzen wollen."
Anne nickte und fühlte sich einfach nur erleichtert.
Ist Major Uruhk gut bei Ihnen angekommen? Und Heimdahl?"
Anne verhielt im Schritt. „Heimdahl geht es gut", antwortete sie ausweichend. „Im Moment arbeitet er mit Dr. Babbis zusammen, damit wir den Schild der Stadt wieder hochziehen können."
Das klingt gut", sagte Barnes. „Sehr gut sogar. Hilft Major Uruhk mit?"
Diese herrliche Unbekümmertheit in der Stimme des gestandenen Mannes!
Anne wünschte sich einen Moment lang wirklich, ebenso ahnungslos wie er sein zu können und nicht einen halben Wraith in einer der Zellen zu wissen.
Major Uruhk ist ... Der Colonel setzte sie unter Drogen, Major. Sie ... kämpft zur Zeit mit den Entzugserscheinungen", antwortete sie endlich.
Ein scharfes Einatmen. „Das ist übel", sagte Barnes. Dann wechselte unvermittelt die Stimme.
Anne? Hier ist Peter", meldete sich der Arzt Dr. Peter Grodin.
Peter!" Dieser Name entwich ihren Lippen wie ein Gebet. „Was würde ich darum geben, dich jetzt hier unten zu haben!"
Wie geht es Major Uruhk?" kam der sofort auf den Punkt.
Anne atmete tief ein und zögerte plötzlich. Sie wußte nicht, ob es der Antikerin recht war, daß ihre Probleme offen von allen mitgehört werden konnten auf der Prometheus. Zumindest von denen, die sich offensichtlich irgendwo eingesperrt befanden.
Wir sind unter uns. Keiner hört mit, dafür sorgen schon Barnes und Frederics", beruhigte Grodin sie mit sanfter Stimme.
Major Uruhk verwandelt sich zur Zeit ... in einen ... Wraith", antwortete Anne endlich.
Wieder ein scharfes Einatmen. „Sicher?"
Ich war gestern bei ihr, Peter. Und ich habe genug Wraith in meinem Leben gesehen. Ja, ich bin mir sicher!" antwortete sie, plötzlich aggressiv geworden.
Steuert sie es?"
Was?" Anne blinzelte verblüfft.
Grodin seufzte. „Soweit ich das verstanden habe, als wir miteinander darüber redeten, steuert sie die Fremdzellen zu einem Gutteil selbst und bewußt, Anne. Vielleicht hilft es ihr, über die Drogen hinwegzukommen. Was hat man ihr gegeben?"
Valium und Skopolamin", antwortete sie mechanisch.
Konnte das tatsächlich sein? War das möglich? Aber ... der Major hatte gestern nicht gewirkt, als habe sie wirklich über alle ihre Handlungen die Kontrolle.
Skopolamin?" Grodin schien bestürzt. „Wo kommt das Zeug denn her?"
Das wußte Marc auch nicht zu sagen", antwortete sie mechanisch. „Wahrscheinlich hatte Pendergast es irgendwo versteckt für den Fall, daß er es brauchen könnte."
Würde zu diesem Kerl passen nach dem, was er mit Heisen angestellt hat." Grodin atmete einige Male tief ein. „Was meint Marc dazu?"
Er sagt, sie muß den kalten Entzug durchstehen. Und sie war, zumindest zu Anfang, auch bereit dazu."
Dann laß Marc machen. Was Drogenmißbrauch angeht gehört er zu den besten, die du kriegen kannst. Sobald das ganze etwas nachgelassen hat, soll er noch einmal ihr Blut untersuchen, damit auch wirklich nichts zurückbleibt. Gerade dieses Teufelszeug ist verflixt anhänglich. Das sollte sie auch wissen, hörst du?"
Anne nickte. „Was können wir für euch tun?"
Uns geht es im Moment gut. Und wenn wir jetzt diese Leitung nicht überstrapazieren, werden wir auch in Kontakt bleiben können. Tut nichts unüberlegtes, Anne", warnte Grodin. „Im Moment sieht es ganz gut für uns aus, so unwahrscheinlich das für dich auch klingen mag. Pendergast läßt uns weitestgehend in Ruhe, wir erhalten genug Nahrung und Wasser. Und, dank dir, wissen wir jetzt auch, worauf wir zu achten haben. Major Uruhk soll sich erst einmal auskurieren, hörst du? Dann reden wir weiter."
Anne nickte, auch wenn sie sich am liebsten, auch wenn sie nicht über das seltene ATA-Gen verfügte, einen Puddlejumper genommen und zur Prometheus geflogen wäre, um ihre restlichen Leute da herauszuholen.
Dr. Stross?" meldete sich Barnes wieder. „Hören Sie, lassen Sie uns erst einmal selbst machen. Vielleicht kommen wir auch ohne Hilfe hier heraus. Wir werden sehen, okay? Barnes Ende."
Es klickte in der Leitung.
Anne stand am Fenster und starrte in den Gateroom hinaus.
Hoffentlich ging alles gut, hoffentlich!

***

Peter beobachtete mit scheelem Auge den Asgard, der voll konzentriert an einem der Planetenkiller herumbastelte.
Irgendwie fiel es ihm schwer, diesem kleinen Wesen wirklich zu vertrauen, vor allem, wenn er bedachte, daß Heimdahl von sich selbst behauptete, quasi noch ein Kind zu sein. Der erste Asgard, der seit Jahrhunderten - oder waren es bereits Jahrtausende? - geboren worden war. Geboren, wie auch immer. Vielleicht aus der Retorte? Zumindest nicht geklont, soviel stand fest.
Peter konzentrierte sich wieder auf seine eigene Arbeit.
Doch da war noch etwas anderes, was an ihm fraß. Etwas, was ihn persönlich sehr belastete: Die Sache mit Vashtu.
Was, wenn es ihr nicht gelang, sich wieder zurückzuverwandeln? Was, wenn sie jetzt für immer dieses ... dieser Wraith bleiben würde, den er gestern gesehen hatte? Was, wenn die Drogen in ihrem Blut sich nicht abbauten, sondern sie noch tiefer in ihre Fremdzellen stürzen ließen?
Als er sie gestern gesehen hatte, war ihm beinahe das Herz stehengeblieben. Er hätte sich nie vorstellen können, nach allem, was sie schon durchgemacht hatte, sie dermaßen verändert vorzufinden. Er hatte sie als unendlich alte Frau gesehen, er hatte gesehen, wie sie ihre Augen in die eines Käfers verwandelte, wie sie ihre Wraith-Kräfte einsetzte und damit stärker wurde als die meisten Männer. Aber nie hätte er angenommen, daß sie sich dermaßen verwandeln konnte, nie!
Kann ich den Laptop haben?" brach Heimdahls emotionslose Stimme plötzlich das Schweigen.
Peter zuckte zusammen, als habe der Asgard ihn geschlagen. „Was?"
Heimdahl blinzelte vertrauensvoll. „Den Laptop brauche ich, wenn du ihn erübrigen kannst, Dr. Babbis", wiederholte er seine Frage.
Peter fiel erst jetzt auf, daß der Planetenkiller, an dem der Asgard bis jetzt gearbeitet hatte, wieder vollständig zusammengesetzt war und leise funkelte, gelblich funkelte. Ungläubig blinzelte er. „Was ... ?"
Brauchst du den Rechner noch?"
Peter schüttelte abwehrend den Kopf. Eilig schob er dem kleinen Alien seinen Laptop hinüber und beobachtete, wie Heimdahl einige Kabel mit dem Planetenkiller verband, dann sinnend den Bildschirm betrachtete.
Unwillkürlich breitete sich wieder Neid in ihm aus, doch er bekämpfte ihn.
Er war einfach abgelenkt, punktum. Wenn es Heimdahl tatsächlich gelungen sein sollte, die Wirkung dieser Raummine umzukehren, dann ...
Es funktioniert." Der Asgard blickte wieder auf und blinzelte.
Es funktioniert?" Peter riß die Augen auf. „Aber ..."
Wer war jetzt der führende PK-Forscher, höhnte eine kleine Stimme in ihm, während er um den Tisch herumhetzte und ungläubig staunend die Anzeigen ablas.
Das war einfach unglaublich! Der Asgard schien ja sogar noch schneller als Vashtu zu arbeiten! Das war ...
Peter richtete sich unvermittelt auf und tippte auf das Empfangsteil seines Funkgerätes. „Wir sind soweit. Wir können den Schild hochfahren", meldete er, nachdem Stross ihn nach seinem Begehr gefragt hatte.

***

Eine Woche später:
Ein wenig unsicher betrat sie das große Büro in der obersten Etage des militärischen Kontrollturms. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie wußte nicht, ob sie wirklich bereits bereit war für das, was sie möglicherweise erwartete. Doch schließlich trat sie über die Schwelle und atmete tief ein.
Willkommen in Vineta, Major!" Anne Stross trat ihr entgegen, hielt ihr einen Becher hin.
Vashtu sah die andere einen Moment lang an, dann breitete sich ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. „Danke", sagte sie leise und nahm den Becher.
Im Gedenken an Atlantis, Major, und natürlich für Ihre Genesung." Anne hielt noch einen zweiten Becher in der Hand, nickte ihr auffordernd zu.
Vashtu zögerte einen Moment, dann stieß sie mit der zivilen Leiterin der verbotenen Stadt an und nahm einen Schluck von dem kribbelnden Alkohol, der etwas ... mehr Geschmack verdient hätte, hätte man sie gefragt. Aber wenn man schon einmal Champagner bekam ...
Anne lächelte, legte ihr vertraulich eine Hand auf die Schulter. „Ich freue mich, daß ich Sie jetzt doch endlich in Vineta willkommen heißen kann, Major. Sie können sich gar nicht denken, wie sehr ich mich über Ihre Entscheidung freue."
Vashtu nickte, atmete tief ein und sah sich um. Über der Stadt, durch die großen Fenster nach draußen sehr gut zu sehen, leuchtete blaß der Schutzschild in einem beinahe träumerischen Blau. Der Schutzschild, der ihr Sicherheit versprach, Sicherheit vor ...
Sie zwang sich, nicht weiter zu denken, trat an der Wissenschaftlerin vorbei an eines der, bis zum Boden reichenden Fenster und gab gedanklich den Befehl.
Das hatte sie sich schon lange gewünscht, so lange!
Ein Lächeln erschien auf Vashtus Lippen, als die verborgene Tür aufschwang und sie hinaus auf den Balkon treten konnte. Sinnend lehnte sie sich an das Geländer, betrachtete weiter den Schutzschild, Stross neben sich wissend. Die Wissenschaftlerin war ihr gefolgt.
Wie lange hält ein PK?" fragte sie leise.
Babbis schätzt, in etwa zwei bis drei Wochen", antwortete Stross, lehnte sich neben sie und blickte zur Höhlendecke hinauf. „Genau werden wir das wohl erst feststellen können, wenn es soweit ist."
Vashtu nickte, spielte mit dem Becher in ihren Händen.
Vineta, die Chance ... War sie das wirklich? Oder hatte sie Pendergast am Ende doch mehr verraten als sie eigentlich gewollt hatte?
Sie wußte es nicht mehr. Wie so vieles in den letzten vierzehn Tagen auf der Prometheus verblaßte auch diese Erinnerung, die Erinnerung an die Fragespielchen des Colonels, solange sie sein willenloses Opfer gewesen war.
Den Eingesperrten geht es offensichtlich gut", fuhr Stross an ihrer Seite fort. „Sie melden sich regelmäßig und erkundigen sich auch nach Ihnen, Major."
Vashtu nickte wieder, betrachtete nun die beleuchteten Bereiche der verbotenen Stadt. Vineta zeigte sich von einer freundlichen Seite, doch selbst all das Licht in den Fenstern konnte nicht über den letzten Bereich, den Bereich der dunklen Schatten und finsteren Geheimnisse hinwegtäuschen.
Vashtu nahm noch einen Schluck von dem Champagner, rollte ihn ein wenig im Mund, ehe sie ihn hinunterschluckte.
Es war, wie sie es zu Anfang erwartet hatte. Diese Galaxie forderte alles von ihr, oder zumindest mehr, als sie bisher hatte geben müssen. Aber, im Gegensatz zu dem, was sie angenommen hatte, war es weniger Vineta selbst, sondern die Erben ihres Volkes, die ihr übel mitspielten und sie in ihre allerletzten Reserven trieben. Die Stadt wurde für sie dagegen immer mehr zu etwas ... zu einer Art ... Heimat? Zumindest aber eine feste Anlaufstelle und erfüllt von Menschen, die zu ihr standen und sich selbst von ihren dunkelsten Seiten nicht schrecken ließen, wie sie in der vergangenen Woche wieder einmal erlebt hatte.
Was denken Sie, Major?" wandte Stross sich unvermittelt an sie.
Vashtu seufzte, richtete sich wieder auf und runzelte die Stirn, während sie die Leiterin dieser Stadt sinnend betrachtete. „Sind wir jetzt im Dienst?" fragte sie schließlich.
Stross schmunzelte und warf ihrem Becher einen langen Blick zu. „Wenn wir es wären, würden wir wohl gerade gegen eines der ehernsten Gesetze verstoßen: Kein Alkohol am Arbeitsplatz."
Vashtu lächelte und senkte den Blick. Dann blickte sie wieder auf, in die Augen der anderen. Ihr Gesicht wurde ernst. „Was Sie mir erzählt haben in den letzten Tagen ..." Sie stockte und runzelte wieder die Stirn. Dann schüttelte sie den Kopf und holte tief Atem. „Nennen Sie mich Vashtu, Doc. Zumindest, wenn wir nicht im Dienst sind."
Stross' Augen weiteten sich überrascht, dann breitete sich ein Lächeln in ihrem Gesicht aus. Sie richtete sich auf und hielt ihr die Rechte hin. „Anne für Sie, Vashtu", sagte sie leise.
Die Antikerin schlug ein, gerade als sich hinter ihnen die Tür zum großen Büro wieder öffnete und die anderen den Raum betraten.

ENDE

11.03.2012

Kalter Entzug VI


Sieben Tage vor der Rückkehr:
Vashtu ließ sich von Bates zum Quartier von Pendergast bringen. Dabei fühlte sie sich eigenartig gleichgültig. Sie spürte selbst, irgendwo tief in sich drin, daß es nicht gleichgültig sein sollte, was mit ihr geschah, aber ... irgendetwas hinderte sie daran, etwas anderes zu empfinden.
Der Sergeant öffnete die Tür, ließ ihr den Vortritt.
Vashtu sah sich mit halbem Auge um, wartete, bis Bates sie am Arm nahm und zu dem großen Tisch dirigierte, der bereits gedeckt war. Auf seine stumme Aufforderung ließ sie sich nieder, sank gegen die Rückenlehne und schloß die Augen.
Sie war so müde. Wirklich müde. Sie konnte sich gar nicht erinnern, sich jemals dermaßen nach Schlaf und Ruhe gesehnt zu haben. Nie! Zwar mochte sie schon an Punkte gekommen sein, an denen sie geglaubt hatte, nicht mehr weiterzukönnen. Doch jetzt begriff sie erst wirklich, was es bedeutete, dermaßen die Kontrolle zu verlieren.
Schön, daß Sie gekommen sind, Major", begrüßte Pendergasts Stimme sie. „Bleiben Sie ruhig sitzen. Sie sind jetzt nicht im Dienst."
Mühsam öffnete sie die Augen wieder. Kurz zuckte sie zusammen, als sie den Colonel direkt über sich gebeugt fand, dann aber kehrte diese eigenartige Gleichgültigkeit wieder zurück und ließ sie zurücksinken in das Polster.
So ist es schon sehr gut, Major", lobte Pendergast sie. Vom Tisch nahm er ein Glas und hielt es ihr an die Lippen. „Trinken Sie, Sie sind durstig, nicht wahr?"
Nein, das war sie an für sich nicht, aber wenn er meinte.
Vashtu nahm einen Schluck. Die Flüssigkeit schmeckte bitter, erinnerte sie an etwas. Irgendwo, ganz tief in sich, fühlte sie, wie eine winzige Alarmglocke anschlagen wollte. Doch es war zu anstrengend, sich darum zu kümmern.
Vashtu konzentrierte sich auf ihren Atem, weil sie glaubte, wenn sie das nicht tun würde, würde sie schlicht vergessen, daß selbst sie Luft zum Leben brauchte. Sie schluckte und schloß die Augen wieder halb.
Pendergast hatte sich offensichtlich neben ihr niedergelassen. Saß sie nicht am Kopfende seines Tisches? Egal!
Wir waren gestern bei Ihrem Kampf gegen die Wraith vor zehntausend Jahren, Major", begann der Colonel jetzt wieder. „Aber Sie haben mir nicht erklärt, wie Sie, von einer einfachen Lantianerin, zu dem wurden, was Sie jetzt sind. Wie konnten Sie zehntausend Jahre überstehen?"
Vashtu öffnete den Mund, wollte antworten. Doch ihre Stimme versagte ihr den Dienst. Benommen begann sie den Kopf zu schütteln. „Kann nicht ..." murmelte sie.
Trinken Sie noch einen Schluck, das wird helfen."
Wieder wurde ihr das Glas an die Lippen gehalten, wieder trank sie diese bittere Flüssigkeit. Allmählich versank alles um sie her in einem Nebel, die Müdigkeit wurde immer größer, schien sie aufzusaugen.
Was sind Sie, Major?"
Die Lider fielen ihr über die Augen. Wieder mühte sie sich, den Kopf zu schütteln.
Sie verstand es ja selbst nicht. Pendergast schien plötzlich sehr freundlich ihr gegenüber zu sein, vielleicht hatte er tatsächlich begriffen, daß sie sich sträuben würde, bis ... Ja, bis was? Er war ihr Vorgesetzter. Sie sollte ihm gehorchen. Aber sie konnte nicht.
Was sind Sie?" kehrte die Frage zurück.
Unwillig stöhnte sie auf, wandte den Kopf ab, als sie wieder fühlte, wie das kühle Glas ihre Lippen berührte.
... geistige Sperre, Sir ..." hörte sie Bates undeutlich sagen, brachte es fertig, die Augen jetzt doch wieder einen Spalt weit zu öffnen, um sich konzentrieren zu können. Das Gesicht des Marines wirkte, als habe er Seidentücher über dem Kopf. „ ... stärkeres Mittel ... reicht nicht!"
Unsinn!"
Unsanft wurde sie plötzlich gepackt und geschüttelt, bis sie mühsam den Kopf hob und mit verschleierten Augen zu dem Colonel aufsah.
Warum wirkte er plötzlich so wütend?
Was haben Stross und Sie ausgeheckt, Major? Was geht hier auf meinem Schiff vor sich? Antworten Sie!" herrschte er sie hart an.
Vashtu runzelte benommen die Stirn. „Weiß nicht ..." nuschelte sie, ihr Kopf sank auf ihre Brust.
Mit einem Fluch wurde sie zurückgestoßen, sank gegen die gepolsterte Rückenlehne.
Sie war so müde ...

***

Jetzt:
Vashtu hockte wieder auf der Pritsche, horchte tief in sich hinein und stemmte sich mit aller Macht gegen eine noch weitere Verwandlung. Sie war froh um die Schatten und die Dunkelheit, in denen sie sich verstecken konnte. Das letzte Mal, und da war die Verwandlung noch lange nicht soweit gegangen, als sie ähnlich aussah, war es heller Tag gewesen und sie hatte geglaubt, den Verstand verlieren zu müssen, als sie ihr eigenes Spiegelbild sah.
Wie lange war das jetzt her? Knapp drei Jahre mußten es wohl sein, rief sie sich ins Gedächnis. Drei Jahre, von denen sie eines noch relativ verschlafen hatte, in der Hoffnung, die Fremdgene auf diese Weise wieder unter Kontrolle zu bringen und sich John stellen zu können. Und vor ungefähr zwei Jahren hatte sie andere getötet, die ihr in diesem Moment noch ähnlicher waren als die Menschen auf Atlantis.
Vashtu ballte die Hände zu Fäusten.
Sie hatte sich teils bewußt in die Wraith-Zellen gestürzt, um das schlimmste abwenden zu können. Doch daß die Verwandlung soweit ging, damit hätte sie niemals gerechnet. Sie besaß einen Saugmund, sie fühlte den schmerzenden Hunger in ihren Eingeweiden. Dabei fragte sie sich allerdings auch, ob sie tatsächlich fähig war ...
Kleines?"
Vashtu hob den Kopf, hielt ihr Gesicht aber weiter abgewandt und starrte die Wand an. Dabei aber fühlte sie den dringenden Wunsch, sich in Dorns Arme zu stürzen, sich von ihm halten zu lassen wie ein kleines Mädchen. Wie ihr Vater es damals getan hatte, nachdem die Wraith ...
Vashtu stöhnte auf und schloß die Augen.
Ich weiß, daß du dich verwandelt hast", fuhr Dorns Stimme sanft fort. „Du kannst dich mir ruhig zeigen. Ich bin außerhalb der Reichweite."
Sie nickte stumm.
Die zusätzlichen Zahnreihen, die sie mit aller Macht zurückhielt, aber doch ihren Kiefer zu verformen begannen und das Zahnfleisch schmerzen ließen, ließen ihre Stimme selbst in ihren Ohren undeutlich klingen. Es strengte sie an, zu sprechen.
Ich wollte dir sagen, daß die Wachen ausgetauscht und verstärkt wurden. Ich habe sie ein wenig von der Zelle abgezogen, damit du nicht ... in Versuchung kommst."
Wieder nickte sie.
Wir hatten tatsächlich einige Stunner. Denkst du, das wird reichen?" fragte Dorn leise und mit sanfter Stimme.
Wieder ein Nicken, während sie weiter die Wand fixierte. Dann setzte sie sich aufrecht hin und schluckte. „Könnt ihr das Gitter unter Spannung setzen?"
Es ist unter Spannung, Vashtu", antwortete Dorn.
Die Hoffaner-Paradoxe! Sie schloß die Augen.
Nach ihrer Geiselhaft hatte Dr. Weir ihr die Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt, die Carson hatte sammeln können während der kurzen Partnerschaft mit dem Volk der Pegasus-Galaxie. Sie wußte, daß etwas in ihrem Inneren dafür sorgte, daß der Energieschirm nicht auf sie ansprang. Eine Chance weniger für die Wachen. Aber vielleicht ...
Du wirkst ruhiger. Geht es dir besser?"
Sie schüttelte den Kopf.
Brauchst du irgendetwas?"
Habt ihr noch etwas von der Prometheus gehört?" fragte sie unvermittelt.
Bis jetzt nicht. Es herrscht Funkstille", antwortete Dorn. „Babbis arbeitet mit diesem Heimdahl an den Planetenkillern. Weiß er, wie er den Schild verändern muß?"
Vashtu zögerte. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm mitgeteilt hatte, was er tun mußte, um den Schild abzugleichen und die ID-Chips damit für jeden Scanner außerhalb der Stadt unsichtbar zu machen.
Frag ihn", antwortete sie. „Wenn nicht ... Ich werde versuchen, einen kurzen Winterschlaf zu halten, dann könnt ihr mir einen Laptop hereinschieben."
Wird es noch lange dauern?"
Ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel. „Ich weiß es nicht", antwortete sie, zögerte noch einen Moment, dann drehte sie sich um und sah Dorn, der in seinem Rollstuhl auf der anderen Seite des Gitters saß und sie musterte. Im Gegensatz zu Peter schien er nicht zu erschrecken, oder es sich wenigstens nicht annmerken zu lassen.
Der Entzug dürfte noch das kleinste Problem sein", gab sie zu. „Die Rückverwandlung ... könnte etwas länger dauern."
Dorns schattenumspielte Gestalt nickte. „Aber du schaffst das, nicht wahr?"
Ich hoffe es." Sie erhob sich, plötzlich ruhelos geworden. „Im Moment hätte ich nicht übel Lust, zur Prometheus zurückzufliegen und Bates und Pendergast ein bißchen ... auszusaugen!" Ihre Augen glühten bei dem letzten Wort gierig auf.
Kann ich mir vorstellen. Würde mir nicht anders gehen." Dorn nickte bedächtig. „Stross sagte, du wüßtest, was man dir gegeben hat?"
Ich bin Genetikerin, George. Ich kenne mich mit Pflanzen aus, sie waren mein Spezialgebiet." Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Sie schmeckte Blut auf der Zunge, konzentrierte sich sofort wieder. „Ich habe mich mit der Flora der Erde beschäftigt nach meiner Ankunft dort. Über halluzinogene Pflanzen gibt es eine Menge. Aber ich wußte nicht, daß mein Körper so darauf reagieren würde." Sie sah an sich hinunter, ein tiefes Knurren in der Kehle.
Dann hast du diese Verwandlung nicht selbst ausgelöst?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich bemerkte, daß die Fremdzellen es mir erleichterten, die Schmerzen auszuhalten. Aber soweit habe ich nicht gedacht. Ich bin weiter mutiert als je zuvor." Sie blickte wieder auf. „Ich bin eine Bedrohung für euch, wenn der nächste Schub kommt. Der Hunger wird immer schlimmer. Ihr solltet euch so weit wie möglich von mir entfernt halten."
Ich werde dich nicht allein lassen, Kleines. Vor allem nicht, wenn du mich brauchst", entgegnete Dorn. „Wenn du mir Lebenskraft entziehen willst, dann tu es. Ich bin bereit."
NEIN!" Vashtu wich bis an die rückwärtige Wand zurück, funkelte den Marine an. „Sag soetwas niemals wieder, George! Nie wieder!"
Dann bist du auch kein Wraith, Vashtu. Selbst wenn du den Hunger spürst. Peter hat mir erzählt, du hättest ihn angegriffen. Aber du wolltest ihn nur erschrecken, habe ich recht? Er sollte verschwinden und an die Arbeit gehen."
Ich weiß nicht, ob ich könnte", gab sie zu. „Es ist wie ... damals auf Atlantis, als ich mit John zusammen das Mutterschiff in die Luft jagte. Von ihm hätte ich mich auch nähren können - einen Moment lang."
Dorn nickte bedächtig. „Aber du hast es nicht getan, und du würdest auch jetzt nicht tun." Sie meinte, allein in seinen Worten ein Lächeln zu hören. „Du bist zu menschlich, Vash, selbst für einen Wraith."
Vielleicht sollte ich mich das nächste Mal in einen Iratus-Käfer verwandeln." Sie schloß die Augen, als eine neue Schmerzwelle durch ihren Körper fuhr. Unwillkürlich umschlang sie mit ihren Armen ihren Brustkorb, lehnte sich an die Wand.
Vashtu?" Dorn klang besorgt.
Geh jetzt!" ächzte sie, schlug ihren Hinterkopf hart gegen die Wand. „Geh, George!"
Kurz darauf hörte sie, wie sein Rollstuhl den langen Gang wieder hinauffuhr. Vor Schmerz krümmte sie sich zusammen und ächzte wieder leise.
Sie fühlte sich unendlich allein in einem beinahe grenzenlosen Haß.
Pendergast!" stieß sie zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor. „Irgendwann ..."

TBC ...

04.03.2012

Kalter Entzug V


Was soll das heißen? Dorn!" Peter lehnte sich entrüstet über den Schreibtisch des Marines. „Das können Sie doch nicht machen!"
Der blickte auf und schüttelte wieder den Kopf. „Tut mir leid, Doc. Aber es ist besser für Sie, wenn Sie sie so nicht sehen."
Sie kommt gerade aus der Gefangenschaft, verdammt!" Peter schlug mit der Faust auf den Tisch, jaulte dann auf und rieb sich die Handkante. „Ich muß dringend mit ihr sprechen." Seine Stimme war mehr ein Wimmern.
Dorn seufzte. „Vashtu ist im Moment nicht wirklich für irgendwelche wissenschaftlichen Sachen zu gewinnen, Doc", sagte er mit eindringlicher Stimme. „Pendergast hat ihr übel mitgespielt. Sie ist freiwillig in die Zelle gegangen. Und sie will niemanden sehen, ehe sie nicht freiwillig wieder da heraus kommt."
Vashtu und freiwillig in irgendeine Zelle gehen? Dorn, hören Sie sich eigentlich selbst reden?" Peters Augen hinter den Brillengläsern weiteten sich. „Ich muß wissen, wie weit sie mit den PKs gekommen ist, ehe ich mich selbst wieder daran setze. Nicht daß ich etwas übersehe, was sie vielleicht geändert hat. Und in meinen Daten stand nichts, auf ihre habe ich aber keinen Zugriff."
Sie hat im Moment andere Sorgen, Doc. Tut mir leid."
Die Tür hinter Peter öffnete sich. „Sergeant, wie sieht es ... ? Dr. Babbis? Sind Sie schon wieder auf dem Posten?"
Ich ... Was ist mit Major Uruhk passiert?" Peter fuhr zu der zivilen Leiterin der Stadt herum und starrte sie fordernd an.
Stross wich überrascht einen Schritt zurück unter diesem Blick. Dann strich sie sich mit einer nervösen Geste das Haar aus dem Gesicht und wechselte einen kurzen Augenkontakt mit Dorn, ehe sie sich wieder an ihn wandte: „Wie es aussieht, hat Colonel Pendergast Major Uruhk einen Drogencocktail verabreicht, und das über zehn Tage lang. Sie ist im Moment ... Nicht ganz bei sich, wie ich hörte. Ich wollte selbst kurz zu ihr."
Keine gute Idee", wandte Dorn hinter dem Schreibtisch ein.
Ich denke, es würde sie interessieren, was ihr da gegeben wurde. Vielleicht ist sie dann in der Lage, den kalten Entzug zu beschleunigen. Sie werden mir sicher zustimmen, Sergeant Dorn, daß der momentane Zustand für uns alles andere als günstig ist. Wir brauchen die Leute von der Prometheus", entgegnete Stross scharf.
Pendergast hat ihr Drogen gegeben?" Peter riß die Augen wieder auf. „Sie ist in einem kalten Entzug? Was für ein Zeug hat er ihr denn gespritzt?"
Dorn lehnte sich in seinem Rollstuhl zurück und schüttelte den Kopf. „Sie ist meist nicht ganz bei sich, Doc", sagte er.
Das ist egal. Wir brauchen sie hier. Sie wollen doch auch, daß sie Ihre Vorgesetzte wird, oder nicht?" Stross wandte sich Peter zu. „Kommen Sie mit, wenn Sie sie sehen wollen. Ansonsten sollten Sie sich so schnell wie möglich wieder an Ihre Arbeit begeben, Dr. Babbis." Damit drehte sie sich um und marschierte wieder aus dem Büro heraus zum nächsten Lift.
Peter warf Dorn noch einen triumphierenden Blick zu, dann machte er, daß er der Leiterin Vinetas hinterherkam.
Dabei ging ihm jetzt allerdings vieles im Kopf herum, das er kaum zu verdauen wußte. Vashtu unter Drogen! Vashtu in einem kalten Entzug! Das war ... das war einfach unglaublich! Dabei hatte Dorn gestern doch alles andere als besorgt gewirkt, als er ihm von ihrer Rückkehr erzählte.
Was war da passiert?
Er sprang hinter Stross in den Antiker-Lift und atmete tief ein, während die Türen sich schlossen. „Was heißt, unter Drogen gesetzt?" fragte er dann schließlich.
Stross warf ihm nur einen halben Blick zu, dann trat sie wieder aus dem Aufzug heraus und marschierte den Gang entlang. „Soweit Mr. Boyer mir das mitteilen konnte, hat man ihr einen Cocktail mit zwei verschiedenen Bestandteilen verabreicht und sie süchtig gemacht, ohne daß sie es selbst bemerkte", antwortete sie, blieb vor einer Tür stehen und öffnete diese. „Es fiel ihr wohl nur auf, wenn die Dosis in ihrem Blut geringer wurde und erste Entzugserscheinungen zu bemerken waren. Aber sie schrieb es wohl ihrem eigenen Körper zu."
Sie reagiert manchmal anders als wir, das ist wahr", wandte Peter ein.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hatte sich darauf gefreut, endlich wieder mit Vashtu zusammenarbeiten zu können. Und jetzt das! Wie hatte das überhaupt geschehen können? Warum hatte sie nichts davon bemerkt? Warum hatte nicht einer der anderen etwas bemerkt? Er war sicher, er hätte es getan, irgendwie.
Sie wirkte sehr viel ruhiger, als sie hier ankam. Ihre Scherze ... sie waren anders", sagte Stross nachdenklich, als habe sie seine Gedanken lesen können. „Sie mußte vorher noch eine ganze Ladung erhalten haben. Mr. Boyer meinte, ihr Körper baut die Drogen schneller ab als unserer."
Sie bogen um eine Ecke.
Peter fiel sofort auf, daß hier irgendetwas nicht stimmte. Und das lag nicht allein an den drei Marines, die an der Seite des Ganges an einem Tisch saßen und offensichtlich mit Kartenspielen beschäftigt waren.
Dorn sollte seine Männer besser im Griff haben, kam Peter in den Sinn. Dann erst ging ihm auf, was an diesem eigenartigen Stilleben ihn gestört hatte: die Dunkelheit, die sich hinter den Dreien ausbreitete und erst ein Stück weiter von einem neuen Lichtkegel gebrochen wurde.
Was war hier los?
Einer der Marines blickte auf, wurde rot, als er sah, mit wem er hier unterwegs war.
Peter fiel die bedrückende Stimmung auf, die in diesem Gang herrschte. Er fragte sich, wen und warum man früher hier eingesperrt hatte. Er war sicher, das keine Stunde aushalten zu können. Und Vashtu saß bereits seit gestern abend in der Zelle, wenn er Dorn und Stross richtig verstanden hatte.
Mam? Doc", begrüßte der Marine sie.
Stross blieb stehen, als nun auch die anderen aufmerksam wurden. Sofort verschwanden die Karten vom Tisch, und alle drei wechselten unangenehme Blicke miteinander.
Wie geht es dem Major?" fragte die Leiterin schließlich.
Im Moment ruhig, Mam", antwortete wieder der erste der drei. „Das Licht hat sie selbst zerschlagen. Und sie will nicht ... Naja, wir sollen es im Moment nicht auswechseln, Mam."
Peter runzelte die Stirn.
Seit wann wurde Vashtu eitel? Sonst störte es sie doch nicht, ob und was gerade an Licht zur Verfügung stand. Warum ... ?
Gut, machen Sie weiter." Stross nickte den Männern zu, ging an ihnen vorbei, blieb dann aber noch einmal stehen. „Und vielleicht sollten Sie Ihren Dienst in Zukunft gewissenhafter verrichten. Vielleicht wird bald jemand anderes die oberste Leitung des militärischen Dienstes übernehmen, Lieutenant. Es wäre besser, wenn Sie Ihre Aufgaben dann ernster nehmen würden."
Wieder wurde der Marine rot, nickte beklommen.
Peter beeilte sich, mit Stross wieder aufzuschließen, warf aber noch einen Blick über die Schulter zurück. „Was die sich denken ..." Er schüttelte den Kopf, wäre beinahe in die blonde Frau hineingelaufen, die plötzlich, vor der abgedunkelten Zelle stehenblieb.
Peter warf Stross ein entschuldigendes Lächeln zu, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den kleinen, vergitterten Raum.
Major?" Stross trat näher.
Nicht!"
Peter zuckte zusammen. Vashtus Stimme klang eigenartig, irgendwie undeutlich.
Er blinzelte, damit seine lichtempfindlichen Augen sich an den Dämmer in der Zelle gewöhnen konnten.
Die Antikerin hockte, ihnen den Rücken zukehrend, am Kopf- oder Fußende der Pritsche und starrte die Wand vor sich an, die allerdings in Dunkelheit gehüllt war, so daß Peter sich fragte, was es da wohl zu sehen gab.
Stross war bei dem einen Wort unwillkürlich wieder zurückgewichen, warf ihm jetzt einen Blick zu, atmete dann tief ein. „Wir wissen jetzt, was Pendergast Ihnen hat geben lassen, Major. Und ... es sieht gut aus. Sie werden es überstehen. Mr. Boyer meint, in ein oder zwei Tagen ..."
Verdoppeln Sie die Wachen", sagte diese dunkle, eigenartige Stimme. „Und, wenn wir irgendwo Betäubungswaffen haben, holen Sie sie und rüsten die Männer damit aus. Am besten Stunner, aber notfalls auch ZATs. Wenn nicht ... ein paar Kugeln überlebe ich auch."
Was reden Sie da?" Jetzt trat Peter doch näher. „Was ist los mit Ihnen, Vashtu? Ich weiß, daß Pendergast Sie unter Drogen gesetzt hat, aber ..."
Machen Sie sich lieber wieder an die Arbeit, Peter! Ich kann für nichts garantieren beim nächsten Anfall. Es wäre besser, wenn bis dahin der Schild steht. Die Autorisation habe ich Ihnen gegeben", fiel die Antikerin ihm ins Wort.
Was ist mit Ihnen, Major?" Jetzt trat auch Stross wieder näher.
Der dunkle Schatten mit den strubbeligen Haaren schien sich zusammenzukrümen. „Gehen ... Sie ... zurück ... alle beide!" Die Stimme zischte beinahe wie die einer Schlange.
Peter stellten sich die Nackenhaare auf. Doch noch war er nicht bereit, aufzugeben. „Vashtu, wir brauchen Sie hier. Hören Sie?"
Im Moment ist es besser, wenn Sie jemand anderen brauchen, Peter. Schnappen Sie sich Heimdahl. Der ist kleverer als man denkt." Ein tiefes Stöhnen. Wieder bewegte sich die Gestalt. Kurz schien etwas in dem wenigen Licht aufzublitzen, gelblich aufzublitzen.
Hatte sie ihre Fremdzellen aktiviert?
Peter beugte sich vor, um mehr erkennen zu können.
Major?" fragte Stross an seiner Seite. „Sollen wir Ihnen irgendetwas bringen? Brauchen Sie etwas hier?"
Im nächsten Moment war es, als wüte ein Wirbelwind durch die enge Zelle. Mit einem tiefen Knurren sprang die Antikerin auf, wirbelte herum und griff durch die Gitterstäbe.
Peter wich so hart zurück, daß er das Gleichgewicht verlor. Mit großen Augen starrte er auf die Gestalt, die nun deutlicher zu sehen war. Und er begriff, als er noch etwas bemerkte - in der sich ihm entgegenstreckenden rechten Handfläche.
Oh mein Gott!" stöhnte Stross auf, die sich hektisch außer Reichweite gebracht hatte.
Peter brauchte länger, um zu begreifen, was sich da hinter den Gitterstäben befand. Die Wraith-Zellen hatten die Herrschaft über den Körper der Antikerin übernommen und sie ... verwandelt! Das gelbliche Glühen waren tatsächlich ihre Augen, die Haut wirkte fahl und zwei Schlitze wie Kiemen zogen sich von ihrer Nase über die Wangen. Aber das schlimmste befand sich in der rechten Handfläche. Ein vertikaler Strich, wie ein Schnitt quer durch die Handfläche. Aber dieser Strich bewegte sich.
Vashtu wich wieder zurück, kauerte sich zusammen. „Gehen Sie, Dr. Stross, Peter. Es ist besser. Und geben Sie Dorn meine Anweisungen weiter."
Peter rappelte sich langsam wieder auf, starrte sie immer noch an.
Er hatte noch nie einen Wraith gesehen, zumindest nicht leibhaftig und lebendig. Aber das Bild, das sie im Moment bot ... es mußte dem schon sehr nahe kommen.
Es ... Mr. Boyer rechnet mit einem oder zwei Tagen, Major." Stross schien sich endlich wieder im Griff zu haben, hob jetzt beschwörend die Hände.
Vashtu ließ sie nicht einen Moment lang aus den Augen. Sie blinzelte nicht einmal, zeigte keine Reaktion. Sie stand an der gegenüberliegenden Seite der Zelle, als müsse sie sich selbst zurückhalten.
Er hat Ihr Blut untersucht und die Drogen gefunden. Pendergast hat Ihnen Valium gegeben, ein Beruhigungsmittel", fuhr Stross fort, während Peter sich jetzt endlich wieder auf die Beine stellte und seine Hosen abklopfte.
Endlich begann die Antikerin zu nicken. „Damit ich mit mir machen lasse, was er will. Das war die Gleichgültigkeit", sagte sie nach einer kleinen Weile.
Stross hob beschwörend die Hände. „Aber das war nicht alles, Major. Da war noch etwas in Ihrem Blut. Und sehr wahrscheinlich ... ist diese zweite Droge für Ihren jetzigen Zustand verantwortlich. Skopolamin heißt sie, falls Ihnen das etwas sagt."
Ein Ruck ging durch den mutierenden Körper. Ein tiefes Knurren entrang sich der Kehle. „Dieser Mistkerl!"
Peter war überrascht. Er hätte nie gedacht, daß ausgerechnet Vashtu sich mit Drogen auskannte. Aber offensichtlich sagte ihr dieser Name etwas.
Dann kann ich die anderen also verraten haben", fuhr sie leise fort. Noch immer schwang ein Knurren bei ihren Worten mit.
Peter erschauderte.
Denken Sie, Sie werden ... das überstehen?" fragte Stross leise.
Die gelblichen Augen blinzelten. Dann nickte Vashtu. „Ja, das überstehe ich. Und Sie sollten jetzt wirklich gehen, Doc. Ich weiß nicht, wie lange ich ... ich habe Hunger!" Das letzte Wort hallte wie aus einem Grab und verlieh ihm eine völlig neue Bedeutung.
Stross nickte. „Ich werde Ihre Anweisungen an Dorn weitergeben, keine Sorge. Sie kommen hier heraus, Major."
Was ist mit Heimdahl?" fragte die Antikerin. „Ist er ebenfalls ... ?"
Ein leises Lächeln schob sich auf Stross' Lippen. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, glücklicherweise nicht. Offenbar wollte Pendergast hinter Ihre Geheimnisse kommen, Major. Den Asgard nahm er wohl nicht so ganz ernst."
Vashtu nickte, wandte sich wieder ab. „Gehen Sie - jetzt!"
Peter biß sich auf die Lippen.
Er hatte schon so viel mit ihr durchgemacht, aber so hatte er sie noch nie gesehen. Nicht als ... Wraith! Und endlich begann er zu verstehen, was es mit ihrer Gentherapie auf sich hatte.
Stross tippte ihm kurz auf den Arm und nickte ihm zu.
Peter schluckte, ging aber widerstrebend vor ihr her.
Was konnten sie tun?


TBC ...

26.02.2012

Kalter Entzug IV


10 Tage vor der Rückkehr:

Vashtu blickte von dem Tablett auf, auf dem ihr Frühstück von Bates gebracht worden war. Allemal besser als das, was sie das letzte Mal in Vineta gegessen hatte, doch heute schien dem Haferbrei noch irgendetwas ... er hatte einen eigenartigen Geschmack.
Bates öffnete die Tür, nickte dem Eintretenden dann zu.
Vashtu ließ den Löffel sinken.
Pendergast? Er besuchte sie in ihrem Quartier? Was sollte ... ?
Plötzlich ging ihr selbst auf, daß es sie nicht wirklich störte, ob der Colonel zu ihr kam oder es bleiben ließ. Irgendwie schien ihr plötzlich alles auf rätselhafte Weise gleichgültig zu sein, mußte sie zugeben. Sie wollte ihr Leben leben, mehr nicht. Alles andere, diese ganze Geheimniskrämerei um Vineta und das Tor ...
HALT!
Vashtu richtete sich auf, nachdem sie einen langen Blick von Pendergast geerntet hatte und salutierte. „Sir", begrüßte sie ihn.
Was war denn plötzlich mit ihr los? Wie konnte sie die geringe, aber immerhin vorhandene Chance, mittels eines Wurmlochs zumindest bis nach Atlantis zu kommen, plötzlich so kalt lassen? Wieso hatte sie einen Moment lang sogar gedacht, es sei besser, wenn diese Geheimhaltung Pendergast gegenüber aufgehoben würde?
Guten Morgen, Major", sagte der Colonel, nahm ihr, zum ersten Mal, glaubte sie sich erinnern zu können, den Gruß ab. Erleichtert ließ sie sich wieder auf die Pritsche sinken, die ihr Bett darstellte, rührte weiter in dem Haferbrei.
Nicht gerade ein Drei-Sterne-Menü, nicht wahr?" Pendergast ließ sich vertraulich neben ihr nieder, nachdem er einen Blick mit Bates gewechselt hatte.
Vashtu schluckte, stellte die kleine Schüssel zurück auf das Tablett. Es war ihr unangenehm, einmal, den Colonel so dicht neben sich zu wissen und dann auch, daß er gekommen war, um ihr offensichtlich beim Essen zuzusehen.
Sie sind sicher anderes gewohnt, Major", fuhr er fort. „Wahrscheinlich wurden Sie auf Ihrer Erde hofiert und verhätschelt, nicht wahr?"
Vashtu blickte auf. „Was?" Sie blinzelte verständnislos, dann schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht, was hofieren bedeutet, Sir. Aber ... Nein, ich wurde nicht verhätschelt." Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren seltsam schleppend.
Was war los mit ihr?
Mit einer Hand fuhr sie sich durch ihr Haar, und plötzlich hatte sie Mühe, die Augen aufzuhalten. Dabei hatte sie doch ganz annehmbar geschlafen, bedachte man ihren ewigen Schatten Bates, der stumm und diensteifrig Wache hielt. Brauchte dieser Mann eigentlich nie Schlaf?
Und was war das für ein Deal, über den Sie gesprochen haben? War das kein Hofieren?" bohrte Pendergast weiter.
Vashtu hob die Brauen, als könne sie so ihre Augen offenhalten und blinzelte einige Male. „Ich ... hatte einen ... Steuerkristall", antwortete sie.
Was erzählte sie da? Warum gab sie dieses so lange gehütete Geheimnis ausgerechnet Pendergast preis? Wie kam sie dazu?
Doch plötzlich war es ihr, als sei sie selbst nur eine Zuschauerin in ihrem eigenen Körper. Sie hatte keinen echten Einfluß mehr auf das, was mit ihr geschah. Innerlich stöhnte sie auf, als ihr Mund fortfuhr:
Den Steuerkristall von Atlantis, meiner Heimat. Um an ... sämtliche verschlüsselten Daten des ... des Hauptrechners zu gelangen, brauchte man ihn. McKay ... John und ich ... ich nahm den Kristall mit zur Erde, als ich ging."
Ihre Lider waren bleischwer, der Kopf sank ihr auf die Brust. Im nächsten Moment riß sie ihn wieder hoch und fühlte sich etwas klarer im Geist.
Was hatte sie da gerade getan? Wieso?
Bates war herangetreten und hatte das Tablett an sich genommen. Wann? Sie wußte es nicht. Jetzt jedenfalls stand er bei der Tür und sah Pendergast fragend an. Der nickte und erhob sich wieder von der Pritsche.
Was war los gewesen? Irgendetwas war passiert, das wußte sie, aber was?
Gut, Major", wandte Pendergast sich an sie, ein sehr zufriedenes Lächeln im Gesicht, als sie aufsah. „Ich möchte Sie nachher auf dem Schießstand sehen. Sergeant Bates wird Sie dort hinbringen, auch zu Ihrem eigenen Schutz. Ich denke, wir sollten uns bald wieder unterhalten. Was halten Sie davon, mit mir zu Mittag zu essen?"
Vashtu schluckte. Ihr Hals war plötzlich merkwürdig trocken, dabei hatte sie doch gerade noch diese bittere Brühe getrunken, Kaffee, erinnerte sie sich.
Ich ..."
Wir sollten uns etwas besser kennenlernen, denken Sie nicht, Major?"
Sie blinzelte wieder, dieses Mal aber irritiert. Dann nickte sie. Es klang einleuchtend, was er sagte. Sehr einleuchtend. Immerhin würde sie wohl eine ganze Weile auf der Prometheus bleiben.


Jetzt:

Anne war dem Ruf von Marc Boyer sofort gefolgt, als dieser sich meldete. Er hätte gar nicht betonen brauchen, um wen und was es sich handelte. Die Erinnerung an die Antikerin, wie sie freiwillig in die kleine Zelle im untersten Stockwerk der militärischen Zentrale gegangen war, wie sich das Gitter hinter ihr schloß und Dorn drei Mann als Wachen aufstellte, war noch mehr als deutlich in ihrem Geist.
Nie hätte sie geglaubt, daß irgendjemand soweit gehen würde. Zudem noch bei einem fremden, wenn auch äußerlich ähnlichem Volk wie den Antikern. Niemand konnte sagen, was diese Drogen, die Major Uruhk offenbar irgendwie zugeführt worden waren, in ihrem Körper und ihrem Geist anrichten konnten. Sie selbst hatte ja gestern dieses Zittern gesehen, hatte den ersten Gewaltausbruch  beinahe am eigenen Leibe zu spüren bekommen.
Als sie jetzt die Krankenstation betrat, wußte sie nicht, was sie hoffen und glauben sollte. Sie konnte wirklich nur hoffen, daß die Antikerin sich wieder von diesen Drogen erholen würde. Ansonsten ... Sie könnte hierbleiben, soviel war klar. Aber ob sie je wieder die Alte werden würde?
Dr. Stross", Boyer winkte sie gleich zu sich in das Abteil, in dem seine Leute ein kleines Labor eingerichtet hatten.
Wie sieht es aus?" Anne folgte ihm auf dem Fuße. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
Wenn sie nur endlich die Prometheus los wären! Wenn Pendergast sich doch nur irgendwie selbst ausmanövrieren würde.
Die gute Nachricht lautet, der Asgard ist nicht betroffen", erklärte Boyer mit ruhiger Stimme und legte ihr einige Ausdrucke vor. „Soweit bekannt, ist mit ihm alles in Ordnung. Leider bin ich nicht dafür ausgebildet, den tatsächlichen Gesundheitszustand eines Asgard genau zu verifizieren. Aber soweit bekannt, hat er sich schon immer so wie jetzt verhalten."
Und Major Uruhk?" Anne blickte von den Ausdrucken auf und starrte den Pfleger an.
Boyer holte tief Atem. „Das ist etwas anderes", gestand er ihr dann zu wissen.
Annes Herz setzte einen Schlag aus. Nicht jetzt! Nicht ausgerechnet jetzt! Sie brauchten Vashtu Uruhk, auch um die anderen noch aus der Prometheus herauszuholen. Sie war die einzige hier, die über genug Flug- und Kampferfahrung verfügte, einmal abgesehen von Dorn, der aber keine allzu große Hilfe sein würde bei dem, was da möglicherweise auf sie zukam.
Boyer seufzte. „Das Glück ist, daß ihr Metabolismus wohl schneller arbeitet als der eines Menschen, möglicherweise wegen ihrer Fremdzellen", begann er dann. „Sonst wären die Entzugserscheinungen wahrscheinlich auch nicht so früh zu Tage getreten. Und sehr wahrscheinlich wird Major Uruhk sich auch vollkommen davon erholen, was man ihr da gegeben hat." Er blätterte in einigen anderen Ausdrucken.
Aber?" Anne hing an seinen Lippen und wartete gespannt, die Hände zu Fäusten geballt.
Was man ihr da gegeben hat, ist eine üble Mischung", fuhr Boyer schließlich fort. „Keine Ahnung, woher man es hatte. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß Dr. Grodin das freiwillig herausgerückt hat. Eher, daß ... Laut der Aussage von Major Uruhk hätte sie ihre Nahrung nur von Sergeant Bates erhalten, und der stand unter direktem Befehl von Colonel Pendergast."
Was hat man ihr gegeben?" Annes Augen wurden immer größer.
Boyer blickte auf. „Eine Mischung", antwortete er. „In ihrem Blut war noch genug vorhanden, um es  zu analysieren. Man hat ihr hohe Dosen eines Mittels gegeben, das unter dem Namen Skopolamin bekannt ist, oder auch Burudanga, falls Ihnen das mehr sagt. Dazu kommt noch Valium. Wahrscheinlich, um sie ohnehin schon träge zu machen. Skopolamin gilt als Wahrheitsdroge, Dr. Stross. Und in den Mengen, wie es im Blut des Majors nachweisbar war ... Das hätte sehr schlimm enden können für sie."
Annes Augen weiteten sich. „Was? Sie meinen ... ?"
Boyer reichte ihr die Unterlagen. „Ich meine nicht. Ich war heute morgen bei Major Uruhk, ich weiß es. Sie hat es mir erzählt, ehe sie wieder anfing, die Wände mit ihren Fäusten zu bearbeiten."
Anne atmete tief ein, überflog die Zeilen, die ihr, ehrlich gesagt, wenig bis gar nichts sagten. „Kann sie sich an irgendetwas erinnern?"
Nicht wirklich. Es sei alles verschwommen, sagt sie. Und damit weiß sie schon wesentlich mehr als die meisten, denen Skopolamin verabreicht wurde. Dieses Zeug bricht nach und nach den Willen, Dr. Stross. Es ist gefährlich. Und ich bin mir ganz sicher, in der Bordapotheke nichts davon gesehen zu haben."
Anne starrte den Pfleger an. „Es bricht den Willen?"
Boyer nickte. „Und nicht nur das. Es gilt nicht umsonst als Wahrheitsdroge. Ich denke, wir müssen uns vielleicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß es Major Uruhk selbst war, die unser kleines Machtspielchen auf der Prometheus aufgedeckt hat", erklärte er.
Dazu wußte sie zu wenig", entgegnete Anne sofort. „Und es ging nie um Machtspielchen, Mr. Boyer, und das wissen Sie auch. Ihre Verlobte war auf der Daedalus, und ein Gutteil Ihrer besten Freunde."
Dann eben Rache. Aber möglicherweise hatte Major Uruhk mehr erraten, als Sie denken, Dr. Stross", wandte Boyer ein. „Wir wissen es nicht, wir können es nicht sagen. Aber es ist schon bezeichnend, daß, kaum daß ihr die Flucht gelungen ist, Pendergast auf seinem Schiff aufräumt. Vielleicht hat er uns auch ein Kuckucksei ins Nest gelegt, Dr. Stross. Darüber sollten Sie nachdenken."
Das glaube ich nicht. Ich kenne Major Uruhk gut genug, um das sagen zu können." Anne kreuzte abwehrend die Arme vor der Brust und funkelte den Pfleger an.
Aber, kannte sie die Antikerin wirklich gut genug? Konnte sie mit absoluter Sicherheit sagen, daß sie ihnen nicht nur Theater vorgespielt hatte gestern? War ihre Wut auf Pendergast tatsächlich echt gewesen oder hatte sie nur von ihrer eigenen Schuld ablenken wollen?
Nein, das konnte nicht sein. Anne hatte die Antikerin bisher nur einmal ähnlich zornig erlebt, und da hatte sie einem Devi gegenübergestanden und ihn kaltblütig erschossen. Sie konnte sich nicht vorstellen ... Nein, dafür war auch Dorns Reaktion zu ehrlich gewesen. Der Willen der Antikerin hielt. Und hatte sie nicht selbst vor einiger Zeit etwas von einem anderen Versuch erzählt, der vor zehntausend Jahren unternommen wurde, um sie zu einem Werkzeug zu machen?
Was können wir tun?" fragte Anne leise und mitfühlend.
Boyer sah sie einen Moment lang sinnend an, dann reichte er ihr auch den zweiten Stapel Papiere. „Gar nichts. Wenn ich, einmal abgesehen davon, daß ich hier kein Skopolamin habe, im Moment eine ausreichende Menge Valium spritzen würde, würde das die Abhängigkeit nur noch mehr steigern. Das einzige, was bleibt, ist ein kalter Entzug, wie sie ihn sich gerade unterzieht. In ein paar Tagen ist die Sache hoffentlich ausgestanden."
Anne blickte auf die beiden Stapel Papier, die sie in ihrer Hand hielt.
So sicher war sie sich da nicht. Nicht bei der Antikerin.



19.02.2012

Kalter Entzug III


14 Tage vor der Rückkehr:
Vashtu lief, je nach Ansage durch Bates, mal schneller, mal langsamer und umrundete dabei immer wieder den leergeräumten Hangar, in dem vor noch nicht allzu langer Zeit die Sachen der Vineter eingelagert worden waren. Jetzt war der riesige Raum leer bis auf sie und Bates und ließ ihre Schritte auf dem metallenen Untergrund hallen.
Das Schott öffnete sich, als sie gerade am gegenüberliegenden Ende des Hangars angekommen war. Sie warf einen kurzen Blick hinüber und sah einen einsamen Pendergast, wieder hatte er seine Leibwächter zurückgelassen, der gerade eintrat und mit großen Schritten zu dem Marine-Sergeant hinüberging.
Noch einer, der sie herumscheuchen wollte, na toll!
Vashtu biß sich auf die Lippen und joggte weiter, immer noch in dem Tempo, das Bates ihr vorgegeben hatte. Was auch immer der Colonel von ihr wollte, sie würde es früher erfahren, als ihr lieb sein konnte, das war ihr klar.
Und lange zu warten brauchte sie tatsächlich nicht.
Major? Würden Sie bitte zu uns kommen?" rief Bates ihr zu, nachdem er vertraulich den Kopf mit Pendergast zusammengesteckt hatte.
Was heckten die beiden aus? Und warum auf diese, für sie, so offensichtliche Art und Weise?
Natürlich hatte sie sich bereits daran gewöhnt, wenn sie auf der Prometheus war, abgesondert zu werden. Pendergast hatte das vom ersten Moment an mit ihr versucht. Erst war sie von dem Rest ihres Teams ferngehalten worden, dann auch von den Wissenschaftlern. Irgendwann durfte sie offiziell auch die ehemalige Atlantis-Expedition nicht mehr aufsuchen. Und dann, als letzten Schritt, hatte Pendergast sie auch wieder aus der 302-Staffel entfernt, in die er sie zunächst untergebracht hatte. Bedachte man dann noch ihre ganzen Brick-Aufenthalte, die immerhin inzwischen mehr als die Hälfte ihrer Zeit auf dem Schiff einnahmen, war sie wirklich gründlich isoliert worden. Und jetzt, nach ihrer Rückkehr vom Planeten, mußte sie sich auch noch mit einem ständig anwesenden Bates begnügen, der wie ein Wachhund vor der Tür ihres Quartiers lauerte und sie durch die Gänge schleuste als dürfe wirklich niemand wissen, daß sie wieder hier war. Und, wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich im Moment mehr wie eine Gefangene als bei ihren zahlreichen Aufenthalten in der kleinen Zelle der Prometheus.
Vashtu wich von ihrem Weg ab und joggte locker zu den beiden Männern, die sie aufmerksam musterten. Dann blieb sie stehen, richtete sich auf und salutierte.
Stehen Sie bequem, Major." Pendergast winkte mit einer ungewohnten Lockerheit ab und musterte sie aufmerksam.
Vashtu stellte sich in der vorgeschriebenen Position auf, warf Bates einen giftigen Blick zu, der weiter wie bisher dastand, sie ebenfalls von Kopf bis Fuß musterte.
Der Sergeant sagte, Sie seien mindestens zwanzig Runden gelaufen", bemerkte Pendergast, während er nun begann, sie zu umrunden. Seine kalten Augen musterten sie dabei weiter aufmerksam. Sie spürte jeden einzelnen seiner Blicke.
Das kann sein", räumte sie ein, auch wenn sie die genaue Anzahl ihrer Laufrunden mehr als gut im Kopf hatte. Jede einzelne hatte sie verflucht.
Dafür haben Sie eine erstaunliche Ausdauer, Major. Sie sind nicht einmal außer Atem, geschweige denn verschwitzt", stellte der Colonel fest.
Verdammt!
Vashtu biß sich unwillkürlich auf die Lippen, entgegnete aber nichts.
Ihr war nicht einmal bewußt gewesen, daß sie die Fremdzellen eingesetzt hatte während des Laufens. Sie sollte wirklich besser auf sich achten, vor allem, solange sie unter der Fuchtel dieses Idioten stand.
Pendergast nahm vor ihr wieder Aufstellung und sah ihr tief in die Augen, wie so oft. „Was müssen wir tun, damit Sie ein bißchen ins Keuchen kommen, Major?" erkundigte er sich scheinbar liebenswürdig.
Vashtu zwang sich zu einem zerknirschten Lächeln. „Die ganze Rennerei der letzten Zeit, Sir", entgegnete sie und zuckte entschuldigend mit den Schultern.
Pendergast nickte, ohne ein Auge von ihr zu lassen. „Die ganze Rennerei also, soso", sagte er, drehte sich dann unvermittelt zu Bates um. „Das ganze noch einmal von vorn. Ich möchte unseren kleinen Major ein bißchen schwitzen sehen", befahl er, warf ihr noch einen halben Blick zu. „Und zwar mit vollem Marschgepäck. Das wird Sie hoffentlich ein bißchen aus der Puste bringen, denken Sie nicht?" Ein kühles Lächeln erschien auf seinen Lippen.
Ja, Sir. Da bin ich sicher, Sir", antwortete sie.
Volles Marschgepäck? War dieser Kerl irre?
Pendergast sah sie immer noch an. „Worauf warten Sie, Major?" Unwillkürlich hatte seine Stimme alle gespielte Freundlichkeit verloren. „Gepäck anlegen, marsch, marsch! Sonst könnte mir noch einfallen, Ihnen persönlich auch noch eine Panzerfaust um Ihren Hals zu legen!"
Vashtu zuckte zusammen, nickte dann und folgte Bates, der sie zu einem kleinen Kabuff führte, in dem offensichtlich schon alles bereit lag.
Das schien ja wirklich ein netter Tag zu werden!

***

Jetzt:
Das Zittern begann, kurz bevor die Tür sich öffnete. Vashtu war froh, daß sie es zumindest geschafft hatte, die Prothese fertigzustellen, ehe es richtig losging. Dabei war es eigentlich eher unangenehm als wirklich schmerzhaft. Dennoch fühlte sie, wie ihr kurze Zeit später der kalte Schweiß ausbrach.
Major?" begrüßte Dorns Stimme sie.
Vashtu kreuzte wie zur Abwehr die Arme vor der Brust, damit er das Zittern nicht bemerkte, dann drehte sie sich um und setzte ein Lächeln auf. „Gerade rechtzeitig, Marine", sagte sie. Dann aber blieb ihr der Rest des Satzes im Hals stecken, als sie ein zweiter Mann hinter dem Rollstuhl das Büro betrat.
Marc Boyer, Oberpfleger hier", stellte Dorn den Fremden vor.
Vashtu nickte, verkrampfte sich unwillkürlich und ballte die, unter ihren Achseln ruhenden Hände zu Fäusten, als das Zittern kurz zuzunehmen schien. Sie zwang sich, das Lächeln beizubehalten und nickte Boyer zu. „Hallo", begrüßte sie ihn, ignorierte seine hingestreckte Hand und trat zur Seite. „Gerade fertig geworden. Meine Hände sind schmutzig."
Boyer warf ihr einen irritierten Blick zu, richtete dann aber seine Aufmerksamkeit auf das Metallgestänge, das sie zusammengebastelt hatte. „Das ist wirklich gut, Major", sagte er, hob es vorsichtig an.
Vashtu nickte, rückte noch ein Stück zur Seite.
Sie brauchte Nahrung, dann würde auch das Zittern nachlassen. Sie wußte zwar nicht, woran es lag, aber zumindest soviel hatte sie inzwischen herausgefunden auf der Prometheus. Da war es ihr in den letzten Tagen auch so gegangen, einmal sogar ... Sie zwang sich, den Gedanken beiseite zu schieben und lächelte Dorn an. „Ich habe mich an Peters Messungen gehalten", sagte sie. „Falls er aber bereits übermüdet war, als er ... Ich habe das ganze noch nicht endgültig verschweißt. Wenn also noch scharfe Kanten vorstehen ..."
Wir werden das schon richten können, Major." Boyer kniete sich vor Dorn hin und hielt ihm die Prothese an den Beinstumpf.
Vashtu atmete unwillkürlich auf, als das Interesse von ihr abwich. Vorsichtig löste sie die Verschränkung ihrer Arme wieder, legte sie schwer auf den kleinen Tisch und beugte sich mit soviel Gewicht wie möglich darauf, um das Zittern zu unterdrücken.
Die Maße stimmen", gestand der Pfleger ihr zu wissen.
Vashtu nickte, betrachtete ihn.
Doch, sie meinte, ihn zumindest schon einmal gesehen zu haben. Vielleicht war er in ihrem Puddlejumper heruntergekommen, sie wußte es nicht mehr. Aber gesehen hatte sie ihn auf alle Fälle.
Sein kurzes Haar war dunkelblond und ließ den Nacken frei in der Art von Frisur, wie sie bei Männern auf der Erde im Moment Mode zu sein schien. Seine Gestalt war athletisch, er schien zumindest regelmäßig Sport zu treiben, oder hatte ihn getrieben, ehe sie hierher kamen.
Vashtu erinnerte sich ein wenig wehmütig an die Sporthalle auf Atlantis, in der sie bei ihrem ersten Mal Abschied von John genommen hatte. An das Licht erinnerte sie sich vor allen Dingen. Die bunten Fenster hatten die Morgensonne eingefangen und den Raum in einen Traum getaucht, wie er ...
Boyer richtete sich wieder auf und drehte sich zu ihr um.
Vashtu, einen Moment lang unaufmerksam, hatte sich wieder aufgerichtet. Ihre Hände zitterten immer noch, jetzt sehr deutlich für alle zu sehen. Und der Blick aus den grünen Augen des Oberpflegers richtete sich sofort darauf.
Vashtu erstarrte, als sie auch die sorgenvolle Miene von Dorn sah, der ebenfalls bemerkt hatte, wie sehr ihre Gliedmaßen bebten.
Major?" Boyer hob den Blick und sah sie scharf an.
Vashtu zwang wieder ein Lächeln auf ihre Lippen, schluckte aber hart. „Alles in Ordnung", beeilte sie sich zu versichern.
Boyers Blick wurde mißtrauisch.
Vashtu hob die bebenden Hände und ließ ihr Lächeln zu einem Grinsen werden. „Wenn ich was gegessen habe, hört es wieder auf", sagte sie erklärend.
Wenn Sie etwas gegessen haben ... mh." Noch immer dieser scharfe, mißtrauische Blick.
Ja, und genau das sollte ich jetzt wohl auch tun. Außerdem ist Heimdahl schon ein bißchen lange allein. Und ..." Sie brach ab, als sie in Dorns Gesicht sah.
Was war hier los? Warum beschlich sie plötzlich das Gefühl, die beiden wußten mehr über das, was da mit ihr geschah als sie selbst?
Seit wann geht das so?" fragte Boyer.
Ihr fiel endlich ein, die Arme wieder zu kreuzen und damit ihre zitternden Hände zu verbergen. „Was?"
Das Zittern. Sie sagten, wenn Sie etwas essen, würde es aufhören. Hat Dr. Grodin Sie untersucht?" bohrte Boyer weiter.
Ich habe Grodin nicht gesehen. Nein, er hat mich nicht untersucht. Zumindest nicht bei meinem letzten Besuch auf der Prometheus."
Mädchen, bist du sicher, daß ..."
Boyer warf dem Marine einen scharfen Blick zu, trat dann näher an sie heran. „Wie geht es Ihnen sonst? Schweißausbrüche? Konzentrationsstörungen? Fühlen Sie sich matt?" fragte er.
Vashtu wich unwillkürlich vor ihm zurück. „Was soll das?" Ihre Brauen schoben sich zusammen. „Ich bin nicht wie Sie, Pfleger Boyer! Mein Körper kann schon einmal merkwürdig reagieren."
Sie sind auf turkey, Major", entgegnete der mit fester Stimme, gerade als sich die Tür zum zweiten Mal öffnete.
Vashtu erstarrte. „Ich bin was?" Am Rande nahm sie wahr, daß Anne Stross das Büro betreten hatte, sie nun ebenfalls anstarrte und wäre am liebsten im Boden versunken.
Was bildete dieser Kerl sich ein? Wie konnte er von ihr behaupten, sie sei ... sie sei ... ? Was war das eigentlich?
Was ist hier los?" fragte Stross endlich.
Boyer ließ sie nicht aus den Augen, und Vashtu wagte kaum, den Blick von ihm zu nehmen. Doch schließlich bezwang sie sich und nickte in seine Richtung. „Er behauptet, ich sei ... ich weiß nicht was", antwortete sie.
Sie stehen unter Drogen, das behaupte ich", warf Boyer hart ein. „Und offensichtlich wissen Sie nichts davon, was das ganze noch merkwürdiger macht."
Vashtu klappte das Kinn herunter, während wieder ein kalter Schweißfilm auf ihrer Stirn erschien.
Sie war was? Aber ...
Oh mein Gott!" keuchte Stross und starrte sie nun erst recht an. „Darum sind Sie so merkwürdig ruhig."
Was?" Hilflos blinzelnd drehte Vashtu leicht den Kopf und sah die Leiterin groß an. „Wie kommen Sie denn auf den Gedanken? Ich bin ..." Unvermittelt schloß sie den Mund, als sie begriff. „Oh nein!" Sie sank gegen die Wand und schluckte.
Boyer hob die Hand und legte sie ihr auf die Stirn. „Das sind die ersten Anzeichen eines Entzugs. Das Zittern, der kalte Schweiß. Und ich möchte wetten, in den letzten Minuten haben Sie sich auch nicht mehr sonderlich konzentrieren können." Plötzlich klang er doch besorgt.
Vashtu ächzte, wehrte sich aber nicht, als er sie am Arm packte und zu einem Stuhl brachte. Unter den besorgten Augen von Stross und Dorn begann er sie zu untersuchen.
Pendergast!" Vashtu richtete sich plötzlich wieder auf, fühlte sich zurückgedrückt.
Major, bleiben Sie ruhig", warnte Stross sie.
Aber allmählich begann sich etwas zu klären. Darum war sie plötzlich so gleichgültig gegenüber allem geworden, was der Colonel mit ihr angestellt hatte. Darum diese merkwürdige Apathie, die auch Barnes mit der Möglichkeit zur Flucht nicht wirklich hatte brechen können.
Hier hatte sie sich bis jetzt zusammengerissen, sehr zusammengerissen. Sie hatte versucht, das Bild der Major Uruhk wieder aufzunehmen, das sie bereits vorher gezeigt hatte, auch wenn sie sich seltsam ... antriebslos gefühlt hatte. Zumindest hatte sie nicht mehr über die Energie verfügt, die sie sonst immer vorangetrieben hatte. Und das ganze hatte begonnen ...
Ganz klar, Entzugserscheinungen." Boyer richtete sich endlich wieder auf.
Vashtu blieb auf dem Stuhl sitzen und starrte dumpf vor sich hin, während in ihr eine gewisse Wut zu schwelen begann.
Wenn Pendergast ihr noch einmal in die Finger kam, würde sie ...
Das wird noch schlimmer werden", fuhr Boyer fort, riß sie damit aus ihren Rachegedanken und ließ sie aufblicken. Die grünen Augen sahen sie jetzt sorgenvoll an. „Sie wußten wirklich nichts davon, oder?"
Stumm schüttelte sie den Kopf und schluckte wieder.
Was können wir tun?" fragte Stross, die immer noch neben Dorn stand.
Ich würde Ihnen gern etwas Blut abnehmen. Vielleicht finden wir noch Reste von dem, was auch immer man Ihnen da gegeben hat, Major", schlug Boyer vor. „Unter normalen Umständen wäre ich dafür, Sie in die Krankenstation zu bringen und dort überwachen zu lassen. Aber im Moment ..." Er zuckte etwas hilflos mit den Schultern.
Ich komme hier nicht heraus." Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren dumpf. Hilflos grübelte sie über das Problem nach. „Ich kann nicht in die obere Etage zurück. Dorn, gibt es hier irgendwo eine Zelle. Eine Zelle, die mich aushält?"
Wieder eine Zelle! Allmählich wurde das wirklich zu ihrem zweiten Wohnsitz. Aber dafür würde sie Pendergast zahlen lassen.
Vielleicht wird es nicht ganz so schlimm, Major", wandte Boyer ein. „Können Sie sich daran erinnern, wann Ihre Stimmung umschlug?"
Vashtu runzelte die Stirn, war einen Moment lang versucht, den Kopf zu schütteln, dann aber fiel es ihr wieder ein. „Das war ... nach vier Tagen oben", antwortete sie zögernd.
Wie hatte das passieren können? Wie hatte sie ... ?
Es muß in Ihrer Nahrung gewesen sein, wenn Sie die Verabreichung nicht bemerkten. Haben Sie nicht in der Messe gegessen?"
Stross trat jetzt einen Schritt näher.
Sergeant Bates brachte mir das Essen. Ich durfte mein Quartier nicht verlassen." Vashtus Augen weiteten sich. „Heimdahl! Auch er stand unter Bewachung. Wenn Pendergast das gleiche mit ihm ..."
Dann werden wir das herausfinden, Major", beruhigte Stross sie, legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
Zehn Tage bei Ihnen. Das kann bedeuten, daß es nicht allzu schlimm wird. Aber ein oder zwei Tage werden Sie wohl ausfallen", erklärte Boyer, drehte sich zu Dorn um. „Stellen Sie eine Bewachung für den Major zusammen, nur für alle Fälle. Und möglicherweise wäre eine Zelle, so schwer es auch fällt, im Moment wirklich eine günstige Alternative."
Der Marine nickte mit blassem Gesicht.
Vashtu schluckte wieder, zerwühlte mit einer Hand ihr verstrubbeltes Haar. „Wenn ich diesen aufgeblasenen Mistkerl in die Finger kriege!" zischte sie, ballte die Hand zur Faust. Am Rande registrierte sie, daß das Zittern etwas nachgelassen hatte.
Bleiben Sie ruhig. Wir finden einen Ausweg", wandte Stross sich an sie.
Damit wären dann aber auch wirklich alle versammelt, die auf keinen Fall hätten etwas erfahren sollen, oder? Vashtu hätte ihren Schädel gegen die Wand rammen können, immer und immer wieder.
Sie war hierher zurückgekommen in der Hoffnung, aufgenommen zu werden und dort weitermachen zu können, wo sie das letzte Mal hatte aufhören müssen. Statt dessen saß sie jetzt in diesem Gebäude fest und mußte mit einem Drogenproblem fertig werden, von sie nicht einmal die blaßeste Ahnung gehabt hatte.
Hat er sich schon gemeldet?" Mit einem Ruck hob sie den Kopf wieder und starrte Stross an.
Wer?"
Pendergast!" Sie spie diesen Namen aus wie einen Fluch, und genau das war er im Moment auch für sie. Ihr persönlicher Fluch. Vineta hatte sich als Hoffnung herausgestellt, Pendergast dagegen, der einzige Militär hier, der vielleicht eine Möglichkeit zur Hilfe bieten konnte, verwandelte sich mehr und mehr in ... in einen Alptraum, den sie liebendgern beendet hätte.
Stross atmete tief ein, nickte dann stumm. „Er fragte nach, ob hier zufällig ein Jumper gelandet wäre. Ein Jumper mit zwei Flüchtigen", antwortete sie ausweichend.
Vashtu neigte fragend den Kopf. „Was noch?" bohrte sie weiter.
Major, das ..."
Was noch? Was wollte diese Ratte noch?" Der Ausbruch kam selbst für sie so überraschend schnell, daß sie ihn nicht verbergen konnte.
Die Fremdzellen übernahmen, ohne daß sie etwas dagegen tun konnte. Sie spürte nur, wie ihre Augen sich plötzlich veränderten. Die Wut, die sie mühsam zu verbergen suchte, brach sich ihre Bahn, ließ sie die Hände zu Fäusten ballen, bis die Finger weiß wurden und die Gelenke knackten. Ihr gesamter Körper begann vor Wut zu vibrieren. Und sie wünschte sich nichts mehr, als die Bestie, die in diesem Moment in ihr erwachte, auch loslassen zu können.
Stross wich unwillkürlich etwas zurück, ließ ihre Hand aber weiter auf ihrer Schulter liegen. „Wie es aussieht, ist er hinter die Intrige gekommen, die ... Er sagte, daß wohl einige seiner leitenden Offiziere in Arrest sitzen."
Vashtu preßte die Kiefer fest aufeinander, um den wütenden Schrei zu unterdrücken, der an ihrer Kehle zerrte.

TBC ...