06.07.2010

Das Angesicht des Feindes 4/4 II

Sie spürte Frederics fragenden Blick auf sich, als sie, dem anderen Jumper mit Markham am Steuer folgend, durch die Schleuse den Jägerhangar der Prometheus anflog. Sie kniff die Lippen fest aufeinander und starrte stur vor sich hin.
Laut Cornyr fehlten von seinen Leuten sechs, wie er selbst fand eine erträgliche Zahl. Was sie aber eingebüßt hatte ... Fünfzehn Männer, darunter Wallace und Babbis, waren von den Devi fortgerissen worden. Von der ursprünglichen Crew, die Pendergast ihr zugestanden hatte, waren nur sie, Frederics, Leigh und Markham geblieben.
"Mam?" fragte der junge Marine jetzt.
Sie reagierte nicht darauf, starrte weiter stur geradeaus und ließ den Jumper sanft landen. Dann atmete sie tief ein, als sie sah, wer da, umgeben von Marines, mitten im Hangar stand.
Pendergast!
Sie stöhnte leise auf, ließ dann die Heckluke herunterfahren und erhob sich.
"Mam, der Colonel ... Die Erethianer ... ?" Frederics warf ihr einen hilflosen Blick zu, während die Menschen, die sie hatte einsammeln lassen, mit großen, staunenden Augen den Jumper verließen. Sie beobachtete sie dabei und fühlte sich bestätigt, wenn auch nicht einen Deut besser.
"Wir konnten sie nicht da unten lassen. Die Devi wären wieder gekommen, sobald wir verschwunden wären", sagte sie schließlich. Doch selbst in ihren Ohren klang es eigentlich eher wie eine lahme Entschuldigung.
Frederics warf ihr einen zweifelnden Blick zu.
"Ich weiß, was ich tue", knurrte sie, versuchte zumindest etwas von ihrer Entschlossenheit wieder zusammenzukratzen.
Cornyr drehte sich zu ihr um und nickte ihr zu. „Wir sind dir sehr dankbar, Major Uruhk", sagte er dann, ehe er ebenfalls den Jumper verließ.
Vashtu warf ihm einen skeptischen Blick zu, den der Alte aber schon nicht mehr wahrnahm. Dann straffte sie die Schultern. „Besser wird es nicht mehr, was, Lieutenant?" Sie brachte irgendwie eine zerknirschtes Lächeln zu stande.
"Soll ich ... ?" Frederics wies auf die Rampe.
Vashtu nickte nur stumm und ließ ihm damit den Vortritt.
Wenn sie genau sein wollte, sie hätte auf die nun kommende Konfrontation mehr als nur verzichten können. Sie fragte sich ohnehin, warum Pendergast es nicht dabei hatte bewenden lassen, sondern ihr auch noch Männer nachgeschickt hatte, die den Devi erst recht in die Falle gelaufen waren.
Aber das würde sie wohl nicht erfahren, solange sie sich dem Colonel nicht stellte, sagte sie sich seufzend und trat auf die Rampe.
"Major Uruhk!" begrüßte Pendergast sie mit schneidender Stimme.
Vashtu atmete einige Male tief ein, sah sich kurz um.
Die Erethianer hatten sich alle zwischen den beiden Jumpern versammelt, die mageren Reste ihres und des Rettungsteams standen bei Markham zusammen und sahen sie groß an. Jetzt lag es an ihr, ob sie es überlebte oder ...
Entschlossener als sie sich fühlte, marschierte sie an den wartenden Menschen vorbei auf Pendergast zu. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie dabei eine dritte Gruppe, die offenbar gerade den Hangar betreten hatte. Ein Teil der Crew aus Atlantis. Dr. Anne Stross stand in der vordersten Reihe und lächelte ihr zu.
Vashtu nickte unmerklich, trat dann Pendergast endlich entgegen und grüßte. „Sir?"
Pendergast starrte sie mit seinen kalten Augen an. Dabei wirkte er ansonsten recht sympatisch, solange er niemanden ansah oder den Mund aufmachte. Und bei dem, was er jetzt sicherlich vorbringen würde, hatte er zum guten Teil sogar recht, wie sie sich leider selbst sagen mußte.
"Wer sind diese Menschen?" Der Colonel wies mit der Hand auf die Erethianer.
Vashtu sah ihn an. Noch hatte er ihr wieder den Gruß nicht abgenommen. Er liebte es, sie auf diese Weise ein wenig zu quälen, und das wußte auch sie. Doch sie würde sich nicht von ihm kleinkriegen lassen, auch wenn ihr wundervoller Plan vor kurzer Zeit in Trümmer gelegt worden war.
"Sie nennen sich Erethianer, Sir", antwortete sie. „Sie sind ... waren ein Teil der Bewohner des Planeten. Es erschien mir nach den jüngsten Ereignissen sinnvoller, sie mitzunehmen."
"Ist die Prometheus Ihrer Meinung nach noch nicht voll genug?" Pendergasts Stimme wurde leise bei diesen Worten.
"Es ist nur vorübergehend, Sir, bis die Devi eliminiert sind, Sir", antwortete sie.
Der Colonel trat näher, starrte sie an. „Die Devi?" fragte er mit einem drohenden Unterton in der Stimme.
"Ja, Sir, die Devi. Die Angreifer, Sir." Sie erwiderte seinen Blick angespannt.
Wie lange wollte er sein Spielchen mit ihr noch durchziehen?
Pendergast nickte. „Die Angreifer also", wiederholte er, begann sie zu umrunden. „Und wer sagt Ihnen, daß diese Devi die Aggressoren sind? Immerhin könnten es auch diese Leute da hinten sein, die ... nun, die für das Chaos verantwortlich sind, das da gerade geschehen ist. Sie waren ja nicht an Ort und Stelle, Major, oder irre ich mich? Hatten Sie die Lage überhaupt im Griff? Meines Wissens war es Lieutenant Frederics, der um Hilfe verlangt hat, während Sie sich mit einem dieser Erethianer in den Wald geschlagen haben und nicht erreichbar waren."
"Ich habe Lieutenant Frederics die Anweisung gegeben, sich an Sie zu wenden, Sir", antwortete sie. Und, zumindest im Nachhinein, stimmte diese Aussage sogar. Frederics hatte sie zwar nicht sofort erreichen können, sich ihre Versicherung aber so bald wie möglich nachgeholt.
"Und warum haben Sie das nicht selbst getan, Major?" Pendergast blieb wieder vor ihr stehen, versuchte erneut, sie niederzustarren.
"Weil ich nicht vor Ort war, Sir", antwortete sie. „Man wollte mir etwas zeigen, was vielleicht wichtig wäre für uns, Sir. Allerdings nur mir allein. Ich gab meinen Männern die Anweisung, die Jumper ins Dorf zu fliegen und die Menschen dort in Sicherheit zu bringen. Offenbar ... kamen sie zu spät."
Der Colonel beugte sich über sie, starrte sie immer noch mit zornblitzenden Augen an. „Sie hatten Ihre Expedition also nicht im Griff, richtig?"
Vashtu schluckte, senkte kurz den Blick, um dann zu nicken. „So sieht es aus, Sir. Ja."
Von der Seite, wo die zurückkehrten Männer des Trupps sich aufhielten, kam leises Getuschel. Doch auch sie würden nichts an der Tatsache ändern können.
Sie hatte die Devi vielleicht sogar auf sie aufmerksam gemacht. Laut Danea konnten diese Hybridwesen sie spüren, ähnlich wie auch die Wraith sie spüren konnten. Sie selbst hatte die Devi ja wahrgenommen, ehe sie auftauchten. Und statt im Dorf geblieben zu sein, war sie allein losgezogen und hatte ihre Männer sich selbst überlassen. Wie auch immer sie die Probleme auch hätte anders lösen können, sie war die Schuldige an dem Debakel auf dem Planeten. Einundzwanzig Leben waren dank ihr in Gefahr oder vielleicht sogar schon ausgelöscht.
"Stehen Sie bequem, Major." Pendergast richtete sich befriedigt wieder auf und lächelte. „Und falls Sie noch irgendetwas geplant haben sollten, Major, lassen Sie es. Sie haben mehr als deutlich bewiesen, daß Sie offensichtlich nicht fähig sind, ein Team zu führen, das aus mehr als ein paar Wissenschaftlern besteht, die Sie hin- und herscheuchen können, wie es Ihnen paßt. Sie sind bis auf weiteres außer Dienst gestellt, Major. Und Sie sollten sich sehr genau überlegen, wem Sie von jetzt an folgen sollten." Damit wandte er sich ab.
Vashtu starrte ihm nach, blinzelte verständnislos, dann holte sie tief Atem und rief ihm nach: „Und die Erethianer?"
"Das ist Ihr Problem, Major. Sie haben diese Menschen hier angeschleppt. Aber Sie werden sie von allen wichtigen Gerätschaften und Technologien fernhalten, haben Sie verstanden?"
"Aber ..."
Pendergast drehte sich wieder zu ihr um und funkelte sie an. „Dank Ihnen habe ich mehr als ein Dutzend Männer verloren, Major! Sie haben auf eklatante Weise versagt bei Ihrer ach so einfachen Mission. Die Prometheus hängt immer noch ohne Antrieb im All, und jetzt haben wir offensichtlich auch noch einen Feind, dessen Technologie vielleicht sogar der unseren ebenbürtig ist. Ich an Ihrer Stelle würde für die nächste Zeit sehr schweigsam sein, Major, mehr als schweigsam! Und ich würde jedem einzelnen Befehl folgen, den man Ihnen gibt."
Aus den Augenwinkeln sah sie, daß die Atlanter inzwischen den Hangar wieder verlassen hatten, fühlte sich plötzlich noch einsamer als bisher.
"Wir könnten sie vielleicht zurückholen, Sir!" versuchte sie einen letzten, verzweifelten Versuch. Sie ließ nie jemanden zurück, nie! Nicht, solange die Aussicht bestand, daß vielleicht noch jemand am Leben war.
Pendergast trat einige Schritte auf sie zu, funkelte sie wütend an. „Sie werden überhaupt gar nichts unternehmen, Major, haben Sie das verstanden? Und auch sonst niemand! Wir können es uns nicht leisten, uns noch mehr Feinde zu machen, schon gar nicht hier. Und sollte mir auch nur den Hauch eines Gerüchtes über eine von wem auch immer geplante Rettungsmission zu Ohren kommen, werfe ich Sie eigenhändig in die Brick! Sie haben genug Chaos angerichtet, Major, mehr als genug! Und jetzt können Sie wegtreten."

***

"Na, Kleines, besuchst du einen alten Mann?" Sergeant George Dorn rappelte sich auf die Ellenbogen und lächelte sie an.
Vashtu schob sich brütend einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Dabei fiel ihr Blick unwillkürlich auf die Stelle unter der dünnen Decke, an der eigentlich das linke Bein des alternden Marine hätte sein sollen. Der Stumpf hatte sich etwas gehoben, eine unwillkürliche Reaktion der verbliebenen Muskeln bei seiner Bewegung. Jetzt sank er wie in Zeitlupe wieder herab.
Vashtu stieg bittere Galle in den Mund. Sie senkte den Kopf und stützte die Stirn auf die Hände.
Dorn beugte sich vor. Seine Hand berührte sanft ihre Schulter. „Hey, Kleine, du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Wirklich nicht", sagte er sanft.
Pendergast hatte sie nach allen Regeln der Kunst zusammengefaltet. Und sie mußte ihm recht geben. Sie hatte Fehler begangen bei ihrer Mission. Viel zu viele Fehler, damit angefangen, daß sie ihr Team aufgeteilt, bis zu der Tatsache, daß sie insgesamt mehr als ein Dutzend Männer verloren hatte an die Devi. Aber das schlimmste von allem war die Tatsache, daß auch ihre letzten beiden Teammitglieder dem unverhofften Feind in die Hände gefallen waren.
Vashtu stöhnte in einer tiefen Qual auf, vergrub das Gesicht in den Händen.
Sie hatte sich einfach keinen anderen Rat gewußt. Sie hatte nicht wirklich herkommen wollen, denn schließlich machte sie sich auch noch Vorwürfe darüber, daß Dorn sein Bein verloren hatte. Aber sonst war niemand mehr auf der Prometheus, dem sie wirklich vertraute.
All ihre Hoffnung war zerstoben. Das Stargate von Vineta war damals zerstört worden, das wußte sie aus den Berichten, die sie in Antarktica gelesen hatte. Was auch immer die Detektoren aufgefangen hatten, es konnte ebensogut aus der Devi-Stadt gekommen sein. Und sie wollte gar nicht wissen, was diese noch aushecken mochten.
"Hey, was ist denn, mh?" Dorn hatte sich aufgerichtet und strich mit einer Hand über ihre Schulter.
"Ich habe alles falsch gemacht!" seufzte sie endlich, in der Hoffnung, ihr würde es dann ein bißchen besser gehen. Doch es war eher das Gegenteil der Fall.
Die Hand des Marines knetete rhythmisch ihre Schulter. „Was willst du denn falsch gemacht haben, Vash?" fragte er sanft. „Soweit ich weiß, hast du bis jetzt alles richtig gemacht."
Kopfschüttelnd sah sie auf, ließ die Hände sinken. Ein bitteres Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Gar nichts habe ich richtig gemacht, George!" entfuhr es ihr wie ein heftiger Schluchzer. Verzweifelt runzelte sie die Stirn. „Ich war auf dem Planeten unten. Aber statt einen Weg nach Hause habe ich alte Feinde gefunden. Und die haben jetzt auch noch Peter und Wallace!" Jetzt schluchzte sie wirklich, wenn auch trocken. Tränen wollten einfach nicht kommen, auch wenn ihre Augen brannten.
Dorn sah sie nachdenklich an, sog die Wangen ein. „Was für Feinde?" fragte er nach einer kleinen Weile.
Sie biß die Lippen fest aufeinander und senkte den Kopf, um das nervöse Kneten ihrer Finger zu beobachten, die ihre Hände gegenseitig bearbeiteten. „Die Devi", flüsterte sie schließlich. „Wir sind in der Galaxie von Vineta." Sie spürte immer noch seinen auffordernden Blick auf sich, und sie wußte, was er damit fragen wollte.
Ihrem Team gegenüber hatte sie nur rudimentär ein paar winzige Details des ganzen Chaos weitergegeben, einschließlich Dorn. Selbst der Psychologe Mackenzie, der sie unter so harten Druck gesetzt hatte, bis fast alle ihre Barrieren gesprengt waren, hatte dieses letzte Geheimnis nicht aus ihr herausbekommen. Und das aus gutem Grund!
Aber jetzt und hier brauchte sie Hilfe. Sie brauchte jemandem, dem sie sich anvertrauen konnte ohne befürchten zu müssen, daß ihr Geständnis an Pendergast weitergegeben wurde.
Sie atmete tief ein, hielt den Blick gesenkt. „Vineta war eine geheime Forschungseinrichtung meines Volkes, so streng geheim, daß nur die, die hier lebten und arbeiteten und der Rat von Atlantis etwas davon wußten. Hier sollte an einer Waffe gegen die Wraith geforscht werden." Sie schloß die Augen. Aus ihrem Geist stiegen die Erinnerungen auf, die sie inzwischen seit knapp einem halben Jahr mit sich herumschleppte. „Nach ... meinem Selbstversuch beschlagnahmte der Rat meine Forschungsergebnisse, soweit ich sie nicht in einem geheimen Kristall gespeichert hatte. Man leitete meine Berichte an Vineta weiter. Und ..." Sie stockte, blickte jetzt doch auf. „George, das habe ich noch niemandem außer John erzählt. Und selbst er ... konnte es nicht wirklich verstehen!"
Dorn sah sie ernst an. „Die Forscher von Vineta benutzten deine Ergebnisse, um? Sie haben irgendetwas ausgelöst, richtig?" fragte er schließlich.
Sie starrte ihn einen Moment lang an, dann nickte sie. „Mit Hilfe meiner Forschungen gelang es ihnen, eine Hybridrasse zu züchten: die Devi. Doch die wandten sich sehr schnell gegen mein Volk und merzten es so gut wie aus in dieser Galaxie. Vineta ging unter, an seiner eigenen Überheblichkeit und meiner Arbeit."
Dorn schüttelte den Kopf. „Nicht wegen deiner Arbeit, Kleines", entgegnete er mit sehr sanfter Stimme. „Sie hatten es nicht unter Kontrolle und die Folgen nicht wirklich bedacht. Du hast ihnen nur einen Hinweis gegeben."
Wenn es doch so einfach wäre! Vashtu wünschte sich nichts mehr als das. Aber die Tatsachen sahen nun einmal anders aus. Wäre sie nicht gewesen und hätte die Fehler in den Forschungen ihres Vaters berichtigt, hätte Vineta vielleicht noch Jahrhunderte Bestand gehabt. Sie hatte dafür gesorgt, daß die Stadt und ihr Volk in dieser Galaxie vernichtet wurden.
"Du hast dieses Vineta gefunden", fuhr Dorn fort. „Und jetzt fühlst du dich erst recht schuldig. Aber das ist falsch. Du hast nichts daran ändern können, daß Merlin und sein Pack deine Arbeit an sich rissen. Mackenzie hat doch darüber mit dir gesprochen, das hast du mir erzählt."
"Aber das ist etwas anderes!" entfuhr es ihr lauter als sie wollte.
Dorn lächelte, klopfte ihr auf den Arm. „So mag ich mein Mädchen!" lobte er sie, als sei sie wirklich seine Tochter. Und, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, sie wünschte sich nichts mehr als das.
"Du hast also diese Hybridrasse getroffen. Sie leben, seit zehntausend Jahren?, hier", faßte der Marine mit ruhiger, tiefer Stimme zusammen.
Vashtu nickte stumm.
"Sie haben dich angegriffen", fuhr er fort.
"Mit Peter und Wallace sind allein von der Mannschaft der Prometheus fünfzehn Leute verschwunden", sagte sie leise, runzelte wieder die Stirn und schüttelte verzweifelt den Kopf. „Nicht mitgerechnet die, die die Erethianer verloren haben."
"Erethianer?" Dorn musterte sie fragend.
"Die Bewohner des Planeten."
Dorn nickte. „Und der Rest?"<
"Die sind hier. Ich habe mich nicht getraut, sie unten auf dem Planeten zu lassen. Die Devi hätten bestimmt einen zweiten Angriff gestartet, sobald wir wieder in der Prometheus waren."
"Gut." Er lächelte, wieder in seine Einsilbigkeit zurückfallend.
Das war allerdings nur ein schwacher Trost. Sie hatte vielleicht vierzig Leuten das Leben gerettet, aber sie wußte nicht, wieviele die Devi hatten vorher einfangen können. Laut Danea rotteten diese fremdartigen Wesen eine Rasse nach der anderen aus.
"Weißt du, wo die Gefangenen sind?" fragte Dorn.
Vashtu zuckte mit den Schultern. Dann fiel ihr diese eigenartige Stadt am Hang wieder ein, die sie kurz gesehen hatte, ehe Danea ihr Vineta zeigte. „Ich schätze, sie werden sie in ihre Stadt gebracht haben", antwortete sie zögernd.
"Und du weißt, wo die ist?" bohrte Dorn weiter, sah ihr jetzt tief in die Augen.
Vashtu starrte den Marine groß an, als sie begriff, was er ihr eigentlich sagen wollte. Dann schüttelte sie vehement den Kopf. „Oh nein, George! Pendergast hat eine Rettungsmission untersagt, erst recht wenn ich daran beteiligt bin. Ihm wird es egal sein, ob ein paar von seinen Männern draufgehen, Peter und Wallace sind ihm sowieso gleichgültig."
"Wie ist das Motto?" fragte er und begann zu grinsen.
Vashtu wandte sich ab. „Was du da von mir verlangst, kann mich in die Brick bringen, George. Das ist klare Befehlsverweigerung. Und diesmal hätte ich nicht gegen ein Weichei wie Caldwell anzutreten. Pendergast ist eine ganz andere Liga!"
"Wie lautet das Motto, Kleines?"
Vashtu biß sich auf die Lippen, senkte dann den Kopf wieder und seufzte. „Wir lassen nie jemandem zurück."
"Dann tu es auch nicht!" Ein leises Knarren verriet ihr, daß er sich zurücklehnte.
"Das kann ich nicht, George! Ich bin noch neu auf diesem Schiff, ich habe keinen Fürsprecher und bin nicht im Team - dafür sorgt Pendergast schon allein", begehrte sie auf.
Dorn sah sie mit hochgezogenen Brauen an. „Du hast mehr Fürsprecher als du denkst, Vashtu", entgegnete er gelassen. „Und wenn du eine Rettungsmission durchziehen willst, wirst du ganz sicher auch andere finden, die dir helfen werden. Nur allein die Atlanter werden es tun wollen."
"Dafür brauche ich erfahrene Spezialisten!"
"Dann hol sie dir. Du kannst es!"
Vashtu schüttelte den Kopf, wurde dann auf sich nähernde Schritte aufmerksam und schielte unter ihren Ponyfransen hoch.
Die schlanke Gestalt mit dem freundlichen Gesicht von Dr. Grodin blieb vor Dorns Bett stehen, sah zu ihr hinunter. Seinen Blick wußte sie nicht recht zu deuten, doch es war klar, weswegen er gekommen war.
"Ich muß los." Sie seufzte und erhob sich. Mit einem bitteren Lächeln sah sie zu dem Marine hinunter.
"Major Uruhk, ich würde gern kurz mit Ihnen sprechen - allein", wandte Grodin sich unvermittelt an sie. Seine Aussprache verriet seine Herkunft sehr deutlich. Ein so glattes Englisch hörte sie selten.
Irritiert sah sie auf und blinzelte.
"Bitte?" Er hob den Arm in einer einladenden Geste.
"Mach es, Kleines. Du kannst es, glaube mir", verabschiedete Dorn sich mit einem Lächeln von ihr, drückte noch einmal ihre Hand.
Vashtu war verwirrt. Was wollte der Mediziner von ihr? Ihr wieder einmal predigen, daß sie seine Patienten nicht stören sollte? Dabei hatte sie doch versucht, so leise wie möglich zu sein.
Sie folgte Grodin in eine kleine Kabine, die er offenbar als ein Büro eingerichtet hatte. Ihr fiel sofort der kleine Springbrunnen in der Ecke auf, der ziemlich laut das Wasser plätschern ließ. Bisher hatte er das jedes Mal getan, wenn sie hergekommen war, fiel ihr ein.
Grodin setzte sich hinter den einfachen Tisch, den er benutzte, bot ihr den Besucherstuhl auf der anderen Seite an.
Stirnrunzelnd ließ Vashtu sich nieder und wartete.
Bisher hatte sie recht wenige Worte mit dem Mediziner gewechselt, einmal abgesehen von seinem doch recht vehementem Bestehen auf der Einhaltung der Besuchszeiten, die sie regelmäßig wegen ihres Dienstes verpaßte. Irgendwie hatte sie schon zu Anfang der Verdacht beschlichen, daß Pendergast sie bewußt von ihrem Team isolierte, ebenso wie er sie von der Atlantis-Crew und Teilen seines eigenen Personals fernhielt. Die Frage war nur, warum tat er das?
Grodin lehnte sich zurück, faltete die Hände und musterte sie aufmerksam. „Ich will keine langen Vorreden führen", begann er dann schließlich. „Ich habe vor zwei Tagen eine Anfrage des Colonel bekommen bezüglich Ihrer Untersuchungsergebnisse."
Vashtu zuckte mit den Schultern. „Und?" fragte sie.<
Als sie sich auf der Prometheus gemeldet hatte, hatte Pendergast darauf bestanden, daß sie sich von Grodin gründlich durchchecken ließ. Ein ganz normaler Vorgang, den sie auch aus Cheyenne-Mountain kannte.
Grodin hob leicht den Kopf und atmete tief ein. „Major, ich frage Sie ganz offen: Was soll ich dem Colonel in Bezug auf Ihre Blutwerte mitteilen? Die Wahrheit, oder ... ?" Er hob die Schultern, ließ sie dann wieder sinken.
Vashtus Augen weiteten sich, als sie begriff, was er damit sagen wollte.
Natürlich! Daran hatte sie nicht gedacht, nie! Es war so normal für sie geworden, daß ihr im SGC Blut abgenommen wurde nach jedem Fremdwelteinsatz, daß sie es schlicht vergessen hatte. Aber hier und jetzt konnte es überlebenswichtig für sie sein, daß Pendergast nichts von ihrem veränderten Genom erfuhr.
Grodin nickte verstehend, beugte sich vor und öffnete eine Akte, die auf seinem Schreibtisch lag. „Ich gehe davon aus, daß Sie eher letzteres wünschen, Major", sagte er, sah wieder auf und musterte sie aufmerksam. „Allerdings hätte ich, ehe ich irgendjemanden anlüge, gern selbst eine Erklärung. Was sind das für fremde Zellen? Und woher stammen sie?"
Ihr Geheimnis war verraten, und sie selbst hatte dafür gesorgt. Seit mehr als vierzehn Tagen hütete sie sich, irgendjemandem an Bord der Prometheus die ganze Wahrheit über sich zu erzählen. Und ausgerechnet schon am ersten hatte sie es selbst verraten.
"Ich ... Es war eine Gentherapie", antwortete sie stockend. „Aus diesem Grund bin ich, trotz der langen Zeit, die ich in Atlantis schlief, so jung geblieben. Ich habe diese Therapie selbst verfeinert in meiner Zeit, Doc, und ... sie mir schließlich auch selbst verabreicht."
Grodin nickte nachdenklich. „Und was sollte Ihnen das bringen?" erkundigte er sich.
Vashtu biß sich auf die Lippen. „Mein Vater hatte diese Therapie entwickelt. Ich verfeinerte sie nur und merzte die Fehler aus. Wir forschten an ... wir wollten einen Krieger gegen die Wraith, der sie mit ihren eigenen Waffen schlagen kann."
"Also tragen Sie Wraith-Zellen in sich." Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Vashtu nickte, wagte einen Blick unter ihren Ponyfransen hervor.
Grodin saß nachdenklich da und las offensichtlich noch einmal den Bericht. Dann nahm er das oberste Blatt aus der Akte und schob es ihr über den Schreibtisch zu. „Ich werde den Bericht austauschen, Major. Was mich angeht, haben Sie vollkommen normales Blut, wie jeder hier", entschied er endlich, hielt ihren Blick gefangen. „Und Sie werden ebenfalls darüber schweigen - es sei denn gegenüber Anne Stross. Sie sollte es wissen, Major. Immerhin hat sie sich, seit Ihrem unverhofften Eintreffen hier, für Sie eingesetzt. Ich kenne Sie noch nicht gut genug, um Sie wirklich beurteilen zu können. Aber ich traue Anne und ihrer Menschenkenntnis."
Vashtu verstand. „Sie gehören zur Atlantis-Crew!" entfuhr es ihr.
Grodin nickte. „Ich war der Chefarzt dort", berichtete er knapp. „Dr. Heisen, der Arzt der Prometheus, kam ums Leben, also wurde erst einmal ich hier eingesetzt." In seinem Gesicht zuckte es kurz, er neigte leicht den Kopf. „Anne meinte, daß Sie vielleicht die Antwort auf unsere Fragen und Gebete wären. Vielleicht hat sie recht, ich hoffe es zumindest. Keiner von uns will auf irgendeinem Felsbrocken ausgesetzt oder hier wie ein Gefangener gehalten werden - auch Sie nicht, wenn ich Ihr Handeln richtig beurteile." Er schloß die Akte wieder und lehnte sich zurück.
Vashtu wußte nicht, was sie sagen sollte. Zögernd streckte sie die Hand aus und nahm sich das Papier. Kurz überflog sie es, dann atmete sie tief ein und zerknüllte es in ihrer Hand, während sie die Augen schloß. „Danke, Doc", wisperte sie nach einer kleinen Weile.

TBC ...

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