19.08.2012

Meuterei (Teil 1) V

Anne glaubte ihren Augen nicht mehr trauen zu dürfen, als sie, kurze Zeit später, zu dem kleinen Platz vor der Jumper-Base von Vineta kam. Zwei der kleinen Gleiter waren gerade gelandet und entließen nun ihre kostbare Fracht.
Für die Leiterin der verbotenen Stadt war es, als würde ein lang ersehnter Traum endlich in Erfüllung gehen. Sie sah Gesichter, von denen sie sich im stillen bereits verabschiedet hatte, hörte Stimmen, von denen sie geglaubt hatte, sie nie wieder zu hören. Es herrschte eine lockere, glückliche Atmosphäre, selbst die wenigen Militärs, die aus den Jumpern kamen, lächelten, froh, endlich wieder frei zu sein.
Dann aber erhielt Annes Hochstimmung den ersten Dämpfer: Es fehlten einige Gesichter. Gesichter, die sie dringend brauchen würde oder auf die sie sich verlassen hatte: Barnes, Heightmeyer, Grodin. Auch dieser junge Lieutenant, Jason Frederics, war nicht da, sowie einige andere, die für sie bisher immer namenlos geblieben waren.
War es zu der Katastrophe gekommen, mit der sie gerechnet hatte? Ihr fiel auf, daß auch Major Uruhk bis jetzt nicht aufgetaucht war. Doch sie hatte mit hinunter kommen müssen, schon allein weil nur Babbis und sie fähig gewesen waren ...
Letzterer tauchte gerade auf, warf ihr einen kurzen, besorgten Blick zu und ging dann weiter zu dem zweiten Puddlejumper, um in dessen Inneren zu verschwinden.
Anne, der gerade von irgendjemandem die Schulter geklopft wurde, machte sich los und folgte dem jungen Wissenschaftler.
Irgendetwas war passiert, das wußte sie mit absoluter Sicherheit. Irgendetwas ...
Stimmen empfingen sie, als sie die Rampe betrat und in das Innere des Gleiters vordrang. Zwei männliche Stimmen: die von Babbis und die eines anderen, mit dem sie kaum je mehr als ein oder zwei Worte gewechselt hatte: Major Dethman.
„Sie können jetzt nicht umdrehen“, sagte dieser gerade. „Die Aktion wurde entdeckt, ist Ihnen das denn nicht klar? Wenn Sie jetzt zur Prometheus zurückfliegen, werden Sie auch noch gefangen genommen. Allein können Sie da erst einmal gar nichts tun, Major, wirklich nichts. Uns fällt schon etwas ein. Und wenn nicht uns, dann Stephen und Jason.“
„Vashtu, es muß Ihnen doch klar sein, daß das mehr als knapp gerade war“, wandte nun auch Dr. Babbis ein, der, mit dem Rücken zu Anne, in dem schmalen Durchgang zum Cockpit stand. „Bleiben Sie hier. Uns fällt sicher etwas ein.“
„Ich lasse niemanden zurück!“ Die Stimme der Antikerin klang anders als Anne sie je gehört hatte. Verzweifelt und ... resignierend? Es war wie ein Hilferuf, den sie gerade ausgestoßen hatte.
„Das ist gut, aber im Moment wohl das letzte, was wir brauchen könnten“, warf Dethman ein. „Halten Sie sich zurück, Major. Nur einen Moment. Ruhen Sie sich aus und kommen Sie zur Ruhe. Pendergast will Sie, darum hat er dieses ganze Theater doch nur aufgeführt. Er wollte Sie die ganze Zeit wieder zur Prometheus zurücklocken. Jetzt wollen Sie auch noch in seine Falle stolpern, nach allem, was Sie gerade getan haben? Der wird ... Lassen Sie das!“
Anne trat hinter Babbis, sah zu ihm hoch.
Der junge Wissenschaftler wurde rot, als ihm aufging, daß sie an ihm vorbeiwollte. Schnell trat er in das Cockpit.
Anne schob sich an ihm vorbei und sah Vashtu, die noch immer auf dem Pilotensitz saß, die Kontrollen in den Händen. Ihre Gestalt wirkte vollkommen verkrampft und gleichzeitig wie bereit zum Sprung.
„Major Uruhk?“ fragte Anne mit sanfter Stimme, konnte beobachten, wie die Antikerin zusammenzuckte, als sie ihre Stimme hörte.
Dann drehte sie sich um. In ihren großen, sprechenden Augen lag etwas, was Anne dort nie vermutet hätte: Hoffnungslosigkeit.
„Major ...“
Vashtu stand mit einem Ruck auf und nickte. „Ich weiß. Ich räume das Büro.“ Sie warf Dethman einen langen Blick zu, dann drängte sie sich an Anne vorbei und verließ den Jumper.
„Welches Büro?“ fragte der Marine irritiert.
„Sie denkt, Dr. Stross wolle sie bestrafen für die Rettungsaktion“, antwortete Babbis, drehte sich zu Anne um. „Aber das wollten Sie nicht, oder?“
„Nein“, antwortete sie. „Nein, zu beidem. Ich wollte sie nicht bestrafen, und sie räumt das Büro nicht wegen möglicher Repressalien. Sie denkt, jetzt, wo wenigstens ein Rangälterer als sie hier ist, wollte ich sie nicht mehr auf ihrem Posten. Selbst wenn der bisher nur inoffiziell war.“ Sie schüttelte in stummer Verzweiflung den Kopf, plötzlich sicher, daß sie gerade dabei war, die Antikerin vollkommen zu verlieren.
Mit einem Ruck riß sie sich aus diesem Gedanken und wandte sich den beiden Anwesenden zu: „Was genau ist dort oben passiert?“

***

Ein paar Stunden später hockte Vashtu mit angezogenen Knien auf ihrem Bett und starrte vor sich hin in der allgegenwärtigen Dämmerung Vinetas.
Sie hatte versagt! Sie hatte ganz kläglich versagt. Sie hätte sich denken müssen, daß Pendergast ihren Leuten eine Falle stellen würde. Sie hätte das ganze vollkommen anders aufziehen müssen, um Erfolg zu haben und alle heil nach unten zu bringen. Jetzt dagegen ...
Ein leises Läuten durchdrang die Stille ihres Quartiers.
Vashtu warf der Tür einen unwilligen Blick zu, kauerte sich nur noch mehr zusammen, um sich in ihrem Selbstmitleid zu suhlen.
Statt einmal das richtige zu tun, hatte sie ihre Leute, hatte sie Erethianer, ins Verderben geschickt und auch noch die Leben der Eingeschlossenen aufs Spiel gesetzt. Dr. Heightmeyers Leiche würde sie so schnell nicht vergessen. So kurz vor dem Ziel, und dann ...
Wieder läutete es.
Vashtu biß sich auf die Lippen. Einen Moment lang war sie versucht, sich die Ohren zuzuhalten. Konnte man sie denn nicht einmal hier in Ruhe lassen? Sie hatte sich doch schon bis hierher zurückgezogen, um endlich ...
Zum dritten Mal läutete es.
Vashtu zögerte noch einen Moment, dann aber rutschte sie vom Bett herunter und ging zur Tür hinüber. Auf ihren Befehl hin glitt diese in die Wand zurück und ließ das helle Licht vom Gang in ihre Düsternis hereinscheinen.
Ein hochgewachsener Schatten erhob sich vor ihr, hielt ihr etwas hin.
„Ich dachte, wir könnten uns noch einmal in Ruhe unterhalten“, sagte eine bekannte Stimme.
Vashtu runzelte die Stirn. „Peter?“ fragte sie ungläubig.
Warum kam denn ausgerechnet der junge Wissenschaftler zu ihr? Da hatte sie ...
Sie riß sich zusammen. „Was wollen Sie?“
Peter nickte in die Dämmerung ihres Quartiers. „Kann ich reinkommen?“ fragte er. „Ich habe auch etwas mitgebracht. Fragen Sie mich nur nicht, was mich das gekostet hat. Sind die letzten Reserven von Lieutenant Fisher.“ Wieder präsentierte er ihr die zwei Flaschen.
„Bier?“ Verwirrt trat sie zur Seite und ließ ihn passieren, während sie gedanklich das Licht wieder einschaltete. Dann schloß sie die Tür und drehte sich um.
Peter sah sich interessiert in ihrem Privatraum um, und ihr ging auf, daß er bisher noch nie hier gewesen war. Nicht, daß es bis jetzt hier viel zu sehen gab. Sie hatte sich ein paar kleinere Möbel aus leerstehenden Gebäuden besorgt, in der Ecke, unter den großen Fenstern, die hinaus in die Höhle führten, lehnte ihr neues Skateboard, das sie bis jetzt noch nicht ausprobiert hatte.
„Warum ist Ihr Quartier größer als meins?“ Leicht vorwurfsvoll drehte er sich zu ihr um.
Vashtu nickte zu dem Bett, einem Doppelbett. „Weil das hier das Quartier eines Ehepaares war.“ Sie trat näher und griff sich eine der Flaschen, die er jetzt schon die ganze Zeit mit sich herumschleppte. Von einem kleinen Board, das ihre wenigen Kleidungsstücke barg, nahm sie einen Schraubendreher und löste mit seiner Hilfe den Kronkorken. Dann nahm sie einen tiefen Schluck.
Normalerweise bevorzugte sie Root-Beer, aber dieses Mal würde es wohl auch so gehen. Vor allem der Alkohol würde wohl dafür sorgen, daß sie ...
Wieder läutete es.
Vashtu setzte die Flasche ab und drehte sich um. „Was ist hier los?“ fragte sie, während sie schon wieder zur Tür ging und diese öffnete.
Diesmal wartete ein sehr besorgt dreinblickender Sergeant George Dorn davor, hob dann die Hand und legte sie ihr auf die Schulter. „Mädchen, was machst du denn für Sachen?“ wisperte er ihr zärtlich zu.
Vashtu blinzelte.
Eigentlich hatte sie sich in aller Ruhe in ihrem Selbstmitleid suhlen wollen. Doch allmählich ...
„Komm rein. Sieht aus, als würde hier bald eine Party stattfinden“, seufzte sie, hob die Flasche wieder an die Lippen und nahm einen weiteren Schluck.
Dorn humpelte an ihr vorbei, ließ sich dann in einen der kleinen Sessel vor dem Fenster nieder und stützte sein Kinn sinnend auf die Krücke.
Vashtu betrachtete die beiden ungleichen Männer. Unwillkürlich mußte sie schlucken, als sie sich an andere, ihr jetzt sehr viel glücklicher erscheinende Zeiten, erinnerte.
„Auf die Reste von SG-27!“ Voll bitterem Hohn schwenkte sie die Flasche, doch trinken konnte sie nicht. Statt dessen ließ sie den Kopf sinken und fuhr sich mit der freien Hand durch ihren wirren Haarschopf.
„Ich denke, wir haben heute ganz gute Arbeit geleistet“, sagte Peter endlich, als ihm die Stille wohl zu drückend wurde.
Vashtu biß sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf.
„Bis auf ... naja, wir haben alle unten“, fuhr er fort.
„Nicht alle“, wisperte sie.
„Du hast getan, was du konntest, Vash“, sagte jetzt Dorn mit fester Stimme. „Wolltest du Pendergast auch noch in sein Netz laufen?“
Sie stellte die Bierflasche auf dem kleinen Board ab und stützte sich dann schwer mit beiden Händen darauf.
„Habe mit Dethman gesprochen. Pendergast hatte dir eine Falle gestellt. Der ganze Aufwand war wegen dir inzeniert worden. Du hast ihn an der Nase herumgeführt und doch mehr geschafft“, fuhr Dorn fort.
„Und den Rest ... die anderen holen wir auch noch - irgendwie!“ begehrte Peter, plötzlich kämpferisch, auf.
Ein bitteres Lachen stieg aus Vashtus Kehle auf. „Werden wir nicht“, entgegnete sie mit leiser Stimme. „Das wird Pendergast nicht zulassen. Wir hätten von Anfang an auf ...“
Erneutes Läuten unterbrach sie, ließ sie stirnrunzelnd zur Tür blicken. Dann richtete sie sich kopfschüttelnd wieder auf und öffnete. Um sehr erstaunt zu blinzeln.
„Dr. Stross! Anne!“ entfuhr es ihr.
Die Blonde lächelte, präsentierte ihr wieder zwei Flaschen Bier. „Ich hörte, Sie würden ab und an gern einmal eine Flasche trinken. Da dachte ich ...“ Ihr Blick fiel auf die Reste von SG-27, die bereits in dem Quartier versammelt waren. „Ich scheine nicht vollkommen allein mit meinem Gedanken gewesen zu sein.“
Vashtu sah über die Schulter nach hinten, dann trat sie schulterzuckend zur Seite. „Lassen Sie mich raten: Lieutenant Fisher?“ fragte sie mit einem Nicken zu den beiden Flaschen.
Anne nickte und lächelte sie entschuldigend an.
„Naja, jetzt hat zumindest jeder eine, und Fisher bestimmt das Geschäft seines Lebens gemacht.“ Vashtu lehnte sich gegen die geschlossene Tür und kreuzte die Arme vor der Brust. „Und was soll dieses Überfallkommando? Kommen noch mehr oder ... ?“
Als Antwort läutete es wieder.
Vashtu schüttelte den Kopf, stieß sich von der Tür ab und öffnete erneut.
Irgendwie wunderte es sie nicht im geringsten, jetzt Lieutenant Markham auf der Schwelle zu ihrem Quartier zu sehen. Ein wenig überrascht aber war sie, Andrea Walsh ebenfalls dort zu finden. Die Technikerin sah sie etwas verschämt an - und beide hatten sie Bierflaschen in der Hand.
„Ich denke, George, du solltest dir Fisher mal vornehmen. Soviel Bier, wie er offensichtlich irgendwo gebunkert hat ...“
Vashtu trat zur Seite und fragte sich, ob und wer sie jetzt wohl noch aufsuchen würde. Einer jedenfalls fehlte fehlte ihr: Danea. Doch der saß in der Prometheus mit Barnes und Grodin und wartete darauf, daß sie ihn dort herausholte.
Vashtu schluckte den Kloß, der ihr in die Kehle steigen wollte, wieder hinunter, linste mit langem Hals den Gang hoch und runter und schloß dann die Tür.

TBC...

12.08.2012

Meuterei (Teil 1) IV

Anne betrat, gefolgt von Lieutenant Markham, der ihr gerade Bericht erstattet hatte, den Kontrollraum und begegnete Walshs fragendem Blick mit ernster Miene. „Haben Major Uruhk und Dr. Babbis sich endlich zurückgemeldet?“ fragte sie.
Die Technikerin hob entschuldigend die Schultern. „Bisher nicht“, antwortete sie.
Anne kniff einen Moment lang die Lippen aufeinander, drehte sich dann zu dem jungen Lieutenant um. „Gehen Sie bitte sofort zur Pyramide und machen Sie einen Puddlejumper startklar. Ich melde mich“, befahl sie ihm.
Markham sah sie einen Moment lang besorgt an, dann nickte er und verließ eilig den Raum.
Anne atmete tief ein. „Geben Sie mir Major Uruhk, sofort!“ wandte sie sich dann an Walsh.

***

Pendergasts Blick hing an dem Bildschirm.
Wo blieb die Antikerin? Warum kam sie nicht endlich aus ihrem Versteck heraus und stürmte vor, wie er es sich gedacht hatte? Warum tat sie nicht endlich, was er provozieren wollte?
Statt dessen mußte er beobachten, wie der letzte Punkt, der bis jetzt am Schott des Decks gestanden und offensichtlich gewartet hatte, auch noch vom Bildschirm verschwand.
Fluchend richtete er sich auf. „Bates, konnten Sie sehen, wohin dieses Alien gerade verschwunden ist?“ fragte er.
„Positiv“, kam umgehend die Antwort.
„Dann holen Sie sie da endlich raus! Ich kann nicht warten, bis diese Meuterer das Deck betreten.“

***

Vashtu machte der Erethianerin ein Zeichen und zog ihre Beretta. Dann nahm sie Position an der Rampe und wartete aufmerksam.
„Peter, schließen Sie den Jumper“, zischte sie in ihr Funkgerät. Dann hörte sie das leise Summen, diesmal jedoch ohne jeden Kommentar. Zumindest einmal gehorchte der Wissenschaftler, ohne nachfragen zu müssen, das war doch schon einmal ein Fortschritt.
Basbara hob die P-90 an die Wange.
Vashtu hob die Faust, die Beretta zu Boden gerichtet.
Sie war sicher, gleich würde dieser ominöse einsame Punkt auftauchen, der da so wunderbar in der Mannschleuse aufgetaucht war, die sie bis jetzt nicht eines Blickes gewürdigt hatte. Und sie würde diesen Punkt ausschalten, das war sicher. Sie würde nicht mitansehen, wie die, die sie hier gerade zu befreien versuchten, in ein Sperrfeuer gerieten, selbst wenn dieses Sperrfeuer nur aus der Waffe einer Person stammte. Es konnte immer noch mehr als genug Schaden anrichten, und das wußte sie.
Schritte!
Vashtu öffnete die Faust, hielt einen Finger hoch.
Ein Mann, das war alles. Nur einer, wie der Detektor es ihr bereits verraten hatte.
Ihr Funkgerät meldete sich.
Zischend und leise fluchend aktivierte sie es. „Nicht jetzt“, wisperte sie so leise wie möglich.
Da!
Ein Schatten tauchte auf, von dem Licht der Leuchtstoffröhren unsicher und vielfach auf den Boden geworfen, doch er war da.
Vashtu hob die Waffe.
Wieder diese Schritte, die sich zögernd näherten.
„Major Uruhk, was denken Sie sich!“ wetterte Anne Stross' Stimme plötzlich in ihrem Ohr.
Vashtu verzog unwillig das Gesicht, versuchte sich zu konzentrieren.
„Ich habe Ihnen die sofortige Rückkehr befohlen. Also bewegen Sie sich endlich!“
Vashtu spannte die Kiefer an. Die Schritte hatten ausgesetzt.
War das Geschimpfe der Leiterin Vinetas so laut gewesen?
Sich wieder auf die Lippe beißend vor Anspannung aktivierte sie ihr Funkgerät. „Nicht jetzt, ich bin ... beschäftigt“, zischte sie.
Die Schritte entfernten sich.
Vashtu fluchte leise, sicherte ihre Waffe und nickte nach hinten. Dann aktivierte sie das Funkgerät wieder.

***

„Im Moment ist es mehr als ungünstig“, begehrte die Antikerin auf. „Danea kommt ja zurück. Es dauert nur etwas länger.“
„Was denken Sie sich?“ zeterte Anne wieder los. „Wollen Sie Pendergast so gern in den Rachen springen?“
„Wir brauchen noch ein paar Minuten, dann kommen wir zurück. Der Rückweg der Erethianer war versperrt, wir mußten erst einen anderen finden“, erklärte Vashtu mit kühler Stimme. „Und dann hatten wir noch einen Heckschützen hier. Aber den haben Sie wohl in die Flucht geschlagen.“
„Major!“ Annes Augen flammten auf. „Sie werden eine Menge zu erklären haben, wenn Sie zurückkommen. Ich hoffe, das ist Ihnen klar.“
„Das ist mir klar. Aber ich komme nicht allein.“ Leiser Triumph schwang in ihrer Stimme mit. „Die Eingeschlossenen sind mit Danea zusammen. Er ist bis in den Hangar gekommen.“
Anne holte tief Atem. „Dann wird Pendergast Sie erst recht jagen, Major. Ich hoffe, Ihnen ist das klar.“
„Glasklar. Aber soll er nur kommen. Ich habe sowieso noch ein Wörtchen mit ihm zu wechseln.“
In diesem Moment hörte Anne Schüsse und die Antikerin fluchen.
„Peter, Schott schließen, sofort!“
„Major Uruhk! Was geht da vor? Vashtu!“
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie keine Antwort erhielt.

***

Die erste Gruppe hatte das Flugdeck erreicht. Mit einem leisen Poltern schlug das Lüftungsgitter auf dem Metallboden auf, das hatte Vashtu gehört. Aber an etwas anderes hatte sie nicht mehr gedacht: den Schatten!
Schüsse hallten durch den Raum, ließen sie herumwirbeln.
„Peter, Schott schließen, sofort!“ befahl sie mit harter Stimme, griff sich jetzt doch ihre P-90 und trat auf die Rampe, blieb dabei aber noch im Feld, daß auch sie unsichtbar machte. „Basbara!“ rief sie nach hinten.
Beinahe sofort war die Erethianerin an ihrer Seite, und gemeinsam eröffneten sie das Sperrfeuer gegen den Trupp, dem der Schatten offensichtlich das Schott geöffnet hatte.
Trotzdem hörte Vashtu von der anderen Seite mehrere Schmerzensschreie, fühlte, wie diese sich in ihren Geist eingraben wollten, ließ dies aber nicht zu.
Sie mußte zumindest retten, was zu retten war.
Endlich schloß sich das Schott auf Peters Befehl. Dann ertönten noch mehr Schüsse.
Vashtu hielt direkt auf einen Marine, der im Schatten von einigen Kisten Schutz suchen wollte. In diesem Moment hörte sie den Schrei einer bekannten Stimme. Ihr Kopf ruckte herum und sie sah, wie eine schlanke Frau wie in Zeitlupe zu Boden fiel. Eine Frau, die ihr allerdings bekannt war, denn sie hatte sie mehrmals in ihrem Atlantis getroffen: Kate Heightmeyer!
Nein, dieses Wort rumorte in ihrem Schädel. Nein! Das konnte doch nicht sein. Nicht die sowieso schon unterbesetzte medizinische Abteilung. Nicht die wenigen Ärzte, die sie nach Vineta hatte holen wollen. Nicht ausgerechnet Kate, die in ihrer Dimension beinahe mit ihr befreundet war!
Blind feuerte sie weiter, hörte, wie ihre Schüsse erwidert wurden.
Die Flüchtigen suchten Schutz, wo immer sie auch konnten. Aber bis zu den beiden Jumpern kamen sie noch nicht.
Nicht noch mehr Verluste! Sie konnten sich nicht noch mehr Tote leisten. Nicht jetzt, nicht in dieser Situation.
Vashtu ging der Wahnsinn auf, dem sie verfallen war mit dieser Mission. Sie hatte mit dem Kopf durch die Wand gewollt, wieder einmal. Und jetzt starben unschuldige Menschen, weil sie sich in den Kopf gesetzt hatte, sie zu retten vor einem größenwahnsinnigen Colonel in einem schwer beschädigten Schiff.

***

Danea kroch hinter Barnes her, der, für sein Alter erstaunlich gelenkig war in seinen Augen. Das hätte er ihm nicht zugetraut.
„Major Uruhk? Wohin jetzt? Major?“ Barnes hielt mitten im Gang an.
Danea und Frederics, der noch hinter ihnen kroch, verhielten ebenfalls.
„Scheiße!“ entfuhr es Barnes. „Zurück, schnell, zurück!“ befahl er dann, begann bereits, rückwärts den Gang entlang zu kriechen.
„Was ist los?“ fragte Danea.
„Pendergast schickt uns Besuch hierher“, kam die Antwort.

***

Der Colonel starrte auf den Bildschirm. Seine Kiefer mahlten. Liebendgern wäre er in den Hangar marschiert und hätte die Antikerin aus ihrer verdammten Kiste geholt, um sie dann erst windelweich zu prügeln und dann, selbstverständlich gut verschnürt und geknebelt, in den Wartungsraum zu sperren. Statt dessen aber ...
Da!
„Bates, wo sind Sie?“
Pendergast triumphierte.
Da war sie. Sie war gerade aufgetaucht aus ihrem verfluchten Puddlejumper. Wahrscheinlich hatte sie sich nicht allzu weit entfernt, vielleicht stand sie sogar noch auf der Rampe. Aber auf jeden Fall war sie sichtbar. Und diese Chance mußten sie nutzen, sofort! Ehe sie wieder verschwinden konnte.
„Sir, ich bin auf dem Weg zurück, wie Sie befohlen haben“, antwortete der Marine-Sergeant. „Trupp 3 ist in den Wartungsschacht eingedrungen. Sie melden ersten Kontakt. Trupp 1 stürmt gerade den Hangar.“
Pendergasts Augen zuckten über den Bildschirm. Und tatsächlich, da strömten gerade seine Meuterer in den Raum, liefen ins Sperrfeuer seiner Männer und starben wie die Fliegen. Darum war sein Vögelchen endlich aus dem Nest gekommen.
„Lieutenant Jeffrey, ich befehle Ihnen, Major Uruhk sofort auszuschalten. Aber zielen Sie nicht auf ihr Herz oder ihren Kopf. Holen Sie sie von diesem verdammten Jumper weg, auf der Stelle!“ befahl er dem zuständigen Offizier, erntete aber nichts als Rauschen in seinem Ohr.
Pendergast bekam große Augen, dann fluchte er.
Seine Männer waren ausgeschaltet.
Dieses kleine Vögelchen hatte sich also wieder einmal in einen Falken verwandelt. Aber er würde ihr die Flügel schon noch stutzen.
„Bates, sofort zurück in den Hangar! Sie ist draußen.“

***

Vashtu raste, so schnell sie konnte, zu den überlebenden Eingeschlossenen hinüber. „Peter, Luke auf! Und Speisen Sie diese verdammten Programme endlich ein. Wir haben keine Zeit mehr!“ befahl sie, kam bei dem lang hingeschlagenen Körper von Dr. Heightmeyer an und ließ sich auf ein Knie nieder. Doch als sie nach dem Puls der Psychologin fühlen wollte, bemerkte sie, daß hier jede Hilfe zu spät kam. Heightmeyer war tot.
Vashtu schluckte hart und kniff die Lippen aufeinander. Dann richtete sie sich auf und drehte sich um. „Soviele wie möglich in die Puddlejumper. Los!“ befahl sie den anderen. Noch immer kletterten ein paar Leute aus dem Lüftungsschacht, doch der Strom versiegte nur zu schnell.
Vashtu ging auf, wer offensichtlich fehlte. Und das schnürte ihr erst recht die Kehle zu.
Danea, Grodin und Barnes waren nicht gekommen!

***

Pendergast beobachtete, wie der Punkt mit der ID-Kennung, die er wohl nie wieder vergessen würde, sich in dem Hangar bewegte. Endlich war sie aus ihrem Versteck gekommen, und er hatte niemanden in Reichweite, der sie ausschalten konnte.
Fluchend richtete er sich auf.
Hoffentlich war zumindest Bates noch nicht allzu weit entfernt.
„Sir, das Schott ist geschlossen. Ich komme nicht rein“, meldete dieser sich gerade in diesem Moment.
Pendergast starrte nun doch wieder auf den Bildschirm, gerade als ein zweiter benummerter Punkt erschien. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung. Dann nickte er mit einem kalten Lächeln.
„Kleveres Vögelchen, bringst sogar noch Verstärkung mit, was?“ Er ballte die Hand zur Faust, aktivierte sein Funkgerät.
„Walker? Wie steht es bei Ihnen?“
„Sir, wir haben sie“, kam die Antwort.
Pendergast nickte befriedigt. „Und wen haben Sie?“
„Major Barnes, Dr. Grodin und einen dieser Aliens, Sir. Danea Il'Eskanar nennt er sich.“

***

Lieutenant Jason Frederics zog sich vorsichtig tiefer in den engen Nebengang zurück, als er das starke Licht einer Handlampe aufleuchten sah. Dann hörte er die Nachricht, biß sich auf die Lippen und wartete.
Plötzlich waren sie eingeschlossen gewesen. Ihm war es gerade noch geglückt, sich hierher zurückzuziehen. Eigentlich hatte er auch noch den Erethianer retten wollen, doch das war ihm nicht mehr geglückt, da war schon das Licht aufgeflammt.
Jetzt saß er allein in den Schächten der Prometheus, abgeschnitten von denen, die wieder gefangen genommen worden waren und auch von denen, die es bis zum Flugdeck geschafft hatten.
Was sollte er jetzt tun?

***

„Major, Sie bleiben hier!“ Major Dethman stellte sich Vashtu in den Weg.
Die funkelte den dienstälteren wütend an. „Ich lasse niemanden zurück. Und hier fehlen noch mehr als genug.“
Der Marine schüttelte den Kopf, hob den Arm und wies zu den, inzwischen enttarnten Jumpern hinüber. „Wenn sie bis jetzt nicht hergekommen sind, kommen sie auch nicht mehr nach, Major. Das sollte ihnen auch klar sein. Wir können im Moment nichts mehr tun und sollten hier verschwinden. Barnes und Frederics werden schon zusehen, daß sie nicht wieder eingesperrt werden.“
„Das ...“
„Major Uruhk?“ sagte unvermittelt eine Stimme in ihrem Ohr.
Vashtu erstarrte. Sie kannte diese Stimme. Sie kannte sie sogar mehr als gut. Viel zu lange hatte sie sich von ihr drangsalieren lassen.
„Pendergast!“ zischte sie in ihr Mikro.
Dethman reichte es offenbar. Er packte sie hart am Arm und zerrte sie zurück zu den beiden Jumpern.
„Für Sie immer noch Colonel Pendergast oder Sir, Major“, sagte die Stimme mit einem sehr süffisanten Tonfall. „Ich muß Ihnen gratulieren, Major. Sie haben sogar mich überrascht. Aber Sie haben da jemanden vergessen, denken Sie nicht?“
Dethman stieß sie vor sich her die Rampe hoch.
Der Jumper war überfüllt, aber zumindest hatten sie irgendwie alle anderen hineinstopfen können.
Wie betäubt drängte Vashtu sich ins Cockpit und ließ sich auf dem Pilotensitz nieder. Sofort begannen die Triebwerke leise zu summen. Als sie den Kopf hob, zeigte der Detektor ihr das, was sie nicht sehen wollte.
Sie schloß die Augen einen Moment lang.
Sie hatte versagt!
„Lassen Sie jetzt doch jemanden zurück, Major?“ höhnte Pendergast in ihrem Ohr. „Was soll ich denn jetzt mit einem marodierenden Erethianer anstellen? Oder mit einem meuternden Major, der sich auf Ihre Seite gestellt hat? Oder möchten Sie lieber zuhören, wie ich Dr. Grodin erschießen lasse?“
Vashtu spannte die Kiefer an. Einen Moment lang war sie wirklich versucht, zurückzufliegen und auch noch die letzten Leute aus der Prometheus herauszuholen. Dann aber wurde ihr klar, daß das erst recht eine Falle war und sie stöhnte auf, voll innerer Qual.
„Was soll ich jetzt mit diesen drei Herren tun, Major? Was ...“
Vashtu riß sich das Funkgerät aus dem Ohr und warf es hart auf den Boden. Sie konnte nicht mehr mitanhören, wie Pendergast sie verhöhnte.

TBC ...

05.08.2012

Meuterei (Teil 1) III


„Uruhk hier. Was gibt es?“
Anne atmete tief ein. „Major, wo sind Sie?“ fragte sie dann so ruhig wie möglich.
Das überraschte Schweigen war ihr mehr als genug Antwort.
„Habe ich Ihnen nicht die klare Anweisung gegeben, sich so weit wie möglich von der Prometheus entfernt zu halten, Major? Ist das die Art, mit der ich noch öfter rechnen muß?“ warf sie der Antikerin vor.
„Ich lasse niemanden zurück. Wir holen nur unsere Leute hier heraus, ehe Pendergast ...“
„Sie sammeln auf der Stelle die ein, die Sie irgendwie für diese halsbrecherische Mission haben gewinnen können und kommen zurück. Haben Sie das verstanden?“ unterbrach Anne sie aufgebracht.
Was mußte sie eigentlich noch tun, um diese Frau von jedem Wahnsinn abzuhalten, der sie befallen mochte? Spürte sie denn wirklich nicht, daß sie geradewegs und offenen Auges in eine Falle lief? War ihr das dermaßen gleichgültig, weil sie auf ihr verändertes Genom vertraute?
Anne wußte es nicht, und sie fürchtete, sie würde es auch nie herausfinden. Pendergast würde schon dafür sorgen, davon war sie überzeugt.
„Ich habe verstanden, aber ich komme erst zurück, wenn wir die Leute hier heraus haben“, antwortete Vashtu mit kühler Stimme.
„Major!“ entfuhr es Anne entrüstet.
„Tut mir leid, ich lasse niemanden zurück“, fuhr die Antikerin fort. „Das habe ich Ihnen auch gesagt.“
„Und ich habe Ihnen gesagt, daß Sie sich selbst einen Strick drehen, wenn Sie dieses wahnwitzige Unternehmen durchziehen. Pendergast wartet doch nur darauf, daß Sie wieder in seine Reichweite kommen.“
„Er wird mich nicht erreichen. Er kann mich nicht orten. Die Jumper laufen über den Stadtschild“, entgegnete Vashtu.
„Die Jumper?“ Anne holte tief Atem, als ihr etwas aufging. „Sie haben Babbis mitgenommen!“
„Er ändert gerade einige Programme der Prometheus.“ Die Stimme der Antikerin klang sehr zufrieden mit sich selbst.
„Major!“
„Tut mir leid, Doc, aber ich werde nicht zusehen, wie die Prometheus mit dem Rest von unseren Leuten verschwindet. Ich kann das nicht, wenn ich weiß, ich kann etwas daran ändern. Soll Pendergast ruhig versuchen, mich aus der Reserve zu locken. Er weiß nicht, worauf er sich eingelassen hat.“ Wieder schwang in ihrer Stimme dieser Zorn mit, der Anne Magenschmerzen bereitete.
„Kommen Sie zurück, Major, so schnell, so vollständig und so unversehrt wie möglich. Aber wir werden noch darüber reden, darauf können Sie sich verlassen.“
Warum hatte sie nur das Gefühl, gerade ihre einzige Hoffnung auf die Zukunft ins Verderben entlassen zu haben?

***

„Verstecken wir uns ein bißchen, mein Lantianer-Vögelchen?“ fragte Pendergast den Bildschirm. Das allerdings hatte er nicht vorhergesehen. Und er konnte nichts weiter tun. Wenn er den Eindringlingen die Luft abschnitt, würde er auch das Schiff des Sauerstoffes berauben. Nicht, daß ihm das große Probleme bereitet hätte, aber allmählich schrumpfte seine Crew immer mehr zusammen, und er brauchte zumindest ein paar, die sich um das Schiff kümmern konnten. Außerdem ... wen sollte er denn in den engen Wartungsschacht schicken, ehe es begann zu stinken?
„Bates, sind Sie in Position?“ fragte er sein Funkgerät.
„In Position und bereit, Sir“, kam prompt die Antwort.
Irgendwann würde sie schon aus ihrem Fluggerät herauskommen. Und dann ... ein gezielter Schuß mit dem Betäubungsgewehr und das Problem hatte sich gelöst. Bei der Dosis würde es auf der Stelle einen Elefanten umhauen. Doch er wollte sicher gehen, daß seine Beute ihm nicht noch einmal entwischte. Sie mußte sofort kampfunfähig gemacht werden, oder zumindest so schnell wie möglich. Auf keinen Fall durfte sie die Prometheus wieder verlassen.
„Komm schon raus, mein Vögelchen. Du willst doch singen, oder? Warum wärst du denn sonst gekommen, mh?“

***

Danea kroch bis zu dem Gitter und hämmerte dann, nachdem er durch die Lamellen geblickt und einen Teil der Vermißten gesehen und erkannt hatte, dagegen.
„Was ... ? Wer ist da?“
Ein Gesicht tauchte auf der anderen Seite auf, undeutlich durch die verschiebbaren Metallverstrebungen. Doch Danea erkannte den jungen Marine-Lieutenant.
„Frederics! Major Uruhk und Dr. Babbis warten in einem der ... Hangars. Helfen Sie uns, schnell!“
Frederics bekam große Augen, dann nickte er eifrig. „Klar. Leute, wir haben Hilfe!“ rief er über die Schulter zurück.
Sofort tauchten andere Gesichter zwischen den Metallstreben auf und staunten Danea an wie ein seltenes Tier.
„Aufmachen. Los!“

***

„Wir sind im Hangar, Major“, meldete der Erethianer sich.
Vashtu atmete auf, rief sofort den entsprechenden Teil des Detektors groß auf den Bildschirm. „Peter, wir brauchen die Programmänderung so schnell wie möglich“, sagte sie in ihr Funkgerät, änderte die Frequenz, ehe ihr wieder eine Schimpftirade entgegenwettern konnte. Dennoch hörte sie den jungen Wissenschaftler gedämpft fluchen und grinste.
„Gut. Dann beginnt jetzt, die Leute durch den Gang zu schleusen. Wir warten. Der Code ist geändert und aktiviert. Basbara wird das Schott öffnen, sobald ihr hier seid. Macht schnell!“
Aufmerksam beobachtete sie die umliegenden Gänge der Prometheus, biß sich wieder auf die Lippen.
Irgendetwas stimmte da nicht. Selbst wenn Pendergast bis jetzt nicht aufgefallen sein sollte, daß da jemand in sein Schiff eingedrungen war, spätestens jetzt sollte er es erfahren haben. Aber an den Wachmannschaften, die die Umgebung des Hangars patrollierten, änderte sich nichts. Da war rein gar nichts.
Vashtu weigerte sich einen Moment lang, den Gedanken, der ihr unwillkürlich gekommen war, zu Ende zu denken oder überhaupt wahrzunehmen. Dann aber fühlte sie sich doch befleißigt, dies zu tun, als sie den restlichen Rückweg des Rettungstrupps kontrollierte.
Das war eine Falle!

***

„Kehrt nicht über den gleichen Weg zurück, Danea. Ich leite euch“, meldete die Schöpferin sich in seinem Ohr.
Danea, der gerade den letzten des ersten Trupps in den engen Gang half, richtete sich unwillkürlich auf. „Was meinen Sie?“ fragte er ungläubig.
„Das ist eine Falle. Danea, ihr dürft nicht auf dem gleichen Weg zurückkehren. Ihr müßt weiter durch den Wartungsgang bis zu einer anderen Ebene. Ich führe euch dann zum Hangar zurück“, wiederholte die Stimme in seinem Ohr.
Er wechselte einen Blick mit dem Air Force-Major, der die einzelnen Trupps einteilte, Barnes. „Was ist los?“ fragte der.
„Major Uruhk denkt, da gibt es eine Falle“, antwortete Danea mit leicht unsicherer Stimme.
Barnes strecke die Hand aus. „Geben Sie mir das Funkgerät.“
Der Erethianer zögerte, dann nahm er sich das winzige Gerät aus dem Ohr und reichte es weiter.
Der Offizier befestigte das Funkgerät geschickt. „Major? Was genau gibt es?“ fragte er dann mit harter Stimme.

***

Pendergast wartete mit angespannter Miene.
Sie müßte endlich aus ihrem Fluggerät stürzen. Sie mußte einfach bemerkt haben, daß sie ihre Leute hatte in eine Falle laufen lassen, sie mußte! So dämlich konnte sie nicht sein nach allem, was sie sich bisher geleistet hatte.
Aber die Antikerin blieb weiter unsichtbar für die Sensoren und auch für den bereitstehenden Bates.
Was ging da vor?

***

Vashtu war mehr als froh, die vertraute Stimme des älteren Air Force-Offiziers zu hören. Barnes verfügte über wesentlich mehr Erfahrung als sie, wenn es darum ging, irgendwelche Truppen zu befehligen. Sie war gut darin, allein loszuziehen, und das wußte sie auch sehr genau. Sie lernte zwar, aber das hier war etwas ganz anderes als eine Lehrstunde. Wenn sie versagte, würde das mehr als genug Menschen vielleicht sogar das Leben kosten. Und mit dieser Schuld würde sie nicht leben können.
„Es tauchen immer mehr Patrouillen um euch herum auf. Ich kann sie zwar mit dem Detektor verfolgen, aber mehr auch nicht“, antwortete sie. „Ihr könnt sie umgehen, bis auf die, die direkt im Gang wartet. Pendergast scheint inzwischen doch herausgefunden zu haben, daß jemand hier ist.“
„Das weiß er, seit Sie hier gelandet sind, Major“, entgegnete Barnes. „Spätestens als die Erethianer aus Ihrem Jumper gekommen sind. Pendergast ist nicht dumm. Er läßt alle Zugänge zu seinem Schiff bewachen.“
Vashtu holte scharf Atem.
Warum hatte sie nicht damit gerechnet? Warum war sie so blauäugig gewesen? Sie hatte Danea und die anderen in eine Falle geschickt, aus der sie nicht wieder herauskommen würden, half sie ihnen nicht.
Vashtu erhob sich vom Pilotensitz. „Ich helfe euch“, sagte sie mit entschlossener Stimme. „Basbara und ich kommen euch entgegen.“

***

Barnes nickte Frederics zu, der daraufhin in den Schacht kletterte und behende auf allen Vieren davonkroch.
„Das lassen Sie schön bleiben, Major“, entgegnete er bestimmt. „Sie beobachten genau weiter die Truppenverteilung und leiten uns ... Sind wir im Gang erreichbar?“
„Nein“, kam umgehend die Antwort. „Aber ...“
„Dann können wir Pendergasts Truppe vielleicht doch umgehen. Gibt es von diesem Schacht aus eine Verbindung mit dem Lüftungsschächten zum Flugdeck?“

***

Vashtu blieb unschlüssig am oberen Rand der Rampe stehen und nagte an ihrer Unterlippe.
Basbara, die Erethianerin, die am Schott Wache hielt, hatte sich umgedreht und sah forschend in ihre Richtung. Sie mußte ihre Schritte gehört haben, wenn sie sie auch nicht sehen konnte.
„Gibt es eine Verbindung, Major?“ wiederholte Barnes seine letzte Frage.
Vashtu starrte die Erethianerin an, als könne diese ihr die gewünschte Antwort geben. Unschlüssig stand sie noch immer an der Rampe, einen Arm in Richtung ihrer P-90 ausgestreckt.
„Gibt es eine Verbindung?“ Barnes klang ungeduldig.
Vashtu drehte sich um und ging zurück ins Cockpit. Dort schnappte sie sich das Pad mit den Daten der Prometheus und rief das entsprechende Programm auf.

***

„Ich glaube, sie kommt gleich. Diese Alien-Frau hat sich gerade umgedreht“, meldete Bates.
Pendergasts Lächeln wurde zu einem sehr zufriedenen Grinsen.
Natürlich kam sein Vögelchen, um sein Liedchen für ihn zu singen und sich zähmen zu lassen. Was sollte sie denn auch sonst tun? Ihre Leute waren in der Zange, sie mußte ihnen zu Hilfe kommen, sonst würde er nur noch mehr Gefangene haben. Mehr Geiseln, die er gegen sie einsetzen konnte. Und das wollte sie natürlich verhindern.
„Nun komm schon raus aus deinem Versteck“, wisperte er dem Bildschirm zu.

***

„Das ist ein ziemlicher Umweg“, sagte Vashtu mit verzweifelt gerunzelter Stirn. Es juckte sie immer mehr, den sicheren Jumper zu verlassen und ihren Leuten zu Hilfe zu kommen. Noch hielten Barnes' Fragen sie davon ab, einen Fehler zu machen, und sie wußte es. Aber was, wenn sie den Kontakt mit ihm verlor?
Vashtu konzentrierte sich auf den Bildschirm auf ihrem Schoß, beugte sich darüber. „Aber es müßte gelingen.“
„Gut, dann nehmen wir den längeren Weg“, entschied Barnes. „In regelmäßigen Abständen melden wir uns bei Ihnen ... Ist der Weg frei?“
Vashtus Kopf ruckte hoch, und da sah sie es.
Ungläubig starrte sie auf das Hologramm.
Wie hatte ihr dieser Punkt bisher entgehen können? Wie hatte sie ihn übersehen können?
„Ist der Weg frei?“ wiederholte Barnes.
Vashtu kniff die Lippen aufeinander, dann nickte sie. „Ja, er ist frei.“ Ihre Stimme klirrte wie Eis.

29.07.2012

Meuterei (Teil 1) II


Einen Tag später:

Colonel Pendergast mußte zugeben, inzwischen wurde er doch etwas unruhig. Er hatte der Antikerin einen gehörigen Brocken hingeworfen, war sich absolut sicher gewesen, sie würde den Köder schlucken und so schnell wie möglich zurückkehren, sich damit in seinem Netz fangen und ... Doch inzwischen waren mehrere Tage vergangen, seit er hatte den Funkkontakt, den seine Gefangenen zur Atlantis-Expedition aufgebaut hatten, unterbinden lassen. Tage, in denen seine Hoffnungen auf den Brigade General immer weiter in sich zusammenschrumpften, in denen ihm immer deutlicher wurde, was er damals auf Atlantis angerichtet hatte.
Die Antikerin sollte seine Eintrittskarte sein in den Generalstab der Vereinigten Staaten. Ihr Wissen war unschätzbar für seine Erde, ihr Können stand ganz außer Frage nach dem, was er bisher gesehen und gehört hatte über sie. Und ... ihr verändertes Genom machte sie zu noch einem fetteren Braten für die Militärs der Erde.
Zu Anfang hatte Pendergast geglaubt, relativ leichtes Spiel mit ihr zu haben, sie mit ein bißchen Schikane zurechtstutzen zu können. Doch Major Uruhk hatte sich als zu zäh und ausdauernd in ihrem Freiheitswillen gezeigt. Immer wieder war sie ihm entwischt, auch wenn er noch so scharfe Androhungen ausgesprochen hatte. Trat sie nicht in Kontakt zu diesen verdammten Wissenschaftlern, schaffte es vor allem dieser nervige Dr. Babbis bis zu ihr, um ihren Widerstand neu anzufachen.
Also waren seine Repressalien ihr gegenüber härter geworden. Doch selbst die Brick schien sie nicht wirklich schrecken zu können. Irgendwie war es ihr bei ihren Aufenthalten dort gelungen, nicht halb wahnsinnig zu werden vor Langeweile. Offensichtlich hatte sie es dennoch geschafft, sich irgendwie zu betätigen, irgendeine geistige Aufgabe zu finden.
Sie hatte ja sogar den Mediziner Dr. Peter Grodin auf ihre Seite gezogen. Pendergasts Glück war es, daß er sich von allen Neueingaben in den Zentralrechner der Prometheus Updates unmittelbar danach schicken ließ. Davon wußte nur sein engster Vertrauter, Sergeant Bates, etwas, ebenso wie von dem, was sich in Major Uruhk verbarg.
Irgendwie war es ihr gelungen, sich fremde Zellen zu spritzen, Wraith-Zellen und noch irgendetwas, was er nicht hatte identifizieren können. Bei ihrem letzten Aufenthalt hier hatte Pendergast Major Uruhk auf Herz und Nieren testen lassen, um zumindest ansatzweise herauszufinden, was diese fremden Zellen tun konnten. Und dank des kleinen Drogencocktails, den Bates ihr regelmäßig verabreicht hatte auf seinen Befehl, war es ihr sehr schnell sehr gleichgültig geworden, was sie zeigte oder nicht.
Er wußte seitdem, daß er es nicht einfach haben würde, die Antikerin kalt zu stellen und hinter ihre Geheimnisse zu kommen. Aber er war sicher, sein Plan würde auch diesmal aufgehen. Dieser Ehrenkodex, dem sie sich verpflichtet schien, war einfach zu verführerisch, um ihn auch ein zweites Mal gegen sie einzusetzen. Major Uruhk wurde genau dadurch berechenbar, und das wollte er schonungslos ausnutzen. An ihrer Ehre gepackt, hatte sie schon einmal gezeigt, daß sie sich über seine Befehle auch hinwegsetzte - und dieses Mal brauchte es das gar nicht. Sie würde sich befleißigt fühlen, den Eingeschlossenen zu helfen, sie aus der Prometheus herauszuholen. Als käme es ihm auf diese Weicheier an, die er in dem leeren Hangar hatte einsperren lassen nach ihrer Flucht!
Gut, Leute wie Grodin würde er brauchen, auch um Major Uruhk endlich zum Sprechen zu bringen. Das Skopolamin, das er ihr hatte das letzte Mal geben lassen, hatte sich in einigen Bereichen als unzuverlässig erwiesen. Ihre Blockaden und ihr Willen waren zu stark, um ihm mehr als einige Geheimnisse zu verraten. Aber er kannte schließlich noch ein paar Mittelchen, die er anwenden konnte, wenn auch nur mit Hilfe von Grodin. Und er war sicher, er würde endlich herausfinden, was er wissen wollte.
Und danach ... Nun, Valium hatte sie schon das letzte Mal ruhig gestellt, und dieser kleine Wartungsraum, der sowieso nicht genutzt wurde und den Bates nach seinen Anweisungen präpariert hatte, würde sie schon halten können.
Und wenn sie auf der Erde angekommen waren, würde er die ultimative Waffe vorzeigen können: Eine lebende genmanipulierte Antikerin und deren Geheimnisse, die den Vereinigten Staaten sicher mehr als nur willkommen sein würden. Er würde seine Akte bis dahin reingewaschen und sich der letzten unliebsamen Zeugen entledigt haben - Unfälle passierten schließlich, vor allem bei einem schwer beschädigten Raumschiff wie der Prometheus. Und wo kein Kläger, da auch kein Richter. Er würde in den Generalstab aufsteigen, vielleicht mit der Möglichkeit auf mehr. Man würde ihm dankbar sein für das, was er da aus einer fernen Galaxis mitgebracht hatte, selbst wenn er diesen unfähigen Asgard verloren hatte. Major Uruhk wog diesen Verlust zehntausendfach wieder auf.
„Sir, wir erhalten Daten“, meldete der Lieutenant, der für die Überwachung des Schiffes zuständig war, in diesem Moment. „Jemand ist in das Schiff eingedrungen auf Ebene siebzehn.“
Pendergast lehnte sich vor, mit einer Hand sinnend sein Kinn stützend.
Dann konnte sein kleines Spielchen ja endlich losgehen. Mal sehen, wie gut die Antikerin wirklich war und ob sie die Falle erkennen würde, die er ihr gestellt hatte. So oder so, er würde ihrer habhaft werden. Und auf dem langen Weg zurück zur Erde würde sie singen wie ein Vögelchen ...
„Mein kleines Lantianer-Vögelchen“, sinnierte er grinsend, sandte Bates einen Blick. Der nahm sofort Haltung an. „Ihre ID auf dem Schirm?“
Der Lieutenant schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Aber die Eindringlinge kamen aus dem 302-Flugdeck.“
Klever, diese Antikerin. Ein interessanter erster Zug. Sie mußte den Schild des Puddlejumpers manipuliert haben, ebenso wie sie irgendwie irgendetwas auf dem Planeten gebastelt hatte, damit er sie nicht fand. Wäre er nicht sicher gewesen, sie genau dort zu wissen, wäre er vielleicht sogar überrascht gewesen, ihre Stimme zu hören, als die Meuterer, die er in den leeren Hangar hatte sperren lassen, begannen, Kontakt zur Atlantis-Crew zu suchen. Vielleicht wäre es ihm sogar geglückt, sie anhand des Funksignals auf die Prometheus beamen zu lassen, hätte dieser verfluchte Asgard nicht fast das ganze Gerät mitgenommen bei seiner Flucht dort hinunter.
Wieder warf Pendergast Bates einen Blick zu, dann nickte er. „Sie wissen, was zu tun ist, Sergeant“, sagte er nur mit gefährlich leiser Stimme.
Wollte er doch einmal sehen, was sein kleines Lantianer-Vögelchen zu seinem nächsten Zug sagen würde?

***

Danea Il'Eskanar gab seinen Leuten ein Zeichen, hob die Waffe der Fremden an die Wange und pirschte dann vorsichtig weiter.
Es hatte nicht lange gebraucht, um ihn und ein Dutzend anderer seines Volkes zu überreden, sich dieser Rettungsaktion anzuschließen. Jetzt aber fragte er sich wirklich, ob er das richtige tat.
Sicher, er mochte diesen Colonel Pendergast ebensowenig wie die neuen Bewohner der Stadt der Schöpfer. Aber hier befand er sich auf fremdem Territorium, noch dazu in einem, das ihm relativ unvertraut war. Zwar hatte sein Volk kurzfristig Schutz auf der Prometheus gesucht nachdem die Fremden aufgetaucht waren, aber sie waren kaum über diese merkwürdige Aussichtsplattform hinausgekommen, in der man sie einquartiert hatte.
„Den Gang weiter hinunter“, wisperte die Stimme von Major Uruhk in seinem Ohr. „Immer geradeaus. Und achtet auf die Quergänge.“
Er nickte, als würde sie neben ihm stehen, dann erst ging ihm auf, daß er ja auf Empfang schalten mußte, wollte er antworten. Er klopfte mit dem Finger auf das kleine Gerät in seinem Ohr. „Verstanden“, gab er durch.
„Ich melde mich, sobald ich mehr sehe“, antwortete seine SG-Leaderin, was er wieder mit einem Nicken quittierte. Aber dieses Mal war er sich sicher, sie erwartete keine Antwort.
Iriar huschte an ihm vorbei, wie er eine dieser Waffen, P-90, an die Wange gedrückt.

***

Vashtu starrte auf die Hologrammanzeigen des Jumpers und fluchte leise in ihrer Muttersprache. Aber mehr würde sie wohl nicht herausholen können aus dem Gerät, und das wußte sie nur zu gut.
Aufmerksam weiter die kleinen, blinkenden Punkte verfolgend, nahm sie Kontakt zu dem zweiten Jumper auf, der, getarnt und mit einer Abschirmung versehen, direkt neben dem ihren stand: „Wie weit sind Sie mit der Codierung, Peter?“
„Ich würde schneller vorankommen, wenn Sie nicht alle zwei Minuten danach fragen würden“, wetterte Dr. Peter Babbis in ihrem Ohr los und verursachte nun doch ein leises Grinsen in ihrem Mundwinkel.
Sie mußten den Code des Schotts ändern, denn sehr wahrscheinlich würden sie nicht alle Eingeschlossenen auf einmal hier herausbringen können. Pendergast und seine Leute sollten sich schon noch ein bißchen die Zähne ausbeißen, ehe sie irgendjemanden wieder irgendwo einschließen konnten. Außerdem mußte Babbis auch noch die Programme umschreiben, damit der Colonel den Wartenden nicht die Luft abstellen konnte, indem er den Asgard-Schild deaktivierte.
Ein schönes Stück Arbeit, das ihr Teammitglied da zu leisten hatte. Vashtu hätte ihm gern geholfen, doch sie mußte die Rettungscrew überwachen, was bei der vereinfachten Darstellung des Detektors der Puddlejumper nicht ganz einfach war.
„Halten Sie sich ran. Wir haben keine Zeit. Sobald Sie mit dem Code fertig sind, geben Sie das Pad an Basbara weiter, damit die ihn einspeisen kann.“
„Jaja“, kam die geknurrte Antwort.
Vashtu wurde aufmerksam, änderte die Einstellung des Funkgerätes. „Danea, in den Nebengang, da kommt jemand.“

***

Anne trat in den Gateroom Vinetas, beobachtete einen Moment lang stirnrunzelnd die zwei Marines, die vor dem Tor Wache hielten, dann nahm sie die Treppe in den Kontrollraum hinein.
„Wo ist Major Uruhk?“ fragte sie sofort Andrea Walsh, die für den reibungslosen Ablauf der Gate-Aktivitäten und sonstigen Arbeiten hier zuständige Technikerin.
Die blickte verwirrt auf. „Aber ...“ Sie schloß den Mund, ihre Augen wurden schmal. „Major Uruhk ist nicht hier. Warum?“
„Weil ich sie suche. In ihrem Büro ist sie nicht, ebensowenig in ihrem Quartier oder in dem Labor, das ihr zugeteilt wurde. Sergeant Dorn meinte, er hätte sie schon seit Stunden nicht mehr gesehen.“ Anne trat näher und musterte die andere aufmerksam. „Sie ist doch wohl nicht mit einem Puddlejumper weg, oder?“ fragte sie mißtrauisch.
Walsh blinzelte, wandte sich dann dem DHD zu, als das Tor von außen aktiviert wurde und schaltete die Schilde zu. „Nicht, daß ich wüßte“, antwortete sie ausweichend.
„Ich habe ihr jeden Flug strikt untersagt, Andrea. Wenn sie also doch da raus ist ...“ Anne wies nach oben, wo irgendwo, weit entfernt, aber leider nicht zu weit, die Prometheus über ihren Köpfen hing. „Suchen Sie sie! Ich will sie so schnell wie möglich in meinem Büro sprechen.“
„Sie ist nicht in der Stadt, Dr. Stross“, antwortete Walsh kleinlaut.
Anne, die sich gerade umgedreht hatte, wandte den Kopf. „Was soll das heißen?“ Ihre Stimme klang lauernd.
„Sie sagte, sie wollte zum Mond hoch.“ Walsh lächelte entschuldigend und zuckte mit den Schultern. „Sich ansehen, wie weit wir dort sind.“
Anne atmete tief ein. „Geben Sie sie mir - auf der Stelle!“

***

Danea zuckte zurück, als er in seinem Ohr einen leisen Ausruf hörte. „Nicht da lang!“
Etwas verwirrt wechselte er einen Blick mit Iriar, die jedoch nur mit den Schultern zuckte.
„Wo sollen wir denn dann lang gehen?“ zischte der junge Erethianer. „Jeder Gang scheint blockiert, egal wohin wir uns wenden, es sei denn zurück zum Hangar.“
„Gute Frage ... Halten Sie die Stellung. Ich versuche, das herauszufinden“, kam prompt die Antwort.
Die Stellung halten? Wieder ein Blick mit Iriar, die mindestens ebenso ratlos schien wie er.

***

Pendergast lächelte zufrieden. „So einfach wird es wohl doch nicht, wie?“ fragte er den Bildschirm, über den er sich gebeugt hatte.
Die ID-losen Pünktchen auf dem Bildschirm verharrten in einem Gang seines Schiffes, schienen ihm selbst bis hierher etwas ratlos, was ihn sehr befriedigte. Noch ein bißchen, und seine Leute hatten die Pünktchen eingekreist. Dann konnte das Spiel erst richtig losgehen.
„Na, wieviele Bröckchen muß ich dir noch zuwerfen, bis du aus deinem Versteck herauskommst, mein Lantianer-Vögelchen?“ fragte er den Bildschirm.
Sie würde ihre Deckung aufgeben, das war klar. Sie würde ihr abgeschirmtes Fluggerät verlassen - und dann würde Bates schnell und effizient zuschlagen, so wie verabredet. Auf keinen Fall würde sie jemandem von ihrem Stoßtrupp, wahrscheinlich dieses merkwürdige Völkchen von dem Planeten, die sie schon einmal hier angeschleppt hatte, zurücklassen. Nein, nein, das würde ihr Ehrenkodex nicht zulassen.
Pendergast lauerte weiter. Bald ...

***

Vashtu arbeitete sich in rasender Schnelle durch die Pläne der Prometheus, biß sich immer wieder auf die Unterlippe.
Verdammt, verdammt, verdammt! Es mußte doch einen Weg ...
Dann stolperte sie über das Programm. Ein Grinsen teilte ihre Lippen, als sie ihr Funkgerät wieder auf Senden brachte.
„Danea, ungefähr drei Meter entfernt, rechts. Da gibt es einen Wartungsschacht, der direkt in den Hangar führt über die Belüftung. Kriegt ihr die Verkleidung runter?“
„Ein Wartungsschacht?“ Danea schien überrascht.
Vashtu wartete ungeduldig.
Sie würde die Eingeschlossenen nicht ihrem Schicksal überlassen. Zwar kannte sie nicht alle, aber doch einen Teil von denen, die Pendergast hier gehalten hatte. Und sie konnten in Vineta jeden einzelnen dieser Männer und Frauen gebrauchen. Sei es für Dorns Sicherheitsdienst, wohin die Militärangehörigen kommen würden, sei es die restlichen Wissenschaftler. Und nicht zu vergessen die mageren Reste der medizinischen Besatzung: Grodin, Heightmeyer und drei Assistenzärzte, sowie noch eine Handvoll Pfleger und Schwestern, die nicht auf der zerstörten Daedalus gewesen waren. Selbst die Techniker, denen Pendergast den Krieg erklärt hatte, obwohl sie nichts als ihre Arbeit getan hatten, würden sie dort unten gut gebrauchen können, sollten sie sich ihnen anschließen wollen.
„Wir sind drin“, meldete Daneas Stimme endlich.
Vashtu atmete auf. „Schiebt die Verkleidung wieder vor, damit nicht sofort bemerkt wird, was passiert ist. Könnte sein, daß wir jetzt kurzzeitig den Funkkontakt verlieren. Immer geradeaus und dann in den kleineren Nebengang. Das ist die Belüftung und führt direkt in den Hangar hinein.“
„Gut, ich denke, wir werden das finden.“
Vashtu nickte befriedigt, gerade, als sich eine neue Stimme in ihren Funkkontakt mischte.
„Major Uruhk, bitte umgehend melden“, hörte sie undeutlich und fluchte wieder.
Ausgerechnet jetzt mußte Stross auf ihre kleine Rettungsaktion aufmerksam werden, verdammt! Sie hatte auf ein bißchen mehr Zeit gehofft.
„Peter, wie weit sind Sie?“ fragte sie wieder.
„Der Code ist gleich soweit“, kam die unwirsche Antwort.

TBC...

22.07.2012

2.10 Meuterei (Teil 1)

A/N: Dieses Mal ein sehr kurzer Anfang, zugegeben. Aber ansonsten hätte ich einen Mörder-Cliffhanger produzieren müssen. Und von dem werdet ihr Leser sehr bald mehr als genug bekommen *fieses Grinsen*. Mit diesen Worten: Willkommen zur Midseason!



„Und Sie sind sich wirklich sicher?“ Dr. Anne Stross sah nervös zu dem Bildschirm hinüber und wartete.
„Ganz sicher.“ Major Vashtu Uruhk verschob den letzten Kristall und hob den Kopf, als der Bildschirm aufflammte. Augenblicklich runzelte sie die Stirn. „Die Prometheus versucht zu starten. Pendergast will den Rest unserer Leute mitnehmen, wohin auch immer.“ Ihre Augen loderten vor kalter Wut auf.
Anne stellte sich neben sie und betrachtete aufmerksam den Bildschirm.
Undeutlich war darauf das Erd-Raumschiff auszumachen. Es lag mit dem rückwärtigen Antrieb zur Kamera in einer Umlaufbahn um den Planeten. Und bis jetzt waren die hinteren Schubdüsen dieses Antriebes immer schwarz gewesen. Jetzt aber ... war gut die Hälfte dieser Düsen aufgeflammt und glühte dunkelrot.
„Bei dem Tempo braucht er Wochen, bis er auch nur aus der Umlaufbahn heraus ist“, fügte Vashtu kalt hinzu und kreuzte die Arme vor der Brust. „Mehr als genug Zeit für uns, die Eingeschlossenen da herauszuholen.“
Anne neben ihr musterte sie. „Aber nicht Sie!“ entschied sie endlich.
Vashtu runzelte die Stirn und wandte den Kopf. „Wie bitte?“
Anne nickte entschieden. „Ich werde Sie da auf gar keinen Fall herauslassen, Vashtu“, wiederholte sie. „Ihr Haß auf Pendergast ist zu groß.“
Ein ironisches Lächeln umspielte die Mundwinkel der Antikerin. „Soll ich ihm etwa dankbar sein dafür, daß ich mich in eine Wraith-Queen verwandelt hatte? Auf diese Erfahrung hätte ich liebendgern verzichtet! Außerdem mag ich es nicht sonderlich, wenn jemand mich unter Drogen setzt und irgendwelche Geheimnisse aus mir herausquetschen will.“
„Sie sagten selbst, wir haben noch Zeit“, entgegnete Anne. „Wenn Markham von P1V-144 zurück ist ...“
„Wenn dem Colonel nicht einfällt, daß er auch ein paar F-302 vor seinen Bug spannen kann, haben wir noch Zeit“, widersprach Vashtu entschieden. „Wir müssen so schnell wie möglich da hinauf und die anderen runterholen. Hier sind sie sicher, und Pendergast kann sie nicht orten.“
„Sie dagegen kann er orten, Major, sobald Sie die Stadt verlassen haben.“ Anne sah sie eindringlich an. „Was mache ich, wenn Sie gerade die oberen Luftschichten durchbrochen haben und er läßt Sie vom Steuer des Puddlejumpers wegbeamen? Was, wenn der Jumper dann abstürzt, oder, noch besser, wenn er selbst in eine Umlaufbahn gerät, weit ab von allen unseren Möglichkeiten? Wenn Sie weg sind, können wir Sie wahrscheinlich nicht zurückholen, Vashtu. Daran sollten Sie, bei allem Haß, auch denken. Ich kann verstehen, daß Sie inzwischen auf Pendergast nicht mehr sonderlich gut zu sprechen sind. Aber jetzt da hochstürmen und ihn blind anzugreifen versuchen, wird die Lage für keinen besser machen - am allerwenigsten für die, die dort oben eingesperrt sind.“
„Wollen Sie Pendergast auf einen Nährungsbrei in die Stadt einladen, um mit ihm zu verhandeln?“ Vashtus Augen wurden groß. „Wir müssen so schnell wie möglich da hoch, sonst sind sie außerhalb unserer Reichweite und wir können nichts mehr tun! Ich lasse niemanden zurück, Anne! Nie!“
„Sie sollen sie auch nicht zurücklassen, sondern einfach nur ein oder zwei Tage abwarten, Vashtu“, entgegnete die Leiterin Vinetas. „Sobald Markham wieder da ist, werden wir etwas unternehmen. Aber ich werde nicht ausgerechnet Sie in die Prometheus lassen. Sie haben selbst davon gesprochen, wie es bewertet wird, was Sie beim letzten Mal getan haben. Wollen Sie auch noch eine Meuterei auf Ihre Kappe nehmen?“
„Wäre vielleicht keine schlechte Idee ... vor allem, wenn ich Pendergast und Bates ein bißchen kielholen darf - im Weltraum, versteht sich!“ Ein kaltes Lächeln erschien auf Vashtus Gesicht.
„Das habe ich nicht gehört, Major!“ Anne wandte sich wieder dem Bildschirm zu. „Vielleicht können sie ja irgendwie allein verschwinden? Sie haben Sie ja schließlich auch irgendwie herausgeschmuggelt.“
„Ich würde mich darauf nicht verlassen.“ Vashtu schüttelte den Kopf. „Der Colonel wird aufpassen. Er kann es sich nicht leisten, noch mehr seiner Besatzung zu verlieren.“ Sie runzelte nachdenklich die Stirn.
„Sie dürfen auch unsere ID-Chips nicht vergessen, Major“, fuhr Anne fort.
Vashtus Stirn runzelte sich noch mehr. Nachdenklich nagte sie an ihrer Unterlippe. Dann nickte sie schließlich, als müsse sie sich selbst bestätigen.
„Lassen Sie es bleiben, Vashtu“, wiederholte Anne eindringlich. „Das kann nicht gut gehen, glauben Sie mir.“
Ein Mundwinkel verzog sich leicht. „Vielleicht doch ...“

TBC ...

15.07.2012

Die undichte Stelle VI


Anne spielte mit der Brosche, die Lieutenant Markham ihr vor einigen Wochen von einem Planeten mitgebracht hatte, als Vashtu das Büro betrat. Stirnrunzelnd sah die Antikerin sich einen Moment um. Irrte sie sich, oder standen die Schreibutensilien, die die zivile Leiterin auf ihrem Schreibtisch aufgestellt hatte, jetzt anders als früher. Sicher war sie sich da nicht.
Anne blickte auf, legte die Brosche wieder zurück auf den Tisch und faltete die Hände. „Sie sind schon zurück?"
Vashtu nickte. „Gerard ist unten geblieben, zusammen mit Markham, Williams und Jordan. Die anderen ... sind wohl noch auf dem Weg. Ich wollte Ihnen besser so schnell wie möglich sagen, was wir gefunden haben."
Anne strich sich eine Strähne ihres blonden Haares aus dem Gesicht. „Und? Was haben Sie gefunden, Major?" fragte sie.
Vashtu kratzte sich kurz an der Schläfe, wies dann auf die Stühle vor dem Schreibtisch. Auf das stumme Nicken der anderen ließ sie sich nieder. Trotz Verstärkung der Fremdzellen merkte sie jetzt doch ziemlich deutlich ihre Beine. Die Wadenmuskeln schmerzten etwas, und die Antikerin war sich sicher, daß sie spätestens am nächsten Morgen einen gehörigen Muskelkater haben würde.
Also?" Anne sah sie auffordernd an.
Wir haben einen See gefunden", antwortete Vashtu endlich, nach einigem Zögern, um die Spannung zu erhöhen.
Einen See?" Anne runzelte die Stirn.
Vashtu verzog das Gesicht. „Naja, als See ... So, wie Sie es sagen, klingt das nach einer Pfütze. Ist aber wohl ein bißchen größer."
Die Leiterin Vinetas nickte. „Also brauchen wir uns zunächst keine Sorgen um das Trinkwasser zu machen, wenn ich das jetzt richtig verstehe. Wie lange, schätzen Sie, wird dieses Reservior halten?"
Vashtu lehnte sich zurück und grinste.
Offensichtlich hatte Dr. Stross einen vollkommen anderen Eindruck als sie. Kein Wunder, sie hatte das ganze ja auch nicht gesehen. Wenn nur allein die Oberfläche hielt, was sie versprach ... und sie wußten nicht, wie tief dieser See überhaupt war.
Einige tausend Jahre, bei den paar Leuten, die hier wohnen", antwortete sie deshalb unschuldig.
Anne riß die Augen auf. „Wie bitte?"
Vashtu nickte, wies mit einer Hand nach draußen und machte eine alles umschließende Geste. „Die Höhle dort unten ist ungefähr so groß wie diese hier. Und wir wissen noch nicht, wie tief dieser See ist und von wo er gespeist wird. Wird ein bißchen halten, selbst wenn wir den Wasserverbrauch hochschrauben."
Die Leiterin holte tief Atem. „Ein paar tausend Jahre?" wiederholte sie.
Die Antikerin nickte gelassen. „Schätzungsweise. Und, wie gesagt, wir wissen noch nicht, von wo er gespeist wird. Ist die Quelle ergiebig ... Ich glaube, da unten gibt es Fische."
Anne staunte nur noch. „Fische?"
Ich habe etwas auf dem Detektor messen können, bin mir aber nicht sicher, was. Könnten Fische sein. Sind Sie gut im Basteln? Dann könnten wir vielleicht unsere Breie etwas ... äh, aufmotzen."
Major!" Doch Anne lächelte bei diesem Wort. Sie hatte den Scherz verstanden. „Wenn Sie irgendwo etwas brauchbares finden, dürfen Sie sich gern als Fischerin betätigen. Gegen ein bißchen Abwechslung im Speiseplan hätte ich wirklich nichts einzuwenden."
Vashtu sandte ihr einen sehr zufriedenen und triumphierenden Blick. „Ich habs doch gesagt!"
Und die Höhle an sich?" Anne beugte sich jetzt doch wieder vor. „Ist der Fels dort unten stabil?"
Die Antikerin zuckte mit den Schultern. „Dr. Gerard hat seine Forschungen noch nicht abgeschlossen, aber er ist optimistisch. Scheinbar haben wir nur das Problem mit der obersten Felsschicht, alles andere ist noch in Takt. Wahrscheinlich Erosion, meint er."
Anne nickte. Sie wirkte erleichtert. „Dann sind wir zumindest nach unten abgesichert."
Und der Rest wird sich finden, keine Sorge. Wer weiß, vielleicht hält die Decke wirklich noch wesentlich länger, als wir jetzt denken. Also, ehe mir der Himmel nicht wirklich auf den Kopf fällt, werde ich optimistisch bleiben!"
Anne blickte wieder auf, gerade als die Tür sich wieder öffnete. „Sergeant Dorn", begrüßte sie den Neueintretenden.
Der Marine humpelte auf seiner Krücke zu dem zweiten Stuhl, nickte Vashtu zu und ließ sich nieder. „Wir haben was gefunden", sagte er sofort.
Vashtus Brauen schoben sich sofort zusammen. „George, ich glaube das nicht, tut mir leid! Peter kann unmöglich die undichte Stelle sein."
Dorn nickte nach hinten. „Da kommt es", sagte er nur, mit einem sehr bezeichnenden Blick.
Vashtu schüttelte den Kopf und drehte sich um, gerade als einer der anderen Marines ein koffergroßes Gerät in das Büro trug und auf dem Boden abstellte. Sofort wurden die Augen der Antikerin groß.
Das ist doch ..."
Anne richtete sich auf, sie nahm es aus dem Augenwinkel wahr. „Das sieht nicht aus wie ein Gerät der Devi", stellte sie dann fest.
Vashtu richtete sich auf, kaum daß der Marine wieder verschwunden war. Aufmerksam studierte sie die Schriftzeichen an den Seiten des Gerätes. „Ist es auch nicht", bestätigte sie, warf Dorn einen bösen Blick zu. „Sieht eher aus wie ein ... Moment." Sie fand den Aktivator und betätigte ihn.
Augenblicklich begann das Gerät, Papier auszuspucken. Flugblätter mit einem ihr sehr bekannten Konterfei. Vashtu deaktivierte das, was auch immer es war, wieder, betrachtete stirnrunzelnd das, was da vor ihr auf dem Boden lag. „Eine Art Kopierer", sagte sie dann, sammelte das Papier ein. „Definitiv nicht von den Devi. Und wenn Sie sonst nichts gefunden haben, bin ich dafür, daß wir alle uns bei Peter Babbis entschuldigen. Ich hatte es ja gesagt. Er kann unmöglich ein Verräter sein." Sie legte die Papiere vor Anne auf den Schreibtisch und grinste breit und zufrieden.
Die Leiterin der Stadt betrachtete mit großen Augen die Flugblätter. „Jetzt haben wir zumindest eine Erklärung, warum es so viele waren."
Vashtu nickte. „Ganz genau, diese Erklärung haben wir jetzt. Und wir haben noch etwas anderes: einen Grund, das Gate wieder zu öffnen!" Sie klopfte auffordernd mit einem Finger auf die Papiere. „Ob mit oder ohne Peter, ich möchte so schnell wie möglich sehen, daß wir weiter versuchen, Handel zu treiben und nach Verbündeten zu suchen."
Anne blickte auf, die Lippen zusammengekniffen. Dann nickte sie. „Also gut. Aber Ihr Team bleibt bis auf Widerruf außen vor."
Vashtu nickte befriedigt.

***

Eine Woche später:
Nachdem er den Jumper gelandet hatte und die Heckluke hatte sich öffnen lassen, sammelte er so schnell wie möglich seine Utensilien zusammen und trat nach hinten, gerade als ein schwarzhaariger Struwwelkopf durch die Öffnung lugte. Dunkle Augen weiteten sich überrascht.
Peter!"
Er nickte etwas betreten, zupfte sich mit der freien Hand am Ohrläppchen und lächelte entschuldigend. „Markham ist noch nicht wieder zurück und braucht wohl noch ein paar Stunden", erklärte er.
Die Antikerin war sehr erfreut. „Freut mich. Dann kann ich Sie also wieder zum Mond schicken. Hat doch was." Sie zwinkerte ihm zu, stieg die Rampe hinauf und griff sich eine der Kisten. „Wir brauchen noch etwas Zeit hier und ich wollte wegen der Wache nicht weg."
Peter nickte verstehend, packte das andere Ende des Kastens und stemmte ihn mit ihr zusammen hoch.
Dann können Sie vielleicht aushelfen. Es fehlt jemand, der die Fläche der Ruinen berechnet", fuhr die Antikerin gut gelaunt fort.
Peter folgte ihr in den strahlenden Sonnenschein hinaus.
Sonne! Es schien die Sonne auf diesem Planeten.
Peter blinzelte hinter seinen selbsttönenden Brillengläsern in den Himmel. Das tat wirklich gut nach der ganzen Zeit in der düsteren Höhle und im Dauerregen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so erfreut über ein paar Sonnenstrahlen gewesen zu sein.
Gemeinsam mit Vashtu schleppte er den schweren Kasten ein Stück weiter. Dorthin, wo sich die Ruinen einer Stadt erhoben. Einer Stadt, wie er sie noch nie gesehen hatte.
Von Ihrem Volk?" fragte er und nickte in die Richtung.
Vashtu blinzelte, schüttelte dann den Kopf. „Nein, jedenfalls nicht, soweit ich weiß", antwortete sie gelassen.
Dr. Liang, der Archäologe, der einsam und verlassen in Vineta gestrandet war, kam ihnen entgegen, ein breites Grinsen auf den Lippen, wie man es einem Chinesen nicht wirklich zugetraut hätte. „Eine wirklich beeindruckende Anlage", wandte er sich an die Antikerin.
Vashtu nickte. „Schon herausgefunden, von wem es stammen könnte?"
Nicht von den Antikern, das sagten Sie ja bereits, Major." Liang sah wieder zu den Quadern hinüber, die wie sinnlos verteilt in dem flachen Tal lagen. „Vielleicht von dem Volk, das diesen Planeten früher bewohnt hat." Erst jetzt schien ihm aufzugehen, wen die Antikerin da mitgebracht hatte. Freundlich lächelnd verbeugte er sich vor Peter. „Dr. Babbis. Es wäre mir eine große Ehre, wenn Sie die Vermessungen vornehmen könnten."
Vashtu grinste breit, wandte sich ab und marschierte zurück zum Rand des Trümmerfeldes.
Peter sah ihr etwas hilflos nach, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Chinesen und nickte. „Natürlich, wenn die Maße stimmen sollen, sollte man sich immer den besten holen." Er sah sich aufmerksam um. „Keine Devi?"
Liang schüttelte den Kopf. „Nein, alles ruhig. Seit drei Tagen", antwortete er. „Major Uruhk ist zwar noch etwas beunruhigt, aber ..."
Devi!" schrie die Antikerin in diesem Moment.
Und tatsächlich, ein Rochen zog einen Atemzug später über ihnen dahin.
Zurück zu den Jumpern! Los!" bellte Vashtu scharf, hob ihre Waffe.
Peter beobachtete einen Moment lang, wie sie herumfuhr und eine Salve in die Büsche jagte, dann begriff er endlich, packte den ratlosen Liang am Arm und zog ihn mit sich, zurück zu seinem Jumper. Hinter sich hörte er die unterschiedlichen Waffen des halben Dutzends Militärangehöriger ihre Kugeln verteilen.
Wo kamen denn jetzt so plötzlich die Devi her? Es war doch alles ruhig, sowohl bei Vashtus als auch bei Markhams Flügen, seit sie die drei Tage pausiert hatten.
Die anderen Wissenschaftler, vier an der Zahl, die bei den Ruinen mitgeholfen hatten, folgten Peter auf dem Fuße, als er endlich in den Jumper sprang, sofort die Heckluke schloß und nach vorn in das Cockpit hetzte.
Noch immer wurde draußen geschossen.
Warum brauchte Vashtu solange? Ihr Jumper stand doch direkt neben seinem, einen längeren Weg hatte sie also nicht.
Peter zögerte, ging erst einmal in den Tarnmodus. Und dann sah er, wie einer der Marines zwischen den Büschen hervorkam, eine andere Gestalt wie einen Sack über die Schulter geworfen.
Die Antikerin!
Peter erstarrte.
Dr. Liang, der sich auf dem Copilotensitz niedergelassen hatte, stöhnte auf. „Der Major!"
Ging das jetzt schon wieder los?

***

Autsch!"
Vashtu blinzelte, als sie diesen leisen Aufschrei hörte, holte dann erst einmal tief Atem.
Ihre Hüfte schmerzte, schmerzte sogar ganz entschieden. Unwillkürlich verzog sie das Gesicht, tastete mit der Hand über die Stelle, fand aber keine Wunde.
Vashtu!" Der Ausruf war voller Erleichterung.
Erst jetzt ging ihr auf, wo sie sich befand. Nicht mehr auf P1V-145, sondern ... auf der Krankenstation von Vineta.
Sie brauchte einen Moment, ehe sie ihre Erinnerung wieder halbwegs beisammen hatte.
Major?"
Sie blickte, wieder blinzelnd, auf und sah in Anne Stross' Gesicht. Die Leiterin der Stadt hatte sich über sie gebeugt, sah sie sorgenvoll an.
Vashtu verzog das Gesicht, rappelte sich auf die Ellenbogen. „Das war dann jetzt wohl meine Premiere", sagte sie, räusperte sich, als sie hörte, wie belegt ihre Stimme klang.
Sie sollten sich noch ausruhen, denken Sie nicht?" fragte Anne sie.
Ausruhen? Gute Idee, aber ...
Oh Mann! Jagen Sie mir nie wieder so einen Schrecken ein!"
Vashtu stutzte, sicher sich verhört zu haben. Dann wagte sie einen Blick unter ihren Ponyfransen hervor. Ihre Augen wurden groß.
Peter?"
Der grinste, rieb sich die rechte Hand. „Hallo", sagte er schüchtern.
Vashtu blinzelte zum dritten Mal, stutzte dann und hob den Kopf zu Anne. „Aber ..."
Es scheint, als habe jetzt Dr. Babbis Ihren ... Fluch geerbt", sagte die im entschuldigendem Tonfall. „Wohin auch immer er durch das Gate fliegt, die Devi kommen ein paar Minuten später."
Vashtu sah sie ungläubig an. „Aber ... Markham und ich ... ?"
Bei Ihnen erscheinen sie nicht mehr, ich weiß. Dr. Babbis, sieht aus, als müßte ich mich bei Ihnen entschuldigen." Anne blickte auf.
Vashtu schüttelte, noch immer etwas benommen, den Kopf, sah dann zur anderen Seite des Bettes. Einträchtig nebeneinander saßen Dorn und Danea dort und schwiegen. Doch beiden war die Erleichterung deutlich anzusehen.
Vashtu richtete sich jetzt endgültig auf. Ihre Hüfte protestierte kurz, doch sie unterdrückte den Schmerz, rieb noch einmal darüber. „Okay, damit wären dann jetzt wohl alle Mitglieder meines Teams mindestens einmal von einem Glimmer getroffen worden. Und wir haben es überlebt. Ist doch schon mal was."
Irgendwie fühlte sie einen gewissen Stolz über diese Leistung. Keines der anderen SG-Teams hatte eine solche Quote vorzuweisen.
Danea sah sie irritiert an, sagte aber noch immer nichts. Dorn dagegen schien, aller Erleichterung zum Trotz, plötzlich besorgt zu sein.
Wie lange war ich weg?" wandte Vashtu sich an Peter, der sich schon wieder die rechte Hand rieb. Kurz erhaschte sie einen Blick auf gerötete Haut in seiner Handfläche, als er sie hob und die Finger wieder um das kühle Metall des Fußendes des Bettes schloß. Eine gerötete Stelle mit einer merkwürdigen Form, die sie irgendwie an ein Schmuckstück erinnerte. Nur wußte sie nicht so recht zu sagen, wo sie dieses Schmuckstück schon einmal gesehen hatte.
Peter sah sie irritiert an, als er ihren nachdenklichen Blick bemerkte, zuckte dann mit den Schultern. „Ein paar Stunden, mehr nicht."
Vashtu nickte. „Lange genug geschlafen", entschied sie. „Wir müssen wohl ..."
Major?" Annes Stimme klang plötzlich sehr ernst als sie ihr ins Wort fiel.
Vashtu richtete ihren Blick sofort auf Dorn. Der sah noch besorgter aus als gerade. Also war noch etwas passiert. Und das ...
Wir haben den Kontakt zu den Eingeschlossenen auf der Prometheus verloren", sagte Stross sehr leise.

08.07.2012

Die undichte Stelle V


Mam?"
Williams und Jordan standen an einer Tür am Ende der Treppe. Einer Tür, keinem Schott!
Vashtu atmete tief ein, gab Markham dann ein Zeichen. „Waffen bereitmachen", befahl sie zischend.
Die beiden Marines zogen sich zurück, hoben ihre Waffen und sicherten.
Was soll ich tun?" ließ Gerard sich vernehmen, während Vashtu an Markhams Seite Aufstellung nahm. Sie hatte auf den letzten Metern Energieanzeigen gemessen, die sie nicht wirklich zuordnen konnte. Was auch immer das war, es befand sich definitiv hinter der Tür. Und sie hatte nicht vor, in eine böse Überraschung hineinzugeraten.
Leise fluchend wandte sie den Kopf. „Holen Sie auch Ihre Waffe raus, Doc", zischte sie. „Und seien Sie, verdammt nochmal, leise!" Sie drehte sich wieder um und nickte Markham zu, der daraufhin den Öffnungsmechanismus betätigte.
Vashtu wirbelte in den Durchgang, die P-90 schußbereit an der Wange, den Finger am Abzug. Sie tat einen Schritt, sicherte sofort, fuhr herum, so schnell sie nur konnte, dann trat sie einen Schritt zur Seite.
Sicher!" meldete sie über die Schulter.
Markham folgte ihr, ebenfalls seine Waffe schußbereit.
Der Strahl der beiden kleinen Lampen reichte nicht wirklich weit und traf auf eine felsige Wand. Bei ihrem nächsten Schritt hörte sie das Echo, als ihre Sohle über einen Stein schrammte.
Wo auch immer sie sich hier befanden, es hatte gewaltige Ausmaße und lag sehr tief unter der Oberfläche.
Williams und Jordan traten jetzt ebenfalls ein, leuchteten mit ihren Waffen.
Ein Geräusch!
Vashtu hob die Faust und lauschte, während ihre Augen immer noch die gewaltige Finsternis, die sie umgab, zu durchdringen suchten. Und dann hörte sie es wieder. Ein ... leises Platschen, wie von kleinen Wellen, die sacht gegen einen Strand schlugen. Und war da nicht ein feines Glitzern kurz außerhalb des Lichtsstrahls ihrer P-90.
Mam?" hörte sie Williams fragen, tat einen weiteren vorsichtigen Schritt.
Und dann ... starrte sie auf eine Wasserfläche, die sich sanft bewegte. Sie hatte das Reservior gefunden. Und es ... sah ziemlich groß aus, sofern sie es in dieser Finsternis ausmachen konnte.
Scheiße, was ist das?" fragte Jordan, der an ihre Seite getreten war und auf das Wasser hinausleuchtete.
Vashtu atmete tief ein. „Sieht aus, als hätten wir das Wasser gefunden", sagte sie nach einigem Zögern, ließ dann die P-90 sinken. „Rucksäcke absetzen!" befahl sie hart. „Generatoren raus. Wollen wir doch einmal sehen, ob wir nicht ein bißchen Licht in dieses Dunkel bringen können."
Sie drehte sich um und bemerkte Dr. Gerard, der gerade die Höhle zögernd betrat und sich mit großen Augen umsah. „Doc, untersuchen Sie das Gestein, ob es hier ebenso porös ist wie oben. Wir brauchen zumindest einen stabilen Untergrund, wenn uns schon irgendwann der Himmel auf den Kopf fallen wird."
Der Wissenschaftler blinzelte sie verständnislos an, während sie den Rucksack von ihrem Rücken schälte. „Aber ..."
Sie sind hier, um das Gestein zu untersuchen. Also untersuchen Sie!" Frustriert zerrte sie an den Verschnürungen, kniete sich dann hin und befreite den Naquadah-Generator, den sie die ganze Zeit mit sich herumgeschleppt hatte, aus ihrem Rucksack. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, daß der Geologe sich endlich an die Arbeit machte.
Kopfschüttelnd beugte sie sich über das Gerät, holte die Kabel aus dem Rucksack und begann sie mit dem Generator zu verbinden.
Williams und Jordan, die ebenfalls Rucksäcke getragen hatten, zauberten jetzt starke Scheinwerfer aus ihnen hervor, während Markham, der einen zweiten Generator bei sich getragen hatte, diesen nun ebenfalls aufstellte..
Vashtu schloß die Kabel an, machte dem Lieutenant Zeichen, und fuhr ihren Generator dann hoch.
Wie Flutlichter in einem Station leuchteten die Scheinwerfer hell auf und erhellten die Höhle tief unter der Stadt.
Na also!
Vashtu richtete sich befriedigt auf und drehte sich um ... um entgeistert zu erstarren.

***

Dr. Stross!"
Peter wünschte sich, er könnte die Tür hinter sich zuknallen lassen, als er das Büro der Leiterin der Stadt stürmte. Doch leider fuhr diese auf einer Schiene wieder in ihre Ausgangsposition zurück. Dafür aber blieb er vor ihrem Schreibtisch stehen und schlug mit beiden Fäusten auf die Platte ein, einmal nur, dann teilte ihm ein Schmerz mit, er solle das jetzt nicht wirklich wiederholen wollen.
Stross starrte ihn groß an, dann verfinsterte sich ihr Gesicht. „Dr. Babbis, was denken Sie sich dabei, hier einfach so hereinzustürmen?" tadelte sie ihn mit scharfer Stimme.
Peter beugte sich über den Schreibtisch. Eine Ader an seinem Hals schwoll an, ohne daß er es bemerkte. In seinen Augen blitzte gerechter Zorn. „Was denken Sie sich dabei, irgendjemandem den Befehl zu geben, in meinen Sachen zu wühlen?" schrie er wieder los.
Stross beugte sich vor. „Ich glaube, ich habe Ihnen vor zwei Stunden mehr als deutlich gesagt, daß eine Untersuchung gegen Sie eingeleitet wurde, Dr. Babbis. Und um Sie von den Vorwürfen zu entlasten habe ich auch einer Durchsuchung Ihres Quartiers, Ihres Büros und Ihres Labors zugestimmt. Das dürfte doch wohl in Ihrem Sinne sein, wenn Sie unschuldig sind, oder?"
Ich BIN unschuldig, verdammt!" brüllte er sie an, beugte sich noch weiter vor. „Ich weiß nicht, was dieser ganze Unsinn soll! Ich habe mir selbst nichts vorzuwerfen! Und ich habe, ebenso wie Sie, viel für Vineta getan. Mich jetzt zu beschuldigen, einen Verrat begangen zu haben, ist einfach ... niederträchtig!"
Nein, es ist eine Schlußfolgerung", entgegnete Stross, senkte dabei ihre Stimme weiter ab und ließ sie beherrscht klingen. Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl, beugte sich jetzt auf ihrer Seite über den Schreibtisch, was ihn unwillkürlich etwas zurückweichen ließ. „Sie sind der einzige Pilot, der nicht einen Devi-Angriff zu verzeichnen hat, Dr. Babbis. Das ist sehr verdächtig, da müssen Sie mir auch zustimmen. Immerhin sind Sie in den letzten Tagen ebenfalls durch das Tor geflogen, so wie Major Uruhk und Lieutenant Markham. Sie hätten ebenso unter Überfällen zu leiden haben müssen wie die anderen. Daß dem nicht so ist, ist verdächtig. Und genau das habe ich versucht, Ihnen zu erklären."
Ich habe absolut gar nichts getan!" Noch immer zornig funkelte er sie an, hob dann die Faust. „Ich bin unschuldig! Wenn ich keine Überfälle zu verzeichnen habe, ist das nichts als Glück, mehr nicht! Und wenn Sie einmal richtig nachdenken würden, würden Sie das auch wissen. Vashtu und Markham gehen sehr viel öfter durch das Gate als ich. Die Wahrscheinlichkeit ..."
Es geht hier nicht um irgendeine Berechnung, Dr. Babbis. Sondern um Auffälligkeiten und Tatsachen. Wenn bei Ihnen nichts zu finden ist, haben Sie doch wohl auch nichts zu befürchten, oder?" Stross neigte leicht den Kopf.
Peter atmete tief und heftig ein, richtete sich dann wieder auf. „Was erlauben Sie sich?" knurrte er. „Sie halten mich von anderen fern, Sie geben den Befehl, in meinen privaten Sachen zu wühlen und beschuldigen mich, ein Verräter zu sein. Mich! Wenn hier jemand einen Grund hat, die Devi tot sehen zu wollen, dann bin ich das! Diese ... diese Hybridwesen haben einen meiner Freunde getötet - vor meinen Augen!"
Das ist mir klar, ändert aber nichts an der Situation." Stross kreuzte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Dr. Babbis. Aber ich kann das nicht übergehen, so leid mir das auch tut."
Und was war auf P1V-139?" Peter fuhr den Arm aus und wies zum Sternentor. Wütend funkelte er die Wissenschaftlerin vor sich an. „Denken Sie denn wirklich, ich wäre so dämlich, daß ich zwar, wenn ich selbst fliege, jeden Angriff unterbinde, dann aber, als ich mit dem Team draußen bin, zu dem ich gehöre, mich freiwillig anschießen lasse?"
Wenn Sie unschuldig sind, haben Sie nichts zu befürchten, Dr. Babbis. Mehr kann ich Ihnen im Moment dazu nicht sagen."
Scheinheiligkeiten!"
Er wußte selbst nicht, was plötzlich in ihn fuhr. Von Wut und gerechtem Zorn getrieben, beugte er sich vor und wischte mit beiden Händen Stross' Schreibtisch leer. Mit einer solchen Wucht, daß kleine Einzelteile gegen die gläserne Wand krachten.
Stross wich nicht zurück, wie er vielleicht vermutet hätte. Sie stand kerzengerade vor ihm, nur von der, jetzt leeren Tischplatte von ihm getrennt, und starrte ihn an. Dann hob sie eine Hand ans Ohr. „Ein Sicherheitsteam sofort in mein Büro", befahl sie mit kalter Stimme.
Peter ging erst jetzt auf, was er da gerade getan hatte. Er hatte die Beherrschung verloren, gründlich verloren.
Hilflos blickte er zu dem Chaos auf dem Boden, bückte sich dann und begann, die Sachen wieder einzusammeln.
Lassen Sie das, Dr. Babbis", befahl Stross ihm mit kalter Stimme, was ihn aber nur noch mehr antrieb, wieder für Ordnung zu sorgen.
Sie sollen das lassen!" fuhr sie ihn an, gerade als er nach einer kleinen Brosche griff, die er noch nie gesehen hatte.
Er richtete sich auf, seine Finger schlossen sich um das Schmuckstück.
Stross sah ihn immer noch an, schwieg jetzt aber.
Es ... tut mir leid."
Seine Hand begann plötzlich zu jucken und zu stechen. Hilflos öffnete er die Finger wieder und ließ die Brosche auf den leeren Schreibtisch fallen. Die Haut seine Handfläche und der Finger war etwas gerötet, und das Jucken hielt an.
Die Tür hinter ihm öffnete sich und zwei Marines betraten das Büro.
Bringen Sie Dr. Babbis bitte zurück zu seinem Quartier", befahl Stross noch immer mit dieser kalten Stimme. „Und sorgen Sie dafür, daß er es nicht verläßt."
Peter fügte sich, rieb sich die Hand an der Hose.

TBC ...