skip to main |
skip to sidebar
Drei Tage vor der
Rückkehr:
„
Major?"
Vashtu blickte
verschlafen auf und blinzelte einige Male. Sie fühlte sich so
unendlich müde, so ... sie wußte es selbst nicht wirklich zu sagen,
was da eigentlich in ihr vor sich ging.
Pendergast ließ sie
inzwischen immer öfter zu sich bringen. Die Leistungstests schienen
abgeschlossen zu sein, aber auch an die erinnerte sie sich nicht mehr
wirklich, ebenso wie an die Gespräche mit dem Colonel. Alles schien
ihr eigenartig weit entfernt zu sein. So weit entfernt, daß sie es
kaum greifen konnte.
„
Major Uruhk?"
hörte sie die Stimme wieder, die sie aus dem Schlaf gerissen hatte.
Vashtu gähnte herzhaft,
setzte sich nun doch auf und blinzelte wieder zur Tür.
Bates war weg!
„
Was ... ?"
Benommen schüttelte sie
den Kopf, rieb sich die Nasenwurzel mit zwei Fingern.
Seit wann war ihr
persönlicher Schatten verschwunden? Irgendwie wußte sie, es sollte
sie interessieren. Auf der anderen Seite aber ... Es war soviel
bequemer, sich diesem Wissen nicht zu stellen, sondern sich einfach
wieder auf die Pritsche sinken zu lassen und weiter zu schlafen.
„
Major Uruhk, sind Sie
da?" zischte die Stimme nun zum dritten Mal.
Okay, offensichtlich
wollte wohl doch jemand etwas von ihr.
Stöhnend setzte Vashtu
die Füße, warum ging sie mit Stiefeln ins Bett?, auf den Boden.
Schwankend kam sie auf die Beine und tapste etwas hilflos zur Tür.
Verschlafen drückte sie den Türöffner, doch nichts rührte sich.
Mit einem Mal war sie
wacher, wenn auch lange noch nicht wach genug.
Blinzend berührte sie
erneut den Öffner, doch das Schott glitt nicht zurück.
Vashtu sah sich
irritiert um, drückte dann ihr Ohr an das Metall. „Die Tür ist
zu", sagte sie und wartete.
„
Ich weiß", kam
die Antwort von der anderen Seite.
Endlich war es ihr, als
würde sie die Stimme erkennen. Einer der anderen Majors ... Barnes?
Aber wieso?
„
Hören Sie, Major",
zischte es von der anderen Seite. „Wir haben nicht viel Zeit. Bates
wird bald mit Ihrem Abendessen zurück sein. Ich wollte Ihnen
mitteilen, daß wir vielleicht eine Möglichkeit gefunden haben, wie
wir Sie in die Stadt zurückbringen können, möglicherweise mit
Heimdahl zusammen."
Vashtu versuchte sich zu
konzentrieren, doch so recht wollte ihr das nicht gelingen.
Was war denn nur los mit
ihr?
Sie fühlte etwas
eigenartiges und sah auf ihre Hände hinunter. Die zitterten leicht.
Verblüfft und
fasziniert zugleich hob sie den linken Arm und betrachtete, wie ihre
Hand leise im Gelenk bebte. Was war das?
„
Major Uruhk? Sind Sie
noch da?" flüsterte Barnes von der anderen Seite der Tür.
Vashtu riß sich von dem
Anblick ihrer zitternden Hand los, drückte ihr Ohr wieder an das
kühle Metall. „Ja ... ja, ich bin noch da."
„
Pendergast hat
irgendetwas mit Ihnen vor, Major", zischte Barnes. „Bates hat
da etwas in der Messe verlauten lassen, aber wir wurden nicht so
recht schlau daraus. Aber wir wußten, es ist besser für Sie, wenn
Sie so schnell wie möglich verschwinden vom Schiff."
Vashtu nickte sinnend,
schüttelte dann den Kopf, als ihre Konzentration wieder abzugleiten
begann. „Gut", flüsterte sie. „Wann geht es los?"
„
Frederics wird Sie
holen. Erinnern Sie sich noch an ihn? Jung, rot-braunes Haar und
vorlaut - paßt zu Ihnen", beschrieb Barnes.
Ein kleines Lächeln
umspielte Vashtus Mundwinkel. „Okay. Ich ... ich bin bereit."
Sie hörte eine zweite
Stimme, die ihr ebenfalls bekannt vorkam, doch die sie nicht zuordnen
konnte. Ebensowenig wie sie die Worte verstehen konnte. Aber
zumindest die letzte Frage wurde ihr schnell beantwortet.
„
Bates kommt zurück.
Wir sehen uns."
Ein letzter Rest ihres
Verstandes sagte ihr, sie solle so schnell wie möglich wieder zurück
auf die Pritsche. Halb taumelnd, halb schlurfend schaffte sie den Weg
sogar, ließ sich einfach fallen und vergrub ihr Gesicht in dem
Kissen.
Was Barnes sich da wohl
dachte? Es war doch alles in Ordnung, oder?
***
Jetzt:
„
Dr. Stross, ein
Funkspruch", meldete Andrea Walsh mit einem eigenartigen
Unterton in der Stimme.
Anne, die an
ihrem Schreibtisch gesessen und mit sorgenvoller Miene die neuesten
Berichte von Dorn studiert hatte, blickte auf. „Ja? Was für ein
Funkspruch?"
Wieder begann ihr Herz
schneller zu schlagen. War die Abschirmung des militärischen
Hauptgebäudes doch nicht so hundertprozentig, wie sie bisher
angenommen hatten? Oder spielte vielleicht sogar die Verwandlung von
Major Uruhk eine Rolle dabei? Mutierte nicht nur ihr Aussehen und
wurde ihr mehr Kraft verliehen? Sorgte diese körperliche Veränderung
vielleicht auch dafür, daß der ID-Chip unter ihrer Haut besser
erreichbar war für die Scanner der Prometheus? Denn wer sonst sollte
sie anfunken? Den Torbetrieb hatte sie erst einmal aussetzen lassen,
damit sie ihre anderen Probleme in den Griff bekamen. Es befanden
sich keine Teams mehr auf anderen Planeten, und innerhalb der Stadt?
Dann würde Andrea sicher nicht so irritiert klingen.
„
Wer ist es?
Pendergast?" fragte sie.
„
Äh, nein, Doktor",
antwortete die Technikerin. „Es ist ... Major Barnes."
Anne richtete sich
stocksteif auf.
Barnes? Aber der sollte
doch unter Arrest stehen nach allem, was sie wußte.
„
Stellen Sie durch!"
keuchte sie.
Es knisterte
augenblicklich in ihrem Ohr. Die Funkeinrichtung, die der Major
benutzte, war offensichtlich alles andere als sonderlich modern und
neu.
„
Major? Wo sind Sie?
Ich hörte ..." Anne stand unvermittelt auf und begann, ihr Büro
mit Schritten zu durchmessen.
„
Alles in Ordnung,
Doc", antwortete der Air Force-Offizier mit ruhiger Stimme.
„Machen Sie sich keine Sorgen um uns. Es geht uns gut - allen. Sie
sollten das wissen, ehe Sie oder Major Uruhk irgendein
Himmelfahrtskommando planen."
Ein erleichtertes
Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Aber wie ist das möglich?"
fragte sie.
„
Indem Pendergast auch
einen Teil der Techniker in Gewahrsam nehmen ließ", antwortete
Barnes prompt. „Die haben sich in die Funkleitungen eingeklinkt.
Allerdings wird uns wohl nicht allzu viel Zeit bleiben, wenn wir
diese Leitung weiter benutzen wollen."
Anne nickte und fühlte
sich einfach nur erleichtert.
„
Ist Major Uruhk gut
bei Ihnen angekommen? Und Heimdahl?"
Anne verhielt im
Schritt. „Heimdahl geht es gut", antwortete sie ausweichend.
„Im Moment arbeitet er mit Dr. Babbis zusammen, damit wir den
Schild der Stadt wieder hochziehen können."
„
Das klingt gut",
sagte Barnes. „Sehr gut sogar. Hilft Major Uruhk mit?"
Diese herrliche
Unbekümmertheit in der Stimme des gestandenen Mannes!
Anne wünschte sich
einen Moment lang wirklich, ebenso ahnungslos wie er sein zu können
und nicht einen halben Wraith in einer der Zellen zu wissen.
„
Major Uruhk ist ...
Der Colonel setzte sie unter Drogen, Major. Sie ... kämpft zur Zeit
mit den Entzugserscheinungen", antwortete sie endlich.
Ein scharfes Einatmen.
„Das ist übel", sagte Barnes. Dann wechselte unvermittelt die
Stimme.
„
Anne? Hier ist
Peter", meldete sich der Arzt Dr. Peter Grodin.
„
Peter!" Dieser
Name entwich ihren Lippen wie ein Gebet. „Was würde ich darum
geben, dich jetzt hier unten zu haben!"
„
Wie geht es Major
Uruhk?" kam der sofort auf den Punkt.
Anne atmete tief ein und
zögerte plötzlich. Sie wußte nicht, ob es der Antikerin recht war,
daß ihre Probleme offen von allen mitgehört werden konnten auf der
Prometheus. Zumindest von denen, die sich offensichtlich irgendwo
eingesperrt befanden.
„
Wir sind unter uns.
Keiner hört mit, dafür sorgen schon Barnes und Frederics",
beruhigte Grodin sie mit sanfter Stimme.
„
Major Uruhk
verwandelt sich zur Zeit ... in einen ... Wraith", antwortete
Anne endlich.
Wieder ein scharfes
Einatmen. „Sicher?"
„
Ich war gestern bei
ihr, Peter. Und ich habe genug Wraith in meinem Leben gesehen. Ja,
ich bin mir sicher!" antwortete sie, plötzlich aggressiv
geworden.
„
Steuert sie es?"
„
Was?" Anne
blinzelte verblüfft.
Grodin seufzte. „Soweit
ich das verstanden habe, als wir miteinander darüber redeten,
steuert sie die Fremdzellen zu einem Gutteil selbst und bewußt,
Anne. Vielleicht hilft es ihr, über die Drogen hinwegzukommen. Was
hat man ihr gegeben?"
„
Valium und
Skopolamin", antwortete sie mechanisch.
Konnte das tatsächlich
sein? War das möglich? Aber ... der Major hatte gestern nicht
gewirkt, als habe sie wirklich über alle ihre Handlungen die
Kontrolle.
„
Skopolamin?"
Grodin schien bestürzt. „Wo kommt das Zeug denn her?"
„
Das wußte Marc auch
nicht zu sagen", antwortete sie mechanisch. „Wahrscheinlich
hatte Pendergast es irgendwo versteckt für den Fall, daß er es
brauchen könnte."
„
Würde zu diesem Kerl
passen nach dem, was er mit Heisen angestellt hat." Grodin
atmete einige Male tief ein. „Was meint Marc dazu?"
„
Er sagt, sie muß den
kalten Entzug durchstehen. Und sie war, zumindest zu Anfang, auch
bereit dazu."
„
Dann laß Marc
machen. Was Drogenmißbrauch angeht gehört er zu den besten, die du
kriegen kannst. Sobald das ganze etwas nachgelassen hat, soll er noch
einmal ihr Blut untersuchen, damit auch wirklich nichts zurückbleibt.
Gerade dieses Teufelszeug ist verflixt anhänglich. Das sollte sie
auch wissen, hörst du?"
Anne nickte. „Was
können wir für euch tun?"
„
Uns geht es im Moment
gut. Und wenn wir jetzt diese Leitung nicht überstrapazieren, werden
wir auch in Kontakt bleiben können. Tut nichts unüberlegtes, Anne",
warnte Grodin. „Im Moment sieht es ganz gut für uns aus, so
unwahrscheinlich das für dich auch klingen mag. Pendergast läßt
uns weitestgehend in Ruhe, wir erhalten genug Nahrung und Wasser.
Und, dank dir, wissen wir jetzt auch, worauf wir zu achten haben.
Major Uruhk soll sich erst einmal auskurieren, hörst du? Dann reden
wir weiter."
Anne nickte, auch wenn
sie sich am liebsten, auch wenn sie nicht über das seltene ATA-Gen
verfügte, einen Puddlejumper genommen und zur Prometheus geflogen
wäre, um ihre restlichen Leute da herauszuholen.
„
Dr. Stross?"
meldete sich Barnes wieder. „Hören Sie, lassen Sie uns erst einmal
selbst machen. Vielleicht kommen wir auch ohne Hilfe hier heraus. Wir
werden sehen, okay? Barnes Ende."
Es klickte in der
Leitung.
Anne stand am Fenster
und starrte in den Gateroom hinaus.
Hoffentlich ging alles
gut, hoffentlich!
***
Peter beobachtete mit
scheelem Auge den Asgard, der voll konzentriert an einem der
Planetenkiller herumbastelte.
Irgendwie fiel es ihm
schwer, diesem kleinen Wesen wirklich zu vertrauen, vor allem, wenn
er bedachte, daß Heimdahl von sich selbst behauptete, quasi noch ein
Kind zu sein. Der erste Asgard, der seit Jahrhunderten - oder waren
es bereits Jahrtausende? - geboren worden war. Geboren, wie auch
immer. Vielleicht aus der Retorte? Zumindest nicht geklont, soviel
stand fest.
Peter konzentrierte sich
wieder auf seine eigene Arbeit.
Doch da war noch etwas
anderes, was an ihm fraß. Etwas, was ihn persönlich sehr belastete:
Die Sache mit Vashtu.
Was, wenn es ihr nicht
gelang, sich wieder zurückzuverwandeln? Was, wenn sie jetzt für
immer dieses ... dieser Wraith bleiben würde, den er gestern gesehen
hatte? Was, wenn die Drogen in ihrem Blut sich nicht abbauten,
sondern sie noch tiefer in ihre Fremdzellen stürzen ließen?
Als er sie gestern
gesehen hatte, war ihm beinahe das Herz stehengeblieben. Er hätte
sich nie vorstellen können, nach allem, was sie schon durchgemacht
hatte, sie dermaßen verändert vorzufinden. Er hatte sie als
unendlich alte Frau gesehen, er hatte gesehen, wie sie ihre Augen in
die eines Käfers verwandelte, wie sie ihre Wraith-Kräfte einsetzte
und damit stärker wurde als die meisten Männer. Aber nie hätte er
angenommen, daß sie sich dermaßen verwandeln konnte, nie!
„
Kann ich den
Laptop haben?" brach Heimdahls emotionslose Stimme plötzlich
das Schweigen.
Peter zuckte zusammen,
als habe der Asgard ihn geschlagen. „Was?"
Heimdahl blinzelte
vertrauensvoll. „Den Laptop brauche ich, wenn du ihn erübrigen
kannst, Dr. Babbis", wiederholte er seine Frage.
Peter fiel erst jetzt
auf, daß der Planetenkiller, an dem der Asgard bis jetzt gearbeitet
hatte, wieder vollständig zusammengesetzt war und leise funkelte,
gelblich funkelte. Ungläubig blinzelte er. „Was ... ?"
„
Brauchst du den
Rechner noch?"
Peter schüttelte
abwehrend den Kopf. Eilig schob er dem kleinen Alien seinen Laptop
hinüber und beobachtete, wie Heimdahl einige Kabel mit dem
Planetenkiller verband, dann sinnend den Bildschirm betrachtete.
Unwillkürlich breitete
sich wieder Neid in ihm aus, doch er bekämpfte ihn.
Er war einfach
abgelenkt, punktum. Wenn es Heimdahl tatsächlich gelungen sein
sollte, die Wirkung dieser Raummine umzukehren, dann ...
„
Es funktioniert."
Der Asgard blickte wieder auf und blinzelte.
„
Es funktioniert?"
Peter riß die Augen auf. „Aber ..."
Wer war jetzt der
führende PK-Forscher, höhnte eine kleine Stimme in ihm, während er
um den Tisch herumhetzte und ungläubig staunend die Anzeigen ablas.
Das war einfach
unglaublich! Der Asgard schien ja sogar noch schneller als Vashtu zu
arbeiten! Das war ...
Peter richtete sich
unvermittelt auf und tippte auf das Empfangsteil seines Funkgerätes.
„Wir sind soweit. Wir können den Schild hochfahren", meldete
er, nachdem Stross ihn nach seinem Begehr gefragt hatte.
***
Eine Woche später:
Ein wenig unsicher
betrat sie das große Büro in der obersten Etage des militärischen
Kontrollturms. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie wußte nicht,
ob sie wirklich bereits bereit war für das, was sie möglicherweise
erwartete. Doch schließlich trat sie über die Schwelle und atmete
tief ein.
„
Willkommen in Vineta,
Major!" Anne Stross trat ihr entgegen, hielt ihr einen Becher
hin.
Vashtu sah die andere
einen Moment lang an, dann breitete sich ein kleines Lächeln über
ihr Gesicht. „Danke", sagte sie leise und nahm den Becher.
„
Im Gedenken an
Atlantis, Major, und natürlich für Ihre Genesung." Anne hielt
noch einen zweiten Becher in der Hand, nickte ihr auffordernd zu.
Vashtu zögerte einen
Moment, dann stieß sie mit der zivilen Leiterin der verbotenen Stadt
an und nahm einen Schluck von dem kribbelnden Alkohol, der etwas ...
mehr Geschmack verdient hätte, hätte man sie gefragt. Aber wenn man
schon einmal Champagner bekam ...
Anne lächelte, legte
ihr vertraulich eine Hand auf die Schulter. „Ich freue mich, daß
ich Sie jetzt doch endlich in Vineta willkommen heißen kann, Major.
Sie können sich gar nicht denken, wie sehr ich mich über Ihre
Entscheidung freue."
Vashtu nickte, atmete
tief ein und sah sich um. Über der Stadt, durch die großen Fenster
nach draußen sehr gut zu sehen, leuchtete blaß der Schutzschild in
einem beinahe träumerischen Blau. Der Schutzschild, der ihr
Sicherheit versprach, Sicherheit vor ...
Sie zwang sich, nicht
weiter zu denken, trat an der Wissenschaftlerin vorbei an eines der,
bis zum Boden reichenden Fenster und gab gedanklich den Befehl.
Das hatte sie sich schon
lange gewünscht, so lange!
Ein Lächeln erschien
auf Vashtus Lippen, als die verborgene Tür aufschwang und sie hinaus
auf den Balkon treten konnte. Sinnend lehnte sie sich an das
Geländer, betrachtete weiter den Schutzschild, Stross neben sich
wissend. Die Wissenschaftlerin war ihr gefolgt.
„
Wie lange hält ein
PK?" fragte sie leise.
„
Babbis schätzt, in
etwa zwei bis drei Wochen", antwortete Stross, lehnte sich neben
sie und blickte zur Höhlendecke hinauf. „Genau werden wir das wohl
erst feststellen können, wenn es soweit ist."
Vashtu nickte,
spielte mit dem Becher in ihren Händen.
Vineta, die Chance ...
War sie das wirklich? Oder hatte sie Pendergast am Ende doch mehr
verraten als sie eigentlich gewollt hatte?
Sie wußte es nicht
mehr. Wie so vieles in den letzten vierzehn Tagen auf der Prometheus
verblaßte auch diese Erinnerung, die Erinnerung an die
Fragespielchen des Colonels, solange sie sein willenloses Opfer
gewesen war.
„
Den Eingesperrten
geht es offensichtlich gut", fuhr Stross an ihrer Seite fort.
„Sie melden sich regelmäßig und erkundigen sich auch nach Ihnen,
Major."
Vashtu nickte wieder,
betrachtete nun die beleuchteten Bereiche der verbotenen Stadt.
Vineta zeigte sich von einer freundlichen Seite, doch selbst all das
Licht in den Fenstern konnte nicht über den letzten Bereich, den
Bereich der dunklen Schatten und finsteren Geheimnisse
hinwegtäuschen.
Vashtu nahm noch einen
Schluck von dem Champagner, rollte ihn ein wenig im Mund, ehe sie ihn
hinunterschluckte.
Es war, wie sie es zu
Anfang erwartet hatte. Diese Galaxie forderte alles von ihr, oder
zumindest mehr, als sie bisher hatte geben müssen. Aber, im
Gegensatz zu dem, was sie angenommen hatte, war es weniger Vineta
selbst, sondern die Erben ihres Volkes, die ihr übel mitspielten und
sie in ihre allerletzten Reserven trieben. Die Stadt wurde für sie
dagegen immer mehr zu etwas ... zu einer Art ... Heimat? Zumindest
aber eine feste Anlaufstelle und erfüllt von Menschen, die zu ihr
standen und sich selbst von ihren dunkelsten Seiten nicht schrecken
ließen, wie sie in der vergangenen Woche wieder einmal erlebt hatte.
„
Was denken Sie,
Major?" wandte Stross sich unvermittelt an sie.
Vashtu seufzte, richtete
sich wieder auf und runzelte die Stirn, während sie die Leiterin
dieser Stadt sinnend betrachtete. „Sind wir jetzt im Dienst?"
fragte sie schließlich.
Stross schmunzelte und
warf ihrem Becher einen langen Blick zu. „Wenn wir es wären,
würden wir wohl gerade gegen eines der ehernsten Gesetze verstoßen:
Kein Alkohol am Arbeitsplatz."
Vashtu lächelte und
senkte den Blick. Dann blickte sie wieder auf, in die Augen der
anderen. Ihr Gesicht wurde ernst. „Was Sie mir erzählt haben in
den letzten Tagen ..." Sie stockte und runzelte wieder die
Stirn. Dann schüttelte sie den Kopf und holte tief Atem. „Nennen
Sie mich Vashtu, Doc. Zumindest, wenn wir nicht im Dienst sind."
Stross' Augen weiteten
sich überrascht, dann breitete sich ein Lächeln in ihrem Gesicht
aus. Sie richtete sich auf und hielt ihr die Rechte hin. „Anne für
Sie, Vashtu", sagte sie leise.
Die Antikerin schlug
ein, gerade als sich hinter ihnen die Tür zum großen Büro wieder
öffnete und die anderen den Raum betraten.
ENDE
Sieben Tage vor
der Rückkehr:
Vashtu ließ sich von
Bates zum Quartier von Pendergast bringen. Dabei fühlte sie sich
eigenartig gleichgültig. Sie spürte selbst, irgendwo tief in sich
drin, daß es nicht gleichgültig sein sollte, was mit ihr geschah,
aber ... irgendetwas hinderte sie daran, etwas anderes zu empfinden.
Der Sergeant öffnete
die Tür, ließ ihr den Vortritt.
Vashtu sah sich mit
halbem Auge um, wartete, bis Bates sie am Arm nahm und zu dem großen
Tisch dirigierte, der bereits gedeckt war. Auf seine stumme
Aufforderung ließ sie sich nieder, sank gegen die Rückenlehne und
schloß die Augen.
Sie war so müde.
Wirklich müde. Sie konnte sich gar nicht erinnern, sich jemals
dermaßen nach Schlaf und Ruhe gesehnt zu haben. Nie! Zwar mochte sie
schon an Punkte gekommen sein, an denen sie geglaubt hatte, nicht
mehr weiterzukönnen. Doch jetzt begriff sie erst wirklich, was es
bedeutete, dermaßen die Kontrolle zu verlieren.
„
Schön, daß Sie
gekommen sind, Major", begrüßte Pendergasts Stimme sie.
„Bleiben Sie ruhig sitzen. Sie sind jetzt nicht im Dienst."
Mühsam öffnete sie die
Augen wieder. Kurz zuckte sie zusammen, als sie den Colonel direkt
über sich gebeugt fand, dann aber kehrte diese eigenartige
Gleichgültigkeit wieder zurück und ließ sie zurücksinken in das
Polster.
„
So ist es schon sehr
gut, Major", lobte Pendergast sie. Vom Tisch nahm er ein Glas
und hielt es ihr an die Lippen. „Trinken Sie, Sie sind durstig,
nicht wahr?"
Nein, das war sie an für
sich nicht, aber wenn er meinte.
Vashtu nahm einen
Schluck. Die Flüssigkeit schmeckte bitter, erinnerte sie an etwas.
Irgendwo, ganz tief in sich, fühlte sie, wie eine winzige
Alarmglocke anschlagen wollte. Doch es war zu anstrengend, sich darum
zu kümmern.
Vashtu konzentrierte
sich auf ihren Atem, weil sie glaubte, wenn sie das nicht tun würde,
würde sie schlicht vergessen, daß selbst sie Luft zum Leben
brauchte. Sie schluckte und schloß die Augen wieder halb.
Pendergast hatte sich
offensichtlich neben ihr niedergelassen. Saß sie nicht am Kopfende
seines Tisches? Egal!
„
Wir waren gestern bei
Ihrem Kampf gegen die Wraith vor zehntausend Jahren, Major",
begann der Colonel jetzt wieder. „Aber Sie haben mir nicht erklärt,
wie Sie, von einer einfachen Lantianerin, zu dem wurden, was Sie
jetzt sind. Wie konnten Sie zehntausend Jahre überstehen?"
Vashtu öffnete den
Mund, wollte antworten. Doch ihre Stimme versagte ihr den Dienst.
Benommen begann sie den Kopf zu schütteln. „Kann nicht ..."
murmelte sie.
„
Trinken Sie noch
einen Schluck, das wird helfen."
Wieder wurde ihr das
Glas an die Lippen gehalten, wieder trank sie diese bittere
Flüssigkeit. Allmählich versank alles um sie her in einem Nebel,
die Müdigkeit wurde immer größer, schien sie aufzusaugen.
„
Was sind Sie, Major?"
Die Lider fielen ihr
über die Augen. Wieder mühte sie sich, den Kopf zu schütteln.
Sie verstand es ja
selbst nicht. Pendergast schien plötzlich sehr freundlich ihr
gegenüber zu sein, vielleicht hatte er tatsächlich begriffen, daß
sie sich sträuben würde, bis ... Ja, bis was? Er war ihr
Vorgesetzter. Sie sollte ihm gehorchen. Aber sie konnte nicht.
„
Was sind Sie?"
kehrte die Frage zurück.
Unwillig stöhnte sie
auf, wandte den Kopf ab, als sie wieder fühlte, wie das kühle Glas
ihre Lippen berührte.
„
... geistige Sperre,
Sir ..." hörte sie Bates undeutlich sagen, brachte es fertig,
die Augen jetzt doch wieder einen Spalt weit zu öffnen, um sich
konzentrieren zu können. Das Gesicht des Marines wirkte, als habe er
Seidentücher über dem Kopf. „ ... stärkeres Mittel ... reicht
nicht!"
„
Unsinn!"
Unsanft wurde sie
plötzlich gepackt und geschüttelt, bis sie mühsam den Kopf hob und
mit verschleierten Augen zu dem Colonel aufsah.
Warum wirkte er
plötzlich so wütend?
„
Was haben Stross und
Sie ausgeheckt, Major? Was geht hier auf meinem Schiff vor sich?
Antworten Sie!" herrschte er sie hart an.
Vashtu runzelte benommen
die Stirn. „Weiß nicht ..." nuschelte sie, ihr Kopf sank auf
ihre Brust.
Mit einem Fluch wurde
sie zurückgestoßen, sank gegen die gepolsterte Rückenlehne.
Sie war so müde ...
***
Jetzt:
Vashtu hockte wieder auf
der Pritsche, horchte tief in sich hinein und stemmte sich mit aller
Macht gegen eine noch weitere Verwandlung. Sie war froh um die
Schatten und die Dunkelheit, in denen sie sich verstecken konnte. Das
letzte Mal, und da war die Verwandlung noch lange nicht soweit
gegangen, als sie ähnlich aussah, war es heller Tag gewesen und sie
hatte geglaubt, den Verstand verlieren zu müssen, als sie ihr
eigenes Spiegelbild sah.
Wie lange war das jetzt
her? Knapp drei Jahre mußten es wohl sein, rief sie sich ins
Gedächnis. Drei Jahre, von denen sie eines noch relativ verschlafen
hatte, in der Hoffnung, die Fremdgene auf diese Weise wieder unter
Kontrolle zu bringen und sich John stellen zu können. Und vor
ungefähr zwei Jahren hatte sie andere getötet, die ihr in diesem
Moment noch ähnlicher waren als die Menschen auf Atlantis.
Vashtu ballte die Hände
zu Fäusten.
Sie hatte sich teils
bewußt in die Wraith-Zellen gestürzt, um das schlimmste abwenden zu
können. Doch daß die Verwandlung soweit ging, damit hätte sie
niemals gerechnet. Sie besaß einen Saugmund, sie fühlte den
schmerzenden Hunger in ihren Eingeweiden. Dabei fragte sie sich
allerdings auch, ob sie tatsächlich fähig war ...
„
Kleines?"
Vashtu hob den Kopf,
hielt ihr Gesicht aber weiter abgewandt und starrte die Wand an.
Dabei aber fühlte sie den dringenden Wunsch, sich in Dorns Arme zu
stürzen, sich von ihm halten zu lassen wie ein kleines Mädchen. Wie
ihr Vater es damals getan hatte, nachdem die Wraith ...
Vashtu stöhnte auf und
schloß die Augen.
„
Ich weiß, daß du
dich verwandelt hast", fuhr Dorns Stimme sanft fort. „Du
kannst dich mir ruhig zeigen. Ich bin außerhalb der Reichweite."
Sie nickte stumm.
Die zusätzlichen
Zahnreihen, die sie mit aller Macht zurückhielt, aber doch ihren
Kiefer zu verformen begannen und das Zahnfleisch schmerzen ließen,
ließen ihre Stimme selbst in ihren Ohren undeutlich klingen. Es
strengte sie an, zu sprechen.
„
Ich wollte dir sagen,
daß die Wachen ausgetauscht und verstärkt wurden. Ich habe sie ein
wenig von der Zelle abgezogen, damit du nicht ... in Versuchung
kommst."
Wieder nickte sie.
„
Wir hatten
tatsächlich einige Stunner. Denkst du, das wird reichen?"
fragte Dorn leise und mit sanfter Stimme.
Wieder ein Nicken,
während sie weiter die Wand fixierte. Dann setzte sie sich aufrecht
hin und schluckte. „Könnt ihr das Gitter unter Spannung setzen?"
„
Es ist unter
Spannung, Vashtu", antwortete Dorn.
Die Hoffaner-Paradoxe!
Sie schloß die Augen.
Nach ihrer Geiselhaft
hatte Dr. Weir ihr die Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt, die
Carson hatte sammeln können während der kurzen Partnerschaft mit
dem Volk der Pegasus-Galaxie. Sie wußte, daß etwas in ihrem Inneren
dafür sorgte, daß der Energieschirm nicht auf sie ansprang. Eine
Chance weniger für die Wachen. Aber vielleicht ...
„
Du wirkst ruhiger.
Geht es dir besser?"
Sie schüttelte den
Kopf.
„
Brauchst du
irgendetwas?"
„
Habt ihr noch etwas
von der Prometheus gehört?" fragte sie unvermittelt.
„
Bis jetzt nicht. Es
herrscht Funkstille", antwortete Dorn. „Babbis arbeitet mit
diesem Heimdahl an den Planetenkillern. Weiß er, wie er den Schild
verändern muß?"
Vashtu zögerte. Sie war
sich nicht sicher, ob sie ihm mitgeteilt hatte, was er tun mußte, um
den Schild abzugleichen und die ID-Chips damit für jeden Scanner
außerhalb der Stadt unsichtbar zu machen.
„
Frag ihn",
antwortete sie. „Wenn nicht ... Ich werde versuchen, einen kurzen
Winterschlaf zu halten, dann könnt ihr mir einen Laptop
hereinschieben."
„
Wird es noch lange
dauern?"
Ein bitteres Lächeln
zuckte um ihre Mundwinkel. „Ich weiß es nicht", antwortete
sie, zögerte noch einen Moment, dann drehte sie sich um und sah
Dorn, der in seinem Rollstuhl auf der anderen Seite des Gitters saß
und sie musterte. Im Gegensatz zu Peter schien er nicht zu
erschrecken, oder es sich wenigstens nicht annmerken zu lassen.
„
Der Entzug dürfte
noch das kleinste Problem sein", gab sie zu. „Die
Rückverwandlung ... könnte etwas länger dauern."
Dorns schattenumspielte
Gestalt nickte. „Aber du schaffst das, nicht wahr?"
„
Ich hoffe es."
Sie erhob sich, plötzlich ruhelos geworden. „Im Moment hätte ich
nicht übel Lust, zur Prometheus zurückzufliegen und Bates und
Pendergast ein bißchen ... auszusaugen!" Ihre Augen glühten
bei dem letzten Wort gierig auf.
„
Kann ich mir
vorstellen. Würde mir nicht anders gehen." Dorn nickte
bedächtig. „Stross sagte, du wüßtest, was man dir gegeben hat?"
„
Ich bin Genetikerin,
George. Ich kenne mich mit Pflanzen aus, sie waren mein
Spezialgebiet." Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.
Sie schmeckte Blut auf der Zunge, konzentrierte sich sofort wieder.
„Ich habe mich mit der Flora der Erde beschäftigt nach meiner
Ankunft dort. Über halluzinogene Pflanzen gibt es eine Menge. Aber
ich wußte nicht, daß mein Körper so darauf reagieren würde."
Sie sah an sich hinunter, ein tiefes Knurren in der Kehle.
„
Dann hast du diese
Verwandlung nicht selbst ausgelöst?"
Sie schüttelte den
Kopf. „Ich bemerkte, daß die Fremdzellen es mir erleichterten, die
Schmerzen auszuhalten. Aber soweit habe ich nicht gedacht. Ich bin
weiter mutiert als je zuvor." Sie blickte wieder auf. „Ich bin
eine Bedrohung für euch, wenn der nächste Schub kommt. Der Hunger
wird immer schlimmer. Ihr solltet euch so weit wie möglich von mir
entfernt halten."
„
Ich werde dich nicht
allein lassen, Kleines. Vor allem nicht, wenn du mich brauchst",
entgegnete Dorn. „Wenn du mir Lebenskraft entziehen willst, dann tu
es. Ich bin bereit."
„
NEIN!" Vashtu
wich bis an die rückwärtige Wand zurück, funkelte den Marine an.
„Sag soetwas niemals wieder, George! Nie wieder!"
„
Dann bist du auch
kein Wraith, Vashtu. Selbst wenn du den Hunger spürst. Peter hat mir
erzählt, du hättest ihn angegriffen. Aber du wolltest ihn nur
erschrecken, habe ich recht? Er sollte verschwinden und an die Arbeit
gehen."
„
Ich weiß nicht, ob
ich könnte", gab sie zu. „Es ist wie ... damals auf Atlantis,
als ich mit John zusammen das Mutterschiff in die Luft jagte. Von ihm
hätte ich mich auch nähren können - einen Moment lang."
Dorn nickte bedächtig.
„Aber du hast es nicht getan, und du würdest auch jetzt nicht
tun." Sie meinte, allein in seinen Worten ein Lächeln zu hören.
„Du bist zu menschlich, Vash, selbst für einen Wraith."
„
Vielleicht sollte ich
mich das nächste Mal in einen Iratus-Käfer verwandeln." Sie
schloß die Augen, als eine neue Schmerzwelle durch ihren Körper
fuhr. Unwillkürlich umschlang sie mit ihren Armen ihren Brustkorb,
lehnte sich an die Wand.
„
Vashtu?" Dorn
klang besorgt.
„
Geh jetzt!"
ächzte sie, schlug ihren Hinterkopf hart gegen die Wand. „Geh,
George!"
Kurz darauf hörte sie,
wie sein Rollstuhl den langen Gang wieder hinauffuhr. Vor Schmerz
krümmte sie sich zusammen und ächzte wieder leise.
Sie fühlte sich
unendlich allein in einem beinahe grenzenlosen Haß.
„
Pendergast!"
stieß sie zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Irgendwann ..."
TBC ...
„
Was soll das heißen?
Dorn!" Peter lehnte sich entrüstet über den Schreibtisch des
Marines. „Das können Sie doch nicht machen!"
Der blickte auf und
schüttelte wieder den Kopf. „Tut mir leid, Doc. Aber es ist besser
für Sie, wenn Sie sie so nicht sehen."
„
Sie kommt gerade aus
der Gefangenschaft, verdammt!" Peter schlug mit der Faust auf
den Tisch, jaulte dann auf und rieb sich die Handkante. „Ich muß
dringend mit ihr sprechen." Seine Stimme war mehr ein Wimmern.
Dorn seufzte. „Vashtu
ist im Moment nicht wirklich für irgendwelche wissenschaftlichen
Sachen zu gewinnen, Doc", sagte er mit eindringlicher Stimme.
„Pendergast hat ihr übel mitgespielt. Sie ist freiwillig in die
Zelle gegangen. Und sie will niemanden sehen, ehe sie nicht
freiwillig wieder da heraus kommt."
„
Vashtu und freiwillig
in irgendeine Zelle gehen? Dorn, hören Sie sich eigentlich selbst
reden?" Peters Augen hinter den Brillengläsern weiteten sich.
„Ich muß wissen, wie weit sie mit den PKs gekommen ist, ehe ich
mich selbst wieder daran setze. Nicht daß ich etwas übersehe, was
sie vielleicht geändert hat. Und in meinen Daten stand nichts, auf
ihre habe ich aber keinen Zugriff."
„
Sie hat im
Moment andere Sorgen, Doc. Tut mir leid."
Die Tür hinter Peter
öffnete sich. „Sergeant, wie sieht es ... ? Dr. Babbis? Sind Sie
schon wieder auf dem Posten?"
„
Ich ... Was ist mit
Major Uruhk passiert?" Peter fuhr zu der zivilen Leiterin der
Stadt herum und starrte sie fordernd an.
Stross wich überrascht
einen Schritt zurück unter diesem Blick. Dann strich sie sich mit
einer nervösen Geste das Haar aus dem Gesicht und wechselte einen
kurzen Augenkontakt mit Dorn, ehe sie sich wieder an ihn wandte: „Wie
es aussieht, hat Colonel Pendergast Major Uruhk einen Drogencocktail
verabreicht, und das über zehn Tage lang. Sie ist im Moment ...
Nicht ganz bei sich, wie ich hörte. Ich wollte selbst kurz zu ihr."
„
Keine gute Idee",
wandte Dorn hinter dem Schreibtisch ein.
„
Ich denke, es würde
sie interessieren, was ihr da gegeben wurde. Vielleicht ist sie dann
in der Lage, den kalten Entzug zu beschleunigen. Sie werden mir
sicher zustimmen, Sergeant Dorn, daß der momentane Zustand für uns
alles andere als günstig ist. Wir brauchen die Leute von der
Prometheus", entgegnete Stross scharf.
„
Pendergast hat ihr
Drogen gegeben?" Peter riß die Augen wieder auf. „Sie ist in
einem kalten Entzug? Was für ein Zeug hat er ihr denn gespritzt?"
Dorn lehnte sich in
seinem Rollstuhl zurück und schüttelte den Kopf. „Sie ist meist
nicht ganz bei sich, Doc", sagte er.
„
Das ist egal. Wir
brauchen sie hier. Sie wollen doch auch, daß sie Ihre Vorgesetzte
wird, oder nicht?" Stross wandte sich Peter zu. „Kommen Sie
mit, wenn Sie sie sehen wollen. Ansonsten sollten Sie sich so schnell
wie möglich wieder an Ihre Arbeit begeben, Dr. Babbis." Damit
drehte sie sich um und marschierte wieder aus dem Büro heraus zum
nächsten Lift.
Peter warf Dorn noch
einen triumphierenden Blick zu, dann machte er, daß er der Leiterin
Vinetas hinterherkam.
Dabei ging ihm jetzt
allerdings vieles im Kopf herum, das er kaum zu verdauen wußte.
Vashtu unter Drogen! Vashtu in einem kalten Entzug! Das war ... das
war einfach unglaublich! Dabei hatte Dorn gestern doch alles andere
als besorgt gewirkt, als er ihm von ihrer Rückkehr erzählte.
Was war da passiert?
Er sprang hinter Stross
in den Antiker-Lift und atmete tief ein, während die Türen sich
schlossen. „Was heißt, unter Drogen gesetzt?" fragte er dann
schließlich.
Stross warf ihm nur
einen halben Blick zu, dann trat sie wieder aus dem Aufzug heraus und
marschierte den Gang entlang. „Soweit Mr. Boyer mir das mitteilen
konnte, hat man ihr einen Cocktail mit zwei verschiedenen
Bestandteilen verabreicht und sie süchtig gemacht, ohne daß sie es
selbst bemerkte", antwortete sie, blieb vor einer Tür stehen
und öffnete diese. „Es fiel ihr wohl nur auf, wenn die Dosis in
ihrem Blut geringer wurde und erste Entzugserscheinungen zu bemerken
waren. Aber sie schrieb es wohl ihrem eigenen Körper zu."
„
Sie reagiert manchmal
anders als wir, das ist wahr", wandte Peter ein.
Sein Herz schlug ihm bis
zum Hals. Er hatte sich darauf gefreut, endlich wieder mit Vashtu
zusammenarbeiten zu können. Und jetzt das! Wie hatte das überhaupt
geschehen können? Warum hatte sie nichts davon bemerkt? Warum hatte
nicht einer der anderen etwas bemerkt? Er war sicher, er hätte es
getan, irgendwie.
„
Sie wirkte sehr viel
ruhiger, als sie hier ankam. Ihre Scherze ... sie waren anders",
sagte Stross nachdenklich, als habe sie seine Gedanken lesen können.
„Sie mußte vorher noch eine ganze Ladung erhalten haben. Mr. Boyer
meinte, ihr Körper baut die Drogen schneller ab als unserer."
Sie bogen um eine Ecke.
Peter fiel sofort auf,
daß hier irgendetwas nicht stimmte. Und das lag nicht allein an den
drei Marines, die an der Seite des Ganges an einem Tisch saßen und
offensichtlich mit Kartenspielen beschäftigt waren.
Dorn sollte seine Männer
besser im Griff haben, kam Peter in den Sinn. Dann erst ging ihm auf,
was an diesem eigenartigen Stilleben ihn gestört hatte: die
Dunkelheit, die sich hinter den Dreien ausbreitete und erst ein Stück
weiter von einem neuen Lichtkegel gebrochen wurde.
Was war hier los?
Einer der Marines
blickte auf, wurde rot, als er sah, mit wem er hier unterwegs war.
Peter fiel die
bedrückende Stimmung auf, die in diesem Gang herrschte. Er fragte
sich, wen und warum man früher hier eingesperrt hatte. Er war
sicher, das keine Stunde aushalten zu können. Und Vashtu saß
bereits seit gestern abend in der Zelle, wenn er Dorn und Stross
richtig verstanden hatte.
„
Mam? Doc",
begrüßte der Marine sie.
Stross blieb stehen, als
nun auch die anderen aufmerksam wurden. Sofort verschwanden die
Karten vom Tisch, und alle drei wechselten unangenehme Blicke
miteinander.
„
Wie geht es dem
Major?" fragte die Leiterin schließlich.
„
Im Moment ruhig,
Mam", antwortete wieder der erste der drei. „Das Licht hat sie
selbst zerschlagen. Und sie will nicht ... Naja, wir sollen es im
Moment nicht auswechseln, Mam."
Peter runzelte die
Stirn.
Seit wann wurde Vashtu
eitel? Sonst störte es sie doch nicht, ob und was gerade an Licht
zur Verfügung stand. Warum ... ?
„
Gut, machen Sie
weiter." Stross nickte den Männern zu, ging an ihnen vorbei,
blieb dann aber noch einmal stehen. „Und vielleicht sollten Sie
Ihren Dienst in Zukunft gewissenhafter verrichten. Vielleicht wird
bald jemand anderes die oberste Leitung des militärischen Dienstes
übernehmen, Lieutenant. Es wäre besser, wenn Sie Ihre Aufgaben dann
ernster nehmen würden."
Wieder wurde der Marine
rot, nickte beklommen.
Peter beeilte sich, mit
Stross wieder aufzuschließen, warf aber noch einen Blick über die
Schulter zurück. „Was die sich denken ..." Er schüttelte den
Kopf, wäre beinahe in die blonde Frau hineingelaufen, die plötzlich,
vor der abgedunkelten Zelle stehenblieb.
Peter warf Stross ein
entschuldigendes Lächeln zu, dann richtete er seine Aufmerksamkeit
auf den kleinen, vergitterten Raum.
„
Major?" Stross
trat näher.
„
Nicht!"
Peter zuckte zusammen.
Vashtus Stimme klang eigenartig, irgendwie undeutlich.
Er blinzelte, damit
seine lichtempfindlichen Augen sich an den Dämmer in der Zelle
gewöhnen konnten.
Die Antikerin hockte,
ihnen den Rücken zukehrend, am Kopf- oder Fußende der Pritsche und
starrte die Wand vor sich an, die allerdings in Dunkelheit gehüllt
war, so daß Peter sich fragte, was es da wohl zu sehen gab.
Stross war bei dem einen
Wort unwillkürlich wieder zurückgewichen, warf ihm jetzt einen
Blick zu, atmete dann tief ein. „Wir wissen jetzt, was Pendergast
Ihnen hat geben lassen, Major. Und ... es sieht gut aus. Sie werden
es überstehen. Mr. Boyer meint, in ein oder zwei Tagen ..."
„
Verdoppeln Sie die
Wachen", sagte diese dunkle, eigenartige Stimme. „Und, wenn
wir irgendwo Betäubungswaffen haben, holen Sie sie und rüsten die
Männer damit aus. Am besten Stunner, aber notfalls auch ZATs. Wenn
nicht ... ein paar Kugeln überlebe ich auch."
„
Was reden Sie da?"
Jetzt trat Peter doch näher. „Was ist los mit Ihnen, Vashtu? Ich
weiß, daß Pendergast Sie unter Drogen gesetzt hat, aber ..."
„
Machen Sie sich
lieber wieder an die Arbeit, Peter! Ich kann für nichts garantieren
beim nächsten Anfall. Es wäre besser, wenn bis dahin der Schild
steht. Die Autorisation habe ich Ihnen gegeben", fiel die
Antikerin ihm ins Wort.
„
Was ist mit Ihnen,
Major?" Jetzt trat auch Stross wieder näher.
Der dunkle Schatten mit
den strubbeligen Haaren schien sich zusammenzukrümen. „Gehen ...
Sie ... zurück ... alle beide!" Die Stimme zischte beinahe wie
die einer Schlange.
Peter stellten sich die
Nackenhaare auf. Doch noch war er nicht bereit, aufzugeben. „Vashtu,
wir brauchen Sie hier. Hören Sie?"
„
Im Moment ist es
besser, wenn Sie jemand anderen brauchen, Peter. Schnappen Sie sich
Heimdahl. Der ist kleverer als man denkt." Ein tiefes Stöhnen.
Wieder bewegte sich die Gestalt. Kurz schien etwas in dem wenigen
Licht aufzublitzen, gelblich aufzublitzen.
Hatte sie ihre
Fremdzellen aktiviert?
Peter beugte sich vor,
um mehr erkennen zu können.
„
Major?" fragte
Stross an seiner Seite. „Sollen wir Ihnen irgendetwas bringen?
Brauchen Sie etwas hier?"
Im nächsten Moment war
es, als wüte ein Wirbelwind durch die enge Zelle. Mit einem tiefen
Knurren sprang die Antikerin auf, wirbelte herum und griff durch die
Gitterstäbe.
Peter wich so hart
zurück, daß er das Gleichgewicht verlor. Mit großen Augen starrte
er auf die Gestalt, die nun deutlicher zu sehen war. Und er begriff,
als er noch etwas bemerkte - in der sich ihm entgegenstreckenden
rechten Handfläche.
„
Oh mein Gott!"
stöhnte Stross auf, die sich hektisch außer Reichweite gebracht
hatte.
Peter brauchte länger,
um zu begreifen, was sich da hinter den Gitterstäben befand. Die
Wraith-Zellen hatten die Herrschaft über den Körper der Antikerin
übernommen und sie ... verwandelt! Das gelbliche Glühen waren
tatsächlich ihre Augen, die Haut wirkte fahl und zwei Schlitze wie
Kiemen zogen sich von ihrer Nase über die Wangen. Aber das
schlimmste befand sich in der rechten Handfläche. Ein vertikaler
Strich, wie ein Schnitt quer durch die Handfläche. Aber dieser
Strich bewegte sich.
Vashtu wich wieder
zurück, kauerte sich zusammen. „Gehen Sie, Dr. Stross, Peter. Es
ist besser. Und geben Sie Dorn meine Anweisungen weiter."
Peter rappelte sich
langsam wieder auf, starrte sie immer noch an.
Er hatte noch nie einen
Wraith gesehen, zumindest nicht leibhaftig und lebendig. Aber das
Bild, das sie im Moment bot ... es mußte dem schon sehr nahe kommen.
„
Es ... Mr. Boyer
rechnet mit einem oder zwei Tagen, Major." Stross schien sich
endlich wieder im Griff zu haben, hob jetzt beschwörend die Hände.
Vashtu ließ sie nicht
einen Moment lang aus den Augen. Sie blinzelte nicht einmal, zeigte
keine Reaktion. Sie stand an der gegenüberliegenden Seite der Zelle,
als müsse sie sich selbst zurückhalten.
„
Er hat Ihr
Blut untersucht und die Drogen gefunden. Pendergast hat Ihnen Valium
gegeben, ein Beruhigungsmittel", fuhr Stross fort, während
Peter sich jetzt endlich wieder auf die Beine stellte und seine Hosen
abklopfte.
Endlich begann die
Antikerin zu nicken. „Damit ich mit mir machen lasse, was er will.
Das war die Gleichgültigkeit", sagte sie nach einer kleinen
Weile.
Stross hob beschwörend
die Hände. „Aber das war nicht alles, Major. Da war noch etwas in
Ihrem Blut. Und sehr wahrscheinlich ... ist diese zweite Droge für
Ihren jetzigen Zustand verantwortlich. Skopolamin heißt sie, falls
Ihnen das etwas sagt."
Ein Ruck ging durch den
mutierenden Körper. Ein tiefes Knurren entrang sich der Kehle.
„Dieser Mistkerl!"
Peter war überrascht.
Er hätte nie gedacht, daß ausgerechnet Vashtu sich mit Drogen
auskannte. Aber offensichtlich sagte ihr dieser Name etwas.
„
Dann kann ich die
anderen also verraten haben", fuhr sie leise fort. Noch immer
schwang ein Knurren bei ihren Worten mit.
Peter erschauderte.
„
Denken Sie, Sie
werden ... das überstehen?" fragte Stross leise.
Die gelblichen Augen
blinzelten. Dann nickte Vashtu. „Ja, das überstehe ich. Und Sie
sollten jetzt wirklich gehen, Doc. Ich weiß nicht, wie lange ich ...
ich habe Hunger!" Das letzte Wort hallte wie aus einem Grab und
verlieh ihm eine völlig neue Bedeutung.
Stross nickte. „Ich
werde Ihre Anweisungen an Dorn weitergeben, keine Sorge. Sie kommen
hier heraus, Major."
„
Was ist mit
Heimdahl?" fragte die Antikerin. „Ist er ebenfalls ... ?"
Ein leises Lächeln
schob sich auf Stross' Lippen. Sie schüttelte den Kopf. „Nein,
glücklicherweise nicht. Offenbar wollte Pendergast hinter Ihre
Geheimnisse kommen, Major. Den Asgard nahm er wohl nicht so ganz
ernst."
Vashtu nickte, wandte
sich wieder ab. „Gehen Sie - jetzt!"
Peter biß sich auf die
Lippen.
Er hatte schon so viel
mit ihr durchgemacht, aber so hatte er sie noch nie gesehen. Nicht
als ... Wraith! Und endlich begann er zu verstehen, was es mit ihrer
Gentherapie auf sich hatte.
Stross tippte ihm kurz
auf den Arm und nickte ihm zu.
Peter schluckte, ging
aber widerstrebend vor ihr her.
Was konnten sie tun?
TBC ...
10 Tage vor der
Rückkehr:
Vashtu blickte von dem
Tablett auf, auf dem ihr Frühstück von Bates gebracht worden war.
Allemal besser als das, was sie das letzte Mal in Vineta gegessen
hatte, doch heute schien dem Haferbrei noch irgendetwas ... er hatte
einen eigenartigen Geschmack.
Bates öffnete die Tür,
nickte dem Eintretenden dann zu.
Vashtu ließ den Löffel
sinken.
Pendergast? Er besuchte
sie in ihrem Quartier? Was sollte ... ?
Plötzlich ging ihr
selbst auf, daß es sie nicht wirklich störte, ob der Colonel zu ihr
kam oder es bleiben ließ. Irgendwie schien ihr plötzlich alles auf
rätselhafte Weise gleichgültig zu sein, mußte sie zugeben. Sie
wollte ihr Leben leben, mehr nicht. Alles andere, diese ganze
Geheimniskrämerei um Vineta und das Tor ...
HALT!
Vashtu richtete sich
auf, nachdem sie einen langen Blick von Pendergast geerntet hatte und
salutierte. „Sir", begrüßte sie ihn.
Was war denn plötzlich
mit ihr los? Wie konnte sie die geringe, aber immerhin vorhandene
Chance, mittels eines Wurmlochs zumindest bis nach Atlantis zu
kommen, plötzlich so kalt lassen? Wieso hatte sie einen Moment lang
sogar gedacht, es sei besser, wenn diese Geheimhaltung Pendergast
gegenüber aufgehoben würde?
„
Guten Morgen, Major",
sagte der Colonel, nahm ihr, zum ersten Mal, glaubte sie sich
erinnern zu können, den Gruß ab. Erleichtert ließ sie sich wieder
auf die Pritsche sinken, die ihr Bett darstellte, rührte weiter in
dem Haferbrei.
„
Nicht gerade ein
Drei-Sterne-Menü, nicht wahr?" Pendergast ließ sich
vertraulich neben ihr nieder, nachdem er einen Blick mit Bates
gewechselt hatte.
Vashtu schluckte,
stellte die kleine Schüssel zurück auf das Tablett. Es war ihr
unangenehm, einmal, den Colonel so dicht neben sich zu wissen und
dann auch, daß er gekommen war, um ihr offensichtlich beim Essen
zuzusehen.
„
Sie sind sicher
anderes gewohnt, Major", fuhr er fort. „Wahrscheinlich wurden
Sie auf Ihrer Erde hofiert und verhätschelt, nicht wahr?"
Vashtu blickte auf.
„Was?" Sie blinzelte verständnislos, dann schüttelte sie den
Kopf. „Ich weiß nicht, was hofieren bedeutet, Sir. Aber ... Nein,
ich wurde nicht verhätschelt." Ihre Stimme klang in ihren
eigenen Ohren seltsam schleppend.
Was war los mit ihr?
Mit einer Hand fuhr sie
sich durch ihr Haar, und plötzlich hatte sie Mühe, die Augen
aufzuhalten. Dabei hatte sie doch ganz annehmbar geschlafen, bedachte
man ihren ewigen Schatten Bates, der stumm und diensteifrig Wache
hielt. Brauchte dieser Mann eigentlich nie Schlaf?
„
Und was war das für
ein Deal, über den Sie gesprochen haben? War das kein Hofieren?"
bohrte Pendergast weiter.
Vashtu hob die Brauen,
als könne sie so ihre Augen offenhalten und blinzelte einige Male.
„Ich ... hatte einen ... Steuerkristall", antwortete sie.
Was erzählte sie da?
Warum gab sie dieses so lange gehütete Geheimnis ausgerechnet
Pendergast preis? Wie kam sie dazu?
Doch plötzlich war es
ihr, als sei sie selbst nur eine Zuschauerin in ihrem eigenen Körper.
Sie hatte keinen echten Einfluß mehr auf das, was mit ihr geschah.
Innerlich stöhnte sie auf, als ihr Mund fortfuhr:
„
Den Steuerkristall
von Atlantis, meiner Heimat. Um an ... sämtliche verschlüsselten
Daten des ... des Hauptrechners zu gelangen, brauchte man ihn. McKay
... John und ich ... ich nahm den Kristall mit zur Erde, als ich
ging."
Ihre Lider waren
bleischwer, der Kopf sank ihr auf die Brust. Im nächsten Moment riß
sie ihn wieder hoch und fühlte sich etwas klarer im Geist.
Was hatte sie da gerade
getan? Wieso?
Bates war herangetreten
und hatte das Tablett an sich genommen. Wann? Sie wußte es nicht.
Jetzt jedenfalls stand er bei der Tür und sah Pendergast fragend an.
Der nickte und erhob sich wieder von der Pritsche.
Was war los gewesen?
Irgendetwas war passiert, das wußte sie, aber was?
„
Gut, Major",
wandte Pendergast sich an sie, ein sehr zufriedenes Lächeln im
Gesicht, als sie aufsah. „Ich möchte Sie nachher auf dem
Schießstand sehen. Sergeant Bates wird Sie dort hinbringen, auch zu
Ihrem eigenen Schutz. Ich denke, wir sollten uns bald wieder
unterhalten. Was halten Sie davon, mit mir zu Mittag zu essen?"
Vashtu schluckte. Ihr
Hals war plötzlich merkwürdig trocken, dabei hatte sie doch gerade
noch diese bittere Brühe getrunken, Kaffee, erinnerte sie sich.
„
Ich ..."
„
Wir sollten uns etwas
besser kennenlernen, denken Sie nicht, Major?"
Sie blinzelte wieder,
dieses Mal aber irritiert. Dann nickte sie. Es klang einleuchtend,
was er sagte. Sehr einleuchtend. Immerhin würde sie wohl eine ganze
Weile auf der Prometheus bleiben.
Jetzt:
Anne war dem Ruf von
Marc Boyer sofort gefolgt, als dieser sich meldete. Er hätte gar
nicht betonen brauchen, um wen und was es sich handelte. Die
Erinnerung an die Antikerin, wie sie freiwillig in die kleine Zelle
im untersten Stockwerk der militärischen Zentrale gegangen war, wie
sich das Gitter hinter ihr schloß und Dorn drei Mann als Wachen
aufstellte, war noch mehr als deutlich in ihrem Geist.
Nie hätte sie geglaubt,
daß irgendjemand soweit gehen würde. Zudem noch bei einem fremden,
wenn auch äußerlich ähnlichem Volk wie den Antikern. Niemand
konnte sagen, was diese Drogen, die Major Uruhk offenbar irgendwie
zugeführt worden waren, in ihrem Körper und ihrem Geist anrichten
konnten. Sie selbst hatte ja gestern dieses Zittern gesehen, hatte
den ersten Gewaltausbruch beinahe am eigenen Leibe zu spüren
bekommen.
Als sie jetzt die
Krankenstation betrat, wußte sie nicht, was sie hoffen und glauben
sollte. Sie konnte wirklich nur hoffen, daß die Antikerin sich
wieder von diesen Drogen erholen würde. Ansonsten ... Sie könnte
hierbleiben, soviel war klar. Aber ob sie je wieder die Alte werden
würde?
„
Dr. Stross",
Boyer winkte sie gleich zu sich in das Abteil, in dem seine Leute ein
kleines Labor eingerichtet hatten.
„
Wie sieht es aus?"
Anne folgte ihm auf dem Fuße. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
Wenn sie nur endlich die
Prometheus los wären! Wenn Pendergast sich doch nur irgendwie selbst
ausmanövrieren würde.
„
Die gute Nachricht
lautet, der Asgard ist nicht betroffen", erklärte Boyer mit
ruhiger Stimme und legte ihr einige Ausdrucke vor. „Soweit bekannt,
ist mit ihm alles in Ordnung. Leider bin ich nicht dafür
ausgebildet, den tatsächlichen Gesundheitszustand eines Asgard genau
zu verifizieren. Aber soweit bekannt, hat er sich schon immer so wie
jetzt verhalten."
„
Und Major Uruhk?"
Anne blickte von den Ausdrucken auf und starrte den Pfleger an.
Boyer holte tief Atem.
„Das ist etwas anderes", gestand er ihr dann zu wissen.
Annes Herz setzte einen
Schlag aus. Nicht jetzt! Nicht ausgerechnet jetzt! Sie brauchten
Vashtu Uruhk, auch um die anderen noch aus der Prometheus
herauszuholen. Sie war die einzige hier, die über genug Flug- und
Kampferfahrung verfügte, einmal abgesehen von Dorn, der aber keine
allzu große Hilfe sein würde bei dem, was da möglicherweise auf
sie zukam.
Boyer seufzte. „Das
Glück ist, daß ihr Metabolismus wohl schneller arbeitet als der
eines Menschen, möglicherweise wegen ihrer Fremdzellen", begann
er dann. „Sonst wären die Entzugserscheinungen wahrscheinlich auch
nicht so früh zu Tage getreten. Und sehr wahrscheinlich wird Major
Uruhk sich auch vollkommen davon erholen, was man ihr da gegeben
hat." Er blätterte in einigen anderen Ausdrucken.
„
Aber?" Anne hing
an seinen Lippen und wartete gespannt, die Hände zu Fäusten
geballt.
„
Was man ihr da
gegeben hat, ist eine üble Mischung", fuhr Boyer schließlich
fort. „Keine Ahnung, woher man es hatte. Ich kann mir auch nicht
vorstellen, daß Dr. Grodin das freiwillig herausgerückt hat. Eher,
daß ... Laut der Aussage von Major Uruhk hätte sie ihre Nahrung nur
von Sergeant Bates erhalten, und der stand unter direktem Befehl von
Colonel Pendergast."
„
Was hat man ihr
gegeben?" Annes Augen wurden immer größer.
Boyer blickte auf. „Eine
Mischung", antwortete er. „In ihrem Blut war noch genug
vorhanden, um es zu analysieren. Man hat ihr hohe Dosen eines
Mittels gegeben, das unter dem Namen Skopolamin bekannt ist, oder
auch Burudanga, falls Ihnen das mehr sagt. Dazu kommt noch Valium.
Wahrscheinlich, um sie ohnehin schon träge zu machen. Skopolamin
gilt als Wahrheitsdroge, Dr. Stross. Und in den Mengen, wie es im
Blut des Majors nachweisbar war ... Das hätte sehr schlimm enden
können für sie."
Annes Augen weiteten
sich. „Was? Sie meinen ... ?"
Boyer reichte ihr die
Unterlagen. „Ich meine nicht. Ich war heute morgen bei Major Uruhk,
ich weiß es. Sie hat es mir erzählt, ehe sie wieder anfing, die
Wände mit ihren Fäusten zu bearbeiten."
Anne atmete tief ein,
überflog die Zeilen, die ihr, ehrlich gesagt, wenig bis gar nichts
sagten. „Kann sie sich an irgendetwas erinnern?"
„
Nicht wirklich. Es
sei alles verschwommen, sagt sie. Und damit weiß sie schon
wesentlich mehr als die meisten, denen Skopolamin verabreicht wurde.
Dieses Zeug bricht nach und nach den Willen, Dr. Stross. Es ist
gefährlich. Und ich bin mir ganz sicher, in der Bordapotheke nichts
davon gesehen zu haben."
Anne starrte den Pfleger
an. „Es bricht den Willen?"
Boyer nickte. „Und
nicht nur das. Es gilt nicht umsonst als Wahrheitsdroge. Ich denke,
wir müssen uns vielleicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß es
Major Uruhk selbst war, die unser kleines Machtspielchen auf der
Prometheus aufgedeckt hat", erklärte er.
„
Dazu wußte sie zu
wenig", entgegnete Anne sofort. „Und es ging nie um
Machtspielchen, Mr. Boyer, und das wissen Sie auch. Ihre Verlobte war
auf der Daedalus, und ein Gutteil Ihrer besten Freunde."
„
Dann eben Rache. Aber
möglicherweise hatte Major Uruhk mehr erraten, als Sie denken, Dr.
Stross", wandte Boyer ein. „Wir wissen es nicht, wir können
es nicht sagen. Aber es ist schon bezeichnend, daß, kaum daß ihr
die Flucht gelungen ist, Pendergast auf seinem Schiff aufräumt.
Vielleicht hat er uns auch ein Kuckucksei ins Nest gelegt, Dr.
Stross. Darüber sollten Sie nachdenken."
„
Das glaube ich nicht.
Ich kenne Major Uruhk gut genug, um das sagen zu können." Anne
kreuzte abwehrend die Arme vor der Brust und funkelte den Pfleger an.
Aber, kannte sie die
Antikerin wirklich gut genug? Konnte sie mit absoluter Sicherheit
sagen, daß sie ihnen nicht nur Theater vorgespielt hatte gestern?
War ihre Wut auf Pendergast tatsächlich echt gewesen oder hatte sie
nur von ihrer eigenen Schuld ablenken wollen?
Nein, das konnte nicht
sein. Anne hatte die Antikerin bisher nur einmal ähnlich zornig
erlebt, und da hatte sie einem Devi gegenübergestanden und ihn
kaltblütig erschossen. Sie konnte sich nicht vorstellen ... Nein,
dafür war auch Dorns Reaktion zu ehrlich gewesen. Der Willen der
Antikerin hielt. Und hatte sie nicht selbst vor einiger Zeit etwas
von einem anderen Versuch erzählt, der vor zehntausend Jahren
unternommen wurde, um sie zu einem Werkzeug zu machen?
„
Was können wir tun?"
fragte Anne leise und mitfühlend.
Boyer sah sie einen
Moment lang sinnend an, dann reichte er ihr auch den zweiten Stapel
Papiere. „Gar nichts. Wenn ich, einmal abgesehen davon, daß ich
hier kein Skopolamin habe, im Moment eine ausreichende Menge Valium
spritzen würde, würde das die Abhängigkeit nur noch mehr steigern.
Das einzige, was bleibt, ist ein kalter Entzug, wie sie ihn sich
gerade unterzieht. In ein paar Tagen ist die Sache hoffentlich
ausgestanden."
Anne blickte auf die
beiden Stapel Papier, die sie in ihrer Hand hielt.
So sicher war sie sich
da nicht. Nicht bei der Antikerin.
14 Tage vor der
Rückkehr:
Vashtu lief, je nach
Ansage durch Bates, mal schneller, mal langsamer und umrundete dabei
immer wieder den leergeräumten Hangar, in dem vor noch nicht allzu
langer Zeit die Sachen der Vineter eingelagert worden waren. Jetzt
war der riesige Raum leer bis auf sie und Bates und ließ ihre
Schritte auf dem metallenen Untergrund hallen.
Das Schott öffnete
sich, als sie gerade am gegenüberliegenden Ende des Hangars
angekommen war. Sie warf einen kurzen Blick hinüber und sah einen
einsamen Pendergast, wieder hatte er seine Leibwächter
zurückgelassen, der gerade eintrat und mit großen Schritten zu dem
Marine-Sergeant hinüberging.
Noch einer, der sie
herumscheuchen wollte, na toll!
Vashtu biß sich auf die
Lippen und joggte weiter, immer noch in dem Tempo, das Bates ihr
vorgegeben hatte. Was auch immer der Colonel von ihr wollte, sie
würde es früher erfahren, als ihr lieb sein konnte, das war ihr
klar.
Und lange zu warten
brauchte sie tatsächlich nicht.
„
Major? Würden Sie
bitte zu uns kommen?" rief Bates ihr zu, nachdem er vertraulich
den Kopf mit Pendergast zusammengesteckt hatte.
Was heckten die beiden
aus? Und warum auf diese, für sie, so offensichtliche Art und Weise?
Natürlich hatte sie
sich bereits daran gewöhnt, wenn sie auf der Prometheus war,
abgesondert zu werden. Pendergast hatte das vom ersten Moment an mit
ihr versucht. Erst war sie von dem Rest ihres Teams ferngehalten
worden, dann auch von den Wissenschaftlern. Irgendwann durfte sie
offiziell auch die ehemalige Atlantis-Expedition nicht mehr
aufsuchen. Und dann, als letzten Schritt, hatte Pendergast sie auch
wieder aus der 302-Staffel entfernt, in die er sie zunächst
untergebracht hatte. Bedachte man dann noch ihre ganzen
Brick-Aufenthalte, die immerhin inzwischen mehr als die Hälfte ihrer
Zeit auf dem Schiff einnahmen, war sie wirklich gründlich isoliert
worden. Und jetzt, nach ihrer Rückkehr vom Planeten, mußte sie sich
auch noch mit einem ständig anwesenden Bates begnügen, der wie ein
Wachhund vor der Tür ihres Quartiers lauerte und sie durch die Gänge
schleuste als dürfe wirklich niemand wissen, daß sie wieder hier
war. Und, wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich im Moment mehr wie
eine Gefangene als bei ihren zahlreichen Aufenthalten in der kleinen
Zelle der Prometheus.
Vashtu wich von ihrem
Weg ab und joggte locker zu den beiden Männern, die sie aufmerksam
musterten. Dann blieb sie stehen, richtete sich auf und salutierte.
„
Stehen Sie bequem,
Major." Pendergast winkte mit einer ungewohnten Lockerheit ab
und musterte sie aufmerksam.
Vashtu stellte sich in
der vorgeschriebenen Position auf, warf Bates einen giftigen Blick
zu, der weiter wie bisher dastand, sie ebenfalls von Kopf bis Fuß
musterte.
„
Der Sergeant sagte,
Sie seien mindestens zwanzig Runden gelaufen", bemerkte
Pendergast, während er nun begann, sie zu umrunden. Seine kalten
Augen musterten sie dabei weiter aufmerksam. Sie spürte jeden
einzelnen seiner Blicke.
„
Das kann sein",
räumte sie ein, auch wenn sie die genaue Anzahl ihrer Laufrunden
mehr als gut im Kopf hatte. Jede einzelne hatte sie verflucht.
„
Dafür haben Sie eine
erstaunliche Ausdauer, Major. Sie sind nicht einmal außer Atem,
geschweige denn verschwitzt", stellte der Colonel fest.
Verdammt!
Vashtu biß sich
unwillkürlich auf die Lippen, entgegnete aber nichts.
Ihr war nicht einmal
bewußt gewesen, daß sie die Fremdzellen eingesetzt hatte während
des Laufens. Sie sollte wirklich besser auf sich achten, vor allem,
solange sie unter der Fuchtel dieses Idioten stand.
Pendergast nahm vor ihr
wieder Aufstellung und sah ihr tief in die Augen, wie so oft. „Was
müssen wir tun, damit Sie ein bißchen ins Keuchen kommen, Major?"
erkundigte er sich scheinbar liebenswürdig.
Vashtu zwang sich zu
einem zerknirschten Lächeln. „Die ganze Rennerei der letzten Zeit,
Sir", entgegnete sie und zuckte entschuldigend mit den
Schultern.
Pendergast nickte, ohne
ein Auge von ihr zu lassen. „Die ganze Rennerei also, soso",
sagte er, drehte sich dann unvermittelt zu Bates um. „Das ganze
noch einmal von vorn. Ich möchte unseren kleinen Major ein bißchen
schwitzen sehen", befahl er, warf ihr noch einen halben Blick
zu. „Und zwar mit vollem Marschgepäck. Das wird Sie hoffentlich
ein bißchen aus der Puste bringen, denken Sie nicht?" Ein
kühles Lächeln erschien auf seinen Lippen.
„
Ja, Sir. Da bin ich
sicher, Sir", antwortete sie.
Volles Marschgepäck?
War dieser Kerl irre?
Pendergast sah sie immer
noch an. „Worauf warten Sie, Major?" Unwillkürlich hatte
seine Stimme alle gespielte Freundlichkeit verloren. „Gepäck
anlegen, marsch, marsch! Sonst könnte mir noch einfallen, Ihnen
persönlich auch noch eine Panzerfaust um Ihren Hals zu legen!"
Vashtu zuckte zusammen,
nickte dann und folgte Bates, der sie zu einem kleinen Kabuff führte,
in dem offensichtlich schon alles bereit lag.
Das schien ja wirklich
ein netter Tag zu werden!
***
Jetzt:
Das Zittern begann, kurz
bevor die Tür sich öffnete. Vashtu war froh, daß sie es zumindest
geschafft hatte, die Prothese fertigzustellen, ehe es richtig
losging. Dabei war es eigentlich eher unangenehm als wirklich
schmerzhaft. Dennoch fühlte sie, wie ihr kurze Zeit später der
kalte Schweiß ausbrach.
„
Major?"
begrüßte Dorns Stimme sie.
Vashtu kreuzte wie zur
Abwehr die Arme vor der Brust, damit er das Zittern nicht bemerkte,
dann drehte sie sich um und setzte ein Lächeln auf. „Gerade
rechtzeitig, Marine", sagte sie. Dann aber blieb ihr der Rest
des Satzes im Hals stecken, als sie ein zweiter Mann hinter dem
Rollstuhl das Büro betrat.
„
Marc Boyer,
Oberpfleger hier", stellte Dorn den Fremden vor.
Vashtu nickte,
verkrampfte sich unwillkürlich und ballte die, unter ihren Achseln
ruhenden Hände zu Fäusten, als das Zittern kurz zuzunehmen schien.
Sie zwang sich, das Lächeln beizubehalten und nickte Boyer zu.
„Hallo", begrüßte sie ihn, ignorierte seine hingestreckte
Hand und trat zur Seite. „Gerade fertig geworden. Meine Hände sind
schmutzig."
Boyer warf ihr einen
irritierten Blick zu, richtete dann aber seine Aufmerksamkeit auf das
Metallgestänge, das sie zusammengebastelt hatte. „Das ist wirklich
gut, Major", sagte er, hob es vorsichtig an.
Vashtu nickte, rückte
noch ein Stück zur Seite.
Sie brauchte Nahrung,
dann würde auch das Zittern nachlassen. Sie wußte zwar nicht, woran
es lag, aber zumindest soviel hatte sie inzwischen herausgefunden auf
der Prometheus. Da war es ihr in den letzten Tagen auch so gegangen,
einmal sogar ... Sie zwang sich, den Gedanken beiseite zu schieben
und lächelte Dorn an. „Ich habe mich an Peters Messungen
gehalten", sagte sie. „Falls er aber bereits übermüdet war,
als er ... Ich habe das ganze noch nicht endgültig verschweißt.
Wenn also noch scharfe Kanten vorstehen ..."
„
Wir werden das schon
richten können, Major." Boyer kniete sich vor Dorn hin und
hielt ihm die Prothese an den Beinstumpf.
Vashtu atmete
unwillkürlich auf, als das Interesse von ihr abwich. Vorsichtig
löste sie die Verschränkung ihrer Arme wieder, legte sie schwer auf
den kleinen Tisch und beugte sich mit soviel Gewicht wie möglich
darauf, um das Zittern zu unterdrücken.
„
Die Maße stimmen",
gestand der Pfleger ihr zu wissen.
Vashtu nickte,
betrachtete ihn.
Doch, sie meinte, ihn
zumindest schon einmal gesehen zu haben. Vielleicht war er in ihrem
Puddlejumper heruntergekommen, sie wußte es nicht mehr. Aber gesehen
hatte sie ihn auf alle Fälle.
Sein kurzes Haar war
dunkelblond und ließ den Nacken frei in der Art von Frisur, wie sie
bei Männern auf der Erde im Moment Mode zu sein schien. Seine
Gestalt war athletisch, er schien zumindest regelmäßig Sport zu
treiben, oder hatte ihn getrieben, ehe sie hierher kamen.
Vashtu erinnerte sich
ein wenig wehmütig an die Sporthalle auf Atlantis, in der sie bei
ihrem ersten Mal Abschied von John genommen hatte. An das Licht
erinnerte sie sich vor allen Dingen. Die bunten Fenster hatten die
Morgensonne eingefangen und den Raum in einen Traum getaucht, wie er
...
Boyer richtete sich
wieder auf und drehte sich zu ihr um.
Vashtu, einen Moment
lang unaufmerksam, hatte sich wieder aufgerichtet. Ihre Hände
zitterten immer noch, jetzt sehr deutlich für alle zu sehen. Und der
Blick aus den grünen Augen des Oberpflegers richtete sich sofort
darauf.
Vashtu erstarrte, als
sie auch die sorgenvolle Miene von Dorn sah, der ebenfalls bemerkt
hatte, wie sehr ihre Gliedmaßen bebten.
„
Major?" Boyer
hob den Blick und sah sie scharf an.
Vashtu zwang wieder ein
Lächeln auf ihre Lippen, schluckte aber hart. „Alles in Ordnung",
beeilte sie sich zu versichern.
Boyers Blick wurde
mißtrauisch.
Vashtu hob die bebenden
Hände und ließ ihr Lächeln zu einem Grinsen werden. „Wenn ich
was gegessen habe, hört es wieder auf", sagte sie erklärend.
„
Wenn Sie etwas
gegessen haben ... mh." Noch immer dieser scharfe, mißtrauische
Blick.
„
Ja, und genau das
sollte ich jetzt wohl auch tun. Außerdem ist Heimdahl schon ein
bißchen lange allein. Und ..." Sie brach ab, als sie in Dorns
Gesicht sah.
Was war hier los? Warum
beschlich sie plötzlich das Gefühl, die beiden wußten mehr über
das, was da mit ihr geschah als sie selbst?
„
Seit wann geht das
so?" fragte Boyer.
Ihr fiel endlich ein,
die Arme wieder zu kreuzen und damit ihre zitternden Hände zu
verbergen. „Was?"
„
Das Zittern. Sie
sagten, wenn Sie etwas essen, würde es aufhören. Hat Dr. Grodin Sie
untersucht?" bohrte Boyer weiter.
„
Ich habe Grodin nicht
gesehen. Nein, er hat mich nicht untersucht. Zumindest nicht bei
meinem letzten Besuch auf der Prometheus."
„
Mädchen, bist du
sicher, daß ..."
Boyer warf dem Marine
einen scharfen Blick zu, trat dann näher an sie heran. „Wie geht
es Ihnen sonst? Schweißausbrüche? Konzentrationsstörungen? Fühlen
Sie sich matt?" fragte er.
Vashtu wich
unwillkürlich vor ihm zurück. „Was soll das?" Ihre Brauen
schoben sich zusammen. „Ich bin nicht wie Sie, Pfleger Boyer! Mein
Körper kann schon einmal merkwürdig reagieren."
„
Sie sind auf turkey,
Major", entgegnete der mit fester Stimme, gerade als sich die
Tür zum zweiten Mal öffnete.
Vashtu erstarrte. „Ich
bin was?" Am Rande nahm sie wahr, daß Anne Stross das Büro
betreten hatte, sie nun ebenfalls anstarrte und wäre am liebsten im
Boden versunken.
Was bildete dieser Kerl
sich ein? Wie konnte er von ihr behaupten, sie sei ... sie sei ... ?
Was war das eigentlich?
„
Was ist hier los?"
fragte Stross endlich.
Boyer ließ sie nicht
aus den Augen, und Vashtu wagte kaum, den Blick von ihm zu nehmen.
Doch schließlich bezwang sie sich und nickte in seine Richtung. „Er
behauptet, ich sei ... ich weiß nicht was", antwortete sie.
„
Sie stehen unter
Drogen, das behaupte ich", warf Boyer hart ein. „Und
offensichtlich wissen Sie nichts davon, was das ganze noch
merkwürdiger macht."
Vashtu klappte das Kinn
herunter, während wieder ein kalter Schweißfilm auf ihrer Stirn
erschien.
Sie war was? Aber ...
„
Oh mein Gott!"
keuchte Stross und starrte sie nun erst recht an. „Darum sind Sie
so merkwürdig ruhig."
„
Was?" Hilflos
blinzelnd drehte Vashtu leicht den Kopf und sah die Leiterin groß
an. „Wie kommen Sie denn auf den Gedanken? Ich bin ..."
Unvermittelt schloß sie den Mund, als sie begriff. „Oh nein!"
Sie sank gegen die Wand und schluckte.
Boyer hob die Hand und
legte sie ihr auf die Stirn. „Das sind die ersten Anzeichen eines
Entzugs. Das Zittern, der kalte Schweiß. Und ich möchte wetten, in
den letzten Minuten haben Sie sich auch nicht mehr sonderlich
konzentrieren können." Plötzlich klang er doch besorgt.
Vashtu ächzte, wehrte
sich aber nicht, als er sie am Arm packte und zu einem Stuhl brachte.
Unter den besorgten Augen von Stross und Dorn begann er sie zu
untersuchen.
„
Pendergast!"
Vashtu richtete sich plötzlich wieder auf, fühlte sich
zurückgedrückt.
„
Major, bleiben Sie
ruhig", warnte Stross sie.
Aber allmählich begann
sich etwas zu klären. Darum war sie plötzlich so gleichgültig
gegenüber allem geworden, was der Colonel mit ihr angestellt hatte.
Darum diese merkwürdige Apathie, die auch Barnes mit der Möglichkeit
zur Flucht nicht wirklich hatte brechen können.
Hier hatte sie sich bis
jetzt zusammengerissen, sehr zusammengerissen. Sie hatte versucht,
das Bild der Major Uruhk wieder aufzunehmen, das sie bereits vorher
gezeigt hatte, auch wenn sie sich seltsam ... antriebslos gefühlt
hatte. Zumindest hatte sie nicht mehr über die Energie verfügt, die
sie sonst immer vorangetrieben hatte. Und das ganze hatte begonnen
...
„
Ganz klar,
Entzugserscheinungen." Boyer richtete sich endlich wieder auf.
Vashtu blieb auf dem
Stuhl sitzen und starrte dumpf vor sich hin, während in ihr eine
gewisse Wut zu schwelen begann.
Wenn Pendergast ihr noch
einmal in die Finger kam, würde sie ...
„
Das wird noch
schlimmer werden", fuhr Boyer fort, riß sie damit aus ihren
Rachegedanken und ließ sie aufblicken. Die grünen Augen sahen sie
jetzt sorgenvoll an. „Sie wußten wirklich nichts davon, oder?"
Stumm schüttelte sie
den Kopf und schluckte wieder.
„
Was können wir tun?"
fragte Stross, die immer noch neben Dorn stand.
„
Ich würde Ihnen gern
etwas Blut abnehmen. Vielleicht finden wir noch Reste von dem, was
auch immer man Ihnen da gegeben hat, Major", schlug Boyer vor.
„Unter normalen Umständen wäre ich dafür, Sie in die
Krankenstation zu bringen und dort überwachen zu lassen. Aber im
Moment ..." Er zuckte etwas hilflos mit den Schultern.
„
Ich komme hier nicht
heraus." Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren dumpf. Hilflos
grübelte sie über das Problem nach. „Ich kann nicht in die obere
Etage zurück. Dorn, gibt es hier irgendwo eine Zelle. Eine Zelle,
die mich aushält?"
Wieder eine Zelle!
Allmählich wurde das wirklich zu ihrem zweiten Wohnsitz. Aber dafür
würde sie Pendergast zahlen lassen.
„
Vielleicht wird es
nicht ganz so schlimm, Major", wandte Boyer ein. „Können Sie
sich daran erinnern, wann Ihre Stimmung umschlug?"
Vashtu runzelte die
Stirn, war einen Moment lang versucht, den Kopf zu schütteln, dann
aber fiel es ihr wieder ein. „Das war ... nach vier Tagen oben",
antwortete sie zögernd.
Wie hatte das passieren
können? Wie hatte sie ... ?
„
Es muß in Ihrer
Nahrung gewesen sein, wenn Sie die Verabreichung nicht bemerkten.
Haben Sie nicht in der Messe gegessen?"
Stross trat jetzt einen
Schritt näher.
„
Sergeant Bates
brachte mir das Essen. Ich durfte mein Quartier nicht verlassen."
Vashtus Augen weiteten sich. „Heimdahl! Auch er stand unter
Bewachung. Wenn Pendergast das gleiche mit ihm ..."
„
Dann werden
wir das herausfinden, Major", beruhigte Stross sie, legte ihr
vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
„
Zehn Tage bei Ihnen.
Das kann bedeuten, daß es nicht allzu schlimm wird. Aber ein oder
zwei Tage werden Sie wohl ausfallen", erklärte Boyer, drehte
sich zu Dorn um. „Stellen Sie eine Bewachung für den Major
zusammen, nur für alle Fälle. Und möglicherweise wäre eine Zelle,
so schwer es auch fällt, im Moment wirklich eine günstige
Alternative."
Der Marine nickte mit
blassem Gesicht.
Vashtu schluckte wieder,
zerwühlte mit einer Hand ihr verstrubbeltes Haar. „Wenn ich diesen
aufgeblasenen Mistkerl in die Finger kriege!" zischte sie,
ballte die Hand zur Faust. Am Rande registrierte sie, daß das
Zittern etwas nachgelassen hatte.
„
Bleiben Sie ruhig.
Wir finden einen Ausweg", wandte Stross sich an sie.
Damit wären dann aber
auch wirklich alle versammelt, die auf keinen Fall hätten etwas
erfahren sollen, oder? Vashtu hätte ihren Schädel gegen die Wand
rammen können, immer und immer wieder.
Sie war hierher
zurückgekommen in der Hoffnung, aufgenommen zu werden und dort
weitermachen zu können, wo sie das letzte Mal hatte aufhören
müssen. Statt dessen saß sie jetzt in diesem Gebäude fest und
mußte mit einem Drogenproblem fertig werden, von sie nicht einmal
die blaßeste Ahnung gehabt hatte.
„
Hat er sich schon
gemeldet?" Mit einem Ruck hob sie den Kopf wieder und starrte
Stross an.
„
Wer?"
„
Pendergast!" Sie
spie diesen Namen aus wie einen Fluch, und genau das war er im Moment
auch für sie. Ihr persönlicher Fluch. Vineta hatte sich als
Hoffnung herausgestellt, Pendergast dagegen, der einzige Militär
hier, der vielleicht eine Möglichkeit zur Hilfe bieten konnte,
verwandelte sich mehr und mehr in ... in einen Alptraum, den sie
liebendgern beendet hätte.
Stross atmete tief ein,
nickte dann stumm. „Er fragte nach, ob hier zufällig ein Jumper
gelandet wäre. Ein Jumper mit zwei Flüchtigen", antwortete sie
ausweichend.
Vashtu neigte fragend
den Kopf. „Was noch?" bohrte sie weiter.
„
Major, das ..."
„
Was noch? Was wollte
diese Ratte noch?" Der Ausbruch kam selbst für sie so
überraschend schnell, daß sie ihn nicht verbergen konnte.
Die Fremdzellen
übernahmen, ohne daß sie etwas dagegen tun konnte. Sie spürte nur,
wie ihre Augen sich plötzlich veränderten. Die Wut, die sie mühsam
zu verbergen suchte, brach sich ihre Bahn, ließ sie die Hände zu
Fäusten ballen, bis die Finger weiß wurden und die Gelenke
knackten. Ihr gesamter Körper begann vor Wut zu vibrieren. Und sie
wünschte sich nichts mehr, als die Bestie, die in diesem Moment in
ihr erwachte, auch loslassen zu können.
Stross wich
unwillkürlich etwas zurück, ließ ihre Hand aber weiter auf ihrer
Schulter liegen. „Wie es aussieht, ist er hinter die Intrige
gekommen, die ... Er sagte, daß wohl einige seiner leitenden
Offiziere in Arrest sitzen."
Vashtu preßte die
Kiefer fest aufeinander, um den wütenden Schrei zu unterdrücken,
der an ihrer Kehle zerrte.
TBC ...