11.08.2009

Der Jungbrunnen V

John vergrub sein Gesicht in den Händen, als Horacio Caine erneut das Vernehmungszimmer betrat. Der Tisch, an dem er saß, spiegelte wie schwarzes Wasser das durch Lamellen an den Fenstern gefilterte Sonnenlicht.
Er war jetzt seit einem Tag auf dem Revier, deutlich mehr Zeit, als er hier hatte verbringen wollen. Vierundzwanzig Stunden, in denen weiß Gott was mit Vashtu hatte geschehen können. Doch noch schlimmer als die Ungewißheit, was die Antikerin betraf, war die Ungewißheit, was aus Jordan geworden war. Alles, was er wußte war, daß das Kleine plötzlich spurlos verschwunden war und die Polizei daraufhin wirklich diesen ganzen Gebäudekomplex umdrehte - zumindest ein Trost! John hoffte, daß das Kind auf ihn gehört und die Nemesis kontaktiert hatte. Wahrscheinlich hatte Makepiece die Lage falsch eingeschätzt und Jordan auf das Schiff gebeamt. Er hoffte es, denn die andere Möglichkeit, daß Jordan nämlich von selbst gegangen war aus welchem Grund auch immer, war so ziemlich das schlimmste, was er sich vorstellen konnte.
Caine trat an das Fenster und sah zwischen den Lamellen hinaus. Viel würde er zwar nicht sehen können, da es sich um eine Art Milchglas handelte, aber offensichtlich war das für ihn eine natürliche Handlung.
„Du hast Julie erschossen. Warum? Ich dachte, du seist so besorgt um sie. Immerhin bist du doch hergekommen und wolltest sie als vermißt melden. Ist sie etwa dahinter gekommen, daß es da noch einige mehr gab? Blond, groß, schlank. So wie Julie ausgesehen hat ..." Caines Stimme verklang.
John lehnte sich seufzend zurück. „Ich kenne keine Julie und mein Name ist nicht Mike. Ich bin John Sheppard, Air Force Colonel, und bin hergekommen, um meine Lebensgefährtin Lt. Colonel Vashtu Uruhk als vermißt zu melden. Wenn Sie meine Fingerabdrücke endlich vergleichen, wird sich das sicher aufklären."
Das war etwas, was er gestern durch Zufall gehört hatte: AFIS war ausgefallen, die weltumspannende Datenbank für Fingerabdrücke. Da er zur Armee gehörte, waren seine Abdrücke dort ebenso gespeichert wie die des straffällig geworden Mike Sheridan, mit dem Caine ihn verwechselte. Die einzige andere Möglichkeit war, daß man seine DNS mit der des Gesuchten verglich, auch da würde sich sicherlich der Unterschied deutlich zeigen. Allerdings dauerte das Analyseverfahren länger, zumal man ihm hier eine frische Speichelprobe abgenommen hatte.
„Vashtu Uruhk ... ist das die, deren verunreinigtes Blut wir am Strand gefunden haben beim Fundort von Julie? Hast du dir sie jetzt gegriffen? Paßt aber nicht so ganz, oder? Schwarzhaarig, klein, eher knabenhaft. Du magst es doch, ein bißchen mehr in der Hand zu haben, Mike."
John wollte zu einer neuen Entgegnung ansetzen, als sich unvermittelt die Tür öffnete und ein Mann mit kurzem, grauen Haar den Raum betrat. Gekleidet in die Uniform der Air Force, mit einem gewissen Schalk im Blick, auch wenn der jetzt ziemlich zurückgewichen war zu Gunsten befehlsgewohnter Strenge, die Mütze vorschriftsmäßig unter dem Arm geklemmt. Zwei Sterne prankten auf den Schulterstücken.
John riß ungläubig die Augen auf. Er bewegte sich dermaßen reflexartig, als er aufsprang und Haltung annahm, daß der Stuhl umkippte. „Sir!" würgte er irgendwie heraus und grüßte, während sein Herz schneller schlug.
Die Kavallerie war da!
„Wer sind Sie und wie kommen Sie dazu, in meinen Vornehmungsraum einzudringen?" Caine war ebenfalls herumgefahren und musterte den Neuankömmling von Kopf bis Fuß.
„Rühren, Sheppard."
John wurde der Gruß abgenommen, worauf er sich seufzend über den Tisch beugte und einfach nur den Kopf hängenließ, auch um das breite Grinsen zu verbergen, das plötzlich sein Gesicht zierte. Er blinzelte sich selbst in der wie ein Spiegel wirkenden Oberfläche des Tisches zu.
„Major General Jack O'Neill, der direkte Vorgesetzte des Colonels", stellte sein Retter sich vor und trat näher. „Und ich möchte schwer hoffen, daß Sie eine Erklärung haben für diese Hexenjagd und der Tatsache, daß Sie das Kind des Colonels verloren haben, Lieutenant."
„Mikes Komplize. War ja klar, daß du das nicht allein ausgeheckt haben konntest." Caine trat einen Schritt vor. „Sie hätten das Weite suchen sollen, solange noch Zeit war ... General."
„O'Neill, soviel Zeit muß sein. Mit zwei L bitte." Der General zog einen Umschlag aus seiner Brusttasche und legte ihn auf den Tisch. „Und ich denke, wenn Sie mein Auftauchen nicht überzeugt, wird es sicherlich dieses Schreiben tun. Sie bekleckern sich gerade nicht mit Ruhm, Lieutenant Caine. Wir übernehmen ab jetzt. Sheppard ..." Er nickte John nur stumm zu und zwinkerte kurz.
Jordan hatte also wirklich die Nemesis kontaktiert und war von Makepiece in Sicherheit gebracht worden, ehe der dann endlich die richtigen Hebel zog.
Vashtu war wichtig für die Erde, das wußte auch John, während er jetzt so schnell wie möglich hinter O'Neill Deckung suchte. Ihre ganze kleine Familie war für die Erde wichtig, aber Vashtu im besonderen, weil sie die einzige Antikerin war, die nicht ihren Körper aufgegeben hatte. Jordan trug viel vom Erbe ihrer Mutter in sich, doch das Kind war keine Antikerin mehr, dadurch daß er, als stärkster Genträger der Erde, der Vater war. Tauchte irgendeine Bedrohung auf, waren sie drei die Geheimwaffe, auf die die Erde vertrauen mußte, der Grund, aus dem Vashtu damals hatte gehen müssen nach ihrem Auftauchen aus den Eingeweiden von Atlantis.
Ein weiterer Uniformierter stand im Türrahmen, nickte John grüßend zu. Er mußte einen Moment lang nachdenken, ehe ihm einfiel, wer da seinen Rücken deckte: Major Jeffrey Storm, seineszeichens schon seit Landrys Tagen für die Sicherheit des Stargate-Programms auf der Erde zuständig. Einer der härtesten und verbissensten Ermittler, die das SGC überhaupt besaß. Setzte man Storm an einen Fall, würde er solange ermitteln, bis er ein Ergebnis vorzuweisen hatte.
John erleichterte immer mehr. Endlich würde etwas geschehen. Endlich konnte die Suche nach Vashtu beginnen. Es blieb nur zu hoffen, daß es nicht schon zu spät war.
Caine hatte währenddessen nach dem Umschlag gegriffen, starrte das Siegel darauf mit leerem Gesicht an. John konnte sich denken, was darauf zu sehen war. O'Neill machte keine halben Sachen, wenn er hinzugezogen wurde. Als Leiter der Homeworld Security blieb ihm auch nichts anderes übrig. Er mußte seine Schäfchen zusammenhalten und dafür sorgen, daß die Erde nicht bedroht wurde. Mit zwei weit entfernten Außenbasen kein leichtes Unterfangen, nahm man dann auch noch solche Schwachpunkte wie die Transferstation oder möglicherweise sogar die Werft hinzu, nahezu unmöglich. Dennoch tat O'Neill, was er konnte.
„Sie wollen mir jetzt wirklich erzählen, daß das hier", Caine wedelte mit dem Umschlag, „tatsächlich vom Präsidenten kommt, ja?"
„Sie können glauben, was Sie wollen. Colonel Sheppard wird mich jetzt begleiten. Und Sie sollten uns besser nicht in die Quere kommen, weder Sie noch Ihre Leute, Caine. Wir schießen scharf." O'Neill nickte Storm zu und zu dritt verließen sie den Verhörraum, dann das Polizeirevier.
„Sie machen ja Sachen, Sheppard", bemerkte der General, nachdem sie draußen standen, und aktivierte einen kleinen Kommunikator. „Kann man Sie jetzt nicht einmal mehr zum Urlaub machen auf die Erde lassen?"
Im nächsten Moment wurden sie alle drei von weißem Licht eingehüllt und waren verschwunden.

***

Horacio starrte dem Trio mit ausdruckslosem Gesicht nach, doch in ihm gärte es. Den einzigen Ausfall, den er sich erlaubte, war das hilflose Ballen beider Hände.
Sheridan hatte also Komplizen ... hätte er sich ja eigentlich denken können. Allein war dieser Kerl doch zu blöd, um auch nur einen Blumentopf vom Fensterbrett zu stoßen. Nur allein seine ständigen Ausflüchte, daß das ganze nur eine Verwechslung sei.
Horacio war stolz darauf, daß er sich jedes Gesicht merkte, das ihm je begegnet war. Und jemand wie Mike Sheridan brannte sich geradezu in seine Hirnwindungen hinein, vor allem, nachdem der sich so strikt geweigert hatte, Miami Dade zu verlassen.
Erics Kopf tauchte im leeren Türrahmen auf, dann erschien der Tatortermittler ganz, einen Ordner unter dem Arm. „Die DNA-Analyse ist da."
Horacio zögerte einen Moment, dann zog er aus seiner Brusttasche die Sonnenbrille und setzte sie mit viel Bedacht auf. „Und was erzählt sie uns, was wir nicht schon wußten?" fragte er, scheinbar gelangweilt.
„Daß dieser Typ die Wahrheit gesagt hat. Seine DNA ist im Speicher. Im Speicher für militärische Geheimnisträger. Er ist dort sogar im höchsten Amt und Ehren. Und er heißt tatsächlich John Sheppard. Ziemlich beeindruckende Akte, soweit sie einsehbar ist. Ob er ein Frauenmörder ist, steht allerdings nicht drin."
„Dann werden wir das wohl herausfinden müssen." Horacio schob den Brief mit der Unterschrift des Präsidenten zur Seite und blätterte statt dessen durch den Ordner, den Eric ihm zugeschoben hatte. „Ein bißchen auffällig: Die Lebensgefährtin klein, schwarzhaarig und knabenhaft. Die Toten recht groß, drall und blond."
Eric kreuzte die Arme vor der Brust. „Horacio, ich glaube, dieses Mal verrennst du dich. Dein Blick ist nicht klar, weil du dich immer noch über Sheridan ärgerst. Laß diesen Sheppard in Ruhe. Sich mit dem anzulegen bedeutet richtig mächtigen Ärger."
„Wenn er tatsächlich der Mörder ist, dann wird auch der Präsident ihn nicht mehr retten können. Wir machen weiter. Wie weit ist Calleigh?"
Eric sah ihn skeptisch an, zuckte dann aber schließlich resignierend mit den Schultern. „Die Auswertung der verunreinigten Blutspur liegt anbei. Calleigh versucht herauszufinden, wie es zu dieser Kuriosität gekommen sein mag."
Caine blätterte weiter bis zur vorletzten Seite, auf der ein vereinfachtes Schema des Blutfleckes zu sehen war. Überrascht riß er die Augen auf und war augenblicklich froh, seine Sonnenbrille zu tragen.
Das Bild zeigte eine Tripel-Helix, einen Dreifachstrang ... nur gab es auf der Erde nichts, das eine solche Genstruktur aufwies ...

***

Als John endlich den Besprechungsraum der Nemesis betrat, war es Abend geworden in Miami. Eigentlich hatte er nicht schlafen wollen und sich gesträubt. Seiner Meinung nach hatten sie bereits genug Zeit verloren, während er von der Polizei als Tatverdächtiger festgehalten wurde. Aber O'Neill und auch der Schiffsarzt hatten ein Machtwort gesprochen. Immerhin hatte er seit zwei Nächten kein Auge mehr zugetan. Er mußte sich ausruhen, ehe er mit den anderen zusammen auf die Jagd gehen konnte.
Jordan hatte ihn erwartet, als er auf die Brücke der Nemesis gebeamt worden war. Das Kind hatte sich an ihn geklammert wie ein Ertrinkender, sich dann im Ruheraum auf der Pritsche so eng wie möglich an ihn gekuschelt. Diese ganze Sache mußte dem Kleinen einen so gehörigen Schrecken eingejagt haben, daß es für die nächste Zeit hoffentlich keinen Unsinn mehr anstellen würde.
Makepiece hatte schließlich mit seiner Frau gesprochen und so war Jordan zunächst einmal nach Wisconsin geschickt worden, wo die Familie des Schiffskommandanten sich um das Kleine kümmern würde. Für wie lange, das allerdings stand in den Sternen. John jedenfalls war es nicht entgangen, daß Jordans Verbindung zu Vashtu um einiges enger war als die seine. Möglich, daß sie doch noch auf das Kind zugreifen mußten, fiel ihnen nichts anderes ein. Aber er würde sich solange wie möglich dagegen stemmen. Er wußte, Vashtu würde es nicht gefallen, wenn man ihr Kind für solche Zwecke gebrauchte.
O'Neill und Makepiece saßen bereits zusammen am Tisch und unterhielten sich, als John nun also so ausgeruht es mit Schlafmitteln möglich war die Kabine betrat und sich ebenfalls niederließ. Kurz nach ihm kam auch Storm herein, der einen ziemlichen Aktenstapel mit sich schleppte. Schließlich aktivierte sich auch noch einer der Bildschirme an der Schmalseite der Kabine und er konnte auf das bekannte Gesicht von Colonel Ellis blicken.
John hatte schon einige Vermißtenfälle, natürlich vor allem in der Pegasus-Galaxie, bearbeitet, wenn auch leider nicht immer gelöst. Aber ein solches Aufgebot ...
„Wie weit sind wir?" eröffnete O'Neill endlich die Runde.
Storm schob jedem der Anwesenden eine der Akten zu. „Möglicherweise ein kleines bißchen weiter als die Polizei, wenn auch nicht sehr viel weiter", gestand der Militärpolizist zu wissen. „Wir haben Einblick in die Akten über den Beach Killer genommen. Ich schätze, wenn überhaupt, wird die Polizei nicht recht glücklich werden mit der Aussicht, daß Colonel Uruhk dem möglicherweise in die Hände gefallen ist. Sie entspricht nicht dem bisherigen Schema."
Beach Killer?
Johns Augen weiteten sich kurz, als er sich endlich erinnerte, warum sämtliche Warnsignale in seinem Inneren plötzlich aufgeleuchtet hatten. „Sie meinen, Vashtu ist einem Serienmörder zum Opfer gefallen?" fragte er atemlos.
Storm zog eine Grimasse, nickte aber. „Ich schätze schon, wenn auch nicht absichtlich." Er blickte hoch, während John das Blut aus dem Gesicht wich. „Am Fundort aller bisherigen Leichen wurden Blut- wie auch Schleifspuren gefunden. Und das Blut stammt ganz eindeutig von Colonel Uruhk. Wie ich das sehe, ist sie auf irgendetwas aufmerksam geworden. Vielleicht Licht, immerhin sagten Sie ja, daß es schon dunkel gewesen sei, als sie zum Joggen gegangen ist. Jedenfalls hat der Kerl sie überrumpelt. Ich schätze, er hat sie niedergeschlagen, denn im Moment kann ich mir die Blutspuren nicht anders erklären. Colonel Uruhk war noch nie jemand, der schnell aufgegeben hat und sich ohne weiteres gefangennehmen ließ. Das weiß ich noch aus der Zeit, als der Trust hinter ihr her war."
„Das ist schon richtig. Aber sie hat einen Teil ihrer Superkräfte verloren, das sollten wir nicht vergessen", warnte John. „Sie ist längst nicht mehr so stark wie früher. Das war der Preis, den sie für Jordan zahlen mußte."
„Ihre Heilkräfte sind aber noch auf dem gleichen Stand wie ehedem, zumindest, solange sie genug Nahrung erhält. Und sie hatte ja wohl gut gegessen in der letzten Zeit."
„Einigen wir uns darauf, daß der Killer den Colonel wahrscheinlich irgendwie außer Gefecht gesetzt und mitgenommen hat", mischte O'Neill sich in den beginnenden Streit. „Die Frage ist wohin? Da Vashtu ihren Chip noch nicht hat austauschen lassen können wir sie nicht orten. Wir brauchen also irgendeinen anderen Anhaltspunkt."
Storm lehnte sich zurück, den Mund unwillig zusammengekniffen. „Ich weiß es nicht", gab er schließlich zu. „Die Reifenspuren, die wir - und sehr wahrscheinlich auch die Polizei - gefunden haben, weisen auf ein geländegängiges Fahrzeug hin, aber einen Wagen dieser Sorte besitzt hier wenigstens jeder dritte. Das einzige, was vielleicht hilft, ist ein winziges Fragment, das wir an der Stelle gefunden haben, an der der Wagen auf die asphaltierte Straße zurückkehrte: winzige Pflanzenspuren, wie sie in Miami nicht vorkommen."
John blätterte durch die Akte, bis er die Stelle gefunden hatte, von der Storm sprach.
Hatte die Polizei das übersehen oder ihnen vielleicht sogar einen falschen Hinweis hinterlassen? Nach seinen Erfahrungen mit Spurensichereren waren die mehr als gründlich.
„Analyse?" fragte Makepiece einsilbig.
„Bisher arbeitet man noch daran im Labor. Nichts außergewöhnliches für die Gegend im allgemeinen. Nur kommt das Zeug eben nicht am Strand vor."
„Was hat Vashtu überhaupt dazu getrieben, mitten in der Nacht joggen zu gehen?" wandte O'Neill sich plötzlich an John.
Der zuckte zusammen, kniff dann die Lippen aufeinander. „Sie hatte sich aufgeregt und wollte sich ein bißchen abreagieren", antwortete er ausweichend.
„Jordan sagte, sie hätte geweint, als sie zurückgekommen sei zum Ferienhaus", wandte Makepiece ein.
John zögerte, nickte dann aber. Es hatte keinen Sinn, das ganze abzuleugnen. „Vashtu hatte einen Streit", antwortete er. „Streit mit meinem Bruder."
Storm richtete sich unvermittelt kerzengerade auf. „Ihrem Bruder?"
O'Neill grinste, wurde dann aber wieder ernst. „Trauen Sie ihm soetwas zu? Immerhin ist die Firma ihrer Familie dafür bekannt, daß sie nicht gerade Samthandschuhe anzieht ..."
„Das würde Dave nicht tun, nein", antwortete John sofort nachdrücklich. „Er ist ein knallharter Geschäftsmann und hat wohl auch Gefallen daran gefunden, Unfrieden zwischen Vashtu und mir zu säen. Aber er würde sie nicht entführen lassen. Warum denn überhaupt? Er will, daß sie für ihn arbeitet und eine der Firmen leitet, die er aufgekauft hat. Er würde sich ins eigene Fleisch schneiden, würde er soetwas wagen."
„Er könnte allerdings auch dahinter gekommen sein, daß Colonel Uruhk nicht unbedingt das ist, was unsereins als handelsüblichen Menschen betrachtet", warf Storm ein.
John schüttelte wieder den Kopf. „Er hat immer noch ein Gewissen. Außerdem habe ich mit ihm gesprochen, in der gleichen Nacht noch ..." Wieder zögerte er, als ihm aufging, WAS Vashtu getan hatte, nachdem Dave sie provozierte. Aber er konnte sich nicht vorstellen, daß sein Bruder soetwas tun würde. Dave sehnte sich ebenso wie er nach einer intakten Familie. Wenn er jetzt einen Keil zwischen ihn und Vashtu treiben wollte, war das seine Art, mit der Eifersucht auf den eigenständigen Bruder umzugehen.
„Sie waren noch nicht ganz fertig?" bemerkte O'Neill lauernd.
John malte mit einem Finger ein Muster auf die Seite der Akte, die er gerade aufgeschlagen hatte. „Dave hatte Vashtu solange provoziert, bis sie ... er meinte, ihre Augen hätten sich plötzlich verändert."
O'Neill seufzte. „Der altbekannte Augentrick ... irgendwann mußte er ja mal nach hinten losgehen", bemerkte er kopfschüttelnd.
„Und das ist für Sie kein Grund, Ihren Bruder in die engere Wahl zu nehmen?" staunte Storm.
„Dave ist kein Killer!" John blitzte den MP wütend an. „Man kann meinem Bruder eine Menge nachsagen, aber an irgendeinem Punkt setzt sein Gewissen ein. Und, wie gesagt, hat er Pläne mit Vashtu. Er ist nicht so starrköpfig, daß er sie entführt oder entführen läßt."
„Also schön, setzen wir Dave Sheppard erst einmal nach unten auf unsere Liste", seufzte O'Neill. „Aber streichen können wir ihn vorerst nicht, tut mir leid."
John verzog den Mund, nickte aber und konzentrierte sich auf die Akte, besser auf die Seite, die er aufgeschlagen hatte.
„Jordan meinte, Vashtu habe Schmerzen gehabt", murmelte er nach einer kleinen Weile, während seine Augen ziellos den Absätzen folgten, ohne daß sein Hirn auch nur eine der Informationen speichern konnte.
„Und Sie? Haben Sie das auch gespürt?" erkundigte O'Neill sich.
„Ich habe geschlafen." John blickte auf und fühlte wieder diesen tiefen Schmerz in sich, wie in der Nacht als Jordan ihm geweckt hatte. „Ich weiß, daß sie noch lebt. Aber das ist auch alles." Er zögerte und runzelte die Stirn. „Allerdings weiß ich, daß Vashtu mich auch blocken kann. Sie hat das schon öfter getan, vornehmlich, wenn sie in Schwierigkeiten steckte ..."
„Die Sache mit dem Devi?" O'Neills Stimme klang mitleidig.
John nickte.
Das würde er nicht vergessen, niemals! Er hatte zusammen mit seinem und Vashtus Team verzweifelt gesucht, sicher, daß ihr etwas zugestoßen war. Damals hatte er auch nicht mehr gefühlt als jetzt. Er hatte gewußt, daß sie am Leben war, aber das war auch alles. Selbst Jordan, ging ihm auf, hatte nicht mehr wahrnehmen können. Erst als sie die Antikerin gefunden hatten, noch in den Armen des Devi, der wer-wußte-schon-was mit ihr getan hatte, war ihm klar geworden, wie knapp das ganze wirklich gewesen war. „Hank", so hatte Vashtu den Devi später getauft, hatte sie gerettet mit einer besonderen Kraft, die der Hybridrasse eigen war. Seitdem waren auch die beiden auf irgendeine eigenartige Art und Weise verbunden miteinander und ihnen war sogar gelungen, was niemand für möglich gehalten hatte: Einen Waffenstillstand zwischen Menschen und Devi auf der Vineta-Seite des Medusenhauptes auszuhandeln.
„Nur haben wir definitiv kein Sicherheitsleck in der Milchstraße", warf Storm ein. „Kein Devi mehr hier."
John zwang sich, sich zu konzentrieren. Stirnrunzelnd blätterte er durch die Akte, bis er fand, was er suchte: Die vorläufige Analyse des organischen Materials, das Storms Leute gefunden hatten.
„Kieselalgen?" Er stutzte und blickte auf.
„John?" Makepiece beugte sich vor. „Stimmt etwas nicht?"
„Ihr habt Kieselalgen gefunden?" wiederholte John, ohne auf die Frage des Schiffskommandanten einzugehen.
Storm nickte. „Ich sagte doch, wir hätten Spuren gefunden, die nicht zum Strand passen."
„Stimmt etwas damit nicht?" fragte O'Neill.
John strengte sich an.
Da war etwas. Vashtu hatte es ihm einmal erzählt. Es hing mit den Kieselalgen zusammen, und mit ihrer Arbeit.
Nein, ging ihm auf, die Antikerin hatte nicht direkt von Kieselalgen gesprochen, aber von einem Ort, an dem sie vorkommen konnten.
„Die Everglades!" Mit großen Augen starrte er Storm an.
„Hä?" machte der verständnislos.
O'Neill beugte sich vor. „Was ist damit?" fragte er.
Endlich begann das ganze zumindest ansatzweise einen Sinn zu ergeben.
John klopfte mit einem Finger auf die Algenanalyse. „Dave hat eine Firma gekauft, deren Leitung er Vashtu zugedacht hat. Die bisherigen Eigentümer betreiben neben einem Labor in Miami eine Klinik ... und zwar draußen in den Everglades! Und in den Everglades gibt es Kieselalgen, zumindest im Süßwassergebiet der Sümpfe."
Storm starrte ihn immer noch verblüfft an, wußte offensichtlich kein Wort darauf zu wechseln.
„Das dürfte ja relativ einfach werden", bemerkte O'Neill. „Dennoch bleibt die Frage, warum sollten offenbar angesehene Genetiker plötzlich zu Serienkillern werden? Das ergibt doch keinen Sinn!"
„Über Jack the Ripper kursiert auch immer noch das Gerücht, es sei ein Mitglied der königlichen Familie gewesen", entgegnete John trocken, klopfte wieder mit dem Finger auf die Analyse. „Kieselalgen, das hat Vashtu mir einmal erklärt, haben ganz spezifische Eigenschaften, je nachdem, wo sie vorkommen. Daher kann man sie sehr gut identifizieren. Wir müssen also nur noch herausfinden, welches Gewässer innerhalb der Everglades diese speziellen Algen enthält, das ganze mit möglichen Kliniken abgleichen und wir haben die Verdächtigen."
Plötzlich fühlte er eine gewisse Hochstimmung in sich. Vielleicht hatte er ja wirklich den Fall gelöst. Er hoffte es zumindest.
Makepieces Funkgerät meldete sich, woraufhin der sich abwandte, um das Gespräch in Ruhe zu führen.
„Hört sich bis hierher stimmig an", bemerkte Ellis am Bildschirm.
O'Neill hatte die Lippen geschürzt und dachte offensichtlich nach.
„Wenn Colonel Uruhk tatsächlich in dieser Klinik ist, wo auch immer die sein mag, wie holen wir sie da heraus, ohne Aufsehen zu erregen?" bemerkte Storm. „Privatkliniken haben meist das eine oder andere Problem: Sie sind zu gut ausgestattet, sicherheitstechnisch gesehen."
„Wir sollten erst einmal nachprüfen, ob das wirklich eine Möglichkeit ist, der wir nachgehen sollten", mahnte O'Neill an. „Wie lange dauerte es bis jetzt immer mit dem Auffinden der Leichen?"
„Etwa eine Woche, zwischen fünf und sieben Tagen", antwortete Storm sofort. „Nur die letzte, eine gewisse Julie Bryant, war wohl erst seit drei Tagen verschwunden, zumindest wurde eine vorläufige Anzeige drei Tage vor dem Auffinden ihrer Leiche gestellt."
„Wir haben ein Problem mit den Asgard-Transportern", meldete Makepiece in diesem Moment und wandte sich an Ellis: „Colonel, Sie sollten Ihre auch kontrollieren. Wie es aussieht, sind das die ersten Ausläufer eines großen Sonnensturmes. Und das bedeutet, wollen Sie wieder auf die Erde zurück, müssen Sie das mit 302ern tun, Sir. Die Transporter sind bis auf weiteres außer Betrieb gesetzt."
John betete im Stillen, daß sie noch rechtzeitig kommen würden, um Vashtu zu retten. Er war sich sicher, sie würden sie dort finden, in dieser namenlosen Privatklinik, die von Genelab betrieben wurde ...

***

Mike schloß so leise wie möglich die Tür hinter sich und seufzte.
Endlich!
Die letzten Tage hatte er erst damit verbracht, sich mit dem Gebäudekomplex vertraut zu machen, ehe er dann dazu überging, gezielt Zimmer 113 in Angriff zu nehmen. Etwas, was sich allerdings als einiges schwieriger erwiesen hatte als er zunächst annahm. Erst einmal lag Zimmer 113 in einem abgelegenen Seitenflügel, in den sich kaum je jemand verirrte, dann war der Raum durch Kameras abgesichert, von denen Julie ihm nie etwas erzählt hatte. Und schließlich und endlich hatten die letzten zwei Tage zwei Typen quasi Vierundzwanzig-Stunden-Schichten geschoben und den Raum so gut wie nie verlassen. Tatsächlich hatte sich erst jetzt die Möglichkeit geboten, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.
Mike drückte einen Moment lang seine Stirn gegen die kühle Tür und betete, daß er Julie halbwegs unversehrt finden würde, sobald er sich umdrehte und die Augen öffnete. Was auch immer er ihr früher angetan hatte, sie war immer zu ihm zurückgekommen - und irgendwann einmal war ihm aufgegangen, daß sie ihn liebte, und daß er sie dafür liebte, daß sie all das auf sich nahm, trotz seiner Aggression.
Ein regelmäßiges Piepen durchbrach seine Gedanken, gefolgt von einem ebenso regelmäßigen pumpenden Geräusch.
Er hatte zu Anfang mit dem Personal gesprochen, um vielleicht etwas herauszufinden. Aber keine der Pflege- oder Reinigungskräfte wußte, was sich hinter der Tür von Zimmer 113 verbarg. Es gab wilde Gerüchte. Spekulationen über Forschungen an verbotenen Virenstämmen, mittels Gentechnik gezüchtete Mutanten oder einfach nur einem Spleen der beiden Gesellschafter. Letztendlich aber wußte niemand, WAS sich genau hinter der Tür verbarg.
Und nun war er endlich soweit vorgedrungen, in der Hoffnung, Julie wiederzufinden, sie zu retten und ihr einmal zeigen zu können, daß ihre Anstrengungen, trotz der Gewalt bei ihm zu bleiben, nicht ganz vergebens waren.
Mike zögerte noch einen Atemzug, doch er wußte, er hatte nicht viel Zeit. Bald würde einer der beiden Herren Doktoren zurückkehren, und bis dahin mußte er erledigt haben, was er erledigen wollte.
Er drehte sich um und öffnete die Augen ... und bitter enttäuscht zu werden.
Ein einsames Bett stand an der Wand. Und in diesem Bett lag eine Gestalt. Eine Frau, soviel wurde ihm klar angesichts des, durch das Laken nur angedeuteten Körperbaus. Aber diese Frau war kleiner und schmaler als Julie, und sie hatte die falsche Haarfarbe: schwarz.
Die Fremde wand sich, ein unterdrückter Laut drang aus ihrer Kehle, wie auch immer ihr das gelungen war, denn ihr steckte offensichtlich ein Tubus in der Luftröhre.
Mike ging auf, daß die Frau sich wehrte, sie wand sich auf dem Bett, hatte den Kopf gehoben, soweit ihr das möglich war und versuchte offenbar allein mit den Augen mit ihm zu kommunizieren. Dunkelbraune Augen.
Er zögerte. Er wollte sich hier nicht in irgendeine notwendige Behandlung einmischen, die dieser Fremden vielleicht das Leben kosten konnte. Andererseits aber wußte sie vielleicht etwas von Julie und konnte ihm weiterhelfen.
Mit einem lauten Ratschen gab der erste Gurt nach, eine Hand der Fremden tauchte unter dem Laken auf, tastete sofort nach dem Beatmungsschlauch.
„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das tun sollten ..." wandte Mike sich an sie. Als Antwort erntete er einen ungeduldigen Blick, während sie weiter versuchte, sich die Maske, die den Beatmungsschlauch fixierte, abzunehmen. Irgendwie schien sie ihm bekannt, wenn er auch nicht recht sagen konnte, woher.
Krank sah sie eigentlich nicht aus ...
Mike gab sich endlich einen Ruck und trat an das Bett. „Wir haben leider nicht viel Zeit", sagte er, schlug das Laken zur Seite und öffnete den zweiten Gurt. Das Handgelenk, das darunter zum Vorschein kam, war blutig gescheuert.
Mit beiden Händen gelang es der Fremden endlich, die Maske zu lösen, während sie es ihm überließ, auch ihre Knöchel aus den Fixierungsfesseln zu befreien. Sie rollte sich, so gut es ging, zur Seite und zog an dem Schlauch in ihrem Hals.
Mike wandte sich ab und öffnete die restlichen Gurte, während er dem röchelnden Husten lauschte, das sie ausstieß, als sie sich den Tubus selbst zog. Er biß sich auf die Lippen und blickte wieder hoch, während sie sich keuchend vornüberlehnte und einfach nur atmete.
„Kennen Sie vielleicht Julie? Wissen Sie, was mit ihr passiert ist?" platzte es plötzlich aus ihm heraus.
Die Fremde schluckte sichtbar, drehte dann langsam den Kopf und sah ihn an. „John ... ?" flüsterte sie heiser.

***

„Es ist die DNA dieser Lt. Colonel Uruhk." Mit diesen Worten betrat Calleigh den Raum, ließ eine Akte auf den polierten Tisch fallen und stieß diese an, bis sie hinüber zu Horacio rutschte. Der nahm sie und begann sofort begierig zu blättern.
„Wie dieser eigenartige dritte Genstrang in die Probe gelangen konnte, weiß ich zwar immer noch nicht, aber es ist ihr Blut. Ich habe es mit den Eintragungen in den zugänglichen Teil ihrer Akte verglichen", fuhr die blonde Tatortermittlerin fort und kreuzte angriffslustig die Arme vor der Brust.
„Und unser Freund Sheridan ist verschwunden." Horacios Stimme klang dumpf, aber auch ein wenig triumphierend.
Calleigh runzelte die Stirn. „Die Kugel, mit der Miss Bryant getötet wurde, stammt aus einer 25er Automatik. Eine typische Damenwaffe für die Handtasche und bisher nicht aktenkundig. Sie wurde bisher noch nicht verwendet."
Horacio blickte auf. „25er werden nicht mehr hergestellt. Sie gehen zu leicht los", bemerkte er.
Calleigh nickte. „Und diese hier stammt definitiv nicht aus den USA, sonst hätten wir sie in der Kartei."
„Wie hat es zu dieser Verunreinigung der DNS kommen können?" kehrte Caine zum ersten Thema zurück.
„Das weiß ich nicht. Und ich mag es auch nicht, wenn du dich in meine Fälle einmischt, Horacio." Calleigh hob stolz das Kinn. „Du hast dich in eine Sache verrannt, und das nicht zum ersten Mal. Der Beach Killer wurde mir von dir zugeteilt, wenn ich dich daran erinnern darf. Und ich lasse es nicht zu, daß du meine Nachforschungen torpedierst."
Horacio las weiter wie unbeteiligt die Akte. „Sonst noch irgendeine Spur?" fragte er nach einer unendlich erscheinenden Zeit des Schweigens.
„Hast du mir überhaupt zugehört?" Calleigh riß die Augen auf und beugte sich leicht vor.
Horacio sah endlich auf. Sein Gesicht blieb ausdruckslos wie das eines Pokerspielers. „Ich habe dir zugehört. Aber ich werde mich jetzt nicht aus den Ermittlungen zurückziehen. Wir haben im Moment ein bißchen Luft. Was ist mit diesen Pflanzenspuren, die ihr in den Reifenabdrücken gefunden habt?"
Calleigh japste einmal kurz nach Luft, dann starrte sie ihren Vorgesetzten herausfordernd an. „Kieselalgen", antwortete sie einsilbig.
„Kontrolliert ihr bereits, woher sie stammen könnten?"
„Everglades, im Reservat."
Horacio Caine hob den Kopf, ein kühles Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Interessant ..."
„Halt dich da heraus, ich warne dich zum letzten Mal." Calleigh richtete sich wieder auf, ließ die Arme jetzt aber locker an den Seiten ihres Körpers hängen.
„Sheridan ist als Täter draußen. Der macht sich fast in die Hose, wenn er in die Sümpfe soll." Wieder erschien dieses kalte Lächeln auf seinen Lippen. „Aber da war doch diese Konferenz, an der unser verschwundener Colonel teilgenommen hat ..."
„Das Genetiker-Treffen im Tagungszentrum, ich weiß."
„Vielleicht sollten wir uns da ein bißchen umhören. Ist nur so ein Gefühl, aber vielleicht ... Da draußen, in der Nähe des Casinos, stand doch das alte Tropenzentrum lange leer. Da ist doch letztes Jahr eine dieser Gen-Firmen eingezogen."
„Genelab. Ich habe Aktien von ihnen", antwortete Calleigh unwillig. „Was hast du vor?"
„Ich möchte mich nur erkundigen, ob Colonel Uruhk vielleicht irgendeine Verbindung zu Genelab hat und seit wann sie sich in Florida aufhält. Möglicherweise hat sie nur eine falsche Spur gelegt ..."
Calleigh fühlte sich wieder einmal überrumpelt, doch zumindest im Ansatz hatte Caine recht: Es gab da draußen, mitten im Sumpf, eine Klinik, und die wurde von Genelab betrieben, angeblich für weitere Forschungen, die man eben in Miami nicht durchführen konnte.
„Und noch eine interessante Tatsache", fuhr Horacio fort, „Julie Bryant war Krankenschwester."
„Ich werde das überprüfen." Calleigh zögerte, dann drehte sie sich aber doch um und verließ den Raum wieder, wenn auch mit deutlich gemischten Gefühlen.

***

Sie war wie willenlos hinter ihm hergestolpert, wenn sie auch nicht recht wußte warum. Ihr war eigentlich recht schnell klar gewesen, daß er nicht John war ... wobei sich die Frage stellte, WER John war. Spätestens als sein Handabdruck auf ihrer Wange prankte hatte sie gewußt, daß er nicht der war, für den sie ihn zunächst gehalten hatte.
Aber ... welche andere Wahl hatte sie? Wäre sie in dem Zimmer geblieben, wären diese beiden Schreckgespenster mit ihren Nadeln und Tupfern wieder gekommen und hätten, während sie sie damit drangsalierten, irgendwelches wirre Zeug geredet, mit dem sie nicht wirklich etwas anfangen konnte.
Sie hatte Schmerzen. In unregelmäßigen Abständen schien sich ihr Innerstes nach außen kehren zu wollen. Ihre Hände zitterten und kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn.
Diese Symptome sollten ihr bekannt sein, ging ihr auf, während sie ihm über eine Treppe nach unten folgte, sie sollte wissen, was mit ihr geschah und warum es so schnell ging. Andererseits ...
Sie strengte sich an, doch die Mauer in ihrem Kopf war immer noch da. Nichts ergab wirklich einen Sinn. Immer wieder blitzten plötzlich Gesichter, Orte, Handlungen auf, die sie aber nicht wirklich zusammenfügen konnte.
Die enge Treppe endete in einem düsteren, dreckigen Raum, der nach draußen in einen Kanal öffnete. Wasser schwappte träge und brackig gegen eine Betonkante. Und auf den wie ölig schimmernden Wellen schwamm ein eigenartiges Ding.
„Was ist das?" fragte sie leise, kreuzte wie haltsuchend die Arme vor der Brust.
„Ein Sumpfboot. Mann, was für eine Krücke bist du denn?" Die anfängliche Freundlichkeit des Mannes war momentan vollkommen verflogen.
Sie hielt es für besser, wenn sie ihn erst einmal nicht weiter behelligte, trat vorsichtig an die Kante heran und starrte in die Brühe hinunter.
Sie hatte Durst. Noch im Krankenzimmer hatte sie die ganze Karaffe Wasser leer getrunken, die auf einem der Labortische gestanden hatte. Aber viel brachte das nicht. Ihr Hals kratzte immer noch. Sie war sich auch ziemlich sicher, daß der Tubus nur einen gewissen Anteil an ihrem jetzigen Zustand hatte.
Langsam hockte sie sich hin, starrte auf ihr verschwommenes Spiegelbild hinunter. Was sie sah waren wenig mehr als immer wieder auseinanderbrechende Umrisse, doch plötzlich schien das Bild sich zu überlagern.

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Sie trat aus der Dusche hervor und griff sich ein Handtuch. Im Spiegel gegenüber waren wenig mehr als ihre Umrisse wahrnehmbar.
„Bist du soweit?" fragte eine Stimme von außerhalb des Raumes, ein leises Klopfen an der metallenen Tür. „O'Neill möchte anfangen, also beeil dich."
„Bin schon unterwegs", antwortete sie unternehmungslustig.
Heute war der Tag - heute war ihr Tag! Heute würde sie endlich den Lohn für all die Jahre Kampf, Schmerz und Angst erhalten. Heute war der Tag ihrer Beförderung ...
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Sie blinzelte.
Beförderung? Was für eine Beförderung? Wer war O'Neill?
Auf der Suche nach Antworten beugte sie sich weiter über die Kante, fühlte sich dann aber plötzlich unsanft zurückgerissen.
„Bist du lebensmüde?" herrschte er, der nicht John war, sie an. „In diesem Wasser da schwimmt alles mögliche giftige Zeug herum. Bakterien, fiese kleine Biester ... Möbiuse oder so."
„Amöben", kam die Antwort wie aufs Stichwort von ihr. Ungläubig riß sie daraufhin die Augen auf.
Woher wußte sie, was in diesem Wasser war? Wieso ... ?
Sein Blick fiel auf ihre Hände. Mit einer hilflosen Geste wandte er sich ab. „Oh Mann, ich hab mir einen Junkie aufgehalst!" stöhnte er.

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Marc Boyer beugte sich wie ein lauerndes Raubtier über sie. „Sie sind auf turkey, Major!" Seine Stimme klang vorwurfsvoll.
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Major, war sie das?
Sie fühlte hilflose Wut in sich und richtete sich wieder auf. „Ich bin kein Junkie!" herrschte sie ihn an.
Ein Dienstgrad kam ihr in den Sinn: Colonel.
Sie stolperte einen Schritt zurück und hielt sich mit beiden Händen die Schläfen, als könnten diese gleich von ihrem Schädel springen.
„Scheiße, wenn ich sage, daß du ein verdammter Junkie bist, dann bist du das", herrschte er sie an. „Sieh dich doch an! Du bist doch schon ganz grün! Und wegen sowas wie dir riskiere ich meinen Hals! Du weißt doch nicht einmal, wo Julie ist."

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„Sie haben sich ... verändert." Marc Boyer stand vor den Gittern und sah sie an.
Sie fühlte eine unbändige Wut in sich keimen und mußte einen wütenden Schrei unterdrücken. Hilflos ballte sie die Hände zu Fäusten, starrte auf ihre Arme hinunter. Deren Haut war fahl, leicht grünlich. Und in ihrer rechten Handfläche ...
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Ungläubig starrte sie auf ihre bloßen Arme hinunter, drehte dann langsam die rechte Hand, so daß sie deren Innenfläche betrachten konnte. Ein feiner Schmerz zuckte durch die Mitte, die Haut dort war leicht gerötet, während sie ansonsten ... einen leichten, grünlichen Schimmer hatte.
„Es beginnt ..." flüsterte sie, wußte selbst nicht genau, WAS begann. Aber sie fühlte, wie sie sich veränderte, wie da etwas an ihrem Bewußtsein kratzte, was sie nicht loslassen wollte.
Mit einem Ruck erhob sie sich wieder.
Irgendetwas mußte sie tun, irgendwie mußte sie aufhalten, was sich da in Gang gesetzt hatte.
„Und was jetzt?" Er klang hämisch.
Sie schluckte, drehte sich zur Treppe um und zögerte.
Nein, sie konnte nicht mehr zurück. Sie fühlte, was da oben geschehen war, war ohne ihre Einwilligung geschehen. Irgendetwas war vorher passiert. Irgendetwas, woran sie sich nicht mehr erinnerte. Verdammt! Sie wußte nicht einmal mehr ihren Namen.
Namen!
Sie drehte sich zu ihm herum. „Wie heißen Sie?"
Er sah aus wie John, nur wußte sie nicht wirklich, wer John war. Sie wußte nur, sie vertraute John. Er und sie ... und da war noch etwas.

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Große, braune Augen unter einem wirren, schwarzen Haarschopf sahen sie mitleidheischend an. Der kleine Mund zitterte, während sich die Arme ausstreckten.
„Mummy!"
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„Jordan ..."
„Was? Nein, ich heiße nicht Jordan. Damit du's weißt, ich bin Mike, Mike Sheridan. Merk dir das gut!"
Sie schüttelte den Kopf, preßte vor Anstrengung die Augen zusammen. „Jordan ist ... meine Tochter", sagte sie dann endlich. Unwillkürlich stieg ein Triumphgefühl in ihr auf.
Sie erinnerte sich! Sie erinnerte sich an ihr Kind!
Mike schien nach ihren letzten Worten wie erstarrt zu sein. Dann sog er scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. „Scheiße! Ich wußte doch, daß du mir bekannt vorkommst!"
Sie sah ihn an. Und wieder war da dieses Gefühl und der Name John wisperte in ihrem Geist.
Jordan und John, da war irgendetwas.
„Oh Mist!" Mike schlug mit der Faust auf die Luft ein und wandte sich ab. „Der Alptraum ist Realität!"
„Welcher Alptraum?" fragte sie.
Er drehte sich halb zu ihr um und musterte sie. „Wash, Ash, irgendwie so hat er dich genannt. Ist irgendetwas davon dein Name?"

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John beugte sich über sie, während seine Arme sie fest und sicher hielten. In seinen Augen stand Liebe zu lesen. Liebe für sie.
„Vash ..."
Ihre Lippen berührten sich zärtlich.
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„Ich ... ich weiß es nicht", gestand sie endlich und erntete einen ungläubigen Blick. Hilflos zog sie die Schultern hoch. „Ich kann mich nicht erinnern."
Mikes Kiefer mahlten, während er sie weiter musterte. Dann nickte er. „Okay, ich hab euch einmal beobachtet vor ein paar Tagen. Da war dieses Kind, du hast mit ihm gespielt. Dann war da noch ein junger Mann mit Brille und ... dieser ... Verdammt! Der Typ sah aus wie ich! Ich hab's für einen Alptraum gehalten ..."
Sie nickte. „Wo war das?"
Mike schüttelte ungläubig den Kopf. „Hälst du das für normal? Hallo! Dein Stecher sieht aus wie ich!"

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Sie sah Janus noch einen Moment lang mißtrauisch an, dann trat sie endlich an die Stasiskammer heran und senkte den Blick - um zu fühlen, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.
„John!"
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„Das ist schon einmal passiert." Sie schüttelte über sich selbst den Kopf.
Mike hatte recht, ging ihr auf. Sie sollte normalerweise viel aufgebrachter sein über das, was geschehen war. Aber ...
Ein schriller Ton dröhnte die Treppe hinunter.
„Was ist das?" fragte sie, den Kopf in den Nacken gelegt.
„Der Alarm. Mist, die haben gemerkt, daß du weg bist."
Sie trat näher an die Treppe heran und lauschte. Dann drehte sie sich herum. „Es kommt jemand."
Mike starrte sie an. „Red keinen Blödsinn, Schlampe! Ich hab mich hier die letzten zwei Tage versteckt. Hier kommt keiner runter!"
Doch dann erstarrte auch er, als er endlich die hastigen Schritte hörte und das Licht in der schmalen Treppenflucht aufleuchtete.
„Das Boot, schnell!" Sie griff nach ihm und zerrte ihn mit sich zu diesem eigentümlichen Wassergefährt hinüber.
Diese Männer durften sie nicht wieder einfangen, das war ihr schlagartig klar geworden. Irgendetwas stimmte mit ihr nicht, aber nicht so, wie Mike es vielleicht glaubte.
Sie schwang sich auf den Hochsitz, der auf dem flachen Rumpf befestigt war, fand den Hebel für die Treibstoffzufuhr wie blind, drückte dann einen grünen Knopf.
Mit einem lauten Rattern und Stottern erwachte das eigenartige Wasserfahrzeug zum Leben, gerade als Mike das Seil, mit dem das Boot festgemacht gewesen war, gelöst hatte und seinerseits hineinkletterte.
„Hinsetzen!" befahl sie scharf, nachdem sie begriffen hatte, wie die Steuerung funktionierte. Irgendwie erinnerte das ganze sie an ein Leichtflugzeug, wie sie es einmal in einem Urlaub geflogen hatte.
Keine Erinnerungen jetzt, rief sie sich zur Ordnung und ließ das Boot auf das brackige Wasser hinausfahren.
Keine Sekunde zu früh, denn über den Krach des Motors und des Propellers hinweg hörte sie das dumpfe Bellen zweier Pistolen und duckte sich unwillkürlich.
„Ich komme zurück, Jordan, John ..." flüsterte sie, auch wenn ihre Stimme vom Lärm des Fahrzeugs komplett geschluckt wurde.

TBC ...

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